LOTHAR BOSSLE
Hellmut Diwald - der Geschichtssoziologe zwischen den Fronten

Als die beiden geisteswissenschaftlich orientierten Soziologen Helmut Schoeck und Friedrich Tenbruck verstarben, wurden sie in Nachrufen als Außenseiter ihres Faches gewürdigt, weil sie in ihrem Denken niemals den Vorrang des Menschen vor den Inanspruchnahmen durch die soziale Struktur geopfert haben. Hannah Arendt hatte allerdings vor Jahren gerade auf diese ununterbrochene Traditionslinie europäischen Denkens seit Sokrates, Platon und Aristoteles verwiesen, die in vielen Variationen und Modulationen über das Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert erhalten geblieben war. Es sei ein Denken gewesen, das stets um den Vorrang des Menschen vor allen sozialen Einflüssen und Verflechtungen gekreist habe. Mit dieser personalen Denktradition habe Karl Marx jedoch gebrochen, indem ihm die Sozialstruktur wichtiger als der Mensch erschienen wäre. Seitdem hat in der Geschichtswissenschaft wie in der Soziologie die Auffassung einen modischen Anstrich erhalten, festgeschriebenen Tatsachen und Stukturen eine größere Wirkkraft auf den historischen Prozeß einzuräumen als der aufbrechenden Unverdrossenheit in der Natur des Menschen.

Wie Schoeck und Tenbruck als Soziologen war Hellmut Diwald unter den Historikern schon deswegen ein Außenseiter, weil für ihn entgegen einer weitverbreiteten professionellen Lust an Binnenbesichtigungen der Strom der Geschichte niemals bei den Konferenzen von Jalta und Potsdam am Ende war. Eine solche Offenheit gegenüber unvorhersehbaren Ereigniseinbrüchen kann man sich indessen als methodisches Instrument nur bewahren, wenn man über die scheinbar unbarmherzige Chronologie historischer Tatsachenabläufe - wie die Spaltung Deutschlands nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg und dem Ende des nationalsozialistischen Herrschaftssystems - nicht in eine zementierte Verzweiflung hineinfällt, die zur Grundlage einer festsitzenden Geschichtsauffassung zu werden vermag. Ein Historiker wie Hellmut Diwald

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wurde daher mit einer inneren Zwangsläufigkeit zu einem Geschichtssoziologen, da er sich vom eingeübten Methodenzwang in seinem Denken und in seinen historischen Erforschungen befreien konnte. Wer freilich wie er einen solchen unprofessionellen Wagemut aufbringt, verläßt die geheiligte Halle, in welcher die kollegiale Wohlgelittenheit ihre Herberge gefunden hat.

Anders als Oswald Spengler und Egon Friedell, zwei geniale Dilettanten der modernen Geschichtsdeutung, war Hellmut Diwald ein gelernter Historiker. Aber allein schon seine geistige Nähe und methodische Nachbarschaft zu Hans-Joachim Schoeps und Kurt Kluxen mußte die Erwartung nähren, daß er nicht im Schutzgehege des gerade zeitgenössischen historischen Denkens verbleiben würde. Dabei erfordert eine wissenschaftliche Leidenschaft ohnehin, über den säuberlich errichteten Zaunpfahl, den selbsternannte Methodenhüter dahingestellt haben, mehr als nur gelegentlich hinaus zu blicken. Diesen Mut muß eigentlich jeder Fachgelehrte aufbringen, der sich vor eine begrifflich gar nicht faßbare Wirklichkeit gestellt sieht. Unsere von Überraschungen und Widersprüchen ständig heimgesuchte Wirklichkeit folgt ja bis heute nicht einer Einteilung in fachwissenschaftliche Exklusivitäten und macht es daher theorieversessenen Methodenliebhabern sehr schwer.

Wie weit man sich eigentlich aus dem Fenster seines studierten Fachs hinauslehnt, wenn man sich mit unstillbarer Leidenschaft zur Erkenntnis der ganzen Wirklichkeit aufmacht, um auch noch die dahinter liegende Wahrheit zu erfassen, hat der in den zwanziger Jahren von der Rechtsgeschichte zur Soziologie übergewechselte Jude Eugen Rosenstock-Huessy durch das Selbstgeständnis bekundet, er sei voller Stolz - aber auch im Wissen um die damit verbundene Einsamkeit - ein »unreiner Denker«. Die Nagelprobe für die Legitimität eines solchen unreinen Denkens liegt nicht im Beifall oder Unmut von Kollegen, sondern schlichtweg an der Irrtumsquote. Denker denken für Denkende, das ist vielfach das Credo einer innerwissenschaftlichen Betriebsamkeit. Und zweifellos bleibt vom Irrtum frei, wer noch nicht einmal aus der Summe von Tatsachen eine Schlußfolgerung zieht.

Rosenstock-Huessy, als Denker und Gestalter zugleich, 1972 verstorben, könnte erst heute die Bestätigung dafür erhalten, daß er in seinem 1931 erschienenen Werk über Die europäischen Revolutionen und den Charakter der Nationen sowohl den Kommunismus als auch den Nationalsozialismus als Ausdrucksform einer totalitären Diktatur in zutreffender Weise dargestellt hat. Hellmut Diwald, der einsame Historiker, konnte noch - wenngleich auch nur drei Jahre - die Genugtuung erfahren, daß seine beharrliche Auffassung bestätigt wurde, wonach die Trennung Deutschlands in zwei Staaten mit unterschiedlicher geistiger und politischer Orientierung einfach nicht das letzte Wort zur deutschen Geschichte sein konnte.

Man nannte es eine für einen Historiker verbohrte Einseitigkeit, was doch nur sein leidenschaftlicher Einspruch gegen eine Neigung nicht nur außerhalb unseres Vaterlandes war, Deutschland und seine sudetendeutsche Heimat

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mit Kübeln an historischer Schuldhaftigkeit zu überschütten. In einer als werturteilsfrei dahingestellten Geschichtswissenschaft hätte eine solche Einseitigkeit eigentlich nicht vorkommen dürfen. Und für Diwald war es besonders schmerzlich gewesen, daß uns eine fabrizierte Interpretation der europäischen Geschichte von einer Macht aufgenötigt wurde, die in ihrem kriminellen Charakter der totalitären Diktatur des Nationalsozialismus in nichts nachgestanden hat. Diwald war kein Gesundbeter Hitlers, und er ließ darum auch keinen Zweifel daran, daß für ihn »der Führer« ein totalitärer Diktator war. Und auch die Schuld Hitlers am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zweifelte er nicht an. Sein Einspruch richtete sich nur gegen die verbreitete Auffassung, daß die Deutschen alle für die Verbrechen Hitlers und seines Systems durch die Teilung und seine sudetendeutschen Landsleute durch die Vertreibung büßen sollten.

Als Historiker, der nicht einfach Ereignisse zusammenzählt, sondern mit einem soziologischen Blick auf Systeme und Strukturen schaut, dabei wissend, daß ein Prinzip europäischen Gerechtigkeitssinnes den Vergleich zwischen verschiedenen Wirkmächten aushalten muß, konnte sich Hellmut Diwald an der Tatsache erregen, daß 1945 nur gegen Deutschland der Vorwurf erhoben wurde, es habe zwölf Jahre unter dem Bann eines verbrecherischen Regimes gestanden. Wer deshalb Diwald eines unverbesserlichen Chauvinismus bezichtigt, sollte sich einmal fragen, ob er diesen Vorwurf auch gegen Gustav Stolper erheben möchte, den Freund von Theodor Heuss, der als liberaler Reichstagsabgeordneter und Wirtschaftsfachmann ein hohes Ansehen in der Weimarer Republik gewonnen hatte, als Jude 1933 unser Vaterland verlassen mußte und als Mitglied der Hoover-Kommission 1945 durch das zertrümmerte Deutschland gefahren war und wesentlich dazu beitrug, daß die USA vom Morgenthau-Plan abließen. In seinem Buch Die deutsche Wirklichkeit, das 1949, zwei Jahre nach seinem Tod, in deutscher Sprache erschien, schreibt Stolper: »Die Nürnberger Prozesse, die im Hängen der Naziführer gipfelten (das sie hundertfach verdient hatten), stützten sich auf die Verletzung des Kellog-Pakts. (Mit der Anerkennung des Kellog-Pakts als zwingendes Recht, so versicherte Richter Jackson, ›steht und fällt‹ - die Anklage. ) Aber diese Anklage richtet sich nicht gegen die russischen Mitglieder des Gerichtshofes, obwohl jedermann (mit Einschluß der deutschen Angeklagten) wußte, daß Rußland nicht nur ein Mitverschworener in dem deutschen Angriff gegen Polen war, sondern im Winter 1939 seinen eigenen Angriffskrieg gegen Finnland geführt hatte, ganz zu schweigen von der Annexion der baltischen Republiken, die anzuerkennen sich die Vereinigten Staaten bis zum heutigen Tage weigern.« 1 Und empört stellt Gustav Stolper fest: »Aber niemand hat Herrn Wyschinski öffentlich gefragt, wieviele unschuldige Menschen er ums Leben gebracht hat.«

Stattdessen sollte Jahre später Herbert Wehner den Innenminister im Kabinett Adenauer, Dr. Gerhard Schröder, bezichtigen, er sei ein »Wyschin-

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ski«. Da sie die Macht besitzen, nehmen sich die Sieger wohl immer das Recht heraus, dem Besiegten die ihm zugedachte Gerechtigkeit zu verordnen. Erfolg im Sinne einer bewußseinsumprägenden Stabilisierung haben solche Indoktrinationen allerdings nie. Eine Beschreibung der bewußtseinsbildenden Prozesse im von 1945 bis 1990 geteilten Deutschland führt darum zu dem höchst einhelligen Ergebnis, daß sowohl die westlichen Umerziehungsbemühungen als auch die sowjetrussischen Schulungsabende das Bewußtsein der Deutschen in ihrer Mehrheit nicht beeinflussen konnten. Schon militärische Eroberungen eines fremden Staates führen zu Jahrhunderte anhaltenden Trotzhaltungen wie die eingefleischten Ängste der Polen vor einem russischen Imperialismus.

Und solche Umpolungen des nationalen Bewußtseins gelingen auch nicht, selbst wenn die Siegermächte über einheimische Hilfskräfte verfügen. Die Westmächte hatten dabei hervorragende deutsche Emigranten, die nach 1945 in den westlichen Besatzungszonen die Einübungen in demokratisches Handeln und Denken erleichtert haben. Waldemar von Knoeringen hielt in England Vorträge vor deutschen Kriegsgefangenen. Friedrich A. von der Heydte hat als kriegsgefangener Offizier vielen jungen Deutschen die Grundlagen des Völkerrechts und der politischen Soziologie vermittelt und hat ihnen die Wege zum akademischen Studium eröffnet. Aus den USA kehrten Arnold Bergstraesser, Carl J. Friedrich, Ernst Fraenkel, später Heinrich Brüning, Eric Voegelin und Eduard Heimann zurück. Aus dem Exil in der Türkei ging Alexander Rüstow auf einen Lehrstuhl der Universität Heidelberg. Zu ihnen traten bedeutende Wissenschaftler aus der inneren Emigration wie Theodor Litt, Eduard Spranger, Gerhard Möbus, Otto Stammer und Hans Peters, die in der ersten Phase der Nachkriegszeit der politischen Erziehung der Deutschen ein eigenes Profil zu geben vermochten.

In der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands war bei manchen Deutschen unmittelbar nach dem Zusammenbruch noch die Hoffnung vorhanden, daß keine Kontinuität von der nationalsozialistischen zur kommunistischen Diktatur entstehen könnte. Doch blieb die totalitäre Kontinuität das unausbleibliche Schicksal unter der Diktatur Ulbrichts und Honeckers. Der Unterschied zu Hitler bestand nur darin, daß sie eine von Moskau verliehene Macht besessen hatten.

Doch Symbole und Motive beider Diktaturen ließen keine Unterschiede zu. In seinem Notizbuch eines Philologen, einem Tagebuch, das er während seines inneren Exils in Dresden zwischen 1933 und 1945 schrieb und das er deshalb »LTI«, Lingua tertii Imperii - die Sprache des Dritten Reiches genannt hat, hebt Victor Klemperer die mythologisierte Rolle des Heroismus in der Sprache und im Gestus der nationalsozialistischen Selbstdarstellung hervor. Er schildert, wie er im Kino den Parademarsch der Marinewache sieht, die durch das Brandenburger Tor zieht: »Die Leute warfen die Beine, daß die Stiefelspitzen über die Nasenspitzen hinauszuschwingen schienen, und es war wieder ein

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einziger Schwung, wie ein einziges Bein, und es war in der Haltung all dieser Körper, nein: dieses einen Körpers eine so krampfhafte Anspannung, daß die Bewegung zu erstarren schien, wie die Gesichter schon erstarrt waren.« 2 -Ebenso hätte ein glänzender Beobachter die Maiaufmärsche der Nationalen Volksarmee und der Arbeitsbrigaden von Ulbricht und Honecker beschreiben können.

Damit wird recht anschaulich ein Wesenskern der totalitären Diktatur deutlich: sie präsentiert sich nicht nur durch die Gestalt der politischen Funktionäre, sondern auch durch ein militärisches Kraftmeiertum. Der Weg in der sowjetisch besetzten Zone nach 1945 war daher nicht einfach mit der Auswechselung der Helden des Krieges durch die Helden der Arbeit verbunden. Beide totalitäre Ideologien hatten ja nachweislich nur deshalb einen proletarischen Anfang, weil revolutionäre Bewegungen davon ausgehen müssen, daß sich hinter dem Vorwand, dem Arbeiter helfen zu wollen, am ehesten Machtgelüste verbergen lassen. In seiner so häßlichen wie nervösen Besprechung auf Hellmut Diwalds Geschichte der Deutschen wollte Eberhard Jäckel dieser soziologischen und sozialpsychologischen Ausgangslage totalitärer Bewegungen kein Gewicht beimessen. In der Manier eines Historikers, der seine politischen Glaubensbekenntnisse hinter dem Wandschirm wissenschaftlich unbestreitbarer Theorien verbirgt, schwingt er sich zu dem grundlosen Vorwurf auf: »Den Nationalsozialismus nennt Diwald ungeachtet aller Ergebnisse der Faschismusforschung und ohne Begriffsbestimmung ›eine radikal linke Bewegung‹, dazu ›geschichtsstolz und traditionsverhaftete« 3 Eine solche soziologische Analyse des Nationalsozialismus, wie sie Hellmut Diwald vornahm, kann indessen in wortwörtlicher Treue auf den Marxismus-Leninismus als Ideologie und Herrschaftssystem übertragen werden. Und auch über die Begriffsbestimmung, was Faschismus eigentlich ist, herrscht unter Soziologen und Historikern, die sich die methodische Offenheit zum unvoreingenommenen Vergleich erhalten haben, keinerlei Meinungsverschiedenheit.

Nach übereinstimmenden Urteilen ist der Faschismus eine revolutionäre Bewegung, die unter Ausschaltung der Verfassungsregeln einer pluralistischen Demokratie einen antiparlamentarischen und damit totalen Staat anstrebt. Faschismus ist die Einheit von Staat und Partei. Das galt in Deutschland von 1933 bis 1945, in Rußland von 1917 bis 1990, im vom Marxismus-Leninismus beherrschten Teil Deutschlands von 1945 bis 1989.

Obgleich Lenin 1917 außer einem Vakuum in Gestalt der ratlosen Regierung Kerenskij keine soziologischen oder theoretischen Bedingungen für seine Machtergreifung vorgefunden hatte, setzte er die Monopolherrschaft seiner Partei durch und fand, daß nun schon einmal die Avantgarde des Proletariats gesiegt habe. Das war gewiß noch nicht einmal der Ansatz zur Bildung einer proletarischen Wirklichkeit in Rußland, aber dafür eine attraktive Täuschungsformel für die Legitimität der Allmacht des Politbüros.

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Hitlers Bewegung hingegen blühte im Tummelfeld der Weimarer Republik auf, ohne daß eine Theorie eine längere Wartezeit bis zur Umsetzung gehabt hätte. Die Chance zur Durchsetzung erblickte er in der Synthese von Nationalismus und Sozialismus, deren Zauberkraft ja auch die Kommunisten überall dort vertraten, wo sie sich an der Macht befanden. In seinem Buch Anmerkungen zu Hitler führt Sebastian Haffner den Nationalismus als aufpeitschende Gesinnungshaltung bei Hitler auf die Einflüsse seiner Wiener Asyljahre zurück, während er die Aneignung des Sozialismus in der NSDAP durch folgende Begründung nach vollzieht: »Da man aber das, was hinter den linken Parteien stand, die Arbeiter, nicht abschaffen konnte, mußte man sie politisch für den Nationalsozialismus gewinnen,. . . man mußte ihr Sozialismus bieten, jedenfalls eine Art von Sozialismus, eben Nationalsozialismus.« 4

In den zwanziger Jahren, als die NSDAP mit ihrem Propagandaapparat in die Schwächen der Weimarer Demokratie hineinstieß - übrigens in einer zuweilen bemerkenswerten Kampfgemeinschaft mit den Kommunisten -, war die Sowjetunion als totalitäres System bereits eine Realität. Zwar hatte Max Weber noch 1917 die Machtergreifung Lenins wegen ihrer nicht im Leben verwurzelten Hohlheit als Karneval bezeichnet, aber ohne jahreszeitliche Begrenztheit von Fastnacht und Fastenzeit sollte dieser Karneval dann 73 Jahre dauern. Doch der Sieg des Faschismus in Italien 1922 und das Massensterben der Demokratien, die in der Folge des Ersten Weltkrieges entstanden waren, ließen damals schon die Befürchtung aufkommen, daß der Sowjetkommunismus nicht das einzige Jammertal des Totalitarismus im 20. Jahrhundert bleiben würde.

Zwei Jahre, bevor die totale Machtergreifung Hitlers erfolgte, hat Waldemar Gúrian in einer ersten soziologischen Studie über den Bolschewismus diese gemeinsame Sympathie des damaligen Zeitgeistes für eine Überwindung der Demokratie in die heute nahezu unglaubliche Feststellung zusammengepackt: »Ernst Jüngers prägnante Formel totalitäre Mobilmachung‹ und Carl Schmitts These von der Wendung zum totalen Staat, der die alte Trennung des 19. Jahrhunderts von Staat und Gesellschaft nicht mehr kenne, sind im bolschewistischen Reiche seit Jahren verwirklicht.« Und im Vergleich zu den seit 1922 in Italien vorherrschenden politischen Verhältnissen meint 1931 Waldemar Gúrian: »Der fascistische Staat ist lange nicht so total wie der bolschewistische.« 5

Verwundert möchte man sich die Augen reiben, wie es Faschismusforschern und intellektuellen Gesundbetern der totalitären Diktatur seit den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts gelungen war, um Lenin, Stalin, Ulbricht und Honecker den Mantel der politischen Unschuld zu legen, während das zweifellos verbrecherische System des Nationalsozialismus nur allein in seiner faschistischen Verderbtheit vorgeführt wurde. Und was Ernst Jünger und Carl Schmitt im Anblick des sowjetrussischen Systems als Bedrohung und Tendenz in ihrer Zeit erschien, wird ihnen auch heute noch als

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Steigbügelhalterdienst am Zustandekommen des nationalsozialistischen Gewaltsystems vorgehalten.

Die Folge dieser Faschismusforschung, die Jäckel zu seiner Kritik an Diwald benutzt hat, war die Schaffung eines geistigen und politischen Klimas, in welchem das pathologische Kunststück fertiggebracht werden konnte, die nationalsozialistische Diktatur zu verdammen und die sowjetische Diktatur zu verharmlosen. Die mit Gúrian begonnene und von Hannah Arendt, Carl J. Friedrich, Hans Buchheim und Otto Stammer fortgesetzte Totalitarismusforschung geht jedoch von der kriminellen Gleichartigkeit der beiden totalitären Systeme aus. Dieses Ergebnis der Totalitarismusforschung, das nach Waldemar Gúrian auf der »Wesensverwandtschaft von Nationalsozialismus und Bolschewismus« beruht, war nach 1945 der übereinstimmende Grundkonsens in der Soziologie, Politologie und auch in der Geschichtswissenschaft. 6

Die Aufkündigung dieser wissenschaftlichen Einhelligkeit erfolgte dann erst in den sechziger Jahren durch die Renaissance des Spätmarxismus. Verbunden war dieser Paradigmawechsel von der Totalitarismus- zur Faschismusforschung mit einem Generationswechsel unter den Soziologen und Historikern. Friedrich Meinecke, der mit seinem Buch Die deutsche Katastrophe den Zusammenklang von Sozialismus und Nationalsozialismus in der Republik von Weimar hervorgehoben hatte, wurde nunmehr zu den Vergessenen gezählt. Für einen liberalen Denker von einer unheimlich klaren Härte des Urteils hatte er zur Ausbreitung eines revolutionscharismatischen Milieus und zur Vergiftung der geistig-politischen Atmosphäre in den zwanziger Jahren noch ausgeführt: »Das Wort vom Zuchthausstaate, den sie errichten würden, ist schon den Sozialisten entgegengehalten worden. Unmittelbar aber untergruben sie durch den Haß und Zorn des sich ausgebeutet Fühlenden gegen die eine als reaktionär geltende Masse der überlieferten Gesellschaftsschichten den Sinn für die überlieferte geschichtliche Autorität überhaupt, entzündeten sie die revolutionäre Rücksichtslosigkeit im Niederstampfen der Gegner, ihrer Rechte und ihres Eigentums. So entwickelte sich ein revolutionärer Geist überhaupt, dessen Erbschaft später der Nationalsozialismus antreten sollte.« 7 Der Historiker Meinecke, dem das seltene Glück zuteil wurde, sowohl nach dem Ersten wie dem Zweiten Weltkrieg in einer angereicherten wissenschaftlichen Autorität als Ideenpolitiker hervorzutreten, hat damit eine Mentalität nationalsozialistischer und kommunistischer Desinformations- und Diffamierungsstrategien offengelegt, die von einer einseitig inspirierten Faschismusforschung in den sechziger Jahren überhaupt nicht mehr wahrgenommen wurde.

Diese Aufkündigung einer bis dahin ein vernehmlichen Totalitarismusforschung vollzog sich in unübersehbarer, aber in ihrem Hintergrund nicht durchschauten Weise durch den von Jürgen Habermas und Theodor Adorno geführten Angriff auf Karl Poppers Hauptwerk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Damals entfachten marxistische Gesellschaftstheoretiker den in völlig

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falschen Frontstellungen verlaufenden und daher höchst überflüssigen »Positivismusstreit in der deutschen Soziologie«. Obwohl Karl Popper als auch Hans Albert eine Zuordnung zur positivistischen Methode in den Sozialwissenschaften zu Recht bestreiten, wurden sie dennoch als wirklichkeitsverfehlende Oberflächenphilosophen denunziert.

Stattdessen suggerierte man den Marxismus als Wirklichkeitswissenschaft. Da die positivistische Methode bei Faktenansammlungen haltmacht, die nur Schwächen, aber keine Handlungsantriebe bieten, erhob man die Parteilichkeit des Denkens zu einer Kategorie der Erkenntnis. Die Feststellung von Karl Popper: »Der Marxismus ist schließlich nur eine Episode, nur einer der vielen Irrtümer, in die wir in unserem unentwegten und so gefährlichen Kampf um den Aufbau einer besseren und freieren Welt verfallen sind«, mußte die Nerven der Regisseure und Strategen des Spätmarxismus bloßlegen, die ihr stumpfsinniges Ressentiment gegen die industriegesellschaftliche Arbeitswelt und ihre antiamerikanischen Affekte als Kritische Theorie verstanden wissen wollten. 8

Das Bekenntnis zu einer Parteilichkeit des Denkens, hochnäsig deklariert als Theorie-Praxis-Relation in der Erkenntnislehre, läßt aber Erkenntnisse und Urteile gar nicht zu - sondern nur Verurteilungen. Die Kritische Theorie eignet sich daher nicht zur Aufhellung komplexer Wirklichkeiten, sondern nur zur Entwicklung von Beschimpfungstechniken, deren Register in der Kritik von Jäckel und anderen Gralshütern der spätmarxistischen Argumentationsbaukunst gegen Hellmut Diwald alle gezogen wurden. Die wissenschaftlich garnierte Diffamierung aller, die nicht der eigenen Meinung sind, hat schon Marx in die Welt gebracht, wie Golo Mann bemerkt. Die erbarmungslosen Angriffe von Marx gegen Ferdinand Lassalle, Wilhelm Weitling und Pierre Proudhon haben, wie Willy Hellpach 1906 bereits feststellte, einer »Tothetzung pathologischer Analogien im Feuilleton« den Weg gewiesen. 9 Diese geistige Epidemie, wie sie Hellpach nicht nur bei Marx, sondern auch durch die Gleichnisspielereien organizistisch denkender Soziologen diagnostizierte, erlangte in den sechziger Jahren eine weitgehend blätterwald- und universitätsbeherrschende Ausbreitung in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Plötzlich wollten Historiker, Soziologen, Psychologen, Philosophen und Pädagogen von den geistesgeschichtlichen Ursprüngen ihres Faches nichts mehr wissen. Wer die kritischen Theorieübungen, die sich heute wie Parteiappelle und Reden bei marxistischen Wiederauferstehungsfeiern lesen, nicht mitzumachen bereit war, wurde einfach in die reaktionäre und faschistische Verdachtsecke abgeschoben.

Da Hellmut Diwald der Respekt gebührt, diesen Kniefall vor der spätmarxistischen Eroberung der Geistes- und Sozialwissenschaften nicht mit vollzogen zu haben, stand er fortan in dieser Ecke. Die Faschismustheorie, wonach jeder ein Faschist ist, der ein sozialistisches Glaubensbekenntnis verweigert, wurde von den Kommunisten bereits in den zwanziger Jahren entwickelt. Sie

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diente als aggressives Beschwichtigungsmittel, um die eigenen Anhänger bei der Stange zu behalten. Manes Sperber, 1937 Leiter eines Instituts für antifaschistische Studien der Komintern in Paris, hat sich mehrfach wegen seiner langen Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei mit der Begründung gerechtfertigt, er und seine Freunde hätten sich allzulange mit dem Argument beschwichtigt, dem Kampf gegen Hitler gelte der letzte Einsatz, auch die Entschuldigung der Verbrechen Stalins.

Nach 1945 hat die Erhebung eines pauschalen Faschismusverdachts gegen alle nichtprogressiven Kräfte und vor allem gegen die politischen Verhältnisse in der alten Bundesrepublik dazu geholfen, »die gemeinsamen Wurzeln zwischen Sozialismus und Faschismus« zu verbergen. 10 Der Kampf gegen die imperialistische, revanchistische und faschistische Bundesrepublik war für den kommunistischen Agitationsapparat die einzige Begründung zur Legitimierung der Staatsexistenz in der DDR. Zum Nachweis, daß die Bundesrepublik Deutschland mit Nazis und Neonazis vollgestopft ist, fabrizierte die Abteilung X des Ministeriums für Staatssicherheit unter Zuhilfenahme ihrer informellen Mitarbeiter in Westdeutschland den Dokumentationsband Braunzone zwischen CDU/CSU und Neonazis. 11 Natürlicherweise fehlt in diesem Machwerk, das auf so dubiosen Fälschungstechniken beruht wie das vom zaristischen Geheimdienst hergestellte Buch über die Weisen von Zion, auch die Erwähnung von Hellmut Diwald nicht. In seinem Buch Die Faschismuskeule hebt Hans-Helmuth Knütter hervor, daß der Agitationsapparat der DDR seit 1955 die alte Faschismustheorie des Kommunismus mit einer geheimdienstlichen Konsequenz als Verleumdungswaffe gegen die alte Bundesrepublik verwendet hat. 12 Seitdem erfährt Knütter das gleiche Schicksal wie Diwald; wer den Antifaschismus in seinen polemischen Ursprüngen entlarvt, wird als Faschist gebrandmarkt.

Es gehört zum atmosphärischen Dilemma der Gegenwart, daß der Umfall der Sozial- und Geisteswissenschaften, wie er sich in den sechziger Jahren durch die öffentlichen Siegesfeiern des Spätmarxismus ergeben hatte, zu einem Glaubensverlust an den Wissenschaften geführt hat. Spätmarxistische Schwärmer und emanzipationssüchtige Wissenschaftstheoretiker klagen heute, daß die Ereignismassen der Jahre 1989/90 ihr Methodenmuseum zerstört hätten. Von höchster Überständigkeit ist daher die Forderung von Hans-Ulrich Wehler geworden, Soziologie und Geschichtswissenschaft sollten zusammengehen, um eine »Restituierung der Fortschrittsidee« zu bewirken. Und es grenzt schon an einen total geistlos gewordenen quasiwissenschaftlichen Kannibalismus, wenn Horst-Eberhard Richter die neue Aufgabe des Sigmund Freud-Instituts in Frankfurt in einer psychoanalytischen Forschung erblickt, »die psychische Nachwirkung von rassistisch-antisemitischen Ideen bis in die nächste Generation hinein zu erkennen«. 13 Damit hat Horst-Eberhard Richter nicht nur die anthropologische Dimensionslosigkeit der Freudschen Psychoanalyse offenbart, sondern auch das blanke Ergebnis auf gewiesen, das

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wohl immer zustande kommt, wenn man seine ideologische Verranntheit nicht eingestehen will. So beruft sich Horst-Eberhard Richter auf Ergebnisse der Faschismusforschung, die sich als nichts anderes denn als kommunistische Diffamierungstechniken herausstellen. Und so ist sich Richter als Wissenschaftler nicht zu schade, den anthropologischen Unsinn zu produzieren, in rassistischen und antisemitischen Verklemmungen und Idiotien, die leider unter allen Völkern vorkommen, gleichsam genetische Unentrinnbarkeiten zu entdecken.

Für diesen Niedergang wissenschaftlicher Methoden trifft wirklich die ironische Bemerkung von Manés Sperber zu, daß die Jünger von Sigmund Freud ganz tief in seichten Gewässern waten und ganz unten dann auch finden, was sie oben schon wußten: Ödipus ist entlarvt. Hellmut Diwald konnte einem solchen methodischen Ödipus-Komplex nicht erliegen, weil er wie eigentlich jeder gute Historiker wußte, daß eine geschichtliche Deutung ohne Zuhilfenahme der Anthropologie, der Soziologie und der Philosophie entweder an der Oberfläche verbleibt oder durch Kurzschlüsse das Licht der objektiven Erkenntnis nicht mehr erblicken kann. In seinem großen Werk Im Bann der Geschichte hat Johan Huizinga darum festgehalten, daß detaillierte Geschichtsforschung und analytische Monographien nicht zur Erfassung historischer Zusammenhänge führen können. Er sah wie Diwald in der Historie eine Integrationswissenschaft, die auf die Hilfe und Unterstützung durch andere Erkenntnisgebiete - und hier vor allem die Soziologie - angewiesen ist, wenn sie ihren orientierenden Beitrag zum Verständnis einer jeweiligen Gegenwart erbringen will. 14

Die Tiefe der Begegnung mit geschichtlichen Ereignissen gelingt ja nur durch Fragen, die uns die Probleme der Gegenwart aufnötigen. Die Wege zur Geschichte werden für einen Menschen erregend, wenn er aus den Ereignisketten der Vergangenheit einen Aufschluß über die Nöte seiner Gegenwart erhält. Es ist daher so befremdlich wie unangemessen, wenn Jäckel es als eine methodische Sünde bezeichnet, was als gegenchronologisches Verfahren Diwald in seinem historischen Hauptwerk angewendet hat: nämlich aus den Verirrungen der Gegenwart in die Vergangenheit zurückzugehen. Diesem von Diwald bevorzugten Verfahren, Geschichte durch die Hervorkehrung des Gegenwartsbezugs zu verlebendigen, haben eigentlich alle Autoren großer historischer Werke entsprochen, die sich in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg dem Gesamtverlauf der deutschen Geschichte zugewendet hatten. Gleich ob es sich dabei um Emil Franzels Geschichte des deutschen Volkes, 1985, um Johannes Hallers Epochen der deutschen Geschichte, um die Europäischen Epochen von Heinrich Scharp, 1959, um Peter Rassows Deutsche Geschichte, 1953, Michael Freunds Deutsche Geschichte, 1973, oder um die Geschichte der Deutschen Nation von Hermann Simon, 1968, handelt. Und auch die Geschichte Europas von Ernst Samhaber, die er 1982 veröffentlichte, beginnt mit einer Darstellung der europäischen Gegenwartslage.

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Als originärer Geschichtssoziologe stand Diwald daher gar nicht so allein. Mit seiner Vorgehensweise, die Vergangenheit durch die Fragen der Gegenwart zu einem erkenntnisergiebigen Erlebnis werden zu lassen, erfüllte er nicht nur die methodische Beherzigung des Aktualitätsprinzips, dessen Anwendung eben allein eine wissenschaftsvertiefende und urteilsbildende geistige Neugierde zu wecken vermag. Ein Geschichtssoziologe wie Diwald kennt dabei auch die Summe und Aufeinanderfolge der geschichtlich bedeutsamen Ereignisse, aber anders als der Chronist leidet er unter historischen Lasten. Erst wenn Ereignisse zittern und erschüttern, die Geröllmassen der lawinenartigen Katastrophen über ihn hereinbrechen, sich die verzweifelte Frage nach dem Sinn der Geschichte und nach der Gerechtigkeit für unterdrückte und heimatlose Menschen stellt, beginnt der Denkprozeß für den Geschichtssoziologen.

Als diese katastrophennahe Situation in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts eingetreten war, schrieb Alfred Weber ein grundlegendes Werk Kulturgeschichte als Kultursoziologie. Und Rudolf von Salis bemerkte im Vorwort zu Karl Meyers Weltgeschichte im Überblick, ein »Universalhistoriker« gewinne seine Kategorien geschichtssoziologischen Denkens durch den Rückbezug auf Wilhelm Dilthey, Georg Simmel, Ernst Troeltsch und Max Weber. Das großartige Buch von Hellmut Diwald Wilhelm Dilthey - Erkenntnistheorie und Philosophie der Geschichte, 1963 veröffentlicht, zeigt bereits seinen Weg zwischen den Fronten der fachwissenschaftlichen Enge und ideologischen Strategien. Die Besinnung auf seine Art, die deutsche Geschichte zu sehen, kann uns deshalb heute helfen, der allzulange vernachlässigten Geschichtsso-ziologie wieder eine neue Geltung zu verschaffen.

Anmerkungen:

1. Gustav Stolper, Die deutsche Wirklichkeit, Hamburg 1949, S. 26.

2. Victor Klemperer, LTI, Notizbuch eines Philologen, Leipzig 1975, S. 26 f.

3. Eberhard Jäckel, »Skandal in der Zunft? Diwalds verfehlte ›Geschichte der Deutschen‹ erregt den heftigen Widerspruch deutscher Zeitgeschichtler«, in Die Zeit, l . 12. 1978.

4. Sebastian Hafmer, Anmerkungen zu Hitler, München 1978, S. 20.

5. Waldemar Gúrian, Der Bolschewismus, Freiburg/Brg. 1931, S. VI/VII

6. Heinz Kürten, Waldemar Gúrian, in Zeitgeschichte aus Lebensbildern, Aus dem deutschen Katholizismus des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Rudolf Massey, Bd. 2, Mainz 1975, S. 121.

7. Friedrich Meinecke, Die deutsche Katastrophe, Wiesbaden 1946, S. 31.

8. Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bern 1957, S. 7.

9. Willy Hellpach, Die geistigen Epidemien, Frankfurt/M. 1906, S. 8.

10. Lothar Bossle, Soziologie des Sozialismus, Köln 1976, S. 162.

11. Vgl. Kommunistischer Bund Westdeutschlands (Hrsg. ), Braunzone zwischen CDU/ CSU und Neonazis, Hamburg 1981.

12. Hans-Helmuth Knütter, Die Faschismuskeule, Berlin 1993, S. 14.

13. Horst-Eberhard Richter, »Was ist los am Freud-Institut?«, in Süddeutsche Zeitung, 27. Januar 1994.

14. Vgl. Johan Huizinga, Im Bann der Geschichte, Berlin 1957.

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