ARMIN MOHLER
Die Kampagne gegen Hellmut Diwald von 1978/79 - Erster Teil
Die Rache der SS

In unserer Gesellschaft sind die sexuellen Tabus seit der sogenannten »Kulturrevolution« durch politische Tabus ersetzt. Dieser Handstreich ist geglückt, weil er jenem Massenhedonismus entsprach, der nach Arnold Gehlen die eigentliche Antriebskraft der Dekadenz um uns herum und in uns ist. Man kann heute in der Gesellschaft offen über Perversionen sprechen, die zu Beginn dieses Jahrhunderts sogar in medizinischer Literatur bloß auf lateinisch behandelt wurden. Hingegen gibt es politische Tabus, deren Mißachtung Deutsche beider Geschlechter in andere Zustände zu versetzen mag -und zwar insbesondere Deutsche aus der meinungsbildenden Klasse unter den 40- bis 60jährigen. Das fängt an bei der Warnung: »Eine deutsche Nation gibt es nicht - es sei denn, man mache sie mies.« Und es endet mit der Warnung aller Warnungen in einer historisch-politischen Streitsache, in der das Strafgesetzbuch vorsorglich festgelegt hat, welche Meinung man allein äußern darf, wenn man nicht ins Gefängnis wandern will.

Zu den Mechanismen unserer Gesellschaft gehört, daß jeder, der sich diesen Denk- und Schreibverboten nicht unterwerfen will, früher oder später »ausgegrenzt« wird. Diese Operation besteht darin, ihn zum Schweigen zu bringen oder - wenn dies nicht gelingt - sein Bild in der Öffentlichkeit so zu verzerren, daß kein vorsichtiger Bürger (und die sind in der Mehrheit) mehr mit ihm zu tun haben will. Wer nie eine solche »Hexenjagd« über sich ergehen lassen mußte, kann sich kaum vorstellen, wie gespenstisch es ist, mit einem solchen von den Medien fabrizierten Doppelgänger konfrontiert zu werden, der man selbst sein soll und in dem man doch nur ein Zerrbild seiner selbst erkennen kann. Dies ist unserm Freund Hellmut Diwald am Ende des Jahres 1978 und durch das ganze folgende Jahr 1979 hindurch geschehen. Anlaß war das Erscheinen seines Buches Geschichte der Deutschen im Propyläen Verlag, der damals noch dem Springer-Konzern gehörte.

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I. Verlegerische Strategien

Die Herausgabe eines so umfangreichen Buches (765 Seiten) mit einer Startauflage von 100 000 Stück war auch bei einem weitherum bekannten Autor wie Diwald ein geschäftliches Risiko. Kein Wunder, daß Wolf Jobst Siedler, nicht nur Chef des Propyläen Verlages, sondern eigentlicher Anreger des Buches, Kontakt mit der zum gleichen Konzern gehörigen Tageszeitung Die Welt (»Axel Springers Flaggschiff« im Fachjargon) aufnahm. Es ist eine alte Taktik von Verlegern, mit einer befreundeten Redaktion eine möglichst frühe, den ändern Rezensionen vorausgehende Besprechung zu lancieren, um so den weiteren Verlauf der Diskussion zu beeinflussen. So sollte es auch hier sein -und dem Schreibenden, damals noch freier Mitarbeiter der Welt, wurde dabei eine Rolle zugeteilt.

Allerdings war 1978 meine Rolle in der Zeitung bloß noch die eines Lückenbüßers. Als mich Hans Zehrer 1965 zur Welt geholt hatte, konnte ich unter ihm in größeren Artikeln »rechte« Ansichten vertreten. Nach Zehrers Tod begann jedoch die Rutschpartie der Welt ins liberale Lager, die ihr wenig einbrachte; ich war noch einige Zeit einer der Alibi-Rechten vom Dienst, 1971 wurde mein Vertrag aufgelöst, von da ab war ich nur noch freier Mitarbeiter. Ich erzähle das, um meine groteske Situation verständlich zu machen, als ich im Spätsommer 1978 von der Redaktion der Welt aufgefordert wurde, auf der Grundlage der ersten aus der Druckerei kommenden Korrekturbögen die erste Rezension der Geschichte der Deutschen vorzubereiten.

Was mir diesen ehrenvollen Auftrag einbrachte, wirkt von heute aus gesehen wie ein Witz. Ich erhielt ihn, weil Hellmut Diwald 1976 in der öffentlichen Meinung noch als ein . . . linker Autor galt! Zwar kannte ich ihn damals schon, und ich hatte nie den Eindruck, mich mit einem Linksliberalen zu unterhalten (»Linke« im strengen Sinne des Wortes hat es ja in der Bundesrepublik kaum gegeben). Aus der Distanz erkenne ich, was zu dieser falschen Einstufung führte. Für Hellmut Diwald war damals schon, und sicher schon seit seiner Jugend, die deutsche Einheit wichtiger als alles andere. Das machte ihn zu einem Kritiker von Adenauer, und in der frühen Bundesrepublik galt eben jede Kritik an der Westbindung von Adenauer und Ludwig Erhard automatisch als »links«. Aus diesem Grunde nahmen Verlag und Zeitung an, daß Widerstand gegen das Buch, wenn überhaupt, nur aus dem konservativen Lager kommen könne. Das brachte sie auf die Idee, die Geschichte der Deutschen von einem Rechten vorstellen zu lassen, der solche Animositäten in seinem eigenen Lager am ehesten abzubauen vermöge - zumal er ja freundschaftliche Beziehungen zu Hellmut Diwald pflege. Und dazu mußte man mich nicht nötigen, denn diese Lagebeurteilung war auch die meine.

In meiner Archivmappe »Hellmut Diwald« habe ich nur das Manuskript meiner Rezension seiner Geschichte der Deutschen gefunden - der gedruckte

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Artikel selbst muß in einer der Kisten mit meiner journalistischen Vergangenheit stecken, die ich nicht öffnen mochte. Ich entsinne mich jedoch, daß dieses laut Stempel am 8. Oktober 1978 abgesandte Manuskript wenige Tage später in der Sondernummer der Welt zur Eröffnung der Buchmesse gedruckt wurde. Und zwar unverändert - die Feuilletonredaktion und ich meinten, genau zu wissen, aus welcher Richtung unser Freund Diwald angegriffen werden könnte. Denkste - kann man da nur sagen. Zur Dokumentation sei hier der Text ungekürzt abgedruckt.

II. An der falschen Front

Eine Geschichte der Deutschen, von Heinrich dem Vogler bis zu Helmut dem Macher, von einem einzigen Verfasser geschrieben - das will schon etwas heißen. Es ist kein Zufall, daß unter denen, die seit 1945 ein solches Opus gewagt haben, nur ein einziger ein berufsmäßiger Historiker war: Veit Valentin (1946/1947). Der andere Professor unter ihnen, Michael Freund (1962), war Politologe, und die übrigen drei - Hubertus zu Löwenstein (1950), Paul Sethe (1962), Emil Franzel (1974) - sind zu den politischen Schriftstellern zu rechnen. Valentin und Löwenstein hatten emigrieren müssen; Freund, Sethe und Franzel waren geblieben und hatten sich, jeder auf seine Weise, mit dem Dritten Reich akkomodieren müssen.

Hellmut Diwald, Professor der Neueren Geschichte an der Universität Erlangen/Nürnberg, der auf der Buchmesse den mächtigen Band einer Geschichte der Deutschen vorlegt, ist nicht nur der erste Fachhistoriker, der nach mehr als drei Jahrzehnten den Versuch wieder gewagt hat. Er unterscheidet sich von allen genannten Vorgängern in einem entscheidenden Punkt. Sie alle waren in irgendeiner Weise traumatisch mit dem Dritten Reich verbunden, sei es als Emigrant oder als einer, der sich hatte anpassen müssen. Diwald ist ein bis zwei Generationen jünger. Er wurde 1929 in Mähren geboren, wuchs in der Tschechoslowakei auf, siedelte 1940 nach Franken über. Er hat jene Zeit noch geschmeckt, aber er hat sie aus dem Abstand des Kindes und des Schülers erlebt. Diesen Abstand verspürt man in seiner Geschichte der Deutschen teils auf wohltuende Weise - teils »geht er an die Nieren«.

Der Historiker Diwald ist nämlich manchmal von grausamer Nüchternheit. All das Polster der Allgemeinheiten und Betulichkeiten, alle sonst um die deutsche Geschichte gerankte Phraseologie und Gefühligkeit ist bei diesem »Kriegskind« wie weggefegt. Mitgewirkt hat sicher auch, daß Diwald zunächst eine abgeschlossene Ausbildung als Ingenieur (mit besonderem Interesse für den Turbinenbau) hinter sich brachte, ehe er sich dem Zweitstudium der Geschichte zuwandte. Er erklärt dieses Zweitstudium heute damit, daß er von der Geschichte Antwort auf Fragen erwartete, die ihm immer dringlicher wurden. Als Historiker begab er sich jedoch zunächst in

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die harte, jahrelange Zucht der Quellen-Edition. Dann erst setzte er zu den großen Schritten an: erst 1969 die Wallenstein-Biographie, dann 1975 in der Propyläen Geschichte Europas der Eröffnungsband über die Zeit zwischen 1400 und 1555, jetzt diese Geschichte der Deutschen.

Wer diesen Weg Diwalds kennt, ist weniger erstaunt über seine Eigenheit als Historiker. Auf der einen Seite ist seine bereits zitierte Nüchternheit des Blickes, die einem an patrizische Geschichtschreibung nach der Art Jacob Burckhardts Gewöhnten zuweilen wie Schnoddrigkeit vorkommen mag. Daß Diwald sich überhaupt nicht um das kümmert, »was man sagt« oder »was man zu sagen hat«, erlaubt ihm jedoch das Herausholen einer »Dramatik aus den Sachen«. Die Leidenschaftlichkeit entspringt bei ihm direkt den Konstellationen, die er sichtbar macht, indem er vor ihnen aufgetürmte Scheinprobleme mitleidlos wegräumt. Es ist ein ständiges Kalt-Heiß-Kalt bei Diwald; er ist ein Meister der Überrumpelung. Das fängt schon auf den ersten Seiten des Buches an, wo er seine Zeit nicht mit langen Definitionen dessen, was deutsch sei, vertrödelt; sondern trocken feststellt, daß die Deutschen heute auf »drei Republiken« verteilt seien. (Über diese Dreizahl geht er dann sogar noch hinaus, als er Karl Barth, wegen seiner engen Verflechtung in das deutsche Drama, als »deutschen Theologen« behandelt. )

Allerdings bleibt es bei Diwald nicht bei der Überrumpelung. Sie dient nur dazu, die Sicht frei zu machen. Jene Dreiheit ist ja nur einer von vielen Anläufen, in denen Diwald sein Nation-Verständnis deutlich macht. Er nimmt es weg aus dem Bereich der Ansprüche und der Verdammungsurteile. Die deutsche Nation ist für Diwald etwas sehr Einfaches und Selbstverständliches: eine Erlebens- und Leidensgemeinschaft, deren Tatsächlichkeit auf jedem Deutschen, ob er es nun will oder nicht, lastet.

Das tönt pathetisch, wenn man es abstrahierend feststellt - im Buch selbst kommt es ganz selbstverständlich heraus. Das liegt vor allem auch an der eigenwilligen Konstruktion dieser deutschen Geschichte: sie beginnt beim heutigen, in Jalta geschaffenen Zustand Mitteleuropas und endet im Jahr 919, bei Heinrich I. Diwald nennt dieses Verfahren »gegenchronologisch«. Ich schilderte es einem älteren Freund, der seit 1917 von der deutschen Geschichte einige Schrammen mitbekommen hat. Er lachte auf: »Das ist ein Schlaumeier! Der nimmt das dicke Ende voraus. Dann kann der Rest nur noch angenehm sein. . .«

Auch ich mußte lachen. Aber der Witz traf, wieso oft, nicht den Kern. Das »gegenchronologische« Verfahren verharmlost die deutsche Geschicke keineswegs. Im Gegenteil: da man so auch glückliche Augenblicke dieser Geschichte - es gibt sie durchaus - von der heutigen Zerstückelung her erlebt, werden auch sie vom Schmerz durchtränkt. Übrigens: an die Gegenchronologie muß man sich erst gewöhnen. Sie geht ja nicht in einem Zug zurück, denn man kann die Geschichte schließlich nicht gegen den Ablauf

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der Ereignisse erzählen. Gewiß, die Weimarer Republik kommt erst nach dem Dritten Reich dran. Aber dieser Abschnitt über Weimar beginnt natürlich 1918 und endet 1933. Und das Wilhelminische Reich wird von 1871 bis 1918 erzählt. Manche Abläufe werden sogar, auf verschiedenen Ebenen, mehrfach dargestellt.

So ergibt sich eine neuartige Optik. Hat man sich einmal an sie gewöhnt, so stellt sich eine Art von »stereoskopischem« Effekt ein. Diwald erzählt ja nicht kontinuierlich, mit gleichbleibender Verteilung der Effekte, sondern hebt einzelne Ereignisse paradigmatisch heraus - jene Stereoskopie schafft die Verbindung zwischen den einzelnen, scharf belichteten Szenen. Man wird an die Rückblendungen im Film und in der modernen Prosa-Epik erinnert. Aber es sei vor zu direkten Bezügen von einem aufs andere gewarnt. Im Film und im Roman hebt die Rückblende vorher nicht gesehene Zusammenhänge hervor. Beim Neuerzählen der allen bekannten Historie ist die Wirkung genau entgegengesetzt.

Das übliche Erzählen der Geschichte, von den Dinosauriern ruckzuck bis zum Computer, hat etwas vom Blick aus dem Expreßzug: vor den vorbeiflitzenden Silhouetten der Bäume und der Berge ist der Endbahnhof die einzige Realität. Das in Diwalds Erzähltechnik enthaltene Umdrehen der Zeit hat einen doppelten Effekt: wir sehen die einzelne geschichtliche Situation plastischer- und vor allem verliert sie ihre Zwangsläufigkeit. Man sieht wieder alle Möglichkeiten, die in ihr stecken.

Der kalt-heiß-kalte Diwald, auf nüchterne Weise vom Gesehenen fasziniert, ist nämlich alles andere als ein Fatalist. Die deutsche Geschichte ist für ihn nicht eine Einbahnstraße ins Verhängnis. Es fehlt bei ihm die Vorstellung, die sich bei fast allen seinen Vorgängern seit 1945 findet: daß irgendwo in dieser Geschichte auf nichtwiedergutzumachende Weise die Weiche falsch gestellt worden sei. Er vertritt keine Patentlösung, weder die großdeutsch-theresianische noch die kleindeutsch-fritzische, weder die katholische noch die protestantische, weder die pro- noch die antifaschistische.

Diese »skeptische Generation«, die auf die Kriegsgeneration folgte, gibt sich zwar gerne »cool«, aber so kaltschnäuzig ist sie gar nicht. Wenn man das Faszinierende an Diwalds Geschichte der Deutschen zu umschreiben sucht, so ist es vielleicht am ehesten dieses: er beschönigt nichts, aber er sieht in den Schwächen der deutschen Geschichte zugleich ihre Stärken. Wie kann man aber in den Selbstzerfleischungen und Zersplitterungen der deutschen Geschichte zugleich eine Stärke sehen ? Eine Geschichte Frankreichs oder gar Spaniens ist leichter zu schreiben, denn bei ihnen ist das Objekt in sich geschlossen - und abgeschlossen. Die deutsche Geschichte zerfließt stets an den Rändern, sie ist von der Geschichte des sie Umgebenden nicht zu trennen, ob man das nun Mitteleuropa oder Europa oder wie auch immer nennen mag. Die deutsche Geschichte ist zwar voll von Eigenbrötelei. Das schafft aber zugleich auch bewegliche Eigenständigkeit, die hilft, eine

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Geschichte auszuhalten, die nach allen Seiten offen ist. Und die vor allem nie fertig ist.

Über die Zeit nach 1945 fällt Diwald einige Urteile, die ihm nicht nur Freunde schaffen werden. Er sieht zwar Adenauers Singularität, aber er nimmt ihm übel, daß er ein zu enges Gehäuse geschaffen habe - eben weil er sein politisches Werk nicht im Bewußtsein jener Offenheit und Nichtdeterminiertheit deutscher Geschichte schuf. Aus dergleichen gesamtdeutschen Haltung heraus erlaubt Diwald sich, bei den institutionalisierten Unholden der deutschen Zeitgeschichte nicht alles so schwarz zu finden, wie es gemalt wird.

Dem Verlag ist es hoch anzurechen, daß er ein solches Buch herausgebracht hat, das bei aller Nüchternheit den Mut hat, unbequem zu sein. Diwalds Geschichte der Deutschen ist nicht nur das erste Buch dieser Art seit langem, das keinen Schulmeistergeruch hat. Es ist auch ein eminent »deutsches« Buch in dem Sinne, wie Diwald die deutsche Lage sieht: jeder Deutsche, der es liest, wird sich über etwas daran ärgern - und er wird das verspüren, was ihn, ob er will oder nicht, mit diesem Geschichtsschreiber verbindet.

III. Ruhe vor dem Sturm

Beim Wiederlesen dieser Rezension nach sechzehn Jahren fällt mir auf, was damals mein Hauptanliegen war: ich wollte das mit stilistischen Experimenten ohnehin überfütterte konservative Publikum schonend darauf vorbereiten, daß Hellmut Diwald in diesem erstaunlichen Buch die deutsche Geschichte von der Gegenwart her nach rückwärts erzählt. Nach anfänglichem Zögern vor dem Ungewohnten hatte mich bei der Lektüre Hellmut Diwalds genialer Einfall überzeugt, mit einer solchen »Verfremdung« die zum Dogma gewordene Dämonisierung der deutschen Geschichte, vom Teutoburger Wald bis heute, aufzusprengen.

Aufschlußreich ist es, dazu die Rezension von Diwalds Buch zu lesen, die bereits am 15. 12. 1978 im New Yorker Aufbau, der führenden Zeitschrift der jüdischen Emigranten in den USA, erschienen ist. Sie wurde vom Chefredakteur H. Steinitz persönlich geschrieben, der den »hochangesehenen Historiker« Diwald mit großem Respekt behandelt: »Auch bei abweichender Meinung (z. B. im Fall der deutschen Kollektivschuld-These nach dem Hitlerregime) muß man die Qualitäten des Autors und seines Produktes anerkennen.« Offensichtlich war die Welle der Ende Oktober in der Bundesrepublik entfachten Hetze gegen Diwald noch nicht bis nach New York gelangt. Bezeichnend scheint mir zu sein, daß diese »Deutsche Geschichte, einmal ganz anders« betitelte Besprechung sich vor allem mit Diwalds rückwärts gerichteter Erzählkunst befaßt. Dazu Steinitz' Urteil: »Logisch, aber verwirrend. Dabei ist das Buch ausgezeichnet geschrieben« (und es folgt weiteres Lob).

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Auch in Westdeutschland konnten nicht alle an Geschichte Interessierten mit dem jähen Umschlagen der veröffentlichten Meinung über den Universitätsprofessor Diwald Schritt halten. Noch ins neue Jahr 1979 hinein zog sich eine groteske Verwirrung der Fronten. In manchen Redaktionen hielt sich noch einige Zeit hartnäckig die Meinung, Hellmut Diwald sei einer jener Alibi-Linken, die gerade von Managern des Springer-Konzerns (W. J. Siedler an der Spitze) hofiert wurden, weil man sich davon eine Abschwächung der regelmäßig anrollenden Kampagnen linker Medien gegen den konservativen Konzernherrn versprach. Solche Konzessionen hielt Dr. Rempel, Herausgeber einer Monatsschrift für Geschichtsvulgarisierung (Damals), ein Deutschnationaler von altem Schrot und Korn, nicht für nötig. Er setzte seinen leitenden Redaktor fristlos auf die Straße, weil dieser ohne seine Erlaubnis im Heft das Buch des »linken Diwald« gelobt hatte. Hellmut Diwald war entsetzt, als er davon hörte. Aus einem Brief vom 14. 1. 1979: »Die Sache trifft mich fast persönlich. Meinetwegen (also meiner Person wegen) dürften doch solche einschneidende Dingen nicht passieren.« Da ich kurz zuvor journalistisch mit Dr. Rempel zu tun gehabt hatte, bat mich Hellmut Diwald, dort zu intervenieren. Es war mir jedoch in einem zehnminütigen Telefongespräch nicht möglich, Rempel davon zu überzeugen, daß Diwald schon deswegen kein Linker sein könne, weil seine Geschichte der Deutschen inzwischen als »nazistisch« verdächtigt werde. Der alte Herr verstand die Welt nicht mehr. . .

IV. Der Sturm bricht los

Die Kampagne gegen den angeblichen »Nazi« Diwald begann am 23. Oktober 1979 mit einem Artikel im Spiegel. Als »Beweismaterial« stützten sich die Angreifer auf einige Sätze, in denen Hellmut Diwald darauf hinwies, daß die Vorgänge in den deutschen Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkrieges »trotz aller Literatur in zentralen Fragen noch immer ungeklärt« seien. Da dies sehr wenig »brachte«, garnierten die meisten Kritiker ihre Angriffe mit Nörgeleien gegen Diwalds Darstellung der früheren deutschen Geschichte, vor Hitler, wo er sehr oft überraschend neue Wege ging. Tatsache ist, daß viele Leser, welche den immerhin 48 DM kostenden Wälzer (damals viel Geld) aus bloßer Sensationsgier kauften, nicht auf ihre Kosten kamen - sie hatten es mit verantwortungsvoller Geschichtsschreibung zu tun. Wir wollen und können hier nicht Diwald-Philologie treiben - wir können nur hoffen, daß ein junger Historiker sich bald dieses Berges an teils emotionell aufgeladener, aber auch nüchtern-kritischer Publizistik contra und pro Diwald annimmt und das zum Thema seiner Dissertation macht.

Dem Schreibenden geht es darum, in diesem Buch des Gedenkens an den verstorbenen Freund die Strategie seiner »Ausgrenzung« festzuhalten, welche sich zuletzt noch in den Nachrufen - oder besser: dem Nachspucken - der Feuilleton-Yuppies der offiziösen Presse so widerlich niedergeschlagen hat.

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Diese jungen Leute - von der Uni direkt und ohne irgendwelche Lebenserfahrung in die Redaktionen übergewechselt- nehmen den »Antifaschismus« zu seinem Nennwert. Sie erkennen nicht, daß er nur noch der Wahrung von Besitzständen oder der Vertuschung von unbequemen Lebensläufen dient. Wobei das Halali zur Hetzjagd gegen Hellmut Diwald nicht von einem Ex-Roten, sondern von einem Ex-Braunen geblasen wurde.

Aber der Spiegel-Redakteur Georg Wolff, genannt »Orje«, der das Feuer auf Diwald eröffnet hatte, ist ja auch ein ganz besonderer Heiliger. Die in den Medien über ihn umlaufende Legende war die eines aufrechten, aber in sich gegangenen Mannes, der als Jüngling ein wenig mit dem Nationalsozialismus geliebäugelt hatte, dann wie hunderttausend andere als einfacher Mann der Waffen-SS diente (und zwar in Norwegen), heute aber mit seinen Aktionen verhindern wolle, daß neue Verführer auftauchten wie jene, die einst ihn selbst verführt hatten. Eine Legende, die Orje mit freundlichem Schweigen bestätigte (und die er wohl selbst gestrickt hatte). In Wirklichkeit gehörte er der schwarzen, der »richtigen« SS an, im Rang eines SS-Sturmbannführers (was dem Major entspricht), und zwar im RSHA (Reichssicherheitshauptamt) in Berlin. Dort arbeitete er in dem berühmten Amt VII, dessen Aufgabe die »Weltanschauliche Überwachung Andersdenkender« war (insbesondere von Intellektuellen). Nun, diese Tätigkeit übte Herr Wolff in der Bundesrepublik auch weiter aus, bloß in umgekehrter Richtung. So kann man seiner Berufung treu bleiben.

Am 18. November 1978 schließt sich ein weiterer SS-Offizier der Jagd auf Diwald an, Edgar Traugott, gebürtiger Österreicher, Verfasser einer schwülstig rassenhygienischen Schritt, nach der Niederlage im Internierungslager Rückkehr zum Christentum. Er zieht eine unauffällige Karriere in der Provinz vor; 1978 ist er Chefredakteur der Nürnberger Zeitung, der kleineren der beiden dortigen Zeitungen, vom Drexel-Konzern als Auffangbecken für eher konservative Bürger gedacht. Das Buch von Diwald scheint ihn mächtig durcheinandergebracht zu haben. Sein erster Artikel (18. November 1978) ist betitelt »Fastvergessen / Diwalds Opfer-Dokumentation«. Schon im ersten Absatz meditiert er: »Wem müßte mehr als einem Deutschen daran gelegen sein, daß der Name seines Volkes, das ja nicht allein so viel Leiden gemacht, sondern auch selbst so viel gelitten hat, nach Kräften von der Schmach jener Massenmorde an Wehrlosen und Unschuldigen entsühnt werde. . .«Im nächsten Absatz sinniert er, ob man das Bonner Verschweigen der amtlich bekannten Massenmorde an Deutschen, nach der deutschen Kapitulation, billigen könne. Und plötzlich geht er dazu über, die ihm bekannten Opferzahlen, sechsstellige und siebenstellige, auszubreiten - Zahlen, die wohl den meisten Lesern der Nürnberger Zeitung gar nicht bekannt sind. Mitten drin aber wird sich Traugott bewußt, daß das explosiver Stoff ist, und bringt sich darum Hals über Kopf in Sicherheit mit dieser den Spiegel weit überholenden und sogleich weit herum zitierten Denunziation von Diwalds Buch: »Es hat alles Zeug dazu, um die

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Ressentimentkammer eines neuen deutschen Nationalsozialismus zu werden.« Am 9. Dezember 1978 geht Traugott nochmals, diesmal auf einer ganzen Seite, auf Diwalds Buch ein. Sie ist betitelt: »Geschichte, deutsch-deutsch, links-rechts / Hellmut Diwalds neue deutsche Einheitskombination - Treibstoff für nationale Ressentiments«. Wieder treibt Traugott, übrigens ein beachtlicher Stilist, das gleiche perverse Spiel. Um die in ihm immer noch wachen Dämonen seiner Jugend unter der Sig-Rune zu bannen, zitiert Edgar Traugott erst lüstern alle historisch-politischen Ressentiments, die ein Deutscher heute haben könnte - und schiebt dann, nach dieser Entlastung, den ganzen Kram Hellmut Diwald in die Schuhe. In seiner Aufregung bringt er auch noch die Jahreszahlen durcheinander. Er entdeckt als Diwalds Antriebskraft eine Rivalität mit Golo Mann; der Beweis: Diwald habe »nach dessen Wallensteinbuch schon ein eigenes Wallensteinbuch entgegengesetzt«. Nun ist Diwalds Wallenstein 1969 erschienen, das von Golo Mann erst 1971. Und es war in Schriftstellerkreisen durchaus bekannt, daß das ältere Buch des jüngeren Kollegen von Golo Mann als eine Majestätsbeleidigung empfunden wurde, da er doch seinen Wallenstein seit langen Jahren schon angekündigt hatte.

Kein Wunder, daß Golo Mann schon am 4. Dezember 1978 im Spiegel auf Orjes Diwald-Verurteilung im Spiegel noch eine mit dem ganzen Pathos seiner Dynastie geladene Diwald-Verdammung folgen ließ. So fehlten nur noch die Ordinarien, die dem eigenwilligen Einzelgänger Hellmut Diwald beharrlich den Zugang zu einem ordentlichen Lehrstuhl versperrten. Die Zunft der Historiker war am 5. Januar 1979 mit dem Freiherrn von Aretin zur Stelle, der dem Propyläen Verlag rundweg empfahl, Diwalds Buch einzustampfen (»Es ist ein durch keine Ergänzung zu rettendes, wirres und dummes Buch.«). Bereits am l. Dezember 1978 war ihm in der Zeit - mit Lehrauftrag für Neuere Geschichte, de facto der Vertreter der Zeitgeschichtler - Eberhard Jäckel vorausgegangen, dessen Ruf damals noch nicht angeschlagen war (erst 1980 wurde bekannt, daß er auf sechzig gefälschte Texte von Hitler hereingefallen war). Jäckels Kritik hielt sich zunächst noch im Rahmen des unter Kollegen Üblichen. Nach Aretins Auftritt jedoch holte er in einem »Nachtrag« (Die Zeit, 11. Mai 1979) zu seiner Besprechung den Hohn vom hohen Roß herunter ausgiebig nach: »Wer das Recht der freien Meinungsäußerung ernst nimmt, muß es auch für abwegige Meinungen gelten lassen. Nur ist für diejenigen Diwalds die Nationalzeitung der rechte Platz und nicht ein Verlag, der einen Ruf zu verlieren hat. Dies ist nur noch ein Fall derer, die dieses Buch vertreiben. Die Zweideutigkeit ist Absicht: mögen sie es endlich vom Markt vertreiben!«

So hatte sich gegen Hellmut Diwald so ziemlich alles zusammengefunden, woraus sich in unserer permissiven Gesellschaft für gewöhnlich das Personal der Hexenjagden gegen Querdenker, Eigenbrötler und Tabu-Verletzer rekrutiert: als gefährlichstes die Renegaten verflossener Regime mit ihrer unstillbaren Sucht, endlich auf der »richtigen Seite« zu sein, dann die neidischen Kollegen, die denkfaul gewordenen Hüter der Pfründen und nicht zuletzt,

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gerade im Verhalten gegenüber einem Diwald, die im Haß gegen ihre eigene Nation Erstarrten. Hatte Hellmut Diwald in dieser Situation wenigstens Rückhalt in seinem Verlag?

V. Gesinnung und Geschäft

Im Springer-Konzern war in den letzten Lebensjahren von Axel Springer wenig mehr von seiner Führung zu verspüren. Die langjährige Kampagne gegen ihn hatte in dem sensiblen, auf Harmonie eingestellten Mann ihre Spuren hinterlassen. Je mehr er einsehen mußte, daß seine vier idealistischen Forderungen (für die Wiedervereinigung, für die soziale Marktwirtschaft, für die Versöhnung mit den Juden, gegen jede Art von Totalitarismus) sich in der rauher werdenden Luft nur schwer harmonisieren ließen, um so bereitwilliger übergab er seinen Managern die Zügel. Diese Herren waren jedoch in der sensationellen Hexenjagd gegen ihren Autor Diwald bald in einen Gewissenskonflikt zwischen Gesinnung und Geschäft geraten. Einerseits verbot ihnen der bemühte Philosemitismus ihres Hauses jede Beteiligung an einer noch so dezenten Kritik am Bewältigungsrummel. Andererseits war eine Startauflage von 100 000 Stück bei einem Wälzer von damals 48 DM (heute 70 bis 80 DM) eine Investition, die es einem Geschäftsmann schwer machte, der von Baron Aretin geforderten Einstampfung des Buches nachzukommen. Die von Orje & Co. entfachte Kampagne hatte diese Geschichte der Deutschen blitzschnell zum Bestseller gemacht, die Leser hofften, Verbotenes drin zu finden, der Drucker kam mit dem Drucken kaum mehr nach.

Aus dieser peinlichen Situation suchten sich die Herren Manager auf Kosten des Autors zu retten. Zunächst hatte sich Diwald zur Streichung einiger Stellen bereit erklärt. Doch unter dem Druck der veröffentlichten Meinung verlangte der Verlag plötzlich ein Umschreiben des ganzen Bandes. Das war zu viel für Hellmut Diwald. Wie er reagierte, ist bezeichnend für ihn. Er beschimpfte seine bisherigen Partner nicht und lief auch nicht zum Kadi. Er wählte die absolute Verweigerung. Jede Kommunikation mit dem Verlag wurde abgebrochen, ob brieflich oder telefonisch, kein Parlamentär wurde eingelassen. Hellmut Diwald fühlte sich von seinem Verleger Siedler, der zugleich der Inspirator der Geschichte der Deutschen gewesen war, im Stich gelassen; er hat ihm dies nie verziehen.

In dieser Situation hatten die Manager einen rettenden Einfall. Sie ließen eine von Dritten »bearbeitete« Ausgabe drucken, schickten aber jedem, der es wünschte, den Wortlaut der gestrichenen Stellen zu. Manche Buchhändler erhielten diese »Zugabe« ganz automatisch, ohne vorherige Aufforderung von ihrer Seite, mit dem Band geliefert. . .

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VI. Satyrspiel

Wir beenden diesen Bericht über den Feldzug der »etablierten Zeitgeschichtler« - der verächtliche Ausdruck wurde von Ernst Nolte geprägt - gegen Hellmut Diwald mit einer Geschichte, die ihm ein bitteres Lachen entlockte. Sie zeigt, daß der Schuß hinten raus gehen kann, wenn man den Siegern ihre Wünsche allzu beflissen an den Lippen abzulesen sucht. Einer der wichtigsten Beiträge zur gereinigten Fassung der Geschichte der Deutschen war die Hinzufügung eines der obligaten Fotos von KZ-Leichen. Kenner erkannten sie sofort als eine Aufnahme aus dem KZ Nordhausen am Südhang des Harzes. Dieses KZ war identisch mit einer riesigen unterirdischen Produktionsstätte von Geheimwaffen. Den Spezialisten ist bekannt, daß die Zahl der Todesfälle von Gefangenen (sei es durch Gewalt oder durch Erschöpfung und Seuchen) in Nordhausen weit geringer war als in anderen Lagern. Das wird damit erklärt, daß die dort als Spezialarbeiter eingesetzten Gefangenen im Sinne der Produktion ein sorgsam zu hütendes und zu pflegendes Gut gewesen seien. Damit hängt wohl zusammen, daß für die Gefangenen, die zunächst wie die gesamte Produktion unterirdisch untergebracht waren, nach einiger Zeit oben, an der frischen Harzluft, Baracken gebaut wurden. Der amerikanischen Luftwaffe mußte bei ihrer vorzüglichen Luftaufklärung bekannt sein, daß man mit einer Bombardierung dieser Baracken niemals die Produktionsstätten, sondern höchstens einen Teil der inhaftierten Opfer des Faschismus und allenfalls ein paar ihrer Bewacher treffen würde. Die Amis haben gebombt, und so entstand der Berg von Leichen, der in der gereinigten Fassung von Hellmut Diwalds Geschichte der Deutschen den deutschen Leser beschämen soll.

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