Richard W. Eichler
Freund Hellmut Diwald – Persönlichkeit und Ausstrahlung

»Man kann auch in einer Welt, die so verkommen ist wie die unsrige,
ein lebenswertes Leben führen. Es genügt, daß man denkt,
daß man sich nicht verkauft, daß man auf seiner Würde besteht
und den Unwürdigen nicht den kleinen Finger reicht -
auch unter Opfern nicht.« Joachim Fernau 1

Je näher uns ein Mensch stand, desto zögernder wagen wir über ihn zu sprechen. Unser Einvernehmen wird mir daran deutlich, daß ich mich oft im Stillen frage: Wie würde Hellmut Diwald in diesem Fall urteilen, wie sich entscheiden? Solche Nähe läßt Scheu aufkommen - ist das Lob vom persönlichen Wohlwollen bestimmt, ist der Einwand gerecht, zu milde? In eine Reihe mit Beiträgen gestellt, deren Verfasser sachlicher zu werten vermögen, wird die Freundesstimme an Glaubwürdigkeit gewinnen, darauf vertraue ich.

Zeiten der Verwirrtheit, die unser geistesverwandter Joachim Fernau noch derber verkommen nannte, zwingen zu Verzicht auf ein Sich-geborgen-Fühlen in der Menge; die wird nur in glücklichen Momenten von großen Gefühlen zusammengeführt, danach geht sie wieder den steuernden Meinungsmachern in die Netze. So befolgen wir den Rat Goethes, »Geselle dich zur kleinsten Schar«. »Einen treuen Freund gefunden haben heißt einen ehrlichen Mann gefunden haben, und die gibt's, sage der Misanthrop, was er wolle.« So tröstet uns angesichts seines Todes: »Es kommt nicht darauf an, daß die Freunde zusammenkommen, sondern darauf, daß sie übereinstimmen.« 2

Ich erinnere mich der ersten Begegnung mit Hellmut Diwald mit großer Deutlichkeit. Es war der 27. Januar 1970, er hielt einen Vortrag mit dem Titel »Ernst Moritz Arndt - Das Entstehen des deutschen Nationalbewußtseins« vor

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der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung am Schloßrondell München-Nymphenburg. Die Würdigung des in unseren Tagen verschwiegenen Volksmannes - sie erschien danach auch in gedruckter Form 3 - unterschied sich wohltuend von den oft phrasenreichen Lobreden.

Mit der Kulturarbeit für die Sudetendeutschen beauftragt, machte ich auf diesen bemerkenswerten Landsmann aufmerksam. Ein Vorstandsmitglied meinte, Hellmut Diwald sei nicht zugänglich. Es war mir eine Genugtuung, diese Behauptung widerlegen zu können. Es währte aber einige Jahre, bis ich mich mit dem Vorschlag, den Historiker durch eine Ehrung in der Volksgruppe besser bekanntzumachen, durchsetzen konnte. Beim Sudetendeutschen Tag 1978 in München wurde ihm der Kulturpreis für Wissenschaft der Sudetendeutschen Landsmannschaft verliehen. Damals lernten wir auch seine liebenswerte Frau, Islamistin an der Universität Würzburg, kennen.

Hellmut Diwalds Gattin lag bereits krank darnieder, als der Wissenschaftler am 25. Oktober 1983 die Kant-Plakette der Deutschen Akademie für Bildung und Kultur aus der Hand ihres Präsidenten Karl Günther Stempel im Münchner Künstlerhaus entgegennahm und ich ihm die Laudatio halten durfte 4. Tragisch, daß ihm der Schillerpreis des deutschen Volkes 1992 bereits an seinem Krankenlager übergeben werden mußte. 5

Die selbstgewählte Pflicht

Als Diwald sein Studium der Ingenieur-Wissenschaften erfolgreich abgeschlossen hatte, waren Techniker noch gesuchte Fachleute; dessen ungeachtet befand er, daß ihm dieses Feld zu lebens- und menschenfern erscheine, und bewältigte das Studium der Geschichte und Philosophie in der kürzest möglichen Frist. Ich erwähne diese Tatsache - ohne den Biographen ins Gehege kommen zu wollen -, weil hier die Universalität dieses Mannes ihre Erklärung findet. So konnte ich mir zum Beispiel bei ihm Rat holen, wenn es um die Geltung eines Mathematikers ging, den in einen Akademieband aufzunehmen mir empfohlen worden war. Erst recht im Kulturellen besaß Hellmut Diwald einen beneidenswerten Überblick, treffsicheres Urteil auf mehreren Gebieten. Selber sprachmächtig (wie es seine Bücher beweisen, die auch durch den Vorzug ihrer literarischen Gestalt so viele Leser fanden, was wiederum Ursache für mancherlei Kollegenneid war), hat er der Ereignis-, Kriegs- und Diplomatiegeschichte stets die geistes-, kultur- und kunstgeschichtlichen Erscheinungen der Zeit gleichberechtigt zur Seite gestellt.

Im Nachkriegsdeutschland sich der Erforschung und Deutung auch der jüngsten Geschichte zu verschreiben ist ein entweder die Existenz oder den Charakter bedrohendes Unterfangen. »Recht, Ehre, Tugend und Gewissen hat der Tyrann dir aus der Brust gerissen«, klagte einst Theodor Körner, und wer könnte guten Gewissens behaupten, daß es uns besser ergeht? Was man zu Metternichs Zeiten zu Unrecht »Demagogenverfolgung« nannte, mußte

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damals wie heute Patriotenverfolgung heißen. Rheinbund-Denken, Denunziantentum, Duckmäuserei - das war den Freiheitskämpfern der heroischen Zeit so zuwider, wie es den Aufrechten vom Schlage Diwalds heutzutage ist.

Viele Mitglieder der deutschen Historiker-Zunft sind bereits zu Lebzeiten auf beschämende Weise widerlegt worden. Was einem Politiker (kaum aber einem Staatsmann) verziehen werden kann, daß er Kompromisse mit der Wahrheitsliebe schließen zu müssen glaubt - für jeden, der auf wissenschaftliches Ethos und persönliche Ehre Wert legt, sind Verfälschungen aus Opportunität ein Makel. Das Jahr 1945 war eine solche Charakterprobe, die nicht alle bestanden.

»Das historische Erkennen. Untersuchungen zum Geschichtsrealismus im 19. Jahrhundert« - das war als thematisch-grundsätzlicher Ausgangspunkt der Arbeit richtungweisend. Ebenso vorbildhaft wurde für Diwald das gründliche Eingehen auf Wilhelm Dilthey und dessen Trachten, die Geschichtsforschung in der Nachbarschaft der Philosophie zu halten und einem platten Positivismus zu entgehen.

Die Kenntnis dieser Positionslichter macht den Werdegang des Historikers Diwald begreiflich. Strenge in der Forschung und im Umgang mit den Fakten, Verknüpfung der politischen, wirtschaftlichen und geistesgeschichtlichen Erkenntnisse, Anschaulichkeit der Darbietung - das hat seine Veröffentlichungen über den Kreis der Fachgenossen hinaus in die Hand vieler Gebildeter gebracht. Der Zusammenhang seiner Lehrbereiche Mittlere und Neuere Geschichte ist an vielen Stellen zu spüren; Kästchen-Denken, die Verlautbarung willkürlicher Ab-heute-beginnt-ein-neues-Zeitalter-Thesen wäre ihm nicht eingefallen; das Verkünden eines »Endes der Geschichte« gar, wie es Francis Fukuyama vom State Department mit unnachahmlicher US-Naivität im Sommer 1989 tat (um schon im folgenden Herbst widerlegt zu sein), konnte Hellmut Diwald nur belächeln.

»Dem Vaterland zu nutz und gut die Wahrheit mich bewegen tut«

das durfte der Streiter für das Reich und ›Journalist‹ Ulrich von Hütten mit gutem Gewissen schreiben - für den Historiker muß die Objektivität an erster Stelle stehen, sie sollte ihn aber auch nicht verlassen, wenn seine Einsichten für sein Land sprechen. Für den ernsthaften Wissenschaftler kann die Wahrheitsuche nicht für beendet erklärt werden, mit der Formel »Offensichtlichkeit« kann keine Behauptung der Nachprüfung entzogen werden. »Sichere Wahrheit erkannte kein Mensch und wird keiner erkennen über die Götter und alle die Dinge, von denen ich spreche. Sollte einer auch einst die vollkommenste Wahrheit verkünden, wissen könnt' er das nicht. Es ist alles durchweht von Vermutung. Nicht von Beginn an enthüllen die Götter dem Sterblichen alles, aber im Laufe der Zeit finden wir suchend das Bess're.« Welch kluge Bescheidenheit besaß Xenophanes!

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Es gibt offensichtlich zwei Arten von Betrachtern der Zeitgeschichte. Die eine (häufiger vorkommende) bestätigt mit ihren Deutungen das Geschehene; die zweite wird in ihren Deutungen vom Geschehen bestätigt. Unsere jüngste Vergangenheit erlaubte sich die Caprice, ein von niemandem erwartetes Ereignis (keiner behaupte anderes) - den friedlichen Aufstand der Mitteldeutschen als Auslöser fallender Mauern und weltweiten Umbruchs - glückhaft-freudenvoll über uns hereinbrechen zu lassen. Nie wurden Geheimdienste, Politologen und Ideologen blamabler genasführt. Die Druck- und Filmdokumente der großen Verlegenheit werden noch Generationen ergötzen. Und doch war der Dammbruch historisch zwangsläufig und, Teleologie beiseite gelassen, von tiefer Gerechtigkeit.

Jener so folgenreiche, für Deutschland erfreuliche Handstreich des Schicksals, nach Jahrzehnten der Demütigung durch nicht weniger schuldbeladene Sieger, bewies, daß auch noch so verfeinerte Beeinflussung es nicht vermocht hatte, das Bewußtsein einer Gemeinsamkeit der Deutschen zu tilgen. Wir waren jenes Land, durch das die Ideologen von Ost und West den scharfen Schnitt getan hatten, ihn mit Agitation, Beton und Stacheldraht verewigen wollten. Erst in den Schicksalstagen des Aufbrechens erfuhren wir, wie wenig aufrichtig die Fensterreden der Parteifunktionäre und unserer europäischen Verbündeten gewesen waren. Ein Stück Wahrheit enthüllte sich.

Hellmut Diwald durfte sich in seiner Zuversicht bestätigt fühlen, und das hat die schwere Zeit seiner todbringenden Krankheit aufgehellt. Auch darin fühlten wir uns verbunden: Dem gewerbsmäßigen Pessimismus der Medien und der von den Wortführern der veröffentlichten Meinung verbreiteten Depressivität setzten wir die überzeitliche Weisheit entgegen, die von vielen Großen auf uns gekommen ist, so wenn Goethe (dem manche absichtsvoll Nationalbewußtsein absprechen wollten) zur Standhaftigkeit mahnt: »Niemals darf ein Mensch, niemals ein Volk, wähnen, das Ende sei gekommen. Güterverlust läßt sich ersetzen. Über anderen Verlust tröstet die Zeit. Nur ein Übel ist unheilbar: Wenn ein Volk sich aufgibt!« 6

Ich verspreche Dir Unsterblichkeit

Hellmut Diwalds Leistungen wurden nicht mit dem Ziel vollbracht, sich in Büchern Denkmäler zu setzen und in seinen Schülern eine Gemeinde zu schaffen. Dazu waren die seinem Freimut entgegenstehenden Kräfte zu einflußreich, und er hat viel Kraft in der Abwehr boshaft-ungerechter, oft ehrverletzender Angriffe verbraucht.

Nichts war Diwald fremder als ein hemdsärmeliger Kampf um Positionen und Einfluß. Was er erreicht hatte, verdankte er seiner hohen Intelligenz, geistigen Universalität, fachlichen Maßgeblichkeit und seinem außerordentlichen Fleiß. Es ist eine oft gebrauchte Wendung, vom ahnungsvollen Bemühen zu sprechen, das auf die Vollendung einer Lebensaufgabe hindrängt; bei

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Diwald scheint sie berechtigt zu sein. Sein Werk voranzutreiben - dafür opferte er all die angenehmen Ablenkungen, die das Bekanntsein in der Öffentlichkeit mit sich bringt. Er schottete sich, oft genug zur Enttäuschung seiner Verehrer, ab, war nur ausnahmsweise für Vorträge zu gewinnen. Auch mir riet er, mich aufs Eigentliche zu konzentrieren, Zumutungen auszuweichen. »Tu das, was kein anderer tun kann, auch wenn man dir gram sein sollte.«

Hellmut war - mehr als seine zurückhaltende Art, durch die aber stets die seinem Wesen eigene Herzlichkeit hindurchstrahlte, erkennen ließ - gefühlsbetont und dünnhäutig. Ich erinnere mich schmerzlich eines einzigen Mißverstehens zwischen uns. Hellmut hat von persönlichen Sorgen eingehender mit meiner Frau gesprochen, mir gegenüber, wie unter Männern üblich, zurückhaltender; als ich auf eine Klage, aus gleicher Befangenheit, auf etwas burschikos-tröstende Weise antwortete (wie man sich als Soldat einst vor dem Tragischen in Galgenhumor rettete), wurde ich durch einen Gefühlsausbruch überrascht, dessen Wirkung auf mich wiederum Hellmut versöhnte.

Es hätte auch nicht der äußeren Ehrungen bedurft (die bezeichnenderweise nicht von »öffentlich-rechtlichen«, sondern von unabhängigen, idealistisch gesinnten Gremien verliehen wurden), um Hellmut Diwald die Anwartschaft auf Geltung in der Zukunft zu sichern. Wenn erst einmal die zeitbedingten Parteilichkeiten vergessen sind, wird sein Name im Licht stehen als der eines aufrechten Mannes, der sich in schwankender Zeit nicht schwankend gezeigt hatte. Durch den Schiller-Preis steht er neben dem Nestor der Weltraumforschung Hermann Oberth, der mit großer Offenheit unserer Zeit den Spiegel vorhielt (mir fällt auf, wie widersetzlich wir Grenz- und Auslandsdeutschen, im Gegensatz zu den meisten Binnenländern sind, der Siebenbürger Oberth, Südmährer Diwald, Schickel aus Aussig. . . ): »In unserer Gesellschaft stehen Anständigen und Spitzbuben die gleichen Wege offen - allerdings mit einem Unterschied: Die Spitzbuben bedienen sich zusätzlich gewisser Wege, die der Anständige scheut. So kommt es zu einer ständigen Anreicherung der höheren Gesellschaft mit Schurken.«

Von der Tugend des Wissenschaftlers im allgemeinen, dem Ethos des Historikers im besonderen

Als Lucien Febvre im Jahre 1933 den Lehrstuhl für Geschichte am College de France bestieg und die Antrittsvorlesung zur Gewissenserforschung der Historiker nutzte, durchbrach er die Schranke akademischer Höflichkeiten und rechnete schneidend mit den Positivisten und ihrem Kult mit »gegebenen« »Fakten« ab: »Gegeben? Nein, vom Historiker gemacht und weiß Gott wie oft umgemodelt. Erfunden und erzeugt, mit Hilfe von Hypothesen und Vermutungen, in einer heiklen und spannenden Arbeit.«

Dieser Fund hätte Hellmut Diwald erfreut - an der Berichtigung der so entstandenen, mit dem Firnis der offiziösen Billigung versiegelten Geschichts-

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bilder hatte er lebenslang gearbeitet. Er taugte nicht zum Hofhistoriographen, der abgehoben von harten Wirklichkeiten in den Medien das Tun (oder die Versäumnisse) der Machtinhaber deutet, begründet und rechtfertigt.

Lange bevor es in der westgebundenen Bundesrepublik Mode wurde, hatte Diwald Gesprächspartner im Osten Europas, etwa in der Person des klugen Russen Frenkin.

Notgedrungen haben Hellmut und ich uns über Erfahrungen mit Verlegern, Zeitschriftenherausgebern und Rundfunkanstalten unterhalten müssen. Mein Freund war durch sein Universitätsamt in der ungleich schwierigeren Lage, immer schwebte die Drohung einer Disziplinierung durch die Bürokratie über ihm. Nach meiner Erinnerung begann es mit dem Erscheinen der Geschichte der Deutschen im Jahre 1978. Wie er mir versicherte, war der Text dieses fundamentalen Werkes nicht nur vom Lektor begutachtet, sondern auch vom Verleger Axel Springer anläßlich der persönlichen Begegnung begeistert aufgenommen worden.

Es waren zwei Textstellen auf den Seiten 164 und 165 7, mit denen fachfremde Kreise beim Verleger die Einstellung der Auslieferung betrieben und eine Textänderung erzwangen. Die beanstandeten Stellen halten bis heute der kritischen Betrachtung stand und sollen hier dem Vergessen werden entrissen werden, auch als Hinweis darauf, daß mehr als ein Jahrhundert nach Metternich noch Zensur ausgeübt wird. »So nannten die alliierten Sieger Vernichtungslager, von denen es in Deutschland kein einziges gegeben hat. Oder es wurden jahrelang im KZ Dachau den Besuchern Gaskammern gezeigt, in denen die SS angeblich bis zu fünfundzwanzigtausend Juden täglich umgebracht haben soll, obschon es sich bei diesen Räumen um Attrappen handelte, zu deren Bau das amerikanische Militär nach der Kapitulation inhaftierte SS-Angehörige gezwungen hatte. [Erst nach dem Zeugnis eines Münchner Weihbischofs wurde es still um diese Fälschung. Der Verfasser] Ähnlich verhielt es sich mit dem berüchtigten KZ Bergen-Belsen, in dem fünfzigtausend Häftlinge ermordet worden seien. In Wirklichkeit starben in der Zeit, in der das Lager existierte, von 1943 bis 1945, rund siebentausend Personen, und zwar vorwiegend in den letzten Monaten des Krieges aufgrund von Seuchen und Unterernährung, da im Zuge des Bombenkrieges die medikamentöse Versorgung und Verpflegung zusammengebrochen war. Der britische Kommandant, der nach der Kapitulation das Lager übernahm, stellte fest, daß in Bergen-Belsen Verbrechen großen Ausmaßes nicht vorgekommen waren.« (Seite 164)

»Während des Krieges war unter dem Ausdruck ›Gesamtlösung‹ oder ›Endlösung‹ zunächst zu verstehen: Da eine Auswanderung nicht mehr möglich war, sollten die Juden in den Osten evakuiert, aus Zentraleuropa herausgelöst, von der deutschen Bevölkerung abgesondert und in neuen Ghettos zusammengefaßt werden. Diesen Plan umriß der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich am 24. Juni 1940. Was sich in den

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folgenden Jahren tatsächlich abgespielt hat, ist trotz aller Literatur in zentralen Bereichen noch immer ungeklärt. ›Auschwitz‹ ist das deutsche Stigma dieses Jahrhunderts. Es ist ein Symbol des Entsetzens, doch es ist auch symbolisch für die sowohl tatsächlich nachzuweisende als auch gegen besseres Wissen absichtlich hineingedeutete Gleichsetzung vom Dritten Reich und Deutschland. Dies freilich gehört zu dem Prozeß einer allgemeinen intellektuellsittlichen Verwirrung als Ergebnis radikaler Standortbezogenheiten und ideologischer Festlegungen, der in Deutschland bereits in den beginnenden dreißiger Jahren eingesetzt hat.« (Seite 165) Was daran fast einer Schwejkiade gleichkommt: Bei Anfragen nach der originalen ersten Auflage konnte Diwald den Rat geben: Bestellen Sie die vorliegende Auflage mit dem Ersuchen, Ihnen Ablichtungen der getilgten Sätze beizufügen.

Diese Vorgänge bescherten dem Historiker Diwald erst recht Bekanntheit. Widerwillig mußten ihn auch die Massenmedien beachten. Lebhaft steht mir eine Diskussionsrunde im Fernsehen vor Augen, als ihm eine Gruppe von Viertelsgebildeten, aber um so Arroganteren gegenübersaß und ihm politische Fallen zu stellen trachtete. Besonders ärgerlich empfand ich es, wie wenig sich ein verlegen krümmender Hans Maier, als seinerzeitiger Kultusminister Diwalds Dienstherr, zu einer mannhaften Verteidigung bereitfinden wollte (ihn aber im Amt beließ).

Was das politische Establishment in der Bundesrepublik in der Theorie immer wieder nachdrücklich fordert, Diwald hat es mehrfach zur Grundlage wahrer Demokratie erklärt. »Unser so wichtiges Grundrecht der freien Meinungsäußerung läßt sich nicht zweckmäßiger ergänzen als durch das genauso wichtige Grundrecht des freien Nachdenkens und des selbständigen Urteilens.« 8 In der Praxis ist solche Souveränität bei den Parteifunktionären weniger beliebt, sie wünschen sich insgeheim ein handsames Wahlvolk, Leute die schon aus alter Gewohnheit oder Resignation sagen: Was solls, Augen zu und. . . !

Mit Wehmut erinnere ich mich an gelegentliche Verwechslungen, die mir, nicht allein angesichts eines Altersunterschieds, schmeichelten. So wenn man auf einer Tagung auf mich zukam: »Ach, lieber Herr Professor, wir freuen uns, Sie kommende Woche bei uns zu hören. . . . '«Dem Erschrecken, keinen Termin an jenem Ort zu kennen, folgte die Erleichterung: »Sie meinen wahrscheinlich den Kollegen Diwald?«

Gewiß ist das Bildungspublikum, wie es für das neunzehnte Jahrhundert so prägend war, in seiner Breite geschrumpft. Die Notwendigkeit zur Spezialisierung, mehr noch aber die billige Zerstreuung hat keineswegs zur vielbeschworenen »Selbstverwirklichung« (fast ein Synomym für Egozentrismus) in der üppigen Freizeit geführt. Zum Verdruß der Nivellierer bildet sich dessenungeachtet eine Elite der Selbstdenker und Nonkonformisten heraus. In diesen Kreisen wurde der Historiker Diwald verehrt. Sie spürten, wie die Erfahrungen ihres Lebens durch die Erkenntnisse seines Forschens bestätigt werden.

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Anders als in vergangenen Epochen, als sich verantwortungsvolle Historiker naivem patriotischen Überschwang warnend entgegenstellen mußten, hat in unseren Tagen die Geschichtswissenschaft die Pflicht, pauschale Verunglimpfungen, mit denen man ein Volk zu neurotisieren trachtet, ebenso sachlich wie mutig abzuwehren.

»Die Kategorie Tradition ist wesentlich feudal.«

Wie immer Adorno das gemeint haben mag, ob als Lob, oder - wahrscheinlicher - als Vorwurf, es ist richtig. Es wird eine reizvolle Aufgabe für künftige Doktoranden sein festzustellen, wie viele Menschen Hellmut Diwald aus der Geschichtsvergessenheit der Nachkriegsjahrzehnte aufgeweckt hat. Wenn wir bei Botho Strauß lesen: »Was ist vergänglich, wenn das Gewesene lebt?«, dann berechtigt das für künftige junge Dramatiker, Poeten und Erzähler zu schönen Hoffnungen. Von der Erwartung, ausreichend viele politisch Handelnde könnten aus der Kenntnis der Geschichte Lehren ziehen, um alte Fehler nicht wiederholen zu müssen, wage ich nicht zu sprechen; schon Jacob Burckhardt wußte, daß weder Seele noch Gehirn des Menschen in historischen Zeiten zugenommen haben. Auch hieße es die Historie entwerten, wenn wir sie lediglich als Kladde mit Ratschlägen für das Bewältigen von örtlichen oder gar der täglichen Mißhelligkeiten ansehen würden. Die Zahl der beeinflussenden Faktoren ist so groß, daß auch ein Großrechner keinen verläßlichen Rat geben könnte.

Historisches Wissen und Bewußtsein ist in anderer, größerer Weise von Nutzen. Bismarck, der »eisern« genannte Kanzler, hat es besessen und nicht zuletzt auch aus solchem Verstehen und Empfinden als ein genialer Schachspieler (manche sprachen auch vom Jongleur mit fünf Bällen - den schwierigen fünf Mächten in Europa) dem Kontinent einen langen Frieden erhalten; Präsident Wilson, zuvor Professor für Geschichte und durchaus idealistisch gestimmt, stiftete mit Einflußnahmen in Europa Unheil, weil ihm der tiefere Sinn für weiterwirkende historische Bedingungen und Kräfte fehlte.

Das zweite moderne Imperium, die großrussische Sowjetunion, zerbrach nicht nur am wirtschaftlichen Desaster, sondern insbesondere an der Künstlichkeit seiner Ideologie, die sich nur in Notzeiten (»Großer Vaterländischer Krieg«) der geschichtlich gewachsenen Kräfte entsann. Diwald hat solche Faktoren in allen seinen Büchern gewürdigt, und weil das in unserer materiell und universalistisch programmierten Gesellschaft nicht gern gesehen wurde, hatte er deren Mitschwimmer gegen sich.

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Medien - die unkontrollierte vierte Gewalt (oder mittlerweile schon die erste?)

Hellmut Diwald hat unter den Angriffen und den Entstellungen in der Presse mehr gelitten, als er sich - im Bewußtsein eines guten Gewissens - äußerlich anmerken ließ. Auch das Fernsehen machte keine Ausnahme. Als die Nachrichtenredaktion eines Senders anläßlich des Todes von Großadmiral Dönitz Diwald um eine Drei-Minuten-Charakteristik dieses Mannes ersuchte, schnitt man die ausgewogene Stellungnahme so sinnentstellend zusammen, daß eine totale Fälschung zustande kam. Über die zahlreichen Anrufe, Briefe und persönlichen Anreden war Hellmut tief unglücklich, kam auf diese Enttäuschung immer wieder zu sprechen.

In meinem »Freundschaftlichen Zuruf zum 60. Geburtstag« in der Sudetendeutschen Zeitung habe ich geraten: »Meide Illustrierte, die nur an Denkschablonen interessiert sind«, und Hellmut hat mir, als ein gebranntes Kind, recht gegeben. Im Rahmen eines Kolloquiums des Münchner Instituts für Zeitgeschichte 9 im Jahre 1981 kam das Buch des Amerikaners Calleo Legende und Wirklichkeit der deutschen Gefahr zur Sprache, in dem der bemerkenswerte Satz steht: »Viele deutsche Autoren scheinen eine Art perversen Vergnügens daran zu finden, ihrem eigenen Volk eine einzigartige Schlechtigkeit zuzuschreiben, die es von der übrigen Menschheit abhebt.« Dieser Einsicht wurde in München leider nicht weiter nachgegangen.

Auch in Stuttgart war der vierzigste Jahrestag des Kriegseintritts der USA Anlaß für eine rückblickende Tagung. In die gewohnheitsmäßige Einäugigkeit der Betrachtung mischten sich Zweifel, so wenn Konrad Adam 10 an das Thema »Schuld an Pearl Harbor« den Gedanken knüpft: »So mögen sich Berichte erklären, die Roosevelts Stimmung am Abend des Tages, der die Vereinigten Staaten mehr als zweitausend Tote und vier Schlachtschiffe gekostet hatte, als heiter und gelöst schildern.« Seit den Berichten des Legationsrats Dr. Karl Otto Braun wissen wir es noch genauer.

Daß seit längerem in ernsthaften Veröffentlichungen - zu denen Blätter von Bild bis Stern nicht zählen - nicht mehr so bedenkenlos die aus der alliierten Kriegspropaganda stammenden Klischees verbreitet werden können, ist nicht zuletzt der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt unter ihrem Leiter Dr. Alfred Schickel zu danken. Professor Diwald hatte sich von Anbeginn als stellvertretender Vorsitzender zur Verfügung gestellt, selbst wichtige Beiträge geleistet und als Ratgeber mitgeholfen, wichtige Referenten zu gewinnen. Nahezu alles, was von amtlich besoldeten Kräften für eine objektive Zeitgeschichte hätte geleistet werden sollen, haben Institutionen wie die erwähnte ZFI leisten müssen. Es dürfte einmalig in der Geschichte sein, daß ein Staat seinen geistigen Anwälten mit Mißtrauen, ja Ablehnung begegnet.

Was wir Sudetendeutschen an Hellmut Diwald besaßen, wird von anderen Autoren gewürdigt werden. Ich will hier nur zitieren, was Alfred Schickel in

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seinem schönen Nachruf 11 aus seiner intimen Kenntnis erwähnt. »In einem vertraulichen Gespräch mit einem hochrangigen Abgesandten der seinerzeitigen Moskauer Akademie der Wissenschaften, der ihn nach den wünschenswerten Grenzen eines wiedervereinigten Deutschlands fragte, beschrieb Hellmut Diwald im Sommer 1987 seine Vorstellung von einem vereinten Deutschland und war erstaunt, daß er auch über den künftigen Verbleib des Sudetenlandes etwas sagen sollte. Für seinen sowjetischen Besucher war dieses Gebiet Jahrhunderte altes deutsches Land‹, über welches ›infolge Fehlens eines Friedens Vertrages noch nicht das letzte Wort gesprochen sei.«

Mitleid ist billig zu haben, Neid muß man sich verdienen

Solange Hellmut Diwald über zurückliegende, also ideologisch unverfängliche Themen schrieb, haben ihm so gut wie alle Fachgenossen Anerkennung gezollt. Wilhelm Dilthey, Freiheit und Toleranz in der abendländischen Geschichte, Wallenstein, Politik der preußischen Hochkonservativen 1848 bis 1866, insbesondere der Band Anspruch auf Mündigkeit in der Propyläen-Weltgeschichte für die Zeit von 1400 bis 1555 - das waren Gegenstände, die seine Kompetenz nicht in Frage stellten.

Die einschneidende Wende in der Bewertung Diwalds durch die domestizierte Historikerzunft kam mit der Herausgabe der Geschichte der Deutschen. Der Verfasser hatte eine Gegenchronologie für die Erzählweise gewählt aus der Erkenntnis, daß die junge Generation unserer Tage an Aktuellem mehr Geschmack finden würde als am üblichen Beginnen in grauer Frühzeit. Ich habe im Gespräch aus meinen Bedenken kein Hehl gemacht - konnte ja dieses Prinzip ganz naturgemäß nicht folgerichtig eingehalten werden, der Stoff mußte in Abschnitte unterteilt, und innerhalb dieser mußte in gewohnter Abfolge berichtet werden. An dieser Form bissen sich Kritiker fest.

Boshafter waren jene, die mit dem Schlagwort »Verharmlosung« gegen den Autor vorgingen, ihn verleumderisch in eine extremistische Ecke zu stellen trachteten. Wie leider in unseren Tagen so oft, waren auch in diesem Falle Kollegen im Ausland gerechter als gewisse Fachgenossen hier, die ihre Dogmen mit Zähnen und Klauen, das heißt auch mit unlauteren Mitteln, verteidigen.

Über das Grab hinaus

Sollte der Leser Zweifel an der Berechtigung meiner Vorwürfe haben - was Hellmut Diwald nach seinem Tode in der wohl einflußreichsten Tageszeitung nachgerufen wurde, war schmachvoll für den Schreiber.

Aus naheliegenden Gründen war die Verbindung mit dem Todkranken in den letzten Wochen schwierig. Die Stunde zu erraten, in der die Behandlungsmaßnahmen ein Gespräch zuließen und für den Patienten erwünscht mach-

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ten, war ein Glücksfall. So kam letztlich die Nachricht vom Ableben selbst für die Freunde überraschend.

Dann in den Schmerz hinein jener Text von Gustav Seibt 12 unter dem albernen Titel »Heilsverlangen« - es gab keinen realistischeren Gelehrten als Hellmut Diwald. Selten hat sich Haß so entlarvt wie an dieser Stelle, an der selbst ein Gegner dem Gefühl der Pietät, und das will Respekt und Ehrfurcht bedeuten, den Vortritt läßt. »Mit dem Tod des Historikers Hellmut Diwald verschwindet [!] ein Stück ältestes Deutschland aus unserer verwirrten Republik. Doch dieses Alte war nichts Überlebendes, in Tradition Bewahrtes, sondern etwas Wiederaufgewärmtes und daher Böses und Aggressives.« Vom Pöbelhaften einmal abgesehen - Falscheres zu sagen war nicht möglich. Gegen das Abgestandene westdeutscher Selbstzufriedenheit war dieser Historiker ein erfrischender Luftzug, der- und das ist der eigentliche Grund der Abneigung - die noch nicht Eingeschläferten durchatmen ließ.

Nach einigen gönnerhaften Passagen über die nicht wegzudiskutierenden Bucherfolge: »Seither vertraute Diwald immer ungeschützter seinen unleugbaren schriftstellerischen Talenten.« Wo, bitte, hätte er Schutz suchen sollen, wenn nicht beim verantwortungsvollen Anwenden seines Fachwissens und seiner Lebensklugheit? Die literarische Form war ja schließlich für jedes Werk Diwalds nur die ästhetische Hülle eines in verantwortungsvoller und redlicher Weise erarbeiteten Inhalts.

Und dann der schwere Hammer, mit dem noch immer die Unbotmäßigen ›plattgemacht‹ werden: ». . . die ressentimentgeladene und lückenhafte Darstellung des ›Dritten Reiches‹, in der die Massentötungen an den Juden heruntergespielt werden.« Nur vier Monate nach Seibts Beschimpfung meldeten die großen Zeitungen 13 Berichtigungen der Opferzahlen, die weit über die Zweifel Diwalds hinausgingen. »Die Gesamtzahl der Auschwitz-Toten gibt [Jean-Claude] Pressac mit rund 800 000 Toten an. . . Nach Kriegsende hatte die sowjetische Auschwitz-Kommission die Gesamtzahl der Toten mit 5,5 Millionen angegeben. Polen blieb bis 1990 offiziell bei vier Millionen. Danach korrigierte der polnische Historiker Francis Piper die Schätzung auf 1,1 Millionen und kam damit seinem US-Kollegen Raul Hilberg sehr nahe, der von l,2 Millionen ausging.« Über den leichtfertigen Umgang mit Angaben von solcher Schwankungsbreite kann man nur staunen; Diwald hatte mit seiner vornehmen Zurückhaltung, als er sich nicht an makabren Zahlenspielen beteiligte, sein Format bestätigt. Seibt hingegen machte sich lächerlich mit der Behauptung: »Damit war Diwald endgültig zum Außenseiter geworden, der entsprechend immer weniger Rücksichten nahm.« Politmasochisten haben wir, Ehrenmänner nicht genug.

»Ein Teil von Diwalds Thesen wurde durch die Ereignisse von 1989 widerlegt, so sein antiwestlicher Impuls.« Zur Ehre der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sei festgehalten, daß sie dem leidenschaftlichen Widerspruch - nicht nur durch mich - Raum gab. Dr. Wolf gang Venohr, Berlin, schrieb 14: »Hellmut

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Diwald, den Gustav Seibt noch im Tode schmäht. . . , war ein großer deutscher Historiker. Dafür stehen seine glänzende Wallenstein-Biographie und seine geistvoll-engagierte Disputation mit Sebastian Haffner in der Fernsehserie Dokumente Deutschen Daseins. . . Wichtiger aber für Diwalds Nachruhm ist, daß er ein großer deutscher Patriot war. Sein Wirken vollzog sich allerdings hinter den Kulissen. In den Jahren 1985 bis 1989 gehörte er zu einer Handvoll Leute, welche die sowjetische Führung und ihre Abgesandten, die permanent durch Westdeutschland reisten, mit einer wohlgezielten Kampagne von Ratschlägen, Denkschriften, Büchern, Artikeln, Hinweisen, Memoranden und konkreten Modell-Vorschlägen zur deutschen Frage‹ versorgte. - Der dramatische Wandel in der sowjetischen Deutschland-Politik im April 1989, der eineinhalb Jahre später zur Wiedervereinigung Deutschlands führte, ist nicht zuletzt auf diese ›Anregungs-Strategie‹ einer Handvoll gesamtdeutscher Patrioten, darunter Hellmut Diwald, zurückzuführen. Ich bin ganz sicher, daß die Verdienste Diwalds eines Tages gewürdigt werden. Mag dem aber sein, wie ihm wolle - es gibt Grenzen des Zumutbaren. Achtung vor dem politischen Gegner angesichts des Todes und Verzicht auf Leichenschändung scheinen mir unabdingbare Voraussetzungen menschlicher Pietät und Kultur.« Vernichtender kann eine Abfuhr nicht sein.

Professor Dr. Karl H. Metz vom Institut für Geschichte an der Universität Erlangen machte an gleicher Stelle seinem Unmut Luft: »Es gibt Formen der Verächtlichkeit, die selber verächtlich machen. Sehr viel mehr läßt sich zu den Äußerungen von Seibt zum Tode von Hellmut Diwald kaum sagen, denn wie wollte man noch mit Worten jemanden berühren, der einem Toten ins Grab spuckt.«

Burkhart Berthold, München 15, fühlte sich ebenfalls verpflichtet, jene törichten Seibt-Behauptungen so nicht stehen zu lassen. »Anläßlich seines Todes bekam Hellmut Diwald noch mal so richtig Saures. Gustav Seibt zitierte alles, was so noch nie gestimmt hatte, aber immer schon behauptet worden war. . . Wer die Zunft kennt, weiß, welch mörderische Vorwürfe hier versammelt sind. . . Offenbar ist nicht einmal ein toter Diwald ein guter Diwald. Tatsächlich war Hellmut Diwald einer der wenigen deutschen Historiker, die gelesen wurden.« »Die Lebenslügen unserer Gesellschaft hat Diwald in einer Konsequenz benannt wie außer ihm vielleicht nur noch. . . Joachim Fernau. . . Mit Hellmut Diwald starb ein Störenfried - das macht nichts deutlicher als die risikolose Philippika in Ihrer Zeitung.«

Man erlaube mir ausnahmsweise, mich zu zitieren. In der gleichen Ausgabe erschien meine Widerrede. ». . . Natürlich war Hellmut Diwald kein Bonner Hofhistoriker und wollte es gewiß nicht sein. Er erfüllte die so oft erhobene Forderung nach Pluralität der Meinungen - und er besaß eine ernst zu nehmende. Geprägt von Herkunft und Schicksal, war Diwald - unter anderem auch - ein homo sudeticus. Behäbigkeit lag ihm am allerwenigsten, Ulrich von Hutten hätte ihn als Gefährten begrüßt. Ist es strafwürdig, die Reichseinheit zu

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erstreben? Für die Taktik der Tagespolitik hatte Diwald durchaus Verständnis, zugleich jedoch warb er dafür, nationale Ziele nicht aus dem Auge zu verlieren. Verachtet hat er Würdelosigkeiten - das hat ihm Feinde eingetragen. ›Zum Teil widerlegt?‹ Wenige Historiker dürfen sich durch den Gang der Geschichte so bestätigt fühlen wie der Erlanger Lehrstuhlinhaber aus Südmähren: Bezeichnenderweise kam der Anstoß zur Vereinigung aus den ostmitteldeutschen Ländern und stieß am Rhein weitgehend auf Verlegenheit. Und wenn es nach Paris, London und Straßburg gegangen wäre, hätten wir noch ein Jahrhundert lang Wiedervereinigungsrhetorik anhören dürfen.

Seine zuletzt gewählte Rolle des Querkopfs [so im Titel eines seiner Bücher, der Verfasser] ist in Wahrheit Souveränität. Einen Altnationalen hätten die Kollegen und die Politiker herablassend hingenommen; aber gerade das war Diwald nicht, er entzog sich dem Eingeordnetwerden in Schubladen. Das und die von Seibt im Nebensatz anerkannten ›unleugbaren schriftstellerischen Talente‹ werden ihm das Weiterleben im Kreis der gebildeten Selbstdenker sichern.«

Eine ausgewogen wertende Würdigung veröffentlichte Günther Deschner in der Welt. 16 »Den einen galt er als großer Mittler zwischen Geschichtswissenschaft und Publikum, als ein Erzähler und Historiker von internationalem Rang, den anderen als Vordenker der National-Konservativen in Deutschland: Hellmut Diwald. . . Frühe wissenschaftliche Reputation kam mit der Edition des Nachlasses Ludwig von Gerlachs, eines konservativen Politikers der Bismarck-Zeit, und vor allem mit einer Studie über den Philosophen Wilhelm Dilthey. Zu einem der bekanntesten Historiker Deutschlands machten ihn aber Bücher, die über den wissenschaftlichen Rahmen weit hinausgingen. Daß er Geschichte packend zu ›erzählen‹ vermochte, damit Brücken in eine Vergangenheit schlug, erklärt den Bestseller-Erfolg seiner Werke - aber auch die Ablehnung vieler Kollegen. . . Der Zorn über die Zwangsvorstellung, die dunklen Seiten des Dritten Reiches seien der logische Zielpunkt der deutschen Geschichte gewesen, ließ Diwald immer freimütiger - auch überzogen -reagieren. Opportunistisch war er nie, der heftigen Kritik zum Trotz.«

Wie groß die Wertschätzung für Hellmut Diwald und wie tief der Unmut über Seibts üble Nachrede war, erfuhr ich durch Briefe und Anrufe. Der Inhaber eines Philosophie-Lehrstuhls schrieb: »Von Diwalds Tod erfuhr ich nur auf Umwegen. Hutter hatte den infamen Artikel in der FAZ gelesen. . . Aber Deine gestrige Replik ist sehr gut. Diwald verdiente ein Erinnerungsbuch. Ob man so etwas nicht organisieren könnte? Ich täte mit meinen bescheidenen Kräften mit.« Von Zeitungen kam der Wunsch, einen längeren Nachruf aus der Sudetendeutschen Zeitung 17 nachdrucken zu dürfen. Es zeigte sich, daß das Manipulieren der öffentlichen Meinung an Grenzen stößt.

Je mehr der Historiker Diwald an Profil gewonnen hatte, desto mehr verstärkte sich die Phalanx jener, die ihn schmähten. Die Zeit hatte einen Beitrag über ihn mit einer Karikatur versehen, die ihn als rückwärtsblickenden,

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verkehrt auf dem ritterlich aufgezäumten Pferd sitzenden Reiter darstellt. Die Süddeutsche Zeitung 18 hatte in die gleiche Kerbe geschlagen. Zur Geschichte der Deutschen fiel dem Rezensenten Diehl-Thiel nichts Klügeres ein, als über den Verfasser zu schreiben:». . . entpuppt sich der bisher geschätzte Autor als ein deutschnationaler Nörgler, vollgepumpt mit Ressentiments, die ein abwägendes historisch-politisches Denken und Argumentieren nicht zuließen und somit bei ungeschulten Lesern wiederum nur Emotionen anrühren. Das erste Kapitel ist ein Beispiel für Realitätsverlust, wie er in der westdeutschen Gesellschaft nur noch selten anzutreffen ist. Die Aversion zum Beispiel gegen die westlichen Siegermächte knüpft an eine ausgedörrte Tradition an.« »Nahezu jede seiner Thesen, von den miserablen Formulierungen ganz abgesehen, ist anfechtbar. Diwald gehört zu den Leuten, die um staatliche ›Einheit‹ der Deutschen mehr besorgt sind als um die Absicherung einer freiheitlichen Verfassung.«

Der Tonfall verrät die Wut, jeder Satzteil beleuchtet die von der geschichtlichen Entwicklung aufgedeckte Engstirnigkeit.

»Aber freilich, um eine große Persönlichkeit zu empfinden und zu ehren, muß man auch wiederum selber etwas sein«, so sprach Goethe am 13. Februar 1831 zu Eckermann. Otto von Bismarck wiederum entzog sich den Lobrednern wie den Mäklern: »Meine Ehre steht in niemandes Hand als in meiner eigenen, und man kann mich damit nicht überhäufen; die eigene, die ich in meinem Herzen trage, genügt mir vollständig, und niemand ist Richter darüber.«

Hellmut Diwald nahm sich die Freiheit

»Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten!« wußte Lessing; unser Freund Diwald litt an der Tatsache, daß in der westdeutschen Öffentlichkeit die Phrase so beliebt, das offene Manneswort so selten geworden waren. Er wollte sich am Maskenspiel nicht beteiligen, und da es ihm nicht lag, sich im universitären Elfenbeinturm zu verschanzen, geriet er mit Aussagen, die unsere deutsche Gegenwart betreffen, mit jenen, die zweckbestimmte Dogmen verinnerlicht hatten, in Konflikt. Manche Themen dürfen nur nach vorgegebener Sprachregelung behandelt werden. Diwald indes wich heißen Eisen nicht aus.

Da ist der engere Kreis, der ihm durch seine Herkunft nahelag - die sudetendeutsche Frage. Nach strenger DDR-Desinformationstrategie, die in westlichen Hirnen überlebt, ist jeder Hinweis auf die wahrhaft singuläre Vertreibung von mehr als drei Millionen Deutschen aus Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien ein verwerfliches Unruhestiften. In ihrer gespaltenen Moral ist es diesen sonderbaren Humanisten ein leichtes, volle Wiedergutmachung zu fordern, wenn andere, ihr Wohlwollen genießende Gruppen, vom Unrecht betroffen sind. Hellmut Diwald hat in der sudetendeutschen Frage die Probleme Mitteleuropas konzentriert gesehen, und da ihm der österreichische Faktor

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von Haus aus und der preußische durch fachliche Hinwendung (v. Gerlach, Im Zeichen des Adlers) gleichermaßen vertraut waren, vermochte er neue Aspekte aufzuzeigen. Die Geschichte Böhmens wie jene der tschechischnationalen ›Erwecker‹ kannte er wie nur wenige unter den zeitgenössischen Historikern. Er brauchte um seine Objektivität nicht zu fürchten, wenn er sich durch Mitgliedschaft zur Sudetendeutschen Landsmannschaft als Gestaltung der Volksgruppe im Exil und zum Witikobund als Gemeinschaft der Überzeugungstreuen bekannte.

Die zweite Diwald angekreidete »Sünde« waren seine Begabung und sein Wille, Geschichtswissen wieder unters Volk zu bringen. Ein fundamentales Ziel der Umerziehung war es, die Deutschen vom Bewußtsein ihrer historischen Wurzeln und von der Kenntnis der Entwicklung ihres Geschickes abzuschneiden. Mit primitiven, als Abwertung gemeinten Verknüpfungen (Arminius - Luther - Friedrich der Große - Bismarck - Hitler) trachtete man, die Epochen aus dem Gedächtnis zu streichen, die Geschichte mit 1945 oder 1949 beginnen zu lassen.

Diwald hat grundsätzlicher als andere über die Bildhaftigkeit der Geschichtsschreibung nachgedacht. Ein Kapitel im Querkopf 19 ist überschrieben: »Von der Sünde, sich kein Bild zu machen«. Er stellt in Frage, was der ältere Dumas meinte - daß die Geschichte lediglich der Nagel sei, »an dem das Bild hängt«, und stimmt Wittgenstein zu: »Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit.«

Anknüpfend an eine Bemerkung Friedrich Meineckes, des Altmeisters der Historiographie - »Begriffliches Denken folgt dem anschaulichen Denken auf dem Fuße und läßt sich den Versuch nicht nehmen, das schärfer zu umgrenzen, was zuerst nur anschaulich-lebendig vor Augen stand« -, beharrt Hellmut Diwald auf der Anschauung: »Das liest sich überzeugend, und doch ist gerade dieses Verfahren der Hauptgrund dafür, daß die Mehrzahl der heutigen Geschichtsbücher so verheerend langweilig sind. Das ›scharfe Umgrenzen‹ der Wirklichkeit durch die begriffliche Sprache raubt dieser Wirklichkeit das Anschauliche, also dasjenige, was des Anschauens wert ist, säbelt ihr das Fleisch und die Muskeln von den Knochen.« 20 Um nur ein Beispiel unter ungezählten zu nennen: Wie Diwald in Heinrich der Erste den Wald des zehnten Jahrhunderts im Herzen Deutschlands auf mehreren Seiten beschreibt, das gibt dem Leser erst eine Vorstellung von so ganz anderen Bedingungen, denen der Mensch, als Krieger oder Königsbote etwa, ausgesetzt war. Es ist nicht nur der sprachliche Stil, mehr noch die Vorstellungs- und Einfühlungskraft des Verfassers - würde die Vermittlung der aus Urkunden gezogenen Fakten zum Beruf des Historikers genügen, wir müßten uns mit Chronologien, Namenslisten, Reisewegskizzen des Kaisers und ähnlichen zwar belegten, aber dürren Daten begnügen. Die Leistung des Geschichtsschreibers liegt darin, Wahrhaftigkeit mit schöpferischer Gestaltungskraft zu vereinbaren. Diwald vermochte es.

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Ein Drittes, mit dem sich der Historiker bei den »Verfassungspatrioten« unbeliebt gemacht hatte, war ein für ihn Selbstverständliches. Da der Rahmen, in dem das deutsche, zuvor germanische Schicksal seit mehr als zweitausend Jahren abläuft, Veränderungen erfahren hat, konnte er ihn nicht vom Staatlichen, sondern nur vom Volklichen als dem Beständigen begrenzen. So finden in seinen Werken zur deutschen Geschichte nicht nur die Dithmarscher und Baltendeutschen, Thüringer und Liechtensteiner Beachtung, sondern auch die Siebenbürger Sachsen und die Tiroler einen Platz. Politiker mögen sich zur real existierenden Decke strecken - dem Geistigen sind die Hügel nicht zu beschneiden.

Als einer der wenigen mit Öffentlichkeitswirkung fand sich Diwald zu keiner Zeit mit der Totalamputation Deutschlands ab. Daß er nicht allein die Vaterlandsvergessenheit der Linken geißelte, sondern auch das oft Heuchlerische im christlich-bürgerlichen Lager beim Namen nannte, beraubte ihn des letzten Schutzes. »Die Stimmen derjenigen, die sich nicht mit dem Baldrian der ›Illusionen‹ Adenauers zufriedengaben, wurden im Lauf der Zeit immer seltener. Dem SED-Regime konnte man in dieser Zeit alles mögliche vorwerfen. Aber man konnte ihm nicht vorwerfen, daß es sein Vasallenverhältnis zu Moskau mit Lügen verbrämt hätte. Dagegen war es ein Merkmal der Unionspolitik Adenauers, hinter dem Wedel der Wiedervereinigung konsequent die nationale Verwurzelung und damit Deutschland zu zerstören. Für ihn gab es nur Westdeutschland als Restdeutschland, untrennbar gefesselt an das wirtschaftliche Kleineuropa, jenes Glacis, über das die Schutzmacht USA nicht etwa nur den militärischen Schirm hielt, sondern das sie so viele Jahre als Schlachtfeld des Dritten Weltkrieges betrachtete.

Hin und wieder brach selbst bei Unionspolitikern die Ehrlichkeit durch. So erklärte im September 1961 Franz Josef Strauß, damals Verteidigungsminister, im Fernsehen: ›Daß unsere Politik nie zur Wiedervereinigung führen konnte, lag von Anfang an auf der Hand. ‹ Wohin sie führte, das entwickelte Strauß wenige Jahre später in einem Buch: ›Jeder Versuch, die deutsche Wiedervereinigung auf nationaler Grundlage zu errichten, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Zudem wäre dadurch der Zusammenbruch der europäischen und atlantischen Welt bedroht. ‹. . . Ein Biograph Charles de Gaulles nannte die Dinge beim Namen: › Adenauer fügte sich nach de Gaulles Ansicht am ehesten in seinen, de Gaulles, alten Traum von einem verstümmelten, an Frankreich grenzenden Deutschland im Rahmen einer Gemeinschaft namens Europas« 21

Dazu paßt ein Wort Bismarcks; als der zaristische Außenminister Gortschakow 1877 den Krieg gegen die Pforte einfädelte und an den Zusammenhalt der christlichen Mächte appellierte, äußerte sich der Kanzler kühl: »Ich habe das Wort ›Europa‹ immer im Munde derjenigen Politiker gefunden, die von anderen Mächten etwas verlangten, was sie im eigenen Interesse nicht zu fordern wagten.«

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Wenn schon vermeintliche Hoffnungsträger wie Adenauer und Strauß die Mitteldeutschen abgeschrieben hatten, wie hätten wir von den sogenannten Linksliberalen in verschiedenen Parteien eine Vertretung deutscher Interessen - von Politruks vom Schlage Wehner und Wiegand ganz zu schweigen -erwarten dürfen?

Zum Vierten und zu ›böser‹ Letzt: Der Wissenschaftler Diwald hat sich als nicht dressierbar erwiesen. Die 68er Generation hatte er angesichts ihrer begreiflichen, aber fehlgeleiteten Emotionen zunächst mit verständnisvollem Interesse beobachtet, aber weder die Etablierten noch die Aufrührer konnten seine Unabhängigkeit beeinträchtigen.

Diwalds Neigung, Stellung zu beziehen und Meinungen zur Zeit zu äußern, wuchs parallel zu seiner Arbeit an historischen Stoffen. (Als Bestätigung des Achtundsechziger-Spruchs »Erfahrung macht reaktionär« kann man die Reifungsprozesse interessanter Zeitgenossen sehen - ich denke dabei an Nolte, Sander, Bavendamm. ) »Nun gehört es zwar zur Gewerbefreiheit des Historikers, seine Grundsätze weder für Parteibücher noch für bloße Meinungen aufs Spiel setzen zu müssen, was aber einmal die Fackel der Wahrheit war, verbrennt heute kaum noch die Barte anderer, sondern zumeist die eigenen Finger. Ist das Grund genug, heiße Eisen nicht anzufassen? Kann sich der Historiker vor solchen Zumutungen nicht dadurch retten, daß er die Arena der politischen Kämpfe meidet und nur als stummer Zuschauer auf den Rängen teilnimmt? - Die Antwort darauf hat schon der Alt- und Großmeister der deutschen Geschichtsforschung gegeben, Leopold von Ranke: ›Geschichte kann man nicht ohne den Impuls der Gegenwart studieren. ‹« 22

»Wer die Wahrheit kennt, lasse die Welt nicht in der Lüge.« Aus den Gathas des Zarathustra

An anderer Stelle ist Hellmut Diwald dem Bruch mit der abendländischen Tradition der Wahrhaftigkeit und Offenheit mit dem persönlichen Bekenntnis entgegengetreten: »Historische Analyse ohne Rücksicht auf das, was heutzutage bei uns entweder als opportun oder allgemeinpolitisch wünschenswert angesehen wird, ist mit den unerfreulichsten Risiken verbunden. Kann man sie umgehen, kann man sich den Heckenschützen der Niedertracht entziehen? Ja, soll man sich ihnen entziehen?« 23

Die Pflicht zur Wahrheit wird nicht dadurch aufgehoben, daß nur edle Menschen sie zu schätzen wissen. Das wußte Bismarck, als er bitter vermerkte: »Der Wahrheit ist ein kurzer Sieges tag beschieden zwischen der Zeit, da sie als paradox verlacht, und der anderen, da sie als trivial gering geschätzt wird.«

»Ja sogar über unser Dasein hinaus sind wir fähig, zu erhalten und zu sichern; wir übertragen Gesinnungen so gut als wie Besitz.«

Goethe 24 ist der Beweis dafür; zu seinen Lebzeiten, in den Jahrzehnten, da er im Schatten der Wirkung Schillers stand, und erst recht, als Freud-Schüler

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sich an ihm rieben, war er ein Leuchtfeuer, und er wird ein das Maß Gebender bleiben. Auf verwandte Weise wird das beispielhafte Leben Hellmut Diwalds und sein Werk, dem viel von der Kraft Luthers und dem stilistischen Glanz des Sprachmächtigen eignet, über das physische Ende hinaus strahlen.

Bezeichnend für den Kleinmut deutscher Intellektueller ist, daß im Vorfeld der Planung zu diesem Buch einer davor warnte, den »wissenschaftlichen Rang Diwalds zu popularisieren«. Die Geltung deutscher Gelehrsamkeit im neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhundert wurde nicht zuletzt von den offenen, geistig aufgeschlossenen und Fakultätsgrenzen überschreitenden wissenschaftlichen Gesellschaften und Zirkeln gefördert, nicht nur in Berlin, Göttingen und München, sondern zum Beispiel auch in Leipzig zwischen 1870 und 1910, wo die Beziehung zwischen Hochschullehrern, Kaufleuten und Verlegern eng und anregend war, bis hin zum »Debattierkränzchen« im Café Hannes. Auf verschiedenen Ebenen trafen sich damals Tenbruck, Lamprecht, Wundt, Hellpach, gelegentlich auch Mach, Husserl und Avenarius. Damals wurden Fächer wie Landesgeschichte und Heimatkunde (Theodor Ratzel) begründet, Völkerpsychologie gelehrt. Jene Männer hatten keine Berührungsängste, gaben sich Mühe, verstehbar zu bleiben.

Ich besitze einen schönen Beleg für die Ablehnung eines scheinelitären akademischen Hochmuts durch Diwald. Als ich durch einen auf Grundsätzliches zielenden Text die recht verschiedenartigen Beiträge des Eröffnungsbandes der Schriften der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste 25 zusammenzuführen versuchte, sandte ich das Typoskript an den Freund mit der Bitte zu prüfen, ob er den Aufsatz nicht zu volkstümlich neben den sehr speziellen fände. Er schrieb zurück: »Ich wünschte, er könnte als Auftakt des Bandes veröffentlicht werden. . . das Nicht-Verquere (das ich bewundere), zu dem unsereiner - durch die ungesunde Distanzierung der Universität vom täglichen Leben und der damit zusammenhängenden Gefahr einer beständigen, im einzelnen kaum noch spürbaren Verkrüppelung des Geistigen - kaum noch einen Zugang hat oder manchmal fast verzweifelt darum kämpft,. . . großartig ausgewogen und doch nicht liebedienerisch gefällig nach den verschiedenen Seiten hin. Vor allem: Er hat klare, harte Kontur.« (20. Mai 1980)

Im Brief vom 14. Oktober 1981 äußerte er sich grundsätzlich (zur Replik auf seinen größeren Zeitungsbeitrag): »Es geht mir durchaus nicht um so etwas wie Dritter Weg und Neutralismus. Das habe ich in den letzten Absätzen meines Artikels deutlich genug gesagt. A. v. Weiss hat mich nicht verstanden oder verstehen wollen. Du hast recht: Die geistig-psychische Lage bei uns ist verheerend. Mir geht es zunächst nur um das Wachrütteln unseres Selbstbewußtseins. Das wird lange dauern. Aber wir müssen damit doch anfangen. Das beginnt mit einer gründlichen Positionsbestimmung. Wissen wir Deutsche denn noch, was wir wollen? Weißt Du die (eine) Antwort? Wenn ja, sag sie! Wenn nein: Such danach! Darum geht es mir. . .«

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Aus dem Brief vom 20. Dezember 1987 (Ich hatte einen Leserbrief zu einer törichten Kritik geschrieben): ». . . Du bist einfach ein Freund. Es gibt nicht viele, die das sagen können, ich kann's. Ich kenne die Rez. aus der FAZ nicht. Habe erst vor einer Woche davon erfahren. Dann durch Deinen Brief. Ich will sie auch gar nicht lesen, denn ich weiß, daß von Marcel Reich-Ranickis Zuständigkeit nichts zu erwarten ist. Außerdem habe ich andere Sorgen - zumal ich schließlich auch (weil ich im Grunde naiv bin) verletzlich bin. Außerdem stur. Das verbindet uns auch, unter anderem. . .«

Und dann der schlimme Bericht vom l. Juni 1992, der unsere Befürchtungen übertraf: »Leider habe ich nichts Gutes zu berichten. In aller Kürze: Ich liege seit 2 Monaten in der Uni-Klinik Bonn. Diagnose Nieren- und Knochenkrebs, inzwischen 2 Operationen. In der kommenden Woche entscheidet sich, ob eine dritte nötig ist. Kummer macht mir weniger die letztlich sehr trübe Therapie-Perspektive als vielmehr der Abbau des normalen Denkens und der Widerstandskraft aufgrund der ständigen Schmerzen, der Bestrahlungen, der Medikamente-Nebenwirkungen. Vielleicht habe ich in dieser Misere doch ein bißchen Glück, werde in absehbarer Zeit zur ambulanten Behandlung entlassen und kann die letzten Kräfte noch so sammeln, daß mir noch Zeit zum Aufräumen bleibt. So oder so habe ich keine Ahnung, wie sich die nächsten Monate entwickeln. . .

Der Spontanbrief Gerd Wolandts ist köstlich. Er hat ja so recht. Trotzdem: Laß uns bis zum Schluß nie das Vertrauen zur Substanz unseres Volkes aufgeben. Wir, nur wir haben an das geglaubt, was 1989 Wirklichkeit wurde. Ich setze mit der gleichen Zuversicht jetzt auf eine radikale Erneuerungsbewegung, die dem politischen Scherbenhaufen zu Leibe rückt. Ach, und die Volksgruppe ist - bis auf die Witikonen!? - ein Trauerspiel. . .«

Wir haben uns einmal am Telephon damit getröstet, daß offenbar auch Epochen vor der unseren Grund zum Klagen über den Verfall hatten. Ich habe Hellmut die Klage von Andreas Gryphius zitiert:

»Doch schweig noch von dem, was ärger als der Tod, Was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot: Daß auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen.«

Auch damals folgte dem Niedergang ein Aufschwung, und so ist es kein Zweckoptimismus, wenn wir Wende und Wandel erwarten.

Noch auf dem Krankenlager hat Hellmut Diwald als Herausgeber des Europa-Bandes zum Handbuch zur Deutschen Nation die eingegangene Verpflichtung, ganz im preußischen Stil, erfüllt. Er machte sich die Mühe, seiner Zufriedenheit mit einem Beitrag in der ihm eigenen freundschaftlich-herzlichen Weise Ausdruck zu geben.

Und dann das letzte handschriftliche Zeugnis einer überdauernden Zuneigung. 7. September 1992: »Lieber Richard, Du bist ein wahrer Freund: Ich fühle mich neben der Familie niemandem so verbunden wie Dir und Elisabeth. Danke für die Laudatio. Du weißt, wie (ich) skeptisch Lobreden gegenüber bin,

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allen voran solchen, die mich selbst betreffen. Doch Dein Text macht mich nicht verlegen.« 26

Was berechtigt mich, ein stark persönlich gefärbtes Bild eines Mannes und einer Freundschaft zu zeichnen, von dem alle, die ihm begegnet sind, einen eigenen Eindruck empfangen haben? Vielleicht die Hoffnung, daß die ungleich zahlreicheren, die Hellmut Diwald nur aus seinen Büchern kennen, etwas über den Menschen erfahren, der hinter seinem reichen Oeuvre nur allzugern zurücktrat. Hatte ich recht, Hellmut Diwald einen Geistesverwandten Ulrichs von Hütten zu nennen? Dessen Türkenrede von 1518 an die Reichsfürsten könnte aus dem Munde unseres Freundes stammen:

»Nie seid ihr mit mehr Recht ermahnt worden,
euch darauf besinnen zu wollen, daß ihr Deutsche seid.
Schon stehen wir im Ausland nicht mehr in gutem Rufe,
durch eure Schuld, denn ihr sitzt da
und erschlafft ruhmlos in Müßiggang
und macht keinen Gebrauch von unseren Kräften.«

Anmerkungen

1. J. Fernau, In dem Haus auf dem Berge, Briefband, München 1992

2. J. W. v. Goethe an E. W. Behrisch am 2. November 1767; J. W. v. Goethe an F. v. Müller am 24. April 1830

3. H. Diwald, Ernst Moritz Arndt - Das Entstehen des deutschen Nationalbewußtseins, München 1970

4. Festschrift der Deutschen Akademie für Bildung und Kultur, München 1983

5. Deutsches Kulturwerk Europäischen Geistes (Hg. ), Festschrift für Hellmut Diwald, München 1992.

6. J. W. v. Goethe, Schriften zur Literatur, »La Gloire de Frederic«

7. H. Diwald, Geschichte der Deutschen, Berlin 1978

8. H. Diwald, Geschichte macht Mut, Erlangen 1989, S. 124

9. Süddeutsche Zeitung, München, 30. November 1981

10. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt/Main, 21. September 1981

11. Das Ostpreußenblatt, Hamburg, 12. Juni 1993

12. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Juni 1993

13. Die Welt, Hamburg, 27. September 1993

14. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt/Main, 19. Juni 1993

15. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt/Main, 9. Juli 1993

16. Die Welt, Hamburg, 1. Juni 1993

17. Sudetendeutsche Zeitung, München, 11. Juni 1993

18. Süddeutsche Zeitung, München, 10. Januar 1979

19. H. Diwald, Ein Querkopf braucht kein Alibi, Frankfurt/M. -Berlin 1991, S. 397,430

20. Ebenda, S. 429

21. H. Diwald, Deutschland einig Vaterland, Frankfurt/M. -Berlin 1990, S. 228 f.

22. H. Diwald, Ein Querkopf braucht kein Alibi, aaO. , S. 196

23. Ebenda, S. 305

24. J. W. v. Goethe, Wilhelm Meister. Wanderjahre, 1/12

25. R. W. Eichler (Red. ), Rechtsstaat, Kulturerbe, Volksgruppe, Bd. l d. Schriften d. Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste, München 1980, S. 45 ff.

26. Festschrift für Hellmut Diwald, aaO. (Anm. 5).

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