HELLMUT DIWALD
Zur Kriegsschuldfrage und zum 8. Mai 1945*

Die Schuld am Zweiten Weltkrieg

Die Musterbeispiele dafür sind um so bedeutsamer, als inzwischen schon allein die Diskussion des Pro und Kontra bestimmter Ereignisse gerichtsnotorisch werden kann. So etwa die Diskussion der Umstände, die zum Zweiten Weltkrieg führten. Vorab wurde durch einen unserer international anerkannten Politologen die Leitlinie festgelegt: »Wer die Alleinschuld Deutschlands für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Frage stellt, entzieht der Nachkriegspolitik der Bundesrepublik den Boden«. Die Alleinkriegsschuld Deutschlands fand sich schon in der Vier-Mächte-Erklärung der Sieger vom 5. Juni 1945, mit der sie die deutsche Staatsgewalt übernahmen; es hieß darin: »Deutschland, das für den Krieg verantwortlich ist, ist nicht mehr fähig, sich dem Willen der siegreichen Mächte zu widersetzen.«

Sämtliche Bundesregierungen waren vom Fundament des Bonner Grundgesetzes getragen und mußten ihre Politik daran ausrichten. Wer mithin dieser Politik »den Boden entzieht«, stellt die Verfassungsmäßigkeit der Bundesregierungen in Frage. Dies wiederum muß den Staatsanwalt und das Bundesverfassungsgericht auf den Plan rufen. Zweifel an der Alleinkriegsschuld Deutschlands sind verfassungsfeindlich. Die Logik ist schlüssig. Dementsprechend liegen bereits Urteile vor, mit denen Publikationen, die aufgrund einer Vielzahl von Dokumenten die Alleinschuld Deutschlands oder Hitlers in Frage stellten, indiziert wurden. Die Beschlüsse stützten sich nicht auf gegenteilige Dokumente oder Fachgutachten von Historikern. Es hieß lediglich: »Die Alleinschuld Hitlers sei offenkundig, und für die Offenkundigkeit dieser Tatsache bedürfe es keines Beweises.«

Historische Forschung muß bei uns politische Vorbedingungen erfüllen. Abgesehen von dem Verstoß gegen die grundsätzliche Trennung von Politik und Recht, degradiert sich eine Zeitgeschichtsforschung, die derartige Auflagen akzeptiert, zu einem Vollzugsgehilfen politischer Zielsetzungen. Es über-

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rascht kaum noch, daß ein solches Institut schon allein die Diskussion der Kriegsschuld-These als »unzulässiges neonazistisches Unterfangen« charakterisiert hat.

Für uns wird es endlich Zeit, die Behauptung, daß sich die Wahrheit aus den Waffen ergibt, nicht mehr hinzunehmen. In der Geschichtsforschung jedenfalls brauchen wir uns nicht dem Joch zu beugen, daß den Siegern andere Wahrheitskriterien zustehen als den Verlierern. Dafür sollte allein schon der Hinweis auf den Hitler-Stalin-Pakt 1939 genügen. Obwohl die Tatsache selbst seit fünfzig Jahren aller Welt bekannt war, konnte es sich die Sowjetregierung bis vor kurzem leisten, nachdrücklich die Existenz des geheimen Zusatzprotokolls über die Aufteilung der Ostgebiete zu bestreiten. Daß nicht nur Hitler, sondern auch Stalin in Polen einmarschiert ist und jenes Territorium annektiert hat, das Polen entgegen den Regelungen nach dem Ersten Weltkrieg dem durch den Bürgerkrieg geschwächten russischen Reich entriß, wird fast immer verschwiegen. Nicht anders sieht es mit der sowjetischen Besetzung des Baltikums aus. Vor diesem Hintergrund gewinnt die gegenwärtige Entwicklung von Litauen, Lettland, Estland ihr eigentliches Gewicht.

Um es nochmals so klar wie möglich zu sagen: Es geht darum, daß wir uns künftig keine Diskussion jener historischen Fragen, die mit dem Dritten Reich und dem Zweiten Weltkrieg zusammenhängen, verbieten lassen - selbst wenn man sich dabei so tückische Attribute wie ›faschistoid‹ oder ›neonazistisch‹ einhandelt. Das sollte man wegen der historischen Wahrheit in Kauf nehmen, zumal die Zeiten, da sich unsere Geschichtsschreibung kritiklos der westalliierten Sicht angebiedert hat, abgelaufen sind.

Diese Beflissenheit hatte schon vor Jahren den amerikanischen Historiker Harry Elmer Barnes von der Columbia University in New York den Kopf schütteln lassen: »Obwohl eindeutig auf dokumentarischer Grundlage bewiesen worden ist, daß Hitler nicht verantwortlicher - wenn überhaupt verantwortlich - für den Krieg von 1939 gewesen ist als der Kaiser es 1914 war, stützte man sich nach 1945 in Deutschland auf das Verdikt der deutschen Alleinschuld, das von der Wahrheit genauso weit entfernt liegt wie die Kriegsschuldklausel des Versailler Vertrages. - Das Kriegsschuldbewußtsein (nach 1945) stellt einen Fall von geradezu unbegreiflicher Selbstbezichtigungssucht ohnegleichen in der Geschichte der Menschheit dar. Ich jedenfalls kenne kein anderes Beispiel in der Geschichte dafür, daß ein Volk diese nahezu wahnwitzige Sucht zeigt, die dunklen Schatten der Schuld auf sich zu nehmen an einem politischen Verbrechen, das es nicht beging - es sei denn jenes Verbrechen, sich selbst die Schuld am Zweiten Weltkrieg aufzubürden.«

Kein ernst zu nehmender Historiker jenseits unserer Grenzen verschwendet noch viel Zeit, sich mit dieser politischen Zweckthese zu beschäftigen. Der französische Politologe Raymond Aron zuckte schon in den fünfziger Jahren die Achseln: »Wenn man die beiden Weltkriege als Bestandteile eines einzigen und gleichen Ganzen betrachtet, so wird man sich nicht auf das ›Ewige

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Deutschland berufen dürfen, sondern auf die tragische Verkettung von Ursachen und Wirkungen. Alle Alleinschuldthesen, welche die deutsche Nation anklagen oder den Kapitalismus beschuldigen, sind kindisch.«

Das gilt auch für den Angriff auf Polen. Daß neben den Problemen Österreich und Tschechoslowakei auch die polnische Frage bereinigt werden müsse, darauf wurde Hitler schon 1937 von dem stellvertretenden britischen Außenminister und Lordsiegelbewahrer Viscount Halifax bei einem Besuch in Berchtesgaden aufmerksam gemacht. Nüchterne Politiker waren sich damals darüber einig, daß - wie Harry Elmer Barnes zusammenfaßte - »Hitlers Forderungen an Polen in den Jahren 1938-39 die am wenigsten drastischsten, ja die großzügigsten waren, die er im Rahmen seines Planes einer friedlichen Revision des ungerechten Versailler Vertrages seit 1933 gestellt hatte«. Barnes bezeichnet Hitlers Forderungen als »die angemessensten, die er während seiner ganzen Regierungszeit an irgendein Land richtete. Sie waren weit konzilianter, als Stresemann und die Weimarer Republik es je in Betracht gezogen hatten.« Ein Experte wie Stefan T. Possony, Direktor der ›Hoover Institution on War, Revolution and Peace‹ an der kalifornischen Stanford University, scheute sich nicht, in denselben Jahren kühl zu bemerken, daß ›Kriegschuld‹ als ein völkerrechtlich judiziabler Tatbestand überhaupt nicht existiert.

Nicht das Abwägen von Schuld oder Unschuld des einen oder der anderen ist der springende Punkt, sondern allein die Klärung von Tatbeständen und Ereignissen. Dies ist aber nur jenseits von Rechtfertigungen und Anklagen möglich. Nicht die moralische Frage hat den Historiker zu beschäftigen. Sie ist für die Darstellung des Sachverhalts ohne Belang. Auch Sympathie oder Abneigung darf der Geschichtsschreibung nicht die Feder führen. Diskussionen über Kriegs- oder Kollektivschuld, Auseinandersetzungen unter Historikern über die Einmaligkeit von Verbrechen oder über ihre mögliche Vergleichbarkeit stehen denjenigen zu, die den individuell-sittlichen Maßstab als Meßlatte auf ein ganzes Volk übertragen. Dergleichen fällt nicht in die Kompetenz des Geschichtsforschers. Wohl aber muß er das Recht haben, die Darstellung von Sachverhalten zu überprüfen. Er muß die Freiheit besitzen, sich mit den Fakten selbst zu beschäftigen.

Der ›Überfall‹

Zu den langlebigsten Legenden des Zweiten Weltkrieges gehört die Vorgeschichte des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Von der Eroberung des »Lebensraums im Osten« für Deutschland über den ideologischen »Existenzkampf gegen den Bolschewismus« bis hin zu den Hitler unterstellten Welteroberungsplänen und der »Ausbreitung der germanischen Herrenrasse« wurde jedes Argument mobilisiert, um auch diesen Angriff in die Reihe der kriminellen Exzesse Hitlers und des Dritten Reiches einzuord-

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nen. Die Literatur dazu ist kaum noch zu überblicken, noch weniger sind die Schlußfolgerungen aufzulisten, die aus diesem »Überfall« des hemmungslos aggressiven Deutschlands auf die friedliebende, ahnungslose und treu zu den Abmachungen des Hitler-Stalin-Paktes stehende Sowjetunion gezogen wurden. Schlußfolgerungen, die bis heute die allgemeine Meinung des russischen Volkes über die Deutschen prägen.

Stalin hatte alles Interesse daran, diese Version zu verbreiten und die in der Tat fürchterlichen Leiden Rußlands im Zweiten Weltkrieg ausschließlich den Deutschen aufzubürden. Damit wurden die russischen Entscheidungen in Jalta und Potsdam sowie die Behandlung Deutschlands in den Jahrzehnten nach 1945 bis in unsere neunziger Jahre gerechtfertigt. Die Begründungen Hitlers und der deutschen Führung für den Angriff auf Rußland wurden als Heuchelei abgetan. Hitler habe - so lassen sich die gängigen Darstellungen in den deutschen Schulbüchern und in fast allen anderen Büchern über das »Unternehmen Barbarossa« zusammenfassen -, Hitler habe schon in Mein Kampf den Angriff auf Rußland gedanklich vorbereitet. Endgültig sei der Plan während des Jahres 1940 gereift. Die Begründungen Hitlers, die er in seiner Rundfunkrede nach Beginn des Angriffs vortrug, seien Vorwände und Lügen gewesen. Die Behauptung, er hätte mit seinem Präventivschlag einem russischen Angriff zuvorkommen müssen, sei an den Haaren herbeigezogen gewesen.

Ob für den Präventivkrieg Hitlers allein die Gespräche mit dem sowjetischen Außenminister Molotow am 12. und 13. November 1940 in Berlin den Anstoß gaben, oder ob es die Geheimgespräche zwischen der Sowjetunion und den USA waren, von denen Hitler informiert wurde, oder ob die Meldungen über die Umrüstung der Roten Armee den Ausschlag gaben oder gegeben haben sollen: Sämtliche Überlegungen dieser Art treten in den Hintergrund gegenüber der Tatsache, daß sich Hitler nach dem Molotow-Besuch dazu entschloß, den Krieg gegen die Sowjetunion als unvermeidlich anzusehen und entsprechend vorzubereiten.

Die These von Hitlers Präventivkrieg schien lange Zeit mehr spekulativlogische Argumente für sich zu haben als handfeste Beweise. Die Forschung ignorierte selbst Stalins Rede vor Offizieren der Moskauer Frunse-Akademie 1941, deren Inhalt bis in einzelne Wendungen übereinstimmend von vier gefangenen sowjetischen Offizieren bestätigt wurde: »Der Plan des Krieges ist bei uns fertig. Flugplätze sind gebaut, Landeplätze und Flugzeuge der l. Linie befinden sich schon dort. Alles zur Bereinigung der rückwärtigen Gebiete ist getan, alle fremden Elemente sind entfernt. Folgerung: Im Laufe der nächsten zwei Monate können wir den Kampf mit Deutschland beginnen. Es besteht ein Friedensvertrag mit Deutschland, aber das ist nur eine Täuschung oder eher ein Vorhang, hinter dem wir offen arbeiten können.«

Bei dem anschließenden Bankett im Georgs-Saal des Kreml erläuterte Stalin, was nunmehr unter ›Friedenspolitik‹ zu verstehen sei: »Es ist Zeit zu verste-

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hen, daß die Losung der Friedenspolitik des Sowjetstaates schon ihre Rolle ausgespielt hat. Das ist eine Defensivlosung, mit welcher es der Sowjetunion gelungen ist, ihre Grenzen im Norden und im Westen ein wenig vorzuschieben und eine Reihe von baltischen Ländern mit 30 Millionen Bevölkerung zu erhalten. Das ist auch alles. Damit ist es jetzt zu Ende.« Stalin schloß mit der Versicherung: »Es ist Zeit einzusehen, daß nur eine entscheidende Offensive, nicht aber eine Defensive zum Sieg führen kann.«

Auch der Versicherung hochrangiger Sowjetoffiziere, daß Stalin den Angriff auf das Deutsche Reich für den Sommer 1941, vermutlich für August/ September, geplant habe, wurde von der Forschung kein Glauben geschenkt. Divisionskommandeur Oberst Wladimir Bojersky teilte dies, nachdem er im Frühjahr 1942 in Gefangenschaft geraten war, bei seiner Vernehmung mit. Bestätigt wurde seine Aussage durch Generalleutnant Andrej Wlassow, der 1942 im Wolchow-Kessel gefangen wurde.

Inzwischen ist die Frage des Präventivangriffs auf Rußland endgültig entschieden. Ein ehemaliger hochrangiger sowjetischer Geheimdienst-Offizier hat in den letzten Jahren in mehreren Veröffentlichungen unter dem Namen Suworow mit zahlreichen Dokumenten bestätigt, daß der Aufmarsch der Roten Armee um den 10. Juli 1941 abgeschlossen sein sollte, um den Angriff zu beginnen. Die sowjetischen Truppenbewegungen unterlagen der höchsten Geheimhaltungsstufe, die räumliche Verteilung der Strategischen Staffeln war eindeutig offensiv und keineswegs als Vorsorge wegen eines befürchteten Angriffs Hitlers gedacht. Mit den Worten des sowjetischen Generalmajors Andrej Sinowjewitsch Naumow, der ebenfalls in Gefangenschaft geraten war: »Der Gedanke, daß Deutschland von sich aus und schon so bald die Initiative ergreifen würde, sei offensichtlich keinem der militärischen und politischen Führer der Sowjetunion in den Kopf gekommen.« Als er von einem seiner Truppenführer telefonisch informiert wurde, daß seine Einheit von deutschen Soldaten beschossen würde, habe er ihn angefahren, »er wäre wohl nicht ganz nüchtern und sehe Gespenster«.

Das strategische Offensivkonzept Stalins erklärt auch zu einem Gutteil die verblüffenden Erfolge der deutschen Truppen im Sommer 1941. Sie mußten keine Verteidigungsstellen durchbrechen, sondern sie durchstießen den sowjetischen Aufmarsch. Die Gliederung von Divisionen für eine Offensive unterscheidet sich in allen wesentlichen Punkten von derjenigen, die sich zur Abwehr eines gegnerischen Angriffs vorbereiten. Viktor Suworow weist auch darauf hin, daß die gigantischen Armeen, die an der russischen Westgrenze aufmarschiert waren, nur noch kurze Zeit verpflegt werden konnten. Es war beabsichtigt, die Ernährung aus den eroberten Gebieten Polens und Rumäniens zu bestreiten. Neben den Bodentruppen hatte Stalin zwei Millionen Fallschirmjäger und Luftlandetruppen bereitgestellt.

Vier Jahrzehnte nach der Anklage in den Nürnberger Prozessen, daß Hitler und die führenden Persönlichkeiten des Dritten Reiches wiederholt Angriffs-

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kriege geplant hätten, lieferte der sowjetische Experte einen Kommentar, dem nichts hinzuzufügen ist. Der wie ein Felsbrocken auf Deutschlands gebeugtem Rücken lastende Imperativ: »Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen« muß ergänzt werden durch die ebenso kategorische Forderung, daß auch von russischem, französischem, britischem und amerikanischem Boden »nie wieder ein Krieg ausgehen« sollte.

Zum 8. Mai 1945

Gedenktage sind Tage der Besinnung, der Erinnerung, der Bilanz. Der 40. Jahrestag der militärischen Kapitulation Deutschlands beschäftigt die bundesrepublikanischen Medien seit Monaten. Die Unverfrorenheit des Versuchs, uns den 8. Mai 1945 als Datum der Befreiung schmackhaft zu machen, wird nur durch die Schamlosigkeit der Begründungen dafür übertroffen. Der 8. Mai scheint des Schicksals sicher zu sein, im Öffentlichen ein Tag der Heuchelei zu werden. Am 8. Mai 1945 wurde in Europa der Krieg beendet. Wer diesen Tag mit Bewußtsein erlebt hat, wer sich an ihn erinnert ohne die Beschönigungen, Verzerrungen, Beflissenheiten und Lügen, mit denen seit Jahrzehnten unsere Geschichte und insbesondere unsere jüngere und jüngste Vergangenheit ungenießbar gemacht wird, der weiß es besser. Daran muß jeder von uns festhalten, ohne Konzessionen an das, was bequem ist, was gern gehört wird von denjenigen, die den politisch-offiziellen Beifall spenden. Opportunisten sind die Totengräber der deutschen Selbstbehauptung.

Der 8. Mai 1945 war ein Tag des Elends, der Qual, der Trauer. Deutschland, das deutsche Volk hatten sechs Jahre lang im gewaltigsten Krieg aller Zeiten um die Existenz gekämpft. Die Tapferkeit und Opferbereitschaft der Soldaten, die Charakterstärke und Unerschütterlichkeit der Frauen und Männer im Bombenhagel des alliierten Luftterrors, die Tränen der Mütter, der Waisen - wer die Erinnerung daran zuschandenmacht, lahmt unseren Willen zur Selbstbehauptung. Daran sollten wir am 8. Mai denken.

Die Sieger von 1945 erklären, für die Rettung der Humanität einen Kreuzzug gegen Deutschland geführt und gewonnen zu haben. Geführt auch mit den Mitteln eines Bombenkrieges, der das Kind, die Frauen, die Flüchtenden, die Greise genauso als Feind behandelte wie den regulären Soldaten. Der Tag der militärischen Kapitulation der deutschen Armee brachte den Alliierten den Frieden. Abermillionen von Deutschen brachte er die Hölle auf Erden. Haben die Sieger von 1945 keinen Anlaß danach zu fragen, mit welchen Verbrechen sie dem Triumph ihres Kreuzzuges für die bedrohten Menschheitswerte das Siegel aufgedrückt haben? In jenen Friedensjahren nach der Kapitulation, in denen von Ostpreußen bis nach Jugoslawien Deutsche erschlagen, hingemetzelt, vergewaltigt, gefoltert, vertrieben wurden - in jenen Jahren, die man uns jetzt zumutet, als Zeit der Befreiung und Wiege einer Zukunft zu feiern, die uns zum ersten Mal in unserer tausendjährigen

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Geschichte ›Freiheit, Recht und Menschenwürde‹ gebracht haben soll? Denken wir daran am 8. Mai.

Wer im 20. Jahrhundert einen Krieg verliert, wird vom Sieger zum Schuldigen und Verbrecher erklärt. Wie soll man das Wertesystem derjenigen einschätzen, die mit denselben Urteilskategorien dem deutschen Volk 1945 jede Moral und alle Rechte bestritten und wenige Jahre später, als deutsche Männer wieder als Soldaten gebraucht wurden, das deutsche Volk plötzlich als würdig erachteten, westliche und östliche Interessen mit der Waffe zu verteidigen? Auch daran sollten wir am 8. Mai denken.

Der 8. Mai erinnert uns daran, daß wir besiegt wurden. Ja, wenn es nur die militärische Niederlage gewesen wäre. Es hätte nicht einmal das uralte Muster jener Kriege sein müssen, bei denen die Niederlagen kaum weniger ehrenvoll waren als die Siege. Aber Schuld eines ganzen Volkes für Verbrechen, die es als Volk nicht begangen hat, weil ein Volk keine Verbrechen begehen kann, sondern immer nur der Einzelne? Wenn von Schuld die Rede ist, dann auch von jener Schuld, daß wir nicht die Kraft und den Mut besaßen, uns gegen die generelle Herabsetzung zu wehren und uns nicht die Würde rauben zu lassen. Standfestigkeit und Unbeirrbarkeit wären um so nötiger gewesen, als uns das Gift der moralischen Selbstzerstörung Jahr für Jahr eingeträufelt wurde. Und wir wußten davon - denken wir daran.

Wir haben keinen Grund, den 8. Mai zu feiern. Feiern sollen diejenigen, die sich für die Sieger halten. Wie unsere früheren Gegner, die sich heute als unsere Freunde bezeichnen, ihre Feiern am 8. Mai mit dieser Freundschaft 1945 in Einklang bringen, ist allerdings nicht nur ihr eigenes Problem. Für uns ist es eine Gelegenheit, daran zu erinnern, daß die neue Zukunft, die uns von den Siegern 1945 beschert wurde, für unser Reich das Grab und für Deutschland und das deutsche Volk die Katastrophe seiner Zerstückelung bedeutete. Die Siegesparaden der früheren Alliierten werden uns nur zeigen, daß wir noch immer die Besiegten von 1945 sind, daß unser Land besetztes Land ist und unsere regionale Souveränität eine von Gnaden der Sieger mit Vorbehalten gewährte Souveränität. Daran müssen wir denken.

Die 40. Wiederkehr des 8. Mai 1945 ist das Fest der Sieger. Es ist nicht unser Fest. Uns dagegen steht die Erinnerung an Wahrheiten zu, deren Gehalt von keinem Datum abhängt. Zur Lebensgeschichte des Einzelnen wie zur Geschichte eines Volkes gehören die Niederlagen genauso wie die Triumphe. Nur dann, wenn sich der Einzelne, wenn sich ein Volk selbst aufgibt und sklavisch unterwirft, geht alles verloren- in der Variante einer Feststellung des römischen Kaisers Mark Aurel: »Laß dir die Vergangenheit, laß dir die Zukunft nicht verfälschen. Du wirst, wenn es nötig ist, schon hinkommen, mit Hilfe derselben Geisteskraft, die dich das Gegenwärtige ertragen läßt.«

Die Abschnitte »Die Schuld am Zweiten Weltkrieg« und »Der ›Überfall‹« stammen aus Hellmut Diwald, Deutschland Einig Vaterland, München 1990/1991; der Abschnitt »Zum 8. Mai 1945« erschien erstmals als Zeitschriftbeitrag im Witikobrief, Nr. 3, 1985.

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