GERD WOLANDT
Deutschland einig Vaterland

Hellmut Diwald vertrat seine entschiedenen Standpunkte mit süddeutscher Liebenswürdigkeit. Wenn man bedenkt, welchen rüden Angriffen er ausgesetzt war, verwunderte das. Man stellte sich einen bitteren, schroffen Mann vor, und nichts dergleichen war der Fall. Auch die schärfsten Formulierungen trug er gewinnend vor. Nur bei zwei Anlässen habe ich ihn erlebt, einmal beim Vortrag in Bonn und einmal plaudernd in einer Würzburger Weinstube. Die Freude an der zugespitzten Formulierung war ihm anzumerken. »Mein geliebtes Deutsch«, das hätte auch er sagen können. Die verbissene Fremdwörterei der neuen Vordenker war ihm aus Reinlichkeitssinn zuwider. Er war gerade und vernünftig (»rational«). Auch gegen »deutsche Spinnerei« war er gefeit. Er war ein Mann des ganz normalen aufrechten Gangs. Daß er sich damit viele Feinde machte, das ließ sich nicht ändern. »An die Laterne, er hat ein Taschentuch!« läßt Büchner in Dantons Tod den Pöbel schreien. Man verleumdete ihn bis über das Grab hinaus. Ich habe es selbst auf einer Tagung erlebt, wie ein Germanist den Abwesenden bezichtigte, er leugne den Judenmord. Ich erlebte aber auch die Abfuhr wie mit der Reitpeitsche. »Das ist eine Verleumdung!« sagte ein Erlanger Mitschüler so, daß jedes weitere Wort erstarb. Es WAR eine Verleumdung, wie gerade sein Deutschland-Buch beweist.

Von den Diwald-Büchern hat mich dieses vor allem gepackt: Deutschland einig Vaterland. Es enthält die Vorgeschichte der deutschen Wende von 1989. Diese Vorgeschichte reicht bis zum Ende des Ersten Weltkrieges zurück. Hauptthema ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker, angewandt auf die Deutschen, auch auf die der sogenannten Siedlungsgebiete. Sowohl für das Gebiet des Deutschen Reiches wie für das der Donaumonarchie stellt Diwald Verstöße zuungunsten der Deutschen in den Pariser Vorortverträgen fest. Vor allem die Annexionen ohne Abstimmung fanden ihre Stütze in der Kriegsschuldpropaganda. Die Folge dieser rechtswidrigen Annexionen war die Revisionspolitik von Stresemann bis Hitler. Hitlers Erfolge wurden von den Betroffenen, denen man ihr elementares Recht vorenthalten hatte, begrüßt.

197

 


Diwald zeigt beide Seiten der Sache: den anfänglichen Erfolg und Aufschwung und - die Terrorseite.

Diwald war mehr historisch-politischer Publizist und Geschichtsdenker als Fachhistoriker. In diesem Punkt zeigt er Verwandtschaft mit seinem Konkurrenten auf fast jedem Feld, mit Golo Mann. Das zeigt dieses schnell niedergeschriebene Buch wie kein anderes. Die Anlage, die Reizwörter machen das deutlich. Der Band liest sich wie ein langer Brief an die Zeitgenossen, die er an die geschichtlichen und moralischen Tatsachen erinnert, die zu dem unerwarteten Ereignis der Wiedervereinigung geführt haben. Eine Auswahl der charakteristischen Kapitelüberschriften sei hierhergesetzt: Weimar und das Joch von Versailles - Traum und Trauma des Dritten Reiches - Benebelnder Bluff: Freiheit statt Einheit - Im Schlafsack der Bundesrepublik - Europa der Händler. Es findet sich auch manches Kennzeichnende in den Untertiteln: Sich in der Lüge einrichten - Ehrenerklärung für KZ-Wächter - Das Unrecht, Deutscher zu sein - Wink mit der Wertegemeinschaft. Man sieht also, wie der Hase läuft.

Ein Geschichtsbuch »aus deutscher Sicht«, aber eines aus realistischer deutscher Sicht. Keine Beschönigung der Dummheiten, Morde, des Terrors, der kulturellen und literarischen Unterdrückung, eben des Traumatischen am völkischen Traum von 1933. »Die Geschichte des Dritten Reiches ist ebenso eine Geschichte des Aufbruchs, der Befreiung, Zustimmung und Zuversicht . . . und einer schier schrankenlosen Zukunftserwartung. Ebenso ist sie eine Geschichte der Entrechtung, der Unterdrückung, der Abscheulichkeiten, der Verbote, des Schandbaren, der Rechtswillkür, des Verbrechens, der Unmenschlichkeit, des Folterns, der Morde. . . der Illiberalität, der künstlerischen Borniertheit . . . der literarischen Verfemung, der dichterischen Gängelung . . .«(S. 34) Schreibt so ein Verharmloser, als der Diwald allgemein hingestellt wird? Und zum Thema Antisemitismus: »Treibend (beim Boykott jüdischer Geschäfte) waren Goebbels und Julius Streicher, die widerlichste Figur des Nationalsozialismus.« Das gehört für Diwald auch zur Vorgeschichte. Es ist nicht unnötig, daraufhinzuweisen, da es Geschichtsvergessenheit, die sich als »Vergangenheitsbewältigung« tarnt und in Wirklichkeit Vergangenheitsverfälschung ist, nicht nur links gibt, sondern auch rechts.

In der Zeit nach 1945 wiederholt sich das Spiel in weit gröberen Formen. Die Kriegsschuld-Reklame wird als Begründung für Gebietsannexionen und Austreibungen genutzt. Angesichts der Umerziehung bleibt jede Regung, die das Selbstbestimmungsrecht auch für Deutsche in Anspruch nimmt, auf der Strecke. Die Beflissenheit der westdeutschen Politiker, sich »einbinden« zu lassen, und die Willfährigkeit der Publizistik verstärken den Effekt. Dem Rechtsverzicht entspricht der halbkoloniale Status der beiden Zonen. Hinzu kommt der wachsende Wohlstand der Deutschen: Churchills Bild der Nach-kriegsdeutschen trifft leider: »fett, aber impotent«. Historische Zweifel und Fragen werden juristisch verboten: »Die frisierte Geschichte«. Doch angesichts

198

 


der verordneten oder freiwilligen Würdelosigkeit wachsen die Zweifel. Insbesondere die Rolle der Gegenspieler Hitlers (Stalins und seiner Verbündeten) weckt Zweifel an der Schwarz-Weiß-Optik. Diwald tritt leidenschaftlich für Forschungsfreiheit endlich auch auf diesem Felde ein.

Ein Buch wie dieses ist für den Tag und die Stunde geschrieben. - Als Jahrgangsgenosse setzt man beim anderen gleiche oder ähnliche Geschichtserfahrungen voraus. Man hat die Angehörigen eines Geburtsjahrzehnts oder -Jahrfünfts als »Kohorte« bezeichnet. Die Gleichheit oder die Nähe des Jahrgangs führt gleichartige Erfahrungen und gleichartige Wertungen mit sich. So fühlt man, in meinem Fall, viel Übereinstimmendes bei Knaben des Geburtsjahrgangs 28. Man war bei der Flak (oder der Marineflak), man war beim RAD (Reichsarbeitsdienst) und gerade noch bei der Wehrmacht. Auch später ging es ähnlich weiter. Man bewahrte skeptischen Abstand nach hinten, zu den Älteren, und nach vorn zu denen, die »das alles« nicht gesehen hatten. Entscheidend geprägt und geformt wurde man jedenfalls in dem endenden Krieg und in dem Nachkrieg. Scherzformel: »Der alte Schlageter-Geist lebt noch!« (Weiß heute noch jemand, wer das ist?) Die Welt der Schwarzhändler und die Welt der Spruchkammern taten ein übriges. »Der Aufstand der Greise (von Badoglio bis Konrad Adenauer) ließ uns kalt. Gegen die Geldgier und die Schwindeleien der Uralten waren wir immun. Wer verstand das schon, daß wir uns weder kaufen lassen noch uns anpassen wollten?

Die Kohorte und die Zeit- Bei Schultreffen spürte man es: Die Gegenwart trennt, aber die Vergangenheit verbindet. Die Verbindung erweist sich dann allerdings als stark. Und das, was besonders eint, ist der Kontrast: die Ahnungslosigkeit der Aktenkoffer-Generation, der Verwöhnten und Weh-leidigen, ja, schon die der begnadeten weißen Jahrgänge, jener Spät- und Nachgeborenen, der Posthumen, der Betroffenen, die ihre Väter verleugnen.

Mir san mir. Wir hatten ein freies Selbstbewußtsein, ein deutsches Selbstbewußtsein. Waren wir wirklich die letzten, die frei von Komplexen waren? Vielleicht könnte jetzt unter den Jungen etwas Ähnliches wieder wahr werden. Man wird abwarten müssen, bis die Zeit ein Ende hat. Ein Pfarrer in Mecklenburg sprach mir von »Bundis«. Gräßlich. Wenn wir irgend etwas unter gar keinen Umständen sein wollten, so waren das Bundesdeutsche. Niemals haben wir dieses Gebilde, dieses Phänomen, dieses Provisorium als »dieses unser Land« anerkannt. Wir kannten jederzeit nur eine einzige Loyalität: Deutschland. Keiner konnte uns das nehmen, obwohl es fast alle versuchten. Unsere Hymne blieb das Deutschland-Lied, nichts anderes. Wir verachteten alle Späths, die uns vor lauter Erbötigkeit dies madig zu machen suchten. Wir, unsere Kohorte. Für uns kann ich sprechen. Und ich setze kein Fragezeichen dahinter. Man sprach von Durststrecke. Das war es wohl. Der Zeitgeist war europäisch. Wir nicht.

Diwald gehört noch zur Kohorte. Sein Buch spricht uns an. Es ist ein Bekenntnis zu dem Deutschland, dem immer unsere Gedanken gehört haben.

199

 


Eine deutsche Geschichte der letzten siebzig Jahre? Gewiß, das auch. Aber zu unserer Unterrichtung hätte es dieser vierhundert Seiten nicht bedurft. Nicht die Tatsachen zählen. Über sie kann man durch Quellenstudium Klarheit gewinnen: wer was wo getan und gesagt hat. Was zählt, ist der Geist. Dieser Geist ist bei Diwald unzweifelhaft. Ein anderer Südostdeutscher, Richard Hönigswald aus Ungarisch Altenburg, Verfolgter und schließlich Emigrant, hat ihn als den »Patriotismus der Kultur« bezeichnet: »Wem er zu eigen geworden, der kennt den Beitrag seines Volkes zu den Werken der Kultur; d. h. er kennt und würdigt damit nach Maßstäben, die ihm seine Bildung liefert, die Kulturwirksamkeit anderer Völker.« Für Diwald hieß das den fälligen Schritt zur Normalität, zu einem Staatswesen mit Selbstachtung.

Hellmut Diwald hatte 1982 in einem Buch mit dem damals aberwitzig utopischen Titel Die deutsche Einheit kommt bestimmt seinen Beitrag mit dem Arndt-Wort geschlossen: »Ich habe nur EIN Vaterland, das heißt Deutschland. Mein Glaubensbekenntnis ist Einheit!« Damals hatte er geschrieben: »Nach einer generationenlangen Lähmung unseres Selbstbehauptungswillens steht jetzt, in den 80er Jahren des Jahrhunderts, ein Neuansatz des politischen Handelns an. Um diese Wende durchzuführen, ist ein langer Atem nötig. Wir Deutschen sind darin geschult. Mit einer Erneuerung unseres geduldigen Zuwartens, das uns so regelmäßig und trostreich empfohlen wurde, hat das nichts zu tun. Die Tugend geschlagener Völker ist nicht die Resignation, sondern die Geduld. Das Wort gilt allerdings bloß bis zu dem Augenblick, da es nur EINE Tugend gibt: die Geduld zu verlieren.« (S. 35) Unnötig zu sagen, daß Diwald sich acht Jahre später darauf berufen konnte, daß die Mitteldeutschen - wenigstens sie - die Geduld verloren haben.

Die Formel von der Kohorte, die gemeinsam durch die Geschichte zieht. Gemeinsam und prägend ist die Erlebnisgrundlage in bestimmten, besonders bildsamen Jahren. Diwald steht als 29er gewissermaßen am Rande dieser Erlebnisgeneration. Was das Trennende gegenüber anderen Jahrgangsgruppen ausmacht, ist nicht leicht zu sagen. Es ist eine komplexe Bewußtseinslage. Die Älteren, die Aufstieg und Niederlage viel gründlicher erlebt und erlitten hatten, resignierten. Sie fanden sich im großen und ganzen damit ab, daß man ihre alten Überzeugungen schmähte. Bei uns war das vielleicht anders. Wir hatten den Zynismus des »Endkampfs« als das Wesentliche verinnerlicht. Nicht das Pathos der Sondermeldungen, sondern die kaltblütige Lüge war unser Alltag. Wer hat jemals die Gespräche der Oberschüler in den Unterkünften der Flak aufgezeichnet? Zynismus war unsere Bewußtseinslage, Zynismus blieb unsere Bewußtseinslage auch nach dem Kriege. Wir hatten die Propaganda erlebt, und wir erlebten sie weiter. Goebbels' Wort hatten wir im Ohr: »Wir Intellektuellen wissen ja, daß die Propaganda nur für das Volk da ist!« Sagten Nannen und Hofer, sagten X und Y etwa die Wahrheit, bloß weil sie eine Wende von 180 Grad hinter sich hatten? Ein Leben in der Lüge, ein Leben mit der Lüge. Na und? Mit uns nicht. »Ohne mich!« Ohne mich - der

200

 


ganze Reeducation-Zirkus. Hitler, der Krieg, die Juden, zum Schluß sogar noch die Zigeuner - konnte man über all das denn nicht mehr verständig reden? Mußte sich denn über alles diese triefende Kirchentagsverlogenheit ergießen?

Sollte man alles und jedes nur, mit Fontäne zu reden, als »Generalpächter der Moral« betrachten? Meine ziemlich ausgedehnte Beschäftigung mit dem Werk des oben erwähnten Emigranten lobte jemand als »Wiedergutmachungsleistung«. Er konnte sich nicht denken, daß einzig und allein philosophisches Interesse mich bewegt hatte, das Interesse für eine epochale philosophische Lebensleistung. Wo waren wir denn? In der Philosophie spielt der Quatsch »Antifaschismus« kaum eine, und wenn, eine klägliche Rolle, aber die Geschichte (die »Geschichtshistorie« las ich kürzlich) wurde - wenigstens was das 20. Jahrhundert betraf - ein Minenfeld. Geschichtsfremde Umerzieher beeindruckten oder terrorisierten die Szene und machten sich die Ahnungslosigkeit der Kollegen in Fragen der Propaganda, der Reklame und Ideologie zunutze. Langsam, am Rande, regte sich Widerstand. War es denn erlaubt, Hitler mit Tamerlan, mit Dschingis-Khan oder gar mit Stalin und Lenin zu vergleichen?

Es gab auf alles antifaschistische Antworten. Wir kennen sie, aber das Gewebe von Lüge und Vertuschung - ödet uns an. Goebbels hat es wenigstens noch gesagt, wenn er log. »Seid nicht zu objektiv!« das war ein Wort. - Kannte Diwald A. Paul Webers bitterböse Karikatur »Rückgrat raus!«? Eine passendere Illustration gibt es nicht für diese Teile des Buches. Schnee von gestern? Leider nicht. Noch suchen die »Pragmatiker« die Ewig-ewig-Heutigen, den Zug der Einheit so abzubremsen, daß sie mit ihrem beschädigten Rückgrat aufkriechen können.

201

 


Zum nächsten Beitrag
Zum vorhergehenden Beitrag
Zurück zum Inhaltsverzeichnis