TONI HERGET
Verpaßte Chancen

Tschechische Schuld und Versagen gegenüber den Sudetendeutschen

Im Dezennium vor der Prager politischen Wende von November 1989 erschienen im Westen mehrere aussagestarke Bücher von tschechischen Emigranten, die kritisch die tschechische Politik seit 1918 in einem neuen Licht erscheinen ließen. Václav Cernýs Memoirenbände (vor allem Plác koruny ceské und Pametí IV) machten den Anfang. Auch die vier Memoirenbändchen des seinerzeitigen »Retributions«-Justizministers Prokop Drtina Ceskoslovensko muj osud gehören hierher; sie wurden im Exilverlag von Josef Skvorecky in Toronto herausgebracht. Aus ihnen ging hervor, wie aus einem ursprünglich kritiklosen Bewunderer Edvard Benes' ein harter Kritiker wurde. Auch der seit 1948 im Westen lebende Publizist Pavel Tigrid, nun Kulturminister der Tschechischen Republik, hat mit seinem Büchlein Kapesní pruvodce intelligentí zeny po vlastním osudu auf etliche Legenden im tschechischen Volk verwiesen. Der durch über 20 Jahre im US-amerikanischen Exil lebende Ivan Sviták schlug mit seinem Velký skluz in die gleiche Kerbe. Schließlich wurde durch den Schriftsteller Vilèm Hejl auf die wohl größte Wunde der tschechischen Nachkriegsgeschichte seit 1945 hingewiesen, die politische Rachejustiz, wobei er als einer der wenigen tschechischen Publizisten nicht vergaß, auch die »Retributions«-Justiz in seine überaus solide Darstellung einzubeziehen, weil nur durch sie, in Verbindung mit der Vertreibung der Sudetendeutschen, die politische Entwicklung der Nachkriegs-Tschechoslowakei zu verstehen ist. Hejls Zpráva o organizovaném násilí ist ein Standardwerk, das alle bisher erschienenen Veröffentlichungen zu diesem Thema in den Schatten stellt. Nicht zuletzt durch Tigrids Pariser Svedectví und die Ausstrahlungen von Radio Freies Europa in München wurden diese Werke auch in der Tschechoslowakei bekannt.

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Auch wenn man weiß, daß das tschechische Volk noch nie einer Obrigkeit geglaubt hat, ist man doch verwundert, daß diese Bücher und die sonstige westliche Rundfunkberieselung nach dem politischen Umbruch so wenig bewirkt haben. Ist dies darauf zurückzuführen, daß man in der neuen Tschechischen Republik für die gesamte Emigration wenig übrig hat und deswegen ihren Aussagen wenig Vertrauen entgegenbringt? Oder sind die alten historischen Legenden und Mythen - trotz der mehrfachen politischen Katastrophen in diesem Jahrhundert - stärker als die ideologisch unbeeinflußten Erkenntnisse, wie sie in den erwähnten Büchern zum Ausdruck gekommen sind?

Auch die im November 1983 im Gästehaus der sudetendeutschen »Ackermann-Gemeinde« in Franken abgehaltene Tagung der »Sieger« und »Besiegten« des »Februars 1948« über die Ursachen des moralischen, politischen und rechtlichen Niedergangs der Nachkriegs-Tschecho-Slowakei zeigte in Prag kaum Auswirkungen, obwohl man sie in der vielfachen groben Verletzung der Menschenrechte analysierte. Doch da man den Beginn dieser Menschenrechtsverachtungen bereits ab Mai 1945 feststellte, das heißt mit der Vertreibung der Sudetendeutschen und der Rechtlosmachung auch Hunderttausender Tschechen, Slowaken und Madjaren, wurden vielleicht den in heißer Debatte erarbeiteten Erkenntnissen keine Bedeutung beigemessen 1.

»Cistime republiku« (Wir säubern die Republik) war unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg eines der allseits mit Begeisterung aufgenommenen politischen Schlagworte, meinte man doch damals ausschließlich die Deutschen und die Madjaren. Doch kaum war die erste »Cistka« durchgeführt, begann bereits die zweite. Sie traf vor allem führende Personen aus der früheren tschechischen nationalsozialistischen Partei, deren Parteivize durch lange Zeit Edvard Benes war. Die nächste Säuberungswelle richtete sich gegen die katholische Kirche, weil sie nicht bereit war, sich in eine tschechisch-katholische Kirche zu wandeln 2. Zuletzt - weil das Säubern viel Freude machte und oftmaligen personellen Wandel brachte - griff die politische Säuberung auch nach den höchsten Spitzen der kommunistischen Partei. Die Asche des hingerichteten KPTsch-Generalsekretärs Rudolf Slänsky landete sogar als Streumittel auf den vereisten Prager Straßen 3. - So lange die Sudetendeutschen im Land lebten, gehörte die Vorkriegs-Tschechoslowakei unter die zehn führenden Industriestaaten. Nach den verschiedenen Nachtrags-»Säuberungen« und der »Normalisierung« hatten Formosa, Hongkong, Korea und drei Dutzend andere Staaten die CSSR wirtschaftlich überrundet, obwohl die Kriegsschäden im Bereich des »Protektorats Böhmen und Mähren« derart gering waren, daß trotz der Vertreibung des beachtlichen sudetendeutschen Arbeitspotentials die CSR bereits 1947 das Wirtschaftspotential von 1937 erreicht hatte - als erster europäischer Staat!

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Seit Ende des Krieges 1945 haben die Tschechen durch Leugnung der durch die Verfassung von l920 gegebenen zwingenden rechtlichen Grundsätze bereits sechsmal einen politischen Neuanfang gemacht. In dieser Zeit haben zwei ihrer sieben Staatspräsidenten abgedankt (Benes, Havel), und deren drei wurden amtsenthoben (Notvotný, Sovoboda, Husák). Die Republik hat mehrfach das Regime und sogar den Namen gewechselt. Aus der ursprünglichen C-SR, CSR, C-SR, dem Protektorat, der Slowakischen Republik, der neuen CSR, der CSSR und CSFR ist mit Ende des Tschechoslowakismus schließlich eine Tschechische Republik geworden, die mit dem 1918/19 gegründeten Staat nur noch wenig Gemeinsamkeiten hat. Die vielen grundsätzlichen Veränderungen (Vertreibung, Retributions-Rachejustiz, Konfiskation, Säuberungen aller Art, Verstaatlichungen, Kollektivierung. Kirchenverfolgungen, Reformversuch, Normalisierung, politische Prozesse usw.) geben Zeugnis von einem geringen Maß an rechtlichem Denken, demokratischer Gesinnung, politischer Stabilität, von mangelnder Toleranz und kaum entwickeltem staatsmännischen Verständnis.

Sowohl in der Vorkriegszeit als auch nach 1945 und heute hat stets eine bestimmte Führungsschicht viel von Demokratie gesprochen, doch den Staat nur als private Versorgungsanstalt angesehen. Das trifft für die »Legionäre« und »Restgutsbesitzer« der Zeit nach 1918 genau so zu wie für die Angehörigen der Emigration 1945, die Mitglieder der KPTsch oder seit 1990 für die »Dissidenten«.

Die allgemeine Einstellung, zu Schwejkschen Lösungen zu neigen, ließ bisher nie einen wirklichen Neuanfang zu. Mit dem Ausspruch »Je konec svejkoviny« (jetzt ist es mit dem Schwejkspielen zu Ende) setzte im März 1948 der CSR-Außenminister Jan Masaryk seinem Leben ein Ende 5. Genau ein Jahr vorher entzog er sich seiner Aussage im Prozeß gegen den früheren Vorsitzenden der tschechischen Agrarpartei Rudolf Beran während einer Sitzung der Regierung der Nationalen Front, indem er sich während der Abstimmung auf der Toilette aufhielt 6. Jan Masaryk hatte auch eine völlig von seinem Vater und von E. Benes abweichende Vorstellung der 1918 geschaffenen Tscheche-Slowakei. Seiner Meinung nach hatte man nach dem Ersten Weltkrieg die große Chance versäumt, mit den in den böhmischen Ländern lebenden Völkern und der Slowakei einen Vielvölkerstaat mit gleichen Rechten zu errichten, der damit automatisch politischer, wirtschaftlicher und kultureller Mittelpunkt eines neuen Mitteleuropas gewesen wäre. Wörtlich sagte er dazu in seiner für ihn so typischen Art: »Wir besaßen damals eine Phantasie wie etwa ein neugeborenes Kalb von nicht allzu intelligenten Eltern.«7 Jan Masaryk, der Weltmann war, sagte aber auch dem eigenen Vater, daß die schönste Zeit der Tschechen nicht in der neuen Republik, sondern im alten Österreich war. Otto von Habsburg weiß von einem mit ihm in London geführten Gespräch zu berichten, bei

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dem Masaryk bekannte: »Ich bin keiner von diesen Verrätern; ich habe noch am letzten Tag als Offizier der österreichisch-ungarischen Armee meine Pflicht getan.« 8 Also zu einer Zeit, da sein Vater schon seit Jahren enge Zusammenarbeit mit dem britischen Geheimdienst pflegte. Für seine Auslandsreisen erhielt T. G. Masaryk vom Foreign Office einen Paß, der auf den Namen Thomas George Marsden lautete 9.

Betrachtet man die Entwicklung des tschechischen Volkes in den letzten zweihundert Jahren, seinen volklichen Wiederaufstieg, den großen Idealismus, der auch vor großen Torheiten nicht haltmachte, seine politischen Anstrengungen, die Mythenbildungen und politische Fiktionen, seine militärischen Bemühungen in zwei Weltkriegen und stellt dann fest, daß man nun zurückgefallen ist in die Zeit vor 1918, dann erlauben die zahlreichen politischen Katastrophen seit 1938 den Rückschluß, daß es in diesem Zeitraum zu mehr als einer politischen Fehlentwicklung gekommen sein muß.

Das Auftauchen der Königinhofer Handschrift 1817 bewirkte eine Hochflut nationaler Gefühle, wie es sie in der Geschichte des tschechischen Volkes noch nie gegeben hatte. Es dauerte viele Jahrzehnte, bis sich die Anschauung durchsetzte, daß es sich bei dieser und einer ganzen Reihe von Handschriften um Fälschungen handelte. In den Jahren 1968/69 gab es den letzten auf breiter wissenschaftlicher Basis angelegten Versuch der Überprüfung. Das Ergebnis war genau so negativ, wie J. Gebauer dies bereits 1886 festgestellt hatte, doch Václav Hanka blieb und bleibt nach wie vor ein Volksheld 10. Auf den Falsifikaten der Hanka-Schule fußt die Geschichtstheorie des »Vaters der tschechischen Geschichte«, Frantisek Palacký, die wiederum Tomàs Masaryk - nach seinem slowakischen Ziehvater eigentlich Mazsarik 11 - weiterentwickelte. Der Autor historischer Romane Alois Jirásek schrieb mehrere Bücher in Schwarzweißdarstellung des tschechisch-deutschen Verhältnisses, die politisch bis heute mehr bewirkten als alle tschechischen Historiker zusammengenommen. Josef Pekár (1870-1937), der historische Gegenpol zu Palacky, der Schüler und Fortsetzer des Werkes von J. Goll, der Historie nach Fakten und nicht nach Mythen schrieb, kommt in seinem Werk Vom Sinn der tschechischen Geschichte zu einem positiven Miteinander von Tschechen und Deutschen in den Sudetenländern, das aber nicht nach dem Geschmack der Politiker war und ist.

Solange die Auswirkungen der großen Französischen Revolution den unter völlig anderen ethnologischen Bedingungen existierenden Bereich der Habsburger Monarchie nicht erreicht hatten, gab es dort das nicht, was später unter dem Begriff »Nationalitätenstreit« oder »Taferlpolitik« so störend wirkte und dieses Kleineuropa zum Untergang brachte.

Als der Revolutionsgedanke 1848 auch die Hauptstadt Böhmens erreichte, war sie noch mehrheitlich deutsch. Tschechen und Deutsche betrachte-

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ten sich als Nachbarn und als Angehörige eines Staates, der von der Adria bis weit nach dem Osten reichte. Der deutsche Versuch, ein Vaterland aller Deutschen herzustellen, der in der Nationalversammlung von Frankfurt gipfelte, fand in Prag eine geteilte Meinung, obwohl den Tschechen zugesichert wurde, daß sie - wie schon in der vergangenen Feudalzeit -eine Sonderstellung bekommen würden. Hieß es noch am 11. 3. 1848 bei einer der Begegnungen in Wenzelsbad »Cech a Nemec jedno telo« (Tschechen und Deutsche sind wie ein Leib), schieden sich bald die Geister, als die tschechische Seite die Einladung nach Frankfurt ablehnte. In Palackys Absagebrief vom 11. 4. 1848 schwingt bereits der Gedanke des Austroslawismus mit. Der ursprüngliche Gedanke der gleichberechtigten Partner wurde rasch über Bord geworfen, zumal die Tschechen auch gegenüber den Mährern und Schlesiern das Alleinvertretungsrecht forderten. Die Deutschen fühlten sich dadurch bedroht und gründeten noch im selben Monat unter dem Vorsitz des Wiener Arztes Ludwig Löhner den »Verein der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien zur Aufrechterhaltung ihrer Nationalität« mit Sitz in Wien. Anfang Mai fand dann in Prag der rasch einberufene erste Slawenkongreß statt, während dessen Dauer es gleichzeitig zu Ausschreitungen gegen die Prager Juden und zur Plünderung ihrer Geschäfte kam. Von da an hieß die Parole »Cechy Cechum« (Böhmen den Tschechen) und »Nemci a Zidé ven« (Deutsche und Juden raus), die gängige Parole eines Jahrhunderts. Mit der Austreibung der Deutschen ab 1945 fand sie ihre Verwirklichung. Es ist nicht von ungefähr, daß ein deutscher Jude, der seinerzeit so bekannte Schriftsteller Fritz Mauthner, diese Zeit voraussah und sie in seinem Roman Der letzte Deutsche von Blatna 1887 niederschrieb 12.

Welche Bedeutung das Jahr 1848 für die Sudetendeutschen und Tschechen hat, unterstreicht auch der aus Nordböhmen stammende Josef Mühlberger in seinem Buch Zwei Völker in Böhmen und auch der sozialdemokratische Politiker Wenzel Jaksch in seinem Buch Europas Weg nach Potsdam 13.

Eine weitere verpaßte Chance des politischen Ausgleichs hätte der Krieg der Herrscherhäuser Hohenzollern 1866 gegen Habsburg sein können. Die transleithanische österreichische Reichshälfte (Ungarn) erreichte ihn im »Ungarischen Ausgleich« 1867. Mit Böhmen und den Tschechen kam er aus mehreren Gründen nicht zustande. Als er kurz vor der Jahrhundertwende vor dem Abschluß stand, verloren die Alttschechen 1891 haushoch die Reichstagswahlen (sie erzielten nur ein Mandat), und die Jungtschechen lehnten den ausgehandelten Ausgleich ab.

Die Berufung des polnischen Grafen Badeni 1895 zum Ministerpräsidenten Österreichs, die veränderte tschechische Parteienlandschaft sowie die Einführung der fünften Wahlkurie, die eine stärkere tschechische Vertretung im Reichstag brachte, hatte zur Folge, daß Badeni im April 1897 in Zusammenarbeit mit den Jungtschechen seine Sprachen Verordnung durch-

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setzte, die den Nationalitätenstreit zum Kochen brachte. Das Ausscheiden aus dem »Deutschen Bund« durch die politische Waffenentscheidung von Königgrätz 14 wirkte sich bei Tschechen und Deutschen völlig unterschiedlich aus und bot beiden Völkern - auf deutscher Seite vor allem repräsentiert durch Georg Ritter von Schönerer und K. H. Wolf 15 - die Möglichkeit der politischen Stellungnahme. Während die Deutschen Österreichs meinten, ihr Staat sei ein deutscher, nahmen die Tschechen - nicht zuletzt aufgrund der Fiktion vom »Böhmischen Staatsrecht« - einen anderen Standpunkt ein, was infolge der einseitigen Lösungsversuche durch die Badeni-Sprachverordnungen zu Lasten der Deutschen zu sogenannten »Volkstagen« in zahlreichen Städten der Monarchie führte. Es war Schönerer, der am 4. 5. 1897 im Reichsrat die Errichtung eines Staates »Deutschösterreich« forderte. Der »Schwur von Eger« (11. Juli 1897) ist in die Geschichte eingegangen 16. Der Kampf um den »nationalen Besitzstand« kennzeichnete fortan die politischen Auseinandersetzungen bis zum Ersten Weltkrieg.

Ein Lichtblick für eine positive Lösung der verworrenen nationalen Vorstellungen in der Donaumonarchie schien der Parteikongreß der gesamtösterreichischen Sozialdemokratie in Brunn (24. -29. 9. 1899) zu werden. Das dort beschlossene Nationalitätenprogramm sah vor, die Monarchie in einen Nationalitätenbundesstaat umzuwandeln, ähnlich wie es bereits F. Palacky und L. Löhner 1849 beim Reichstag in Kremsier gefordert hatten 17.

Prallten auch im Reichsrat in Wien und im Böhmischen Landtag die Meinungen der tschechischen und deutschen Abgeordneten zeitweise recht hart aufeinander, im persönlichen Verkehr war von diesen Animositäten kaum etwas zu spüren; in Mähren und Österreichisch Schlesien kannte man diesen Nationalitätenstreit fast gar nicht. Daß es ihn in den Sudetenländern mehr als in den übrigen Kronländern gab, hing zu einem großen Teil damit zusammen, daß dort die Sudetendeutschen und auch die (damals noch mehrheitlich deutsch orientierten) Juden eine mächtige Industrie aufbauten, die erhebliche Gewinne abwarf. Nach Arbeit und Brot drängten jene Kinder tschechischer Bauern, die nur als Knechte und Mägde auf dem Hof tätig sein konnten. Sie waren auch bereit, mit einem niedrigen Lohn oder als Streikbrecher gegenüber den deutschen Arbeitern aufzutreten. Die nationale Unterwanderung, besonders in den Braunkohlenrevieren von Brüx-Dux und Falkenau und auch in der Textilindustrie, zum Beispiel im mährischen Hohenstadt, ist darauf zurückzuführen.

Die frühe Industrialisierung der deutschen Gebiete der Länder der böhmischen Krone führte auch dazu, daß bereits 1863 sich eine Gruppe von deutschen Webern dem im selben Jahr von Lassalle gegründeten »Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein« anschloß. Das hatte zur Folge, daß die sudetendeutsche Sozialdemokratie älter als die österreichische (gegründet

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1874 in Neudörfel bei Wien) und so alt wie die heutige »Sozialdemokratische Partei Deutschlands« ist 18.

Der Ausdruck der Zugehörigkeit der Deutschen in den Sudetenländern zum alten Römischen Reich Deutscher Nation zeigte sich auch auf anderen Gebieten. Als im Jahre 1900 der »Deutsche Fußballbund« gegründet wurde, wurde dessen erster Vorsitzender keinesfalls ein Angehöriger von »FC Bayern« oder des bekannten Fußballvereins »Schalke«, sondern der Vorsitzende des »DFC Prag«. Die sudetendeutschen Sozialdemokraten und Christlichsozialen hielten auch nach 1918 ihre »Reichsparteitage« ab, obwohl sie inzwischen Angehörige eines anderen Staates geworden waren.

Welche Bedeutung die in den Ländern der böhmischen Krone im vorigen Jahrhundert entstandene Industrie hatte, unterstreicht auch die Tatsache, daß von 1877-1880 Reichenberg in Nordböhmen Sitz der gesamtösterreichischen Sozialdemokratie war. Die in großer Zahl in die deutschen Siedlungsgebiete einströmenden tschechischen Arbeitskräfte ließen 1904 die »Deutsche Arbeiterpartei« entstehen, die, anders als die Sozialdemokraten, nicht international ausgerichtet war. Ihre politischen Schlagworte waren »Für Schule, Scholle, Arbeitsplatz«. Aus ihr ging später die »Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei« (DNSAP) hervor, die sich wesentlich von der später in Deutschland gegründeten NSDAP unterschied 19.

Wie rasch die tschechische Unterwanderung vor sich ging, zeigt die Statistik des tschechischen Grenzlervereins »Národní Jednota Severoces-ká« über seine erfolgreiche Tätigkeit ab 1880 20:

zahl der tschechen

Stadt

1880

1890

1900

1910

1921

1930

Brüx

1026

2493

4223

3965

8802

9740

Aussig a. d. Elbe

550

923

774

2042

6885

8735

Reichenberg

2488

1613

2503

2217

4984

6314

Gablonz

62

95

237

2358

3926

5602

Teplitz

865

1018

1548

2089

4406

5239

Saaz

660

689

430

579

1820

3156

Dux

2285

2888

2899

4117

5978

6285

Da die Arbeiter in jenen Jahren nicht gerade in für sie rosigen Zeiten lebten, ist es verständlich, daß man die in ihre Heimat gekommenen national fremden Streikbrecher und Lohndrücker nicht gerade als Verbündete betrachtete, zumal tschechische Scharfmacher, etwa der Abgeordnete Edvard Grégr, bei der Grundsteinlegung des Jan Hus-Denkmals in Prag (1903) die deutschen Mitbewohner Böhmens als »Fremdlinge« bezeichneten, von denen das Land »gesäubert« werden müsse 21. Die aufgeputschte

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Menge zog anschließend zum Deutschen Casino und tobte sich aus. Mehrfach wurde wegen des anhaltenden Nationalitätenstreites in Böhmen das Standrecht verhängt; die Prager Deutsche Universität war des öfteren Ziel tschechischer Angriffe 23. In gleicher Weise gab es des öfteren Ausschreitungen gegen Juden, die während des Hilsnerprozesses 1899 gipfelten. Die viel größeren Geburtenzahlen bei den Tschechen bewirkten das Abwandern überschüssiger Arbeitskräfte in die deutschen Gebiete. Bei den Deutschen kam durch forsche Reden tschechischer Politiker und die ständige Zuwanderung von jungen Tschechen das Gefühl der Bedrohung auf, das unter anderem zur Gründung von »Schutzverbänden« führte (z. B. Bund der Deutschen in Böhmen, Deutscher Böhmerwaldbund, Deutscher Schulverein. . .) 24. Ähnliche Vereinigungen gab es auch auf der tschechischen Seite (die »Národní Jednotas«), deren Ziel die Angleichung des tschechischen Siedlungsbodens mit der Landesgrenze war, das heißt man strebte die Hinausdrängung der Deutschen planmäßig an.

Das ausgezeichnete österreichische Schulwesen hatte dem tschechischen Volk einen Bildungsstand verschafft, wie ihn weder die Russen, noch die Polen, noch die Serben besaßen. In der österreichischen Hälfte der Monarchie gab es auch kein bevorrechtetes Volk und auch keine »Staatssprache«, wie es in der Vorkriegs-Tschechoslowakei der Fall war. Deutsch war keine offizielle Amtssprache, doch Vermittlungssprache unter den neuen Völkern der Monarchie. Auch heute gilt, was der sozialdemokratische Publizist Hermann Ullmann 1913 in der Deutschen Arbeit schrieb: »Der Deutsche, der Tschechisch lernt, bringt ein Opfer - der Tscheche, der Deutsch lernt, erobert damit einen Welthorizont.«

Noch um die Jahrhundertwende sagte Karel Kramár, zeitweise stellvertretender Vorsitzender des österreichischen Parlaments in seinen Anmerkungen zur tschechischen Politik 1905: »Niemand kann die jedem klare und augenscheinliche Tatsache leugnen, daß unsere Nation in Österreich relativ unter den besten Bedingungen für ihre kulturelle, politische und wirtschaftliche Entwicklung leben kann. . . Die Lage unserer Nation im Herzen Europas und die Gestaltung der internationalen Machtverhältnisse zwingen uns mehr als irgendwann, in einem starken, innerlich gesunden Österreich die beste Sicherung der Zukunft unserer Nation zu suchen.« 25

Doch wenige Jahre später, als er sich dem Gedanken des Neoslawismus verschrieb, erklärte er im Wiener Abgeordnetenhaus: »Wir [d. h. die Tschechen! sind die historische, die erste Nation in Böhmen. Wir haben das Königreich gegründet. . .« 26 Zu diesem Zeitpunkt schrieb der spätere CSR-Außenminister Edvard Benes an seiner Dissertation Le problème autrichien, in der er noch für die Erhaltung Österreich-Ungarns eintrat. Wenig später nahmen beide einen völlig entgegengesetzten Standpunkt ein. Auf dem Allslawischen Kongreß 1908 in Prag erklärte Kramár: »Die Tschechen

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sehnen den Tag herbei, an dem sie vom Böhmerwald bis Wladiwostok in einem Reich leben dürfen.« 27 Als dieser Wunsch sich schließlich durch den Stalin-Benes-Pakt vom 12. 12. 1943 im Jahre 1945 erfüllte, gehörte das tschechische Volk durch lange Zeit zu den unglücklichsten Völkern der Welt.

In Mähren, wo die Wogen des nationalen Streites zwischen Deutschen und Tschechen nie so hoch gingen wie in Böhmen, kam es am 27. 11. 1905 zu einer überraschenden Vereinbarung im Mährischen Landtag, der als »Mährischer Ausgleich« (Moravský pakt) in die Geschichte eingegangen ist. Seit 1867 bestimmte die österreichische Verfassung, daß alle Volksstämme gleichberechtigt seien. Ein gewisses Ungleichgewicht gab es aber durch das Wahlrecht, das zum Teil mit der Steuerkraft gekoppelt war. Das allgemeine Wahlrecht kam erst 1907 zum Tragen. Der »Mährische Ausgleich« war ein Lösungsversuch zur Entschärfung des Nationalitätenstreits, ermöglicht durch das Entgegenkommen der deutschen Seite. Er bestand aus vier Gesetzen und sah vor allem einen »Nationalitätenkataster« vor. Der Ausgleich brachte Vorteile für beide Seiten. Durch die Praktizierung des Gedankens der »Personalautonomie« sollte eine Majorisierung der jeweiligen Minderheiten vermieden werden. Leider wurde dieser nationale Ausgleich in Mähren nicht in die Praxis umgesetzt, fand aber Anwendung in der Bukowina und später in Estland. In der tschechischen Geschichtsschreibung gehört er zu den vielen »weißen Flecken« 29. Etwas Ähnliches auf Stadtebene zu schaffen, wurde im südböhmischen Budweis versucht 30. Der Mährische Ausgleich bot von allen bisherigen Lösungs versuchen der Nationalitätenfrage in Österreich die besten Möglichkeiten einer Verwirklichung. Die Chance wurde vertan.

Im politischen Windschatten von Karel Kramár agierte damals mit seinen beiden Abgeordnetenkollegen der »Realistenpartei« ein junger Dozent namens Masaryk, der kaum Anhang hatte, doch durch den Hilsnerprozeß auf sich aufmerksam machte 31. Frühzeitig nahmen zwei Korrespondenten der englischen Times (Steed und Seton Watson) Verbindung mit ihm auf und brachten ihn auch mit dem US-amerikanischen Multimillionär und »Wohltäter« Charles R. Crane zusammen, der den in dürftigen Verhältnissen lebenden Masaryk »unterstützte«. Der Ausdruck »Geldwäsche« war damals noch nicht erfunden. In seinem Buch Svetová revoluce (Weltrevolution, S. 9) gibt Masaryk selbst zu, daß »für das, was er getan hatte, bevor er Österreich verließ, ihm der Galgen sicher war«. Masaryk hatte geheimes Material an den britischen Geheimdienst weitergegeben, unter anderem über Emanuel Viktor Voska, einen Tschechen in britischen und amerikanischen Diensten. Der Tschechoamerikaner Josef Kaldova hat über diese Aktivitäten Masaryks in seinem Buch The Genesis of Czechoslovakia ausführlich berichtet. Vor allem ist aus dem Buch zu erfahren, daß die »engen Kontakte« zu Crane schon seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg

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bestanden. Das Masaryk belastende Material wurde nach 1918 von Voska nach Prag in Sicherheit gebracht 32. Englands Ziel war, Österreich-Ungarn von Deutschland zu trennen. Masaryk stellte sich für diese Aufgabe mit zur Verfügung und erreichte so die Gründung der 1918 in Washington (!) proklamierten Tschechoslowakischen Republik, in die dreieinhalb Millionen Sudetendeutsche entgegen ihrem Willen inkorporiert wurden 33. Da nicht nur 1918 das tschechische Volk das sowohl von Lenin als auch von dem US-Präsident Wilson verkündete Selbstbestimmungsrecht für sich in Anspruch nehmen wollte, besetzten die Tschechen im November 1918 das sudetendeutsche Gebiet. Am 4. März 1919, dem Tag, an dem unter Führung der sudetendeutschen Sozialdemokraten für dieses Recht öffentlich und friedlich demonstriert wurde, schoß tschechisches Militär in die Menge. Allein an diesem Tage gab es 54 Tote. Mit Ausnahme der Zeitung von Kladno nahm die tschechische Öffentlichkeit davon keine Kenntnis, und auch Staatspräsident Masaryk zeigte sich an diesem Massaker uninteressiert. Mit der gewaltsamen Einverleibung des sudetendeutschen Gebietes und diesem Massaker war die Sudetenfrage geboren. Es waren die umfangreiche Industrie und der Reichtum an Braunkohle, die die Tschechen in ihrem »Nationalstaat«, in dem sie selbst aber nur 48 Prozent ausmachten, für sich nützen wollten. In seinem Memoire III an die Friedenskonferenz in Paris sprach Edvard Benes dies in aller Deutlichkeit aus 34. Mit dem Versprechen, in der CSR eine »Art höherer Schweiz« zu schaffen, und unter Einhaltung des Minderheitenschutzvertrages bekam die CSR 1919 das sudetendeutsche Gebiet zugesprochen, obwohl es ernste, mahnende Stimmen auf amerikanischer Seite gab, die sich gegen diese Entscheidung aussprachen 35. Daß die politische Führung der neugeschaffenen tschechischen Republik gar nicht daran dachte, diese Auflagen zu erfüllen, stellte ihr Präsident bereits in einem Interview vom 10. 1. 1919 im Pariser Matin klar, wo er sagte, daß es eine »sehr rasche Entgermanisierung« geben werde 36.

Das Ausmaß des Vorgehens tschechischer Militäreinheiten gegen Sudetendeutsche gab die Neue Zürcher Zeitung vom 7. 3. 1919 wie folgt wieder: »Die Ereignisse in Deutschböhmen und die Akte tschechischer Brutalität gegen die deutschböhmischen Demonstranten erregen die größte Erbitterung. Nachdem schon vorgestern in Karlsbad, Reichenberg, Eger, Aussig, Sternberg, Brüx, Mies und Neutitschein das tschecho-slowakische Militär mit Salvenfeuer und Bajonetten gegen die deutsche Bevölkerung gewütet hatte, die sich am Tag des Zusammentritts der deutschösterreichischen Nationalversammlung zu durchaus friedlichen Kundgebungen für das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen Böhmens zusammengefunden hatte, haben gestern tschecho-slowakische Soldaten in Kaaden und Karlsbad neuerdings Grausamkeiten gegen Deutsche verübt. In Kaaden wurden 17 Personen getötet, 30 schwer und 80 leicht verwundet. Auch in

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Karlsbad wurden neuerdings zwei Deutsche erschossen. Die Anzahl der Todesopfer der tschechischen Raserei in Sternberg beläuft sich auf 14. Es ist zweifellos, daß die tschechische Regierung beabsichtigt, die Betätigung ihrer Gewalt- und Schreckensherrschaft auf das äußerste zu treiben, und vor der Anwendung schlimmster Gewaltmittel nicht zurückschreckt. Die Wirkung dieser unbeschreiblichen Gewalttaten kann selbstverständlich nur die sein, daß sich das Verhältnis zwischen Deutschböhmen und der tschechischen Regierung unversöhnlich gestaltet und daß seit den Schießereien jede Möglichkeit einer Verständigung ausgeschlossen erscheint. . .«

Die von einer selbsternannten tschechischen revolutionären Nationalversammlung ausgearbeitete Verfassung, in der die Tochter des Staatspräsidenten und E. Benes als Vertreter der Slowaken (!) saßen, ging von der Fiktion eines »tschechoslowakischen Staatsvolkes« aus, das sich bis zum Ende der Tschechoslowakei am 31. 12. 1992 mehrfach als nicht existierend herausstellte. Das Regierungssystem der »Petka/Osmicka« machte das Parlament zur Farce, da die Angeordneten infolge der vorher getroffenen »Petka/Osmicka«-Vereinbarungen nichts zu entscheiden hatten. Für deutsche, slowakische und ungarische Parteien gab es damit keine Möglichkeit, eine Gesetzesvorlage ein- und durchzubringen. Eine strenge Zensur tat ein übriges. Die Bodenreform und andere sich einseitig auswirkende Maßnahmen ließen früh erkennen, daß von Verständigung keine Rede sein konnte. Was Josef Seliger, der Obmann der deutschen Sozialdemokraten, in seiner ersten Rede im neuen CSR-Parlament zum Ausdruck brachte, war politische Prophetie, da der neue Staat Machtmißbrauch mit Demokratie verwechselte und somit zum Untergang verurteilt sei. Die durch Jahrzehnte beschworene Solidarität zwischen den tschechischen und deutschen Sozialdemokraten entpuppte sich nun als Luft, und der tschechische sozialdemokratische Ministerpräsident Tusar dachte keinesfalls daran, mit seinen deutschen Genossen zusammenzuarbeiten 37.

Das Angebot mehrerer sudetendeutscher Parteien (1926/1929), bedingungslos in die Regierung einzutreten, um dadurch eine etwas gerechtere Behandlung ihrer Landsleute zu erreichen, brachte keinen Wandel in der Einstellung der führenden tschechischen Parteiführer. Im Gegenteil. Als Morgengabe mußten diese »sudetendeutschen Aktivisten« zustimmen, daß das einzige Land mit deutscher Mehrheit, Sudetenschlesien, aufgelöst und 1927 zu Mähren geschlagen wurde! Sämtliche Eingaben der Sudetendeutschen, Slowaken, Madjaren und Karpatoukrainer an den Völkerbund wurden durch den Einspruch der Tschechoslowakei beim Völkerbund dort nie behandelt 38.

Die 1921 gegründete Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (KPTsch) forderte noch auf ihrem VI. Parteitag vom 7. -11. 3. 1931 in einer Resolution »die Solidarität des Proletariats für ein Sowjetdeutschland. Diesen Kampf werden wir aktiv unterstützen durch den Kampf für die

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Sowjetmacht in der Tschechoslowakei, durch den Kampf für das Selbstbestimmungsrecht bis zur Loslösung für jene Teile der deutschen Nation, welche auf dem Gebiet der Tschechoslowakei leben«, und stellte sich deshalb »gegen die Besetzung der deutschen Teile Böhmens. . . durch die imperialistische tschechische Bourgeoisie und deren Räumung von Organen der tschechischen Okkupationsmacht. . . Für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen bis zur Lostrennung vom Staat. . .«Eine ähnliche Erklärung gab auch der KPTsch-Abgeordnete Václav Kopecký am 27. 3. 1930 im Prager Parlament ab. Keine der deutschen Parteien ging in ihren Forderungen so weit wie die KPTsch 39.

Der Mißerfolg der deutschen aktivistischen Parteien, dazu die drückende Not durch die in der CSR länger anhaltende Weltwirtschaftskrise und der weit größere sudetendeutsche Anteil der Arbeitslosen an der gesamtstaatlichen Arbeitslosenzahl ließ die Sudetendeutschen am richtigen Weg des deutschen Aktivismus zweifeln. Die am 1. 10. 1933 gegründete »Sudetendeutsche Heimatfront« (ab 1935 »Sudetendeutsche Partei«) fand dadurch so raschen Zulauf, zumal sie in ihrem Programm vielfach das forderte, was nach 1918 noch die Sozialdemokraten gefordert hatten. Alle ihre Bemühungen (Rede Henleins am 31. 10. 1934 in Böhmisch Leipa, die Volksschutzgesetzentwürfe vom 27. 4. 1937) 40 fanden auf der tschechischen Seite nur taube Ohren. Auch die Tatsache, daß die »Sudetendeutsche Partei« bei den Parlamentswahlen vom 19. 5. 1935 l 249 497 Stimmen von den 3,5 Millionen Sudetendeutschen erhielt und stimmstärkste Partei der CSR wurde, änderte an der tschechischen Haltung nichts, obwohl man nur Autonomie wünschte 41.

Am 26. 4. 1936 wurde seitens der Sudetendeutschen ein weiterer Versuch zur nationalen Entspannung durch die sogenannte »Jungaktivisten« Wenzel Jaksch, Gustav Hacker und Hans Schütz gestartet, der den unnötigen Streit auf der Basis »Ich Herr, Du Herr« lösen wollte. Es wurde ein Misserfolg 42. Auch die Denkschrift der drei Aktivistenparteien vom 27. 1. 1937 war nur ein letzter, doch ebenfalls vergeblicher Versuch zur Lösung des Nationalitätenproblems der CSR. Zwar wurde formell eine »Zentralstelle der deutschen aktivistischen Parteien»in Prag errichtet, die Willi Wanka leitete, doch zeigte es sich rasch, daß in der Auslegung des »Februarabkommens« ein »grundsätzlicher Zwiespalt zwischen den sudetendeutschen aktivistischen Parteien und der tschechischen Seite bestand«, da die Tschechen nur die »Regelung einiger administrativer Probleme« im Auge hatte, nicht aber die Lösung des brennenden Sudetenproblems, weil es auch 1937/38 noch »keine Abkehr von der tschechischen Nationalstaatsideologie« gab, wie Willi Wanka rückblickend darüber schreibt 43. Der sogenannte »Vierte Plan« von Staatspräsident Benes, der 1938 die Autonomie bringen sollte, war seitens Benes', wie dieser Jaksch erklärte, nur zur Demaskierung Henleins bestimmt; er war also gar nicht ernst gemeint 44.

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Von der Gründung der CSR bis zu ihrem Untergang 1939 wurde so von tschechischer Seite stets mit Tricks gearbeitet, die erkennen lassen, daß Tricks und die häufige Anwendung von faits accomplis zu den Konstanten tschechischer Politik zu allen Zeiten gehören. Als Alternative für die Sudetendeutschen blieb ihnen 1938 nur eben das Deutsche Reich, dem damals alle Welt den Hof machte, auch Benes selbst 45.

Der Gedanke der Vertreibung der Sudetendeutschen als Endziel der Lösung der Nationalitätenfrage in Böhmen, Mähren und Schlesien wurde keinesfalls erst während des Zweiten Weltkrieges geboren. Schon Herzog Spytihnev erließ 1055 den Befehl, die Deutschen seines Landes auszutreiben. »Proti vsem Nemcum« (Gegen alle Deutschen) lautete die Parole der Prager Hussiten 46. Auch die zur Tschechin gewordene Agnes Pankl, später als Bozena Nemcová als Dichterin bekanntgeworden, wünschte sich bereits 1850 »eine ordentliche Revolution gegen die Deutschen. . . , um sie über die Grenze zu treiben«. 47 Die Projektierung und Absicherung der Vertreibung erfolgte aber in einem Memorandum des tschechischen Exils unter Führung von E. Benes in London. Darin verlangte er von den Alliierten die Mithilfe zur »ethnischen Säuberung« von den Deutschen in seinem Heimatland 48. Durch den Stalin-Benes-Pakt vom 12. 12. 1943 49 und den Sieg der Alliierten 1945 konnte dann die große ostdeutsche Tragödie in Szene gesetzt werden. Die goldene Kette der Vertreibung war aber zugleich auch die totale Unterwerfung von Benes und seines wiedererrichteten Staates gegenüber der Sowjetunion. Der tschechische Exilhistoriker Ivan Pfaff schrieb dazu in der FAZ vom 12. 12. 1993: »Es war nicht Stalin, sondern sein tschechischer Gast, der im Dezember 1943 die gegenseitigen Beziehungen beider Länder als Vasallentum der Tschechoslowakei definierte. . . Der Vertrag öffnete der Sowjetunion eine Tür nach Mitteleuropa, lange vor dem Durchbruch der Roten Armee in diesem Raum.« Was die Tschechen ab 1948 erdulden mußten, war also mitverschuldet.

Neben tschechischen Vertreibungsabsichten gab es in der Protektoratszeit aber auch von deutscher Seite Erwägungen, die eine Germanisierung der Tschechen vorsahen 50. Die starke tschechische Kollaborationsbereitschaft während der Protektoratszeit, auf die sogar Präsident Havel verwies 51, und die besonders hohen Leistungen des Protektorats für die deutsche Rüstungsindustrie könnten vielleicht damit in einem gewissen Zusammenhang stehen.

Versäumte Chancen waren aber auch die Bemühungen von Staatsminister K. H. Frank, kurz vor Kriegsende das Protektorat zu beenden und eine »Böhmisch-Mährische Republik« zu errichten, wofür er schon Jahre vorher politischen »Ehrenhäftlingen« eine begünstigte Sonderhaft gewährte 52. Franks Bemühungen, durch mehrere Missionen die Amerikaner zu bewegen, das Protektorat zu besetzen, um blutige Ausschreitungen zu vermeiden und dem Lande die bolschewistische Herrschaft zu ersparen, scheiter-

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ten sowohl an den Amerikanern als auch an jenen Partisanen, die kurz vor Kriegsende in Kladno der Mission von Protektoratsminister Bertsch und General Ziervogele am 5. 5. 1945 ein Ende bereiteten 53. Auch Henleins Mission im Mai 1945 scheiterte.

Die allergrößte Chance zu einer endgültigen Bereinigung des schon so lange für eine Lösung anstehenden tschechisch-sudetendeutschen Problems gab es aber 1945 für die Tschechen, wenn sie nicht ihre deutschen Mitbewohner vertrieben und ihnen allein alle Schuld für die Sünden der Vergangenheit angelastet hätten. Auch »München« hätte damit bereinigt werden können. »München 1938« war nicht nur das Versagen der tschechischen Seite von 1918-1938; es war auch das Ergebnis der Bemühungen der seinerzeitigen CSR-Regierung, das des Präsidenten Benes und der Führer der tschechischen politischen Parteien, die durch die Necas-Geheimmission (16. 9. 1938) und andere Vereinbarungen mit Engländern und Franzosen »München« herbeigeführt haben 55. Osuský, CSR-Gesandter in Paris, forderte deshalb zu Recht einen Hochverratsprozeß gegen Benes 56. »Die Wurzel des Bösen liegt bei 1945« und. . . »bei unserem schlechten Gewissen«, schrieb Bohumil Dolezal in einer Betrachtung zum Sudetenproblem von heute 57. In der Kollektivschuld von 1945 sieht Václav Havel den Anfang des Kommunismus, auch wenn rund 300 tschechische Historiker dies leugnen 58.

Seit Jahren suchen auf deutscher wie tschechischer Seite verantwortungsbewußte, der Zukunft verpflichtete Menschen nach Lösungsmöglichkeiten. Bereits seit 1950 streckten die vertriebenen Sudetendeutschen mit dem »Abkommen von Wiesbaden« und der »Charta der Heimatvertriebenen« die Hand nach einem tschechischen Partner aus, um ihr gemeinsames Problem zu bereinigen. Die zu oft einseitige tschechische Geschichtsschreibung, verstärkt durch die ideologischen Übersteigerungen des kommunistischen Regimes, haben - trotz »Pravda vítezí« (Wahlspruch im Staatswappen: Die Wahrheit siegt!) - durch mehr als ein halbes Jahrhundert die historische Wahrheit verzeichnet. Ein Vorkämpfer für einen tschechisch-deutschen Neubeginn, der Prager Historiker Rudolf Kucera, hat bereits 1990 dazu einiges ausgesagt, was überlegenswert ist: »Mit der Vertreibung der Deutschen aus Böhmen nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich scheinbar ein Traum der tschechischen Geschichte erfüllt. Die Tragödie dabei ist aber, daß am Ende des 20. Jahrhunderts der tschechische Durchschnittsbürger nichts mehr von den 700 Jahren der gemeinsamen tschechisch-deutschen Geschichte weiß und auch nicht die Wahrheit über die tragische Unterbrechung des Zusammenlebens von Tschechen, Deutschen und Juden und deshalb sein Nationalbewußtsein und Selbstbewußtsein von historisch unhaltbaren Fiktionen ableitet.« 59 Den Ausweg sieht Kucera in der Idee von Mitteleuropa. Ähnliche Überlegungen äußerte auch schon Pavel Tigrid in seiner Zeitschrift Svedectví,

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worin er seinen Landsleuten ankreidet, daß sie der persönlichen Schuldfrage immer ausweichen und vor allem immer anderen die alleinige Schuld aufbürden 60.

Der Vorgang der Vertreibung ist abgeschlossen und ist nicht umkehrbar. Das Unrecht und das Verbrechen der Vertreibung bleiben aber bestehen. Die Geschichte bleibt aber nicht stehen, und die noch immer offene Sudetenfrage ist deshalb noch zu bereinigen, damit wieder wirklicher Frieden und Vertrauen herrschen.

Anmerkungen:

1. A. Opasek, Dvanáct zastavení, Prag 1992, S. 280-283.

2. Ebenda, S. 179 ff. ; »Unorové události a kláster Teplá«, in Lazenský casopis, Karlsbad l/1993, S. 4 f.

3. Artur London, Ich gestehe. Der Prozeß um Rudolf Slánsky, Hamburg 1970; Josefa Slánská, Bericht über meinen Mann. Die Affäre Slánský, Wien 1968; Toni Herget, »Asche auf die Straße gestreut«, in Sudetendeutsche Zeitung, München, 8. 5. 1970; Karel Kaplan, Die politischen Prozesse in der Tschechoslowakei 1948-1954, Prag 1966.

4. Ivan Sviták, Velký skluz, München 1984, S. 70 ff.

5. »Todessprung aus dem 3. Stock«, in Sudetendeutsche Zeitung, München.

6. Novina, Cleveland, 10/1985, S. 32.

7. Ladislav Jehlicka, Krikkoruny svatováclavské, Prag 1987.

8. FAZ vom 23. 3. 1991, S. 6.

9. Nationality Papers, USA, Nr. 2, Bd. XII, S: 321.

10. Ceskoslovenské dejiny v datech, Prag 1986, S. 249-318.

11. Reportér, Prag, 8/1990, S. 30.

12. Sudetenland, 4/1975, S. 308 f. , Rezension bei Neuauflage.

13. Wenzel Jaksch, Europas Weg nach Potsdam, Stuttgart 1958, S. 34-52.

14. Andrew Whiteside, Georg Ritter von Schönerer, Graz 1981; Elizabeth Wiskemann, in Czechs and Germans, 1938, zit. in W. Jaksch, aaO. (Anm. 13), S. 74: »Die liberale Herrschaft in Österreich war im großen Ausmaß eine Herrschaft der Sudetendeutschen. . . Um einer politischen Partei Gerechtigkeit werden zu lassen, die heutzutage keine Verteidiger findet, sollte nicht vergessen werden, daß die Liberalen eine feine Konzeption der deutschen Zivilisation hatten, die sie hoch bewerteten, und daß es ihrer Regierung zu danken war, daß die Polizeiherrschaft einem rechtsstaatlichen Zustande und der Anerkennung der individuellen Rechte wich, einschließlich derer der Juden.«

15. A. Wandruszka u. P. Urbanitsch, Die Habsburgmonarchie 1848-1918, Bd. III, S. 228-231.

16. Andrew Whiteside, aaO. (Anm. 14), S. 150-156; Friedrich Prinz, Geschichte Böhmens 1848-1948, München 1988, S. 161: Volkszählung in Böhmen 1880 (5,5 Mio. Einwohner, davon 3,47 Mio. Tschechen, 2,05 Mio. Deutsche), Mähren (2,4 Mio. Einwohner, davon 1,5 Mio. Tschechen, 630. 000 Deutsche).

17. Josef Mühlberger, Zwei Völker in Böhmen, 1973, S. 169 (Text des Nationalitätenprogramms).

18. Benno Tins, Die eigenwillige Historie des Ascher Ländchens, München 1977, S. 63.

19. Ascher Rundbrief, München 12/1984, S. 138; Hohenstädter Heimatbrief 12/1951, S. 2-6.

20. Nás vývoj v sever. Cechách pod ochranou Národní Jednoty Severoceské 1910-1935, Bd. II: Kraj Litomerický, Prag 1936, S. 21.

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21. Ernst Birke u. Kurt Oberdorfer, Das böhmische Staatsrecht, Marburg/Lahn I960, S. 81; Hanus Kuffner, Nás stát a svetový mir, 1917 (Bei einer Neuordnung Europas nach dem l. Weltkrieg sollte von Deutschland nur noch eine »Deutsche Reservation« und von Österreich ein Kleinstaat mit dem Namen »Mittelmark« übrigbleiben.). Die Forderung auf »Entgermanisierung« findet sich in den ersten Jahren der 1918 gegründeten CSR in Reden und Aufsätzen vieler Politiker, auch bei T. G. Masaryk und E. Benes.

22. Ceskoslovenske dejiny v datech, aaO. (Anm. 10); zwischen 1848 und 1908 gab es in Böhmen fünfmal Standrecht.

23. H. Münch, Böhmische Tragödie, Braunschweig 1949, S. 537, Anm. 15; Friedrich Prinz, aaO. (Anm. 16), S. 180.

24. 110 Jahre deutsche Schutzarbeit, Wien 1990, S. 1-14.

25. Zit. in W. Jacksch, aaO. (Anm. 13), S. 99.

26. Ernst Birke u. Kurt Oberdorf er, aaO: (Anm. 21), S. 87 f.

27. M. Paulovä, Tajný výbor Maffie, Prag 1968; Sudetendeutsche Zeitung, München, 11. 3. 1977.

28. Die Presse, Wien, 27. /2S. 4. 1991; Österreichische Osthefte, Wien 2/1982, S. 225-248.

29. Josef Sárka, »Moravský pakt«, in Moravské noviny, Brunn, 49/1990.

30. Emil Brix, »Der Böhmische Ausgleich in Budweis«, in Österreichische Osthefte, aaO. (Anm. 28).

31. Bohumil Cerný, Justicní omyl, Prag 1990; »Vertrocknetes Blut sagt die Anklage«, in Die Presse, aaO. (Anm. 28).

32. Josef Kalvoda, The Genesis of Czeschoslovakia, New York 1986, S. 520 ff. -Geldzuwendungen an Masaryk: S. 44, 373, 522.

33. Paul Molisch, Die sudetendeutsche Freiheitsbewegung in den Jahren 1918-1919, Wien-Leipzig 1932; Hermann Raschoff er u. Otto Kimminich, Die Sudetenfrage, München 21988; Materiály z vedecké konference venované 50. vyrocí Ceskoslovenské republiky, Bd. 2, Prag 1968; Neue Zürcher Zeitung, 7. 3. 1919 (= Bericht über die Massaker an Sudetendeutschen um den 4. 3. 1919, zit. in Kurt Rabl, Das Ringen um das sudetendeutsche Selbstbestimmungsrecht, München 1958, S. 59).

34. Helmut Gordon, Die Benes-Denkschriften. Die Tschechoslowakei und das Deutsche Reich 1918/19, Leoni 1990, S. 150-164.

35. Professor Coolidge, Mitglied des US-Regierungsausschusses zur Vorbereitung der Friedenskonferenz in Paris, in Papers relating to the Foreign Relations of the United States 1919- The Paris Peace Conference, Bd. XII, Washington 1947, S. 271 ff.

36. Jaroslav César u. Bohumil Cerny, Politika nemeckých burzoasných stran v Ceskoslovenku v letech 1918-1938, Prag 1962, S. 140-145.

37. Stenographische Protokolle der Sitzungen des Abgeordnetenhauses der Nationalversammlung der Cechoslowakischen Republik, Bd. I, Prag 1920,S. 254. Seliger:». . . Aber wie dieser Verrat am Selbstbestimmungsrecht eine Bedrohung der Demokratie in ganz Europa ist, so ist er auch zur Bedrohung und Gefahr der Demokratie in Ihrem eigenen Staate geworden. . . Sie werden ein unglückliches Volk sein, solange Sie nicht begreifen, daß Demokratie nur unter Gleichen möglich ist - nicht aber zwischen Herren und Knechten. . . Ich will Ihnen klarmachen, welch enger, unlösbarer Zusammenhang besteht zwischen Demokratie und Freiheit und dem Selbstbestimmungsrecht der Völker (Beifall aller deutschen Abgeordneten). Wenn Sie das nicht begreifen, dann ist Ihr Staat, dann sind Sie mit Unglück geschlagen. . .«. - »Volkmar Gabert schrieb Pavel Kohout«, in Die Brücke, München, 15. 2. 1994.

38. Herbert von Fruhart, Völkerbund und Minderheitenpetitionen, Wien-Leipzig 1951, S. 68 ff. ; F. P. Habel, Dokumente zur Sudetenfrage, München 1984, S. 155 ff.

39. Internationale Presse-Korrespondenz, 10. 3. 1931; Protokoll des 6. KPTsch-Parteitages 1931, S. 302.

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40. Frankfurter Zeitung, 20. 7. 1938.

41. Helmuth Rönnefarth, Die Sudetenkrise in der internationalen Politik, Wiesbaden 1961, S. 140 ff.

42. München 1938. Dokumente sprechen, München 1964, S. 58-63 (= Auszüge aus den Reden der drei führenden Jungaktivisten); Arnold J. Toynbee, »Das deutsche Problem der Tschechoslowakei«, in The Economist, London, 10. 7. 1937 - Übersetzung in München 1938. Dokumente sprechen, S. 64-75.

43. Willi Wanka, »Bei Benes war guter Wille nicht vorhanden«, in Sudetendeutsche Zeitung, München, 11. 4. 1986.

44. Toni Herget, »Tschechische Tricks auf der politischen Bühne«, in Witiko-Brief, München, 1/1986, 5. 6 f.

45. »Geheime Verhandlungen von Präsident E. Benes mit Dr. Haushofer und Graf Trauttmannsdorf vom l3. 11. 1936-13. 3. 1937«, in Dejiny ve skole, Prag, 8/1968/1969, S. 165 ff. ; »Die Mission des Grafen Trauttmannsdorf«, in FAZ, 15. 1. 1962; Tvorba, Prag, 1. 3. 1972.

46. Josef Pekár, Postavy a problemy ceských dejin, Prag 1990, S. 82-107.

47. Albert Prazák, Ceské obrození, 1947, zit. in Münchner Merkur, 27. /28. 1. 1990.

48. »Memorandum of the Czechoslovak Government on the Problem of the German Minority in Czeschoslovakia«, in Václav Král, Die Deutschen in der Tschechoslowakei 1933-1947, Prag 1964, S. 538-548.

49. Vojtech Mastny, »The Benes-Stalin-Molotov Conversations in December 1943. New Documents«, in Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, 3/1972, S. 367-102.

50. Václav Kral, Die Vergangenheit warnt, Prag 1962.

51. Prager Wochenblatt, 16. 9. 1993.

52. Die tschechischen »Ehrenhäftlinge« während der Protektoratszeit sind einer der »Weißen Flecken« tschechischer Geschichtsschreibung: Václav Cemý Plác koruny ceské, Toronto 1977, S. 386 u. 486; »Tehdy na Jenerálce«, in Hlas revoluce, Prag, 9. 6. 1984, S. 4; Karel Bartosek u. Karel Pichlík, Amerikané v západních Cechách v roce 1945, Prag 1953, S. 65.

53. Bericht des ehemaligen Arbeitsministers in der Protektoratsregierung Walter Bertsch während seines Gefängnisaufenthaltes in Pilsen-Bory zu seinem Mitgefangenen Anton Herget im Jahre 1948/49.

54. Bericht Hugo Umann v. 23. 3. 1954.

55. München 1938. Dokumente sprechen, aaO. (Anm. 42), S. 126 f. : Geheime Anweisung des Staatspräsidenten Benes an den tschechoslowakischen Sozialfürsorgeminister Jaroslav Necas (Punkt 1: »Niemals zugeben, daß gesagt werden könnte, dieser Plan stamme von den Tschechoslowaken.« Punkt 4: »Der fertige Plan ist als unsere letzte Konzession anzusehen und muß Hitler notfalls aufgezwungen werden.«). Der erste Satz des »Münchener Abkommens« vom 29. 9. 1938 nimmt darauf Bezug. - Toni Herget, »E. Benes - Sieger von München?«, in Sudetendeutsche Zeitung, München, 5. 1. 1968; »Sociálnídemokrating. Jaroslav Necas. Politik cistých rukou«, in Právo lidu, Wuppertal, 1/1984; Toni Herget, »Ohne uns und gegen uns?«, in Graslitzer Nachrichten, Aschaffenburg, 7/1971.

56. St. Osuský, »Na Izi se budoucnost národa budovat nedá« (Auf Lügen läßt sich die Zukunft eines Volkes nicht aufbauen), in Novina, Cleveland/USA, 1/1967, S. 3; Dokumentyz ceskoslovenské zahranicní politiky 1939-1943, Prag, S. 56 (Beurteilung von E. Benes durch seinen Sekretär Jaroslav Smutný v. 22. 3. 1940 in London: »Benes ist ein hervorragender Taktiker und Stratege, der größte Machiavell unserer Zeit, doch ist er nicht imstande, die Massen zu bewegen. . .«).

57. Ceský deník, Prag, 5. 3. 1993.

58. Stellungnahme von über 300 tschechischen Historikern vom 5/1991; siehe ebenfalls Präsident Václav Havel nach seinem Staatsbesuch in Wien über die Vertreibung: »Wir bauen einen neuen demokratischen Rechtsstaat. . . Dieser Staat kann nicht

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auf Irrtümern, Lügen oder Vorurteilen gründen. Das würde sich tragisch gegen uns selbst auswirken. . . Der gewaltsame Abschub von Millionen von Menschen wurde mit einem rein nationalen Prinzip begründet, d. h. mit dem Prinzip der Kollektivschuld. Dies ist eine moralische fehlerhafte Tat. Diese zu rechtfertigen, bedeutet, indirekt die gewaltsame Aussiedlung von Juden, Tataren, Litauern und anderen Völkern aus ihrer Heimat zu rechtfertigen, und bedeutet, die ethnische Säuberung in Bosnien zu rechtfertigen. . . Wir sind nicht schlimmer als andere, aber wir sind auch nicht besser. Auf diese unpopulären Dinge hinzuweisen, ist meiner Meinung nach Pflicht des Staatspräsidenten. . .«, in Lidové noviny, Prag, 30. 3. 1993.

59. Strední Evropa, Prag, 12/1990. S. 9.

60. Pavel Tigrid, »Na pocátku by mel být pocátek«, in Svedectví, Paris, 68/1983, S. 723-727, insb. S. 723: »Auf die Frage jener, deren Mund durch das Konsumverhalten noch nicht verstopft ist, warum eigentlich uns nichts gelingt, warum das mit uns von Fall zu Fall schlechter läuft und warum der tschechische Himmel stets so verfinstert aussieht, wird sozusagen schon traditionsgemäß (Sie kennen das doch?) so beantwortet: Man hat uns im Stich gelassen, man hat uns betrogen, man hat uns verraten, man hat uns gezwungen, man hat uns besiegt, man hat uns beschissen, man hat uns eingekreist, man hat uns okkupiert, man hat uns abgewürgt, man hat uns bestohlen. . . kurz , stets haben andere uns etwas angetan, niemals haben wir selbst etwas verschuldet. . .« - Eine ähnliche Aussage machte der gegenwärtige Premier der Tschechischen Republik, Václav Klaus, am 7. 1. 1993 im Plzenský deník.

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