ALFRED SCHICKEL
Hellmut Diwald und die deutsche Geschichtsschreibung

Seine Person, Leistung und Bedeutung

Selten widerfährt einem Wissenschaftler eine so unterschiedliche Aufmerksamkeit, wie sie Prof. Dr. Hellmut Diwald bis zu seinem Tode beschieden war. Die veröffentlichten Nachrufe machten es noch einmal deutlich. Ihre Inhalte reichten von ehrlicher Trauer bis zu gehässiger Häme. War er den einen der größte deutsche Geschichtswissenschaftler der Gegenwart, drängten ihn die anderen an den äußersten Rand der zeitgenössischen Historiographie. Zählen die einen nach Millionen, halten sich die anderen in numerischen Grenzen, erreichen aber über ihre Massenmedien Millionen und rekrutieren weitgehend die veröffentlichte Meinung. Hätte er sich selber einzuordnen, würde er das Prädikat des größten deutschen Historikers der Gegenwart weit von sich weisen und es soundso vielen anderen Geschichtswissenschaftlern zuschreiben.

Aber gerade auch diese Bescheidenheit gehört zur Größe seiner Persönlichkeit, wie er auch in seiner herzlichen Liebenswürdigkeit eine Ausnahmeerscheinung unter seinesgleichen war. Fast nur noch übertroffen von seiner selbstlosen Tapferkeit, die ihn buchstäblich bis in die letzten Lebensstunden an die Freunde und das gemeinsame Vermächtnis denken und wirken ließ, wovon der Schreiber dieser Zeilen ein bewegendes Zeugnis in Obhut hält.

Seinen Zeitgenossen ist Hellmut Diwald in erster Linie als Verfasser zahlreicher geschichtlicher Werke bekannt oder als Redner auf Tagungen und Kongressen zum persönlichen Erlebnis geworden. Denn der aus dem südmährischen Schattau stammende Ingenieurssohn war ein ebenso brillanter Schreiber wie begnadeter Redner, dem fast jeder Satz zu einer druckreifen Aussage geriet, Gaben, welche den meisten seiner Kollegen und Konkurrenten in dieser Verbindung abgehen.

Dabei schien der Lebensweg den jungen Hellmut Diwald zunächst in die Berufsrichtung seines Vaters Alois zu weisen und über die Stationen der Real- und Oberrealschule sowie des Polytechnikums in Nürnberg zum Maschinen-

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bau zu führen, legte er doch in der Frankenmetropole auch seine Abschlußexamina ab, um sich dann an der Universität Erlangen der Religions- und Geistesgeschichte sowie der Neueren und der Literaturgeschichte zuzuwenden. Kein Geringerer als der große Religionsphilosoph und Preußenkenner Hans-Joachim Schoeps promovierte ihn 1952 zum Doktor der Philosophie - wie überhaupt einmalig prägende Menschen seine Lebensabschnitte begleiteten.

Da gab ihm die tschechische Mutter mit der Geburt am 13. August 1929 gleichsam böhmisch-übernationale Lebens- und Denkungsart mit in die Wiege und erweiterte der aus der Wiener Gegend kommende Vater den Gesichtskreis des Sohnes schon beizeiten über die engen lokalen Grenzen hinaus.

Sebastian Haffner, unabhängiger Geist und Historiker aus Leidenschaft, stand ihm dann als streitbarer Partner in einer populären Geschichtssendung des Zweiten Deutschen Fernsehens kongenial zur Seite, bis die Pflege der Historie schließlich auch auf dieser Fernsehstation zur »Volkspädagogik« mutierte und in die »Trampelpfade der Umerziehung« (Diwald) geriet.

Hellmut Diwald hatte jedoch zu dieser Zeit bereits ein ihm gemäßeres Forum geschichtsvermittelnden Wirkens erreicht und lehrte seit 1965 an der Universität Erlangen-Nürnberg Mittlere und Neuere Geschichte. Seine Quellen-Edition des Nachlasses von Ernst Ludwig von Gerlach, einem christlich-konservativen Politiker und Zeitgenossen Bismarcks, in zwei Bänden, und eine Dilthey-Monographie sowie Studien über Ernst Moritz Arndt. Das Entstehen des deutschen Nationalbewußtseins und Die Entwicklung der Freiheit und der Toleranz in der abendländischen Geschichte hatten ihn nach seiner Habilitation im Jahre 1958 als hervorragenden Wissenschaftler qualifiziert. Daß sich Prof. Dr. Hellmut Diwald nicht mit seinen Studenten im elfenbeinernen Turm der Universität verschanzte und die Gegenwart beim Betrachten der Vergangenheit verstreichen ließ, bezeugen seine zahlreichen Buchveröffentlichungen in jenen Jahren. Dabei wurde gleich der von ihm verfaßte erste Band der Propyläen-Geschichte Europas mit dem Titel Anspruch auf Mündigkeit (= Zeit von 1400 bis 1555) ein großer Erfolg und wies seinen Autor als einen ebenso sachkundigen wie freimütigen Verfasser aus, auch wenn ihm passionierte Kritiker übelnahmen, daß er nicht allzu viel von langatmigen geschichtsphilosophischen Exkursen hielt. Das Ausweichen in zeitlose Unverbindlichkeiten und intellektuelle Gedankenspielereien war nicht Hellmut Diwalds Art, wenn es um die Vergegenwärtigung der Vergangenheit ging. Der Anspruch des Lesers, sachlich und wirklichkeitsgetreu über die beschriebene Zeit informiert zu werden, erschien ihm wichtiger als die Gelegenheit, vor einem Massenpublikum mit geistreichen Apercus brillieren zu können. Dieser zur Eitelkeit neigende Hang war ihm fremd. Nicht, weil er solcher Darstellungskunst nicht fähig gewesen wäre oder sein ursprünglicher Ausbildungsgang ihn auf sachlich-trockene Ausdrucksweise begrenzt hätte, sondern weil er sich den

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Mitmenschen gegenüber in erster Linie zur Überlieferung der erforschten und gesicherten Wahrheit verpflichtet fühlte. »Wenn diese Menschen in erster Linie unterhaltsame Geschichten lesen wollen, greifen sie zu historischen Romanen und nicht zu einem wissenschaftlichen Werk, das zudem oft noch seinen Preis hat«, merkte er einmal in einem Gespräch über Geschichtsschreibung an und fügte hinzu, daß »freilich auch der Historiker sich bemühen sollte, verständlich zu bleiben, weil er der Vermittler zwischen dem Gestern und dem Heute ist und diese Verbindung nicht durch eine Exklusivsprache beeinträchtigen« dürfe. Eine Forderung, die Hellmut Diwald zuvörderst selber erfüllte und deren Beachtung ihm die Leser durch große Nachfrage lohnten. Wer ihm etwas über die Schulter auf das Manuskript-Papier schauen oder Stegreifreden von ihm hören konnte, stellte allerdings bald fest, daß ihm die verständliche Ausdrucksweise und der fesselnde Darstellungsstil gleichsam angeboren waren und keiner mühsamen Stilübungen bedurften. So konnte er es sich leisten, den ersten Propyläen-Band nach seinen Vorstellungen zu gestalten und die vordergründig an ihm geübte Kritik zu riskieren.

Gemessen am Sturm, den ideologische Gegner und mißgünstige Kollegen gegen sein epochales Werk über Die Geschichte der Deutschen Ende der siebziger Jahre entfachten, war diese Kritik noch ein sanftes Lüftchen.

Die Formalisten unter den Rezensenten mochten sich nicht mit dem »unchronologischen Aufbau« des Diwald-Buches anfreunden, hätten die deutsche Geschichte gern im gewohnten »Trampelpfad« von Heinrich I. bis zur Gegenwart dargestellt gesehen und vermochten nicht anzuerkennen, daß Diwalds Sicht der Vergangenheit genau der Rückschau jedes Zeitgenossen entspricht, der gleichfalls vom Heute in das Gestern zurückblickt.

Seine ideologischen Feinde hielten sich jedoch nicht bei dieser »Buchstrukturfrage« auf, sondern trachteten Diwald mit ihren Angriffen und Unterstellungen nach seiner beruflichen Existenz. Da sollte ihm mit der gewohnten »Verharmlosungskeule« der vernichtende Schlag versetzt und damit eine unkonventionelle Stimme für immer zum Schweigen gebracht werden. Der nachmalig immer häufigere Gebrauch des Vorwurfs, NS-Verbrechen zu verniedlichen, wenn die Siegeranklagen von 1945/46 nicht wiederholt werden, sollte am Beispiel dieses Buches auf seine Durchschlagskraft erprobt werden. Der Einzug der noch nicht verkauften Exemplare und ihre Einstampfung durch den Verleger schienen den ersten »Abschuß« auf der Hetzjagd gegen den Autor zu markieren, dem der berufliche »Gnadenschuß« bald folgen konnte. Nachdenkliche Zeitgenossen erinnerten die Mahl- und Stampfkolben, zwischen denen die mehrhundertseitige Geschichte der Deutschen unterging, fatal an die Straßenfeuer vom 10. Mai 1933. Sie mochten einen solchen Vorgang der Rücknahme und Vernichtung eines bereits auf den Markt gekommenen und vom Publikum gut angenommenen Buches in einem Staat, der sich gern als »der freieste der deutschen Geschichte« titulieren läßt, nicht für möglich halten, und dies um so weniger, als fast alle Praktiken

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des sogenannten »Dritten Reiches« heutzutage und hierzulande als abschrek-kende Beispiele verabscheut werden. Seitdem einem promovierten Finanzjuristen auf der Grundlage einer aus der NS-Zeit stammenden Bestimmung der Doktorgrad entzogen worden ist, schien aber gerade das Unvermutete wahrscheinlich zu werden. Ohne es offenbar zu merken, wurden die verbalen Antifaschisten zu Nachahmern faschistoider Methoden und degradierten den Verleger zum »Mitläufer des Zeitgeistes«.

Nach diesem problematischen »Etappensieg« über die Erstausgabe der Geschichte der Deutschen galt es, den Verfasser entscheidend zu treffen. Fachkollegen, Publizisten und Amateurhistoriker warfen Hellmut Diwald vor, »trotz offener Bibliotheken und Archive in aller Welt den Umfang der nationalsozialistischen Untaten zu verharmlosen« - und das alles, weil er es gewagt hatte festzustellen, daß, was im Auschwitz geschah »trotz aller Literatur in zentralen Fragen noch immer ungeklärt« ist, zu einer Zeit, da man im Auschwitz-Museum den Besuchern noch 4 Millionen ermordete Häftlinge meldete, bis später der jüdische Gelehrte Prof. Jehuda Bauer 1989 die Zahl der Toten auf weniger als die Hälfte korrigierte und die polnischen Museums-Verantwortlichen die Viermillionen-Tafeln abnehmen ließen: Vorgänge, die Hellmut Diwalds Feststellungen vollauf bestätigten, die jedoch die volkspädagogischen Meinungsführer nicht gelten lassen wollten, die sich daher bis heute für ihre gehässigen Attacken nicht entschuldigt haben. Wer Hellmut Diwald damals nahestand, spürte, wie er unter diesen konzentrierten Angriffen litt und auch seine Familie der gnadenlosen Hetze ausgesetzt sah: seine Frau Susanne, eine international renommierte Islamwissenschaftlerin an der Universität Würzburg, und seine Kinder, denen er ein liebevoller und fürsorglicher Vater war.

Er konnte nur hoffen, daß sich auch bei Hellmut Diwald ähnlich wie bei Galileo Galilei einmal der »Spätsieg der Wissenschaft« einstellt und ihm seine Standhaftigkeit zur Wahrheit lohnt. Offenbar im Gegensatz zu den meisten seiner »Rezensenten« und Kollegen registrierte Hellmut Diwald sehr genau die neuesten Forschungsergebnisse im In- und Ausland und war über aktuelle Recherchen auf dem laufenden. Im Vertrauen auf den Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes, welcher die »Freiheit von Lehre und Forschung« verbürgt, sparte er auch die Untersuchung und Behandlung sogenannter »heißer Eisen« der deutschen Zeitgeschichte nicht aus, sondern bezog sie in seine Darstellungen ein. Dabei war es für ihn selbstverständlich, eigene Quellenforschungen zu betreiben und Archivarbeit zu leisten, meinte er doch einmal zu einem Freund:

»Wer die Zeitgeschichte erforscht, trägt seine Haut zu Markte. Urplötzlich werden von dem vermeintlich selbstvergessen arbeitenden Historiker Eigenschaften verlangt, die man eher bei Angehörigen waghalsiger Berufe voraussetzt, etwa bei Seiltänzern, Stierkämpfern oder dem Begleitschutz für Geldtransporte. Zeitgeschichtsforschung in korrekt wissenschaftlichem Sinn verlangt

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bei uns Mut, Unbeirrbarkeit, kategorische Wahrheitsliebe und die Entschlossenheit, sich durch keine Forderungen des politisch Tunlichen korrumpieren zu lassen.«

Weil eine zuschußfreie Zeitgeschichtsforschung heutzutage kaum mehr möglich ist und Einzelforscher oft den drohenden Kampagnen auf Dauer nicht immer leicht standhalten können, regte Hellmut Diwald zusammen mit Dr. Walter und Dr. Herta Eckhardt im Jahre 1981 die Gründung einer unabhängigen Forschungsstelle an und gehört damit zu den wesentlichen Initiatoren der jetzigen Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt. Diesem Institut und seinen Mitarbeitern sind mittlerweile bedeutsame Beiträge zur Aufklärung wichtiger und umstrittener Vorgänge zum Thema »Nationalsozialismus«, »Zweiter Weltkrieg« und »Vergangenheitsbewältigung« zu danken. So ergaben ihre Arbeiten beispielsweise, daß die von zahlreichen Historikern als Quelle herangezogenen Gespräche mit Hitler von Hermann Rauschning nichts weiteres als eine hochprozentige Erfindung des Emigranten Rauschning sind und daß die sogenannte »Atlantik-Charta« kein signiertes »Dokument der Weltgeschichte« ist, wie in vielen Fachbüchern verbreitet wird, sondern lediglich eine Presseerklärung Präsident Roosevelts und Premierminister Churchills vom 14. August 1941: alles Ergebnisse von Quellenforschung in den Archiven unter Anleitung und Förderung Hellmut Diwalds.

Noch einen Tag vor seinem Tod rief Hellmut Diwald seine Freunde und Mitarbeiter zu verstärkter Forschungsarbeit auf und warb um materielle Unterstützung der aufwendigen Recherchen in amerikanischen Archiven. Mehr als einmal erlebten er und seine Mitarbeiter den Doppelsinn der Erfahrung: »Wenn du zu den Quellen willst, mußt du gegen den Strom schwimmen!«

Nicht, daß man den Zugang zu den Dokumenten-Depots versperrt hätte, sondern man versucht, unzeitgemäße Erkenntnisse durch Totschweigen zu unterdrücken oder gar durch das »Verharmlosungs«-Etikett in Verruf zu bringen. Noch in einem Nachruf hat der »Nekrologe« einer angesehenen deutschen Zeitung Hellmut Diwalds Zeitgeschichtsschreibung als »Leugnung oder Abschwächung des Holocausts« verdächtigt und seine Geschichte der Deutschen zum Hintergrund der heutigen »rechten Gefahr« in Deutschland bemüht, eine Verknüpfung, die ebenso unzutreffend wie ungeheuerlich erscheint und die sich allenfalls vom Mißfallen darüber nähren könnte, daß es Diwald stets abgelehnt hat, über allseits angefehdete Zeitgenossen auch noch ein eigenes Verdikt zu sprechen und in das allgemeine Geheule der Wölfe mit einzustimmen. Ein solches opportunistisches Mitläufertum war ihm zutiefst zuwider und erinnerte ihn an die Wendehälse von 1933.

Hellmut Diwald beurteilte eine Tat nicht in erster Linie nach der Person des Täters, sondern nach ihrer moralischen bzw. staatspolitischen Qualität. Mächtige und bedeutende Persönlichkeiten hatten bei ihm keinen Bonus in der Beurteilung, sondern veranlaßten ihn eher zu noch größerer Distanz.

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So stand er dem ersten deutschen Bundeskanzler und dessen Deutschland-Politik im Unterschied zu anderen zeitgenössischen Historikern kritisch gegenüber. Er verargte Konrad Adenauer, die sogenannte »Stalin-Note« vom 10. März 1952 voreilig abgetan und die Westalliierten zu deren Ablehnung bewogen zu haben. Moskau hatte damals bekanntlich die seit 1948/49 offenkundig gewordene deutsche Teilung durch den Abschluß eines Friedensvertrags mit Deutschland beenden und das wiedervereinigte Deutschland neutralisieren sowie an der Oder-Neiße-Linie im Osten begrenzen wollen. Statt der gerade in jenem Jahr vor dem Abschluß stehenden Einbindung in eine westeuropäische Verteidigungsgemeinschaft sollte Deutschland eine eigene nationale Armee erhalten und seine Sicherheit durch eine Garantie der vier Siegermächte gewährleistet bekommen.

Adenauer argwöhnte hinter diesem Angebot den berechneten Versuch Stalins, die sich anbahnende Westintegration der Bundesrepublik zu verhindern und Deutschland auf dem Wege über seine Neutralisierung in den politischen Sog Moskaus zu bringen. Ein solchermaßen »finnlandisiertes« Deutschland, wie man damals sagte, war in den Augen Kanzler Adenauers jedoch nur die verhängnisvolle Vorstufe vor einem sowjetisierten Deutschland. Hellmut Diwald erblickte dagegen in der sowjetischen Note ein ernst gemeintes Angebot und damit eine wahrzunehmende Chance, die deutsche Teilung zu überwinden. Die von Stalin geforderten Gegenleistungen der Neutralisierung und der Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als endgültiger deutsch-polnischer Grenze hielt er für diskutabel. Adenauer stellte dieser Erwartung in einer regierungsinternen »Skizze von Gedanken und Zielen« zwei Grundsätze entgegen, die er Washington gegenüber im Mai 1953 in die Worte faßte:

»In einem Friedensvertrag sollte das Recht aller Menschen auf die Heimat Berücksichtigung finden, wie es sich aus den christlichen und naturrechtlichen Grundsätzen ergibt«; und: »Keine deutsche Regierung wird je in der Lage sein, die Oder-Neiße-Linie anzuerkennen; Deutschland wird aber anstreben, die damit zusammenhängenden territorialen Fragen in einem neuen Geist internationaler friedlicher Zusammenarbeit zu ordnen.«

Die deutschen Heimatvertriebenen konnten sich bei solchen deutschland- und ostpolitischen Zielsetzungen gut vertreten und ihre Interessen zuverlässig wahrgenommen fühlen. Die Schlesier, Pommern, Ost- und Westpreußen durften die Hoffnung hegen, daß die von Stalin im Frühjahr 1945 willkürlich gezogene Oder-Neiße-Linie einmal korrigiert werde - und die heimatvertriebenen Sudetendeutschen schienen in ihrem Anspruch auf Heimatrecht von der Regierung Adenauer unterstützt. Ost- und Sudetendeutsche dankten es dem Kanzler bei der Bundestagswahl 1953 und verhalfen der Regierungskoalition in Bonn zu einer komfortablen Mehrheit.

Hellmut Diwald ließ sich von dieser Euphorie seiner Schicksalsgefährten nicht mitreißen, sondern behielt seine Skepsis gegenüber der von Adenauer

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vertretenen Ost- und Deutschland-Politik. Die von Adenauer auf anderen Gebieten erworbenen, unbestreitbaren großen Verdienste vermochten ihn von seiner Reserve gegenüber des Kanzlers Entscheidung von 1952/53 nicht abzubringen.

Ein geheimes amerikanisches Thesenpapier für die Gipfelkonferenz von Genf im Juli 1955 schien seine Vorbehalte zu bestätigen. Da ging die Eisenhower-Regierung mit dem Gedanken um, den Sowjets die deutsche Wiedervereinigung vorzuschlagen, das vereinigte Deutschland zu neutralisieren, ihm eine nationale Armee zu gestatten und im Friedensvertrag die Oder-Neiße-Linie als deutsche Ostgrenze festzuschreiben, also eine Lösung der deutschen Frage in Aussicht zu nehmen, die - bis auf eine insgeheime Erwartung der Westmächte - den Vorschlägen Stalins von 1952 glich. Die Washingtoner Deutschland-Experten hegten nämlich die Hoffnung, daß sich das neutralisierte wiedervereinigte Deutschland »so weit wie möglich dem Westen zuneigen« und danach trachten würde, seine »bewaffneten Kräfte so zu organisieren, auszustatten und weiterzuentwickeln, daß sie bestens die NATO-Stärke in Europa ergänzen und die westliche Strategie-Position verbessern würden«, wie sie in ihrem Report No. 6993 vom 12. Juli 1955 wörtlich schrieben.

Die ablehnende Haltung Chruschtschows und Bulganins, welche feststellten, daß die Wiedervereinigung »jetzt eine Sache der Deutschen selbst« sei, erschütterte freilich wieder die Annahme, daß die drei Jahre zuvor von ihrem Vorgänger Stalin unterbreitete Wiedervereinigungsofferte ernst gemeint war. Endgültiges wird über diese Streitfrage wohl erst nach umfassender Einsichtnahme in die einschlägigen sowjetischen Regierungspapiere in Moskau festgestellt werden können

War es die Konsequenz des »gebrannten Kindes« oder die Entdeckung eines neuen Interessenfeldes, daß Hellmut Diwald 1980 seine Leser mit dem Buch Der Kampf um die Weltmeere überraschte? Schließlich schienen im Zeitalter der Interkontinental-Raketen und Weltraum-Bomben Schiffe und Flotten weitgehend vergessen. Es ging damals bei den Abrüstungsgesprächen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten nicht um die Verringerung von Schlachtschiffen, Flugzeugträgern oder Unterseebooten, sondern um die Reduzierung von Marschflugkörpern und Militärsatelliten. Was, so fragten behende Kritiker Hellmut Diwalds, hätten da noch Die Erben Poseidons, wie er sein einschlägig nachfolgendes Buch nannte, die Seemächte unserer Tage, zu bestellen?

Und was, so mochte man weiterfragen, konnte dann bei solchen neuen Rüstungsschwerpunkten ein historisch-politisches Buch dem Leser noch Interessantes bieten - außer möglicherweise spannende Geschichte über Seeschlachten von ehedem? Auf beide skeptische Fragen gab Hellmut Diwald in seinen Arbeiten überraschend einleuchtende Antworten.

Er führte dem Leser zunächst einmal vor Augen, wie Flotten- und Seemachtpolitik auch im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert politische und

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militärische Entscheidungen beeinflußte - und wie von der Größe der Marine auch die Macht- und Weltgeltung eines Staates abhing. So sind die Vereinigten Staaten von Amerika nicht nur über ihr siegreiches Eingreifen in den Ersten Weltkrieg zu einer respektablen Großmacht aufgestiegen, sondern haben mit ihrer Führungsrolle innerhalb der Alliierten zugleich auch die Briten als bis dahin erste Seemacht der Welt abgelöst.

Wie der gleichermaßen in Epochen denkende und um folgenreiche Einzelheiten gut Bescheid wissende Historiker Diwald feststellte, halfen die Engländer pikanterweise dieser für sie nicht sonderlich erfreulichen Entwicklung auch noch nach - und zwar just auf dem Gebiet des Seewesens, als sie die Amerikaner durch eine ebenso berechnete wie provozierte Versenkung der »Lusitania« gleichsam in den Krieg hineintorpedieren ließen und damit zu entscheidenden Kriegspartnern machten.

Hellmut Diwald wies aber nicht nur auf diese merkwürdige Fügung hin, sondern registrierte auch mit sensiblem Gespür die oft wunderlichen Vorgänge und Entwicklungen im Bereich des See- und Marinewesens. Das fängt in seiner Darstellung bei kleinen menschlichen Eigenheiten berühmter Kapitäne und Admirale und ihren oft gar nicht so geringen Folgen an und hört bei der Feststellung, daß der Jahrhunderte hindurch »tapsige russische Bär« auf einmal ein imposanter »sowjetischer Walfisch« geworden war, auf.

Und mit diesem Vermerk wurde dem Leser auch schlagartig deutlich, daß die modernen Erben Poseidons beileibe keine nostalgischen Windjammer-Staaten waren, sondern die beiden, nachmalig weltbeherrschenden Supermächte: USA und Sowjetunion, auffallenderweise beide nach Weltkriegen in diesen Rang gekommen, wie Hellmut Diwald deutlich machte. Im übrigen wußte er zu Vorgeschichte und Verlauf dieser beiden großen Kriege immer noch Aufschlußreiches oder bislang Unbekanntes beizusteuern, so im Kapitel über Japan, den »zweiten Sieger des Ersten Weltkriegs«, wo er das heimliche Einverständnis zwischen Tokio und London über die Aneignung der deutschen Schutzgebiete (Kolonien) in China durch das fernöstliche Inselreich enthüllte.

Ein anderes Beispiel ist der Abschnitt über 1941, in welchem Diwald die zielstrebige Hilfspolitik US-Präsident Roosevelts gegenüber England anhand mittlerweile gewonnener Erkenntnisse und zugänglicher Akten beschrieb und dabei auch den geschichtlichen Hintergrund des japanischen Angriffs auf die amerikanische Pazifikflotte in Pearl Harbor ausleuchtete. Mit seinen unbefangenen Feststellungen über Roosevelt und dessen zielstrebigen Interventionskurs riskierte Diwald abermals, in das beflissene Kreuzfeuer der notorischen »Vergangenheitsbewältiger« zu geraten und zu einem mittelbaren »Entschuldiger der Kriegspolitik der Achsenmächte« erklärt zu werden. Denn mit seinem kritischen Blick auf den damaligen amerikanischen Staatschef beschädigte Hellmut Diwald in den Augen seiner volkspädagogischen Zensoren eine schier sakrosankte Lichtgestalt der einstigen Kriegsgegner

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Deutschlands, deren moralische Größe mit der Verkündung der sogenannten »Atlantik-Charta« ein für allemal in der Weltgeschichte festgeschrieben schien. Daß diese zum epochalen Dokument hochstilisierte »Atlantic-Charta« weder politisch-moralische Verbindlichkeit besaß, noch von Roosevelt unterschrieben war, störte die historiographischen Advokaten Roosevelts ebenso wenig wie der Umstand, daß sich ihr Anti-Hitler-Idol bei der Festlegung der europäischen Nachkriegsordnung bedenkenlos über wesentliche Aussagen der am 14. August 1941 der Presse übergebenen »Atlantik-Erklärung« hinwegsetzte. Ließ der amerikanische Staatschef den versammelten Journalisten an bewußtem August-Tag verkünden, daß die Vereinigten Staaten und Großbritannien keine »territorialen Veränderungen wünschen, wenn diese nicht mit dem frei ausgedrückten Willen der betroffenen Bevölkerung übereinstimmen«, gab er knapp zwei Jahre später, im Mai 1943, dem tschechoslowakischen Ex-Präsidenten Benesch seine Zustimmung zu dessen Absicht, nach Kriegsende die Sudetendeutschen aus ihrer Heimat auszuweisen. Selbst Roosevelts »natürlicher Bundesgenosse« Polen, den er über seinen Botschafter und persönlichen Vertrauten, William C. Bullitt, im Frühjahr 1939 nachdrücklich zum Widerstand gegen Deutschland animiert hatte, mußte erfahren, daß das Versprechen, keine »territorial changes«, welche nicht »accord with the freely expressed wishes of the peoples« sind, vorzunehmen, nicht einmal für ihn galt, wie die Absprachen von Teheran und Jalta zwischen Roosevelt und Stalin ausweisen. Im Archiv der von Hellmut Diwald mitgegründeten Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt liegen in Faksimile die Verhandlungsprotokolle der Konferenzen von 1943 und 1945, auf denen die »Großen Drei« (Roosevelt, Stalin und Churchill) die künftigen Grenzen Polens beschlossen haben. Geradezu rührend und peinlich zugleich ist, wie sich die polnische Exilregierung in London in Schreiben an Churchill und Roosevelt gegen die über ihren Kopf hinweg gezogene Ostgrenze zur Sowjetunion wehrte und sich dann in die Beschlüsse von Teheran und Jalta fügen mußte. Hellmut Diwald, dem die osteuropäischen Dinge als Mensch und Historiker stets besonders nahegingen, sorgte über die Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt für die Einsicht in diese Unterlagen und ihre Auswertung und bereicherte dadurch die deutsche Zeitgeschichtsschreibung um wertvolle Archivalien, die weiterführenden Untersuchungen zur Verfügung stehen.

Wenn schon der kleine polnische Verbündete nicht auf die Zusagen der »Atlantik-Charta« bauen konnte, durfte sich Roosevelts Hauptgegner Deutschland noch weniger auf die Versicherung besagter »Charta« verlassen, daß die Vereinigten Staaten und Großbritannien weder territoriale noch »andere Vergrößerungen« anstrebten. Die Requirierung der deutschen Patente und die geistige Ausbeutung der deutschen Raketenwissenschaftler nach dem Krieg haben dann bekanntlich nicht unwesentlich zur »Vergrößerung« der Siegerstaaten zu »Weltraummächten« beigetragen.

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Eine ähnliche Unaufrichtigkeit entdeckte Hellmut Diwald auch in der amerikanischen Japan-Politik des Jahres 1941 und deutete es im einschlägigen Kapitel seiner Arbeit über die »Seemachtpolitik im 20. Jahrhundert« an. Der sogenannte japanische »Überfall« auf die amerikanische Marinebasis von Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 war in den Augen von Hellmut Diwald weniger ein unerwarteter »Schlag aus dem heiteren Himmel« als vielmehr eine wohlberechnete und provozierte Verzweiflungstat der in die politische und wirtschaftliche Enge getriebenen Japaner. Dies auch nur andeutungsweise in der Geschichtsschreibung zu vertreten bedeutete oft ein geistiges Spießrutenlaufen zwischen den festgelegten Historikern und den selbsternannten Geschichtsauslegern der vorherrschenden Volkspädagogik und endete nicht selten in der öffentlichen Ausgrenzung, eine Gefahr, vor der Hellmut Diwald seit Erscheinen seiner Geschichte der Deutschen nicht mehr bewahrt zu sein schien. Die große Nachfrage nach seinen Büchern seitens der Leser enthob ihn jedoch der Sorge, durch die veröffentlichten Kritiken ins geistige Abseits gestellt zu werden, konnte sich doch kaum ein zeitgenössischer Geschichtsschreiber eines solch' großen Zuspruchs durch die Leser erfreuen wie gerade er. Dabei schrieb er seinem Publikum keineswegs nach dem Mund, sondern brachte zu Papier, was seine Forschungen an neuen Erkenntnissen zutage gefördert hatten und was er für mitteilenswert hielt - sei es dem Zeitgeist gelegen oder ungelegen. Das verstanden auch bald seine Leser und dankten es ihm, indem sie seine Werke schnell zu Bestseller machten und schon gespannt auf das nächste Buch warteten.

Wenn man von einem »Zugeständnis« Hellmut Diwalds an sein Lesepublikum sprechen will, dann war es sein Bemühen um eine verständliche Darstellungsweise. Er verschanzte sich nicht hinter umständlichen Fachausdrücken, sondern brachte seine Erkenntnisse und Forschungsergebnisse dem Leser in klaren und zugleich geistvoll geschliffenen Worten nahe, ohne ihm eine Meinung oder bestimmte Deutung aufzudrängen. Historiographisches Meinungsführertum war Hellmut Diwald stets verdächtig. Geschichtskenntnis und Geschichtsvermittlung begriff er eher als geistiges Kapital und »Dienstleistung« an den Mitmenschen, als ein Angebot der Wissenschaft, das diskutiert und angenommen, aber auch ausgeschlagen werden kann.

In diesem Verständnis seines wissenschaftlichen Arbeitens und Wirkens nahm er auch vorgebrachte Kritik auf und setzte sich mit ihr aufgeschlossen auseinander. Schließlich fühlte er sich nicht im Alleinbesitz der geschichtlichen Wahrheit, sondern suchte im austauschenden Für und Wider der Wirklichkeit der Vergangenheit nahezukommen. Die von ihm und Sebastian Haffner gestaltete Fernsehserie verdeutlichte beispielhaft dieses Bemühen. Ihre Beendigung stellte eine Verarmung dieses Mediums dar und konnte auch durch die allsonntägliche Viertelstunden-Sendung nicht ersetzt werden.

Wie Hellmut Diwald und Sebastian Haffner in besagter Fernsehserie Argumente und Einwände wechselseitig tauschten und dabei dem Zuhörer

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die Vielschichtigkeit der geschichtlichen Personen und Ereignisse vermittelten, sollten sich im Disput auch Autor und Rezensent begegnen.

Da hätten sich in Diwalds Augen manche Vorurteile und Unterstellungen beizeiten abbauen und aufgetretene Mißverständnisse rechtzeitig klären lassen, und dies bis hin zu Einzelheiten der Geschichtsdarstellung und Buchgestaltung, etwa bei der Frage, ob eine Arbeit wie jene über die Seemachtpolitik im 20. Jahrhundert mit wörtlichen Zitaten und wiedergegebenen Redeausschnitten durch Hinweise auf die Fundstellen abgestützt werden sollte oder nicht. Hellmut Diwald hat sich in diesem Falle für den Verzicht auf Fußnoten und einen wissenschaftlichen Apparat entschieden und dem Leser statt ihrer ein mehrseitiges Literaturverzeichnis sowie ein abschließendes Personen-und Sachregister an die Hand gegeben. Während der sogenannte »Durchschnittsleser« und Geschichtsinteressent für gewöhnlich die fehlenden Anmerkungen kaum vermißt und einen fußnotenlosen Text sogar als flüssiger und eingängiger empfindet, zieht sich der sogenannte Fachkollege gern von der Annahme der Darstellung hinter mißtrauische Vorbehalte zurück oder spricht dem Autor gar Seriosität und Wissenschaftlichkeit ab.

Hellmut Diwalds Feinde wählten wechselweise den einen oder den anderen Einwand und suchten ihn als »schriftstellernden Historiker« beziehungsweise »Sachbuch-Autor« aus dem Bereich der »ernsthaften Historiographie« auszugrenzen. Für sie hatte offensichtlich die Fußnote einen größeren Stellenwert als die Wahrheit der Aussage.

Wer sich die Mühe machte, den von Diwald angeführten Textstellen nachzugehen, stellte nämlich fest, daß sie vorliegen und vom Autor auch korrekt zitiert wurden. In der Berichterstattung über die Vergangenheit leistete sich Hellmut Diwald keine »dichterische Freiheit«, sondern nur in der Auswahl der Worte und Formulierungen, deren Treffsicherheit und Eleganz kaum von einem anderen »schriftstellernden Historiker« übertroffen wurde. Das dürfte auch jener Zeitgenosse und Kollege erfahren haben, der sich im Streit um die Geschichte der Deutschen besonders polemisch über Hellmut Diwald ausließ und mit ihm in der Beschreibung Wallensteins im Wettstreit um die Gunst der Leser stand.

Das war kein Grund für Diwald, in seinem Buch Die Erben Poseidons. Seemachtpolitik im 20. Jahrhundert nicht aus der Deutschen Ansprache des Vaters seines Kritikers und Konkurrenten zu zitieren. Dieser gelassenen Großzügigkeit verdankt der Leser schließlich die Kenntnis einer Aussage Thomas Manns, die man diesem Schriftsteller und Literaten nicht so ohne weiteres zugetraut hätte und die ein teilweise anderes Bild vom Verfasser der weltberühmten Buddenbrooks vermittelt.

Wie die von Hellmut Diwald zitierten Sätze aus der Deutschen Ansprache Thomas Manns aus dem Jahre 1930 korrekt wiedergegeben sind, erweisen sich auch die vom Autor angeführten Stimmen über Roosevelts zielstrebige Interventionspolitik gegen Japan und Deutschland als fundierte Belege, wel-

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ehe seine Darstellung der Ereignisse des Jahres 1941 abstützen. Gleichwohl gefielen zahlreichen Historikern hierzulande solche Ausdrücke und Bewertungen wie »Pearl Harbor - Tag der Niedertracht« für Roosevelts Haltung und Politik gegenüber Japan nicht, hatten sie doch den amtierenden amerikanischen Präsidenten als erklärten Feind der Achse längst als die positive Lichtgestalt jener Jahre verinnerlicht. Da durfte nicht jemand unvermittelt daherkommen und das von der Siegerhistoriographie errichtete Denkmal in Frage stellen oder gar demontieren, noch dazu, ohne sich mit angeführten Belegstellen auszuweisen. Diese Art der Historiographie ließ man schließlich nur den notorischen Ankläger Deutschlands durchgehen, die schier unbegrenzt auf die Kriegsgeneration Schuld über Schuld laden dürfen, ohne nach ihren hieb-und stichfesten Beweisen gefragt zu werden. Da dürfen der Deutschen Wehrmacht über 3 Millionen umgekommene sowjetrussische Kriegsgefangene angelastet werden, ihrem tapferen Widerstand gegen die Rote Armee die »Verlängerung der Todesmaschinerie von Auschwitz« nachgesagt und sie schlicht zur »Hitler«- oder »Nazi-Armee« deklassiert werden, ohne daß sich eine Stimme vernehmen ließ und nach den Beweisen und Belegen fragte. Man hat den Eindruck, daß die jüngste deutsche Geschichte gleichsam Freiwild für die einschlägig bekannten »Vergangenheitsbewälti-ger« ist und für alle möglichen Zwecke instrumentalisiert werden darf, während die alliierten Politiker und Militärs schier wie Fleisch gewordene Engel durch den Zweiten Weltkrieg gegangen zu sein scheinen. Am Ende ihres Kriegsdienstes stand kein »Nürnberger Tribunal« und entehrender Galgen, sondern Beförderung und Siegesparade, als wären Nemmersdorf oder Dresden nie geschehen, hätten deutsche Flugzeuge Bomben auf Rom und Monte Cassino geworfen und wären Hiroshima und Nagasaki von deutschen Piloten atomisiert worden.

Hellmut Diwald mochte eine solche »Aufarbeitung der Vergangenheit« nicht mitmachen, sondern erweiterte seinen Blick auf die Vorgänge jenseits der Front und hinter die Kulissen der übrigen Geschichtsakteure. Der von ihm wesentlich initiierten Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt trug er immer wieder auf, die von den Siegern absichtsvoll geöffneten und ausgeschlachteten deutschen Archivalien durch Sichtung und Auswertung alliierter Dokumente zu ergänzen, um auf diese Weise ein »abgerundetes Bild von der Vergangenheit« zu ermöglichen. Die Erfahrung seiner Mitarbeiter, daß sich in den amerikanischen Archiven nur sehr wenige deutsche Historiker zum Quellenstudium einfanden, überraschte Hellmut Diwald letztlich nicht, sondern erklärte ihm nur noch deutlicher, warum sich seine Kritiker so heftig über seine zeitgeschichtlichen Aussagen aufregten. Die offenbar gewordene Ignoranz der volkspädagogischen Gegner machte Diwald nicht schadenfroh oder zynisch, sondern gelassen gegenüber ihrer Kritik.

Was die »Vergangenheitsbewältiger« versäumten, holten die von ihm motivierten Mitarbeiter der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle um so fleißi-

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ger nach und förderten Jahr für Jahr Tausende von ungewürdigten Akten in amerikanischen Archiven zutage. Daneben ließen sie junge Forscher auf ihren Tagungen und Symposien zu Wort kommen, welche den neuesten Stand der Zeitgeschichtsforschung vortrugen. Da erfuhren die Zuhörer nicht selten Quelle und Fundstelle, welche die Kritiker bei dem einen oder anderen Diwald-Buch reklamierten.

Die jüngste Halbjahrestagung der Ingolstädter Forschungsstelle im November 1993 geriet in ihrem wissenschaftlichen Ertrag fast zu einer posthumen Bekräftigung der Diwaldschen Zeitgeschichtsschreibung.

Da beeindruckte der junge Münchener Historiker und Dozent am Geschwister-Scholl-Institut, Walter Post, mit einer minutiösen Darstellung der Hintergründe und Ereignisse, die schließlich zum »japanischen Überfall von Pearl Harbor« führten.

Neben den von Diwald schon angeführten Vorgängen und Stellungnahmen verwies Post noch zusätzlich auf die in den USA tätig gewordenen Untersuchungskommissionen, gingen doch insgesamt neun offizielle Untersuchungen amerikanischer Parlamentarier und Regierungsstellen der Frage nach der Verantwortung für den sogenannten »japanischen Überraschungscoup von Pearl Harbor« nach. Die noch während des Krieges eingesetzten Untersuchungskommissionen lasteten die Schuld an der militärischen Katastrophe, bei welcher neben zahlreichen Kriegsschiffen immerhin 2326 amerikanische Seeleute und Soldaten den Tod fanden, den Befehlshabern auf Hawaii, Admiral Kimmel und General Short, an. Ihre Mitglieder standen - nach den Recherchen Walter Posts - unter dem Einfluß des amtierenden Präsidenten Roosevelt, welcher den »japanischen Überfall« benötigte, um sich in den Zweiten Weltkrieg gegen die Achsenmächte einschalten zu können. Eine fast wörtliche Übereinstimmung mit Diwalds Feststellung in den Erben Poseidons (Seite 424), wo er feststellt: »Kriegsbereitschaft und Anlaß zur Kriegserklärung mußten auf einen Nenner gebracht werden«, nachdem Diwald vorher schon auf ein Gespräch Roosevelts mit Admiral Richardson vom 8. Oktober 1940 abgehoben hatte, in welchem der amerikanische Staatschef unverblümt gemeint hatte: »Früher oder später werden die Japaner einen Fehler machen und in den Krieg eintreten. Ohne einen beispiellosen Zwischenfall würde es unmöglich sein, vom Kongreß eine Kriegserklärung zu erhalten.«

Nach Walter Posts weiteren Recherchen bemühten sich ab 1944, als der Ausgang des Krieges absehbar und nur noch eine Frage der Zeit war, Untersuchungskommissionen von Heer und Marine um eine unbefangene Aufhellung der Umstände, die zum japanischen Angriff vom 7. Dezember 1941 geführt hatten. Sie stellten fest, daß Kimmel und Short keine Schuld treffe, sondern die Verantwortung bei der Führung in Washington läge. Als der immer mehr als Hauptverantwortlicher in den Mittelpunkt gerückte Präsident Roosevelt im April 1945 gestorben war, wurde der Druck auf seinen

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Nachfolger Harry S. Truman so groß, daß dieser einen Untersuchungsausschuß des Kongresses veranlaßte. Dieses »Joint CongressionalCommittee on the Investigation of the Pearl Harbor Attack« war entsprechend den damaligen Mehrheitsverhältnissen im Kongreß paritätisch mit sechs demokratischen und sechs republikanischen Senatoren besetzt und nahm seine Arbeit im November 1945 auf. Das dabei zutage gekommene Material war nach den Erkenntnissen Walter Posts »für die Roosevelt-Administration verheerend«, wobei besonderes Aufsehen erregte, daß die amerikanische Funkaufklärung seit 1940 die wichtigsten japanischen Funkcodes entschlüsseln und damit alle geheimen Anweisungen Tokios mithören konnte.

Während die demokratischen Senatoren im Untersuchungsausschuß als Parteifreunde Roosevelts möglichst wenig Verantwortung beim verstorbenen Präsidenten sehen wollten und im Abschlußbericht sehr nachsichtig mit Roosevelt umgingen, verfaßten die republikanischen Senatoren Ferguson und Brewster einen eigenen Bericht, in dem sie die Ausführungen ihrer demokratischen Kollegen als »unlogisch und vom Übergewicht des Beweismaterials nicht gestützt« bezeichneten. In ihren Augen waren Präsident Roosevelt, Außenminister Hull, Kriegsminister Stimson und Marineminister Knox die Verantwortlichen für das Desaster von Pearl Harbor, wobei sie die Hauptschuld dem kriegsinteressierten Mann im Weißen Haus zuwiesen: wiederum eine sachliche Übereinstimmung mit Diwald und eine Bestätigung seiner Darstellung in den Erben Poseidons - wie auch in der Betrachtung der weiteren Hintergründe, die Post im Jahre 1939 einsetzen läßt und mit dem Beginn eines »wohlberechneten Wirtschaftskrieges gegen Japan« gleichsetzt, von dem sich Roosevelt eine unbedachte Handlung Tokios erhoffte, die ihm dann gestattete, einen »richtigen Krieg« gegen das japanische Kaiserreich und die mit ihm verbündeten Achsenmächte Deutschland und Italien zu beginnen.

In dieser Absicht verhängte Roosevelt im Juli 1941 ein Ölembargo gegen Japan, wohl wissend, daß diese Maßnahme Tokio zwingen würde, die einzigen ergiebigen Ölquellen im pazifischen Raum auf Borneo und Sumatra militärisch zu besetzen und damit niederländisches Territorium anzugreifen. Mit der niederländischen Exilregierung in London hatten die USA wiederum ein geheimes Militärabkommen abgeschlossen, welches im Falle einer Besetzung niederländischen Kolonialbesitzes eine gemeinsame Kriegführung gegen den Angreifer vorsah. Walter Post wörtlich: »Roosevelt hatte eine große Falle gebaut, in die er die Japaner hineintrieb, an deren Ende zwangsläufig Krieg stehen mußte. Der Krieg gegen Japan war aber nur ein Teil eines größeren Plans, in einen Krieg gegen Deutschland zu gelangen.«

Das ist eine Bestätigung der Diwaldschen Schlußfolgerung in seinen Erben Poseidons mit anderen Worten, wie auch der Hinweis auf Roosevelts »Umweg zum Krieg«. Die Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan hatten bekanntlich am 27. September 1940 den »Drei-Mächte-Pakt« abgeschlossen, um

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die Vereinigten Staaten von einem Kriegseintritt abzuschrecken, wenn sie nicht in einen Mehrfrontenkrieg verwickelt werden wollten.

Diese Aussicht, notfalls an mehreren Fronten kämpfen zu müssen, schreckte jedoch Roosevelt keineswegs, vielmehr betrachtete er den »Drei-Mächte-Pakt« als Umweg, um über den Konflikt mit Japan die »Hintertür zum Krieg« zu finden. Die »Vordertür« konnte er nicht benutzen, weil die amerikanische Bevölkerung damals noch in großer Mehrheit gegen eine Kriegserklärung an Deutschland eingestellt war. Das bezeugen im übrigen auch viele Dokumente und registrierte Stimmen aus jenen Jahren, die dem Archiv der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle in Faksimile vorliegen.

Auf seinem Weg über Wirtschaftsembargo, Geheimdiplomatie und Täuschung der amerikanischen Öffentlichkeit in den Krieg ließ Roosevelt durch Außenminister Hull den Japanern am 26. November 1941 ein Ultimatum überreichen, von dem alle Beteiligten wußten, daß es den Abbruch der laufenden amerikanisch-japanischen Verhandlungen nach sich ziehen und unausweichlich zum Krieg führen mußte. Anderthalb Wochen später, am 6. Dezember 1941, konnte die amerikanische Funkaufklärung, die bereits eine große Zahl von japanischen Funksprüchen abgefangen hatte, welche auf Krieg hindeuteten, die ersten 13 Teile einer 14teiligen Funkdepesche des japanischen Außenministeriums an die Tokioer Botschaft in Washington entschlüsseln, welche die japanische Kriegserklärung an die USA enthielten, die am nächsten Tag überreicht werden sollte. Diese Depesche, so berichten Post und Diwald gleichermaßen, wurde um 21. 30 Uhr Präsident Roosevelt vorgelegt, der sie mit den Worten kommentierte: »Das bedeutet Krieg.« Auf Harry Hopkins Bedauern, daß die Vereinigten Staaten nicht den ersten Schlag führen und auf diese Weise jede Art Überraschung vermeiden könnten, entgegnete Rossevelt: »Nein, das können wir nicht tun. Wir sind eine Demokratie und ein friedliebendes Volk«, um dann mit erhobener Stimme hinzuzufügen: »Aber wir wahren unseren guten Ruf.« Dieses Zitat reicht hin, um mit Hellmut Diwald »Pearl Harbor« den »Tag der Niedertracht« zu nennen, auch wenn sich ein Teil der deutschen Geschichtsschreiber bislang lieber an den »guten Ruf« der Roosevelt-Administration hielt und jeden Zweifel an der Lauterkeit Washingtons als »Verharmlosung« oder gar »Entschuldigung« der Achsenmächte und ihrer Kriegspolitik verdächtigte.

Ähnlich stand es auch zwischen Hellmut Diwald und dem meinungsführenden Teil der deutschen Geschichtsschreibung bei der Frage der Rüstung und Kriegsbereitschaft.

Da erregten sich die professionellen Kritiker Diwalds an dessen Feststellung, daß die »von einem Gros der Zeithistoriker vertretene These, die Regierung Hitler hätte den Zweiten Weltkrieg von langer Hand geplant, vorbereitet und die Rüstung auf einen Höchststand gebracht, zu einem festen Element geschichtlicher Desinformation geworden« sei. Sie wollten einfach den von Hellmut Diwald beschriebenen Tatbestand nicht zur Kenntnis neh-

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men, »daß die Rüstung Deutschlands zu einem so späten Zeitpunkt einsetzte,. . . daß eine unbegreifliche Differenz klafft zwischen der starken Sprache der deutschen Politik in den Jahren 1938/39 und der unzulänglichen Rüstung der Wehrmacht«. Anderthalb Jahrzehnte später bekommt Hellmut Diwald von dem österreichischen Wehrexperten und Waffensachverständigen Walter Sonnberger bis in alle Einzelheiten die Richtigkeit seiner Aussage bestätigt. Sonnberger stellte in einer akribischen Untersuchung fest, daß die deutsche Rüstungsindustrie »bis in das Jahr 1937 hinein« zunächst den durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages eingetretenen Rückstand im Flugzeugbau und der Waffenproduktion gegenüber den anderen europäischen Ländern aufzuholen hatte.

Stellte Diwald mit Blick auf die Stärkeverhältnisse bei den künftigen Alliierten einen Zustand der Rüstung fest, »die mit friedlichen Zielen nichts zu tun hatte«, registrierte er in Deutschland einen Grad der Abrüstung, »den kein Staat des Völkerbunds bereit war, für sich in Erwägung zu ziehen« - so konkretisiert Walter Sonnberger: »Während man in den Vereinigten Staaten bereits 1936 den viermotorigen Bomber B-17 baute, verließ der erste deutsche zweimotorige Bomber erst am 4. Mai 1937 die Werkshalle.« Auch die wenigen im Spanischen Bürgerkrieg 1937/38 eingesetzten deutschen Me-109-Jäger waren nur Vorserien-Muster und wurden der Truppe zur Erprobung zur Verfügung gestellt. Ebenso verhielt es sich nach den Recherchen Sonnbergers bei der Entwicklung der deutschen Panzerwaffe.

Die ersten Exemplare des Typs »Panzer I« kamen 1934 zur Truppenerprobung und stellten ein 6 Tonnen schweres Fahrzeug vor, das statt mit einer Kanone nur mit 2 Maschinengewehren bestückt war. Dieser Panzer-Typ wurde 1939 im Polenfeldzug und 1940 im Westen gegen Frankreich eingesetzt. Der im Anschluß an den »Panzer I« entwickelte »Panzer II« hatte zwar eine 2-cm-Kanone, deren Granate eine Durchschlagsleistung von 15 Millimetern erzielte, und wog um 3 Tonnen mehr, wurde aber vom Wehrexperten Sonnberger auch nicht als »gefährliche Panzerwaffe« eingestuft, wie anders dies die meisten deutschen Geschichtsschreiber tun, um damit die Blitzsiege der Wehrmacht zu erklären. Sie verschweigen zudem, daß von diesem Panzer-Typ der deutschen Armee in Sommer 1938 erst insgesamt 70 Stück zur Verfügung standen, die zudem noch in der Truppenerprobung waren.

In Übereinstimmung mit Hellmut Diwald führt Walter Sonnberger die trotz dieser augenfälligen Unterlegenheit von der Wehrmacht erzielten Erfolge auf »die überlegene deutsche Taktik und die schweren Fehler der Gegner« zurück. So seien auch die beiden anglo-französischen Panzervorstöße im Frankreichfeldzug nicht von deutschen Tankfahrzeugen abgewehrt worden, sondern von Sturzkampfbombern aus der Luft und von deutschen 8,8-Geschützen im Bodeneinsatz.

Ähnlich wie in der Panzerproduktion sah es nach Walter Sonnberger auch beim deutschen Unterseeboot-Bau aus. Da standen dem Deutschen Reich bei

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Kriegsbeginn lediglich 30 hochseetüchtige U-Boote zur Verfügung, eine Zahl, die 1944 allein in einem Monat hergestellt wurde. Diese mit Diwalds Feststellungen in den Erben Poseidons übereinstimmenden Erkenntnisse sieht auch Sonnberger im Widerspruch zu der immer wieder verbreiteten Behauptung von der »deutschen Hochrüstung«, mit welcher Berlin im Jahre 1939 bewußt den Krieg herbeigeführt habe. Und ähnlich wie Diwald erblickt er den Ursprung dieses augenscheinlichen Gegensatzes in »Hitlers bewußten Übertreibungen der deutschen militärischen Stärke«, um England und Frankreich von militärischen Interventionen gegen die deutschen Gebietsannektionen abzuhalten.

So seien beispielsweise ausländischen Militärs beim Besuch deutscher militärischer Einrichtungen Prototypen vorgeführt worden, die zwar einen »sensationellen technischen Stand besaßen«, jedoch noch keineswegs bei der Truppe eingeführt worden waren. Udet nannte die von Hitler angeordnete Methode, die wenigen Me-109-Jagdflugzeuge von Flugplatz zu Flugplatz zu verlegen, um sie dann den Besuchern jeweils als neue Maschinen vorzuführen, »flunkern«, wodurch dann auch im Ausland der Eindruck von einer deutschen »Hochrüstung« entstanden sei. So habe sich eine von den NS-Führern selber in die Welt gesetzte Lüge als »geschichtliche Tatsache« bis heute gehalten und wurde vom Gros der deutschen Zeitgeschichtsschreibung unkritisch übernommen.

So gerieten unversehens jene Gegner Hellmut Diwalds innerhalb der Historiographie Deutschlands in die Rolle der »Gestrigen«, die Diwald gern zum »Ewig-Gestrigen« erklären mochten. Freilich wurden sie sich dieser Verkehrung offenbar nicht recht bewußt, zeigten sie doch keine erkennbare Bereitschaft, ihre Position zu überdenken und in einen vorbehaltlosen Austausch mit Hellmut Diwald einzutreten. Unverfängliche Anlässe, bei denen sie ihr Gesicht hätten wahren können, boten sich in den nachfolgenden Jahren.

Etwa bei Gelegenheit des »Preußenjahrs«, zu dem Diwald die Anthologie Im Zeichen des Adlers. Porträts berühmter Preußen herausbrachte oder als er seinem Freund Wolfgang Venohr für dessen Sammelband Die deutsche Einheit kommt bestimmt einen Beitrag lieferte, in dem er seinen Wunsch nach einer patriotischen Erweckungsbewegung andeutete.

Statt einen unbefangenen Dialog mit dem Verfasser zu beginnen, fanden sie fast nur böse und verurteilende Worte. Dem Zeitgeist offenbar erlegen, hielten Diwalds Kritiker weder von der Notwendigkeit der Wiedervereinigung Deutschlands etwas - noch gaben sie dem Nationalstaat für die Zukunft eine Chance. Vielmehr leitartikelten sie in allen möglichen Tageszeitungen und Wochenblättern über die »verhängnisvolle Epoche des deutschen Nationalstaats von 1871 bis 1945«, welche »Europa und der Welt zwei Weltkriege und die blutigste Diktatur der Geschichte« gebracht habe, und schworen auf ein »Deutschland, das in Europa aufgeht«.

Hellmut Diwald gab dagegen die Hoffnung auf eine deutsche Vereinigung

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nie auf und verfolgte alle Schritte, welche die Bundesrepublik zu sehr an den Westen banden, mit Sorge.

Aus dieser Besorgnis heraus konnte er bekanntlich auch der Adenauerschen Westintegrationspolitik der fünfziger Jahre keinen Geschmack abgewinnen und war mit ihr zum Teil hart ins Gericht gegangen. Die Sorge um Deutschland und die Deutschen trieb diesen Mann um. Da nicht zum Politiker entschlossen, sondern beim Leisten seiner Historiker-Zunft geblieben, suchte er seinem Volk auf seinem Gebiet, der Geschichtsschreibung, beizustehen und ihm den »aufrechten Gang zu seiner Geschichte« wieder zu ermöglichen.

Da gab es für ihn freilich viel Schutt an Schuldzuweisungen und Siegergeschichtsschreibung wegzuräumen, um die verbreitete Zwangsvorstellung zu beseitigen, die zwölf Jahre Hitler-Herrschaft seien »der logische Zielpunkt der nationalen deutschen Geschichte gewesen«, wie dies zeitverhaftete Historikerkollegen immer wieder behaupteten.

Mit Traktaten wie Mut zur Geschichte und Geschichte macht Mut versuchte er, seine deutschen Landsleute aufzurichten und vor der geistigen Selbstentäußerung zu bewahren. Große Werke wie Wallenstein. Eine Biographie oder Heinrich der Erste. Die Gründung des Deutschen Reiches sollten seinen deutschen Lesern verdeutlichen, wie ungleich länger und größer die deutsche Geschichte ist als die 12 Jahre NS-Herrschaft. Und die beiden Luther-Bücher (Biographie und Lebensbilder) wollten deutlich machen, welchen kirchlich-religiösen Impuls dieses Land Europa und der Welt gegeben hat, sozusagen überzeugender Kontrast zur beleidigenden Behauptung, »Der Tod« sei »ein Meister aus Deutschland«.

Für diese noble Korrektur einer Kollektivbeschuldigung mußte sich Hellmut Diwald nicht selten auch von Möchtegern-Historikern eines norddeutschen »Nachrichten-Magazins« attackieren und in die »rechte Ecke« weisen lassen. Wie schon die giftigen Angriffe vieler Berufskollegen gegen seine Geschichte der Deutschen vermochte Diwald auch diese unqualifizierten Anwürfe zu ertragen.

Der 9. November 1989 entschädigte ihn für viele Bitterkeit, die er in den zurückliegenden zehn Jahren hatte hinnehmen müssen und die ihn manchmal bis an den Rand seiner physischen Existenz gebracht hatte. Gleichwohl ist sein 1990 erschienenes Buch Deutschland einig Vaterland nicht ein pures Hosiana auf die bundesdeutsche Staatskunst, die endlich die Wiedervereinigung zustande gebracht habe, sondern mehr ein Trotz-Ruf an die Deutschen, sich den Zusammenhalt nicht durch Kleinlichkeiten und Streitereien mies machen zu lassen. Denn unter der »Wiedervereinigung Deutschlands« verstand er mehr als nur den Beitritt der »DDR« und Ost-Berlins zur Bundesrepublik gemäß einem Grundgesetz-Artikel, den man flugs danach aus der Verfassung strich.

In einem vertraulichen Gespräch mit einem hochrangigen Abgesandten der seinerzeitigen Moskauer Akademie der Wissenschaften, der ihn nach den

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wünschenswerten Grenzen eines wiedervereinigten Deutschlands fragte, beschrieb Hellmut Diwald im Sommer 1987 seine Vorstellung von einem geeinten Deutschland und war erstaunt, daß er auch über den Verbleib des Sudetenlandes etwas sagen sollte. Für seinen sowjetischen Besucher war dieses Gebiet »Jahrhunderte altes deutsches Land«, über welches infolge Fehlens eines Friedensvertrages noch nicht das letzte Wort gesprochen sei.

Das waren Eröffnungen der ideologischen »Gegenseite«, die Diwald nach dem Selbstverständnis seiner Landsleute und ihrer politischen Repräsentanten fragen und deren »Selbstbescheidung« in der Wahrnehmung deutscher Interessen immer zweifelhafter erscheinen ließen.

Von diesen und ihren akademischen Gefolgsleuten behend zum »Außenseiter« erklärt - seine Geschichtsbetrachtung als »reichisch-romantische Sicht« verfremdet -, fand er sich in der Einordnung mancher »Kollegen« und »Nachrufer« gar in der Riege derer, welche »die Erinnerung an die älteren Epochen der deutschen Geschichte durch die Leugnung oder Abschwächung der späteren Verbrechen« erkaufen, und schlußendlich in die Ecke der rechtsradikalen Schreibtischtäter gestellt.

Es gab Verunglimpfungen, vor denen ihn nicht einmal die Pietät eines Nachrufes schützte, wie manches Echo auf seinen Tod vor Jahresfrist erschreckend bezeugte. Die Überfülle ihrer Lästerungen des Toten und seines Werkes steht im Mißverhältnis zur Dürftigkeit ihrer Antworten auf Diwalds Fragen nach der Zukunft der Deutschen.

Noch wenige Wochen vor seinem Tod gab er zu bedenken, was denn die Schlesier, Pommern, Ost- und Westpreußen seien, wenn man heute die Thüringer, Sachsen und Brandenburger als »Ostdeutsche« bezeichne, um in feiner Ironie anzufügen: »Seien wir froh, daß wir als Nordböhmen, Egerländer oder Südmährer das einstige Heimatland nicht auch noch nachträglich aus dem Namen herausoperiert bekommen können!«

Im Gegensatz zu vielen seiner Kritiker beließ es Hellmut Diwald nicht bei brillanten Formulierungen und genialen Geistesblitzen, sondern legte auch praktisch Hand an, wenn es darum ging, eine Initiative zugunsten der unbefangenen Erhellung der Geschichte zu fördern. Die Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt (ZFI) ist ein solches Beispiel seiner Aktivität. Vor dreizehn Jahren gegründet, erfreute sie sich ohne Unterlaß seiner besonderen Fürsorge.

»Hoffentlich kann ich den Schreibtisch noch ordentlich aufräumen, bevor ich gehen muß«, vertraute er einem Freund an, als er von seinem unheilbaren Zustand erfuhr. Jetzt ist er von uns gegangen, wohin ihm seine Frau Susanne vor Jahren vorausgegangen war. Sein wohlbestellter Schreibtisch bietet der Nachwelt auch ohne die noch für die nächsten Jahre in Aussicht genommenen Buchvorhaben ein Vermächtnis, das seinesgleichen in der zeitgenössischen Geschichtsschreibung sucht.

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