GERHARD FRÖHLICH
Anmerkungen zu Diwalds Werk

»Ernst Moritz Arndt - Das Entstehen des deutschen Nationalbewußtseins«

Arndts 100. Todestag (1960) und 200. Geburtstag boten Anlaß zu den unterschiedlichsten Urteilen. Letzteres (1969) kann als zweites Anklopfen verstanden werden, an einen Ungeliebten erinnert zu werden. Immerhin entledigte sich die Bundespost mit einer Gedenkmarke ihrer Pflicht. Auch erschienen in Greifswald und Bonn zwei voluminöse, aber notwendigerweise wenig publikumswirksame Bibliographien. Doch schon ein Blick in die Mikrofitsch-Datei der größten Münchner Bibliothek zeigt einen Autor, der nur noch ein Reiseschriftsteller oder Märchenerzähler sein kann. Oben genannte Datei läuft seit 1981. Seit Armin Mohlers kleiner Bibliographie (Criticón 78/1983) über Diwalds Autorenporträt E. M. Arndt ist das Rinnsal scheinbar ganz versiegt. Im Buchhandel entdeckten wir mit Glück die oben angedeuteten marginalen Schriften.

Nennenswert für die erste Hälfte der siebziger Jahre bleibt eine dreibändige Brief Sammlung, herausgeben von A. Dühr (Darmstadt 1972-76), und ebenfalls für den näheren Sachkenner gedacht die Spezialuntersuchung von K. H. Schäfer E. M. Arndt als politischer Publizist (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn, Bd. 13, 1974). Ersteres Werk bedurfte einer Bezuschussung durch die deutsche Forschungsgemeinschaft. Wo bleibt, fragen wir uns, der eigentliche Arndt?

Im RIAS-Berlin hielt Walter Bußmann am 24. 1. 1960 einen Vortrag über Arndt anläßlich des 100. Todestages 1. Er umriß die »Eigentümlichkeit und Problematik des deutschen Nationalgefühls« und betonte Arndts »Wunsch nach Einheit und Freiheit«. Herausfordernd war die Zwischenüberschrift: »Kurzer Katechismus für deutsche Soldaten - auch heute noch lebendig«. Mit dieser Thematik hatte er aber schon schärfste Kritik herausgefordert. Schon am 18. Mai 1960 fuhr Ernst Weymar mit einer Unmenge trefflich ausgesuchter Zitate schweres Geschütz auf 2.

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Auch in der bekannten Reihe des Musterschmidt-Verlages »Persönlichkeit und Geschichte« beginnt der Biograph Johannes Paul 3 vorsichtig tastend in einem Vorwort: »Gerecht werden kann ihm nur, wer sich bemüht, ihn ganz aus seiner Zeit heraus zu verstehen und wer seinen schweren inneren Kämpfen um den richtigen politischen Standpunkt folgt.« Etwas entschuldigend begründet Loh sein an sich gründlich gearbeitetes Buch mit den »treffsicheren Formulierungen« Arndts, die »in den deutschen Sprachschatz übergegangen«. Viele seiner Lieder würden »heute noch bei festlichen Anlässen auch im Gottesdienst gesungen«. Diwald 4 geht in seinem Vortrag von 1970 von einer persönlichen Bemerkung Arndts aus: »Als Deutschland durch seine Zwietracht nichts mehr war, umfaßte mein Herz seine Einheit und Einigkeit«, und bezeichnet - nach insgesamt dreimaliger Zitierung - diesen Satz als das Schlüsselwort. Nach den Schlachten von Austerlitz und Jena wandelte sich Arndt vom schwedischen zum deutschen Patrioten, und Arndt-Forscher haben schon nach jenem Brief oder Tag gesucht, wo dieser Wandel sich andeutet.

Diwald muß 1970 vom Stacheldraht sprechen, der von der Lübecker Bucht bis zum Fichtelgebirge Deutschland trennt, und fragt in seiner genialen und bilderreichen Art, ob Arndt der richtige Mann ist, unser Lob zu empfangen, wo wir anfangen, zwei deutsche Staaten endgültig anzuerkennen. Nationalbewußtsein gebe es nur noch zwischen »Großmütterchens Märchen und rechtsradikalen Prügelknaben« (S. 8). Mehr als ein »Briefwechsel zwischen hüben und drüben« sei für den Großteil der Bundesrepublik ohnehin nicht möglich. Diwald vergleicht die Rolle des Pantheon mit der Walhalla und kommt zu dem Ergebnis, daß es nicht mit geographischen Schwierigkeiten allein zu tun haben kann, wenn ersteres in Paris öfter besucht wird als letzteres auf dem Hochufer bei Donaustauf. Wir haben es vielmehr mit »Komplikationen des nationalen Innenlebens« zu tun, die den Deutschen seit »vielen Jahrzehnten« zu schaffen machen. Noch schlimmer sieht es um die Befreiungshalle bei Kelheim aus, die zur Erinnerung an ein »massives Politikum« errichtet worden ist.

Da Kleist einen traurigen Tod im Wannsee gestorben ist, sind wir mit seinen Versen in der Hermannsschlacht nachsichtig, auch mit Fichtes Reden an die deutsche Nation sind wir nachsichtig, da sie »ideal gemeint« sind, doch für Arndt soll das nicht gelten, meint Diwald weiter. Doch auch Arndt habe unter den »Voraussetzungen und Zwängen seiner Zeit« geschrieben. K. H. Schäfer 5 spricht von »nationaler Frömmigkeit« (S. 141) als Charakteristikum der Arndtschen Kriegspublizistik, und viele Arndtinterpreten hätten nur den »deutschen Geist« als Arndts Vermächtnis gelten lassen und damit eine »Überspitzung Arndts nochmals überspitzt«. Schäfer meint, daß die christlichen Erneuerungsversuche, die uns bei Arndt begegnen, meist unterschlagen werden. Schäfer zitiert den Arndt-Forscher Günther Ott 6, daß Arndt in religiösen Fragen zeitweise »viele religiöse Seitenwege« beschritten habe, die oft »unkontrollierbar und anerkanntermaßen Irrwege gewesen sind« (S. 138).

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Man muß Arndts Lebensweg erzählen, um ihn verstehen zu können. Auf der Insel Rügen 1769 geboren, war sein Großvater noch leibeigener Schäfer, und erst sein Vater hatte sich im Laufe seines Lebens mit großem Fleiß emporgearbeitet und vom schwedischen Grafen Malte-Putbus die Freiheit erlangt. Vorpommern mit Rügen gehörte seit dem Westfälischen Frieden zu Schweden. Ernst Moritz konnte das Gymnasium in Stralsund und dann 1791 als Student der Theologie die Universität Greifswald besuchen und wechselte 1793 nach Jena. Mit 20 Jahren hatte er einen regelrechten Ausbruchsversuch von zu Hause unternommen, war durch Zufall erkannt und zurückgebracht worden. 1796 legte er in Greifswald sein Examen ab. Im Frühjahr 1798 begann Arndt eine Fußtour respektablen Ausmaßes, die ihn durch ganz Deutschland, Österreich, Ungarn, Norditalien, Frankreich und Belgien führte. Dabei sah er in Norditalien Napoleon nach der siegreichen Schlacht von Marengo und war von ihm aufs höchste beeindruckt. Noch folgte Arndt seinem »naturhistorischen Trieb« und einem »Einfall von Gott«. Er lernte die Menschen und Völker kennen, aber nicht nur in der damals üblichen Kavalierstour.

1800 sehen wir Arndt als Professor der Geschichte in Greifswald. Sein Erstlingswerk prägt ihn zeitlebens: Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen nebst einer Einleitung in die alte deutsche Leibeigenschaft. Die schöne Frucht seiner Schrift war die Aufhebung der Leibeigenschaft in seiner Heimat. Von allen seinen Schriften war dies die historisch exakteste, doch die Maßstäbe eines Niebuhr und Ranke galten auch für sie nicht so recht. Aus dem Aufstieg seiner eigenen Familie sah Arndt, daß dies noch die Ausnahme war, aber es war für ihn der Staat dazu da, glückliche Menschen zu machen und den Menschen in der Gemeinschaft zu veredeln. Der damals 33jährige Arndt unterschied sich von den Romantikern seiner Zeit mit ihrer weltbürgerlichen Stimmung. Auch Arndt war vorübergehend in diese Stimmung eingetaucht, und er verehrte sogar, wie wir wissen, Rousseau. Bußmann weist darauf hin, daß Individuum und Menschheit bei Arndt immer ihren Wert behielten. Aber Arndts Ausgangspunkt war von Praxis und Erfahrung so gesättigt, daß bei ihm die volksnahe Gesinnung obsiegte und eine abstrakte Staatsvergötterung wie bei Treitschke nie eintrat. Der Ausspruch Treitschkes, daß Millionen sich plagen müssen, damit einige Tausend Kultur schaffen und genießen können, können wir uns bei Arndt nicht vorstellen. Arndt bleibt in der Nähe des Bodens, ohne ihn zu mystifizieren.

Inzwischen hatte der Frieden von Luneville Frankreich die Rheingrenze gebracht, und das europäische Staatensystem begann, überall durcheinander zu geraten. Aus Arndts Vorlesungen heraus entstand so das Buch Germanien und Europa, dessen Manuskript am 22. November 1802 abgeschlossen war. Das Buch will zeigen, wie die europäische Kultur und vor allem die jetzige Weltlage entstanden sind. Zugleich zeigt Arndt die Möglichkeiten, die Verzweiflung zu überwinden. Die Griechen traten ohne Kummer und Klage als spielende Kinder von der Weltbühne ab. Roms Herrschaft bedeutete eine

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Niederdrückung des anmutigen und beschwingten Menschentums. Die Römer beherrschte die Idee der Unsterblichkeit der ewigen Stadt. Entgötterung der Natur und Entmenschung des Menschen waren die äußersten Pole einer zuchtlosen Zeit. Da trat das Christentum in die Welt. Sein Stifter war ein Gegner religiöser Formeln, und er knüpfte, um sich verständlich zu machen, an die alten Begriffe hebräischen Gottesdienstes an. Als das Christentum Staatsreligion wurde, begann die »Klüngelei und Wortklauberei«. Die Germanen empfingen das Christentum als verknöcherten Orientalismus. Not getan hätte ihnen die veredelnde Schönheit des Hellenismus, denn sie waren Kinder einer rohen Vorgeschichte und einer unfreundlichen Natur. Die Scholastik bezeichnet Arndt als einen »Zuchtmeister« 7 (Müsebeck, S. 103) nicht auf die von Christus gewollte Freiheit, sondern auf die sklavische Knechtschaft des Menschenherzens. In diesem teilweise sicherlich eigenwilligen Weg beurteilt Arndt Renaissance, Reformation und zuletzt das 18. Jahrhundert. Dieses aber hatte Arndt selbst, wie er sagt, 30 Jahre durchlebt. Durch die zerstückelnde Arbeit der Kritik verlor der Bürger das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu einem untrennbaren Volksganzen. Der Siebenjährige Krieg besiegelte das deutsche Elend, die »Vielherrschaft«.

Arndt nähert sich in seinen Betrachtungen der Gegenwart. Daß er in Frankreich Ordnung schaffte, dafür gebührt Napoleon Lob. Frankreich hat aber wieder seinen alten Despotismus. An der Außenpolitik bemängelt Arndt den Versuch, einen Strom und ein Gebirge zu einer Grenze zu machen. Die erste Naturgrenze sei, daß jedes Land sein Meer bekomme und die zweite die Sprache. Schon erörtert Arndt die Unmöglichkeit des Rheins als Grenze. Napoleon ist für ihn ein Emporgekommener. Er ist eine gewaltige Naturkraft, die selbst Widerstrebende zum Gehorsam zügelt. Plötzlich lesen wir Mein altes Vaterland - es ist zertreten.

Arndt beschreibt nun, wie er sich sein Vaterland in seinen Naturgrenzen vorstellt. Im Süden sind das die Alpen und die Nordecke des adriatischen Meeres mit dem größten Teil der Schweiz. Im Norden ist das die Eider und die Ostsee. Im Osten nennt er die jetzige politische Grenze, weil dies die Sprachgrenze meist darstellt. Dieses Land aber ist zerrissen durch die Vielherrschaft. Deutschland ist durch die Kriege der letzten Jahre zum Spott Europas geworden (Müsebeck, S. 114). Durch die Schwäche Deutschlands wird der ganze Kontinent an den Rand des Verderbens geführt. Wörtlich schreibt er: »Nur wenn wir ein Vaterland, wenn wir die hochmenschlichen und hochpolitischen Ideen eines eigenen, einigen, kräftigen Volkes hätten, würden wir stehende Sitten, festen Charakter und Kunstgestalt gewinnen; dann nur könnte das Höchste und Herrlichste der Menschheit aus solchen irdischen Wurzeln zu schimmernden Sonnenwipfeln erwachsen.« (Müsebeck, S. 114) Ein zeitgenössischer Rezensent stellt in Arndts Buch »kühne Unbefangenheit« 7 fest. Das Buch sei eine einzige Rede, die in einem Atem und in einem Feuer gesprochen wurde. Arndt selbst urteilte später im Rückblick: »Ich bin so

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geboren, daß ich reden und sprechen muß, damit meine Gefühle und Gedanken sich ordnen.« (Müsebeck, S. 115) Arndt empfand die Not der Zeit als eigene Not. Aus dieser Not heraus erhielten seine Gedanken über Mensch und Staat eine schärfere Ausprägung.

1803 und 1804 unternahm Arndt Reisen nach Schweden, die er in zwei Bänden beschrieb und die die bis heute modische Nordlandsehnsucht der Deutschen förderten. Der schwedische König Gustav IV. Adolf war mit einer badischen Prinzessin verheiratet, und als dieser im Februar 1805 von einer Deutschlandreise nach Stockholm zurückkehrte, war eine Entfremdung zwischen Monarch und Volk eingetreten. Wegen der Opposition zu Napoleon geriet das Haus Wasa allmählich ins Wanken. Arndt verließ Schweden und kehrte in seine Heimat zurück.

Mit Beginn des Winters 1804/05 nahm Arndt seine Vorlesungen wieder auf. Am 11. April 1805 schlossen Alexander I, von Rußland und Englands leitender Minister William Pitt ein Kriegsbündnis. Gustav IV. Adolf war dieser Koalition schon bei den Vorverhandlungen beigetreten. Frankreich sollte gezwungen werden, den Rhein und die Mosel anzuerkennen und seine Besitzungen in Italien aufgeben. Preußen stand abseits. Es hoffte, ein Vermittler zwischen dem Westen und dem Osten zu bleiben. Bei der Leitung der auswärtigen preußischen Angelegenheiten wurde Graf Haugwitz durch Hardenberg ersetzt.

Als der russische Zar in Berlin um Durchmarschrechte über Schlesien nach Böhmen anhielt, machte Preußen gegen ihn mobil. Napoleon nutzte den Zwist und brach sein Boulogner Lager, von dem aus er England erobern wollte, ab und führte seine Streitmacht in Eilmärschen seit Ende August an den Rhein. Die süddeutschen Staaten schlossen sich willfährig Napoleon an. Aber Friedrich Wilhelm III. widerstand dem Angebot Napoleons, das ihm gegen die Abtretung von Kleve und Wesel das längst begehrte Hannover einbringen sollte. Hardenberg hatte zu diesem Schritt geraten. Nachdem sich Napoleon zum erblichen Kaiser erhoben hatte, glaubte man in Berlin, daß Napoleon sich als Glied der großen europäischen Fürstenfamilie betrachten würde und seine Politik nun friedfertiger würde. Auch glaubte Preußen, den Schiedsrichter zwischen den streitenden Mächten spielen zu können, und vertraute auf das Erbe Friedrichs des Großen. Aber, ohne zu fragen, marschierten die französichen Truppen durch das preußische Ansbach. Da fühlte sich Friedrich Wilhelm III. aufs tiefste beleidigt und gestattete den Russen den Durchmarsch nach Österreich. In jenen Wochen marschierten Russen und Schweden, die sich mit Engländern und Hannoveranern an der Weser vereinigen sollten, durch die pommersche Heimat Arndts. Die Österreicher kapitulierten in Ulm unter dem unfähigen General Mack. Die Schlacht von Austerlitz am 2. Dezember 1805 vernichtete jede Hoffnung auf einen Sieg. Napoleon gab dem alten Reich den Gnadenstoß, nachdem Österreich aus Deutschland und Italien ausgeschlossen worden war.

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In dieser verworrenen Lage des Novembers 1805 entstand Arndts erster Teil von Geist der Zeit. Aus dem »ungöttlichen, gesetzlosen Sein der Gegenwart« begann Arndt ein »frisches Hinarbeiten auf eine frischere Zukunft«. In jenen Oktobertagen, da die österreichische Macht so zusammenbrach, habe er tiefe Schmach empfunden, gerade auch deshalb, weil kein Schrei des Entsetzens durch die deutschen Lande ging. Arndt hatte, wie er in Briefen an Charlotte von Käthen schreibt, den »Gescheiten« nicht geglaubt, die auf die dritte Koalition setzten. Schon seit 1799 war für Arndt die Revolution ein »gefräßiges Ungeheuer« geworden, welches hungrig sich selbst verschlang, bis es im Würgen ermattete«. Schon in der Schrift Germanien und Europa hatte Arndt Napoleon als den »Fürchterlichen« bezeichnet, der sich durch das »Blut und Elend von Hunderttausenden so groß spielt«. Arndt hatte Napoleon seit seinem ersten Schreiben beobachtet. Seine ersten Schlachten kündigten ihn als eine »gewaltige Naturkraft« an. Nach dem Frieden von Lunéville und dem »dummen« Frieden von Amiens schmeichelten ihm die europäischen Staaten.

So schreibt Arndt in Geist der Zeit (T): Die Natur, die ihn geschaffen hat und ihn so schrecklich wirken läßt, muß eine Arbeit mit ihm vorhaben, die kein anderer so verrichten kann (Müsebeck, S. 69). Wörtlich lesen wir: »Er trägt das Gepräge eines außerordentlichen Menschen, eines erhabenen Ungeheuers , das noch ungeheurer scheint, weil es über und unter Menschen herrscht und wirkt, welchen es nicht angehört.«

Am 11. Oktober 1806, während des Aufenthaltes des schwedischen Königs in seiner deutschen Provinz Vorpommern, erfolgt die Ernennung Arndts zum ordentlichen Professor. Der schwedische König schwelgte in Plänen für seine kleine deutsche Provinz. Seine Vielgeschäftigkeit hat Arndt mit leisem Spott bedacht, zwang doch der allgewaltige Napoleon gerade damals ganz Europa in seinen Bann. Dem jungen Hegel verkörperte sich in Napoleon der Geist der bisherigen Geschichte, der Weltgeist. Zahlreiche Berliner Schriftsteller zählten zu den Bewunderern Napoleons. Der Hallenser Professor C. D. Voß schrieb im März 1805 in der von ihm neu begründeten Zeitschrift, den Zeiten, Napoleon sei der »Heiland« Frankreichs und von Kriegsruhm gesättigt und er widme sich nun seinem größeren Ehrgeiz, nämlich Friedensstifter und Staatenschöpfer zu werden.

Damals regte sich bereits Friedrich Gentz und schrieb in seiner Vorrede zu den Fragmenten aus der neuesten Geschichte des politischen Gleichgewichts in Europa: Der einzige Weg zur Rettung ist die enge Verbindung der Reinen, Starken und Guten. Das ist die einzige unüberwindbare Koalition. »Europa ist durch Teutschland gefallen, durch Teutschland muß es wieder emporsteigen.« »Sollen die Staatskräfte Teutschlands je Eins werden, so muß zuerst der Nationalwille Eins sein.«

Nach der Schlacht von Jena und Auerstädt 1806 kommt für Arndt der Umschwung. Preußens Ehre war allein schon dadurch wiederhergestellt, daß es den Kampf gegen Napoleon überhaupt aufnahm. 1807 geht Arndt zum

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zweitenmal nach Schweden. Er muß schwedische Gesetze für Vorpommern übersetzen. Hier entsteht Geist der Zeit (II). Während er dessen 2. Abschnitt Ende Januar 1807 niederschreibt, sammeln sich die letzten preußischen Armeekorps unter L'Estocq mit dem russischen Heer unter Bennigsen. Bei Arndt reift allmählich der Gedanke, daß nur eine allgemeine Volksbewaffnung das einzige Mittel sei, die Freiheit in den deutschen Landen wiederherzustellen. Die Einstellung Arndts zu Preußen wird positiver. Es hat durch die Besetzung der Hälfte des Staates genug gebüßt. Zaghaft glaubt Arndt an einen Sieg in der östlichen Hälfte des Landes. Preußen wird neben Österreich als Träger und Beschützer des deutsch-nationalen Machtgedankens hingestellt.

Nach der schweren Niederlage bei Friedland am 21. Juni 1807 räumen die preußischen und englischen Truppen Vorpommern, und bald war Vorpommern in den Händen der Franzosen. Am Geburtstag des Imperators wurde die Universität Greifswald festlich beleuchtet. Was Arndt in Geist der Zeit (II) geschrieben hatte, war vor der Wirklichkeit zerstoben. Der Friede von Tilsit schien die Vernichtung des alten Preußens zu besiegeln. In Schweden wuchsen die Neigungen für Frankreich von Tag zu Tag. Arndt sah sich zurückgeworfen auf sich und sein »eigenes Gedankengrab«. Er verfaßte geistliche Lieder, Wiegenlieder und schrieb über weibliche Erziehung.

Schweden war durch die Neuorientierung der russischen Politik nach dem Frieden von Tilsit in äußerst schwieriger Lage. Es war der Verbündete zweier Mächte, Englands und Rußlands. Zwischen ihnen konnte jeden Tag der Krieg ausbrechen. Nach der Bombardierung Kopenhagens durch England im September 1807 verschärfte sich die Lage. Am 6. Oktober 1807 erfolgte eine Note der russischen Regierung an Gustav IV. Adolf, die ihn aufforderte, die Häfen für fremde, das heißt englische Schiffe zu schließen. Wie vorher Friedrich Wilhelm III. sah sich nun der schwedische König unvorbereitet in einen Kampf verwickelt. Die Begeisterung des Volkes für das schwedische Königshaus fehlte. Arndt suchte im Nordischen Kontrolleur vom März 1808 bis Februar 1809 dem in Monatsheften abzuhelfen. Das erste Heft brachte gleich Berichte über den Vormarsch der Truppen sowie die Kriegserklärungen Rußlands und Dänemarks. Das zweite Heft des Nordischen Kontrolleurs brachte das erste Kriegslied Arndts; es war am 26. April 1808 entstanden: ›Lob des Eisens‹, dessen siebte und letzte Strophe lautet:

»Bleib, Eisen, Männern hold!
Laß Knechte Gold begehren!
Wer deine Kraft gewollt,
Der wollte hohe Ehren,
Der wollte herrlich leben
Und herrlich untergehn.
Drum sei dir Preis gegeben,
O Eisen schwarz und schön!« 8

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Eine Abhandlung in diesem Heft über Rußland hat eine stark antirussische Tendenz. Die schwedischen Truppen in Finnland mußten vor den Russen zurückweichen. Der schwedische König wurde seinem Volk immer fremder. Da blickte Arndt in den Heften um die Jahreswende 1808/09 auf Spanien und Portugal, wo Napoleon ersten erfolgreichen Widerstand erfuhr. Wohl wollte er seine schwedischen Landsleute zu mehr Widerstand gegen Napoleon hinreißen. Er wollte zeigen, welche Kräfte in einem einheitlichen, freigesinnten Volk schlummerten. Für Arndt wurde die Sache der Halbinsel »Weltsache«. Wer für Freiheit und Ehre noch einen Funken Gefühl habe, müsse auf Seiten der Spanier stehen. Adel, Minister, Beamte und Priester hatten das Volk geeint. Arndt wandte seinen Blick gleich zu den deutschen Fürsten und Grafen, den Ministern und Priestern. Eine Idee soll Licht und Wahrheit bringen: Die Suche nach Einheit. Die Einwände gegen eine Volksbewaffnung weiß Arndt sofort zu beschwichtigen. Arndt gibt zu, daß solche Aufstände zu den schrecklichsten Mitteln gehören, die jedes Herz vor Verantwortung erzittern machen. Aber, so fragt Arndt, hat Europa je ein schlimmeres Übel getroffen als das jetzige? Es gilt den Kampf um die heiligsten menschlichen Dinge, um Freiheit und Kraft, um Kunst und Wissenschaft, die durch Einherrschaft rettungslos untergehen. Wörtlich: »Ich will eine Gewalt, die treibe, stoße, zwinge und zertrümmere, ich will sie, selbst wenn ich nicht weiß, wohin sie führt.« (Müsebeck, S. 231 ). Gottes Willen sei es, mit dem Bösen zu ringen, selbst wenn der Mensch mit seinem Irdischen darüber zugrunde geht. Arndt geht dann näher darauf ein, warum Deutschland gefallen ist. Es habe keine Einheit des Regiments gehabt, es sei niemand da gewesen, der die Nation zu einem Befehl hätte begeistern können; die Schriftsteller hätten geschwiegen, als das Volk ihre Stimme habe hören wollen. Wörtlich: »Nur unsere Dummheit, unsere schlechte Politik hat uns verdorben, nicht die unüberwindliche Tapferkeit der Franzosen, nicht die einzige Klugheit ihres Führers.« (Müsebeck, S. 234)

Der Geist der Zeit (II) (entstanden September 1806 bis Herbst 1808) erschien ohne Nennung der Namen des Verlegers und des Buchdruckers in Schweden. Das Titelblatt der ersten Auflage nennt auch den Autor nicht. Der Umfang betrug 465 Seiten. Der schwedische Hofkanzler erhielt am 28. Februar 1809 den Befehl, eine schwedische Übersetzung zu veranstalten. Wegen des abgelegenen Druckortes und der französischen Kontrollen in den Häfen fand das Buch in Deutschland nur wenig Verbreitung.

In Geist der Zeit (II) schleudert Arndt dem deutschen Leser die leidenschaftlichsten Wahrheiten ins Gesicht. »Wenn die deutschen Fürsten zu träge und zu feige sind, um auf diesem Wege voranzugehen, wie es ihre Pflicht gebeut, dann mag von unten herauf der Wille zur Neuschöpfung hervorwachsen, dann mag das Volk wider den Willen seiner Fürsten sich selbst helfen, auch wenn die Vergangenheit dadurch umgestaltet wird.« (Müsebeck, S. 237)

Anfang März 1809 wurde der schwedische König von der napoleonfreundlichen Partei verhaftet. Mit zwei falschen Pässen schlägt sich Arndt nach

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Pommern durch und sieht nach drei Jahren seinen Sohn aus erster Ehe wieder. Dessen Mutter war bei der Geburt gestorben. Fichte hatte im Winter 1807/ 08 im von den Franzosen besetzten Berlin seine Reden an die deutsche Nation gehalten. Erschüttert erfuhr Arndt im Juni 1809 vom traurigen Ende Major Schills und vom Scheitern des österreichischen Aufstandes. Trotz guter Worte an die Patrioten dachte Friedrich Wilhelm III. an die Erhaltung des Friedens. Die Patriotenpartei am Hofe mußte warten. Niemand dachte an einen bedingungslosen Verzweiflungskampf. Arndt wurde in den Kreis um Gneisenau und Boyen aufgenommen und fühlte sich hier viel wohler als in der abgelegenen pommerschen Heimat. Arndt führte den Decknamen eines Sprachmeisters Almann. Als der Geburtstag der Königin Luise herannahte, dichtete Arndt sein erstes deutsches Vaterlandslied: »Auf zur Tugend und zum Licht / Hast du uns das Herz gericht't.« Zu diesem Kreis um Reimer und Schleiermacher kam damals noch nicht Ludwig Jahn. Endlich traf Arndt auch mit Heinrich von Kleist zusammen. Beide Naturen verband ihr dämonischer Haß gegen Napoleon.

Im Juni 1810 übernahm Hardenberg die Verwaltung des gesamten preußischen Staatswesens und führte die Steinsche Reform fort. Die Frage nach der Vertretung der Nation bewegte 1810 alle Kreise des Volkes. Arndt sah durch seinen Aufenthalt in Berlin, daß der Gedanke der Mitarbeit des Volkes an dem Staatsleben erwacht war.

Am 6. Januar 1810 wurde zwischen Frankreich und Schweden Frieden geschlossen. So konnte es Arndt im April 1810 wagen, in seine pommersche Heimat nach Greifswald zurückzukehren. Am l. Mai 1810 wurde der flüchtige Professor Arndt wieder in sein Amt eingesetzt. Vom Rektor der Universität wurde er, als aus England zurückgekehrt, begrüßt.

Der Entscheidungskampf zwischen Frankreich und Rußland rückte näher. Frankreich vollendete 1810 seine Kontinentalsperre, und Zar Alexander beachtete sie nicht im vollen Umfange. Rußland blieb für die deutschen Staaten Preußen und Österreich ein starker Stützpunkt, wenn sie sich dem westlichen Nachbarn entziehen wollten. Scharnhorst schlug dem König mehrmals eine Erweiterung der Rüstung vor. Die Rüstungen sollten nicht nur das Heer, sondern das ganze preußische Volk umfassen. Als Napoleon die nordwestdeutschen Küstengebiete bis nach Lübeck hin besetzte, antwortete ihm Arndt mit dem ›Lied der Rache‹:

»Auf! Die Stunde hat geschlagen -
Mit Gott dem Herrn wir wollen' s wagen:
Frisch in den heil'gen Kampf hinein! (. . . )«

Ende August reichte Arndt um Entlassung aus seinem akademischen Amt ein, denn er fühlte sich in Greifswald nicht mehr sicher. Am 29. Januar 1812 flüchtete Arndt vor den französischen Truppen aus Vorpommern über die preußische Grenze. Am 12. Februar 1812 kam er nach Berlin. Wieder traf er

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dort die Männer der »lesenden und schießenden Gesellschaft«. Zum erstenmal traf Arndt mit Gneisenau und Boyen persönlich zusammen. Da ließ Napoleon die Ostseeküste bis Memel besetzen. Am 28. März besetzten die Franzosen Berlin. Die Männer der preußischen Reform nahmen ihren Abschied vom Staatsleben. Gneisenau ging nach England. Breslau war für viele der letzte Sammelpunkt auf preußischem Boden. Arndt verfaßte seine Phantasien in der kriegerischen Sprache des Alten Testamentes. In den Gedichten des Jahres 1812 kehren die Stimmungen nach Schills Tod (1809) in verstärktem Maße wieder. Das erwachte Volk soll die Schandketten brechen:

»Schlage! reiß! morde! rase!
Zur Ramme werde! brenne! blase
In jeden Busen ein den Gott!« (Müsebeck, S. 335)

Wir sind hier an jenem Zitat angelangt, das der eingangs erwähnte Ernst Weymar dem Arndt-Apologeten Walter Bußmann vor allem entgegenhielt. Mit diesem Kriegsgedicht Arndts sei er, Ernst Weymar, zur Kriegsfreiwilligenmeldung angeregt und begeistert worden. Zurück geblieben sei das Gefühl, von gewissenlosen Verbrechern als willfährige Werkzeuge mißbraucht worden zu sein. (S. 317) Damit soll ein Stück Arndt-Problematik festgehalten sein.

Als Mitarbeiter des Freiherrn vom Stein umfaßt die Publizistik Arndts von St. Petersburg aus eine schier unglaubliche Fülle und Wirksamkeit. Am bekanntesten wurde wohl der Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann.

Arndt verstand es, die politischen Gegenstände volkstümlich zu formulieren. Diwald nennt Arndt in seinem Vortrag einen »penetrant einseitigen homo politicus« (S. 32). Er hätte anders keine Wirkung gehabt. Wie kein anderer habe er den Nerv politischen Handelns in seiner Zeit begriffen. Zugeben muß man wohl, daß Arndt so manche treffende Formulierung gefunden hat, wie »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte«, »Das ganze Deutschland soll es sein« oder sein Lied »Was ist des Deutschen Vaterland?«, das lange als Nationallied der Deutschen gelten konnte. Daß Arndt wenige Jahre nach Ende des äußeren Kampfes Opfer der Metternichschen Demagogenverfolgung wurde, darf als bekannt vorausgesetzt werden.

Vorausgegangen war Sands Attentat auf Kotzebue am 23. März 1819. Arndt verliert seine Professur in Bonn, und der Prozeß gegen ihn zieht sich jahrelang hin. Eine große Genugtuung war für ihn die Rehabilitierung durch König Wilhelm IV. im Jahre 1840. 1848 zieht der fast 80jährige für den Wahlkreis Solingen in die Paulskirche ein. Er gehört jener Delegation an, die im Juni 1848 den Reichsverweser Erzherzog Johann empfängt, und auch jener Delegation, die Ende März 1849 König Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone anträgt. 1842 hatte er den preußischen Roten-Adler-Orden erhalten. Sein 90. Geburtstag, den er in geistiger Frische feiert, beweist, daß er nie in Vergessenheit geriet, obwohl er schon seit seiner Professur von 1818 als der »alte Arndt« galt.

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Anmerkungen:

1. Walter Bußmann, »Ernst Moritz Arndt«, in Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 9. März 1960.

2. Ernst Weymar, »Ernst Moritz Arndt«, ebenda, 18. Mai 1960.

3. Johannes Paul, Ernst Moritz Arndt - Das ganze Teutschland soll es sein!, (Reihe »Persönlichkeit und Geschichte«, Bd. 63/64), Göttingen 1971.

4. Hellmut Diwald, »Ernst Moritz Arndt - Das Entstehen des deutschen Nationalbewußtseins«, Vortrag der Carl Friedrich von Siemens-Stiftung in München am 27. Januar 1970, Mentor des Abends: Fritz Wagner (Themen XIII); ähnlich in Criticón, 78/1983, mit Bibliographie von Armin Mohler.

5. Karl Heinz Schäfer, Ernst Moritz Arndt als politischer Publizist. Studien zu Publizistik, Pressepolitik und kollektivem Bewußtsein im frühen 19. Jahrhundert, (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn, Bd. 13), Bonn 1974.

6. Günther Ott, E. M. Arndt. Religion und Christentum in der Entwicklung des deutschen Patrioten (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn, Bonn 21966.

7. Ernst Müsebeck, Ernst Moritz Arndt. Ein Lebensbild. Erstes Buch, Gotha 1914 (mehr nicht erschienen).

8. Ernst Moritz Arndt, Gedichte, (Faksimile der Ausgabe Leipzig 1850), Hildesheim 1983.

H. Meisner und R. Geerds, Ernst Moritz Arndts ausgewählte Werke in sechzehn Bänden, Hesse und Becker Verlag, Leipzig 1908.

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