EUGEN HOFFMANN
Politische Betrachtungen zu Diwalds Werk

Von der Revolution zum Norddeutschen Bund. Ideengut und Politik der Preußischen Hochkonservativen 1848-1866

Zu den Werken, die Hellmut Diwalds wissenschaftlichen Ruhm begründeten, zählen zwei in der Reihe »Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts« erschienene Dokumentarbände, die im Auftrag der Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1970 erschienen. Wie so oft läßt das schlichte Äußere der Bände 46/I-II kaum ahnen, welcher Arbeitsaufwand, über elf Jahre verteilt, in ihnen steckt. Das knappe im Januar 1969 geschriebene Vorwort Hellmut Diwalds setzte den Schlußpunkt in einer wissenschaftlichen Angelegenheit, die, genau genommen, bereits im Jahre 1955 begonnen hatte. In jenem Jahre nämlich überantwortete der Kgl. Preußische Landrat a. D. Nikolaus von Gerlach, ein Enkel Wilhelm von Gerlachs, dem Direktor des »Seminars für Religions- und Geistesgeschichte« in Erlangen, Hans Joachim Schoeps, als kostbares Vermächtnis das Gerlachsche Familienarchiv zu treuen Händen. Es war kein Zufall, wenn damit eines der größten deutschen Privatarchive für das 19. Jahrhundert an den Erlangener Ordinarius ging; denn H. J. Schoeps war 1952 in seinem Buch Das andere Preußen. Konservative Gestalten und Probleme im Zeitalter Friedrich Wilhelms IV. mit einer bedeutenden Abhandlung über Ernst Ludwig von Gerlach und seine Brüder hervorgetreten. So stapelten sich in der Universität Erlangen die Bestände eines privaten Archivs, dessen Dokumente bis ins 15. Jahrhundert zurückreichten und das vor allem die Tagebücher Ludwig von Gerlachs sowie die Unmenge von über 15 000 Briefen von und an die Brüder Gerlach enthielt. Später wurde der Fundus durch sechs weitere Aktenpakete des »Parsower Zusatzarchivs« aus dem Besitz des Herrn Tessen von Gerlach mit weiteren wichtigen Materialien zum 19. Jahrhundert vervollständigt. Unverzüglich ging Professor Schoeps mit seinem Mitarbeiterstab an die Sortierung und Inventarisierung. Nach diesen Vorarbeiten konnte man mit der Auswertung

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beginnen. Wegen der Menge des Vorhandenen mußte eine Auswahl getroffen werden. Für sich selbst reservierte H.J. Schoeps die geistesgeschichtlich interessante Zeit der Jugend der vier Gerlachbrüder. Aus noch erhaltenen Dokumenten und späteren schriftlichen Lebensrückblicken formte er sein 1963 erschienenes Werk: Aus den Jahren preußischer Not und Erneuerung. Tagebücher und Briefe der Gebrüder Gerlach und ihres Kreises 1805-1820. Den Zeitraum des stärksten politischen Einflusses der beiden bedeutendsten Brüder - des Generals und des Präsidenten -, die Jahre 1818-1866, übernahm der Erlangener Privatdozent Dr. Hellmut Diwald. Das rechtsgeschichtlich bedeutsame Material aus der Zeit Ludwig von Gerlachs im Gesetzgebungsministerium Savignys wurde von H. Liermann und H.J. Schoeps in den Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Phil.-hist. Kl. , Jg 1961, Nr. 14 unter dem Titel Materialien zur preußischen Eherechtsform im Vormärz. Aus dem Briefwechsel Savigny, Puchta und Bethmann Hollweg mit Ludwig von Gerlach publiziert. Ansonsten blieb die Zeitepoche vor 1848 ebenso weitgehend unbehandelt wie die letzten Lebensjahre Ludwigs von 1866 bis zu seinem Todesjahr 1877. Den Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften an Diwald hatte Schoeps vermittelt, der mit seinen Anregungen bei Gerhard Ritter in der dafür zuständigen Historischen Kommission der Akademie auf offene Ohren gestoßen war. Auch Professor Gerhard Ritter war in Sachen Gerlach und der preußischen Hochkonservativen kein Unbekannter, da er 1911 in der Deutschen Revue die Altersbriefe Ludwig von Gerlachs an Adolf von Thadden und Moritz von Blanckenburg ediert und 1913 ein Buch über Bismarck und die preußischen Konservativen 1858-1876 veröffentlicht hatte. So fügte sich das eine zum anderen, und Diwald begann 1958, von den beiden erfahrenen Professoren fürsorglich beraten und unterstüzt, mit der editorischen Arbeit, die immer wieder durch andere Arbeiten, Vorlesungstätigkeit und Buchprojekte unterbrochen wurde.

Bevor ich zu den Mühen Hellmut Diwalds zurückkehre, sind einige Erläuterungen angebracht. Selbst historisch Gebildeten sind mitunter die Brüder Gerlach und der um sie herumgescharte hochkonservative Kreis kein Begriff mehr. Die vier Gerlachbrüder Wilhelm (10. 5. 1789-20. 8. 1834), Leopold (17. 9. 1790-10. 1. 1861), Ernst Ludwig (7. 3. 1795-18. 2. 1877) und Otto (12. 4. 1801-24. 10. 1849) waren die Söhne des Chefpräsidenten der Kurmärkischen Kriegsund Domänenkammer, Karl Friedrich Leopold von Gerlach (25. 8. 1757-8. 6. 1813), der, von Hardenberg bei der Ernennung der neuen Oberpräsidenten übergangen, 1809 einstimmig zum ersten Oberbürgermeister Berlins gewählt worden war. Das Elternhaus wurde mehr vom Geist des höheren Beamten- und Gelehrtentums geprägt als von dem des preußischen Landadels. Alle vier Brüder studierten Jura: Wilhelm in Halle, Göttingen, Heidelberg, seine Brüder in Göttingen, Heidelberg und Berlin. Mit Ausnahme des Jüngsten wurde ihnen die Hochromantik ebenso zu einem prägenden geistigen Erlebnis wie nachher die persönliche Teilnahme an den Befreiungskriegen. Geistig führte

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der Weg der Brüder über die »Christlich-Deutsche Tischgesellschaft« Achim von Arnims und die »Maikäferei« (benannt nach dem Wirt Mai des ersten Vereinslokals) mit Clemens Brentano schließlich in die pietistische Erweckungsbewegung und zuletzt in die lutheranische kirchliche Orthodoxie.

Wilhelm, der älteste, wurde 1830 Vizepräsident des Oberlandesgerichts in Frankfurt/Oder, einen Posten, den er bis zu seinem frühen Tod innehatte. Seinem persönlichen Eingreifen verdankte Turnvater Jahn den Freispruch in zweiter Instanz wegen demagogischer Umtriebe vor dem Oberlandesgericht Frankfurt. Otto, der jüngste, wandte sich, einem Jugend wünsch folgend, von der Juristerei der Theologie zu und bewarb sich 1834 beim König um die »beschwerlichste« der neugegründeten Berliner Pfarrstellen. Als »sozialer« Pfarrer der Elisabethkirche in einer Berliner Arbeitergegend entfaltete er eine aufopfernde »innere Mission« mit damals ganz neuartigen Methoden der kirchlichen Wohlfahrt- und Jugendpflege. Im Jahre 1847 wurde Otto, der zu den wichtigsten Autoren theologischer Lehrbücher seiner Zeit zählte, Hofprediger am Dom; starb aber bald darauf zu einer Zeit, als seine überlebenden Brüder eben auf dem Höhepunk ihrer Tätigkeit und ihres Einflusses standen.

Leopold, der spätere General, besuchte ab 1803 die Académie Militaire, wurde aber als Fähnrich 1806 aus seinem Beruf gerissen. So sattelte er auf die zivile Laufbahn um und brachte es bereits zum Regierungsreferendar in Potsdam, als der Befreiungskrieg ihn in den militärischen Dienst zurückbrachte, dem er von nun an treu blieb. Er war ein liebenswürdiger Gesellschafter mit viel persönlichem Charme. Eine enge lebenslange Freundschaft mit tiefer gegenseitiger Zuneigung verband ihn mit dem Kronprinzen und späteren König Friedrich Wilhelm IV. , in dessen Umgebung wir ihn 1826 als persönlichen Adjutanten erstmals in offizieller Funktion finden. Seit 1830 nahm er erneut an der täglichen Abendgesellschaft des Kronprinzen teil, während er seine militärische Laufbahn in verschiedenen Ämtern fortsetzte. Im Jahr 1850 wurde er zum Generallieutenant befördert und auch offiziell zum Generaladjutanten des Königs ernannt. Sein täglicher Kaffeevortrag beim König brachte ihm mehr Einfluß auf diesen, als mancher Ministerpräsident ihn besaß. Das Verhältnis des Königs zu seinem »Herzenspolte« war von vollem Vertrauen, das des Adjutanten von unbeirrbarer Treue zu seinem »wunderlichen Herrn« geprägt. Während der Revolution von 1848 kamen Leopold und Ludwig unverzüglich dem König mit einer Initiative zur Wiederherstellung der Stellung des Königtums zu Hilfe. Sie organisierten für ihren König einen handlungsfähigen zuverlässigen Beraterstab, eine Kamarilla, heute würden wir Küchenkabinett dazu sagen, mit dem sie die preußische Politik weitgehend beeinflußten und in ihre Hand nahmen. Auf ihre Initiative geht die Berufung des »Staatsstreich-Ministeriums« Brandenburg im Oktober 1848 ebenso zurück wie die historisch noch bedeutsamere Ernennung Bismarcks zum Bundesgesandten in Frankfurt. Das Ideal der beiden Brüder war die Aufrechterhaltung des deutschen Bundes und der Ausgleich mit Österreich.

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Deshalb wirkten beide stark auf den König ein, die vorn Frankfurter Parlament angebotene Kaiserkrone abzulehnen. In den Jahren 1849-1850 kämpften sie gegen Radowitz und seine Unionspolitik und trugen zur Abwicklung der Unionsverfassung, von ihnen spottisch »Charte Quasi-Gagern« genannt, bei. Die gänzliche Aufgabe der Unionspläne, als Österreich in Olmütz ultimativ die Wiederherstellung des alten Zustandes im Deutschen Bunde erzwang, wurde von Leopold und Ludwig nicht nur wegen der Vermeidung des Bruderkrieges begrüßt. Während des Krimkrieges setzten beide als Führer der »Kreuzzeitungspartei« gegen die »Wochenblattpartei« die strikte Neutralität Preußens im Konflikt durch. Das Bündnis der »Heiligen Allianz« gegen Revolution und »Bonapartismus« schien ihnen neben der Freundschaft mit England der passende außenpolitische Rahmen für eine konservative Ideenpolitik nach christlichen Grundsätzen zu sein. Zum Leben erwecken ließ sich die Heilige Allianz, wie beide sehr wohl einsahen, nach dem Krimkrieg jedoch nicht mehr. Leopold war als Militär und Diplomat eine ungewöhnliche Erscheinung. Geistvoll und hochgebildet, war er gleich seinen Brüdern ein völlig integerer und uneigennütziger Charakter. Die unstete Art seines Königs und der nur schwach ausgeprägte Durchsetzungswille Leopolds ihm gegenüber verhinderten jedoch einen gleichmäßig und dauerhaften Einfluß. Mit der Regierungsunfähigkeit Friedrich Wilhelms IV. 1857 endete die faktische Zugriffsmöglichkeit der Gerlachbrüder auf die preußische Politik. Leopold von Gerlach starb im Januar 1861 an den Folgen einer Erkältung, die er sich bei der Beerdigung seines Königs zuzog, als er stundenlang bei eisiger Kälte und heftigem Wind barhäuptig dem Trauerzug folgte.

Ernst Ludwig von Gerlachs Werdegang gleicht weitgehend dem seiner Brüder. Neben Jura studiert er noch klassische und neuere Literatur. Als Nachfolger seines Bruders wird er 1834 Oberlandesgerichtspräsident in Frankfurt/Oder. Wegen seiner Berufung in die Savignysche Gesetzgebungskommission erhält er 1842 seine Ernennung zum Staatsrat. Im Jahr 1844 wird er zum Präsidenten des Oberlandes- und Appellationsgerichtes in Magdeburg befördert, ein Amt, das er bis 1874 innehaben sollte, als er um seinen Abschied einreichte, weil er wegen Beleidigung Bismarcks in seiner letzten politischen Streitschrift zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Objektivität und unbeugsamer Gerechtigkeitssinn zeichneten den Juristen Gerlach aus. Beim Ausbruch der Revolution begann er mit organisatorischem Talent die Sammlung der konservativen Kräfte und gründete als ihr Sprachrohr 1848 die Neue Preußische Zeitung, die meist nur Kreuzzeitung genannt wurde. Als Haupt der äußersten Rechten wirkte Ludwig von Gerlach lange Jahre als Fraktionsführer der Konservativen Partei Preußens für seine »kleine, aber mächtige Partei«. Allerdings sollte man die Begriffe »Fraktion« und »Partei« nicht im heutigen Sinne geschlossener Organisationen verstehen, dergleichen gab es damals in den Parlamenten noch nicht. Ludwig war 1849 in der Ersten Kammer, 1850 im Unionsparlament und, historisch am bedeutsamsten, 1851-

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1858 im Abgeordnetenhaus für die konservative Sache tätig. Bei Regierungsumbildungen wurde Ludwig von Gerlach mehrmals als Minister, einmal sogar als Ministerpräsident vorgeschlagen, aber es kam zu keiner Ernennung durch den König. Zwar wäre Ludwig der Verantwortung für solche Ämter nicht ausgewichen, aber er drängte sich nicht vor. Er sah seine eigentliche Aufgabe als Organisator und Vordenker der Konservativen im Landtag und hätte damals mit der Übernahme eines Staatsamtes auf diese Rolle verzichten müssen. Der Verlust seines Abgeordnetenmandats bei der Wahl von 1858 bedeutete praktisch sein Ausscheiden aus der aktiven Politik. Aber durch seine ausgedehnte publizistische Tätigkeit blieb er weiterhin einflußreich und der große alte Mann der preußischen Hochkonservativen. Bismarck unterstützte er während der Konfliktzeit mit dem Parlament durch ein juristisches Gutachten, das den Streit mit den Liberalen verschärfte. Zur »großen Gewissenserprobung« wurde für ihn der Verzicht Bismarcks auf eine wirkliche Rechtslösung während des Krieges gegen Dänemark. Zum endgültigen Bruch Gerlachs mit Bismarck kam es 1866 wegen dessen Kriegspolitik gegen Österreich. Der Krieg schien Gerlach gegen den Sinn der deutschen Geschichte geführt. Als Verrat aller bisherigen Grundsätze konservativer legitimistischer Politik verurteilte er die Annexionen Hannovers, Kurhessens, Nassaus und der freien Stadt Frankfurt durch Preußen. Zwar gelang es Bismarck rasch, seinen gefährlichen Kritiker zu isolieren, indem seine Anhänger ihm weitere Veröffentlichungen in der Kreuzzeitung und der evangelischen Kirchenzeitung unmöglich machten, aber der beginnende Kulturkampf führte Gerlach, der in vielem mehr ein Mann der Kirche als des Staates war, in die politische Arena zurück. Als aufrichtiger Freund der katholischen Kirche schloß sich der politisch heimatlos gewordene Lutheraner im Kampf für die gemeinsame Sache aller Konfessionen gegen den Omnipotenzanspruch des Staates als Hospitant dem Zentrum an. Der Unermüdliche erkämpfte sich im hohen Alter noch 1873 ein Mandat im preußischen Landtag und 1877 sogar ein solches im Reichstag. Am 18. Februar 1877 erlag Ludwig einem Schlaganfall, nachdem er wenige Tage zuvor bei einem Unfall von einem Postwagen überrollt worden war. Mit seinem für die Zeitgenossen überraschenden Tod endete das Leben eines Mannes, der zu den bedeutendsten Politikergestalten aus der Frühzeit des Parteiwesens zählt und schon damals als das lebende Denkmal seiner selbst, als unverwüstliches Überbleibsel einer schon längst abgelaufenen Epoche betrachtet wurde.

Eine Veröffentlichung aus den Originaltagebüchern Ludwig von Gerlachs mußte für die innere Geschichte der preußischen Hochkonservativen reichlichen Aufschluß liefern. Zwar hatte Jakob von Gerlach, ein Neffe Ludwigs, über seinen Onkel 1903 die zweibändigen Aufzeichnungen aus seinem Leben und Wirken 1795-1877 veröffentlicht, allein er benutzte dazu, wie sich herausstellen sollte, nicht die Originaltagebücher. Auf Drängen seiner Neffen und Nichten führte Ludwig von 1867 an die von Leopold begonnene »Familiengeschichte«

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weiter. Als Unterlagen dazu zog er neben Briefen, Zeitungsausschnitten, Broschüren, Kammerreden seine eigenen Tagebücher und die seines Bruders Leopold heran. Ausschließlich aus dieser für den privaten Gebrauch gedachten Familiengeschichte filterte nun Jakob seine Aufzeichnungen heraus. Dabei nahm er verständlicherweise taktvoll Rücksicht auf Empfindlichkeiten seiner Zeitgenossen in der Auswahl und gelegentlichen Überarbeitung des Veröffentlichten. Heraus kam ein mehrfach gefiltertes und gebrochenes Endprodukt, welches vom Charakter und Tenor der Originaltagebücher nicht unerheblich abweicht. Noch viel schlimmer steht es in dieser Beziehung um die von Leopolds Tochter Agnes 1891-1892 veröffentlichten Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Generals Leopold von Gerlach. Sie benützte zwar Briefe und Tagebücher ihres Vater, glättete aber den Inhalt in solcher Weise, daß sie Leopolds ursprüngliche Diktion bis zur Dürre milderte. Vor allem ein Vergleich der im Gerlacharchiv noch vorhandenen Teile des Briefwechsels zwischen Ludwig und Leopold, die jetzt das Kernstück von Diwalds »Dokumentenband« ausmachen, mit den Parallelstellen der Denkwürdigkeiten zeigt dies unmißverständlich deutlich. Die Originaltagebücher Leopolds gingen während des 2. Weltkriegs verloren. Der historische Wert der Tagebücher Ludwigs für die Aufklärung vieler geschichtlicher Vorgänge ist dadurch nur um so größer geworden. Ludwig führte von Juni 1815 bis zu seinem Tod im Februar 1877 ununterbrochen Tagebuch. Davon blieben bis heute neun Bände erhalten. Die einzige größere Lücke von Oktober 1819 bis Juli 1825 wurde wahrscheinlich durch den Verlust eines Bandes verursacht. Für sein Tagebuch benutzte Ludwig buchmäßig ausgestattete Hefte im Oktavformat mit vorzüglichem Papier im Umfang von 200 bis 300 Blatt, die er beidseitig mit engzeiliger Schrift beschrieb. Über die Lesbarkeit der Handschrift Ludwigs schreibt Diwald andeutend: »Die Handschrift Ludwigs ist sehr eng, wirkt auf den ersten Blick klar, ist aber deshalb doch nicht leicht lesbar; in späteren Jahren gewinnt sie an Deutlichkeit.«1 Die Entzifferung der Tagebücher wird zusätzlich durch ihre abgekürzte, stich wortartige, verschlüsselte Redeweise erschwert, sowie durch ihre nur für den Verfasser selbst bestimmten Abkürzungen und obendrein durch die vielen fremdsprachigen Zitate ausländischer Tageszeitungen. Für die Tagebuchausgabe in seinem ersten Band mußte Diwald 1435 beschwerliche Tagebuchseiten durcharbeiten, für den anschließenden Dokumentenband neben unveröffentlichten Denkschriften und Aufzeichnungen 4500 Briefe zum fraglichen Zeitraum, von denen Diwald zum Schluß 776 zur Publikation auswählte. Der kurze Stoßseufzer, der Hellmut Diwald in seinem Vorwort entschlüpfte, hält die Beschwerlichkeit des ganzen Unterfangens fest: »Nur wer die Fülle der Gerlachschen Nachlaßpapiere und die Nöte ihrer Entzifferung kennt, kann ermessen, welch mühsame Kleinarbeit mit einer derartigen Edition verbunden ist.« 2 In langen Diskussionen mit Hans Joachim Schoeps und Gerhard Ritter ließ sich Hellmut Diwald darauf festlegen, nur eine Jakob von Gerlachs Aufzeichnungen ergänzende Auswahl aus den Tage-

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büchern Ludwig von Gerlachs zu treffen. Diwald hätte es jedoch vorgezogen, sämtliche politischen Einträge für den Zeitraum 1848-1866 geschlossen zu veröffentlichen. Für den wissenschaftlichen Gebrauchswert von Diwalds Edition wäre die umfangreichere Fassung besser gewesen, da Jakob von Gerlachs Aufzeichnungen in vielen Universitätsbibliotheken fehlen.

Durch seine intensive Beschäftigung mit Ludwig von Gerlach gelangte Hellmut Diwald zu einer geschichtlichen Neueinschätzung der Gerlachbrüder und ihres Kreises. Das Bild des Doktrinärs und verbohrten Theoretikers Ludwig wird von ihm in seiner ausführlichen Einleitung als liberales Klischeebild zurückgewiesen. Auch die übliche Vorstellung, Ludwig von Gerlach wäre im eigentlichen Sinne gar kein politischer Kopf gewesen, findet bei Diwald keine Gnade. Das außerordentliche politische Gespür Gerlachs wird durch seine Leistungen bewiesen. Dazu zählt vor allem sein Sinn für die Notwendigkeit des Aufbaus eines konservativen Pressewesens. Das von seinem Bruder Wilhelm 1831 mitbegründete Berliner Politische Wochenblatt war schon zehn Jahre später wieder zum Erliegen gekommen. Ein von Ludwig mit Bismarck zusammen 1847 unternommener Versuch, ein eigenes Presseorgan zu schaffen, endete erfolglos. So stand man bei der Revolution 1848 ohne ein eigenes politisches Blatt da. Allein der Hartnäckigkeit Ludwig von Gerlachs war es zu verdanken, daß schon im Frühjahr dieses Jahres die Kreuzzeitung erscheinen konnte. Der als Geldgeber unentbehrliche Graf Voß glaubte anfangs nur an die Marktchance eines Wochenblatts im Umfang von gerade einem Bogen, aber Ludwig setzte sich mit einer großzügigen Planung durch. In den folgenden Jahren wurde Ludwig von Gerlach zum »Rundschauer«, da er von 1848 bis 1853 monatlich, bis 1857 vierteljährlich und bis 1866 zum Jahresbeginn in der Kreuzzeitung eine »Rundschau« als politische Leitlinie für die Konservativen veröffentlichte. Daneben wandte er sich noch mit separaten Broschüren an das Volk, die später die einzige ihm noch verbliebene publizistische Waffe werden sollten. Die Rolle der Gerlachs in der »Kamerilla« war um so geheimnisumwitterter gewesen, je weniger man davon tatsächlich wußte. Die Tagebücher Ludwigs sind das getreue Journal der Kamarilla, in denen alle internen Ereignisse festgehalten wurden. Auf sie gestützt, kann Diwald das selbst von angesehenen Experten für Verfassungsgeschichte behauptete ständige Drängen der Gerlachbrüder zum Staatsstreich in das Reich der Legenden verweisen. Das Gegenteil ist der Fall. Unentwegt warnte Ludwig von Gerlach auch während der Konfliktzeit alle Anhänger absolutistischer Lösungen vor einem Bruch der einmal beschworenen Verfassung. Die eigentliche Arbeit der Kamarilla endete bereits mit der Einsetzung des Ministeriums Brandenburg und kam daraufhin allmählich zum Erliegen. Von unverantwortlicher Tätigkeit oder gar Kontrolle der Regierung über Jahre hinweg darf deshalb unter keinen Umständen geredet werden. Das Bild eines schwachen Friedrich Wilhelm IV. korrigiert Diwald ebenfalls. Sicherlich war Friedrich Wilhelm IV. kein besonders entscheidungsfreudiger Monarch. Er

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beriet sich mit vielen unterschiedlich denkenden Ratgebern, bevor er seine eigenen Entscheidungen traf. An diesen hielt er dann allerdings hartnäckig fest, ohne sich noch viel hineinreden zu lassen. Ein leichtes Opfer für die Einflüsterung einer Kamarilla war der König jedenfalls nicht.

Die politische Haltung Ludwig von Gerlachs ist für den heutigen Menschen nicht leicht zu verstehen. Sie wurzelt in einem manchmal befremdlich intensiven christlichen Glauben. Das Reich Gottes war für Gerlach nichts Transzendentes, sondern die greifbare Wirklichkeit von Gott gesetzter Ordnungen auf Erden. Diese Idee der Realität des Königreiches Gottes läßt ihn auch den Staat nicht außerhalb der göttlichen Sphäre denken. Der christliche Staat soll mit der Kirche zusammen an der Formung des Gottesreiches wirken. Die Bekanntschaft mit der Staatslehre von Haller war für Ludwig und seine Brüder zwar das entscheidende Bildungserlebnis auf politischem Gebiet, mischte sich aber mit dem Christentum zu etwas eigenständig Neuem. Der organisch gegliederte ständische Staat und die gottgewollte christliche Monarchie waren das staatliche Ideal der Gerlachs. Sie versuchten, ein ständisch gedachtes Repräsentativsystem mit dem Konstitutionsprinzip zu verbinden. Absolutismus und Pressezensur lehnten sie ab, wie sie überhaupt manchem liberalen Gedankengut aufgeschlossener gegenüberstanden, als man bisher dachte. Der Vereinigte Landtag von 1847 entsprach ihrem Geschmack, die Verfassung von 1850 weniger. Doch sollte man nicht übersehen, daß Ludwig im Alter einen Antrag der Zentrumsfraktion im preußischen Landtag auf Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts unterstützte, mit dem er sich nie recht hatte anfreunden können.

Die Beziehungen Bismarcks zu Ludwig von Gerlach waren nie völlig spannungsfrei gewesen. Sie hatten sich 1845 in Trieglaff, dem Landgut von Ludwigs pietistischem Jugendfreund Adolf von Thadden, kennengelernt. Die gegenseitigen Beziehungen gestalteten sich nicht nur politisch eng. Es überrascht nicht, wenn man etwa »Onkel Ludwig« als Taufpaten für Bismarcks Sohn Herbert findet. Die Unterstützung Bismarcks fiel Ludwig moralisch ab 1862 zunehmend schwerer. Ihr Zerwürfnis wurde allen sichtbar, als Ludwig von Gerlach in der Kreuzzeitung am 8. Mai 1866 einen Artikel »Krieg und Bundesreform« veröffentlichte, in dem er sich strikt gegen einen Krieg mit Österreich aussprach. Die Reichsgründung Bismarcks wurde von Gerlach negativ bewertet. Auf der Zertrümmerung geheiligter Rechtsverhältnisse und der widerrechtlichen Annexion fremden Besitztums konnte seiner Ansicht nach kein Segen liegen. Ein Viertel des deutschen Ländergebietes war nun abgetrennt, Österreich nach ihm der Slawisierung und Magyarisierung ausgeliefert. Der Kulturkampf zeigte seiner Ansicht nach die Zerstörung der auf der Reichsidee aufbauenden konservativen Staatsgesinnung durch Bismarck auf. Mit seiner Kritik stand Ludwig damals nicht allein. Zu Recht schreibt Diwald: »Der in Magdeburg grollende, von allen verlassene, von niemand beachtete, absolut vereinsamte, eisgraue Ludwig von Gerlach ist eine Legende.« 3

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Hellmut Diwald war der letzte große wissenschaftliche Vertreter der preußisch-deutschnationalen Historikerschule. Doch nichts wäre verfehlter, als ihn als Nachfolger der Sybel und Treitschke zu betrachten, welche die preußische Territorialgeschichte zur Ersatznationalgeschichte hochstilisierten, bis zuletzt die Geschichte ganz Deutschlands, ja die Europas sich in aller Bescheidenheit um Preußen zu drehen begann. Diwald öffnet sich weit der Weltgeschichte. Hier gibt es nichts an provinzieller Enge. Diwald stand schöpferisch in den Traditionen der deutschnationalen Geschichtsschreibung, während seine Gegner diese meist nur anders bewerteten und damit auf unbewußte Weise der von ihnen gerügten Tradition noch viel mehr verhaftet blieben. Verneinung und moralische Disqualifizierung bedeuteten noch lange keine neue Geschichtsschreibung, wie man sie nach dem Zweiten Weltkrieg erstrebte. Eine Sichtung und Neuinterpretation der deutschen Geschichte, wie sie nach 1945 fällig geworden war, unterblieb bei den Umerziehungshistorikern in Ermangelung eines eigenen festen Halts auf dem Boden der sogenannten Tatsachen. So begnügten sie sich mit der Anschwärzung und Kriminalisierung jener geschichtlichen Gestalten, die sie eben noch als Symbole allen Deutschtums eifrigst gefeiert hatten. Von Martin Luther über Friedrich den Großen bis zu Bismarck blieb kaum jemand verschont, auch wenn man daneben gnädig auf Vertreter des sogenannten guten Deutschlands hinwies, die historisch mit ihren fortschrittlichen Zielen leider nicht zur Wirksamkeit gekommen wären. Die ganze deutsche Geschichte verwandelte sich unter der Hand jener beflissenen Historiker und »Volkspädagogen« in eine finstere Verschwörung gegen Frieden, Recht und Freiheit. Das Ergebnis war nur eine ungenießbar gewordene Abart der Geschichtsschreibung, die dem deutschen Volk keine Hilfe zur erneuten Selbstfindung gewähren konnte, sondern selbst Ausdruck einer tiefen Identitätskrise war.

Dagegen wandte sich nun Hellmut Diwald, indem er in voller Klarheit und erstaunlicher Unbefangenheit an die alten Traditionen wieder anknüpfte. Daß es sich dabei in solchem Ausmaß um preußische handelte, war Diwald nicht an der Wiege gesungen worden. Er wurde am 13. August 1929 im südmährischen Schattau als Sohn einer tschechischen Mutter und eines deutschen Vaters geboren und verbrachte Teile seiner Jugend in Prag. So bewußt Diwald als Zeuge der damaligen schrecklichen Ereignisse sich sein Leben lang als Heimatvertriebener fühlte, war er doch noch jung genug, vom Geist seiner neuen mittelfränkischen Heimat geprägt zu werden. Vor allem sein Leben in der Universitätsstadt Erlangen mit ihrer hugenottischen Tradition und der von den Hohenzollern im 18. Jahrhundert gegründeten protestantischen Universität beeinflußte ihn tief. Hier war auch der Ort, an dem sich sein Lehrmeister, der aus dem Exil zurückgekehrte Jude Hans Joachim Schoeps, geistig mehr zu Hause fühlen konnte als irgendwo sonst im Westen Deutschlands. Diese merkwürdigen Verknüpfungen persönlicher Lebensumstände führten nun den süddeutschen Katholiken Diwald auf die Bahn preußisch-

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protestantischer deutschnationaler Geschichtsschreibung. Doch bleibt hier für den aufmerksamen Leser vieles nur an der Oberfläche, da unterschwellig bei Hellmut Diwald immer auch die reichische Tradition, die alte Kaiserüberlieferung, mitschwingt und oft genug sogar beherrschend wird. Mit Diwald schließt das Kapitel der deutschnationalen Geschichtsschreibung in versöhnlicher Art, weil er ihr viel von der alten Frontstellung gegen die reichische nahm.

In Ludwig von Gerlach sieht Diwald den christlich-konservativen moralischen Protest gegen die letztlich alternativlose Realpolitik Bismarcks: »Der Historiker kann nicht anders als konstatieren, daß sich damals im Streben nach nationaler Einheit mithilfe einer großen Machterhebung Preußens der unwiderstehliche ›Zug der Zeit‹ offenbarte und daß dieses Streben praktisch nur auf dem Wege Bismarcks, d. h. der gewaltsamen Beseitigung des deutschen Dualismus und der Begründung eines ›kleindeutschen‹ Reiches seine Erfüllung finden konnte und gefunden hat. Aber die Gewaltsamkeit dieses Vorgehens rief notwendig den Protest eines religiös begründeten, hochkonservativen Rechtsbewußtseins wach, wie es in erlach echter und tiefer lebendig war als in den meisten seiner Parteigenossen. Ihn und sie schied also eine ganze Welt von Prinzipien: eine grundsätzlich verschiedene Art des Patriotismus. Ludwig von Gerlach war kein ›Patriot‹ im Sinne der liberalnationalen Epoche, sondern Christlicher Konservativer sehr archaischen Stils.« 4 Seine Einschätzung Gerlachs teilt Diwald wohl mit den meisten Historikern Deutschlands. Wie die anderen Bismarckgegner der damaligen Zeit argumentierte auch Ludwig von Gerlach primär moralisch. Sie taten dies um so mehr, als sie Bismarck an der Ausführung seiner Pläne hindern oder seine Maßnahmen, etwa die staatlichen Annexionen ehemaliger Bundesmitglieder, teilweise rückgängig machen wollten. Und doch war ihr Protest von einer genuin politischen Art. Kann man Bismarcks Durchschlagen des deutschen gordischen Knotens wirklich als eine politisch notwendige Handlung betrachten?

Der eifrige Preußenverehrer Oswald Spengler urteilt noch 1933 vorsichtig: »Wirklich werten läßt sich ein Ereignis erst, wenn es ferne Vergangenheit ist und die endgültigen Erfolge oder Mißerfolge längst Tatsachen geworden sind, also nach Jahrzehnten. Ein reifes Verständnis Napoleons war nicht vor dem Ende des vorigen Jahrhunderts möglich. Über Bismarck können selbst wir noch keine abschließende Meinung haben. Nur Tatsachen stehen fest, Urteile schwanken und wechseln.« 5 Bismarcks staatliche Schöpfung hat ihre Bewährungsprobe nicht bestanden. Mehr an Grund bedarf es eigentlich nicht, um zu ihr auf fragende Distanz zu gehen. Weshalb wurde der imponierende Staat Bismarcks nicht zum Garanten einer glücklichen deutschen Zukunft? Um es gleich vorwegzunehmen, das preußische Kaiserreich wurde Opfer seiner übermächtigen äußeren Feinde.

Den Deutschen wurde von aufmerksamen Zeitbeobachtern schon Mitte des 19. Jahrhunderts die politische Zerreißung ihres Lebensraumes zwischen den

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expansiven Mächten der Angelsachsen im Westen und Rußlands im Osten vorhergesagt. Wenn etwa Karl Marx schon damals vor der Stettin-Triest-Linie als der angestrebten Westgrenze eines großslawischen Reiches warnte, war dies keine prophetische Hellseherei, sondern schlichtes Ernstnehmen einer schon damals von Panslawisten heftig erhobenen Forderung. Der brüchige Deutsche Bund war solchen in der Zukunft liegenden Gefahren nicht mehr gewachsen, eine Bundesreform wurde damit unumgänglich. Bismarck zerschlug aus preußischem Eigennutz jeden Ansatz dazu und erfüllte langfristig die bangen Ahnungen des alten Metternich, der kurz vor seinem Tod noch die gewaltsame Errichtung eines kleindeutschen Nationalstaates unter Annektierung der norddeutschen Staaten vorausgesagt hatte und als unvermeidliche Endkonsequenz des hierzu notwendigen preußischen Bündnisses mit dem Liberalismus die Umwandlung des neuen Staates in eine Republik prophezeite. Er selbst freilich hatte mit seiner Politik Bismarck überhaupt erst den Weg geebnet. Es war Metternichs Versäumnis am Wiener Kongreß, wenigstens formell das alte Reich mit Kaisertitel, Reichstag und Reichsgericht wiederzubegründen, das Österreichs Führungsstellung in Deutschland zerstörte und den Deutschen Bund für so viele Deutsche innerlich unannehmbar machte. Dazu kam die törichte starre Verfolgungspolitik aller liberalen und nationalen Strömungen in Mitteleuropa, obwohl gerade damals, zur Zeit der Romantik, ein Großteil der konstitutionellen Forderungen noch mit erzkonservativen Ständeparlamenten berufsständischer Art aufzufangen gewesen wäre, und mit vergleichsweise harmlosen Maßnahmen, wie gesonderten Königskrönungen und vorsichtiger Aufgliederung des Staates nach nationalen Gesichtspunkten, selbst der beginnende Nationalismus des Vielvölkerstaates noch in Schach zu halten gewesen wäre. Anstatt Österreich zum Zentrum deutscher und selbst italienischer nationaler Hoffnungen zu machen, verwandelte es Metternich zum Gegner und zukünftigen Opfer aller Völker.

Die nach der Zäsur von 1866 erreichte kleindeutsche Lösung trug genug Geburtsfehler in sich, die Bismarck durch seine Amtsführung als Kanzler noch um ein beträchtliches vermehrte. Die konservativen Parteiströmungen Preußens nahmen durch Bismarck verheerenden Schaden. Der Versuch Ludwig von Gerlachs, auf der Basis der protestantischen Konfession eine konservative Volkspartei zu gründen, wurde regelrecht fortgespült. Das Verhältnis der protestantischen Konservativen zum katholischen Zentrum, einem natürlichen Bundesgenossen, trübte sich durch den völlig sinnlosen »Kulturkampf« mit seiner Reichsfeindpropaganda ein. Dadurch erhielten die antimonarchischen jakobinischen Strömungen im rheinländischen politischen Katholizismus eine verhängnisvolle Stärkung. Lediglich erbitternd wirkten ebenfalls die Unterdrückungsmaßnahmen der »Sozialistengesetze«, zu denen Bismarck griff, ohne vorher den Versuch unternommen zu haben, den Flügel der preußisch eingefärbten Lassalleaner gegen den der internationalen Marxisten innerhalb der SPD auszuspielen. Überhaupt mußten die Parteien draußen vor

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der Türe zur Regierungsverantwortung bleiben, da Bismarck nicht einmal ausnahmsweise aus ihren Reihen Minister ins Kabinett holte. So blieb in logischer Folge der deutsche Parlamentarismus geistig dem sterilen Horizont einer geräuschvollen Daueropposition verhaftet und tatsächlich zu jeder wirklichen Regierungsverantwortung unfähig. So zimmerte Bismarck selbst die große Parteienkoalition von 1918 zusammen, welche die Monarchen stürzte und eine bürgerliche Republik im allerungeeignetsten Augenblick errichtete. Das totale Versagen war geradezu vorprogrammiert. Die unrühmliche und sinnlose Revolution von 1918 war der entscheidende Bruch mit der deutschen Tradition, ohne den das Jahr 1933 nicht möglich gewesen wäre, jene innere Vollendung der Revolution, die sich mit einem letzten blinden Aufbegehren der Mentalität des Bismarckreiches verband.

Steht es nun um die innenpolitische Erfolgsbilanz Bismarcks schlecht, so verhält es sich in der außenpolitischen nicht viel anders. Der unabsichtlich geförderte Zerfall Österreichs untergrub die Stellung des deutschen Volkes im südlichen Mitteleuropa. Im Norden wogen der Verlust der ehemaligen Bundesmitglieder Niederlande und Luxemburg schwer. Auch auf die Flamen Belgiens und die Schweizer konnte preußisches Wesen nur abschreckend wirken. Der Versuch, die preußische Tradition einem möglichst großen Teil des deutschen Volkes überzustülpen, führte lediglich zu einer gegenseitigen Zerstörung von Reichstradition und Preußentum, die ohne Bismarck durchaus in friedlicher Koexistenz hätten leben können, wie alle anderen regionalen Traditionen auch. Anstatt die Feindschaft Rußlands langfristig als gegeben hinzunehmen, versäumte Bismarck jedes durchaus nicht von vornherein zum Scheitern verurteilte Liebeswerben um Polen und die baltischen Völker. So stand am Schluß Bismarcks Kleindeutschland unsicherer in Mitteleuropa verankert da, als es ein reformierter Deutscher Bund je gewesen wäre.

Männer wie Ludwig von Gerlach und der von Diwald in diesem Zusammenhang vergessene Constantin Frantz sahen politisch weiter als Bismarck. Zu Recht rügte Hellmut Diwald das einhellige Verdammungsurteil der damaligen deutschnationalen Geschichtsschreibung über Gerlach, aber auch er selbst wurde ihm nicht voll gerecht. Ludwig von Gerlachs Protest gegen das neue Großpreußen Bismarcks beruht nicht nur auf moralischen Erwägungen. Hier rebelliert ebenso ein tiefer politischer Instinkt gegen fragwürdige Taten. Das Jahr 1866 war ohne Zweifel eines der großen historischen Wendejahre des deutschen Schicksals. Die Ereignisse von 1989 werden in der Geschichte des deutschen Volkes wohl ebenso auf lange Zeit einen bedeutenden Platz behaupten.

Mehr Gefahr als von innenpolitischen Problemen mit langfristiger Wirkung droht Deutschland auf dem Feld der Außenpolitik. Seitdem vor allem in Rußland die Dinge in gefährlicher Art wieder in den Fluß gekommen sind, endet die außenpolitische Schonzeit für Deutschland, die in vielen die Illusion hervorrief, etwas wie einen Ernstfall könne es nicht mehr geben. Sich gegen

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diese Einsicht mit dem Hinweis auf eine verfehlte Vergangenheit zu sträuben ergibt keinen Sinn. Je schärfer man nach dem Zweiten Weltkrieg die eigenen Traditionen als undemokratischen Irrweg, ja als gegen die Werte der abendländischen Kultur gerichteten Mißwuchs empfand, desto kritikloser sah man das angelsächsische, ja selbst das französische Vorbild leuchten. Man nahm ohne lange Fragen das suggerierte Idealbild als Realität. Ganze Generationen bundesrepublikanischer Politiker werden bis heute dadurch im historischen Denken bis zur außenpolitischen Handlungsunfähigkeit verkümmert. So und nicht anders war die Umerziehung von den freundlichen Westmächten auch gedacht. Wegen der Gefahr aus dem Osten entwickelte Churchill das Programm eines wirtschaftlich zufriedenen, aber politisch völlig inaktiven Zukunftdeutschlands, mit dem er sich mangels vernünftiger Alternativen bei den Westalliierten durchsetzte. Die sehr ernste Frage, ob Deutschland jedoch durch Verzicht auf eigenständiges politisches Denken und Handeln den bestmöglichen Beitrag zum Schicksal Europas leisten kann, läßt sich ohne realistischen Blick auf unsere politische Lage nicht beantworten.

Sehr bedeutsam für unsere Zukunft wird das oft übersehene Spannungsverhältnis von Europäischer Union und Vereinigten Staaten werden. Von der im Zweiten Weltkrieg erreichten militärischen Festsetzung in einer strategischen Schlüsselposition wie Deutschland wollen die Amerikaner begreiflicherweise nicht lassen. Selbst ein wirkliches Aufhören der russischen Bedrohung könnte sie schwerlich dazu animieren. Freunde eines vereinigten Europas sind sie jedenfalls nur rein verbal. Sie haben es nicht eilig damit, eine Entwicklung zu fördern, die sie mit Gefühlen des Überflüssigwerdens der eigenen Macht quält. Wirtschaftspolitisch legte sich Washington nach heftigen Diskussionen auf eine technologische Niederringung Europas mit Hilfe Asiens fest, außenpolitisch auf eine Verzögerungstaktik, um ungeliebte Maßnahmen möglichst lang hinauszuschieben oder vielleicht überhaupt zu umgehen. Das Freiwerden der Staaten des östlichen Mitteleuropas bietet jedenfalls zum ersten Mal seit Gründung der NATO die Chance, einen Angriff aus dem Osten mit konventionellen Waffen zurückzuschlagen, was vorher schon aus rein strategischen Gründen der Lage so gut wie unmöglich war. Aber eine solche Osterweiterung der NATO hätte eine zumindest teilweise Emanzipation vom amerikanischen atomaren Schutzschirm zur Folge und damit eine Minderung amerikanischen Einflusses in Europa. So spielt man trotz der bedrohlichen Lage in Rußland auf Zeit und nebenbei bedenkenlos auch mit dem Leben der europäischen Zivilbevölkerung. Das Risiko, eine vielleicht einmalige Chance für Europa zu versäumen, ist jedenfalls gegeben. Der durchaus konsequente deutsche Versuch, die östlichen Nachbarvölker, wenn schon nicht in die NATO, dann mit Hilfe der Franzosen doch in die WEU aufzunehmen, scheiterte am heftigen Einspruch Englands, welches seine politische Rolle lieber als amerikanisches trojanisches Pony in Europa denn als Anhängsel einer deutsch-französischen Kontinentalachse sieht.

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Ohne ein gutes Verhältnis zu unserem Nachbarland Frankreich geht in der Europäischen Union nichts voran. Um so nötiger wird wegen der schlechthin gegebenen Abhängigkeit eine realistische Einschätzung des Partners. Im Gegensatz zum zielstrebigen Halten auf reale Erfolge bei den Angelsachsen findet man hier freilich einen primär von Eitelkeit geprägten Stil, bei dem das Endergebnis wenig zählt, wenn nur das Bedürfnis nach Gloire und Revanche dabei auf seine Kosten kommt. Dem französischen Naturell liegt die Planung in die räumliche und zeitliche Ferne nicht. Dies führt zu einem bedenklichen Mangel an Gestaltungskraft in politischen Dingen. Praktisch Verwertbares fiel den Franzosen zu Europa, jedenfalls bis jetzt, trotz aller Europabegeisterung kaum ein. Es fehlt der praktische Realitätsbezug. Mit unüberbietbarer Deutlichkeit versteht Frankreich lediglich seinen Führungsanspruch in diesem Europa anzumelden. Dies sollten die Deutschen bitter ernst nehmen. Daß praktisch jeder kreative Schritt in Richtung auf einen funktionsfähigen europäischen Staatenbund den Franzosen regelrecht abgelistet werden muß, versteht sich bei den genannten Mängeln fast von selbst. Es wird viel an psychologischem Geschick auf deutscher Seite bedürfen, um das ständig drohende Mißtrauen Frankreichs zu unterlaufen. Deutschland langfristig irgendwie in eine französisch beherrschte Struktur einzubinden steht hinter allen Maßnahmen Frankreichs als Motiv; Maastricht und das Eurokorps etwa sind die Antwort auf die deutsche Wiedervereinigung.

Für die Erfordernisse eines Staatenbundes bringt das von alters her an strikten bürokratischen Zentralismus gewöhnte Frankreich kein richtiges Verständnis auf. Die Brüsseler Bürokratie zeigt den unfreiheitlichen, kleinlichen Stil der Pariser Verwaltung, welche Minderheitenrechte aller Art und nach unten delegierte Verantwortung nicht kennt, noch kennen will. Die heutige Europamüdigkeit liegt so wesentlich in der Vormacht des französischen Beamtentums in Brüssel begründet. Hier korrigierend einzugreifen sollte dem deutschen Volk, dessen staatliche Form immer die von halb souveränen Einzelstaaten gewesen war, eine geradezu auf den Leib geschneiderte Aufgabe sein. Keine andere Nation Europas hat in diesen Dingen auch nur halb soviel Erfahrung sammeln können wie wir Deutschen. Um diesen Schatz an Erfahrungen nutzen zu können, müssen wir ihn aber vorurteilslos reaktivieren. Das wirklich Wichtige muß erkannt, der erste Schritt immer vor dem zweiten unternommen werden. Die zusammenhaltende Wirkung, die vom Kaisertum noch beinahe bis zum Schluß des Heiligen Römischen Reiches ausging, sollte nicht außer Betracht bleiben. Hier, allen Widerständen zum Trotz, geistig anzuregen und umsichtig handelnd voranzugehen, kann den Deutschen als Aufgabe niemand abnehmen.

Weder von den romanischen Nationen Europas, bei denen inzwischen stellenweise spätantike und halborientalische Züge der Unterschichten mit all ihrer Kurzsichtigkeit, Korruption und Lethargie durchzuschlagen beginnen, noch von unseren germanischen Nachbarvölkern, die sich in einem gemein-

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schaftsfeindlichen Egoismus gefallen, noch von den eben erst dem Panslawismus entwachsenen neurotischen »Raubsicherungsstaaten« des abendländischen Westslawentums kann an geistigen und moralischen Reserven für den Aufbau eines Vereinigten Europas viel erwartet werden. Die Last der Verantwortung bleibt also beim schwer angeschlagenen deutschen Volk hängen. Ein »Europa«, in dem man wohlig passiv aufgehen könnte, gibt es nicht; es muß mit Hilfe alter deutscher Traditionen erst noch geschaffen werden, oder es wird niemals sein. Es geht heute nicht mehr um das Sein oder Nichtsein unseres geschundenen Vaterlandes, sondern um die Existenz der abendländischen Völker schlechthin.

Aktives Handeln aber fordert Selbstbewußtsein, ohne das es schlichtweg nicht stattfinden kann: Selbstbewußtsein im Sinne einer eigenen Identität, eines Wissens um die eigenen Ziele und eines standhaften Mutes, diese auch gegen Widerstände zu realisieren. Es ist letztlich die politische Sorge, die Hellmut Diwald seinen entsagungsvollen Kampf um die Rückgewinnung nationaler Würde und Ehre, sowie eine erneute deutsche Selbstfindung führen ließ, weil es ». . . ohne Geschichtsbewußtsein weder eine soziokulturelle noch politische Selbstbehauptung gibt«. 6 Eine kritische Prüfung unserer nationalen Werte läßt nach ihm das auch in Zukunft Brauchbare an unseren Traditionen hervortreten. So sieht Diwald in der alten Reichsidee noch immer das Fundament jeder europäischen Zukunft: »Das Europa der Gegenwart ist der glaubenslos gewordene Nachfahre des Abendlandes. Mit EG-Richtlinien und Agrarausgleich läßt sich im Europa der kommenden Jahrzehnte weder eine politische noch eine geistige Ordnung realisieren. Die einzigen Chancen, die dazu bestehen, verbinden sich mit denjenigen Konstanten der Reichsidee, die selbst den gewaltigen Druck des Nationalitätsrechtes ausgehalten haben: Universalität, Ordnung als äußerer und innerer Friede, Recht, Kontinuität, Gemeinsamkeit auf dem Fundament bindender Normen.« 7

Diwalds Bemühungen um eine neue, realitätsgerechtere Betrachtung der deutschen Geschichte wurde ihm mit einer Hetzjagd vergolten, die bezeichnenderweise ein perfekt umerzogener ehemaliger SS-Obersturmführer 1978 im Spiegel eröffnete. Zu vielen in unserem Land paßte die ganze Richtung Diwalds nicht mehr. Die brutalen Angriffe führten dazu, daß sich Diwald immer mehr als ein bewußt politischer Autor fühlte und handelte. Vieles, worüber er schrieb, kann man geschichtlich auch anders interpretieren. Die Grenzen der Fairneß brauchen deshalb in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung noch lange nicht verletzt zu werden, wie dies Diwald gegenüber immer wieder selbst von »wissenschaftlicher Seite« her geschah. »Historische Analyse ohne Rücksicht auf das, was heutzutage bei uns entweder als opportun oder allgemeinpolitisch wünschenswert angesehen wird, ist mit den unerfreulichsten Risiken verbunden. Kann man sie umgehen, kann man sich den Heckenschützen der Niedertracht entziehen? Ja soll man sich ihnen entziehen? Die Antwort muß jeder allein und für sich geben, und keine dieser

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Antworten wird für einen anderen verbindlich sein.« 8 Hellmut Diwald traf seine Wahl und wurde damit erst zu dem Mann, zu dessen Ehre dieses Buch erscheint.

Dank Männer wie Diwald haben wir heute einen viel freieren Blick auf die historischen Ereignisse gewonnen. Die Geschichtsklitterungen der Nachkriegszeit beginnen zusammenzubrechen. Selbst von einer deutschen Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg kann heute wissenschaftlich nicht mehr gesprochen werden. Wir wissen nunmehr, daß die deutschen Truppen 1941 einem russischen Angriff nur um vierzehn Tage zuvorgekommen waren. Das Buch von Viktor Suworow Der Eisbrecher. Hitler in Stalins Kalkül 9 beseitigte die letzten Unklarheiten darüber. Stalins Handlungsweise 1939 hatte demnach keinen anderen Sinn, als einen Weltkrieg auszulösen, um als lachender Dritter später beide Kampfparteien zu übertölpeln. Auch auf das Jahr 1938 fällt neues Licht. Stalin war sehr wohl dazu bereit, in einen Krieg einzutreten, falls einige für ihn wesentliche Punkte zu arrangieren gewesen wären, vor allem die Möglichkeit, Deutschland und Polen zur gleichen Zeit den Krieg zu erklären und eine Gelegenheit, die alte tschechoslowakische Regierung unmittelbar nach Kriegsbeginn durch kommunistischen Staatstreich absetzen und eine neue in der Ostslowakei etablieren zu können. Die nachgiebige Haltung Londons machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Als dritter Handlungsstrang steht daneben das Angebot Ludwig Becks an die englische Regierung, Hitler im Auftrag des deutschen Generalstabes ermorden zu lassen, verbunden mit der Aufforderung an Benesch, hart zu bleiben. In England lehnte man vor allem deshalb dankend ab, weil man davon eine zu große Festigung der deutschen Macht befürchtete: eine Haltung, die sich später erst recht nicht mehr änderte und den deutschen Widerstand mit voller Absicht um jede Erfolgschance bringen sollte. Das geheime Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt wurde Washington aus der deutschen Botschaft in Moskau binnen eines Tages zugespielt. Warum informierten die Amerikaner ohne Zeitverlust London, die Engländer aber mit Vorbedacht nicht die polnische Regierung, die es doch am allermeisten anging? Man wollte eben in London damals nicht die polnische Kriegsbegeisterung durch Hiobsnachrichten trüben, die zu einer Wiederaufnahme von Verhandlungen und zu einer Vertagung des Krieges hätten führen können. Rußland glaubte man später immer noch auf die eigene Seite herüberziehen zu können und hielt es im übrigen für militärisch weitgehend bedeutungslos, wie der Briefwechsel Churchills mit Generalissimus Franco 1943 verdeutlicht, worin Churchill behauptete, nach dem Kriegsende werde England die bei weitem stärkste Macht in Europa sein und die Friedensbedingungen bestimmen; Francos Sorgen bezüglich Rußlands seien überflüssig. Es lag nicht an Churchill, wenn seine Kriegsvorbereitungen 1940 gegen Rußland nicht zum Tragen kamen. Diese Fehleinschätzung erklärt neben der grausamen Ermordung des polnischen Exilpräsidenten Sikorski auch den Mordanschlag Churchills auf Gene-

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ral de Gaulle 10, der ohne den Wunsch, Frankreich eher als besetztes Gebiet denn als gleichberechtigte Siegermacht zu behandeln, völlig unverständlich wäre. Nicht viel moralischer und schon gar nicht klüger war Präsident Roosevelt, der Japan regelrecht zum Krieg zwang, die amerikanische Kriegsflotte bei Pearl Harbor dem japanischen Präventivschlag auslieferte, von dem er bis in Einzelheiten vorher unterrichtet war, da der amerikanische Geheimdienst den japanischen Code geknackt hatte, und im übrigen als wichtigstes amerikanisches Kriegsziel neben der Zerstörung und Entwaffnung Deutschlands und, falls möglich, auch Frankreichs und Polens, die völlige Auflösung des Britischen Empires sah, worüber er hinter Churchills Rücken ausführlich mit Stalin verhandelte. Anstelle Englands sollten nach Roosevelts Zukunftsvision die Russen als amerikanische Aufpasser in Europa agieren, was, wie er im Gespräch offenherzig zugab, »etwas blutig werden könnte«. Doch auch die massenhafte Ermordung finsterer reaktionärer Kräfte dient eben langfristig der sich entwickelnden liberalen Weltdemokratie - weshalb also sich darüber aufregen? Ohne Hitler wären die europäischen Staaten Ende der dreißiger Jahre wehrlos dem Angriff Stalins erlegen, die polnischen Reiterdivisionen ebenso wie ein deutsches Hunderttausend-Mann-Heer und eine veraltete französische Armee in der Maginotlinie. Der Faschismus, aus der strikten Nachahmung bolschewistischer Regierungsform entstanden, hielt den Kommunismus einige wenige Jahre auf. Ein Zeitgewinn, der historisch betrachtet, völlig vergeblich gewesen wäre, wenn nicht, gegen den »deutschen Militarismus« entwickelt, Amerika 1945 funktionsfähige Atombomben zur Verfügung gehabt hätte, deren Wirkung man stolz den Russen vorexerzierte, obwohl man schon längst von der japanischen Bereitschaft zur fast bedingungslosen Kapitulation wußte. Nur der langsam brüchig werdenden »pax atomium« ist es zu verdanken, wenn wir heute nicht irgendwo zwischen fünftem und sechstem Weltkrieg leben. Wo unsere Schönwettergefälligkeitsdemokratie dabei geblieben wäre, kann sich jeder denkende Mensch selbst ausmalen. Ganz nebenbei bemerkt, die erste wirkliche Aggression Stalins Richtung Westen war der polnisch-russische Nichtangriffspakt von 1932, der sofort zum erwünschten Erfolg, der polnischen Bitte an Frankreich, Deutschland aufzuteilen, führte. Frankreich allerdings war die Lust aufgrund der schmerzlichen Erfahrungen von 1923, als man am gleichen Vorhaben durch die Kriegsdrohungen Englands im letzten Augenblick gehindert wurde, dauerhaft vergangen. England genehmigte sogar kurze Zeit später Hitler die Wiederbewaffnung gegen Rußland, bis es während des Jahres 1938 den Kurs, Hitler gegen Stalin auszuspielen, inkonsequent aufgab, da man plötzlich die Deutschen für gefährlicher als die Russen zu erachten begann.

Das Weltbild, das sich jedem klar denkenden Historiker heute darbietet, hat mit dem der »reeducation« keine Ähnlichkeit mehr. Aus rein politischen Gründen halten Rußland, Amerika und England offiziell noch am Kartell des Lügens und Verschweigens fest. Wir Deutsche haben im Gegensatz zu ihnen

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jedoch überhaupt kein Motiv, an alten »Sprachregelungen« festzuhalten. Dennoch werden in der Bundesrepublik aus »moralischen«, »pädagogischen«, »pragmatischen« Gründen und mehr noch aus geistiger Trägheit und innerer Weltfremdheit die neuen Erkenntnisse fanatisch abgelehnt. Die Trauer und Empörung Hellmut Diwalds über viele seiner Kollegen ist leicht zu verstehen. Diwald war ein Kämpfer für Wahrheit und historische Gerechtigkeit. Dergleichen auch von seinen Gegnern zu behaupten wäre verfehlt. Im Gegensatz zu ihnen hat sich Diwald um sein Volk verdient gemacht. Fachliche Differenzen, und Hellmut Diwald gibt als ein sehr streitbarer Historiker genügend Anlaß zu Kontroversen, dürfen dies nicht vergessen machen. Der Respekt ganzer Generationen von Geschichtsstudenten und Nachwuchshistorikern wird Hellmut Diwald auf sehr lange sicher bleiben. Seine Feinde aber werden mitsamt ihrer verlogenen »Vergangenheitsbewältigung« aussterben. Die Gabe Diwalds, nachdenklich zu machen, zu hinterfragen, verkrustete Geschichtsbilder aufzubrechen, schöpferische Zweifel zu äußern, war eine außerordentliche; sein moralischer Mut, ausgefahrene Bahnen zu verlassen, verstörende Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen und an einer einmal für wahr befundenen Erkenntnis auch gegen Widerstände festzuhalten, war es nicht minder. Dafür gebührt ihm unser aller Dank.

Anmerkungen:

1. Hellmut Diwald, Von der Revolution zum Norddeutschen Bund. Ideengut und Politik der Preußischen Hochkonservativen 1848-1866. Aus dem Nachlaß von Ernst Ludwig Gerlach, Erster Teil Tagebuch 1848-1866, S. 71.

2. Ebenda, S. 7.

3. Ebenda, S. 67.

4. Ebenda, S. 70.

5. Oswald Spengler, Jahre der Entscheidung, München 1933, S. 14.

6. Hellmut Diwald, Geschichte der Deutschen, Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1978, S. 18.

7. Hellmut Diwald, Ein Querkopf braucht kein Alibi, Frankfurt/M.-Berlin l991, S. 318 f.

8. Ebenda, S. 305.

9. Viktor Suworow, Der Eisbrecher. Hitler in Stalins Kalkül, Stuttgart 1989.

10. An der Beweisführung Rolf Hochhuths zur Täterschaft Churchills kann wissenschaftlich kaum mehr gezweifelt werden.

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