CARSTEN KIESSWETTER
Vom endgültigen Niedergang der Kriegsberichterstattung in unserer Zeit

»Die Schlacht der Lügen« oder das am schlechtesten gehütete Geheimnis der Militärgeschichte

Östlich des somalischen Hafens Mogadischu zeigen sich die Umrisse eines amphibischen Fahrzeuges. Die Vorhut der Joint Task Force Somalia kommt - wie bestellt und bezahlt - zur besten Sendezeit. Als sich das amerikanische Fernsehpublikum am Dienstag, dem 8. Dezember 1992 abends, aufmunitioniert mit Bierdosen, Chips, Cola und was sonst noch für den Fernsehzimmerkrieg von Nöten ist, vor den Geräten versammelt, waten die ersten zwölf von Minenangst geplagten Elitesoldaten der US Navy an den Strand. Sie werden jedoch nicht vom Feind, sondern von den Bildmedien sehnsüchtig erwartet. Nicht marodierende Banden verfolgen sie, sondern auf Schritt und Tritt die Journaille, hochgerüstet mit Mikrophonen, Kameras, Scheinwerfern und Notizblöcken. Zum Auftakt der Operation »Wiederherstellung der Hoffnung« sieht sich die Truppe rund dreihundert Journalisten als der feindlichsten aller Kräfte in Somalia gegenüber. Gegen sie kämpfen nicht stark bewaffnete Banden, die sind bereits Tage vorher in sicherer Distanz in Deckung gegangen, sondern eine bestens informierte internationale Journalisten-Invasion. Tage zuvor hatten sie aus dem Pentagon Informationen erhalten und hatten genau an der Stelle ihre Operationszentralen aufgeschlagen, an der die schwerbewaffneten Kampfschwimmer, die »Navy Seals«, landen sollten. Die militärischen Führer vor Ort waren jedoch sehr schnell besorgt, daß die sogenannte vierte Gewalt, die von der übergeordneten Führung gezielt dorthin delegiert worden war, in der Hauptstoßrichtung herumsteht, zudem setzten die Scheinwerfer dieNachtsichtgeräte außer Gefecht. (Mir persönlich ist dies bisher nur bei Nebel, Dunst und Nieselwetter passiert, bei grellem Schweinwerferlicht setzte ich Infrarotgeräte bisher noch nicht ein. Eine neue Erfahrung, die wohl von den Auswertern und der optischen Industrie umgesetzt werden muß. )

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Der Sprecher von Verteidigungsminister Cheney, Williams, sah sich deshalb zu folgender Aussage in der nächtlichen Pressekonferenz genötigt: »Wenn ihr über ein Fußballspiel berichtet, dann postiert ihr ja eure Leute auch nicht im Strafraum, auch wenn dies der beste Beobachtungspunkt ist. Ihr bleibt vielmehr außerhalb des Spielfeldes.«

Da das Landungsmanöver eines der am schlechtesten gehüteten Geheimnisse der Militärgeschichte gewesen ist, drängt sich der Verdacht geradezu auf, daß die militärische Hilfsaktion für das von einer Hungersnot gezeichnete Somalia ein gigantisches Medienspektakel war, um das Image der USA mit einer augenfälligen Demonstration internationaler Solidarität und humanitär verbrämtem patriotischem Pathos zu stärken. Über die politischen Hintergründe, die wirtschaftlichen Verflechtungen und das Versagen der Weltgemeinschaft wurde nicht oder kaum berichtet. Die menschliche Tragik, die sich seit geraumer Zeit auf dem Balkan abspielt, ist unbeschreiblich und wird vom Westen mittlerweile weitgehendst mit Resignation oder Gleichgültigkeit betrachtet. 1

Die Weltpresse ließ zumindest zu Beginn wieder einmal jede Spur geschichtlicher Aufklärung vermissen. In der westlichen Presse ist bei der aktuellen Kriegsberichterstattung vom Balkan zu beobachten, daß in diesem von Serbien vom Zaun gebrochenen und weitgehendst zu verantwortenden Krieg Aggressoren und Angegriffene, Täter und Opfer in einen Topf geworfen werden. Auf Grund der Presseberichte aus dem Kriegsgebiet entsteht der Eindruck, am Ausbruch und an der Fortführung dieses Krieges seien alle Völkerschaften des ehemaligen ›Jugoslawiens‹ - Serben, Kroaten und Muslime - schuld. Und die Rechnung der in Desinformation gut geschulten Serben um Milosevic scheint aufzugehen. So scheint sich der deutsch-französische TV-Kanal, ich vermeide das Wort ›Kulturkanal‹, zum Sprachrohr für die serbische Propaganda und Desinformation entwickelt zu haben. Es scheint im öffentlichen Bewußtsein völlig untergegangen zu sein, daß die serbische Armee Bosnien-Herzegowina überfallen hat, und mittels permanenter Kriegsverbrechen einst blühende Kulturlandschaften bewußt zu veröden sucht. Es ist ein erbitterter Propagandafeldzug über die Ursachen, den Verlauf und die Ziele des Krieges auf dem Balkan in vollem Gang.

Auch die plötzliche Afrikahektik der Vereinten Nationen stand unter anderem mit dem Krieg auf dem Balkan in engem Zusammenhang. Die hungernden Kinder scheinen mir nur Vorwand einer geschickt eingefädelten Entlastungsoffensive für Milosevic und Konsorten zu sein. Das Waffenembargo gegen Kroatien und Bosnien sowie die Farce des Wirtschaftsboykotts gegen Serbien trägt ebenso seine Handschrift. Die serbischen Eroberungen werden de facto von Truppen der UNO zementiert. Da sich die Berichte über die serbischen Kriegsverbrechen nun doch nicht mehr ganz unterdrücken lassen, mußte eine Entlastungsfront geschaffen werden, dies hat Boutros Ghali messerscharf erkannt. Das Militärpotential der Vereinten Nationen und damit

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die Fernsehkameras der Welt wurden auf das ferne Afrika umgelenkt, denn noch sind die serbischen Kriegsziele nicht erreicht.

Die Geschichte der Kriegsberichterstattung und deren Niedergang oder: Müssen die Lügen zwangsläufig dominieren? 2

Ebenso, wie bei der Berichterstattung über den Golfkrieg, steht auch bei der Balkanberichterstattung die politische und vor allem historische Wahrheit im Dienste der Tagespolitik. Wiederum scheint Rudyard Kiplings Feststellung zu gelten: »Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit.«3 Die Kriegsberichterstattung hat im Zeitalter der Massenkommunikation einen erosionsartigen Niedergang erlebt, und sie befindet sich spätestens seit dem Golfkrieg heute auf einen erbärmlichen Tiefstand. Zwingend notwendig erscheint mir dies allerdings nicht, was ein Blick in ihre Geschichte zeigt.

Chronisten haben seit dem Altertum das Kriegsgeschehen illustriert. Aus der Schule kennen wir alle Julius Caesars De bello gallico, eine von ihm eigens verfaßte Kriegsberichterstattung, um die hohen Kosten des Feldzuges zu rechtfertigen. Prokopius hat den Kampf der Byzantiner gegen die Barbaren in Italien als Kriegshistoriker beschrieben, Josephus Flavius den römischen gegen die Juden. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden derlei Berichte meist von ehemaligen Offizieren verfaßt, die sich als Militärpublizisten betätigten. So der junge Winston Churchill im amerikanisch-spanischen Krieg auf Kuba und im Vernichtungskrieg der Engländer gegen die Buren in Südafrika. Ernest Hemingway, der sich zum Teil durch den spanischen Bürgerkrieg und die Etappe der Schauplätze der alliierten Landung an der Westfront schlug, ist hierfür wohl das bekannteste literarische Beispiel.

Die Engländer, vor allem die ›ehrwürdige‹ Times, verfügten als erste in der Neuzeit über gebildete, der Wahrheit verpflichtete Kriegsberichterstatter, die das englische ›Fair-Play‹ beachteten, ein Charakterzug, den die englische Massenpresse unseres Zeitalters vollständig auf dem Altar des Mammons geopfert hat. So war die einzige Aufgabe der englischen Boulevardpresse (Sun, Daily Mail) während des Falkland-Krieges (1982) darauf abgestimmt, das englische Volk in unreflektierten ›Hurra-Patriotismus‹ zu versetzen. Solch aufgeputschte Emotionen wenden sich jedoch schnell gegen besonnene Kräfte im eigenen Lager. Damit verengt sich die eigene politische Handlungsfreiheit.

Der Times-Reporter William Howard Russell wird dagegen auf einem nach seinem Tode in der Londoner St. -Pauls-Kathedrale errichteten Epitaph als der erste und größte unabhängige Kriegsberichterstatter der Neuzeit überhaupt genannt. Russell war durch einen Zufall als Sonderkorrespondent auf die ferne Krim geschickt worden. Er berichtete regelmäßig über den Krieg, den die Türken mit Hilfe der Briten und Franzosen seit Winter 1853/54 gegen das Zarenreich führten. Mit der Schlagzeile »Sturm der leichten Brigade« gelang Russell der berufliche Durchbruch. Er beschrieb in diesem Artikel ein Gefecht,

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das am 25. Oktober 1854 bei Balaklawa nahe der strategisch wichtigen Festung Sewastopol stattgefunden hatte. Das von Russell wiedergegebene Gefecht wurde in England zum Sinnbild für die Verantwortungslosigkeit der übergeordneten Führung und der damit verbundenen sinnlosen Menschenopfer. 4 Russell schrieb: »Unsere Schweren Reiter konnten nichts tun, als zu versuchen, jenes Häufchen von Helden zu decken bei ihrem Rückzug. . . Und 35 Minuten nach elf Uhr gab es außer den Toten und Sterbenden keinen britischen Soldaten mehr vor den moskowitischen Kanonen.« Rund 600 englische Reiter waren den russischen Kanonen entgegengaloppiert, 426 fielen. Russell zitierte den französischen General Bosanquet, der die Attacke mitverfolgte: »Das war ja ungemein beeindruckend, aber mit Kriegsführung hat sowas nichts zu tun!«

England war empört, denn zum ersten Mal wurde die grausame Seite des modernen Krieges ungeschminkt beleuchtet. Russell war die Sorte des innerlich und materiell unabhängigen, dilettierenden, gebildeten und abenteuernden Kriegsberichterstatters. Die erste Pflicht und Tugend des Militärjournalismus beruhte damals noch auf absoluter persönlicher Integrität und Unabhängigkeit des einzelnen Journalisten. Es verband sich eine distanzierte Haltung gegenüber der Politik - auch gegenüber der des eigenen Landes - mit einem Mitfühlen für die Akteure - auch für die Gegner - und eine Sympathie bzw. ein tiefes Wissen um das Wesen des Krieges und des Militärs.

Mit dem Ersten Weltkrieg nahm das Verhältnis von Presse und kriegführendem Militär und der Politik eine neue Qualität an. Die Ansätze dazu hatten sich bereits im Krimkrieg gezeigt. Die Totalität der Vereinnahmung der Presse zeigte ihr ungeschminktes Gesicht jedoch erst ab dem Jahr 1914, dies in ausnahmslos allen Ländern der kriegführenden Parteien. Die alten Weisheiten und abendländischen Gepflogenheiten des ›ius ad bellum‹ und des ›ius in bello‹ begannen in den Materialschlachten, in Ypern, an der Somme, in ganz Flandern und an der Ostfront unterzugehen.

Europa verlor nicht nur die Blüte und einen gewichtigen Teil seiner Jugend, sondern auch seine Kunst des Friedens und somit die Weisheit aller Politik. Die Presse war nun zu einem Teil der Kriegsmaschinerie geworden. Auflagenstarke, dümmlicher Chauvinismus (nicht Patriotismus!), die Polemik und Lüge bzw. Halbwahrheit waren die Waffen, die man ihr aushändigte. 5 Der einzelne Journalist verlor seine Unabhängigkeit, seine Distanz zum Geschehen - zum Krieg an sich - und damit seine Unabhängigkeit zur politischen und militärischen Führung an sich. Der Militärjournalismus politisierte und prostituierte sich. Ebenso wie die politischen Führungen der Zwischenkriegszeit verlor auch er seine Glaubwürdigkeit. Der moderne und totale Krieg hatte ihm seine Integrität genommen und ordnete ihn zu geschlossenen Reihen einer politischen Kampfpresse. Der Zweite Weltkrieg verstärkte diese Tendenz. Die Identifikation dieses Krieges mit einem oftmals überzogenen und verbrämten pseudo-humanitären Ethos und mit verlogener Gesinnung auf allen Seiten schien alle politischen und historischen Fragen beantwortet zu haben. In

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einem Weltanschauungskrieg, in dem das ›unfehlbare Gute‹ gegen das ›absolut Böse‹ kämpft, stellen sich keine Fragen nach den wirklichen Ursachen und den wirklichen Hintermännern.

Die Berichterstattung des Vietnamkrieges oder: Wurde der Vietnamkrieg wirklich am heimischen Fernseher verloren ?

Die Berichterstattung über den Golfkrieg war nur ein weiteres Remake in dieser Hinsicht. Fritz Raddatz bemerkte hierzu: »Verglichen mit der Nachrichtenpolitik im Golfkrieg war die Nazi-Wochenschau ein Dokumentarfilm.«6

Der Zweite Weltkrieg brachte eine starke Personifizierung des Krieges mit sich. Es wurde vor allem auf alliierter Seite ein platter Personenkult kreiert. Patton, Eisenhower, MacArthur wurden zu Kassenschlagern der Lorbeer-Heldenepen aus Hollywood. Bomber-Harris und seine Schlächtergesellen avancierten zu aufrechten Kämpfern für demokratische Freiheit und Recht. Es trat eine Amerikanisierung und Vulgarisierung des Militärjournalismus ein (Lothar Rühl).

Eine Fortsetzung fand dieser platte Massenwahn in der Huldigung des Generals Schwarzkopf durch die Boulevard-Medien. 7 Der plakative Charakter der Boulevard- und Illustriertenpresse mit ihren Oberflächlichkeiten, Platitüden, Banalitäten, dem Mangel an intellektueller Schärfe, kritischer Distanz und sachlicher Substanz übertrug sich auf die Kriegsberichterstattung. Im Laufe der fünfziger Jahre, in denen sich der Übergang zur totalen Massenkommunikation bzw. Massenmanipulation in großem Stil vollzog, kam die Erkenntnis des alten Clausewitz zu Ehren, »daß das öffentliche Bewußtsein ein strategischer Faktor ist, der im Krieg und im Kampf um den Willen des Volkes wirkt«. 8 Die Wirkung von ausschnittsweisen - damals noch mehr Bild- als Fernsehdarstellungen - hatte sich im Ansatz bereits im algerischen Unabhängigkeitskrieg (1954-1962) gezeigt.

Es folgte der Vietnamkrieg. Man hat oft behauptet, dieser Krieg sei am Fernseher in den USA entschieden worden. So auch Präsident Bush, der nach dem ›Sieg‹ am Golf behauptet hatte: Das Gespenst von Vietnam sei endlich begraben! Man hätte auch den Vietnamkrieg bei einer besseren Medienpolitik siegreich zu Ende führen können. 9 Ich stimme hier eher Larry Heinemann - der in den sechziger Jahren in Vietnam gekämpft hatte - zu, daß jene Idee, dieser Krieg hätte gewonnen werden können, eine unhaltbare Spekulation ist. Der amerikanische Journalist und Kriegsberichterstatter Dr. George Cord, der als einer der wenigen bis zur 17. Parallele am Ben Hai Ruß vorgestoßen war, prophezeite bereits 1965 dem amerikanischen Botschafter Henry Cabot Lodge in aller Öffentlichkeit: »There is no light at the end of the tunnel«, also der Vietnam-Krieg könne niemals gewonnen werden.

Wie dem auch sei, ohne die täglichen Fernsehbilder wäre dieser Krieg in den USA nicht so verhaßt, die USA-Politik nicht so umstritten gewesen. 10 Eine

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Tendenz wurde deutlich. Die emotionale Empfindlichkeit der eigenen Bevölkerung, die weit vom wirklichen Kriegsgeschehen und vom Kriegsschauplatz entfernt saß, wurde bis in das Mark getroffen.

Durch die ausschnittsweise und großflächige Dramatisierung eines eh schon dramatischen Geschehens wurde die Aggressivität oder Zustimmung gegen oder für diesen Krieg aufgeheizt. Das Bild schafft ein öffentliches Bewußtsein, und dieser Krieg wurde deshalb zu einem Spektakel der breiten Masse in den USA. Und nicht nur dort- deutsche Studenten zogen damals mit »Ho - Ho - Ho - Chi- Min-Rufen« über den Ku-Damm und durch Heidelberg. Die Kommentare über diesen Krieg wurden weniger von Kennern vor Ort gegeben. Ein enger Mitarbeiter des Bischofs von Saigon versicherte mir: »Es waren ein paar Dutzend Journalisten, von den Militärs gegängelt, die über den Krieg berichteten.«

Die Fiktion dieses Krieges wurde von Multiplikatoren entworfen, die in der Ferne - vor allem mittels der Bilder - Stimmung und Betroffenheit erzeugten und Politik trieben. Sie erzeugten mittels Bildern - im negativen Sinne von Clausewitz - öffentliches Bewußtsein. Die Wirkung des Bildes hatten die Zensoren der Militärbehörde in Saigon unterschätzt. Die Technik des Bildes privilegiert den dramatischen Effekt. Bilder sind Momentaufnahmen eines Geschehens, sie haben eine starke Faszination für den Betrachter, ohne jedoch den Hintergrund näher zu beleuchten. Die Politiker und die Militärs haben daraus gelernt. Vor das - auch nur in Ansätzen mögliche - Dokumentarische wurde eine rigorose Zensur geschaltet. Der Krieg um die Falklands war der erste Krieg ohne Bilder. 11 Grenada folgte! 12

Die neue Qualität der Berichterstattung oder: Die Lähmung der Seelen.

Eine neue besondere Qualität hat die Fernsehberichterstattung über den Golfkrieg erfahren. Während des gesamten Kriegsverlaufes erlaubten die Zensoren auf alliierter Seite und irakischer Seite nicht, die Schrecken des Krieges zu zeigen. Es blieb eine technisch abstrakte Ästhetik der vorgezeigten Video-Bilder aus den Cockpits der US-Kampfflieger. Filme von exakt in das Ziel fliegenden Raketen gaben der tödlich ernsten Sache den zweifelhaften Unterhaltungswert eines Videospiels. Die Massenmedien trugen im Golfkrieg erstmals total zur Konstruktion von Wirklichkeitsmodellen eines Krieges bei, die von den Zuschauern aufgegriffen wurden und dann fester Bestandteil ihrer eingebildeten, dann sogenannten eigenen Weltsicht wurden. Es sind die Auswahlentscheidungen auf den verschiedenen Stufen des ›newsmaking‹ und der Produktion, die eine Filterwirkung zwischen Ereignis, Nachricht und Nachrichtenverarbeitung bewirken. In der Krisen- und Kriegsberichterstattung wird diese Auswahl noch um viele zusätzliche Filter erweitert.

Die technischen Möglichkeiten in der Nachrichtenaufnahme, -Übertragung und -produktion führten zu grundsätzlich neuen Bedingungen. Es ist heute

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generell möglich, Krisen- und Kriegsereignisse in Echtzeit zu übertragen. Das System von CNN, die Echtzeit zur vorherrschenden Zeit zu machen, erlaubt dem Zuschauer keine kritische Distanz, keine Zeit, in der Vorher und Nachher unterschieden werden können.

Der Philosoph Paul Virilio stellte fest: »Das Bild der Direktzeitübertragung ist ein Filter, durch die Bildeinstellung im räumlichen Sinne, aber auch und vor allem im zeitlichen Sinne: es ist ein monochronischer Filter, der nur die Gegenwart passieren läßt. . . Wir sind mit einer videoskopischen Technik konfrontiert, mit einer Logistik der Wahrnehmung, die uns alle auf das Korn nimmt und nach und nach vereinnahmt.« Durch ständiges Umschalten an die verschiedenen Schauplätze eines Konfliktes kann ein Gesamtzusammenhang und eine eigene Dynamik der Ereignisse hergestellt werden. Paul Virilio stellt weiterhin fest: »Die Felder der Geschwindigkeitsexzesse sind von Opfern dieses Gefechts übersät.«

Virilio meint die Lähmung unserer Seelen, denn die Unsichtbarkeit/Nichtwahrnehmbarkeit der Geschwindigkeit und Aktualität entfernter, elementarer und kriegerischer Geschehnisse hat uns die Fähigkeit zur Erinnerung und zum Mitfühlen genommen. Im Januar 1991 hielt ich einen wehrpolitischen Vortrag in Würzburg. In der anschließenden Diskussion äußerte sich ein junger Student mir gegenüber wie folgt: Das, was jetzt zwangsläufig komme, sehe er weniger tragisch. Wir Deutschen in der glücklichen Situation, endlich mal einen Krieg aus der Ferne beobachten zu dürfen. Wir müßten zwar finanziell etwas aufbringen, dafür würden jedoch andere für unser Öl kämpfen. Er hatte als Würzburger von seinen Eltern nicht mehr vermittelt bekommen, was die »flächenmäßige alliierte Bombardierung strategisch wichtiger Ziele« in der Entschlüsselung bedeutet.

Herbert Kremp ließ sich in der Bonner Welt vom 19. Januar 1991 zu folgendem Zynismus hinreißen: »Er [Saddam Hussein] wird immer tiefer amputiert, und es entspricht der Logik des Krieges, daß die chirurgischen Schnitte, die seine Reichweite verkürzen, immer tiefer gehen müssen, auch in die Wohngebiete seiner Städte.«13

Die graphische Gestaltung der Fernsehnachrichten stand während des Golfkrieges vielleicht vor ihrer größten Aufgabe. Im Golfkrieg ging es um die Fähigkeit der Massenmedien, die Nachrichten zu liefern und ihnen auch eine Gestalt zu geben, und um die Fähigkeit von Regierungen, die Nachrichten zu formen und zu kontrollieren.

Noch nie war die Berichterstattung über einen Konflikt dermaßen von sorgfältig gestylten elektronischen Bildern dominiert. Es war der erste wirkliche Video-Logo-Krieg; neben den raffinierten Produktionen der Operation-Wüstengraphik nehmen sich Filme aus der Vietnam-Zeit primitiv und altmodisch aus. Und da ein animiertes Gemetzel natürlich nicht in Frage kam, entsprachen die Videobilder hundertprozentig den Absichten des Pentagons, das Töten und den Krieg gegen die zivile Bevölkerung zu verschleiern. 14

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Der moderne Krieg und seine Technologien, präzise und hochgeschwindig, haben allmählich alle emotionalen, betroffen machenden Effekte in der Betrachtung und Behandlung des Bildes eines Kampfgeschehens abgeschafft. Der totale Krieg mit der totalen Berichterstattung tendiert dahin, den Szenarioeffekt in einen umhüllenden, permanenten, immateriellen, technischen Effekt aufgehen zu lassen. Mit den neuen Misch-, Kommunikations- und Darstellungsmitteln und Systemen verschwindet die Welt im Krieg, und der Krieg als einzelne Erscheinung entschwindet den Augen der Welt. Darin besteht der Effekt der Lähmung, des latenten Psychoterrors und der Beeinflussung der eigenen Bevölkerung. Selbst sonst Besonnene werden mitgerissen. Der Vietnam-Veteran Norman Mailer, vor zwanzig Jahren einer der engagiertesten Gegner des Vietnam-Krieges, stellte zu seiner eigenen unsäglichen Überraschung fest, daß er gefühlsmäßig für diesen Krieg gewesen sei. Er, Mailer, der eingefleischte Antimilitarist, sei sogar so weit gegangen, den Generälen am TV ein halbes Ohr zu leihen. Mailer erklärte dies mit der katastrophalen Situation seines Landes: »Die Tatsache war, daß Amerika in Misere, Mißkalkulation, Sklavengeschichte und Obsession versank. Da hat sich tief in mir jede Eigenzensur entzogen.«

Die Direktübertragung des chirurgischen Krieges ‹ läßt sämtliche Skrupel und Zweifel fahren. Man sieht die Scud-Raketen ja bereits Tausende von Kilometern entfernt, bevor sie in Tel Aviv einschlagen oder im Anflug neutralisiert werden - darin liegt eine der Hauptfaszinationen für den Medienkonsumenten. Es ist eine kinohafte Identifikation im Sinne des Scheinbaren. Es ist heute jeder sein eigener kleiner Kriegsschauplatzbeobachter am heimischen Bildschirm. Die Bilder der modernen Kriegspropaganda sind eine Art Studiobilder, sie verweigern jede echte Aussage. Das Wesen und die Geschwindigkeit der modernen Nachrichtentechnologien - das Phänomen der Echtzeit hintertrifft die Fähigkeit menschlicher Wahrnehmung. Die Bilder verweigern jede Aussage - oder täuschen bewußt, so wie die gesprochenen Nachrichten heute fast bar jedes Informationsgehaltes sind. 15

In modernen Krieg waren nicht mehr nur die Akteure vor Ort ausschlaggebend, sondern Millionen von Fernsehzuschauern, mit deren Geld das ganze Spektakel finanziert wurde. Es kam die Macht der Abwesenden in das Spiel. Zur Zeit wird der öffentliche Raum durch das öffentliche Bild verdrängt. Der Golfkrieg brachte eine Informationsschwerelosigkeit, hinter deren permanenten Einstellungen die möglichst hohe Auflösung der gesellschaftlichen Wirklichkeit vonstatten ging. Der Krieg ist zum magischen Schauspiel für alle geworden, und der moderne Soldat ist in einer Doppelrolle: Er ist Akteur, und er ist Zuschauer. Zu seinen Waffen gehören die Werkzeuge, mit denen man wahrnimmt. Alles, was man wahrgenommen hat, ist auch schon verloren. Mit der Geschwindigkeit der Waffenträger konkurriert die Geschwindigkeit der Bildschirmpräsentation in der Operationszentrale, damit theoretisch Sekunden später in den heimischen Wohnzimmern - via Satellit.

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Die Berichterstattung über den Golfkrieg oder: ›Operation Wüstenlüge‹

Der Golfkrieg von 1991 und dessen Berichterstattung bot einen beklemmenden Anschauungsunterricht, wie Kriegsberichterstattung gegen die elementarsten journalistischen Prinzipien verstoßen kann. Beim noch nicht völlig abgestumpften Medienkonsumenten führte die Golfkriegsberichterstattung zu einem endgültigen Glaubwürdigkeitsverlust in die internationalen Medien. Der Züricher Professor Dr. Saxer nannte die Golfkriegsberichterstattung darum den »zweiten großen Informationsgau« des internationalen Mediensystems seit Tschernobyl. So wurde permanent gegen die alte Agenturregel verstoßen: »get it first, but first get it right«. 16 Das Diktat des Aktualitätsprinzips und der von den Medien selbst gesetzte Zwang zur ständigen aktuellsten Nachrichtenproduktion führten zur massenhaften Verbreitung ungeprüfter, durch die Zensur bewußt verfälschter oder erlogener Nachrichten. John Chancellor von NBC traf den Nagel auf den Kopf, als er, wenn auch erst nach dem Krieg, über die Operation Wüstensturm schrieb: »Der Krieg führte einen Troß von Mythen, Mißverständnissen und Übertreibungen mit sich. . . Berichte über irakische Greueltaten wurden fraglos akzeptiert. Es gab die Legende von den Frühgeburten, die in einem kuwaitischen Krankenhaus aus den Brutkästen geworfen und ihrem Schicksal überlassen worden waren. . . Tatsachen wurden nicht wahrgenommen, die Wahrheit wurde verbogen, und es gab einen Wust an Mythen und Mißverständnissen.« 17 Es wäre schön, wenn die Brutkasten-Story das einzige Beispiel einer erfolgreichen Propaganda geblieben wäre. Es gibt jedoch Hunderte davon.

Auch ein durchaus glaubwürdiges Bild von irakischen Soldaten, die - ohne jede militärische Disziplin - vergewaltigen und plündern, geriet nach dem Krieg in Zweifel. Paris Match brachte am 2. März 1991 ein Foto, das irgendwann während der irakischen Besetzung Kuwaits aufgenommen worden war: Man sah darauf ein irakisches Exekutionskommando, das in Kuwait-Stadt sechs Männer, deren Augen verbunden waren, erschoß. In der Erläuterung zu dem Bild hieß es, das Photo sei am 30. November 1990 bei der Redaktion eingegangen, und man habe angenommen, daß es Iraker bei der Erschießung von kuwaitischen Widerständlern zeigte. Am ersten Dezember erfuhren die Redakteure, daß es in Wahrheit um die Hinrichtung von disziplinlosen irakischen Soldaten ging, die beim Plündern in Kuwait-Stadt erwischt worden waren. 18

Ein weiteres Paradebeispiel dieser Desinformationspolitik bot der Medienrummel um die amerikanischen ›Patriot‹-Raketen, die ›ihre schützende Hand‹ über Israel und Saudi Arabien gelegt haben sollten. General Schwarzkopf meldete damals »33 von 33 Scud zerstört«. Militärexperten bezweifeln heute die Wirksamkeit dieses Waffensystems. Theodore Postol, zuständig für Nationale Sicherheit am Bostoner Massachusetts Institute of Technology (MIT), spricht sogar von einem völligen Fehlschlag des Waffensystems. Postol

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bezweifelt zwar nicht, daß die ›Patriots‹ eine gewichtige psychologische Rolle im Golfkrieg spielten und der Glaube an den unüberwindbaren Schutzschild letztlich Israel davon abhielt, in den Krieg einzutreten. Wirksam getroffen aber hätten sie kaum. Im Gegenteil: Postol kam bei seinen Video-Analysen zu dem Schluß, daß die Israelis ohne ›Patriots‹ vielleicht sogar mit weniger Zerstörungen davongekommen wären. Aus der anfänglichen Abschußquote von 100 % wurden nun 40 % für die über Israel abgeschossenen Raketen. Die Liste derlei propagandistischer Falsch- und Fehlinformationen ließe sich weiter fortführen. 19

Auch im Falle des Krieges gegen den Irak hat die Weltpresse wieder einmal jede Spur geschichtlicher Aufklärung vermissen lassen. So brachte Newsweek als erste amerikanische Zeitschrift in ihrer Ausgabe vom 4. Februar 1991 eine ausziehbare Karte vom Kriegsgebiet. Auf einer der vierfarbigen Karten der Region wurde unter dem Titel »Jahrzehnte der Unruhe« durch kleine Textblöcke innerhalb der einzelnen Länder angeblich die Geschichte des Nahen Ostens seit dem Zweiten Weltkrieg vermittelt. Vor dem Krieg hatte es dort offenbar keine nennenswerten Ereignisse gegeben. So erfuhr die breite Öffentlichkeit natürlich auch nichts darüber, wie willkürlich die Briten 1922 die Grenzen von Irak, Kuwait und Saudi Arabien festlegten. Oder die reizvolle historische Pointe, daß die Berater des kuwaitischen Herrschers 1938 den Zusammenschluß mit dem Irak empfahlen, dieser aber von den Briten verhindert wurde. Kuwait empfand sich in den dreißiger Jahren, als das ganze Ausmaß seines Ölreichtums noch nicht bekannt war, als arm im Vergleich zum Irak. Ghazi Ibn Faisal, der damalige irakische König, stützte sich auf die wirtschaftliche Ungleichheit und auf jahrhundertelange wirtschaftliche Bindungen, als er die Vereinigung des Iraks mit Kuwait und den übrigen Golfstaaten forderte. Eine solche Neuordnung war für die Briten, die in der Region nach dem Prinzip »teile und herrsche« vorgingen, nicht annehmbar, und so wurde der kuwaitische Herrscher Scheich Ahmad AI Sabah veranlaßt, seine Berater zu entlassen und die Resolution zugunsten einer Vereinigung für ungültig zu erklären. Es kam darauf zu Unruhen in Kuwait, und Ghazi wollte eingreifen und das Scheichtum besetzen. Man setzte ihn unter Druck, davon Abstand zu nehmen. Die ganze Angelegenheit endete im April 1939 abrupt mit einem tödlichen Autounfall Ghazis.

Saddam Hussein: Das Gegenstück zu Adolf Hitler oder: War Saddam Hussein ein CIA-Agent?

So war auch mit dem Beginn des Golfkrieges vergessen, daß Saddam Hussein über viele Jahre ein treuer Freund der USA war, ja, daß er in dem zweifelhaften Ruf steht, jahrelang den amerikanischen CIA unterstützt zu haben und von diesem unterstützt wurde. 20 Noch im Mai 1990 war Hussein für das Pentagon ein ganz gewöhnlicher nahöstlicher Diktator, der seine politischen Gegner

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zufällig mit Giftgas umbrachte. Nur vier Monate später stellte ihn die amerikanische Regierung als das beispiellos teuflische Gegenstück zu Adolf Hitler hin, plötzlich und unerwartet fand der irakische Präsident Gefallen daran, Gas gegen ethnische Minderheiten, besonders gegen die Kurden, einzusetzen -und, falls es ihm gelingen sollte, gegen israelische Juden. Bereits im März 1988 hatte der Diktator mittels Giftgas ein bedeutsames Massaker unter den Kurden in Halabdscha angerichtet. Es kamen damals rund viertausend kurdische Zivilisten ums Leben.

Als im Laufe des Sommers 1990 einige Kongreßmitglieder den amerikanischen Handel mit dem Irak einer strengeren Kontrolle unterwerfen wollten, wehrte die Bush-Administration diese Bemühungen zynisch ab. Und bei dem Gespräch zwischen der amerikanischen Botschafterin Glaspie und Hussein am 25. Juli 1990 gaben die USA eindeutig zu verstehen, daß sie bei einem Konflikt zwischen Kuwait und Irak nicht intervenieren würden. Ein fünfspal-tiger Welt-Artikel mit der Überschrift »Der Westen entwirft schon Denkmodelle über die Zukunft des Iraks« vom 25. Januar 1991 ließ ebenfalls aufhorchen. So kamen 95 Prozent der Waffen für den Irak der letzten 30 Jahre aus der SU, Frankreich und den USA. Der zukünftige Wiederaufbaumarkt dieser Region war schon aufgeteilt, bevor die ersten strategischen Bombardements begannen. Im Hotel Oberoi im saudiarabischen Damman, während des Golf krieges einer der begehrtesten Geschäftsadressen der Welt, verhandelten Vertreter aus den USA schon über Riesenaufträge für den Wiederaufbau Kuwaits, als dieses und die Kulturgüter des Zweistromlandes in Schutt und Asche sanken. 21

Der nächste Wüstenkrieg ist bereits vorprogrammiert. Die Wüste ist für die moderne Hochgeschwindigkeitstechnologie der am besten geeignete Kriegsschauplatz. Wie in einem schlechten Fortsetzungswestern rüstet sich der alte Freund der USA und vor allem des CIA, Saddam Hussein, erneut mit konventionellen Waffen auf. Auch die gnadenlose Verfolgung von Regimegegnern scheint im Irak munter weiterzugehen und im großen Stil praktiziert zu werden. Ende August 1993 gab es in dem Gefängnis Radwaniyeh südwestlich der Hauptstadt Bagdad eine Massenexekution. Saddam Kamil, Schwiegersohn von Saddam Hussein, ließ Hunderte politischer Häftlinge hinrichten, darunter Dutzende schiitischer Geistlicher. Irakische Exilpolitiker sprechen von einer neuen Terrorwelle, bei der nahezu 2 000 Männer und Jugendliche in diesem Gefängnis getötet wurden. Die Menschenrechtsverletzungen im Irak gegenüber den Minderheiten des Landes, im Norden den Kurden und im Süden den Schiiten, sind laut UNO so alarmierend, daß man von Völkermord sprechen müsse. 22

Das nächste Remake in Sachen › Wüstensturm‹ scheint also gesichert zu sein - dies in garantierter Videoclipechtzeit. 23

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Anmerkungen:

1. Ich möchte dem Leser folgende Beurteilung des Balkankrieges nicht vorenthalten: »Auch das furchtbare Balkandrama war nun zu Ende, das aufregendste vielleicht von allen, die sich auf dieser blutgedüngten Bühne bisher abgespielt hatten, gewiß nicht auch das letzte. Ein Drama nur, keine Tragödie, trotz all dem Grauenhaften, das sich dabei zugetragen hat, denn für eine Tragödie enthält es zuwenig des Erhabenen, zu viel des Niedrigen und Widerwärtigen, auch die gedrängteste Fülle blutrünstiger Scheußlichkeiten gibt noch keine Tragödie. Wohl aber ist dieser Krieg für die gesamte Kulturwelt ein furchtbares Menetekel gewesen, das ihren entsetzten Blicken mit vernichtendem Hohne zeigte, wie wenig Ursache sie hat, sich immer noch mit ihrem Fortschritt und ihrer Humanität zu brüsten, wie nahe sie sich noch immer den Greueln des Dreißigjährigen Krieges befindet, trotzdem seither mehr als ein Viertel Jahrtausend verflossen ist. Nun sind diese Schandtaten freilich nicht von den Völkern des Abendlandes verübt worden, sondern von denen des Balkans, deren ethische Kultur sich auch heute noch nicht viel von der der Menschenjäger und Kopfabschneider auf Borneo und Sumatra unterscheidet. Allein damit sind die Abendländer kaum entschuldigt, denn sie haben nicht nur nichts getan, diese Greuel zu verhindern, sondern sie durch ihre heimliche Hetze noch gefördert und sich dadurch zu deren Mitschuldigen gemacht. Und wenn sie auch nicht Mord und Brandstiftung, Schändung und Vandalismus begingen wie die Balkanvölker, so haben dafür unter ihnen Lüge und Zwietracht, Neid und Bosheit wahre Orgien gefeiert. . . vernichtender als durch die Erscheinungen der Balkankrise konnten die naiven Phantasien der Utopisten und Pazifisten von den in brüderlicher Liebe geeinten, mit ewigem Frieden beglückten bereinigten Staaten von Europa‹ nicht mehr ad absurdum geführt werden. Diese Krise ist ein moralisches Debacle der Menschheit gewesen.« - Das Zitat ist nicht einem Kommentar der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dieser Tage entnommen, sondern ist die abschließende Beurteilung des ersten Balkankrieges dieses Jahrhunderts im Jahre 1912 und 1913 und wurde am Vorabend des Ersten Weltkrieges getätigt, in Th. von Sosnosky, Die Balkanpolitik Österreich-Ungarns seit 1866, Band II, 1914, Seite 375.

Dagobert Lindlau stellte hierzu fest: »Unsere Presse hat sich mit billiger Entrüstung, mit enervierender Betroffenheit und mit verbalem Aktionismus um das Blutbad in Jugoslawien gedrückt. Wir haben nicht wahrhaben wollen, daß die drei Dutzend Waffenstillstandsvereinbarungen das Papier nicht wert waren, auf dem sie standen. . . Wir haben uns damit begnügt, den faulen Pomp von sinnlosen Gipfelgesprächen und Konferenzen über die Bildschirme flimmern zu lassen. Wir haben nicht sehen wollen, daß es einen Pazifismus gibt, an dem Tausende Menschen wie Tiere krepieren, während die Propheten dieses Pazifismus gut schlafen. Das grauenhafte Massaker, das paramilitärische Desperados und Terroristen in Generalsuniform angerichtet haben, hätte zu Beginn ohne Blutvergießen gestoppt werden können, wenn sich die Politik Europas zum Handeln statt zum Faseln hätte durchringen können.« in MacArthur, Second Front. Censorship and Propaganda in the Gulf War, Hill and Wang, New York, 1992; in deutscher Übersetzung als Taschenbuch: John R. MacArthur, Die Schlacht der Lügen, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 41993, S. 9.

2. Das Manuskript liegt einem Vortrag zugrunde, den ich unmittelbar nach dem Ende des Golfkrieges verfaßt und gehalten habe. Nach der Lektüre von Die Schlacht der Lügen von John MacArthur (aaO. , Anmerkung 1) habe ich die Bestätigungen, die ich für meine Thesen erhielt, teilweise in den Anmerkungsapparat aufgenommen. Das Buch ist unbedingt lesenswert, es sind empörende Enthüllungen über die perfiden Mechanismen, mit denen die amerikanische Berichterstattung vom Golfkrieg seitens der eigenen Regierung bewußt in die Irre geleitet wurde. John R. MacArthur ist heute der Herausgeber von Harper's Magazin.

3. Die Erkenntnis wird fälschlicherweise dem amerikanischen Senator Hiram Johnson zugeschrieben, der diesen Ausspruch 1917 populär machte. Dagobert Lindlau

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bemerkt hierzu: »Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit. Auch damals (1917, C. K. ) war das keine Neuigkeit. Es galt genauso im Jahre dreidreidrei vor Christus. Inzwischen ist aus Scham und Kalkül eine Industrie der Desinformation geworden, die von eben jenen über die Verteidigungsetats bezahlt wird, die getäuscht werden sollen und wollen.« In MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 8.

4. MacArthur stellt fest: »Edwin Lawrence Godkin von den Londoner DailyNews und William Howard Russell von der Londoner Times haben für die moderne Kriegsberichterstattung hohe Maßstäbe gesetzt, indem sie die Unfähigkeit britischer Offiziere im Krimkrieg enthüllten. Dennoch ist die Qualität des Kriegsjournalismus seit 1853 uneinheitlich gewesen, und einige der erfolgreichsten Reporter und Fotografen haben einfach Glück gehabt: Sie waren zur rechten Zeit am rechten Ort und wuchsen mit der Aufgabe. Bewegungsfreiheit erhöht die Chancen einer guten Berichterstattung, ist aber keine Garantie. Und auf einem riesigen Wüstenschlachtfeld werden die Chancen nicht besser.« In MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 164.

5. Übertriebene und getürkte Meldungen über Greueltaten des Feindes wurden im Ersten Weltkrieg zum erstenmal massenhaft angewandt, um die Kriegsbegeisterung im eigenen Lande anzuheizen. Das spektakulärste Beispiel sind Meldungen über angebliche Verbrechen, die deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg an belgischen Zivilisten begangen haben sollen. Der Journalist und Historiker Philipp Knightley schrieb, daß »die Deutschen den Tod von rund fünftausend Zivilisten verursachten«, als sie im August 1914 Belgien überrannten. Weiteren sensationellen Behauptungen zufolge seien belgische Mädchen in Lüttich auf offener Straße vergewaltigt worden, acht deutsche Soldaten hätten ein zweijähriges Kind mit dem Bajonett aufgespießt, und so fort. Knightley schrieb nach dem Krieg in seinem Buch The First Casualty: »Das Komitee [zur Aufklärung der Verbrechen, C. K.] hatte keinen einzigen Zeugen befragt. . . ihre Namen wurden weggelassen, und Berichte aus zweiter Hand wurden für bare Münze genommen. . . tatsächlich konnte eine belgische Untersuchungskommission keine einzige wesentliche Behauptung bestätigen.« Für die Alliierten waren verstümmelte und hingemetzelte Babys ein ungeheurer Propagandaerfolg. Knightley schrieb: »Die Greuelgeschichten hatten, als sie schließlich widerlegt wurden, ihre Aufgabe schon erfüllt. Sie hatten nicht nur die Öffentlichkeit an der Heimatfront aufgerüttelt und die Entschlossenheit Großbritanniens und Frankreichs gestärkt, den Krieg bis zur Entscheidung weiterzuführen, sondern auch das wichtigste Ziel erreicht, den Widerstand gegen den Krieg in den USA zu schwächen.« Zitiert bei MacArthur, Die Schlacht der Lügen, aaO. , S 62 ff. Der Erfolg dieser fabrizierten Berichte ließ für künftige Kriege, speziell für den zur Befreiung Kuwaits, Schlimmes befürchten. Auch in Kuwait sollte es Berichte über Greueltaten an Babys geben, mit ähnlichen Resultaten; vgl. hierzu sehr ausführlich MacArthur, Schlacht der Lügen, Zweites Kapitel »Wie die Babys verkauft wurden«, aaO. , S. 46 ff.

6. Dagobert Lindlau stellt zusammenfassend über die Berichterstattung des Golfkrieges fest: »Über die Notwendigkeit des Golfkrieges kann man wahrlich streiten. Zumindest darüber, ob das dürftige Ergebnis nicht auch mit weniger Blut und Elend hätte erkauft werden können. Vielleicht darf man sogar fragen - Völkerrecht hin oder her -, ob ein Tyrannenmord tatsächlich soviel schlimmer ist als Hunderttausende zu schlachten, um die Überlebenden in die Verzweiflung zu treiben, die sie dann vielleicht veranlaßt, das Joch abzuschütteln, das uns nicht paßt. . . Daß dieser Krieg die selektive Wahrnehmung zu einer neuen Blüte gebracht, daß er die Verdrängung der Realität zu einer Waffe gemacht hat, das kann niemand bestreiten.« In MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 9.

7. MacArthur weiß über Schwarzkopf zu berichten: »Im April 1979 hatte Schwarzkopf erstmals einen größeren Fernsehauftritt in dem Fernsehfilm, der das Buch Friendly Fire von C. D. B. Bryan einem breiteren Publikum nahebrachte. Es ging um die unbeabsichtigte Tötung eines Soldaten, der unter Schwarzkopfs Befehl in Vietnam von den eigenen Kameraden erschossen worden war. Im Film trug der einfühlsam porträtierte Schwarzkopf jedoch einen anderen Namen (Oberstleutnant Byron Schindler), und so waren es

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hauptsächlich die Leser von Bryans Buch, die schon von ihm gehört hatten, als er im August in Saudi Arabien in das Rampenlicht trat. »Stormin Norman«, wie ihn die Medien tauften, hatte Glück gehabt, daß er bei der stümperhaften amerikanischen Invasion Grenadas 1983 stellvertretender Befehlshaber war. Richard Gabriel und Paul Savage, ehemalige Offiziere des militärischen Nachrichtendienstes, schrieben 1984 im Boston Globe: »Was in Grenada wirklich geschah, war ein Exempel militärischer Unfähigkeit und kläglicher Ausführung.« In MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 122.

8. Dies erkannte auch das Pentagon im Vorfeld des Krieges. Stanley Cloud stellt fest: »Sie [das Pentagon, C. K. ] fanden eine Möglichkeit, unsere Berichterstattung bis auf das I-Tüpfelchen zu kontrollieren. Sie beschränkten unseren Zugang auf eine Weise, daß eigene Reporter nicht mehr möglich waren. Sie fütterten uns mit ständigen Pressekonferenzen, bei denen sie den Inhalt der Meldungen bestimmten. Und wenn es uns trotz alledem gelang, etwas zu berichten, was ihnen nicht gefiel, konnten sie es per Zensur streichen. . . Praktisch lief alles darauf hinaus, die Presse für das Militär zu rekrutieren. . . Das Verteidigungsministerium hat dieses System so ausgefeilt, daß die öffentliche Darstellung des Krieges vollkommen von der Regierung kontrolliert wurde, und im Sinne der Regierung hat es hundertprozentig funktioniert.« In MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 174.

9. MacArthur verneint diese Theorie: »Solchen Unsinn [der Vietnamkrieg wurde am heimischen Fernseher verloren, C. K. ] muß man leider ernst nehmen, denn er war nicht nur die Grundlage einer staatlichen Zensur während des Golfkrieges, sondern er bewahrte darüber hinaus einen Mythos, der in der Praxis den Schutz, den das First Amendment der Presse garantiert, inzwischen stark ausgehöhlt hat. . . Normalerweise -und das wurde im Golfkrieg erneut deutlich - folgt die Presse dem Beispiel der Politiker und schart sich um die Fahne, wenn dann die Schießerei beginnt. . . Die Presse hat mit anderen Worten in keinem Fall den Ausbruch eines Krieges verhindert, und sie hat in keinem Fall die Regierung gezwungen, einen Krieg zu beenden. . . Nach dieser verdrehten Vorstellung stehen gottähnliche Verleger und Fernsehgewaltige im Zentrum des Weltgeschehens, und unerschrockene Reporter können zu Initiatoren historischer Umwälzungen werden.« In MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 128 f.

10. »Für die Operation Wüstensturm hat das Pentagon sicherlich befürchtet, daß es wieder zu einer knieweichen Unentschlossenheit kommen würde, falls die Amerikaner beim Abendessen Bilder von Leichensäcken und verwundeten Soldaten auf dem Bildschirm erleben würden. Aber auch diese Theorie scheint falsch zu sein, wie die meisten revisionistischen Theorien über Vietnam, die von den Kriegsbefürwortern verbreitet werden.« In MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 148. »Trotz der Dürftigkeit des Arguments, daß Vietnam wegen der Presse verloren gegangen sei, und der weitgehenden Gefügigkeit des größten Teils der Presse während des Vietnamkrieges beschlossen Amerikas künftige Kriegsplaner, nicht das Risiko einer unzensierten Presseberichterstattung über ihre Konflikte einzugehen.« In MacArthur, ebenda, S. 154 f.

11. Die Thatcher-Regierung hatte beim Falkland-Krieg 1982 neunundzwanzig Korrespondenten, Fotografen und Techniker in Pools zusammengefaßt und auf Schiffen der Royal Navy, die dem argentinischen Feind im Südatlantik entgegendampften, untergebracht. Ihre Meldungen wurden damals - und später - einer strengen Zensur unterworfen. In MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 155.

12. »Durch die Verbindung von Kategorien von Informationen, die sich für die Berichterstattung eignen, mit der Forderung nach einer Sicherheitsüberprüfung haben sie [die Militärs, C. K. ] ein Zensursystem geschaffen, das in der neueren Kriegsgeschichte ohne Beispiel ist. . . das Pentagon hatte mit dieser Praxis spektakuläre Erfolge erzielt - in Grenada - zunächst durch die Aufstellung eines Pools und dann durch die verspätete Entsendung auf die Insel; und in Panama dadurch, daß der Pool praktisch auf einem Armeestützpunkt eingesperrt wurde. In beiden Fällen bekamen die Reporter von den Kämpfen überhaupt nichts mit, und der militärischen Öffentlichkeit wurden antisepti-

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sehe militärische Siegesmeldungen serviert.« In MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 41.

13. Der notorische Deutschenhasser Charles Krauthammer erging sich in Dutzenden zynischer Kommentare: »Vor einem Monat galt es allgemein als offenes Geheimnis, daß Japan die USA als Großmacht überrundet habe. Mag sein. Doch ist die Produktion eines hervorragenden Walkman ein besserer Index technischer Höchstleistungen als der Bau von Laserbomben, die durch die Haustür hereinkommen?« In MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 118. Roger Rosenblatts Brief an ein Kind in Bagdad ist wohl das hervorstechendste Beispiel für die Rationalisierung des Mordes an unschuldigen Zivilisten und an menschenverachtendem Zynismus und Spott wohl kaum zu überbieten: »Zugleich ist es unsere Pflicht, nach bestem Wissen und Gewissen [dem imaginären Kind aus Bagdad, C. K. ] zu erklären, wie die Welt dorthin gekommen ist, wo sie heute steht. Damit wir uns nicht mißverstehen, muß ich dir von vornherein sagen, daß dieser Krieg nach meiner Überzeugung von dem Führer deines Landes herbeigeführt wurde. Von ihm und nur von ihm. . . Kurz, ich wünschte, ich könnte dich vor diesem Krieg retten, vor allen Kriegen und vor den offenkundigen, beklagenswerten Unzulänglichkeiten der Erwachsenen allerorten. Schau dir nur die Altertümer deines Landes an, die Statuen und Reliefs, und du wirst sehen, daß oftmals Menschen gefeiert werden, die andere Menschen töten.« In MacArthur, aaO. , S. 118 f.

14. Zum Bombenkrieg gegen die irakische Zivilbevölkerung stellte Barton Gellmann von der Washington Post in dieser Zeitung am 23. Juni 1991 fest: »Gestützt auf Quellen der Air Force komme ich zu dem Schluß, daß die von Amerika geführten Streitkräfte einige ihrer militärischen Ziele dadurch zu erreichen suchten, daß die gesamte Bevölkerung des Iraks außer Gefecht gesetzt wurde. . . Wegen dieser Zielsetzungen waren Schäden an zivilen Gebäuden und Einrichtungen, von denen die Presseoffiziere während des Krieges unermüdlich behaupteten, sie seien nebensächlich und unbeabsichtigt,. . . weder das eine noch das andere.«In seinem Artikel zitiert Gellmann weiterhin eine sehr aufschlußreiche Äußerung eines hohen Luftwaffenoffiziers: »Es wird langsam etwas unklar, was unter ›Unschuldigen‹ zu verstehen ist. . . Sie leben doch dort, und letzten Endes haben die Leute auch einen gewissen Einfluß auf das, was in ihrem Land passiert.«

15. Philip Meggs, Professor für Graphik und Design an der Virginia Commonwealth University, stellte fest: »Die Zensur setzt die Graphiker unter ungeheuren Druck, Informationen zu vermitteln und die vorgetragenen Nachrichten durch Bilder zu unterstützen. Bei allen Sendern befanden sich die Graphikabteilungen der aktuellen Nachrichten im Belagerungszustand, arbeiteten rund um die Uhr unter Gefechtsbedingungen, um mit den rasch wechselnden Situationen Schritt zu halten. Karten, Modelle vom Schlachtfeld und Informationsgraphiken über Waffensysteme halfen den Moderatoren sowie den Fachleuten, den Krieg zu erläutern. Die in den ständigen Lagebesprechungen erwähnten Fachbegriffe und Waffensysteme mußten den Zuschauern durch Graphiken erläutert werden. Und natürlich brauchte jeder Sender ein Erkennungszeichen für seine Kriegsberichterstattung. Während zum Beispiel die Olympischen Spiele oder Weltmeisterschaften bei allen Sendern dasselbe Logo haben, liefen Sendungen über den Golfkrieg unter fünf verschiedenen Logos. . . In einigen Zeitungen wurde gefragt, ob der Krieg nicht durch in das Auge stechende Graphiken und Begleitmusik den Anstrich von Football-Entscheidungsspielen und afrikanischen Abenteuerfilmen bekommen könnte. Ich denke, die Fernsehgraphik ist mit dem Golfkrieg in einem gewissen Sinne mündig geworden.« Philip Meggs, zitiert in MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 92 f.

16. Als bestes Beispiel kann hier die ›Ente‹ - besser Lüge - der aus den Brutkästen gerissenen Säuglinge dienen. Die Horrorkampagne wurde durch die Werbefirma Hill and Knowlton in Szene gesetzt. Die Kampagne stand bereits lange vor dem Beginn des Golfkrieges fest, eingefädelt hatte sie deren Vorstands Vorsitzender Robert G. Gray, der bei den Republikanern seit vielen Jahren die Fäden zieht. MacArthur bemerkt hierzu: »Es stellte sich dann heraus, daß die Geschichte ein Schwindel war, wie die Zeitung eine

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Woche später zugeben mußte. . . Ohne Zweifel haben Saddam Husseins Truppen schreckliche Dinge in Kuwait begangen, doch angesichts der festgestellten Tatsachen Verdrehungen und Propaganda wird es einer ausführlichen Untersuchung durch einen erfahrenen Beobachter bedürfen, um herauszufinden, was während der siebenmonatigen Besatzung wirklich geschehen ist. . . Die Wahrnehmung von Gewalt und Terror hing letztendlich mit Amerikas Entscheidung für den Krieg zusammen, und diese Entscheidung fiel auch trotz der Tatsachen Verdrehungen knapp aus. Wer weiß, ob die Regierung sich auch ohne die Brutkastenstory durchgesetzt hätte. Wie viele der sonstigen Meldungen über Greueltaten waren gefälscht?« In MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 82.

17. McArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 89, mit weiteren Beispielen.

18. MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 89.

19. »Diese ganzen Loblieder auf die Präzision der amerikanischen Bombenangriffe sind idiotisch. Das war überhaupt nicht die Strategie der Amerikaner. Sie bestand im Einsatz von B-52 und Flächenbombardements. Es gab Berichte über Spannungen zwischen den Koalitionsstreitkräften, über US-Truppen, die monatelang keinen Nachschub erhielten, über Soldaten, die durch eigenen Beschuß getötet wurden, aber darüber kam nie eine Meldung. Viele Journalisten drüben, denen die Berichte von den Militärs zusammengestrichen wurden, meinten, dann würden sie eben nach dem Krieg darüber berichten, aber das ist blauäugig. Wenn der Krieg vorbei ist, interessiert sich keiner mehr dafür.« Ed Barnes, ein Life-Reporter, zit. in MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 174 f.

20. In Insiderkreisen war die Tatsache, daß Saddam Hussein ein besoldeter CIA-Agent war und vielleicht sogar noch ist, seit Jahren bekannt. Da dies mittlerweile sogar bereits in Die Woche von Reinhard Hesse für das intellektuelle Proletariat aufbereitet wird, läßt wohl die endgültige ›Enttarnung‹ nicht mehr lange auf sich warten. In seinem Artikel »Geheimakte Omar Abdel Rahman« orakelt Hesse folgendes: »Der Fall [der ägyptische Scheikh Omar Abdel Rahman, der zu einer Belastung der amerikanischen Nahostpolitik wird, da der Fundamentalist ein CIA-Agent sein soll, C. K. ] ist, wie westliche Diplomaten es ausdrücken, ›für die Amerikaner sehr, sehr heikel‹. Zum Dilemma konnte er werden, weil Washington nach Art des Zauberlehrlings die Kontrolle über eine Reihe zwielichtiger Bundesgenossen verloren zu haben scheint, die einst nach der Devise ›der Feind meines Feindes ist mein Freund‹ gerufen worden waren. . . Omar Abdel Rahman sei seit seinem Afghanistan-Aufenthalt zwischen 1988 und 1990 besoldeter Agent der amerikanischen CIA, wurde Ägyptens Präsident Mubarak Anfang Juli in einem Zeitungsbericht zitiert. . . ›Wie kann es sein‹, fragen die ägyptischen Gesprächspartner, ›daß die USA einen ägyptischen Staatsfeind unterstützen, um einem terroristischen Regime zu Gefallen zu sein?‹ Wie konnte andererseits die damalige US-Botschafterin April Glaspie die Iraker 1990 geradezu zum Einmarsch in Kuwait ermutigen? Beim Vergleich der heute als Unholde titulierten Saddam Hussein und Omar Abdel Rahman drängt sich eine böse Parallele auf. . .« Reinhard Hesse, »Geheimakte Allahu akbar«, Die Woche, 29. Juli 1993, Seite 14.

McArthur (Schlacht der Lügen, aaO. , S. 51) bringt die Sache auf folgenden Nenner: »Als Hussein sich dann aber am 2. August Kuwait schnappte, verstieß er gegen die Vorstellungen der Realpolitiker. Der irakische Diktator hatte, wie zuvor schon General Manuel Noriega, einen Hang zur Eigenwilligkeit bewiesen, der für die Amerikaner, die ihn gerne als Werkzeug benutzt hätten, nicht hinnehmbar war.«

21. Es scheint so, als seien die amerikanischen Flächenbombardements auch gezielt gegen die Kulturgüter des Zweistromlandes eingesetzt worden. Die Bombardements erinnern an die gezielte Bombardierung von deutschen Kulturstätten im Zweiten Weltkrieg durch anglo-amerikanische Terrorangriffe, so etwa auf Dresden, Würzburg u. a. Ein Hinweis auf diese gezielte Bombardierung der Kulturstätten findet sich auch bei MacArthur: »CBS war unverhohlener auf der Seite der Falken und bezog seine militärischen Ratschläge von General a. D. Michael Dugan, dem vormaligen Stabschef der Air Force. Im September war Dugan gefeuert worden, weil er öffentlich einen direkten

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Angriff auf Saddam Husseins Familie und die Bombardierung bedeutender Kulturstätten des Iraks befürwortet hatte.« In MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 125.

22. Dietrich Alexander, »190 Staaten«, in Die Welt, 24. Februar 1994.

23. Philip Meggs sah dies bereits während des letzten Golfkrieges voraus: »Ich sollte vielleicht besser sagen: Während des letzten Golfkrieges, denn das Gebiet um den Persischen Golf ist seit den Zeiten der alten Sumerer vor fünftausend Jahren zwischen den Völkern umstritten. Vielleicht empfiehlt es sich, die Ordner mit den Karten vom Golf aufzubewahren. Sie könnten sie vielleicht in einigen Jahren wieder gebrauchen.« In MacArthur, Schlacht der Lügen, aaO. , S. 92.

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