HELMUT SCHRÖCKE
Die Entstehung des Deutschen Volkes und seines Staates

Die Errichtung eines Staates nicht durch machtpolitische Imperialismen, sondern durch ein Volk für sich selbst kann im Gegensatz zum ersten nur das Ergebnis langer Entwicklung sein, die von der Entstehung der Sprache über die Bildung eines eigenen Sprachbewußtseins, eines Sprachnamens, dann eines Volksbewußtseins, eines eigenen Volksnamens bis zum Willen zur eigenen Staatsbildung reicht. Daß ein Volk einen naturrechtlichen Anspruch auf eine eigene Kultur, eigene Religionsvorstellungen und gemäß seiner eigenen Wertordnung auf eine eigene Rechtsordnung und eine eigene Staatsordnung hat, folgt aus den heute offen liegenden biologischen und humangenetischen Erkenntnissen und ist heute zwingender Völkerrechtsanpruch des Selbstbestimmungsrechtes. Er ist auch im Spruch des Bundesverfassungsgerichtes vom 21. 10. 1987 mit dem Bestehen »einer Wahrungspflicht zur Erhaltung der Identität des deutschen Staatsvolkes« enthalten.

Der Begriff Nation wird hier nicht verwendet, da er bisher im Gegensatz zum Begriff Volk nicht eindeutig definiert werden konnte. Nation kommt von lat. ›nasci‹, ›geboren werden‹, und bedeutet ursprünglich Menschen gleicher Abstammung, also Volk der Definition als Abstammungs- und Vererbungsgemeinschaft. Er wird jedoch für Staatsbürger gänzlich verschieden entstandener multiethnischer Staaten verwendet. So wurden die Einwohner der UdSSR als sowjetische Nation bezeichnet, und so wird das Rassen- und Völkergemisch der USA als Nation bezeichnet.

Die heutigen Nationalitätenkonflikte entstanden zumeist erst nach der Verfälschung der »Nation« mit der Französischen Revolution. Mit dieser wurde das Imperium des französischen Königs, der sich noch als König der Franken, Bretonen, Austrier, Korsen und Elsässer verstand, in das »eine und unteilbare Frankreich« mit der Gleichheit aller Einwohner verwandelt. Damit und mit der westlichen Aufklärung begannen Völkerzerstörungen nicht nur in Frankreich (mit dem Genocid an den Elsässern nach 1918 und verstärkt nach

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1945). Ohne ethnische Rücksichten wurden polyethnische Staaten unter chauvinistischen Staatsnationen wie Polen, Tschechoslowakei oder Jugoslawien zusammengeflickt. Nach dem gleichen Konzept der »westlichen Wertegemeinschaft« sollen durch Niederlassungsfreiheit, Freizügigkeit und Beseitigung staatlicher Grenzen die Individualitäten der europäischen Völker im Widerspruch zum Selbstbestimmungsrecht in der geplanten Eurounion beseitigt werden.

Für das deutsche Volk und das Deutsche Reich vollzog sich die Entwicklung von der Entstehung der Sprache zur Volks- und Staatsbildung in der Vor- und Frühgeschichte und war mit der Reichsgründung durch Heinrich I. in die Tat umgesetzt worden, nachdem die beteiligten Stämme den Willen zu einem gemeinsamen Staat über die Bewahrung ihrer Stammesidentitäten gesetzt hatten. Von den Bandkeramikern an bestand nicht nur eine ethnische indogermanisch-germanisch-deutsche Kontinuität, sondern auch - mit Verschiebungen - eine weitgehende Ortskontinuität bis 1945.

Ein gesamtgermanisches Bewußtsein als Vorstufe eines Volksbewußtseins gab es bereits in der Völkerwanderung. Wie sich und ob sich damals die Germanen selbst benannten, ist unbekannt, es sind nur Stammesnamen überliefert. Diese Gemeinsamkeiten äußerten sich zum Beispiel in gemeinsamer Kultur, in gemeinsamen Sozialbegriffen, Ehrbegriffen, Religionsvorstellungen, in einer gemeinsamen Sagenwelt und in verwandten sprachlichen Dialekten. Am Ende der Völkerwanderung bestanden Sprachunterschiede zwischen Nord-, West und Ostgermanen. Am frühesten ist die Sprache der Goten mit der Bibel Wulfilas überliefert. Sogar die noch größeren Sprachunterschiede zu den altslawischen Dialekten der Ostvandalen konnten offenbar noch leicht überbrückt werden, wie die Wahl von nordgermanischen Fürsten und Stammesneubildungen zwischen ostvandalischen und nord- und ostgermanischen Stämmen zeigen. Ebenso äußerte sich ein gesamtgermanisches Bewußtsein während der Völkerwanderung in dauernd wechselnder Teilnahme von Stammessplittern an kriegerischen Unternehmungen anderer Stämme, an Wanderzügen ganzer Stämme und in der Neubildung von Stämmen, zum Beispiel von Obodriten und Herulern, Ranen und Rugiern, Wilzen und Warnen. Noch nach Ausbildung von Sprachunterschieden bestand ein gesamtgermanisches Bewußtsein, das sich zum Beispiel im germanischen Völkerverzeichnis des englischen Königs Alfred des Großen (871-901) zeigt. Von Paulus Diakonus († 799) über Alfred den Großen bis Sebastian Münster († 1588) wurde der Don als die Ostgrenze Germaniens bezeichnet.

Albertus Krantzius († 1517), langjähriger Rektor der Universität Rostock und Mitarbeiter in der Führungsspitze der Hanse in Lübeck in verschiedener Funktion, schrieb in der deutschen Fassung seiner Geschichte der Vandalen von 1600 Vandalia oder Beschreibung wendischer Geschichte: »daß unter allen Teutschen die Wenden für die eltesten Völcker zu halten. . . , die vom Fluß Tanai (= Don) bis an den Rhein wohnen, denn dieser Strich wird groß

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Teutschland geheißen. . .« Im Register der lateinischen Erstausgabe dieses Werkes von 1575 Vandalia steht als die kürzeste und treffendste Definition des Wortes ›Sclavi‹ der mittellateinischen Chronisten »Sclavi sunt Vandali«, was heute überall fälschlicherweise mit ›Slawen‹ im heutigen Sinne übersetzt wird. Bezüglich ihrer Sprache, der lingua sclavina, schrieb Einhard (Kaiser Karls Leben, Kapitel 15), »daß sie zwischen Rhein und Weichsel so ziemlich in einer Sprache reden«, und an anderer Stelle, daß die Sprache der Sclavi »paene similes«, sehr ähnlich seiner eigenen, ist.

In der an schriftlichen Quellen freien Vorgeschichte und der quellenarmen Frühgeschichte läßt sich die Entwicklung verfolgen vom altgermanischen ›theudo‹ mit der Bedeutung von ›Stamm, Volk‹, das noch indogermanische Wurzeln hat, über die Adjektive ›theodiscus‹ und ›teutonicus‹ mittellateinischer Quellen bis zum ersten Auftreten von althochdeutsch ›diutisc‹ im Sinne der Stämme zwischen Mosel, Maas und Elbe nach 1000 1. Diese Vorgänge der Volks- und Staatsbildung waren im Osten anders als im Westen des geschlossenen germanischen Siedlungsgebietes.

Das Vordringen der Franken gegen Ende der Völkerwanderung nach Gallien, die Unterwerfung der galloromanischen Bevölkerung und die Entstehung gemischt besiedelter Gebiete hatte das Bewußtwerden von ethnischen Unterschieden und von Unterschieden bei Volkseigenschaften zur Folge, aber auch das Aufgehen von sporadisch siedelnden Franken in der galloromanischen Bevölkerung. Ein gleiches Schicksal erlitten die Westgoten, Ostgoten, Langobarden, Burgunder und andere germanische Stämme. Unter den Merowingern kämpften und siegten die germanischen Austrier über die galloromanisch-fränkisch gemischten Neustrier. Der Karolinger Karl Martell besiegte im Jahre 732 die Araber bei Poitiers. Unter den Karolingern wanderte der Reichsschwerpunkt aus dem Pariser Becken nach Osten bis Aachen. Im 7. und 8. Jahrhundert entstand eine schärfer ausgeprägte Sprachgrenze, und am Westrand des geschlossenen fränkischen Siedlungsgebietes entwickelte sich der Begriff ›theodisc‹ aus der altgermanischen Bezeichnung ›Stamm‹ zur Eigenbezeichnung zunächst der Franken im Gegensatz zur galloromanischen Bevölkerung im Westen. Er wurde benutzt im Sinne der Kennzeichnung von ›germanisch‹ und findet sich in schriftlichen Quellen ab 786 bereits zur Kennzeichnung der Sprache mit ›lingua Theodisca‹, so zum Beispiel im Todesurteil für Tassilo auf dem Reichstag zu Ingelheim 788 aus den Stämmen der Franken, Alemannen, Sachsen, Thüringer, Baiern und Langobarden:». . . quod theodisca lingua herisliz dicitur« wegen des Ausscheidens von Tassilo aus einem Heereszug von 763 (!) (›herisliz‹ = ›Desertion‹). Es findet sich auch im Bericht des späteren Bischofs von Amiens im Jahre 786 über eine englische Synode, wo Texte »tarn latine quam theodisce«, sowohl lateinisch wie germanisch verlesen wurden, es findet sich auch im Gotischen. Nicht das Altfranzösische, sondern das Althochdeutsche war die Sprache Karl des Großen, zum Beispiel in seinem Capitulare Italicum von 801:». . . quod nos Theodisca lingua

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dicimus«, was wir in unserer germanischen Sprache so sagen. Es hatte damals noch gesamtgermanische Bedeutung.

Die Bedeutung einer Eigenbezeichnung für das Volk der germanischen Stämme des ostfränkischen Reiches als ›gens Theodiscum‹ beginnt in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts sichtbar zu werden, nachdem Karl der Große, der bewußt Germanisches pflegte, die westgermanischen Stämme seinem Reich einverleibt hatte und damit zum Weiterbestehen eines eigenständigen germanischen Volks- und Kulturlebens beitrug. Er ließ die germanischen Heldenlieder sammeln, gab eine germanische Grammatik in Auftrag, gab Anweisungen zum kirchlichen Gebrauch der ›lingua Theodisca‹ und stellte das Reiterstandbild Theoderichs des Großen aus Ravenna vor seinem Palast auf. Unter den am Hofe Karls des Großen anwesenden Adligen wurde bereits zwischen Franci und Germani unterschieden, und es wird von Fällen von Haßausbrüchen zwischen Galloromanen und Germanen berichtet sowie nach mehr als 100 Jahren von ethnischen Gegensätzen, die bei der Zusammenkunft Heinrichs I. mit Karl dem Einfältigen im Jahre 920 zu Kämpfen zwischen den Gefolgschaften der Könige führten.

Unter Karl dem Großen wurden die staatlichen Verfassungen der germanischen Stämme seines Reiches zum Teil beseitigt, die Geschlechter der Stammesherzöge verloren die Führungen. Erhalten blieben die Stammesrechte, die Karl aufzeichnen ließ. Erhalten blieben auch die Stammesgebiete unter fränkischen Statthaltern sowie die Heeresaufgebote, die auf den Reichstagen geschlossen auftraten.

Der unbekannte Biograph Ludwigs des Frommen legte den beiden Völkern die Ländernamen Francia und Germania zu. Noch nach dem Zerfall des Reichs Karls des Großen und nach mehreren Teilungen, die bereits 843 in die Sprachgrenze einmündeten - die sprachlich gemischten Gebiete lagen in Lothars Mittelreich -, wurden der ostfränkische Reichsteil und seine Bewohner als Germanien und als Germanen bezeichnet. Im Jahre 860 wird zum ersten Male die Sprachbezeichnung lingua Theodisca auf das Volk der westgermanischen Stämme übertragen »gens Theodisca. . . in lingua sua« 2.

In die Zeit Ludwigs des Deutschen, der in den Quellen zum Teil als »rex Germanorum« bezeichnet wird, fällt mit der Entstehung des ostfränkischen Reiches die Einengung von ›Theodiscus‹ auf die Bewohner dieses Reiches. So werden in einer Trienter Urkunde von 845 die Teudisci von den Langobardi unterschieden. Gegen Ende des 9. Jahrhunderts erscheint das althochdeutsche ›Diutisc‹ neben dem mittellateinischen ›Theodiscus‹ 3. Auch die Stämme formieren sich unter äußerem Zwang gegen Ende des 9. Jahrhunderts unter eigenen Stammesherzögen neu, die Sachsen 880 infolge von Einfällen der Dänen, die Baiern um 900 bei Einfällen der Ungarn, die Ostfranken in der Zeit Ludwigs des Kindes und die Alemannen in der Zeit Konrads I.

In der Zeit Ludwigs des Frommen entwickelte sich das Kloster Fulda unter seinem Abt Hrabanus (*776 in Mainz, 822-837 Abt in Fuda, 847 Erzbischof von

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Mainz, † 856) zu einem Mittelpunkt der Bewahrung der ostfränkisch-germanischen Identität. Dort wurden das Hildebrandslied und die Merseburger Zaubersprüche in Stabreimen, wahrscheinlich der Heliand und das Wessobrunner Gebet althochdeutsch »in amor Germanicae linguae«, in Liebe zur germanischen Sprache, und die Volksrechte der Stämme des ostfränkischen Reiches aufgezeichnet. Von Hrabanus stammt eine (verlorene) Schrift mit Aufzeichnungen der Runen. In der Vorrede dazu findet sich zum ersten Male die Gleichsetzung »in linguam Theotiscam vel Teotonicam«. Das letzte entstand als gelehrte Form der Chronisten aus Theodiscus 4. In einer überlieferten Fassung heißt es: »Die Buchstaben, die die Markomannen, die wir Nordmänner nennen, benutzen, haben wir unten aufgeführt. Von diesen leiten sie ihre Sprache her, die sie die Thiudiske nennen. Mit diesen zeichnen sie ihre Lieder, Gesänge und Weissagungen auf.« »Dahinter steht. . . der Gedanke von der Sprach- und Abstammungsgemeinschaft. . . , der ostfränkisch-deutschen Stämme von den Nordmannen. . .«und »der Gedanke der Sprach- und Abstammungsgemeinschaft der germanischen Völker«. 5 Aus diesem Sprachnamen entstand dann im Mittelhochdeutschen mit ›diutsch‹ der Volksname ›Deutsch‹.

Frechulf von Lisieux widmete im Jahre 830 der aus sächsischem Hochadel stammenden Gemahlin Ludwig des Frommen seine Weltchronik. Dort sagt er von den Franken: »Francos . . . de Scanza insula de qua Gothi et ceterea nationes exierunt, quod idioma lingua eorum testatur«, »die Franken stammen aus Skandinavien, von wo auch die Goten und andere germanische Stämme herkamen, die eigene Sprachen besaßen«, die dann etwa ab 900 als ›linguae Teutonicae‹ bezeichnet wurden. Nach 848 wird zum ersten Male der Volksname ›gens Teudisca‹ benutzt.

Der Mönch Otfried von Weißenburg (*800, † vor 900) schrieb in einem Brief an Erzbischof Liutbert: »Es ist Pflicht, die Tugenden zum Ruhme der Volkssprache einzusetzen. Es ist Pflicht, durch Schaffung einer Grammatik wie durch literarische Werke die Volkssprache zu pflegen und auf den Rang einer Kultursprache zu heben. Es ist Pflicht, die Geschichte der Vorfahren, das heißt des eigenen Volkes, durch volkssprachliche Geschichtsschreibung der Nachwelt zu übermitteln.« 6 Der Begriff Volk wurde von Regino von Prüm († 915) völlig übereinstimmend mit der heutigen Definition verstanden: »Die verschiedenen Völker unterscheiden sich durch Abstammung, Sprache, Sitten und Gesetze.« 7 Damit wußte die germanische Führungselite bereits zur Zeit Heinrichs I. auf Grund germanischer Überlieferung- welcher Gegensatz zum multirassischen und multiethnischen Römischen Reich! - im heutigen Sinne wissenschaftlich richtig und besser um die eigene Identität Bescheid als die heute in der Bundesrepublik herrschende politische Führungsschicht, deren Weltbilder durch wissenschaftlich längst widerlegte liberalistisch-marxistische Ideologien geprägt sind, aus denen sich die heutigen Tendenzen zur Völkerzerstörung herleiten. Zur Zeit Heinrichs I. war bereits ein im heutigen Sinne vollständiges eigenes Volks-, Sprach-, Geschichts- und Kulturbewußt-

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sein ausgebildet, und man kann annehmen, daß das Weltbild Heinrichs L, des Gründers des Deutschen Reiches, dem entsprach und seine Handlungen beeinflußte. Er lehnte eine Salbung bei der Königskrönung und eine Krönung zum Imperator Romanus ab. Dieses Volksbewußtsein bezog sich jedoch noch nicht nur auf die Einwohner seines Reiches als ein besonderes Volk, sondern war noch germanisch.

Im Jahre 887 wurde zum ersten Male die Idee des ›regnum Teutonicum‹ spürbar in Verbindung mit der Wahl Arnulfs (887-899) zum König des ostfränkischen Reiches durch den Adel der Stämme der Franken und Sachsen 8. Im Freisinger Herrscherkatalog aus dem 11. Jahrhundert heißt es: »Arnolfus rex in omni Teutonica terra genuit Ludowicum regem«, »Arnulf ist König in allen germanischen Ländern, die aus dem Reich Ludwigs entstanden.« ›Teutonicus‹ ist hier eingeengt auf die Germanen dieses Reiches. Mit der Reichsteilung beim Tode Ludwigs des Deutschen 876 kam Baiern mit dem als Mark zugehörigen Herzogtum Karantanien an Karlmann († 880), einen Enkel Karls des Großen.

879 nahm sein Bruder Ludwig III. Baiern in Besitz, das bei dessen Tod 882 an Karl III. kam. Arnulf, der ein nichtlegitimer Sohn Karlmanns war, war bei der Wahl zum König nur Markgraf und Herzog von Karantanien. Die Königswahl wurde von den germanischen Vorstellungen des Wahlkönigtums bestimmt. Die Kirche hatte daran keinen Anteil 9. Ähnliche Vorstellungen lagen der Herzogswahl in Karantanien zugrunde, die bis in das hohe Mittelalter geübt wurde. Auch hierdurch wird die Zugehörigkeit der Slowenen zur germanischen Welt sichtbar. Die Sprachunterschiede zwischen Ostvandalen und Westgermanen waren damals noch nicht sehr groß. Einhard bezeichnete in Vita Carolina, Cap. 15, die Sprache aller Germanen zwischen dem Rhein und der Weichsel, also mit Einschluß der Stämme der heidnischen Ostvandalen zwischen Saale-Elbe und Weichsel (= Sclavi) als »lingua quidem paene similes« als Sprache, die sehr ähnlich ist (der seinen).

Im Niedergang des Großmährischen Reiches unterwarf König Arnulf ganz Böhmen, das schon seit 805 dem Reich Karls des Großen tributpflichtig geworden war. Die Obodriten schlössen sich dem ostfränkischen Reich 895 freiwillig an. Die Ostgrenze hatte unter König Arnulf bedeutend mehr Aufmerksamkeit gefunden als Vorgänge im westfränkischen Reich. Im Jahre 888 lehnte Arnulf ein Angebot für die Krone des westfränkischen Reiches ab, möglicherweise auf den Rat der Stämme, die ihn gewählt hatten.

Unter dem Einfluß der Bedrohung durch die Ungarneinfälle beklagte der Bischof Salomon III. von Konstanz 906, der zeitweise Vormund des letzten ostfränkischen Karolingers, Ludwigs des Kindes, war, die Zerrissenheit des ostfränkischen Reiches: »Wenige sind unter uns, deren Sinn auf die Einheit gerichtet ist. Diejenigen, welche Verteidiger des Vaterlandes und Volkes sein sollten, geben Anlaß zum Streit. Wenn die Zerrissenheit dieses einen Volkes so groß ist, wie glaubst Du, kann dann ein so geteiltes Reich bestehen?« 10

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Unter dem Druck von Niederlagen gegen Ungarn und Wikinger wählten die Herzöge des ostfränkischen Reiches 911 in Forchheim entgegen der Erbfolge und entgegen dem Geblütsrecht nicht den letzten Karolinger, Karl den Einfältigen, König des westfränkischen Reiches, sondern den Herzog der Franken, Konrad, zum König, der als zuletzt Glückloser auf dem Sterbebett seinen Bruder Eberhard beauftragte, die Krone dem sächsischen Herzog Heinrich zu übergeben: »Bruder, wir haben die Macht, Heere zu sammeln und zu führen, wir haben feste Plätze und Waffen mit königlichem Abzeichen und überhaupt alles, was die königliche Würde erheischt außer dem Königsglück und der Königsart. Das Glück, mein Bruder, und die adeligste Art sind Heinrich zuteil geworden, die größte Macht gehört den Sachsen. Nimm diese Insignien, die heilige Lanze, die goldenen Armspangen, das Obergewand, das Schwert und die Krone der alten Könige, gehe damit zu Heinrich, mache Friede mit ihm, daß Du ihn zum Verbündeten habest für alle Zukunft.« (Widukind von Corvey, zitiert nach G. Teilenbach 11) Und Eberhard bewies mit der Ausführung des letzten Willens seines Bruders, daß es ihnen um die Erhaltung des Reiches ging.

Die Königserhebung Heinrichs I. wurde nach germanischem Brauch vollzogen. Die Auswahl des Kandidaten, sonst durch den Adel, erfolgte hier durch die Designation durch Konrad I. In Fritzlar huldigten ihm die Großen der Franken und Sachsen. Die Kirche war nicht beteiligt, und Heinrich lehnte die Salbung ab. Heinrich, auch »rex Germanorum« genannt, konnte die westgermanischen Stämme einigen, nachdem bei ihnen der Wille dazu vorhanden war. Diesem regnum Teutonicum gehörten zum Unterschied gegenüber dem späteren Kaiserreich, das noch im 15. Jahrhundert bezeichnet wurde als »Sacrum Imperium nationis Germanicae« und deutsch als »Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation« 12, nur Stämme an, die als ›gentes Theodiscae‹ bzw. ›gentes Teutonicae‹ bezeichnet wurden, was damals noch nicht identisch war mit dem Deutschen Volk. Diese Rechtsinstitution des regnum Theodiscum, dann regnum Teutonicum, bestand unabhängig von der Rechtsinstitution des Kaiserreiches, das zeitweise weit über den Gebietsstand des regnum Theodiscum, zu dem auch Böhmen und Karantanien gehörten, hinausgriff. Das kommt auch in der Eigenbezeichnung von Kaiser Heinrich II. als »rex Teutonicorum imperator Augustus Romanorum« in einer Urkunde von 1020 zum Ausdruck. In den Urkunden zum Wormser Konkordat von 1122 wurden beide unterschieden. Die Krönung zum König war die Voraussetzung zur Kaiserkrönung. Zum germanischen regnum Theodiscum Heinrichs I. gehörten die Stämme der Sachsen, Franken, Lothringer, Thüringer, Alemannen und Baiern, aber auch die Böhmen und mit dem Herzogtum und der Markgrafschaft Karantanien die Slowenen. Das Volksrecht der Slowenen ist im Anhang zum Schwabenspiegel aus dem 12. Jahrhundert niedergelegt. An den Verhandlungen zur Königswahl von Konrad II. 1024 wirkten mit die Erzbischöfe von Mainz, Köln, Trier und die Herzöge von Sachsen, Baiern, Alemannien, zwei

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Herzöge der Franken und die Herzöge von Böhmen und Kärnten. Im Sachsenspiegel (um 1230) heißt es, daß der böhmische König von der deutschen Königswahl ausgeschlossen ist, da er kein Deutscher ist. Die Kurfürsten sind bis dahin die oben genannten Herzöge der ersten fünf Stämme. Das Kurrecht des böhmischen Herrschers ist vom Erblichwerden des Königstitels nach 1211 durchgehend bezeugt. Vorher nahm er an den einzelnen Königswahlen teil 13.

›Theodiscus‹ hatte, wie anfangs ›Teutonicus‹ auch, noch die Bedeutung von ›germanisch‹. Die Böhmen und Slowenen wurden nach allen chronistischen Belegen als Germanen angesehen. Aber heidnische Germanen, Nord- und Ostgermanen, Sclavi = Ostvandalen, waren nicht Mitglieder des regnum Theodiscum. Das Wort ›Theodisc‹ als Eigenbezeichnung wanderte von den Westfranken nach Osten. So überraschte es nicht, daß von Böhmen aus gesehen Theodici von Bohemi unterschieden wurden.

Wie schon vor ihnen in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts kämpften die sächsischen und salischen Könige und Kaiser um die Erweiterung des Reiches nach Osten. Dort war das Reich erweiterungsfähig. Dort herrschten ostgermanische Fürsten kleinerer Stämme, die vor allem zu den Fürstengeschlechtern der drei skandinavischen Reiche vielfache verwandtschaftliche Beziehungen hatten und von dort im germanischen Sinne als ebenbürtig anerkannt waren. Ihre Stämme waren nach der Rückwanderung der Ostvandalen zum Teil als Vereinigung von ostvandalischen mit anderen germanischen Stämmen als Neustämme entstanden. Daß in den Ostvandalen ein germanisches Volksbewußtsein vorhanden war, das mindestens bis in die Zeit der Teilung in West- und Ostvandalen zurückreichte, offenbarte sich bei dem Kampfaufruf zum großen Wendenaufstand in Rethra 983 und kommt auch in gemeinsamen Sagenstoffen zum Ausdruck. Die Erweiterung des Reiches nach Osten bezog also ähnlich wie die Karls des Großen nur germanische Stämme ein. Schon im Jahre 909 unterscheidet eine italienische Urkunde ›gens Francorum‹, ›gens Langobardorum‹ und ›gens Teutonicorum‹. Im Jahre 1025 wird zum ersten Male der Ländername ›terra Theodisca‹ verwendet, und in der Mitte des 12. Jahrhunderts wird in der Regensburger Kaiserchronik erstmalig der deutsche Volksname mit dem Substantiv ›Diutiscan‹, ›die Deutschen‹, verwendet. Bis etwa 1100 hatte sich der Inhalt des mittellateinischen Adjektivs ›Teutonicus‹ auf die germanischen Stämme im regnum Teutonicum eingeengt. Gleichzeitig war aus dem althochdeutschen ›Theodisc‹ das mittelhochdeutsche ›Diutsch‹ geworden. Ohne Bruch überleitend aus den germanischen Einwohnern des regnum Theodiscum und dann des regnum Teutonicum, kann erst dann von den Deutschen gesprochen werden, zu denen damals noch die Hamen und die Niederländer gehörten. Infolgedessen ist es nicht richtig, ›Theodisc‹ und vor dem 12. Jahrhundert ›Teutonicus‹ mit ›Deutsch‹ zu übersetzen.

Unter den salischen Kaisern schließlich ist ein voll ausgebildetes Nationalbewußtsein in dem ursprünglichen und richtigen Sinne von ›natio‹ = ›Volk‹ vorhanden. Um 1080 zum Beispiel ist im Annolied die Rede »Diutschin

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sprechin«, »Diutschin Liute« (Leute), »Diutsch Volk« und »Diutsch Land« mit der dichterischen Krönung dann im Deutschlandlied Walthers von der Vogelweide.

Auch die damaligen Chronisten sind sich der Entstehung des Deutschen Reiches bewußt. Otto von Freising (1112-1158) schreibt in seiner Weltchronik (1143-1146) für die Königserhebung Heinrichs L: »Ex hinc quidam post Francorum regnum supputant Teutonicorum«, »von da ab wird nach dem fränkischen Reich das Reich der Deutschen gewählt«, und er definiert als ». . . totam orientalem Franciam, quod modo Teutonicam regnum vocatur, id est Baioariam, Sueviam, Saxoniam, Turingiam, Frisiam, Lotharingiam«, »das ganze ostfränkische Reich, was jetzt Reich der Deutschen genannt wird, das sind Baiern, Schwaben, Sachsen, Thüringen, Friesland und Lothringen.«

Die Entstehung des Deutschen Reiches aus dem Reich Karls des Großen vollzog sich staatsrechtlich in einer Reihe von Teilschritten. Im Jahre 843 wurde im Vertrag zu Verdun das Reich nach dem Teilungsbeschluß von 833 und nach fränkischem Recht geteilt, der Anspruch des Gesamtreiches blieb erhalten. Ludwig der Fromme legte den fränkischen und langobardischen Königstitel sowie den römischen Zusatz zum Kaisertitel ab. Ludwig der Deutsche datierte Urkunden nach dem Beginn des ostfränkischen Reiches ab 833. Dieses wurde nach dem Tode Ludwigs des Deutschen 876 nach fränkischem Recht unter seine Söhne geteilt. Karlmann (t880) erhielt Baiern, das 879 an Ludwig kam. Ludwig III. erhielt Ostfranken, Sachsen und Thüringen, die nach dem Tode Ludwigs 882 Karl III. erhielt, dieser bekam Schwaben und Churwalchen. Bei der Wahl Arnulfs 887 wurde noch nach dem Geblütsrecht, aber bereits nicht mehr nach dem Erbrecht, verfahren. Da Arnulf die Krone Westfrankens 888 ausschlug, war der Anspruch der Einheit des Fränkischen Reiches aufgegeben worden und die Trennung in das west- und das ostfränkische Reich vollzogen. 911, nach dem Tode des Sohnes von Arnulf, Ludwigs IV. des Kindes, des letzten ostfränkischen Karolingers, wurde mit der Wahl des Herzogs der Ostfranken, Konrad, auch das Geblütsrecht aufgegeben. 919 ging das Königtum von den Franken auf die Sachsen über, und 936, bei der Ausführung der Designation Ottos, wurde das Reich unteilbar, die Teilbarkeit nach fränkischem Recht war aufgegeben. Otto wies den Titel ›rex Francorum et Langobardorum‹ sowie den römischen Kaisertitel zurück 14.

Aus sehr zeitbedingten und durchsichtigen Gründen wird heute immer wieder behauptet, Völker hätten für dynastische Machtpolitik bis in die Neuzeit mit der Entstehung von Nationalbewußtsein und Nationalstaaten keine Rolle gespielt. In der germanischen Welt bestanden Verhältnisse gegenseitiger Abhängigkeit zwischen Volk und Führung. Die Freien wählten die Könige aus dem Königsgeschlecht, im Krieg durch Schilderhebung. Die Könige waren ihrem Volk verantwortlich und konnten bei fehlendem Königsheil auch abgesetzt werde wie zum Beispiel Karl III. vor der Wahl Arnulfs im Jahre 887.

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Schon mit Heinrich I. war ein ausgeprägtes Volks- und Staatsbewußtsein vorhanden, das dann sogar verfassungsrechtlich in den Unterschieden zwischen dem deutschen Königtum und dem Kaisertum zum Ausdruck kam. Damals wurde etwas erreicht, was 1000 Jahre später mit dem Anspruch jedes Volkes als Selbstbestimmungsrecht verkündet wurde.

Mit der Annahme der Krönung zum Kaiser entstanden seit Otto I. Reichsideen, die über dieses Reich der Deutschen hinausgriffen und hier außerhalb der Betrachtung bleiben.

Die Tragik, die aus seiner zentralen und geopolitisch nach drei Seiten hin offenen Lage entsprang, war der dann folgende Niedergang dieses Reichs der Deutschen, bis nach einer erneuten Selbstfindung das Reich wieder im 31jährigen Krieg 1914 bis 1945 vernichtet wurde.

Daß die Erweiterung des Reiches im Mittelalter nach Osten mit besonders grausamen Religionskriegen verquickt war, ist ein weiterer tragischer Vorgang der deutschen Geschichte. Diese Religionskriege (»Tod oder Taufe«) überschatteten das Zusammenwachsen der ost- und westgermanischen Stämme und betrafen noch die Bekehrung der indogermanischen Prußen durch den Deutschen Orden. Diese Reichserweiterungen hatten aber den Erfolg, daß unter ihren Herzögen Böhmen 929, Mecklenburg 1127, Pommern 1182 und Schlesien 1278 dem Reich lehnspflichtig wurden, wobei alte Stammesgliederungen erhalten blieben. In Brandenburg übertrug der letzte kinderlose Hevellerfürst sein Land 1150 dem Askanier Albrecht. Die Sorben gingen in der Mark Meißen auf, die 1189 den Wettinern übertragen wurde. Teile der Sorben konnten sich in der Lausitz und im Spreewald ihre Sprache bis heute erhalten.

Um die Verluste der Religionskriege auszugleichen und zum inneren Landesausbau beizutragen, riefen die Fürsten dieser neuen Länder des Reiches deutsche Siedler herein, mit denen dann die nord- und ostgermanischen Ansässigen im hohen Mittelalter verschmolzen. In West- und Ostpreußen schließlich dauerte die deutsche Volkswerdung unter dem Deutschen Orden und später mit Einbeziehung von Siedlern aus ehemals westgermanischen Stämmen, von Niederländern und Flamen, fast 700 Jahre länger als im Westen des Reiches. Von den deutschen Siedlergruppen, die bis in das hohe Mittelalter und noch danach in fremde Umgebungen im Osten und Südosten kamen, überlebten nur die Siebenbürger Sachsen bis heute, die dort durch Reste der Gepiden verstärkt worden waren, weil bereits seit der Ansiedlung ab 1140 bis 1867 eine völlige Autonomie im Sinne eines heutigen Volksgruppenrechtes für sie bestand. Sie konnten als Letzte manches in der alten Heimat Westfranken und Flandern lebendige germanische Erbe bis heute bewahren.

Während die gebräuchlichen Völkernamen zumeist Ableitungen von Eigennamen von Ländern oder Stämmen sind, ist der Volksname ›Deutsch‹ als Eigenbezeichnung entstanden aus dem altgermanischen ›theudo‹ = ›Volk‹. Dies ist eine ausreichende Begründung für einen »deutschen Sonderweg«, für das Dasein des letzten bis 1945 weitgehend unvermischt gebliebenen größeren

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Volkes der indogermanischen Völkerfamilie, das jetzt in der multiethnischen und multikulturellen Gesellschaft der EG und ihrer beabsichtigten Weiterentwicklung seine Endlösung finden soll. Dieser Völkerzerstörung steht das Erwachen der Völker Osteuropas und der zerfallenen UdSSR gegenüber, das zur unvollendeten deutschen Revolution in der DDR führte. »Wir sind das Volk, wir sind ein Volk«, 9. 11. 1989.

Anmerkungen:

1. Vgl. L. Weisgerber, Deutsch als Volksname, Ursprung und Geschichte, Darmstadt 1953.

2. Ebenda.

3. J. Strasser, Diutisk-deutsch. Neue Überlegungen zur Entstehung der Sprachbezeichnung, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Phil. Hist. Kl. Sitzber. , 444, 1984.

4. W. Wegener, Böhmen, Mähren und das Reich im Hochmittelalter, Graz 1959.

5. K. Rexroth, »Volkssprache und werdendes Volksbewußtsein im ostfränkischen Reich«, in Nationes, 1, 1978, S. 275.

6. Ebenda.

7. W. Schlesinger, »Kaiser Arnulf und die Entstehung des deutschen Staates und Volkes«, in Historische Zeitung, 163,1941, S. 457.

8. Vgl. L. Weisgerber, aaO.

9. Vgl. W. Schlesinger, aaO.

10. R. Rexroth, aaO.

11. G. Teilenbach, Die Entstehung des deutschen Reiches, München 1940.

12. H. Eggers, Der Volksname Deutsch, Darmstadt 1970.

13. Vgl. W. Wegener, aaO.

14. E. Müller-Mertens, Regnum Teutonicum, Graz 1970.

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