PAUL-LUDWIG WEINACHT
Quo vadis Germania?

Jugend und Nation

»Pfui! Pfui über das schlappe Jahrhundert, zu nichts nütze, als die Taten der Vorzeit wiederzukäuen und die Helden des Altertums mit Kommentationen zu schinden und zu verhunzen mit Trauerspielen.« So explodiert der Räuber Moor in einer Schenke an den Grenzen von Sachsen, nachdem er im Plutarch von großen Menschen gelesen hat, unter die er sich selbst nur allzugerne einreihen möchte: »Ah! daß der Geist Hermanns noch in der Asche glimmte! - Stelle mich vor ein Heer Kerls wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenklöster sein sollen. (Er wirft den Degen auf den Tisch und steht auf. )« 1

Jugendtypische Weltansichten waren in der Beurteilung Älterer zumeist durch Hitze des Gefühls, Mangel an Erfahrung und Menschenkenntnis und moralische Unbedingtheit bestimmt; wo davon Abweichungen vorliegen - wie etwa in der Abweichung des Junkers Franz vom Räuber Moor -, da scheint ein Jüngling in der Blüte welk geworden: in diesem Fall gilt er als verdorben, in einem ändern als frühreif, in einem dritten als puer senex. Jugendtypische Weltansichten können gesellschaftliche Effekte erzielen, indem sie auf die älteren Generationen zurückwirken, von dort her oder unmittelbar den gesellschaftlichen Diskurs steuern, zum Beispiel dadurch, daß sie die Verständigung innerhalb der jungen akademisch gebildeten Generation bestimmen und in eine Jugendbewegung münden. Jugendbewegungen gibt es in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert. Das Modell lieferten jene zwölf Jünglinge, die die Kultur der Aufklärung infrage gestellt und ihre eigene Lebensart an die Stelle gesetzt haben. Nietzsche verlangte neuerlich hundert solcher Stürmer und Dränger, um mit ihnen das 19. Jahrhundert zu überwinden.

An dessen Beginn standen die Burschenschaften. Einer ihrer Erwecker war der große Fichte mit seinen Reden an die deutsche Nation. Deutschland sollte als weltgeschichtliche Nation wiedergeboren werden, und die junge Generation

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sollte dieses zuwege bringen: »Nicht die Natur ist es, die uns verdirbt, diese erzeugt uns in Unschuld, die Gesellschaft ist's. Wer nun der Einwirkung derselben einmal sich übergibt, der muß natürlich immer schlechter werden, je länger er diesem Einflüsse ausgesetzt ist.« So hoffte er also, und er spricht sie ganz unmittelbar an: »daß Ihr noch fähiger seid eines jeglichen über das Gemeine hinausliegenden Gedankens und erregbarer für jedes Gute und Tüchtige, weil euer Alter noch näher liegt den Jahren der kindlichen Unschuld und der Natur«. Auch wenn die Älteren nichts unversucht ließen, sie von ihren Träumen einer besseren Welt abzuziehen und in die gewohnten Geleise zurückzulenken, so sollten sie doch an ihren Gesichten festhalten; »wie könnte sonst jemals ein besseres Geschlecht beginnen?« Wenn der Schmelz der Jugend und die Schwärmerei von ihnen dereinst abfielen, müßten die »Kunst des Denkens« und der »Charakter« bewahren, was vormals durch Einbildungskraft genährt worden sei. 2

Eine Jugendbewegung aus Fichteschem Pathos entsteht erst wieder zu Beginn unseres Jahrhunderts. Die Freideutsche Jugend gab ihr im Oktober 1913 auf dem Hohen Meißner das Programm: »aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit«. Es war ein Verhängnis, daß dieser Generation als Feld ihrer Selbstverwirklichung das Schlachtfeld und ihren Überlebenden vielfach ein Leben in sozialer und ökonomischer Bedrängnis und in ungefestigter Republik beschieden war. Die zahlreich besetzten Alterskohorten der Jungen zeigten Deutschland vom Beginn des Kaiserreiches bis zur Mitte unseres Jahrhunderts als ein »junges Volk«.

Aber erst in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg war in der deutschen Geschichte das Wirken einer eigenständigen ›jungen Generation‹ durch alle Schichten und Stände des Volkes zu spüren. Sie bildete nicht einfach die jugendliche Mitgliedschaft von Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, sondern formierte sich »als eigener Stand«, die der älteren Generation mit eigenen Ansichten, Plänen und Forderungen gegenübertrat. Das wurde um so deutlicher, als ein Großteil der Formen und Vorstellungen der älteren Generation mit Kriegsende und Revolution vergangen und zerbrochen war 3. So hatte auch der Nationalsozialismus, wie von Krockow in seinem Buch über Die Deutschen in ihrem Jahrhundert feststellt, »Jugendcharakter« 4. Durch »Erfassung« nichtor-ganisierter Jugendlicher und Verbot oder Gleichschaltung konkurrierender Jugendverbände seit dem Ermächtigungsgesetz verstärkte der Nationalsozialismus seinen Jugendcharakter weiter. Kein totalitäres Regime im 20. Jahrhundert, das nicht die jungen Generationen unter die Kontrolle der Staatspartei gebracht hätte - in Mitteldeutschland löste die FDJ die HJ als Monopolorganisation ab. Nur wenigen Verbänden, im kirchlichen Bereich etwa dem Kolping Zentralverband, war unter den Nationalsozialisten für eine Übergangszeit der öffentliche Versuch gestattet, zwischen Abgrenzung und Unterwerfung zu balancieren: »Nur eine starke und opferbereite Kolpingbewegung«, so las man im April 1933 im Kolpingsblatt, sei in der Lage, die nötige

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Mitarbeit am Staatsaufbau zu leisten. »Stahlhelm und Hitlerbewegung wollen ihre Menschen ganz haben. Wir wollen ebenfalls unsere Mitglieder ganz haben. Wir haben deshalb die Zugehörigkeit unserer Mitglieder zu irgendwelchen anderen Organisationen. . . abgelehnt und nur in besonderen Fällen eine Ausnahme gestattet. So wollen wir's auch in Zukunft halten.« 5

Zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entsteht - diesmal von neomarxistischen Ansätzen im Hochschulbereich her - wieder eine Jugendbewegung. Was immer ihre Anliegen waren - sie bewirkt in der Mentalität jüngerer Westdeutscher eine nie gekannte Bereitschaft, an der »silent revolution« von sog. materiellen zu sog. postmateriellen Werten teilzunehmen. 6 Günter Rohrmoser sah darin den jugendtypischen Aufstand des Irrationalismus gegen das rationalistische Formprinzip der Industriegesellschaft. 7 Wolfgang Behr diagnostizierte, was Protagonisten des Jugendprotests selbst zu Protokoll gaben: In der jungen Generation zeige sich die Gesellschaftskrise am klarsten: »Der Jugendprotest ist die einzige nennenswerte Widerstandsbewegung gegen die Entwicklung der Aushöhlung des demokratischen und sozialen Rechtsstaats, wie er im Grundgesetz konzipiert ist.« 8 Christian von Krockow deutete die 68er Bewegung funktional als Moment einer Beschleunigung unaufhaltsamen sozialen Wandels. In der Moderne würden Generationenkonflikte zum zentralen Mittel der Auseinandersetzung, wobei eine Verlagerung vom Objektiven zum Subjektiven hin stattfinde: »aus den einstigen Königsdramen, in denen um schicksalhaft vorgegebene Positionen gefochten wurde, sind Psychodramen des Ich und des Wir geworden, in denen Selbstinszenierungen die Positionen und die Schicksale überhaupt erst erschaffen.« 9

Mit dem Ende des alten Ost-West-Konflikts kehren objektivierbare Positionskämpfe zwischen Nationalstaaten in Europa und in Übersee und handfeste, vom Überleben der Menschheit diktierte Aufgaben auf die gesellschaftliche und politische Tagesordnung zurück. In der Bundesrepublik unterhaltsam gewordene Selbstinszenierungen geraten dadurch mehr und mehr auf die Feuilleton-Seiten der Zeitung: von »What's left?« (FAZ) bis zu larmoyanten Beiträgen einer »National-Debatte« (FR). Inmitten des neu zu strukturierenden internationalen Systems, ökonomischer und sozialer Krisen, neuer Migrationen und einer zerbröselnden mittel- und (süd-)osteuropäischen Staatenkarte muß der deutsche Nationalstaat soziale Kohäsion gewinnen, in westeuropäischer und atlantischer Einbindung seine politische Form und seine außen- und bündnispolitische Rolle definieren und nicht nur äußere Imageprobleme, sondern innere Identitätsprobleme zu lösen versuchen. Eine neue Jugendbewegung ist aus alledem bislang nicht entstanden. Es scheint eher, als verharre die Jugend oder das, was sich in einer vergreisenden Gesellschaft an sozialem Protest und neuen sozialen Bewegungen dafür ausgibt, in den Träumen und Albträumen der Altachtundsechziger. Statt das Ende der verordneten Lüge im »realen Sozialismus« aufzuarbeiten und altbundesdeut-

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sehe Einseitigkeiten zu überwinden, hängt man der Einheit der Nation den Modergeruch der fatalen Rückkehr an (»Viertes Reich«). Und tatsächlich galt Wiedervereinigung bis ins Jahr 1990 hinein als Friedensrisiko, als Gefahr für die Entspannung und mehr und mehr auch für einen demokratischen Sozialismus, wie er in der DDR nunmehr möglich schien, in jedem Falle aber als Rückfall-Risiko, da ein Nationalstaat für Deutsche die hierzulande vorgestellte finale Menschheitsgesellschaft (»offene Republik«) in Gefahr brachte. 10

Die Nation und ihr Staat - das waren im Osten ideologische Errungenschaften, im West undankbare, ja undenkbare Themen geworden. Beides hat mit der »Vermittlung einer fundierten Wertorientierung« an die Jugend zu tun, wozu das christlich-abendländische Welt- und Menschenbild, aber auch »Kenntnis und Auseinandersetzung mit der Geschichte« gehören. 11 Zur letzteren hat auch Hellmut Diwald mit seinem schriftstellerischen Lebenswerk Beachtliches beigetragen. Es kann jungen Deutschen mit der fachlichen und moralischen Autorität des Historikers sagen, daß ihr Verhältnis zur eigenstaatlichen Vergangenheit nicht darin aufgehen muß, daß sie nostalgisch werden oder daß sie sich von ihren Vätern und Großvätern als »Tätern« lossagen und sich aus der Opfer-Perspektive neue Identität borgen 12. Wie soll ein Volk auch politisch fortexistieren, das sich wieder und wieder gegen sich selbst kehrt? Kann es seine Rolle in Europa selbstbewußt übernehmen, wenn es seine schwierige Geschichte als ein »Verbrecheralbum« vorgeführt bekommt ? Kann es nüchtern abwägen, wie Deutschland, ohne die gewachsene Westbindung in Frage zu stellen, seine wiedergewonnene Mittellage nutzen muß, um das Seinige zur Vermittlung zwischen den Völkern Mittel- und Osteuropas und denen im Westen beizutragen? 13

Fichtes Reden an die Nation nahmen ihren Ausgang von einer moralischen Krise der Gesellschaft und Staatenwelt: von der Selbstsucht. Durch ihre vollständige Entwicklung habe die deutsche Staatengesellschaft in der Herausforderung durch den großen Korsen »ihr Selbst und das Vermögen, sich selbständig Zwecke zu setzen, verloren«. Als Remedium gegen den Selbstverlust durch Selbstsucht empfahl Fichte neue Solidaritäten: »Es bleibt nichts übrig, als ein ganz andres und neues, über Furcht und Hoffnung erhabenes Bindungsmittel zu finden, um die Angelegenheiten ihrer Gesamtheit an die Teilnahme eines jeden aus ihr für sich selber anzuknüpfen.« Als dieses neue sozialmoralische Band gelten ihm Gemeinsinn, Vaterlandsliebe, Nationalgefühl. 14 Lassen sich in Deutschland angesichts des Wettbewerbs zwischen Besitzstandswahrung im Westen und Gleichstellungsdrang im Osten derartige sozialmoralische Ressourcen überhaupt noch in Anspruch nehmen? Ist der Sinn der Jungen für die Geschichte und die Zukunft ihres Landes so weit geöffnet, daß er zur Vaterlandsliebe sich erwärmen könnte? Hat im vereinten Deutschland ein Nationalgefühl eine Chance, das es uns erlaubt, an den politisch-historischen Aufgaben Europas aktiv und selbstbewußt teilzunehmen? Natürlich werden solche Fragen in einem, wie wir hoffen, auch in

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Zukunft freien und demokratischen Lande dadurch entschieden, daß man das in Frage Stehende verwirklicht, also daß Gemeinsinn in Anspruch genommen, an Vaterlandsliebe appelliert, ein Mindestmaß an Nationalgefühl unterstellt wird. Indes wollen wir zur Klärung des Sachverhalts solange nicht zuwarten, sondern wenden uns Befragungen zu, mit denen wir in die Gemütslage deutscher Jugendlicher hineinzuleuchten versucht haben.

Umfrage unter Studenten in alten und neuen Ländern

Das Haus der Bundesrepublik beherbergt seit dem 3. Oktober 1990 die Bevölkerung des Ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates. Diese hatte bekanntlich die Erschütterungen des Sowjetsystems zur inneren Demokratisierung genutzt. Die meisten unter den Intellektuellen und Studenten standen damals auf der Seite des Aufrufs »Für unser Land«. An den Bekundungen der Bevölkerung in den südlichen Bezirken der DDR für ein einiges Vaterland hatten sie nur geringen Anteil. Eine Studie über Studenten in den neuen Ländern trug den vielsagenden Titel: »im Abseits der Vereinigung«. Gleiches gilt übrigens für die Studenten in der alten Bundesrepublik: die meisten warteten auf das Zeichen zum Abmarsch in eine postnationale Gesellschaft. Im Wintersemester 1990/91 fuhr ich von der Universität Würzburg aus mit einem Gastwissenschaftler aus den USA an die Universitäten Frankfurt am Main, Halle, Leipzig. Wir machten eine der ersten Studentenumfragen im vereinten Deutschland; sie wurde 1991 im Deutschland-Archiv abgedruckt. Zwei Jahre darauf wiederholte ich die Umfrage und bezog die Pädagogischen Hochschulen in Erfurt und in Freiburg i. Br. mit ein. Die Ergebnisse dieser zweiten Umfrage sind ebenfalls im Deutschland Archiv erschienen. 15 Bei unserer Recherche gingen wir von der Überlegung aus, daß das Staatsschiff der Bundesrepublik vorerst unter der Kontrolle von Westpolitikern bleibe, also ungefährdet sei; so ungefährdet, wie es sich gegenüber der Kandidatur des Nonkonformisten aus der DDR-Gesellschaft, Steffen Heitmann, erweisen sollte, über den sie bald rauhbeinig, bald hämisch-brüchig herzogen und seine Botschaft ebenso chancenlos machten wie seine Bewerbung, die er daran band. Allerdings gingen wir auch davon aus, daß auf mittlere Sicht das deutsche Staatsschiff insbesondere dann auf Kurs bleiben könne, wenn die künftigen Eliten ein Mindestmaß an Gemeinsamkeiten aufwiesen oder doch zu entwickeln bereit und in der Lage wären. Waren nach 40 Jahren noch Gemeinsamkeiten zu erwarten? Und welcher Art wären sie?

1. Unser erstes Interesse galt den Vorstellungen, die unter Studenten zur Rolle des vereinten Deutschlands in der Welt vorhanden sind. Wir waren skeptisch, ob es zwischen den akademischen Nachwuchskadern einer sozialistischen Funktionärsgesellschaft und den Angehörigen westlicher Massenuniversitäten übereinstimmende Orientierungen gäbe.

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2. Sodann ging es uns um das innere Verhältnis zwischen den Studenten der DDR, die wir seit dem Jahr 1990 bald »Ost«-Deutschland, bald neue Länder nennen, und denen der sog. alten Länder der Bundesrepublik, die über Nacht zur »Alt«-Bundesrepublik geworden war. Wir erwarteten manche wechselseitige Vorbehalte, innere Mauern. Denn vielen West-Studenten fehlte es an Empathie mit ihren Ost-Kommilitonen und diesen an »lebenswichtigen Innenorientierungen«, so daß es bei ihnen - wie der Hallenser Psychotherapeut Maaz es sieht - zu einem bislang nie erlebten »Gefühlsstau« kommen mußte. 16 Was würden die Folgen für die Einheit der Deutschen sein?

3. Schließlich ging es uns um das Verhältnis der beiden Studentenschaften zur politisch-moralischen Befindlichkeit der Nation und der Last ihrer, wie es schon heißt, »doppelten Vergangenheit«. Hätte Hellmut Diwald mit der Vermutung recht, die er in Deutschland einig Vaterland mitteilt, daß »die Mauern um unser Bewußtsein auch dann noch« stehen würden, »wenn die äußeren Mauern schon längst zertrümmert und abgetragen sind« - nämlich das bewußtlose Einverständnis mit der entwürdigenden Lage der Deutschen in der Welt, die er - polemisch zugespitzt - als eine Langzeitwirkung besatzungspolitischer Umerziehungsmaßnahmen deutet? 17

Zu l. Mit einigem Erstaunen bemerkten wir, daß die Studenten in den neuen Ländern zur Rolle des vereinten Deutschlands in der Welt ähnlich denken wie ihre Kommilitonen in den alten Ländern: Das Land erscheint ihnen als Großmacht auf leisen Sohlen, es darf diplomatisches und wirtschaftliches Gewicht für sich beanspruchen, soll aber militärisch oder machtpolitisch unambitioniert bleiben. Ein Grenzenproblem, so scheint es, existiert nicht mehr für sie. Das Land ist territorial saturiert. Nur jeder zehnte im Westen und jeder zwanzigste im Osten will im Blick auf Schlesien oder Ostpreußen den heutigen Grenzverlauf noch einmal diskutieren. Zu den europäischen Nachbarn wünscht man gute und enge Beziehungen, an erster Stelle - in Ost wie in West - zum Land Gorbatschows und Jelzins; engere Beziehungen mit Frankreich und Polen, Japan und Großbritannien folgen auf den Plätzen. Erst wenn man negativ fragt, zu welchem Land das vereinte Deutschland auf Distanz halten solle, ergeben sich Unterschiede: Oststudenten nennen häufig Israel, Weststudenten häufig China an erster Stelle. Den einen steckt ganz offensichtlich die antizionistische und pro-palästinensische Propaganda der SED in den Knochen, den anderen die West-Berichte über den Platz des Himmlischen Friedens. Unter den Staaten, zu denen auf Distanz gehalten werden soll, gehören - wenn auch ohne Schärfe - auch die USA. Völliges Einvernehmen besteht hinsichtlich der Länder der Dritten Welt: Entwicklungshilfe dürfe trotz steigender Kosten für die Wiedervereinigung nicht gekürzt werden, meinen 9 von 10 Befragten. Was die Vereinten Nationen und ihren Sicherheitsrat angeht, so stimmen die meisten damit überein, daß Deutschland sich um einen

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ständigen Sitz bemühen solle: drei von vier Oststudenten und zwei von drei Weststudenten sind dieser Meinung. Militärische Folgen soll eine solche Option für Deutschland jedoch nicht haben - hier sind sich vor allem die Oststudenten einig.

Das sicherheitspolitische Meinungsfeld erweist sich als einigermaßen schwierig. Schließlich hat man in Leipzig und in Würzburg in feindlichen Armeen gedient. Ein Verbleib in der NATO war zunächst nur im Westen mehrheitsfähig. (Dort hatte man freilich nicht über die Konditionen diskutiert, zu denen die Bundesrepublik ihren Mitgliedsstaats sichern sollte - ob als gleichberechtigt oder, wie es heute der Fall ist, mit einseitig festgeschriebenen Rüstungsbeschränkungen und mit internationalen Truppenkontingenten auf seinem Territorium. ) Schon zwei Jahre nach der ersten Befragung ging der Widerstand unter den Oststudenten zurück: 46 % von ihnen bejahen jetzt den NATO-Status Deutschlands, und nur 29 % bleiben ablehnend. Im Westen klettert derweil die Zustimmung zur NATO auf acht von zehn, und nur einer von zehn beharrt noch auf Austritt. Höhere Zustimmungsraten als die NATO findet im Osten ein rein europäisches Verteidigungsbündnis: gut die Hälfte der befragten Studenten fände es gut, im Westen gar drei von vieren. Es verdient Beachtung, daß ein europäischer Atomwaffenpool mit deutscher Beteiligung als zustimmungsfähig gilt. Was vor wenigen Jahren noch von der Friedensbewegung gefordert war, Abrüstung um jeden Preis, notfalls gar die einseitige Auflösung der Bundeswehr, ist der Schnee von gestern: 53 % im Osten, 71 % im Westen lehnen sie heute ab, nur jeder dritte Oststudent und gerade einmal 16 % der Weststudenten wären dafür.

Erstaunlich ist die Übereinstimmung in dem, worin sich Deutschland international auszeichnen solle. Wir gaben neun Möglichkeiten vor: vorn liegen in Ost und West gleichermaßen 1. der Umweltschutz, 2. soziale Sicherheit. 3. Bürgerrechte. Am Ende stehen die Musen und das Militär. Bei soviel Harmonie fragt man sich, worin denn nun die Auswirkungen der Erziehung in Margot Honeckers sozialistischer Volksbildung liegen. Wir fragten daher nach den alten Idealen. Zwei Sätze standen dafür zur Auswahl. Der erste lautet:

a) »Der Marxismus-Leninismus hat Millionen von Menschen um ihre Zukunft betrogen. In seinem Namen wurden schreckliche Verbrechen begangen und fortwährend die Menschenrechte verletzt. Er ist und bleibt diskreditiert.«

Dieser Satz erhält unter fünf Befragten nur von einem die Zustimmung - im Westen sind es gerade einmal 36 %. Der zweite Satz lautet:

b) »Der Marxismus-Leninismus beruht auf Prinzipien, die gut sind, aber schlecht ausgeführt wurden. Besser eingesetzt, könnten sie für die Welt von morgen hilfreich sein.«

Diesem Satz stimmen drei von vier Oststudenten zu! Im Westen erhält er immerhin 57 % Zustimmung, die meiste übrigens von Lehrerstudenten an

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einer baden-württembergischen PH (Freiburg: 66 % !). Anders als im Westen dürfte man in Leipzig, Halle und Erfurt durchaus vertraut damit sein, was die Formel Marxismus-Leninismus meint. Während sie hierzulande womöglich vage eine rot-grünen Tendenz wachruft, bezeichnet der ML in der ehemaligen DDR die zur Selbstrechtfertigung dienende Doktrin der kommunistischen Partei, ihre wissenschaftliche Weltanschauung mit Normen wie Parteilichkeit, Klassenkampf, Diktatur des Proletariats, Materialismus und Atheismus. Gewiß muß offenbleiben, welche dieser Normen noch aktuell sind und welche in den Hintergrund treten. Es bleibt die Vermutung, daß so, wie im Westen die 68er Generation mit den Idealen der Frankfurter Schule durch die Institutionen marschiert ist, wo sie in den Medien, in den Wissenschafts- und Bildungsinstitutionen, in Gerichten zu Einfluß gekommen ist, auch die DDR-Jugend durch die Institutionen marschieren wird.

Halten wir also fest: Deutschlandpolitisch liegen die Studenten gar nicht so weit auseinander, man möchte von einem epochen- und jugendspezifischen, von einem bildungsspezifischen Gleichklang sprechen. Unterschiede zwischen Ost- und Weststudenten zeigen sich in ihrem Verhältnis zur Bundeswehr, zu Israel bzw. China und zur marxistisch-leninistischen Ideologie. Da man aber weitere Angleichungsprozesse erwarten darf, geht man wohl nicht fehl, wenn man die bereits erkennbaren Gemeinsamkeiten betont. Demnach haben wir aus vierzigjähriger Spaltung der Nation nicht zwei, sondern eine, wenngleich in sich keineswegs einheitliche akademische deutsche Jugend zurückerhalten.

Zu 2. Wie sieht diese Jugend ihre Einspannung in die west-östlichen Teilgesellschaften? Welche sozialpsychologischen Distanzen machen sich bemerkbar?

Als grundlegende Herausforderung, in der alle weiteren Probleme verortet sind, gilt uns die Systemtransformation, die zunächst die DDR-Gesellschaft, im weiteren aber auch die BRD-Gesellschaft betrifft. Die vormaligen DDR-Bürger empfinden keine Bringschuld für einseitige Anpassungsleistungen, sondern wünschen einen Äquivalenten-Tausch. Das beschwörende Wort heißt Errungenschaften - irgendwie muß es sie doch geben: als Recht auf Arbeit, kostenlose Kinderkrippen und Kinderhorte und Ähnliches. Die tatsächliche Machtlosigkeit der bankrotten DDR, die bereits Lothar de Maiziere erfahren mußte, provoziert Ressentiments gegen die Sieger, steigert das Leiden an tatsächlicher oder empfundener Zweitklassigkeit. Ein in Erfurt an der Pädagogischen Hochschule tätiger West-Kollege beschrieb die Empfindlichkeit seiner neuen Umgebung so: »Die Nerven liegen bloß.«

Man erwartet schuldigen Respekt und mißt ihn an der Anerkennung der Intelligenzrente, drängt im übrigen auf Gleichstellung der Einkommen und Lebensverhältnisse. Im Westen hat man damit, wie man weiß, gute Weile und verlangt vorab die Anhebung von Produktivität, Vermarktungsfähigkeit und

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Rentabilität auf Westniveau. Im Osten erwartet man, was im Westen viel zu wenig beachtet wird, die Berücksichtigung der demokratischen Erfahrungen aus den Wende-Monaten. Umgekehrt meint man im Westen, daß nach 12 Jahren NS-Diktatur und über 40 Jahren SED-Diktatur der Beitritt zum Grundgesetz die erste Begegnung mit Demokratie darstelle, man erwartet - auch wenn das Wort nicht benutzt wird - Bereitschaft zur (Selbst-) ›Umerziehung‹. Nichts zeigt das programmierte Mißverständnis deutlicher.

Weststudenten halten eine beschleunigte Angleichung der Lebensverhältnisse überwiegend für richtig. Auch wächst die Zahl derer, die dafür eine Stagnation des westlichen Lebensstandards in Kauf nehmen wollen. Allerdings wächst im Osten die Ungeduld: 1991 lagen die Antworten beider Gruppen 24 Prozentpunkte auseinander, 1993 - trotz des Nachrückens der westlichen Seite - 29 Prozentpunkte. Das heißt: mehr als drei Viertel aller Oststudenten möchten, daß Westdeutsche mit Lohnzuwächsen warten, bis die neuen Länder nachgekommen sind, im Westen ist dazu knapp jeder zweite Student bereit. Wohlgemerkt: Studenten, deren Vertreter schon 1994 heftig gegen ein Einfrieren der BAFÖG-Höchstsätze protestierten.

Auf beiden Seiten bemüht man sich, unnötige Distanzierungen wie zum Beispiel Ossi- und Wessi-Redereien zu unterlassen. Man appelliert an Tugenden des zivilen Verkehrs: an Toleranz, Verständnis, Einfühlung. Solche Appelle werden im Westen eher als Selbstverpflichtung verstanden, im Osten zumeist als Anruf an die Gegenseite. Denn tief sitzt bei Oststudenten der Stachel, daß man einen Vorzugsplatz eingebüßt habe, auf dem man saß: im Verhältnis zur Masse der Werktätigen, zum COMECON, nicht zuletzt zur imperialistischen BRD, die aus ideologischen Gründen auf der Verliererseite der Geschichte zu stehen schien.

Wir achteten auch auf Hinweise auf persönliche Anstrengungsbereitschaft. Uns schien, als hielten sich viele unter den Oststudenten in diesem Punkt zurück. Sie möchten nicht glauben, daß die Lösung von Problemen, die zur Vereinigungskrise gehören, von ihnen selbst abhinge. Sie hofften auf gesellschaftliche Vorleistungen, wie sie typischerweise von der Politik erbracht werden. Politiker werden dabei an hohen Maßstäben gemessen. Man verlangt nämlich, sie müßten nicht nur kompetent, also fachmännisch einwandfrei sein, die Lage real einschätzen, ihre Politik orientierter gestalten, man erwartet auch, daß sie uneigennützig handeln. Längst vor den spektakulären Minister-Rücktritten der Jahre 1993 und 1994 schrieb ein Student in Halle den Satz auf: »Politiker dürfen nicht Wasser predigen und Wein saufen.« Unsere These, kein Politiker habe es verstanden, der Jugend die Herausforderung klarzumachen, die die deutsche Einheit für unser Volk darstelle, wurde in Ost und in West von 8 von 10 Befragten mit bitterer Zustimmung quittiert. Gerade unter Jungakademikern in den neuen Ländern ist Politikverdrossenheit groß. Dahinter verbergen sich die Erfahrung konsensgetragener Wende-Bestrebungen, die Nichterfahrung einer auf parlamentarische Mehrheiten ausgehenden

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Parteiendemokratie mit dem Recht auf verfassungsmäßige Ausübung der Opposition, die Überzeugung, daß nicht alles im untergegangenen SED-Staat schlecht gewesen sei, und das düstere Gefühl, man werde erst dann im vereinten Deutschland anerkannt, wenn man nach westdeutscher Pfeife zu tanzen verstehe. Enttäuschungen über mangelnde kollektive Orientierung und nationale Erneuerung im Einigungsprozeß spielen sicherlich auch eine Rolle.

Fassen wir zusammen: Oststudenten brauchen die vielberufene inwendige Mauer als Puffer gegen Verletzungen des geschundenen Selbstwertgefühls. Vorerst ist sie ihnen unentbehrlich. Sie könnte erst dann entfallen, wenn keine kollektive Deklassierung mehr droht. Der Westen muß diese Gemütslage der Neubundesbürger als Teil der nationalen Gesamtsituation in Rechnung stellen. Bereitschaft zum Teilen, wie es vom letzten Ministerpräsidenten der DDR gefordert worden war, ist in der studentischen Generation vorhanden, doch wächst die Ungeduld schneller als die westliche Bereitschaft, auf sie einzugehen. Schließlich das Unbehagen an der Politik: es ist im Osten größer als im Westen. Politiker werden als Torhüter einer besseren gesellschaftlichen Entwicklung angesehen, und sie werden schnell zu Sündenböcken.

Zu 3. Wie begreift die studentische Generation ihr Verhältnis zur Nation? Hat sie es womöglich preisgegeben, wie dies Hellmut Diwald anzunehmen scheint, wenn er von geistig-politischen Folgewirkungen der Reeducation-Politik im heutigen Deutschland redet?

Wir stellten in einer jugendlichen Bevölkerung, von der man weiß, daß sie europaweit die niedrigsten Werte an nationalem Stolzempfinden bekundet, die Frage, ob Nationalgefühl im vereinten Deutschland eher stärker werden, gleich bleiben oder eher schwächer werden solle. 1991 ergab diese Frage einen Anteil von nur 12 Prozent im Westen und von 11 Prozent im Osten für eine Stärkung. 1993 erholte sich dieser Niedrigstand im Westen auf wenigstens 18 %, im Osten auf gerade einmal 14 %. Die Weststudenten meinen überwiegend, daß das Nationalgefühl bleiben solle, wie es sei. Im Osten überwiegt die Ansicht, daß es schwächer werden solle. Die Motive für den östlichen Nationalverdruß hängen gewiß mit dem unmittelbaren Anlaß zusammen, der die Wiedervereinigung möglich und nötig gemacht hat, nämlich mit dem Bankrott der DDR. Wie soll sich auch einer, dessen Ideale in den untergegangenen Staat eingebunden waren und zu einem guten Teil noch immer sind, im neuen Staat mehr Nationalgefühl wünschen?

So wäre denn gar kein Gefühl für Stolz in der jungen Akademikerschaft vorhanden? Wir machten einen Test auf Reeducation-Befangenheit im Sinne Diwalds. Wer annimmt, die Jungen seien davon nicht frei, kann sich von einem Drittel westdeutscher Studenten darin bestätigt sehen; denn soviele waren es, die die NS-Vergangenheit als Grund dafür nennen, daß man als Deutscher keinen Stolz empfinden könne, diesem Volk anzugehören. Von den Oststu-

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denten sagt das nur jeder Vierte. Die anderen bevorzugen die Alternativ-Aussage, daß man Deutschland nicht immerzu im Spiegel seiner NS-Vergangenheit beurteilen solle. Im Westen stimmen dem 54 %, im Osten 57 % zu.

Keine bloße Sache des Dafürhaltens, sondern der Wirklichkeitserfahrung ist es, ob die Deutschen mit der erreichten Einheit aus dem Schatten des Dritten Reiches herauskommen. 1991, als wir die Frage zum erstenmal stellten, antwortete jeder zweite westdeutsche Student mit ja, von den ostdeutschen waren es zwei Drittel. Nach den Vorgängen um Hoyerswerda und Mölln blieben davon noch 30 % im Westen und 29 % im Osten übrig. Jedermann hatte erfahren, daß auch im vereinten Deutschland Ausschreitungen gegen Immigranten im Kontext von Vergangenheitsbewältigung interpretiert werden. Ob dies gerechtfertigt ist, mag hier auf sich beruhen.

Was ist das für ein Volk, dem die Jungakademiker sich zugehörig wissen? Für Weststudenten hat das Volk der Deutschen, wie wir auch aus anderen Umfragen wissen, noch religiöse Merkmale. Im Osten sieht man das so nicht mehr; viele fürchten sogar, daß mit der Vereinigung die Religion an Einfluß gewinnt. 1991 waren im Osten 54 % da von überzeugt; in zum Teil sarkastischer Form hieß es: ja, die Religion werde wieder wichtiger werden, aber das bedeute, daß »die Humanität« dadurch um Jahre zurückfalle. Im Westen war man sich über die einigungsbedingte Schwächung des öffentlichen Religionsstatus früher im klaren, das wird inzwischen auch im Osten so gesehen (noch 35 %).

Was den Vätern und Großvätern in der Tradition der Herder und Fichte noch als »Volkstum« galt und hohe Bedeutung besaß, scheint kein prominentes Merkmal mehr am deutschen Volk zu sein. Die antifaschistische Frontstellung gegen das »Völkische«, die populäre Tendenz in Richtung Soziologie, die Unsäglichkeit sogenannter ethnischer Reinigungen in Südosteuropa und der grassierende Multikulturalismus im Westen haben nachhaltig auf die studentische Vorstellungswelt eingewirkt. Beachtlich bleibt, daß das Recht auf politisches Asyl in Ost und West gleichermaßen akzeptiert wird; von der Öffnung gegenüber der neuen Immigration profitiert aber auch die Armutswanderung. Einreiseschranken gelten unter Studenten nur in wenigen Fällen als sittlich gerechtfertigt. Dazu gehören zum Beispiel Wohnraumprobleme oder begrenzte Sozialhaushalte der öffentlichen Hand; daß auch die kulturelle Identität der Deutschen eine gerechtfertigte Schranke darstellen könne, wird kaum von einem Zehntel der Befragten akzeptiert - da machen Ost und West keinen Unterschied.

Fassen wir auch diesen Punkt zusammen: Die jungen Akademiker haben ein gedämptfes Nationalempfinden. Es ist - besonders im Osten - für kollektive Ehre keineswegs unempfänglich und hält auch im Westen zwei Drittel der Studenten nicht davon ab, eine ständige Bespiegelung der Deutschen in NS-Vergangenheit als falsch zu bezeichnen. Indes sehen sie klar, daß die fremdenfeindlichen Aktionen der Jahre 1992 und 1993 Deutschland nicht aus dem

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Schatten des Dritten Reiches herauskommen ließen. Das Volk, dem sie sich zurechnen, hat eine nur schwache religiöse und ethnisch eine kaum wahrnehmbare Identität.

Eine Generation deutscher Studenten steht am Tor zur Zukunft unseres Landes und Europas, die von keiner Jugendbewegung erfaßt worden ist. Die geschichtliche Position, von der her sie geistig-politisch agiert, ist - bei allem Gleichklang der Meinungen und Empfindungen - derzeit noch ungefestigt. Man möchte sagen, daß es ebenso erstaunliche Parallelen zwischen den Jungen wie Unterschiedlichkeiten, ja Brüche zwischen ihnen und den Älteren gibt. So ist die Rede von zwei Gesellschaften in Deutschland auf eigenartige Weise aktuell: sie meint nicht die Trennung in eine westliche und eine östliche Gesellschaft, sondern in eine Gesellschaft, die an nationalstaatliche Traditionen anschließt, wie sie noch im Parlamentarischen Rat Gemeingut der Parteien waren und auf die der Ruf nach Deutschland als einigem Vaterland dann 40 Jahre später zielte, und jene andere Gesellschaft, für die die eigene Welt mit der revolutionären Arbeiterbewegung bzw. mit dem Untergang des »deutschen Faschismus« allererst begonnen hat.

Ein zwanzigjähriger Leipziger Student will die Vereinigung der Deutschen so angehen: »Abbau des Koloniegedankens von Seiten der Alt-BRD. Verstärkung, Vernunft und Selbstvertrauen der Ex-DDR, das sie mehr haben als Alt-BRD, um endlich einen wirklichen Staat aufzubauen.« Quo vadis, Germania?

Anmerkungen

1. Friedrich Schiller, Die Räuber, Erster Akt, 2. Szene, in: Bibliothek deutscher Klassiker für Schule und Haus, 7. Bd. , Schillers Werke l, Freiburg Br. 1905, S. 340.

2. Johann Gottlieb Fichte, Reden an die deutsche Nation, Leipzig ( Reclams Universal Bibliothek Nr. 392/93), S. 242 ff. Der idealistische Nationalismus nimmt - geradeso wie der Kosmopolitismus moralisierender Aufklärer - ein gut Teil an säkularer Religiosität in sich auf. Insoweit ist Thomas Nipperdeys im übrigen vorzügliche Analyse des Romantischen Nationalismus zu ergänzen, wenn er anmerkt: »Nation bekommt religiöse Prädikate: unendliche Dauer, Zukunft des Heils, Brüderlichkeit, Liebe zu Vaterland und Nation, das wird die höchste Form der Nächstenliebe, in der der einzelne sich erfüllt.« Die entsprechenden Prädikate entfallen in der Gegenideologie auf Menschheit und Welt. Ders. , Nachdenken über die deutsche Geschichte. Essays, München (dtv) 1990, S. 138.

3. Hans-Christian Brandenburg, Die Geschichte der HJ. Wege und Irrwege einer Generation, Köln 21982, S. 16. Vgl. aus der Bewegung selbst das Buch von Günter Gründel, Die Sendung der jungen Generation, München 1932.

4. Christian Graf von Krockow, Die Deutschen in ihrem Jahrhundert, 1890-1990, Reinbek 1990, S. 313 (Die Bemerkungen über die Jugend in dem den 68ern gewidmeten Kapitel: »Der Aufbruch und die Ängste«. ) Der Autor v. Krockow schließt sein Buch über die Deutschen bezeichnenderweise mit der Maueröffnung des 9. November 1989, nicht mit dem 3. Oktober 1990. Das geschieht nicht nur aus verlegerischen Rücksichten, sondern auch aus solchen eines spezifischen Verfassungspatriotismus. Die Gründung der Bundesrepublik wird nicht unter dem nationalen Vorbehalt gesehen, unter dem sie faktisch und normativ stattfand (Präambel und Geltungsdauer-Artikel des Grundgesetzes), sondern als »Befreiung vom Reich« (S. 289). Die verbindlich anzustrebende staatliche Einheit in Freiheit gilt ihm als »Illusion« oder »Lüge« (S. 294).

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5. Heinz-Albert Raem, Katholischer Gesellenverein und Deutsche Kolpingsfamilie in der Ära des Nationalsozialismus (=Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte Reihe B, Bd. 35), Mainz 1982, S. 42.

6. Der amerikanische Soziologe Ronald Inglehart hat dazu zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt, materialreich seine international vergleichende Darstellung: Kultureller Umbruch, Wertwandel in der westlichen Welt, aus dem Engl. von U. Maurer, Frankfurt/ M. 1989.

7. Günter Rohrmoser, »Die Chancen der Jugend in einer offenen Gesellschaft«, in ders. , Krise der politischen Kultur, Mainz 1983, S. 369; zur historischen Einordnung des Phänomens S. 368-371.

8. Wolfgang Behr, Jugendkrise und Jugendprotest, Stuttgart u. a. 1982, S. 164.

9. v. Krockow, aaO. , S. 314 f. Die These, die v. Krockow in seinem Buch verficht, kann als Komplement zu Ralf Dahrendorfs Gesellschaft und Demokratie in Deutschland gelesen werden (München 1965): Dahrendorf zeigt Deutschland als das Land, das mit der politischen Freiheit auf Kriegsfuß stand. Die deutsche Frage sei die Frage des politischen Liberalismus, v. Krockow stellt seinerseits die Behauptung in den Mittelpunkt, daß Deutschland mit der Gleichheit auf Kriegsfuß gelebt habe: der (negative) Held seiner Erzählung ist daher nicht das deutsche Volk in seinen Gliederungen, Ständen, Landsmannschaften, konfessionellen Einheiten, sondern »die deutsche Konterrevolution«, die »auf die Wiederherstellung des herrschaftlichen, auf die Vernichtung des durch Gleichheit begründeten Selbstbewußtseins zielte« (S. 342). Um die revolutionäre Triade vollständig machen, wäre nunmehr ein Buch zu benennen, das die These verficht, in Deutschland mangele es an Solidarität bzw. an Brüderlichkeit. Hellmut Diwald hat sein letztes Buch in der Annahme geschrieben, daß die Wiedervereinigung uns die Möglichkeit eröffne, »die Selbstfindung unseres Volkes mit seiner Selbstachtung eins werden zu lassen« (in: ders. , Deutschland einig Vaterland, Geschichte unserer Gegenwart, Frankfurt/ M. -Berlin 1990, S. 11). Für jede Durcharbeitung der zugehörigen These wäre das ein unverzichtbarer Gesichtspunkt.

10. Heiner Geißler in der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung vom 17. 6. 1993 unter der Überschrift »Hinweis auf das Deutschtum ist eine Phrasendrescherei«: »Die gute Zeit der Deutschen waren die Perioden ihrer Geschichte, in denen sie sich nicht nationalstaatlich organisiert hatten, in einem offenen Land lebten und liberal genug waren, den Gedanken der Aufklärung zu folgen und das Universale über das Nationale zu stellen.« Läßt man Humanismus und Reformation im genannten Sinne als Momente von Aufklärung gelten, würde Geißler gewiß erschrecken, wenn er gewahr wird, daß es just seine Kriterien waren, die Deutschland auch zum europäischen Kriegstheater werden ließen. Die Jahre 1618 bis 1648 waren schwerlich eine »gute Zeit der Deutschen«. Umgekehrt sicherte der deutsche Nationalstaat von 1871 den Deutschen nicht nur eine über 40jährige Friedensperiode aus eigener Kraft, sondern förderte auch das deutsche Ansehen in der Welt.

11. Grundsatzprogramm der Christlich-Sozialen Union in Bayern, Grünwald 1993, S. 34. Das neue Grundsatzprogramm ordnet die »geschichtliche Bewährungsprobe für das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Solidarität aller Deutschen« unter dem sozialethischen Grundsatz der »Verantwortung für das Gemeinwohl« ein, was in der abendländisch-christlichen Werteordnung Sinn macht. Unter »Einheit Europas in Partnerschaft« wird dann die »Herausforderung« der Europäischen Union »für die nationale Identität der Deutschen« erwähnt, aber nicht näher erläutert.

12. Eine vorläufige Diwald-Bibliographie hat Rolf-Josef Eibicht mitgeteilt in dem Heft: Hellmut Diwald. Sein Vermächtnis verpflichtet zum Handeln, Anmerkungen zu unserer kriminalisierten und gestohlenen Geschichte (= Junges Forum, Nr. 5/6), Hamburg 1993, S. 38.

13. Es geht hier nicht um die nachhabsburgische Mitteleuropa-Debatte, auch nicht um ein »Brücken-Konzept«, wie es in der unmittelbaren Nachkriegszeit Jakob Kaiser vertreten hat (in kritischer Perspektive vgl. Hans-Peter Schwarz, Vom Reich zur Bundesrepublik, Deutschland im Widerstreit der außenpolitischen Konzeptionen in den Jahren der Besatzungs-

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herrschaft 1945-1949 (=Politica), Neuwied 1966, S. 316-330; mit Sympathie für Kaisers Person und Ideenwelt vgl. Tilman Mayer, »Jakob Kaiser - die soziale und nationale Herausforderung, Einleitung«, in Jakob Kaiser, Gewerkschafter und Patriot. Eine Werkauswahl, Köln 1988, S. 62-69), sondern um eine Neubestimmung der politischen Rolle Deutschlands: Nach der Beendigung seiner Rolle als Doppel-Frontstaat im Kalten Krieg und in der Phase der Entspannung als Testgelände für Normalisierungen der Blockbeziehungen geht es jetzt darum, als Mitglied der westlichen Gemeinschaften und gegenüber seinen mittel- und osteuropäischen Nachbarn eine angemessene Position einzunehmen.

14. Fichte, aaO. , S. 10 und 13.

15. Verf. und Natir G. Sara: ›»Deutschland sollte. . . ‹, Meinungen von Studenten in Ost und West über Deutschland heute«, in Deutschland-Archiv, 10/1991, S. 1065 ff. Verf. und Martin Beisler, ›»Einen wirklichen Staat aufbauen. . . ‹, Studenten in Deutschland - zwei Jahre nach der Vereinigung«, in Deutschland-Archiv, 11/1993, S. 1279 ff.

16. Hans-Joachim Maaz, Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR (= Knaur Tb), München 1992.

17. Hellmut Diwald, Deutschland einig Vaterland, Geschichte unserer Gegenwart, Frankfurt/M. -Berlin 1990, S. 97.

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