Paul Rassinier

Die Jahrhundert-Provokation


II. Hitlers Außenpolitik

1. Vom Versailler Vertrag zur allgemeinen Abrüstung

Hitlers Außenpolitik hinsichtlich des Versailler Vertrags ging damals grundsätzlich von denselben Überlegungen aus wie die der Weimarer Republik — die nicht nationalsozialistisch war! — und setzte sie in der Praxis konsequent fort. Es gilt vor allen Dingen, die Grundzüge dieser Politik am 30. Januar 1933 festzuhalten, als Reichspräsident Hindenburg unter dem Druck der Ereignisse, die die Politik der Siegermächte in seinem Land hervorgerufen hatte, Hitler zum Reichskanzler ernannte.

Am 7. Mai 1919 war die deutsche Delegation nach Versailles zur feierlichen Übergabe des Vertrags eigens bestellt [26] worden. Nachdem der Delegationschef, Graf Brockdorff-Rantzau, die Friedensbedingungen zur Kenntnis genommen hatte, war er wie niedergeschmettert. Deutschland wurde von einer echten Panik ergriffen. Gerade hatten die Deutschen die zweifellos sechs düstersten Monate ihrer Geschichte, gelebt. Ende April, also einige Tage zuvor, hatte Kommissionspräsident Hoover [27] dafür gesorgt, daß die seit der Unterzeichnung des Waffenstillstands getroffenen Maßnahmen etwas gelockert wurden: Deutschland durfte 29 Millionen Goldmark ausführen, um Lebensmittel zu kaufen, einige seiner Schuldforderungen in den neutralen Staaten waren freigegeben worden, so daß es unter anderem Konserven in den skandinavischen Ländern und Weizen in Argentinien kaufen konnte.

Bis dahin war aber die Handelssperre unnachgiebig gewesen: Deutschland durfte nur unter Aufsicht der Alliierten ein- oder ausführen, die ebenso wachsam wie streng waren. [28]

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Ohnehin war diese Sperrmaßnahme überflüssig: Das Embargo, das auf Deutschlands Goldreserven und seinen Schuldforderungen im Ausland lastete, lähmte das Wirtschaftsleben völlig, und da Deutschland nichts auszuführen hatte, konnte es ebensowenig etwas einführen. Schließlich hatten die alliierten Mächte ebenfalls seine Verkehrswege und -mittel in Beschlag genommen und die Lieferung der, in der Waffenstillstandsvereinbarung vorgesehenen, 5000 Loks und 150000 Eisenbahnwagen gefordert, so daß im Lande selbst Lebensmittel und Rohstoffe nur in nahezu unbedeutendem Maße von den Erzeuger- zu den Verbrauchergebieten befördert werden konnten.

Im Winter 1918—19 hatten die Haushalte überall, mit Ausnahme des Ruhrgebiets, unter den mangelnden Kohlelieferungen gelitten. Alles in allem: vier Millionen Männer, die in keinen Bereich des wirtschaftlichen Lebens eingegliedert werden konnten, der Hunger, die Kälte, ein finsteres Elend; eine Revolution, die im Januar im Blut erstickt werden mußte, die im Mai aber immer noch schwelte, und der Bolschewismus vor der Tür . . .

Für die Deutschen konnte der Friedensvertrag nur hart sein: Die Waffenstillstandsvereinbarung und die ihnen seitdem auferlegten Bedingungen deuteten allzusehr darauf hin. Die Ende April getroffenen Entlastungsmaßnahmen hatten dennoch die Hoffnung aufkommen lassen, daß die vom Friedensvertrag geschaffene Lage, wie schwer auch immer, doch erträglich sein würde. Nun aber wurden die Handelssperre und das Embargo auf Deutschlands Goldreserven und seine ausländischen Schuldforderungen nicht nur nicht aufgehoben [29]; zu dem abzutretenden Eisenbahnmaterial kamen außerdem umfangreiche Lieferungen an Industrie- und Landwirtschaftsmaschinen hinzu, und als Krönung wurden Deutschland alle auswärtigen Märkte (Österreich-Ungarn, Armenien, Afrika und Ferner Osten) weggenommen.

Darüber hinaus sollten die Deutschen als Entschädigung und Reparationen einen Betrag zahlen, der von einer Bot-

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Georges Clemenceau, Leiter der Friedenskonferenz, trifft in Versailles ein

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schafterkonferenz zwar erst nach Prüfung festgesetzt werden, der aber den sehr harten Bedingungen des Vertrags entsprechen würde [30]. Als geborene Volkswirte und Meister bildhafter Darstellung erkannten die Deutschen sofort, daß ihr Land in eine Art Handelshaus, wohl gelegen in einer der verkehrsreichen Hauptstraßen der Welt, verwandelt war, an deren Toren aber Schildwachen standen, um eventuellen Kunden den Eintritt zu verbieten und sie zum Kauf in England aufzufordern. Alle ihnen entzogenen Märkte hatte nämlich England bekommen, bis auf einige Brosamen, die Frankreich zugestanden worden waren. Ein Land mit fünfundsechzig Millionen Einwohnern war zum Betteln verurteilt in einer Welt voller Ressentiments, die keine großzügigen Almosen geben würde und durch die militärischen Vertragsbestimmungen gedachte, ihm jederzeit ihren Willen aufzwingen zu können. Das Ergebnis waren Arbeitslosigkeit und Elend als Dauerzustand und obendrein die Hörigkeit!

In einem 443seitigen Buch, das heute noch als wertvolle volkswirtschaftliche Abhandlung und als Denkmal des gesunden Menschenverstands gilt, unterbreitete die deutsche Regierung unter Scheidemann Gegenvorschläge. Sie beeindruckten die britische Delegation, namentlich Premierminister Lloyd George, sowie die amerikanische und Präsident Wilsons Sekretär Lansing. Die von Clemenceau geleitete französische Delegation blieb dagegen unnachgiebig; die übrigen richteten sich, wenn auch widerwillig, nach Frankreich aus, und die deutsche Regierung erwirkte nichts.

Schließlich unterzeichnete sie den Vertrag am 28. Juni 1919, protestierte dabei aber leidenschaftlich, daß ihr das Messer an der Kehle sitze und sie nicht anders handeln könne.

Es sei bemerkt, daß der britische Nationalökonom Keynes diesen Vertrag als »eine Herausforderung der Gerechtigkeit und der Vernunft« bezeichnete, als »einen Versuch, Deutschland der Versklavung zuzuführen, als ein Gewebe von jesuitischen Auslegungen zur Bemäntelung von Ausraubungs- und

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Unterdrückungsabsichten.« [31] Lloyd Georges selbst, so André François-Poncet [32], schwörte, »der Kaiser werde in einem Käfig durch die Straßen geführt und dann gehängt werden, und man werde Deutschland zur Wiedergutmachung der von ihm verursachten Schäden so auspressen 'bis man die Knochen knacken hört'.« Die Amerikaner lehnten den Vertrag ihrerseits ab und schlossen am 25. August 1921 einen eigenen, etwas vernünftigeren und humaneren Friedensvertrag mit Deutschland.

Den Versailler Friedensvertrag griffen die Deutschen in der Zwischenkriegszeit nicht etwa mit Bezug auf die allgemeine, systematische Kritik eines Keynes oder Lloyd George, sondern neben den Gebietsabtretungen vor allem auf Grund seiner militärischen Klauseln an, und damit hatten sie meistens Erfolg bei den Engländern, den Amerikanern sowie in weiten Teilen der französischen Öffentlichkeit. Der Vertrag enthielt hierin nämlich eindeutige gegenseitige Verpflichtungen und bot, falls diese eingehalten würden, einen ausgezeichneten Zugang zum Kern des Problems.

Die militärischen Bestimmungen (Landheer, Marine, Luftstreitkräfte) umfassen den ganzen Teil V des Vertragswerks. Sie lassen sich in wenigen Punkten zusammenfassen: Berufsheer von 100000 Mann für das Heer und 15000 für die Marine; Zerstörung der Befestigungsanlangen und Kriegsfabriken; Ablieferung aller größeren Kriegsschiffe, U-Boote, fast aller Handelsschiffe; Materiallieferung an die Alliierten. Im Anhang sind Bürgschaften für die Durchführung verzeichnet: Besetzung des linken Rheinufers sowie der Brückenköpfe Köln, Koblenz, Mainz und Kehl; allmähliche Räumung, je nachdem der Vertrag erfüllt wird; Saarland an den Völkerbund unter Frankreichs Verwaltung für fünfzehn Jahre, anschließend Volksabstimmung im Saargebiet über französische oder deutsche Zugehörigkeit; Pfändung weiterer Gebiete im Falle einer Nichterfüllung. Die gegenseitige Verpflichtung ist dem Teil V vorangestellt und lautet:

»Um die Einleitung einer allgemeinen Rüstungsbeschrän-

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kung aller Nationen zu ermöglichen, verpflichtet sich Deutschland, die im folgenden niedergelegten Bestimmungen über das Landheer, die Seemacht und die Luftfahrt genau innezuhalten.«

Das war klar: Die deutsche Abrüstung sollte einer allgemeinen Abrüstung vorausgehen. Das war um so klarer, als das der alliierten Antwort (Mantelnote) auf die deutschen Änderungsvorschläge beigelegte Schreiben Clemenceaus vom 16. Juni 1919 diese Verpflichtung erläuterte:

»Die Alliierten und Assoziierten Mächte betonen nachdrücklich, daß ihre Bedingungen bezüglich der deutschen Bewaffnung nicht nur darauf abzielen, Deutschland an einer Wiederaufnahme seiner Politik der militärischen Aggression zu hindern. Sie bilden auch den ersten Schritt zum Abbau und zur allgemeinen Begrenzung der Rüstung, die die bezeichneten Mächte als bestes Mittel, den Krieg zu verhüten, anstreben; dem Völkerbund wird es obliegen, diesen Abbau und diese Begrenzung als erstes zu verwirklichen. Es ist ebenso gerecht wie notwendig, mit der zwangsweisen Rüstungsbegrenzung bei dem Staat zu beginnen, der die Verantwortung für ihr Anwachsen trägt.«

Clemenceau, Leiter der französischen Delegation bei der Friedenskonferenz, sprach das nicht deutlich aus, und man kann diesen Text nur für das nehmen, was er aussagt — das taten die Deutschen übrigens auch. Clemenceaus Haltung während der Verhandlungen berechtigte aber zu der Ansicht, daß er die wirtschaftlichen Vertragsbestimmungen für völlig unverwirklichbar hielt. Daß sie dennoch Deutschland aufgezwungen würden, forderte er von den Engländern und Amerikanern, weil er bei Nichterfüllung einen juristischen Grund haben wollte, nicht nur der Räumung des linken Rheinufers und der Brückenköpfe zu entgehen, sondern auch weitere deutsche Gebiete zu pfänden.

Das ist zumindest, was unter »dem Gewebe von jesuitischen Auslegungen zur Bemäntelung von Ausraubungs- und Unterdrückungsabsichten«, »vom Machthunger und Hege-

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moniestreben« zu verstehen ist, die Keynes und Lloyd George Frankreich zuschrieben.

Im Januar 1923 war Deutschland tatsächlich völlig entkräftet; die Parität seiner Währung zum Dollar war von vier zu eins im Oktober 1918 auf eintausendsechzig zu eins gefallen. Da Deutschland nicht mehr zahlen konnte, erteilte Poincaré den französischen Truppen unter General Degoutte den Befehl, am 11. Januar 1923 das Ruhrgebiet zu besetzen und die Bergbauproduktion zu beschlagnahmen. Gegen den Willen der Engländer und zur großen Entrüstung der Amerikaner erfolgte das.

Gemäß der Artikel 203 bis 210 des Versailler Vertrags ließ sich die ernannte Interalliierte Militärkontrollkommission (I. M. K. K.) unter Führung des französischen Generals Nollet am 16. September 1919 in Berlin nieder. Als erstes verteilte sie die 383 Offiziere sowie die 737 Unteroffiziere und Mannschaften, die sie umfaßte, auf ganz Deutschland, um die Durchführung seiner Entwaffnung zu überwachen [33].

Am 16. Februar 1927 berichtete Marschall Foch vor dem Heeresausschuß der französischen Abgeordnetenkammer ausführlich über die Arbeiten dieser Kommission. Er habe sie aufmerksam verfolgt und an Ort und Stelle im Auftrag des Völkerbunds nachgeprüft. Er könne nun versichern, daß mit dem 31. Januar 1927 die Entwaffnung Deutschlands vollendet sei.

Am 28. Februar 1927 verließ die Interalliierte Kontrollkommission Deutschland.

Zwischenzeitlich hatte die Vollversammlung des Völkerbunds am 25. September 1925 beschlossen, eine »Vorbereitende Kommission für die Konferenz über die Beschränkung der nationalen Rüstungen auf ein mit der nationalen Sicherheit und der Erfüllung der sich aus einer gemeinschaftlichen Aktion ergebenden Verpflichtungen vereinbares Mindestmaß« zu gründen. Wie lang sie auch immer war, so lautete ihre Bezeichnung tatsächlich. Ihre Mitglieder waren am folgenden 12. Dezember ernannt worden [34]. Die erste, zum 15.

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Inflation 1923: Mit Waschkörben und Lastwagen werden die Geldmassen transportiert.
Wer sein Geld nicht sofort ausgab, hatte Stunden später nur noch wertloses Papier.
Porto für einen Brief von Berlin nach London: 1094000000 Mark.

6. Oktober 1923, Düsseldorf. Die Schupos werden
von der französischen Besatzungstruppe aus der Stadt vertrieben.

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Februar 1926 vorgesehene Versammlung konnte erst am 18. Mai 1926 stattfinden.

Und nun begannen die Schwierigkeiten.

2. Frankreich gegen die allgemeine Abrüstung

Nahezu fünf Jahre lang (18. Mai 1926 bis 24. Januar 1931) versuchte die Kommission vergeblich, die ihr gestellte Aufgabe zu bewältigen. Ihr Scheitern ist auf ihre Zusammensetzung und, bezüglich der Rüstungsbegrenzung, auf die besonderen Überlegungen der einzelnen Mitgliedsstaaten zurückzuführen. Die USA urteilten auf Grund des Streits, den sie mit Japan im Pazifik hatten, England ebenso; Japan war von seinen Konflikten mit China besessen, und China von seinen mit Rußland usw. Diese Differenzen konnten aber schlimmstenfalls nur örtlich begrenzte Konflikte hervorrufen, die sich auf dem Verhandlungsweg leicht vermeiden ließen: Offensichtlich konnte ein zweiter Weltkrieg nur aus den europäischen Streitfragen hervorgehen; waren diese von der deutschen Frage beherrscht, mußte letztere in den Mittelpunkt der Diskussion rücken.

Die im Versailler Vertrag verankerte gegenseitige Verpflichtung betraf ohnehin nur die deutsche Frage, und sie hatte außerdem die Gründung der Kommission veranlaßt. In allen Diskussionen und häufig nach langen weltpolitischen Abschweifungen kam man letzten Endes stets auf sie zurück, stieß immer alles auf sie. Es wurde daher ausschließlich über sie und die entsprechenden Stellungnahmen der Kommission debattiert.

Der russische Standpunkt wurde überhaupt nicht beachtet. Als die russische Abordnung in der vierten Sitzungsperiode vom 30. November bis 2. Dezember 1927 erstmals an der Diskussion teilnahm, forderte ihr Delegierter Litwinow unter anderem »die Entlassung sämtlicher Mannschaften der Landheere, der Flotten und der Luftwaffen . . ., die Zerstö-

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rung sämtlicher Waffen . . ., die Abschaffung jeder militärischen Ausbildung«.

Selbstverständlich gibt es für eine völlig abgerüstete Welt keine Kriegsgefahr, und auf eine solche Welt muß abgezielt werden. Zur Debatte stand aber die Begrenzung der Rüstungen, und nicht ihre Abschaffung. Der Vorschlag war einfach zu leicht abzuweisen. Möglicherweise verfolgten die Russen hierbei auch kein anderes Ziel.

Der deutsche Standpunkt war dagegen sehr fest. Benoist-Méchin hat ihn höchst wahrscheinlich am deutlichsten dargelegt. Er faßt die erste Intervention, die Graf Bernstorff im Namen der deutschen Abordnung während der ersten Sitzungsperiode im Mai 1926 machte, wie folgt zusammen:

»Die Alliierten haben dem Reich ein 100000 Mann-Heer aufgezwungen. Der Friedensvertrag, die Völkerbundssatzung und nunmehr die Schlußakte von Locarno [35] erkennen jedoch übereinstimmend an, daß die deutsche Entwaffnung den Weg zu einer allgemeinen Abrüstung frei machen soll. Zu einer solchen kann man nur auf drei Wegen gelangen: Entweder senken Sie Ihre Rüstungen auf den Deutschland zugebilligten Stand; oder Sie gestatten Deutschland, seine Rüstung auf Ihren Stand anzuheben; oder aber Sie verbinden beides miteinander, senken Ihre eigenen Rüstungen und gestatten uns, die unseren zu verstärken, so daß wir uns in der Mitte treffen.« [36]

Außer Frankreich waren alle europäischen Staaten bereit abzurüsten. Frankreich wollte jedoch in der Lage bleiben, die Durchführung der im Versailler Vertrag enthaltenen wirtschaftlichen Bestimmungen mit Waffengewalt einzufordern. Folglich wollte es, daß Deutschland entwaffnet blieb, und es wollte dabei die Freiheit behalten, nach Lust und Laune zu rüsten. Und Rußland, das sich abwartend verhielt, war (noch) nicht da. Die Rede von Graf Bernstorff galt also nur Frankreich.

Der Leiter der französischen Delegation, Paul-Boncourt, der eine erprobte Deutschfeindlichkeit nie ablegte und

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Deutschland bei der ersten besten Gelegenheit zu ertappen gedachte, begriff es richtig. Er war aber überrumpelt, und seine Antwort fiel kläglich aus: »Was Sie von uns fordern«, erwiderte er, »ist nicht mehr und nicht weniger als die Erlaubnis, legal wiederaufzurüsten!«

Die anderen Delegationen mußten, im Besitz der Rede wohl einsehen, daß das nicht stimmte. Die Rede des Leiters der deutschen Abordnung hatte mit solcher Auslegung nämlich nichts gemein und war außerdem von einwandfreier Logik. Joseph Paul-Boncourt erkannte sofort, daß er die Kommission verstimmt hatte; daher ließ er sich weitschweifig über die Notwendigkeit aus, Bündnissysteme, gegenseitige Beistandspakte, schiedsrichterliche Stellen zu schaffen. Die Frage der kollektiven Sicherheit müsse gelöst werden, bevor irgendeine Abrüstungsmaßnahme getroffen werde.

»Das Kapitel der Sicherheit ist abgeschlossen!« erwiderte ihm trocken Lord Robert Cecil, der Leiter der britischen Delegation. »Sie haben den Völkerbundspakt und den Vertrag von Locarno, die Garantie Großbritanniens und Italiens, Vereinbarungen mit Polen und der Tschechoslowakei: Was wollen Sie mehr?«

Paul-Boncourt nörgelte, das sei nur ein Anfang und reiche nicht aus. Man müsse dieses System ausbauen, das die früheren Verträge nur flüchtig entworfen hätten . . .

Die Kommission verfing sich in dieser Spitzfindigkeit.

Der Locarno-Vertrag verfügte (Art. 10 des ihm zugrunde liegenden Rheinpakts), daß er in Kraft treten solle, »sobald Deutschland Mitglied des Völkerbunds geworden ist«. Deutschland mußte diesem also beitreten: Es stellte seinen Beitrittsantrag am 10. Februar 1926, der zunächst abgelehnt wurde. Erst beim zweiten Anlauf stimmte die Vollversammlung am 8. September 1926 zu, und am 10. September desselben Jahres wurde Deutschland im Laufe der VII. Vollversammlung feierlich aufgenommen. Die Aufnahme trug wesentlich zur Beruhigung der internationalen Beziehungen in Europa bei. Zur Fortsetzung dieses Weges eröffnete der fran-

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zösische Außenminister Briand Gespräche mit dem amerikanischen Außenminister Kellog, die am 27. August 1928 zum sogenannten Briand-Kellog-Pakt oder Pariser Vertrag führten. Dieser ergänzte den Locarno-Vertrag weitgehend und verurteilte »den Krieg als Mittel für die Lösung internationaler Streitfälle und als Werkzeug nationaler Politik«. Vierzehn Staaten, darunter Deutschland, unterzeichneten ihn noch am selben Tag und fast alle übrigen in der folgenden Zeit.

Aber seit seiner Aufnahme in den Völkerbund wollte Deutschland Vollmitglied sein, das heißt die gleichen Rechte wie die übrigen Mitglieder haben. Es wollte außerdem, daß die für alle geltenden Verbindlichkeiten des Versailler Vertrags, vor allem in Sachen Abrüstung, auch allen auferlegt würden, und nicht nur Deutschland.

Die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund verstärkte seinen Standpunkt um ein gewichtiges Argument: In einem demokratischen System wie dem dieser Organisation sollten wenigstens alle Mitglieder grundsätzlich gleichberechtigt sein, sollte es keine zweitrangigen Mitglieder geben; andernfalls besteht keine demokratische Gesellschaft, sondern eine feudale.

Aber jedesmal, wenn die Gleichheit der Rechte zur Debatte stand, tat jeder sein Möglichstes, um der Diskussion auszuweichen. Aus taktischen Gründen nahm Deutschland es nicht tragisch. Die Kontroverse verlor sich in vergebliche Palaver, ob man abrüsten müsse, um die Sicherheit zu gewährleisten, oder ob man zunächst die Sicherheit gewährleisten müsse, um abrüsten zu können: aus der Sackgasse kam man nicht heraus. Frankreich, das mit der These »Sicherheit geht vor« sämtliche Auswege versperrte, machte sich unbeliebt; Deutschland dagegen erfreute sich einer immer größeren Zuneigung vor allem seitens der kleinen Nationen. Nach vier Jahren Diskussionen, die die Sache um kein Jota weitergebracht hatten, erreichte man mit Ach und Krach den November 1930, und die siebte Sitzungsperiode der Kommission wurde eröffnet.

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Plötzlich ereignete sich ein Zwischenfall: General von Seeckt, 1920 bis 1926 Oberbefehlshaber der Reichswehr, haute den Knoten durch. In einem Interview gegenüber der United Press erklärte er unter anderem: »Wenn die Hoffnung aufgegeben werden muß, alle großen Heere auf den Stand des deutschen Heeres zu verringern, wenn die Antwort der anderen Mächte unbefriedigend bleibt, dann bleibt dem Reich nichts anderes übrig als wiederaufzurüsten, da die anderen nicht abrüsten, auf der Grundlage einer Gleichheit, die der Stärke der Bevölkerung und seiner geographischen Lage entspricht.«

Frankreich tat, als wenn es den Konditionalis übersähe, ergriff die Gelegenheit und erwirkte von der leicht zu überlistenden Kommission eine Entscheidung, die die Unverletzbarkeit des Teiles V des Versailler Vertrags verkündete: daß die deutsche Entwaffnung als endgültiges, ein für allemal feststehendes Ergebnis anzusehen sei, da sie die »Conditio sine qua non« für die Abrüstung der anderen Nationen sei . . . Frankreich sagte aber kein Wort über die Absichten der anderen Nationen hinsichtlich ihrer Abrüstung.

Sofort erhob sich Graf Bernstorff und rief aus, der Teil V des Vertrags sei nicht einfach eine Bedingung für einen der Unterzeichnerstaaten, sondern enthalte die moralische und die juristische Verpflichtung für alle anderen. Es könne nicht zwei verschiedene Ellen und Gewichte geben, die Entschließung sei ja eine einseitige, einschränkende Auslegung, Deutschland wolle die gleichen Rechte wie alle anderen Mitglieder des Völkerbundes genießen. Schließlich werde er sie verantwortlich machen, wenn sie sich nicht seinen Standpunkt zu eigen machten.

An dieser Darlegung war weder moralisch noch juristisch etwas auszusetzen. Der Vorsitzende erwiderte lediglich, daß diese Forderung nicht in den Zuständigkeitsbereich der Kommission gehöre, sondern in den der Konferenz, die sie vorbereiten solle . . .

»Dann ruft meine Regierung«, unterbrach Graf Berns-

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torff, »schon jetzt die Konferenz an und wird an den Arbeiten nicht mehr teilnehmen.«

Daraufhin verließ er, von der deutschen Delegation gefolgt, den Sitzungssaal. Das bedeutete das Scheitern. Alle Delegationen sahen ein, daß sie zu weit gegangen waren. Man versuchte, die Sache wieder einzurenken, so gut es ging. Die Kommission unterbreitete den Streitfall dem Völkerbundsrat, der am 24. Januar 1931 nicht etwa Sanktionen gegen Deutschland beschloß, sondern die Abrüstungskonferenz zum 2. Februar 1932 einberief.

Am 2. Februar 1932 waren zweiundsechzig Länder, und nicht mehr sechsundzwanzig, am grünen Tisch versammelt, und diese erhöhte Zahl, die mehr Standpunkte in die Diskussion einbrachte, trug nicht dazu bei, die Dinge zu vereinfachen. Außerdem waren es keine Delegierten mehr, die im Namen ihrer Regierungen ermitteln sollten: Sie waren beauftragt, Entscheidungen zu treffen. Dazu hatte die vorbereitende Abrüstungskommission nichts vorbereitet, und sie standen vor der Leere.

Von vornherein definierte der Vertreter des Reichs, Nadolny, den Zweck der Konferenz: die Gleichberechtigung. Arthur Henderson, der britische Vertreter, war dagegen der Ansicht, es sei besser, Maßnahmen zu einer effektiven Abrüstung zu vereinbaren, als über Grundsatzfragen zu debattieren; und weil man dies bislang versäumt habe, sei man in eine Sackgasse geraten. Er schlug daher vor, die Angriffs- und die Verteidigungswaffen zu definieren, um sodann die erste Waffenart abzuschaffen. Der französische Delegierte André Tardieu, meinte seinerseits, man müsse eher den Aggressor bestimmen, es gelte nämlich, nicht so sehr die Rüstungen zu begrenzen, als vielmehr die Möglichkeiten der Aggression zu beschränken. Waffen werde der Völkerbund ohnehin brauchen, um den — bestimmten — Angreifer zu bestrafen, falls er sich über die Konferenzbeschlüsse hinwegsetze. Man verlor sich wieder in endlose Diskussionen über nebensächliche Fragen.

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Angesichts dessen legte der US-Vertreter Gibson am 22. Juni 1932 im Namen Präsident Hoovers einen Plan vor, der seiner Ansicht nach Deutschland Genugtuung leisten und die Konferenz zu positiveren Zielen zurückführen könne:

»1. Bezüglich der Landstreitkräfte: Verminderung um ein Drittel der Stärken, wobei im übrigen jedes Land das Recht auf eine Bereitschaftspolizei erhält, die im Durchschnitt der Stärke angepaßt ist, die Deutschland durch die Friedensverträge zugebilligt wurde. Vollständige Vernichtung der Panzerkampfwagen und der schweren Artillerie;

2. Bezüglich der Seestreitkräfte: Vernichtung eines Drittels der Tonnage und der Zahl der Schlachtschiffe, eines Viertels der Tonnage der Flugzeugträger, der Kreuzer und der Zerstörer, eines Drittels der Tonnage der Unterseeboote;

3. Bezüglich der Luftstreitkräfte: Vernichtung aller Bombenflugzeuge und Verbot aller Luftbombardements.«

Und er hob die Größe der Opfer hervor, zu denen sein Land bereit sei, wenn dieser Plan angenommen würde: die USA würden sich verpflichten, 300000 Tonnen an Kriegsschiffen, 1000 schwere Artilleriegeschütze, 900 Panzerkampfwagen und 300 Bombenflugzeuge zu vernichten.

Es handelte sich um den ersten seriösen Vorschlag seit sechs Jahren.

Deutschland und die UdSSR begrüßten ihn mit Begeisterung. Italien nahm ihn an, England stellte sein Urteil zurück, stand ihm aber nicht feindlich gegenüber. Dieser Plan wurde einmal mehr von Frankreich torpediert: »Die verführerische Einfachheit dieses Plans«, erklärte A. Tardieu, »trägt der Vielschichtigkeit der Probleme nicht genügend Rechnung. Und vor allem berücksichtigt er nicht die kollektive Sicherheit, auf die Frankreich so großen Wert legt.« Das war ein Gipfelpunkt höflicher Ablehnung. [37]

In Anbetracht von Präsident Hoovers hohem Ansehen konnte man aber nicht umhin, den Vorschlag zu beachten. Dank der Anstrengungen Frankreichs und der Unterstützung Beneschs erhielt er am 22. Juli folgenden Wortlaut:

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»1. Es soll eine wesentliche Verminderung der Weltrüstungen durchgeführt werden, die in ihrer Gesamtheit durch eine allgemeine Übereinkunft auf die Rüstungen zu Lande, zur See und in der Luft ausgedehnt werden soll;

2. Ein wesentliches Ziel ist die Verringerung der Angriffsmittel.«

Man sprach wieder im Futur und fiel ins allgemeine Gerede zurück, aber auch ins Verfahrensdickicht, da nun eine Kommission ernannt werden mußte, die die Übereinkunft erarbeiten sollte. Die Konferenz befand sich wieder am Anfang. Alle Teilnehmer waren enttäuscht. Mit Besorgnis erwarteten sie die Reaktion Deutschlands: Diesen nichtssagenden Text werde es nur dann annehmen, wenn ihm ein Nachtrag die Gleichberechtigung zuerkenne. Frankreich sträubte sich; niemand stimmte ihm zu, aber niemand sagte auch etwas. Die Resolution wurde angenommen, ohne daß dem deutschen Gesuch Folge gegeben wurde. Daraufhin legte Deutschlands Vertreter Nadolny dem Konferenzrat folgende Erklärung vor:

»Die deutsche Regierung ist bereit, sich an den Arbeiten der Abrüstungskonferenz zu beteiligen, um mit all ihrer Kraft auf die Verwirklichung eines entscheidenden Schrittes zur allgemeinen Abrüstung hinzuarbeiten, im Sinne des Artikels 8 des Völkerbundsvertrages. Aber die Arbeit der deutschen Regierung ist nur möglich, wenn die endgültige Tätigkeit der Konferenz sich auf der Grundlage einer offenen und klaren Anerkennung der Gleichheit der Rechte unter den Nationen vollzieht.

Die deutsche Regierung sieht sich gezwungen bekanntzugeben, daß sie sich nicht zu einer weiteren Arbeit verpflichten kann, wenn nicht eine befriedigende Lösung dieses für Deutschland entscheidenden Punktes bei der Wiederaufnahme der Arbeiten der Konferenz gefunden wird.«

Achtundvierzig Stunden später hatte die deutsche Delegation Genf verlassen. Es wurde klar, daß man erneut zu weit gegangen war, daß man Deutschland aufs äußerste getrieben

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hatte, nur um Frankreichs unehrlichen Absichten nachzugeben. Hinter den Kulissen wurden nun Kunstgriffe angewandt, um die deutsche Delegation zurückzuholen. Am 29. August 1932 gab Reichsaußenminister von Neurath den dringenden Bitten der Engländer, Italiener und Amerikaner, die den deutschen Standpunkt billigten, nach und erklärte sich bereit, den ersten Schritt zu machen. Er richtete folgende Note an die französische Regierung:

»1. Die Entschließungen der Abrüstungskonferenz haben für Deutschland keine Bedeutung, da die Resolution vom 22. Juli die Frage, ob diese Entschließungen sich auch auf das Reich beziehen, völlig außer acht läßt;

2. Die von der Konferenz erarbeitete Abrüstungsvereinbarung muß für Deutschland den Teil V des Friedensvertrags von Versailles, der damit ungültig wird, ersetzen;

3. Deutschland fordert die Gleichheit der militärischen Rechte, das heißt das Recht, selbst die Form der Streitkräfte zu bestimmen, deren er zu seiner Sicherheit bedarf. Wenn anders gehandelt würde, bliebe Deutschland in der Stellung einer Nation zweiter Klasse;

4. Deutschland ist bereit, auf alle Waffen zu verzichten, auf welche die anderen Mächte gleichfalls verzichten.«

Am 11. September 1932 wies Frankreich diese Auffassung zurück. Am 14. September setzte von Neurath Henderson in Kenntnis, Deutschland könne »seinen Platz in der Konferenz so lange nicht wieder einnehmen, wie die Frage der Gleichberechtigung nicht gelöst worden ist«. Am 28. September wurde die 13. Sitzungsperiode des Völkerbunds in Genf eröffnet, in Abwesenheit Deutschlands . . . Auf das dringende Ersuchen Sir John Simons und Baron Aloisis hin willigte Frankreich ein, eine realistischere Haltung einzunehmen: Großbritannien, Italien und Frankreich erklärten in einem gemeinsamen Kommuniqué, daß »einer der Grundsätze für die Abwicklung der Abrüstungskonferenz die Bewilligung der Gleichberechtigung an Deutschland« sei, »daß die Modalitäten der Anwendung einer solchen Gleichheit der

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Rechte noch auf der Konferenz besprochen werden müssen«. Deutschland entschloß sich zurückzukommen.

Als aber die Abrüstungskonferenz im März 1933 ihre Arbeiten wiederaufnahm, hatten sich unterdessen zwei Ereignisse zugetragen: Hitler war Reichskanzler geworden, Roosevelt Präsident der Vereinigten Staaten.

3. Hitler schlägt die allgemeine Abrüstung vor

Von Hitlers Machtübernahme wurden die Engländer am stärksten ergriffen: nicht nur wegen seines Programms [38] (rassistisch, antidemokratisch und diktatorisch in der Innenpolitik; expansionistisch — siehe Lebensraum — in der Außenpolitik), sondern auch wegen seiner Methoden und Entschiedenheit, Forderungen zu stellen. Wenn man mit ihm die Dinge so anstehen lasse wie mit der Weimarer Republik, so werde der Krieg, dachten die Briten, früher oder später unvermeidlich ausbrechen. Und sie waren um so mehr davon überzeugt, daß ihm Zugeständnisse gemacht werden mußten, als er im Augenblick nur die Durchführung des Versailler Vertrags in seinen militärischen Klauseln sowie seine Revision in wirtschaftlicher und territorialer Hinsicht forderte, die sie (kraft Art. 19 des Pakts) bis zu einem gewissen Grad für legitim hielten.

Hitler nahm zu Frankreich schon deshalb eine sehr harte Haltung ein [39] ein, weil er es für den Versailler Vertrag und seine Auslegung verantwortlich machte. Seine Haltung zu England war dagegen eine ganz andere: Alle seine bisherigen Reden ließen den Weg frei für eine deutsch-britische Verständigung in Sachen Europa, und keine seiner Forderungen hatte jemals die britischen Interessen beeinträchtigt [40]. Alles trug zu der Ansicht bei, daß er sie nicht antasten werde. Und sollte er sie doch antasten, werde man schon sehen.

In den damaligen Zeitverhältnissen waren die Briten vor allem darauf bedacht, die Voraussetzungen zu einem zweiten

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Krieg in Europa, der wie der vorige nur weltweites Ausmaß haben könnte, zu unterbinden.

Während der Sitzungspause waren mehrere Pläne ausgearbeitet worden, darunter ein amerikanischer und ein französischer. Der erste übernahm die einzelnen Anordnungen des Hoover-Plans, nur daß er die Ernennung einer Ständigen Kommission an Stelle der Abrüstungskonferenz vorsah. Diese Kommission sollte innerhalb von drei Jahren die Frage der Gleichheit der Rechte sowie die der Sicherheit klären. Der Plan schob die Probleme auf, und es war ausgeschlossen, daß Deutschland ihn annahm. Da er sich außerdem auf den Hoover-Plan stützte, den die Abrüstungskonferenz bereits abgeschlagen hatte, würden ihn auch die anderen Delegationen kaum annehmen können. Der französische Vorschlag betonte seinerseits eine bislang für zweitrangig erachtete Frage, die Abrüstungskontrolle, und sah hierzu die Ernennung einer Kommission vor; und wenn nach einem — nicht festgesetzten — Zeitraum die Ermittlungen der Kommission Deutschland guten Willen bescheinigten, dann könnte die Frage der Gleichberechtigung wieder geprüft werden. In diesem Fall stand ein Verfahrensdickicht und nicht ein Erfolg in Aussicht.

Angesichts dessen arbeitete der britische Premier MacDonald einen sehr genauen Plan aus und unterbreitete ihn persönlich der Abrüstungskonferenz am 16. März 1933. Der Vorschlag besagte in der Hauptsache: »Deutschland sollte berechtigt werden, seine Reichswehr zu verdoppeln, sie also auf 200000 Mann zu bringen. Frankreich sollte aufgefordert werden, seinen Mannschaftsbestand auf das gleiche Niveau zu senken. Aber zu den 200000 Mann der Heimatarmee sollten 200000 weitere hinzukommen, die zur Verteidigung seiner Kolonien bestimmt waren. Italien würden ebenfalls 200000 Mann für das Mutterland, dazu 50000 Mann für seine überseeischen Besitzungen zugestanden. Polen — mit einer um die Hälfte kleineren Bevölkerung als Deutschland — sollte ebenfalls 200000 Mann unter Waffen halten, die

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Tschechoslowakei 100000 und die Sowjetunion 500000 Mann. Rechnete man die Mannschaftsstärken aller mit Frankreich verbündeten Länder — Polens, Belgiens und der Kleinen Entente — zusammen, käme man auf eine Gesamtsumme von 1025000 Mann, denen 200000 Soldaten der neuen deutschen Wehrmacht gegenüberstünden. Dieses Mißverhältnis sollte noch verstärkt werden durch die Tatsache, daß Deutschland keine Luftwaffe besitzen dürfte, während Frankreich 500, Polen 200, Belgien 150 und die Kleine Entente (Tschechoslowakei, Jugoslawien, Rumänien) zusammen 550 Flugzeuge besitzen sollten. Dieser Plan, vervollständigt durch eine Anzahl regionaler gegenseitiger Beistandspakte, könnte innerhalb einer Frist von fünfzehn Jahren in Etappen durchgeführt werden.« [41]

Alle stimmten ohne Vorbehalte zu, außer Italien, das sich zwar dem Vorschlag anschloß, die der Kleinen Entente zugebilligte Zahl an Flugzeugen dennoch zu hoch fand und ein stärkeres Kolonialkontingent haben wollte, und bis auf Frankreich, das, wie unten zu ersehen, streng dagegen war. Alle Teilnehmer fragten sich aber auch, wie Hitler auf diesen Vorschlag reagieren werde: er antwortete am 17. Mai 1933 mit einer Rede, die er vor dem eigens hierfür einberufenen Reichstag hielt.

Am Tag zuvor hatte Präsident Roosevelt, der vor kurzem ins Weiße Haus eingezogen war, eine schwungvolle Botschaft an 44 Staatschefs gerichtet, in der er die Pläne und Hoffnungen der USA in Sachen Abrüstung und Frieden darlegte, die Abschaffung aller Angriffswaffen (Bombenflugzeuge, Panzer, motorisierte Schwerartillerie) forderte und im Fall einer Zustimmung die US-Garantie versprach. (Roosevelt wußte um den Anklang, den der Hoover-Plan in den USA gefunden hatte. Daher hatte er Hoover während der Kampagne zu den Präsidentschaftswahlen über innenpolitische Themen angegriffen, und nicht wegen seiner einhellig gebilligten Außenpolitik.) Hitler ging in seiner Rede ebenso auf die Vorschläge MacDonalds ein wie auf die Friedensbotschaft Roosevelts.

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Die angelsächsische Welt jubelte vor Freude. An die Adresse MacDonalds und somit an die der Abrüstungskonferenz erklärte er:

»Die Deutsche Regierung sieht in dem englischen Plan eine mögliche Grundlage für die Lösung dieser Fragen . . . Ferner wird die deutsche Regierung kein Waffenverbot als zu einschneidend ablehnen, wenn es in gleicher Weise auch auf die anderen Staaten Anwendung findet . . .«

Und an die Adresse Präsident Roosevelts:

»Der Vorschlag des amerikanischen Präsidenten Roosevelt, von dem ich heute nacht Kenntnis erhielt, verpflichtet deshalb die deutsche Regierung zu warmem Danke. Sie ist bereit, dieser Methode zur Behebung der internationalen Krise zuzustimmen. Dieser Vorschlag bedeutet eine große Beruhigung für alle, die an der aufrichtigen Erhaltung des Friedens mitarbeiten wollen. Deutschland ist jederzeit bereit, auf Angriffswaffen zu verzichten, wenn auch die übrige Welt ein Gleiches tut. Deutschland ist auch ohne weiteres bereit, seine gesamte militärische Einrichtung überhaupt aufzulösen und den kleinen Rest der ihm verbliebenen Waffen zu zerstören, wenn die anliegenden Nationen ebenso restlos das gleiche tun würden. Deutschland ist bereit, jedem feierlichen Nichtangriffspakt beizutreten, denn Deutschland denkt nicht an einen Angriff, sondern an seine Sicherheit.«

Das Ganze gespickt mit Formeln über den Krieg, der »heller Wahnsinn« sei, der »zum Zusammenbruch der heutigen Gesellschafts- und Staatenordnung führen« würde. Eine Rede also, deren pazifistische Klänge die verworrene Welt von damals angenehm überraschten. Der Reichstag stimmte mit Zuruf einmütig zu, einschließlich der 81 Sozialdemokraten, die dort noch einen Sitz hatten. In der angelsächsischen Welt erklärte die Londoner Times, daß die Forderung des Reichs, mit den übrigen Staaten gleichgestellt zu werden, »unumstößlich« sei. Der der Labour Party nahestehende Daily Herald forderte, daß »man Hitler beim Wort nehmen« solle. Der konservativ eingestellte Spectator zog den Schluß,

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Hitler habe Roosevelt die Hand gereicht, und diese Geste gebe der geplagten Welt neue Hoffnung. In den USA Schwärmten die Zeitungen. Der Sprecher im Weißen Haus erklärte sogar: »Der Präsident war von der Art begeistert, wie Hitler seine Vorschläge annahm.«

Dennoch enthielt die Rede Hitlers eine Drohung:

»Jeder solcher Versuch, jeder Versuch einer Vergewaltigung Deutschlands auf dem Wege einer einfachen Majorisierung gegen den klaren Sinn der Verträge könnte nur durch die Absicht diktiert sein, uns von den Konferenzen zu entfernen. Das deutsche Volk besitzt aber heute Charakter genug, in einem solchen Falle seine Mitarbeit den anderen Nationen nicht aufoktroyieren zu wollen, sondern, wenn auch schweren Herzens, die dann einzig möglichen Konsequenzen zu ziehen. Als dauernd diffamiertes Volk würde es uns auch schwerfallen, noch weiterhin dem Völkerbund anzugehören.«

Sie stand im Konditional, und man hielt sie für selbstverständlich.

Diese Rede wirkte sich günstig aus: sie brachte Mussolini und den französischen Botschafter in Rom, Henry de Jouvenel, auf den Gedanken, einen Vier-Mächte-Pakt (Italien, Frankreich, Großbritannien und Deutschland) zu planen, der durch den Zusammenhalt dieser Staaten »das Vertrauen auf den Frieden bekräftigen« sollte. England sagte ohne weiteres zu. Frankreich war zurückhaltender und sagte nur deshalb zu, weil Mussolini damals Hitler feindlich gesonnen war (der Duce beschuldigte ihn, »ihn ungeschickt nachzuäffen«, und hielt ihm außerdem seine Anschlußpläne für Österreich, Italiens bewachtes Jagdrevier, vor) und weil es eine Zeitlang Mussolini gegen Hitler auszuspielen gedachte. Die Gespräche wurden zielstrebig geführt: bereits am 7. Juni 1933 setzten die im Palazzo Venezia versammelten Botschafter der vier Mächte ihre Unterschrift unter den Vertrag. [42]

Die Idee war gut. Leider hatte sie keine Folgen: der Pakt wurde niemals ratifiziert.

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Denn Paul-Boncourt paßte auf: Da er Hitlers unanfechtbare Rede nicht angreifen konnte, kritisierte er den MacDonald-Plan. Dieser biete Frankreich keine ausreichenden Garantien, stelle die Zehntausenden von SA- und SS-Männern, die es neben der Reichswehr gäbe und im Falle einer Mobilmachung eine Masse ausgebildeter Reservisten darstellten, nicht in Rechnung, lasse die Seeabrüstung völlig außer acht und sehe schließlich keine Kontrollmöglichkeit für die Abrüstung vor, was für Frankreich von entscheidender Bedeutung sei.

Um diesen Punkt zu entschärfen, beschloß die Abrüstungskonferenz einen »Redaktionsausschuß« mit der Aufgabe zu betrauen, »die mit der Beachtung der nationalen Souveränität vereinbarten Kontrollmethoden zu ermitteln«. Und wiederum beschloß dieser Ausschuß, dessen Mitglieder sich über nichts einigen konnten, die Frage einem »Unterausschuß von Juristen« zu unterbreiten. Der deutsche Delegierte wurde angesichts dieses ablenkenden Verfahrens ungehalten, und am 5. Juni 1933 machte er darauf aufmerksam, daß man bedauerlicherweise auf Abwege gerate. Er habe nichts gegen eine Kontrolle, die selbstverständlich sei, wenn sie sich auf alle beziehe. Für Deutschland sei nicht die Frage der Kontrolle entscheidend, sondern die Gleichheit der Rechte, in die der MacDonald-Plan einmünde. Wenn diese Gleichheit der Rechte nicht innerhalb eines Jahres wirksam werde, dann werde Deutschland seine volle Handlungsfreiheit in Anspruch nehmen.

Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, schlug der Vorsitzende der Abrüstungskonferenz, A. Henderson, vor, sie bis zum 16. Oktober zu vertagen. Alle Teilnehmer pflichteten ihm bei. Man hoffte damit, einen öffentlichen Skandal, der der Konferenz moralisch den Todesstoß versetzen würde, zu vermeiden und bis dahin, durch Gespräche zwischen den Staatskanzleien, einen Ausweg zu finden.

Dieser Ausweg wurde nicht gefunden: Frankreich bestand unverändert auf seiner Auffassung der vorrangigen Abrü-

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stungskontrolle, in der Deutschland wiederum die Möglichkeit erkannte, die Gewährung der Gleichheit der Rechte auf den St. Nimmerleinstag zu verschieben. Auch diesmal wurde dem Drängen Frankreichs nachgegeben, und am 12. Oktober 1933, vier Tage vor dem vorgesehenen Sitzungsbeginn, setzte Sir John Simon, der Leiter der amerikanischen Delegation, seinen deutschen Kollegen Nadolny in Kenntnis von »der Unmöglichkeit, Deutschland eine Aufrüstung zuzugestehen, und der Notwendigkeit, vor die Kontrolle eine Prüfungszeit einzuschalten«. Diese Prüfungszeit wurde übrigens nicht festgesetzt. Über den MacDonald-Plan und die Abrüstung der übrigen Staaten fiel kein Wort.

Zwei Tage später, am 14. Oktober, trat der Konferenzausschuß zusammen, um die Vollversammlung vorzubereiten. Während der Sitzung erhielt Henderson ein Telegramm der deutschen Regierung, die ihm mitteilte, daß sie aus der Abrüstungskonferenz und zugleich aus dem Völkerbund ausscheiden werde.

Noch am selben Abend hielt Hitler eine große Rundfunkrede, um seine Entscheidung zu rechtfertigen. Die wohl wichtigste Stelle lautete:

»Wenn aber weiter der französische Ministerpräsident Daladier die Frage erhebt, wann denn Deutschland Waffen fordere, die doch später beseitigt werden müßten, so liegt hier ein Irrtum vor. Das deutsche Volk und die deutsche Regierung haben überhaupt keine Waffen, sondern die Gleichberechtigung gefordert. Wenn die Welt beschließt, daß sämtliche Waffen bis zum letzten Maschinengewehr beseitigt werden: Wir sind bereit, sofort einer solchen Vereinbarung beizutreten. Wenn die Welt beschließt, daß bestimmte Waffen zu vernichten sind, wir sind bereit, auf sie von vornherein zu verzichten. Wenn aber die Welt bestimmte Waffen jedem Volk billigt, sind wir nicht bereit, uns grundsätzlich als minderberechtigtes Volk davon ausschließen zu lassen.

Wir sind bereit, an allen Konferenzen teilzunehmen, wir sind bereit, alle Vereinbarungen zu unterschreiben — ledig-

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lich unter Bedingung gleicher Rechte. Als Privatmann würde ich mich niemals einer Gesellschaft anschließen, die meine Gegenwart nicht wünscht oder die mich als Menschen zweiten Ranges betrachtet. Ich habe niemals jemand gezwungen, mich zu empfangen, und das deutsche Volk hat nicht weniger Stolz als ich. Entweder genießen wir die gleichen Rechte wie alle, oder die Welt wird uns in Zukunft auf keiner Konferenz mehr sehen. Wir werden eine Volksabstimmung veranstalten, damit jeder Deutsche zum Ausdruck bringen kann, ob ich recht habe oder ob er mir widerspricht.«

Die Volksabstimmung fand am 12. November 1933 statt: mit 40601577 Stimmen, das waren 95% der Abstimmungsberechtigten [43] pflichtete Deutschland dem Führer bei, den es sich erwählt hatte. Man hat behauptet, dieses Wahlergebnis sei erzwungen worden: »Im KZ Dachau stimmten von 2242 Gefangenen 2154 für die Regierung, die sie verhaftet hatte« [44]. Und die waren doch abgehärtet. Ihre Abstimmung war übrigens nichts als die Antwort des Volkes auf die der sozialdemokratischen Abgeordneten, die am 17. Mai Hitlers Rede einmütig zugestimmt hatten — ohne daß irgendein Druck von seiten der Regierung auf sie ausgeübt wurde.

Diese Abstimmung war die eigentliche Inthronisation, die feierliche Einsetzung Hitlers durch das Volk. Noch am 5. März 1933 hatte er nur 43,7% der Stimmen erlangt und war auf die Unterstützung von Hugenbergs Partei angewiesen, um die 52%-Marke zu erreichen; das war schon außerordentlich. Diesmal hatte er aber nahezu das gesamte deutsche Volk hinter sich. Man konnte nicht mehr behaupten, er würde einem ganzen Volk seinen Willen mit Terrormitteln aufzwingen. Er war vielmehr von der Begeisterung eines ganzen Volkes »getragen«.

Die von den Alliierten gegen Deutschland getriebene Politik hatte zu Beginn des Jahres 1934 nur eines erreicht: Nachdem sie Hitler an die Macht gebracht hatte, festigte sie seine Stellung gerade durch die Vorkehrungen, die die Alliierten trafen, um ihn in Schwierigkeiten zu bringen.

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4. Deutschlands wirtschaftlicher Wiederaufbau

Dank dem Finanzgenie von Dr. Schacht, dem früheren (1923—30) und neuen (ab 17.3.1933) Reichsbankpräsidenten und Reichswirtschaftsminister (ab Juli 1934), konnte Deutschland mittlerweile wieder in Arbeit gebracht werden. Eine eingehende Darstellung des Schacht-Systems würde die vorliegende Untersuchung zweifellos zu weit führen. Darum sei es nur in Grundzügen vorgestellt.

Wie alle genialen Neuerungen und das Ei des Kolumbus beruhte dieses System auf einer offensichtlich sehr einfachen Idee: Im damaligen Deutschland, dessen Devisenquellen praktisch erschöpft waren, kam es eigentlich nur darauf an, durch eine sinnvolle Nutzung des Kredits möglichst langfristig bares Geld künstlich zu schaffen. Die staatlichen Devisenreserven waren zwar erschöpft, die der Hochfinanz und der Großindustrie dagegen nicht, zumindest nicht in Reichsmark und vielleicht auch nicht in versteckten Devisen. Das Vertrauen war bei der Hochfinanz und der Schwerindustrie wieder eingekehrt. Sie waren nunmehr der geordneten Verhältnisse sicher und vor einem kommunistischen Umsturz durch die neue Regierung geschützt. Hjalmar Schacht konnte daher im Mai 1933 eine Aktiengesellschaft, die »Metallurgische Forschungs-GmbH«, gründen, deren Startkapital von 1 Million RM sofort der Durchführung staatlicher Großprojekte (Autobahnen, Wohnungsprogramm, Ausrüstung der ländlichen Gebiete usw.) zugewiesen wurde, gegen eine der Kapitaleinlage entsprechende Schuldanerkennung: den Mefo-Wechsel. Dieses System trat bereits im Frühjahr 1933 in Kraft, war aber erst im April 1934 ausgereift. Nun willigte die Reichsbank ein, die Mefo-Wechsel unter der Bedingung zu diskontieren, daß Deutschland von den eigenen Ausfuhren lebe; und sie diskontierte sie zunächst auf vier Jahre, um der Industrie freien Spielraum zu geben. Schacht erlaubte demnach der Mefo-Gesellschaft, Wechsel auf die Arbeit Deutschlands in den kommenden Jahren zu ziehen.

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Die Diskontierung der Mefo-Wechsel setzte gerade bei dieser Laufzeit voraus, daß eine von Gold und Devisen losgelöste Währung in Umlauf gebracht würde, die einen sehr hohen inländischen und, zumindest am Anfang, einen sehr niedrigen internationalen Wert hätte: die Rentenmark. So entstand der zweifache Wirtschaftsbereich, den nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu alle Staaten übernahmen. (Die Devisenbewirtschaftung mit ihrem Clearing und Parallelmarkt verfährt nicht anders.) Dieser zweifache Wirtschaftsbereich führte im Inland zu einer Politik der Löhne mit hoher Kaufkraft, aber auch, durch die strengen Einfuhrbeschränkungen bedingt, zur Autarkie und zum Einheitsgericht (keine Butter, aber Kanonen) und letztlich zur Vollbeschäftigung. Am 1. Januar 1934 hatte Deutschland fast vier Millionen Arbeitslosen in die Produktions- und Konsumindustrie wieder eingegliedert. Am 1. Januar 1935 war die Arbeitslosigkeit unbedeutend gering.

Wir möchten aber nicht vorgreifen: der Wohlstand, der auf solch beeindruckende Weise in die Arbeiterfamilien zurückkehrte, die Schwerindustrie und die Hochfinanz, die nun von allen Liquiditätssorgen befreit waren, und der Wirtschaftsapparat, der in wiederhergestellter Ordnung reibungslos lief, stellten im November 1933 allen Deutschen unter Beweis, daß Hitler recht hatte. Und der anläßlich der Volksabstimmung erzielte Erfolg hing wohl mit dieser Entwicklung der Lage zusammen. Sogar die Politik der Einfuhrkontingentierung und des Einheitsgerichts beeinträchtigte in keiner Weise Hitlers Ansehen. Ob aus Furcht oder aus Sympathie, die mitteleuropäischen Staaten, namentlich Ungarn, Österreich, Rumänien und Polen, unterhielten weiterhin normale politische und wirtschaftliche Beziehungen zum Hitlerregime, die Rentenmark wurde dort zu einem ordentlichen Wert angenommen, und da England, die Schweiz und sogar die USA, ganz am Anfang, Verständnis zeigten, konnte dieses Einheitsgericht recht bald ausgiebig werden. Es dauerte übrigens nicht lange, bis die Rentenmark eine starke Währung in

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der ganzen Welt wurde, und alles kam wieder in Ordnung. Auf dem Weltmarkt war Deutschland schon der schärfste Konkurrent der USA zu einer Zeit, da deren Wirtschaft Einbuße verzeichnete, und das beunruhigte doch US-Präsident Roosevelt.

5. Präsident Roosevelts Politik

In den USA hatte F. D. Roosevelt den amtierenden Präsidenten Hoover bei den Wahlen im November 1932 besiegt und, dem Brauch gemäß, sein Amt im März 1933 angetreten: am Tag vor jener Reichstagswahl in Deutschland, die den Sieg des Tandems Hitler—von Papen bestätigte. Dies war auch eine der Folgen, und nicht die geringste des Wallstreet-Krachs im Jahre 1929 sowie der nachfolgenden, immer noch nicht ganz überwundenen Wirtschaftskrise für die Zukunft des Friedens. Der Republikaner Hoover gedachte, sie mit klassischen Mitteln, darunter mit der Deflation, zu bekämpfen, und stellte seine Wahlkampagne unter dieses Motto. Als Demokrat baute Roosevelt seine Wahlkampagne auf dem New-Deal-Programm auf, das in vieler Hinsicht an das Programm der französischen Volksfront im Jahre 1936 erinnert: eine Politik der hohen Löhne, um die Warenbestände abzubauen und die Wirtschaft anzukurbeln, kräftige Arbeitslosenunterstützungen bis auf weiteres, eine Politik des Kredits, das Ganze mit einer scharfen, häufig demagogischen Kritik an der Hoover-Administration, deren überholte Ansichten, so Roosevelt, die amerikanische Wirtschaft lähmten und erstickten. Dieses Programm setzte die Inflation und die Abwertung des Dollars voraus; er hütete sich aber, letztere anzukündigen, die im Fall seines Wahlsieges unvermeidlich sein würde. Kaum hatte er die Regierungsgeschäfte übernommen, was bei solch reizvollem Programm nicht ausbleiben konnte, da nahm er diese Abwertung vor. Indem sie die amerikanische Wirtschaft und den Staat von Liquiditätssorgen

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befreite, ermöglichte sie die Wiederankurbelung der Geschäfte, den Rückgang der Arbeitslosigkeit und sicherte ihm sein Ansehen auf lange Zeit.

Der demokratische Präsident Roosevelt war auch Freimaurer [45]; demzufolge hatte er zahlreiche enge Beziehungen zur jüdisch-amerikanischen Welt. Seine nähere Umgebung war jüdisch, zumindest die meisten seiner wichtigsten Mitarbeiter. Morgenthau, sein Freund und Finanzminister, war Jude; seine einflußreichsten Berater Baruch und Weizmann ebenso; Cordell Hull vom State Department hatte eine jüdische Frau. Jude war ebenfalls Herbert Freis, auch vom State Department; ferner Lehman, Gouverneur des Staats New York, und La Guardia, Bürgermeister der Stadt; Sol Bloom, Vorsitzender der Auswärtigen Kommission im Repräsentantenhaus; die Repräsentanten Dickstein, Celler usw.; der Gewerkschaftsführer Sidney Hillmann, die Journalisten Lippmann (noch Jahrzehnte nach 1945 wirksam) [46], Lawrence, Meyer, Sulzberger, der Rundfunkkommentator Walter Winchell usw. [47] Sie alle hatten freien Zutritt ins Weiße Haus.

Außerdem, und dies erklärt jenes, umfaßte die seit 1880 ständig wachsende jüdische US-Gemeinde mehr als fünf Millionen Angehörige und verfügte über hundertelf Publikationen, davon fünfundsechzig in englischer, einundvierzig in jiddischer, drei in hebräischer und zwei in deutscher Sprache, die sich wie folgt verteilten: neun Tageszeitungen mit hohen Auflagen, achtundsechzig Wochen-, achtzehn Monats- und sechzehn Zweimonats-, Vierteljahres- und Halbjahresschriften, [48] von den oft mehrheitlichen finanziellen Beteiligungen in der nichtjüdischen Presse ganz zu schweigen. Der Journalist Lippmann zum Beispiel wurde beim New York Herald Tribune von den dort tonangebenden jüdischen Bankiers durchgesetzt.

Präsident Roosevelts Zugehörigkeit zur Freimaurerei zeigte zwar, daß er den Juden zugeneigt war, die deren stärkste und dynamischste Fraktion bildeten und alle seine politischen Stellungnahmen bestimmten. Aber selbst wenn er

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nicht Freimaurer gewesen wäre, hätte er sich kaum über den Einfluß hinwegsetzen können, den die eigene Presse mit jüdischer finanzieller Beteiligung auf die amerikanische Öffentlichkeit ausübte. Dadurch waren die Juden Wahlträger ersten Ranges. Besagte Presse hatte ohnehin nicht unwesentlich zu Roosevelts Sieg bei der US-Präsidentschaftswahl beigetragen, und man mußte bereits an die künftigen Wahlen denken. Gleich nach seiner Wahl ging Präsident Roosevelt tatsächlich, zunächst stillschweigend, dann offen, auf sämtliche Forderungen der jüdischen Politik ein.

Möglicherweise ist dies auf die Tatsache zurückzuführen, daß er schwerkrank war und seine Krankheit ihn nahezu völlig von seiner Frau abhängig machte. Letztere, die Ribbentrop einmal als »Megäre« bezeichnete [49], war politisch ungebildet, offenbar überspannt und der jüdischen Sache noch mehr verfallen als ihr Mann. Über Roosevelts Krankheit herrscht noch Unklarheit. Wegen seiner Rolle in einem Krieg, dessen Heiligkeit man unbedingt bewahren will, wird darüber geschwiegen. Von Poliomyelitis war die Rede. Laut Larousse du vingtième siècle handelte es sich um eine generalisierte Lähmung, die an den Beinen eingesetzt habe. Jedenfalls wurde dieser kräftige Bursche im Alter von 39 Jahren von einem plötzlichen Leiden befallen, das ihn nunmehr an den Rollwagen fesselte und ihn bis zu seinem Tod derart auszehrte, daß er bereits 1939 nur noch ein Schatten seiner selbst war. Angesichts Roosevelts diplomatischer Schnitzer (man denke vor allem an seinen Brief vom 14. April 1939 an Hitler und Mussolini, in dem er sie unverblümt beschuldigte, die einzigen Kriegshetzer in der Welt zu sein) scheute sich Göring nicht zu sagen, es sei »die Folge einer progressiven Paralyse«, und Mussolini, daß dieser Brief »den Beginn einer Geisteskrankheit« an den Tag lege. Die Frage erhebt sich: Hat der Larousse du vingtième siècle tatsächlich recht, daß Roosevelt erst an die Macht gekommen war, als die Krankheit seinen Körper bereits zerstört hatte und nun seine geistigen Fähigkeiten befiel?

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Das würde manches erklären, vor allem sein Einvernehmen mit Churchill, von dem wir seit der Veröffentlichung der Memoiren seines Leibarztes, Lord Morand, wissen, daß er ebenso schwerkrank war, wenn auch in anderer Form. Ferner wäre der Einfluß verständlich, den seine Frau und seine jüdische Umgebung auf ihn ausübten [50]. Die Geschichte dieses Zeitabschnitts würde zum Kriminalroman, indem das Schicksal der Welt in den Händen zweier dem körperlichen Verfall ausgelieferter Geisteskranker gelegen hätte.

Wir dürfen aber nicht zu sehr vorgreifen.

Das Programm der NSDAP sah vor, daß gleich nach der Machtübernahme die deutschen Juden nur noch als Ausländer angesehen würden, daß sie nicht mehr Rechte als die Ausländer in den anderen Staaten der Welt haben würden und daß sie, wie auch dort, ausgewiesen werden könnten. Die grundsätzlich getroffene Maßnahme, die es auf alle Juden lediglich auf Grund ihrer Rassen- oder Religionszugehörigkeit anlegte, war eine schwere, unbestreitbare Verletzung des Völkerrechts. In den übrigen Ländern wurde sie nur in Einzelfällen und nur wegen Beeinträchtigung der inneren Staatssicherheit ergriffen. Die Deutschen rechtfertigten sie mit dem Umstand, daß die Juden insgesamt Schmarotzer seien, die nahezu ausschließlich von dem Geldgeschäft lebten (zum Nachweis erbrachten sie eine statistische Aufstellung der deutschen Juden nach Berufen), das heißt von der Arbeit der anderen. Sie würden sämtliche Wirtschaftsverflechtungen durcheinanderbringen, was den Staat in seiner Existenz gefährde (zum Nachweis behaupteten sie, die Juden hätten zu eigener Bereicherung bereits zweimal den wirtschaftlichen Zusammenbruch der Weimarer Republik verursacht, allerdings nur das erstemal, im Jahre 1923, Erfolg gehabt). Alles in allem würden alle Anstrengungen der Juden darauf abzielen, Deutschland regelrecht zu schröpfen. Außerdem sei ihre politische Forderung unannehmbar, Deutschland nur als Gastland zu betrachten, in dem sie ebenso leben müßten wie ihre Glaubensgenossen in anderen

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Ländern, seit Titus und Hadrian sie aus Palästina verjagt und in der ganzen Welt zerstreut hätten [51]. Unannehmbar sei ihre Forderung, ein Eigenvolk zu bleiben und in diesem Land die nationale Minderheit de jure zu bilden, die sie de facto auf unrechtmäßige Weise darstellten, indem sie alle Lücken der geltenden Gesetze ausnützten. Hätten sie dabei Erfolg, so würden sie einen Staat im Staat bilden und die Sicherheit des (per definitionem) Einheitsstaats stark gefährden. Kurz, man fand es durchaus normal, die Juden in Deutschland als Ausländer zu betrachten, da sie sich selbst als solche betrachteten.

Das Weltjudentum nahm diese Doktrin zur Kenntnis, die einen siebzig Millionen Einwohner-Staat dem jüdischen Finanzmarkt entzog. Statt aber einen um so leichteren Kompromiß zu suchen, als Hitler selbst einen solchen anstrebte, entfachten die Juden die Diskussion, indem sie sofort bekannten [52], sie befänden sich im Kriegszustand nicht nur mit der nationalsozialistischen Ideologie, was völlig legitim gewesen wäre und schlimmstenfalls nur eine akademische Diskussion nach sich gezogen hätte, sondern auch mit Deutschland, was eine militärische Intervention bedingte: In allen Ländern, wo sie einigen Einfluß hatten, versuchten sie, die Welt auf diesen Weg zu treiben. Präsident Roosevelt konnte ihnen auf diesem Weg nicht folgen: Das amerikanische Volk war entschieden gegen einen Krieg in Europa, wenn seine Interessen nicht unmittelbar gefährdet würden, was auch zutraf; Roosevelt hätte sonst seine Wiederwahl aufs Spiel gesetzt oder die Wahl desjenigen (oder derjenigen), den seine Partei zu seiner Nachfolge wählen würde. Und wiederum konnte er sich auch nicht gegen sie aussprechen, weil er sonst einen wertvollen Wahlhelfer verloren hätte und weil er ohnehin ihre Auffassung teilte. Also schwieg er. Und während die USA unter Präsident Hoover Friedenspläne auf der Abrüstungskonferenz (Hoover-Plan, Briand-Kellog-Pakt) vorlegten, unterbreiteten sie während der Roosevelt-Ära keine Vorschläge mehr.

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6. Die Barthou-Note vom 17. April 1934

In der Haltung Präsident Roosevelts erkannte Frankreich — mit Recht — Berührungspunkte mit der eigenen Auffassung und glaubte, im Falle eines Krieges gegen Deutschland mit der amerikanischen Unterstützung rechnen zu können. Die französische Regierung verschanzte sich daher um so entschlossener hinter ihren Forderungen, tat nichts, was eine Wiederaufnahme der Gespräche, etwa durch die Rückkehr Deutschlands in den Völkerbund begünstigt hätte, arbeitete vielmehr darauf hin, daß Deutschland ferngehalten wurde und sich seine Beziehungen zum Völkerbund verschlimmerten. Offenbar gab Frankreich sich der albernen Hoffnung hin, daß, müßte sich Hitler eines Tages plötzlich zwischen Krieg und Nachgeben entscheiden, er sich fügen würde.

England war pessimistischer — die späteren Ereignisse gaben ihm recht; doch verlor es nicht den Mut.

Außer acht möchten wir den regen diplomatischen Schriftverkehr lassen, der nach dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund einsetzte und zwischen Deutschland, England Frankreich sowie Italien stattfand (deutsches Memorandum vom 18. Dezember 1933, französische Antwort am 1. Januar 1934; erneut deutsches Memorandum am 19. Januar 1934 usw. usw.): Frankreich und Deutschland schrieben aneinander vorbei. Nur zwei Initiativen seien festgehalten: die britische Note vom 29. Januar 1934, die bis auf wenige Einzelheiten den MacDonald-Plan (siehe oben, S. 66) übernahm, sowie die von Barthou unterzeichnete französische Note, die den Dialog beendete.

Indem sie den inneren Zusammenhang der Sicherheits- und Abrüstungsfragen hervorhob, stellte die britische Note vom 29. Januar 1934 grundsätzlich fest, daß »man nicht gewisse Waffen einigen Staaten erlauben könne, während man sie anderen verbot«. Auf diese Art und Weise war die von Deutschland geforderte Gleichheit der Rechte anerkannt.

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Hinsichtlich der deutschen Mannschaftsstärke regte England eine Zahl an, die zwischen den von MacDonald vorgeschlagenen 200000 Mann und den 300000 Mann, die Hitler forderte, lag. England, fuhr die Note fort, wünsche, daß die Gleichheit zwischen den Streitkräften Frankreichs, Deutschlands, Italiens und Polens verwirklicht werde und daß alle diese durch kurze Dienstzeit gekennzeichneten Heere ähnlich aufgebaut würden. Bezüglich der schweren Artillerie und der Panzer schlug es eine allgemeine Beschränkung bestimmter Typen vor. Frist zur Verwirklichung dieses Programms: fünf Jahre, mit Ausnahme der Luftwaffe, für die eine zweijährige Frist vorgesehen war, in der versucht werden sollte, überall die Luftstreitkräfte abzuschaffen. Scheiterte dieser Versuch, so sollte das Reich nach den zwei Jahren berechtigt sein, auch eine Luftflotte aufzubauen.

Um jedes Mißverständnis vorzubeugen, hielt Baldwin, der MacDonald im Amt des Premierministers gefolgt war, es für angebracht, den nüchternen Austausch diplomatischer Noten mit persönlichen Kontakten zu verbinden. Er beauftragte daher den britischen Lordsiegelbewahrer Eden, eine Rundreise durch die Hauptstädte zu machen.

Am 17. Februar 1934 hielt sich Eden in Paris auf, wo ihm Barthou einen ziemlich kühlen Empfang bereitete. Dieser war gegen die Deutschen noch feindlicher gesinnt als sein Vorgänger Paul-Boncourt. [53] Frankreich, so Barthou, sei der Auffassung, man müsse vor jeder Abrüstungsmaßnahme eine Stelle zur Kontrolle dieser eventuellen Abrüstung schaffen — das habe er ihm übrigens bereits am 14. Februar geschrieben —; die vom MacDonald-Programm vorgesehene fünfjährige Frist sei dann, nach Gründung und Einrichtung besagter Stelle, durchaus vernünftig, sie müsse aber eine dreijährige Probezeit zur Folge haben, nach der die Abrüstung erst wirksam und unwiderrufbar sein werde, wenn sich zeigt, daß Deutschland wirklich abgerüstet habe. Das setzte die tatsächliche Abrüstung um acht Jahre zurück; hinzu kam die Bereitstellung des Kontrollorgans, über dessen Aufbau

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noch keinerlei Meinungsaustausch stattgefunden hatte. Barthou machte außerdem Vorbehalte hinsichtlich der Gleichheit der Mannschaftsstärken (er berief sich auf die Existenz der SA- und SS-Verbände neben dem eigentlichen deutschen Heer und behauptete, daß sich diese Gleichheit überhaupt auf die Heimatstreitkräfte beschränken müsse, unter Ausschluß der Kolonialtruppen), hinsichtlich der allgemeinen Beschränkung innerhalb der schweren Artillerie auf bestimmte Typen und zuletzt hinsichtlich der totalen Abschaffung der Luftstreitkräfte in allen Ländern.

Am 21. Februar 1934 weilte Eden in Berlin, wo Reichskanzler Hitler ihm erklärte, er nehme den britischen Plan unter der Voraussetzung kleiner Veränderungen an, die beide Gesprächspartner ohnehin für unwesentlich hielten: Wenn beispielsweise die Luftstreitkräfte sich nicht überall abschaffen ließen, könne das Reich nicht zwei Jahre warten, um seine Luftsicherheit herzustellen. Hierüber sei ein Kompromiß durchaus möglich. Als Eden den französischen Standpunkt bezüglich der SA und SS vorgetragen hatte, erklärte Hitler, er sei bereit, diese Verbände abzurüsten, das heißt, ihnen einen nichtmilitärischen Charakter zu verleihen, ja sogar die SA ganz abzuschaffen. Wenn er aber einverstanden sei, daß die Rüstung der anderen Länder auf das Niveau der deutschen erst nach einer Zeitspanne von fünf Jahren herabgesetzt werde, könne er den französischen Standpunkt keinesfalls teilen, der diese Zeitspanne um drei Jahre verlängere und sie mit der alleinigen Kontrolle der deutschen Rüstung koppele. Mit der Kontrolle sei er einverstanden, aber unter der Voraussetzung, daß alle sich ihr nach erfolgter Abrüstung unterwürfen, und nicht vorher, wo doch nichts zu kontrollieren sei.

Am 26. Februar 1934 war Eden in Rom, wo der britische Plan ebenfalls in großen Zügen angenommen wurde. Mussolini sagte Eden aber, daß er die Gleichstellung der deutschen, französischen, englischen und polnischen Heere, auch wenn er nichts dagegen habe, für unmöglich halte.

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Einmal mehr nur Frankreich . . .

Die Folgerungen aus dem Eden-Bericht, den Baldwin allen Staatskanzleien zukommen ließ, dienten als Diskussionsgrundlage. Im Laufe der Gespräche sah sich die Reichsregierung angesichts der französischen Unnachgiebigkeit zu der Memorandum-Erklärung (13. März 1934) veranlaßt, Deutschland werde »auf keinen Fall mehr an einen Militärstatus, wie ihn der Frieden von Versailles vorschrieb, gefesselt bleiben«. Barthou antwortete am 17. März: »Der Teil V des Friedensvertrags muß unangetastet bleiben, und wir sind entschlossen, ihn aufrechtzuerhalten, möge kommen, was wolle.«

Und man ließ es dabei bewenden bis zum 17. April 1934: In der Zwischenzeit blieben sämtliche Versuche Englands, Barthou umzustimmen oder die Bedingungen für eine Meinungsänderung zu erfahren, erfolglos. Schließlich antwortete Barthou am 17. April 1934 auf die britische Note vom 10. April in zugleich entschiedenem und wütendem Ton, daß »die französische Regierung sich feierlich weigert, einer deutschen Wiederbewaffnung zuzustimmen«, daß »diese alle Verhandlungen unnütz machen würde« und »Frankreich von nun an seine Sicherheit mit eigenen Mitteln gewährleisten wird«.

Das war der endgültige, unwiderrufliche Bruch mit allen Folgen: zum einen die Gewißheit, daß Deutschland niemals in den Völkerbund zurückkehren würde; zum anderen der neue Start zum Rüstungswettlauf, der eindeutig zum Krieg führen würde.

Unabhängig von Jean Viénot, der diese Note als »Abweisung und Knüppelschlag« bezeichnete [54], von Lord Lothian, der sie als »Nein von verhängnisvoller historischer Tragweite« wertete, von Paul Reynaud, der sie dafür verantwortlich machte, daß »Frankreich in der Weltöffentlichkeit die Schuld am Rüstungswettlauf trage« [55], erklärte Lloyd George am 21. April 1934 im Unterhaus, sie rühre davon her, daß »Frankreich sich jahrelang, wenn nicht länger, weigere, seine

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Verpflichtung abzurüsten« (Anspielung auf die Präambel von Teil V des Versailler Vertrags) »einzuhalten und daß es auch nach Locarno seine Rüstung von Jahr zu Jahr verstärkte«.

Selbst Léon Blum sollte bedauern, daß Barthou eine solche Initiative ergriff, die Regierung scharf verurteilen, die ihn gewähren ließ, und die Verantwortung Frankreichs betonen. »Glauben Sie«, äußerte er in der Abgeordnetenkammer, »daß Deutschland, ja sogar das Hitler-Deutschland, eine solche Freiheit wiederaufzurüsten gehabt hätte, daß es angesichts der ganzen Welt diese freie, wohl überlegte Initiative hätte ergreifen können, wenn eine gerechte Konvention über eine allgemeine Rüstungsbegrenzung zur gegebenen Zeit unterzeichnet worden wäre?« [56]

Damals hofften alle Völker tatsächlich auf diese »gerechte Konvention über eine allgemeine Rüstungsbegrenzung«, und statt dessen erhielten sie die Barthou-Note, die die Abrüstung verhinderte und dem Krieg Tür und Tor öffnete, indem sie die Wiederaufnahme des Rüstungswettlaufs gestattete.

Die Freunde des schwarzen Humors werden sich damit trösten, daß, mochten auf humanitärer Ebene die Beziehungen zwischen Deutschland und dem Völkerbund bzw. zwischen Deutschland und Frankreich abgebrochen sein, sie zwischen den Rüstungsindustriellen dies- und jenseits des Rheins fortbestanden. Dank dem Segen beider Regierungen kamen Franzosen und Deutsche in diesem Bereich sehr gut miteinander zusammen. Das zeigt die Antwort auf eine Anfrage des Senators Paul Laffont, die im Staatsanzeiger vom 26. März 1938 abgedruckt wurde:

»Die Mengen an Eisenerz (Nr. 204 des Zolltarifs), die von Frankreich nach Deutschland in den Jahren 1934 bis 1937 ausgeführt wurden, sind nachstehend aufgelistet:

1934 ......... 17060916 Doppelzentner
1935 ......... 58616111 Doppelzentner
1936 ......... 77931756 Doppelzentner
1937 ......... 71329234 Doppelzentner

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Damit trösten, schreibt Le Crapouillot [57], werden sich »alle beim Feldzug 1939—40 verwundeten französischen Frontkämpfer, wenn sie erfahren, daß die Geschütze, die sie verstümmelten, aus dem Eisenerz gegossen worden waren, das François de Wendel und seine Kollegen aus der Schwerindustrie im Departement Meurthe-et-Moselle aus patriotischen Überlegungen nach Deutschland exportierten«.

Diese Zahlen beweisen nämlich, daß bei einer Annahme des britischen Plans François de Wendel und seine Kollegen weiterhin zum Vegetieren verurteilt gewesen wären: Deutschland war ihr wichtigster Abnehmer, ja sogar ihr einziger im Bereich der von ihnen erzeugten Rohstoffe, die sie wegen der Marktlage und der Ausrüstung der französischen Industrie nicht verarbeiten und nirgendwo anders absetzen konnten.

Frage: Stand Barthou im Sold François de Wendels und der anderen Stahlmagnaten im Departement Meurthe-et-Moselle? [58]

Wie dem auch sei, es hatten sich alle, die irgendeinen Einfluß in der Welt hatten, gegen den Frieden verschworen: die Juden aus ideologischen Gründen — zumindest vertuschten sie mittels einer Ideologie eindeutig materielle Interessen —, Präsident Roosevelt aus Ergebenheit ihnen gegenüber, die Rüstungsindustriellen aus Gewinnsucht, die französischen Politiker aus dem Bedürfnis, ihnen zu gefallen, oder aus beschränktem Nationalismus.

Und Hitler in alledem?

Er verfolgte die Entwicklung mit Aufmerksamkeit, bestimmte seine Haltung von Tag zu Tag, auf Grund der Haltung, die seine Gegner einnahmen.

Träte kein Umschwung ein, so würde man mit diesem Spielchen bestimmt eines Tages vor einem nicht mehr zu vermeidenden Krieg stehen. Was auch geschah.

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Anmerkungen

[26] Man mußte sie beinahe manu militari dorthin bringen. Die deutsche Regierung hatte die Aufforderung abgelehnt, eine Delegation zu dieser Zeremonie zu schicken. Sie gab vor, daß die Verpflichtungen, die Präsident Wilson im Namen der alliierten Mächte — in seiner Botschaft an den amerikanischen Kongreß vom 8. Januar 1918 (14 Punkte) und in früheren Erklärungen, insbesondere seiner Rede vom 27. September 1918 — eingegangen war, nicht erfüllt wurden. Nach diesen Erklärungen sollte der Friede auf der Grundlage des freien Selbstbestimmungsrechts der Völker abgeschlossen werden, und die Paragraphen des Vertrags sollten frei und ohne Unterschied zwischen Siegern und Besiegten erörtert werden; und sie hätten daher Deutschland dazu bewogen, die Waffen niederzulegen. Ferner sei Deutschland wider alles Erwarten von der Friedenskonferenz ferngehalten worden, und es habe keine Einwände erheben können. Unter diesen Umständen werde ein Bote durchaus genügen. Daraufhin wurden im alliierten Lager militärische Vorkehrungen getroffen, und der Vorsitzende der Frie-

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denskonferenz richtete eine Drohnote an Deutschland, das nun nachgab.

[27] Vorsitzender der von der Friedenskonferenz gegründeten Kommission, die allen europäischen Völkern in Nahrungsnot helfen sollte.

[28] Die Hungerblockade wurde erst im Sommer 1919 gelockert. (d. Ü.)

[29] Sie sollte erst im folgenden Oktober aufgehoben werden. Ein genaues Datum stand aber nicht fest.

[30] Am 24. Januar 1921 hatte die Botschafterkonferenz die Kriegsschuld auf 212 Milliarden Goldmark festgesetzt; sie wurde am 1. Mai auf 132 Milliarden Goldmark heruntergesetzt. Die Deutschen schlugen ihrerseits 30 Milliarden vor. (Siehe André François-Poncet, Von Versailles bis Potsdam, Mainz—Berlin 1949, S. 78).

[31] Keynes, Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrags, München 1920

[32] André François-Poncet, Der Weg von Versailles nach Potsdam, aaO., S. 69. — Siehe auch Paul Rassinier, Le Véritable Procès Eichmann ou les Vainqueurs incorrigibles, Paris 1962.

[33] Über die Arbeit dieser Kontrollkommission siehe Jacques Benoist-Méchin, Geschichte der deutschen Militärmacht, Bd. 2 Jahre der Zwietracht, Oldenburg 1965, S. 331—350.

[34] Folgende Staaten gehörten ihr an: Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan, Belgien, Brasilien, Spanien, Schweden, die Tschechoslowakei, Uruguay, Argentinien, Bulgarien, Chile, die Vereinigten Staaten, Finnland, die Niederlande, Rumänien, Jugoslawien, die Türkei, China und Rußland (das ebenso wie die Vereinigten Staaten dem Völkerbund nicht angehörte, nach Gründung der Kommission aber an ihren Arbeiten teilzunehmen wünschte). Deutschland, das noch nicht Mitglied des Völkerbunds war, war zur Teilnahme aufgefordert worden und ernannte Graf Bernstorff, den früheren Botschafter des Reichs in Washington, zu seinem Vertreter.

[35] Am 16. Oktober 1925 in Locarno abgezeichnet und am 1. Dezember in London unterzeichnet. Deutschland hatte die Initiative ergriffen, mit einem Memorandum, das es am 9. Februar 1925 an die französische Regierung richtete: »Falls Frankreich,

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England, Belgien und Italien auf den Krieg als Mittel zur Verteidigung ihrer jeweiligen Grenzen verzichten und sich gegenseitig den 'Status quo' garantieren wollten, würde das Deutsche Reich einem solchen Abkommen gern beitreten.« England unterstütze diesen Vorschlag. Alle stimmten ihm zu, außer Frankreich, das zwei Forderungen stellte: Das Abkommen müsse im Rahmen des Völkerbunds abgeschlossen werden und Polen sowie die Tschechoslowakei miteinbeziehen. England erwiderte, es sei bereit, die belgische, französische und italienische Grenze zu garantieren, es weigere sich aber, jede Verpflichtung im Osten einzugehen. England hatte nämlich begriffen, daß Deutschlands Ostgrenzen nicht als endgültig betrachtet werden konnten, vor allem in bezug auf Polen (Danziger Korridor) und die Tschechoslowakei (Sudetenland). Italien stimmte dieser Auffassung zu. Belgien wiederum konnte nur in eigener Sache Verpflichtungen eingehen. Letztlich schloß sich Frankreich wider Willen diesem Standpunkt an, unter der Bedingung allerdings, daß das Abkommen durch einige bilaterale Verpflichtungen Deutschlands gegenüber Polen beziehungsweise der Tschechoslowakei ergänzt würde. Mit ihrer beharrlichen Politik der Einkreisung Deutschlands hatten letztere nämlich das hierbei versagende Rußland abgelöst, konnte gegebenenfalls eine zweite Front bilden, zumal zwei verstockte Deutschfeinde sich an ihrer Spitze befanden: Pilsudski und Benesch. Demnach enthielt der Locarno-Pakt zwei Teile: den eigentlichen, von allen unterzeichneten Rheinpakt, der die Westgrenze garantierte, und zwei Abkommen, die zwar keine Grenzen garantierten, aber im Streitfall die Verpflichtung beider Partien enthielten, eine schiedsrichterliche Einrichtung anzurufen.

[36] J. Benoist-Méchin, Geschichte der deutschen Militärmacht 1918—1946, Bd. 2 Jahre der Zwietracht, aaO., S. 354f.; siehe auch Deutschlands Kampf um Gleichberechtigung, hrsg. von Richard Schmidt, Berlin 1934, und Karl Schwendemann, Deutschlands Weg in der Abrüstungsfrage, S. 18.

[37] J. Benoist-Méchin, Geschichte der deutschen Militärmacht 1918—1946, Bd. 3 Auf dem Weg zur Macht, Oldenburg—Hamburg 1965, S. 130.

[38] Anläßlich des Parteitages vom 25. Februar 1920 in München ausgearbeitet, umfaßte das Programm 25 Punkte, die in der Folge keinerlei Veränderungen erfuhren.

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[39] »Der unerbittliche Todfeind des deutschen Volkes ist und bleibt Frankreich . . . Das Schlußziel ihrer außenpolitischen Tätigkeit wird immer der Versuch einer Besitzergreifung der Rheingrenze sein und einer Sicherung dieses Stromes für Frankreich durch ein aufgelöstes und zertrümmertes Deutschland.« (Mein Kampf, München 1937, S. 696)

[40] Da gibt es zwar den 3. Artikel des NSDAP-Programms, in dem Kolonien gefordert werden. Dieser 3. Punkt fordert aber nicht die früheren deutschen Kolonien, sondern Kolonien überhaupt, also nicht unbedingt diejenigen, die der Versailler Vertrag Deutschland abnahm und England zuteilte.

[41] J. Benoist-Méchin, Geschichte der deutschen Militärmacht 1918—1946, Bd. 3 Auf dem Weg zur Macht, aaO., S. 140f. — Benoist-Méchin wird hier oft zitiert. Benoist-Méchin gehört zu den wenigen Historikern, die die Quellen immer wortgetreu wiedergaben und sie am besten zusammenfaßten und auslegten.

[42] Seit dem 9. April 1933 führte Kardinal Pacelli, der Staatssekretär im Vatikan und künftige Papst Pius XII., Gespräche mit Hitlers Beauftragten im Hinblick auf die Unterzeichnung eines Konkordats mit Deutschland. Die Gespräche waren von deutscher Seite angeregt worden. Man hat Kardinal Pacelli vorgehalten, in diese Gespräche eingewilligt zu haben, die am 10. Juli zum Abschluß eines Konkordats führten, und ihn der »Kollusion mit dem Faschismus und Nationalsozialismus« bezichtigt, vor allem in den jüdischen Kreisen. Einer solchen Verbindung wurde England oder Frankreich dagegen nie beschuldigt, obwohl der Viermächte-Pakt zur selben Zeit unterzeichnet wurde.

[43] Und nicht der abgegebenen Stimmen, wie oft behauptet.

[44] W. L. Shirer, Aufstieg und Fall des Dritten Reichs, aaO.

[45] Am 22. Juli 1941 veröffentlichte der Reichspropagandaminister Fotodokumente, die in einer norwegischen Loge entdeckt waren und die Roosevelt in Freimaurertracht zeigten (Saul Friedländer, Auftakt zum Untergang, Stuttgart 1965). Man erfuhr später, daß Roosevelt am 28. November 1911 in die Holland Lodge Nr. 8 aufgenommen worden war, dem 33. Grad des Schottischen Ritus angehörte und Erhabener Prinz des Royal Secret war. Seinen Briefwechsel mit den europäischen Logen

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veröffentlichte das »Comité de surveillance des activités maçonniques« ('Komitee zur Beaufsichtigung der freimaurerischen Aktivitäten') während der deutschen Besetzung. Siehe Lectures françaises, Sondernummer Juni 1957, über die Geheimursache des Zweiten Weltkriegs, von Jacques Béarn, S. 157ff.

[46] Nach Saul Friedländer, Auftakt zum Untergang, aaO., S. 277.

[47] Walter Lippmann nahm ab 1917 an den vorbereitenden Arbeiten für die Friedensverhandlungen teil.

[48] Arthur Ruppin, Die Juden der Gegenwart, Berlin 1921. Arthur Ruppin war Jude und Professor für Soziologie an der hebräischen Universität Jerusalem.

[49] Erklärung vom 4. Januar 1941 gegenüber Bogdan Filow, dem bulgarischen Ministerpräsidenten (Saul Friedländer, Auftakt zum Untergang, aaO., S. 112).

[50] Saul Friedländer (Auftakt zum Untergang, aaO., S. 12) schreibt: »Und die spontane Feindseligkeit, die das neue deutsche Regime in Übersee hervorrief, erklärte sich, wie man zu wissen glaubte, aus dem Einfluß der Juden. Amerika wurde mehr und mehr zu einem 'jüdischen Amerika', zu einer Antithese des germanischen Reichs.« In Wirklichkeit handelte es sich im Jahre 1933 erst um die Feindschaft Präsident Roosevelts, und nicht wie Saul Friedländer es behauptet, um die Feindschaft »in Übersee«. Und daran sollte sich noch lange nichts ändern: im September 1939 ließ eine Umfrage der Roper-Agentur (von der unten, S. 271, die Rede sein wird) erkennen, daß nur 2,8% des amerikanischen Volkes den sofortigen Eintritt der USA an der Seite Frankreichs und Englands befürworteten. Der Einfluß, den die Juden unmittelbar auf Roosevelt oder durch die Presse auf die Öffentlichkeit, also auf die weltweite Entwicklung zum Krieg, ausübten, wird dennoch von niemandem bestritten, nicht einmal von Saul Friedländer selbst. Saul Friedländer ist ein jüdischer Historiker (in Prag geboren, ist dieser Kommunist, beziehungsweise verkappter Anhänger des Kommunismus israelischer Bürger, residiert aber lieber in der Schweiz), der unter anderem hervortrat, als er entstelltes und tendenziöses Material zur Pius XII.-Affäre vorlegte. Siehe Saul Friedländer, Pius XII. und das Dritte Reich, Hamburg 1965.

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[51] Die Diaspora ist in jüdischer Auslegung ein Mythos. Von jeher und aus freiem Willen waren die Juden in aller Welt zerstreut, und nur eine Minderheit von ihnen lebte in Palästina. In L'affaire Jésus (Paris 1964) behauptet Michel Plault, daß zur Zeit Jesu etwa 7 Millionen Juden in der Welt lebten, davon weniger als 3 Millionen in Palästina. Um an die Zahl von 7 bzw. 3 Millionen zu kommen, muß er allerdings als Juden sämtliche Einwohner Palästinas berechnen, das damals Syrien, Jordanien, den Irak, den Gaza-Streifen und den heutigen Staat Israel umfaßte und das, so der jüdische Historiker Flavius Josepho, tatsächlich mit etwa 3 bis 4 Millionen Einwohnern besiedelt war. Ben Gurion (Volk und Staat Israel, Olten 1960) spricht bescheidener von insgesamt 3 bis 4 Millionen Juden, davon weniger als eine Million in Palästina mitten unter 3 Millionen Arabern. Unter Berufung auf Flavius Josepho fügt er hinzu, daß damals »kein Land der Erde eine Gemeinde unserer Glaubensbrüder in sich schloß«. Das gleiche gilt für die heutige Zeit (1967): Es leben zur Zeit 17 bis 18 Millionen Juden in der Welt (die Juden behaupten, es wären 13 bis 14 Millionen, was aber nicht stimmt. Siehe hierzu Paul Rassinier, Das Drama der Juden Europas, Hannover, 1965) und lediglich etwa 2500000 im Staat Israel. Sie fordern Palästina, ziehen aber nicht hin, zum Glück übrigens, denn sonst ließe sich ein dritter Weltkrieg kaum vermeiden. »Der Zionismus«, sagte jemand, »besteht für den Juden darin, einen anderen nach Palästina zu schicken, auf Kosten eines dritten, wenn er ihn nicht auf Kosten eines Gois schicken kann.«

[52] »Die jüdischen Völker der ganzen Welt erklären Deutschland den Finanz- und Wirtschaftskrieg« (Daily Express, 24. März 1933). — »Der jüdische Weltkongreß steht seit sieben Jahren im Krieg mit Deutschland« (Toronto Evening Telegramm, 8. Mai 1942). »Wir stehen im Krieg mit Deutschland seit Hitlers Machtübernahme« (Jewish Chronicle, 8. Mai 1942). »Seit Monaten führt jede jüdische Gemeinde den Kampf gegen Deutschland bei jedem Vortrag, bei jedem Kongreß, in den Gewerkschaften. Es gibt Gründe zu der Annahme, daß unser Beitrag zu diesem Kampf eine allgemeine Bedeutung hat. Wir werden zum geistigen und materiellen Angriff der gesamten Welt auf Deutschland einsetzen. Deutschland trachtet danach, wieder eine große Nation zu werden, seine verlorenen Gebiete und seine Kolonien wieder zu bekommen. Die jüdischen Interessen verlangen indes die totale Vernichtung Deutschlands. Im

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ganzen wie im einzelnen stellt Deutschland eine Gefahr für uns Juden dar.« (Wladimir Jabotinsky, Gründer des Irgun, in Marcha Rjetsch, 1. Januar 1934).

[53] In der Zwischenzeit, am 6. Februar 1934, wurde das Kabinett Daladier gestürzt und durch ein Kabinett Doumergue abgelöst, in dem Barthou Außenminister war.

[54] Jean Viénot, »Limitera-t-on les armements?«, in L'Europe nouvelle, 15. Dezember 1934, S. 1233ff.

[55] Paul Reynaud, La France a sauvé l'Europe, Paris, Bd. 1, S. 294.

[56] Rede vom 14. Juni 1934 in der Abgeordnetenkammer.

[57] Galtier-Boissière, Histoire de la Seconde Guerre Mondiale, Le Crapouillot, Bd. 1.

[58] Laut François-Poncet (Als Botschafter in Berlin 1931 bis 1938, Berlin 1962) sei Barthou ebenfalls dafür gewesen, daß die Unterhandlungen mit Deutschland nicht abgebrochen würden. Diese Note, die Ministerpräsident Doumergue auf André Tardieus Empfehlung verfaßte, hatte er nur aus Gründen der Regierungssolidarität verantwortet. In diesem Fall wäre zu erfragen, ob nicht André Tardieu und Gaston Doumergue im Sold der lothringischen Großindustriellen und François de Wendels gestanden hätten. Bezüglich Tardieus Haltung vor dem Ersten Weltkrieg waren übrigens schon ähnliche Überlegungen angestellt worden.

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