Paul Rassinier

Die Jahrhundert-Provokation


VI. Die Sudetengebiete

1. Ein Mosaik von Minderheiten

Im Jahre 1938 bildete die Tschechoslowakei einen Staat in Mitteleuropa, der sich auf 121891 km2 erstreckte und 13836000 Einwohner zählte. Nach der Volkszählung des Jahres 1921 setzte sich die Bevölkerung wie folgt zusammen: 6727038 Tschechen, 3122390 Deutsche, 2010295 Slowaken, 734935 Ungarn oder Madjaren, 459346 Ruthenen, 180322 Juden, 75656 Polen und 238727 sonstige Fremdstämmige. Die Tschechen bildeten nicht die Mehrheit. Ebensowenig territoriale Einheit wie natürliche Grenzen: im Westen das böhmische Viereck, das die Mährische Höhe von der Slowakei trennte; im Osten die wurstförmig gestreckte Slowakei, die von einem Teil der Ukraine, Ruthenien, verlängert wurde. »Dies Land«, äußerte einmal Mussolini, »hat das widerliche Aussehen eines Darms.«

Bei einer Länge von rund 650 km war sie nämlich nur an wenigen Stellen breiter als 80 bis 120 km. Die Alliierten, die 1919 die Zerstückelung von Österreich-Ungarn betrieben, schlossen diese bislang zu Österreich-Ungarn gehörenden Gebiete und Bevölkerungen zu einem Staat zusammen und legten seinen Status in den Verträgen von Versailles (Art. 27 und 81 bis 86), von Saint-Germain (Art. 27 und 53 bis 58) und von Trianon (Art. 27 und 48 bis 52) fest. Alle diese Verträge betonten, daß der neue Staat ein Bundesstaat sei, innerhalb dessen jede Minderheit ihre innere Autonomie genießen solle.

Mit diesem Beschluß erklärten sich lediglich die Tschechen und die Slowaken einverstanden. Nicht, daß sie zusammen-

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gehört hätten. Der einzige Berührungspunkt war ihre feindliche Gesinnung gegen den österreichisch-ungarischen Staat. Die ersten, die zu Österreich gehörten, hatten unter den Vergünstigungen gelitten, die die deutschen Österreicher in Böhmen genossen; diese bekämpften die tschechische Kultur und Tradition mit der Unterstützung der Wiener Behörden und verdeutschten allmählich das Land. Die zweiten, die ihrerseits dem Königreich Ungarn angehörten, hatten unter der dort waltenden Madjarisierung gelitten. Und diese hatte zu einer beträchtlichen Auswanderung, insbesondere nach Frankreich, nach Rußland und in die Vereinigten Staaten geführt.

Als der Krieg 1914 ausbrach, hatten sich Tschechen und Slowaken, vor allem die Emigranten, für die Alliierten ausgesprochen; nicht, weil deren Sache ihnen gerecht vorkam, sondern, weil sie sich vom Krieg die völlige Zerschlagung Österreich-Ungarns sowie ihre Unabhängigkeit erhofften. Trotz geringer Zusammengehörigkeit waren die Emigranten beider Volksgruppen am 30. Mai 1918 in Pittsburgh (USA) zusammengekommen und hatten einen Vertrag unterschrieben. Dieser sah die Gründung eines tschechoslowakischen Staats vor, in dem die Slowaken ihre eigene Verwaltung, ihr eigenes Parlament, ihre eigene Sprache und ihre eigene Magistratsbehörde haben sollten. Unter diesen Bedingungen schlossen sich die Slowaken den Tschechen an und nahmen später die Verträge von Versailles, Saint-Germain und Trianon nur deshalb an, weil diese Bedingungen dort enthalten waren.

Von den übrigen Nationalitäten, die den Tschechen und Slowaken im tschechoslowakischen Staat zugeordnet wurden, war in Pittsburgh keine Rede gewesen: man sprach zwar von Böhmen, Mähren, Ruthenien, ohne allerdings ihre Umrisse näher zu bestimmen . . .

Die Sache hatten die Tschechen nicht ohne feste und ehrgeizige Gedanken hinsichtlich der Grenzen des neuen Staates in die Hand genommen, vor allem drei von ihnen, die

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Die Tschechoslowakische Republik (1919—1938)

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Emigranten, Freimaurer, fanatisch deutsch-österreichfeindlich und nicht weniger russenfreundlich, besonders nach der russischen Revolution von 1917, waren: Masaryk, Benesch und Stefanik. Letzterer, ein Astronom aus Meudon, hatte sogar die französische Staatsangehörigkeit angenommen und war Oberleutnant in der französischen Armee während des Krieges.

Ihr Hauptquartier befand sich in Paris; die beiden ersten reisten aber häufig in die Schweiz, nach England, Italien (nach seinem Eintritt in den Krieg) und in die Vereinigten Staaten, wo sie ab 1917 enge Beziehungen zu Präsident Wilson unterhielten. Die Alliierten, die an der Schaffung einer fünften Kolonne in Österreich-Ungarn interessiert waren, förderten ihre Umtriebe. In Frankreich wurde ein tschechoslowakischer Nationalrat gegründet, der Verzweigungen in den Vereinigten Staaten hatte und letztlich am 30. Juni 1918 durch einen Brief des französischen Außenministers Pichon anerkannt wurde »als Verwalter sämtlicher Interessen der Nation, als Grundlage der künftigen tschechoslowakischen Regierung«. Außerdem versprach dieser Brief, daß »die französische Regierung sich dafür einsetzen wird, die Hoffnungen des tschechoslowakischen Volkes auf Unabhängigkeit in seinen historischen Grenzen zu erfüllen«. England (13. August 1918), Italien und die Vereinigten Staaten (3. September 1918) richteten sich an dieser Erklärung aus.

»Die historischen Grenzen des tschechoslowakischen Volkes« war eine Formel, die nichts Historisches an sich hatte. Es hatte niemals ein tschechoslowakisches Volk oder einen tschechoslowakischen Staat gegeben. Diese Formel war um so klarer in den Köpfen der Herren Masaryk, Benesch und Stefanik: sie umfaßte Böhmen, Deutsche inbegriffen, und alles, was sie von dem Österreichisch-Ungarischen Kaiserreich würden abtrennen können. Im übrigen versprachen sie den Slowaken die innere Autonomie und akzeptierten eine entsprechende Aufnahme in die Verträge, nur um ihre Einwilligung in den neuen Staat zu bekommen, den unter ihre dik-

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tatorische Vorherrschaft zu bringen sie wohl entschlossen waren. Und sie bezogen die Deutschen schon deshalb ein, weil die von diesen besiedelten Gebiete stark industrialisiert waren und die Tschechen andernfalls auf ein von der Ausrüstung her zurückgebliebenes Agrarland angewiesen gewesen wären; und weil sie bei etwaigen Unternehmungen des Deutschen Reichs durch die Höhen des Böhmerwalds und des Erzgebirges, die sie dann zu verschanzen beabsichtigten, geschützt wären.

Mit dem Segen der Alliierten gründeten die Pariser Tschechen eine provisorische tschechoslowakische Regierung am 3. September 1918. Am 16. Oktober verkündete Kaiser Karl I. in einem Manifest, daß Österreich ein Bundesstaat werde. [126] Am 18. September 1918 übernahm ein sogenannter tschechoslowakischer Ausschuß die Macht in Prag. Am 9. November erhob er sich zum Nationalrat, nachdem er sich durch Zuberufung erweitert hatte. Am 14. verkündete er die Absetzung des Habsburgerhauses sowie die Unabhängigkeit der Tschechei und der Slowakei. Dann schickte er die Tschechen auf die Eroberung Deutsch-Böhmens — der Verordnung Kaiser Karls vom 21. Mai 1918 zum Trotz —, der Slowakei, Ungarns und Polens, das eben seine Unabhängigkeit proklamiert hatte. Sie drangen sogar in Ruthenien ein. Richtung Polen und Ungarn wurden sie von alliierten Militärmissionen gestoppt, in Ruthenien von der damals die Ukraine besetzenden Roten Armee.

Als die Pariser Friedenskonferenz am 18. Januar 1919 begann, war die Autorität der Tschechen de facto im gesamten Gebiet anerkannt, das sie erobert hatten. Auf dieser Konferenz wurde der neue tschechoslowakische Staat ohnehin durch Tschechen vertreten.

Die Slowaken sagten nichts, auch wenn sie an der in Aussicht gestellten föderativen Staatsform zu zweifeln begannen. Das galt jedoch nicht für die anderen Nationalitäten: die Ruthenen wollten der Ukraine angegliedert werden (sie empfanden sich übrigens nicht als Ruthenen, sondern als

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Ukrainer); da aber die Ukraine von der Roten Armee besetzt war, gingen sie nur widerwillig darauf ein, dem tschechoslowakischen Staat einverleibt zu werden — gegen das Versprechen der inneren Autonomie und in der Hoffnung auf bessere Zeiten; die Polen wollten zwar Polen angeschlossen werden, sie waren aber zu wenig, um ihre Forderung geltend zu machen, und man setzte sich über sie hinweg; die Ungarn ihrerseits wollten von den anderen Ungarn nicht getrennt werden, und obwohl ihre Zahl bei 800000 lag, wurde dieser Wunsch ebenfalls übergangen.

Die Deutschen leisteten zweifellos den hartnäckigsten Widerstand, denn sie wollten mit aller Entschiedenheit dem Schicksal Österreichs folgen und mit ihm in das Deutsche Reich zurückkehren. Außerdem empfanden sie die alliierten Bemühungen als beleidigend, sie einem unter tschechischer Bevormundung stehenden Staat einzuverleiben, zumal die Kultur und Zivilisation der Tschechen um Jahrhunderte zurückstanden: eine vergleichbare Beleidigung widerfuhr in den sechziger Jahren den Weißen Rhodesiens, die das Weltgewissen angeblich aus Demokratie und Antirassismus unter die Vormundschaft der Neger stellte.

Und schließlich konnten sie die Tschechen — seit der Unterzeichnung des Waffenstillstands, die diesen Blankovollmacht gab — im Einsatz beobachten.

Zur wirksameren Abwehr gegen die Einverleibung schlossen sich diese Deutschen, die am Rande Böhmens Deutschböhmen, Südmähren, den Böhmerwaldgau und das Gebiet der Sudeten besiedelten, unter der selbst und einmütig gewählten Sammelbezeichnung »Sudetendeutsche« zusammen.

Auf der Friedenskonferenz trat der sozialistische österreichische Bundeskanzler Karl Renner, der den Anschluß Österreichs an Deutschland befürwortete, ebenfalls als Wortführer des Sudetenlandes auf. Er berief sich auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das, hinsichtlich der Neugestaltung Europas, der wichtigste Grundsatz in Wilsons »14 Punk-

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ten« war und überhaupt der alliierten Doktrin zugrunde lag. Man antwortete ihm, daß dieser Punkt sich nicht auf die Besiegten beziehe. Am 16. Februar 1919 sollten allgemeine Wahlen in Österreich stattfinden: Die Alliierten untersagten sie im Sudetenland.

Bis zur Unterzeichnung des Friedensvertrags von Saint-Germain sollte Staatskanzler Karl Renner dafür kämpfen, daß der alliierten Doktrin gemäß das Sudetenland einem Volksentscheid unterworfen werde. Vergebens: Den Herren Masaryk und Benesch waren Versprechungen gemacht worden, und man scheute nicht die Verletzung des eigenen Gesetzes.

Die 3122390 Deutschen wurden der Tschechoslowakei einverleibt. Keine Bevölkerungsumsiedlung wurde vorgesehen: diese 3122390 Deutsche waren nunmehr der tschechischen Verfolgung ausgeliefert. Die Tschechen ließen sich nicht entgehen, ihnen die Macht reichlich zu vergelten, die das österreichisch-ungarische Kaiserreich auf sie ausgeübt hatte, als sie zu ihm gehörten.

Die anderen Nationalitäten wurden dem tschechoslowakischen Staat auf die gleiche Weise einverleibt — mit Gewalt und ohne weitere Befragung. Für England sei immerhin folgendes erwähnt: Lloyd George empörte sich gegen Clemenceau, der mit der Unterstützung Präsident Wilsons, bestimmt aus freimaurerischer Solidarität [127] mit Masaryk und Benesch, den Ton angab, stimmte letztlich aber doch zu. [128]

Gegen die Macht hilft kein Widerstand: Alle schickten sich darein, zu Tode betrübt, aber mit empörtem Herzen.

Wenn auch in geringerem Maßstab, war die Tschechoslowakei nichts als ein anderes Österreich-Ungarn, das irgendwann, mit oder ohne Krieg, zur gleichen Zersplitterung bestimmt war.

Am 15. Juni 1919 richtete Staatskanzler Karl Renner einen langen Brief an den Präsidenten der Friedenskonferenz Georges Clemenceau, der folgende prophetische Warnung enthielt:

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»Die alliierten und assoziierten Mächte sind bezüglich der Bevölkerung der genannten Gebiete und aller Deutsch-Österreicher im Begriffe, ein klar zutage liegendes Unrecht zu begehen, sowie das tschechoslowakische Volk zu einer abenteuerlichen und äußerst gefährlichen Politik zu verleiten . . . Die Mächte würden auf diese Weise im Zentrum Europas einen Herd des Bürgerkriegs schaffen, dessen Glut für die ganze Welt und ihren sozialen Aufschwung noch gefährlicher werden könnte, als es die ständigen Gärungen auf dem Balkan waren . . .«

1938 gärte die Tschechoslowakei seit bald zwanzig Jahren; nun war sie aber zu einem Herd des Weltkrieges, und nicht des Burgerkriegs geworden.

2. Hitler und die tschechoslowakische Frage

Aus dem Vorstehenden hat der Leser bestimmt schon gefolgert, daß die Tschechoslowakei seit zwanzig Jahren nur deshalb unter Druck stand, weil die als größte Volksgruppe, aber nicht in der Mehrheit vorhandenen Tschechen sich dort, von den Gesetzen der Demokratie geschützt, wie in einem eroberten Land benommen hatten. Unter Bruch ihrer Versprechungen und unter Verletzung der Friedensverträge von Versailles, Saint-Germain und Trianon, in die sie eingewilligt hatten, hatten sie keinen die Rechte der einzelnen Nationalitäten anerkennenden Bundesstaat gegründet, sondern einen einheitlichen, stark zentralisierten Staat, dessen Getriebe sich in ihren Händen befand: tschechisch war nicht nur die Verwaltung, sondern auch die Polizei, die Gendarmerie, die Heereskader und so weiter.

Originell war diese Staatsform nur insofern, als ein Minister für slowakische Angelegenheiten in der Regierung saß: das war die tschechische Art, ihnen die innere Autonomie zuzuerkennen. Die Slowaken, eine sanft-gutmütige, naiv-einfältige Volksgruppe, gaben sich lange Zeit damit zufrieden.

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Im Jahre 1938 hatten die Tschechen im Schutz dieses Ministeriums so viele Erpressungen verübt, daß beide Volksgruppen vor dem Bruch standen.

Die anderen Nationalitäten kannte die Verfassung nicht, und da sie diesen Umstand schlechter vertrugen als die Slowaken, wurden sie einer strengeren Überwachung unterzogen und viel mehr schikaniert. Sah der Staatshaushalt einen Posten für die Förderung des Schulwesens vor? Das war für die tschechischen Schulen. Arbeitslosengeld? Nur für die Tschechen. Gegen die Regierung zu stimmen, war eine Heldentat: Man verlor dabei seine Arbeit . . . Auf sich selbst gestellt, ohne Hoffnung auf irgendwelche Hilfe von außen, duckten die Minderheiten sich unter dem Hagel. Unter diesen Bevölkerungen gab es sogar Strömungen, die sich für eine Zusammenarbeit mit den Tschechen aussprachen, um diese zu besänftigen.

Im Fall der Sudetendeutschen (dem wohl bekanntesten, da er Ursprung der Tragödie war) gab es vor 1935 nie mehr als 30%, die sich für Konrad Henleins Sudetendeutsche Partei aussprachen, die den systematischen Widerstand empfahl. Alles änderte sich, als Hitler im Januar 1933 an die Macht in Deutschland kam und sämtliche Nationalitäten in der Tschechoslowakei auf den Gedanken brachte, daß eine Hilfe doch von außen kommen könnte: Die Remilitarisierung des Rheinlandes hatte seine Stärke unter Beweis gestellt, und der Anschluß hatte gezeigt, daß er seine Stärke zur Befreiung der Völker anwandte, die ebenso wie sie vom Versailler Vertrag unterdrückt wurden. Unter den Sudetendeutschen gewann die grundsätzliche Opposition ständig an Boden: 50% im Jahre 1935, 66% 1936 und 83% 1938. Bei den Wahlen vom 19. Mai 1935 errang die SdP die höchste Stimmenzahl aller Parteien im Lande und im Juli 1936 errang die Henlein-Partei vierundvierzig Abgeordnetensitze: die stärkste parlamentarische Gruppe im ganzen Prager Parlament. Trotz Polizeidruck. Sie hatten sogar einen Teil der tschechischen Wählerschaft für sich gewonnen.

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Im Parlament war die zweitstärkste Fraktion die Agrarpartei mit vorwiegend slowakischer Beteiligung, deren Generalsekretär, der Slowake Hodscha, die interne Autonomie innerhalb eines Bundesstaates, wenn auch heimlich, befürwortete. Milan Hodscha wurde zum Ministerpräsidenten ernannt. Drei Sudetendeutsche gehörten dieser Regierung ebenfalls an: F. Spina, Vorsitzender vom Bund der Landwirte, R. Mayr-Harting, ein Christsozialer, und der Sozialdemokrat L. Czech.

Die Lage zog sich noch etwas hinaus, aber im Jahre 1938, während der Krise, war der Bruch zwischen Tschechen und Slowaken vollzogen. Die Politik der Annäherung mit Moskau, der die Slowaken und alle anderen Nationalitäten grundsätzlich entgegentraten, hatte bei den Tschechen an Boden gewonnen: Durch das russisch-tschechische Abkommen vom 16. Mai 1935 eingeleitet, war diese Politik das Werk der internationalen Freimaurerei, deren Wortführer in der Tschechoslowakei Benesch war. Aber nicht alle Tschechen waren Kommunisten oder Freimaurer. Hitlers Erfolge hatten gleichzeitig viele von ihnen davon überzeugt, daß eine Verständigung mit ihm ihre Unabhängigkeit eher schützen würde als ein offener, frontaler Kampf, daß eine verständnisvollere Politik gegenüber den Minderheiten geboten war. Diese sonderten sich ab, so daß Staatspräsident E. Benesch nunmehr in der Minderheit war. [129] Er ließ sich trotzdem nicht erweichen.

Und Hitler?

Am 11. März 1938, am Tag vor dem Einzug der deutschen Truppen in Österreich, versicherte Göring V. Mastny, Beneschs Botschafter in Berlin, daß »die Tschechoslowakei nicht den geringsten Grund zur Beunruhigung (zu) haben« brauche. Am 13. März auf den Hradschin bestellt, wiederholte E. Eisenlohr, der deutsche Gesandte in Prag, diese Äußerung gegenüber Benesch.

Doch im März 1939 stellte Hitler selbst die Weltöffentlichkeit mit dem Eingriff der deutschen Truppen in die Tsche-

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choslowakei vor eine erneute Frage, und man schloß daraus, daß Hitler seine Verpflichtungen nicht einhielt. Einmal mehr, fügte man gern hinzu: Man hätte aber schwerlich ein anderes Beispiel heranziehen können, wo das der übernommenen Verpflichtung widersprechende Verhalten Hitlers nicht durch Vertragsbruch eines seiner Gegner hervorgerufen worden wäre.

Was den vorliegenden Fall betrifft, so forderten am 11. März 1938 die Sudetendeutschen immer noch die interne Autonomie innerhalb des tschechoslowakischen Staats, und auch wenn Hitler diese Forderung offen unterstützte, hatte er keinen Grund zum Eingreifen. Ende August 1938 forderten Teile der Sudetendeutschen nicht mehr die Selbstverwaltung, sondern die Angliederung an das Reich, und sie baten ihn um Unterstützung. Zum anderen hatte ein Zwischenfall am 20. Mai die deutsch-tschechischen Beziehungen weiterhin vergiftet: Benesch ließ die Nachricht verbreiten, Hitler habe gegen die Tschechoslowakei mobilisiert, was ihn wiederum zur Mobilmachung bewogen habe. Nun aber hatte Hitler nicht mobilisiert; alle ausländischen Gesandtschaften, unter anderem A. François-Poncet und der französische Militärattaché in Berlin, Hauptmann Stehlin, [130] bestätigten es nach eingehender Überprüfung. Das war lediglich ein Gerücht, das Benesch in die Welt gesetzt hatte, um einen Vorwand zu haben, und Hitler hielt dieses Geschehnis für eine Provokation.

Aus der Tatsache, daß Hitler am 21. April 1938 Keitel befohlen hatte, einen Plan zum militärischen Eingreifen in die Tschechoslowakei auszuarbeiten, schloß man ebenfalls, daß er sich, unter allen Umständen noch vor dem Herbst, zum Einfall in die Tschechoslowakei anschicke, da man mit Bestimmtheit wisse, er werde den Krieg auslösen. Diesen Krieg wünsche er herbei, so sagte man, und der beste Beweis sei, daß er sich auf ihn vorbereite. Und ein allgemeiner Krieg setzte eben die Zerschlagung dieser in seiner Flanke steckenden Bastion voraus, die die rumänischen Erdölfelder, die Ge-

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treidefelder der Ukraine und die riesigen Ebenen Osteuropas verriegelte.

Zur Untermauerung dieser These wurde jene Militärkonferenz herangezogen, die Hitler vor seinen Generalen am 5. November 1937 in der Berliner Reichskanzlei hielt und die uns durch die sogenannte Hoßbach-Niederschrift überliefert wurde, nach dem Namen von Hitlers Adjutanten, der diese Besprechung aufzeichnete. [131]

Daß Hitler am 21. April 1938 Keitel beauftragte, einen Plan zum militärischen Eingreifen in der Tschechei auszuarbeiten, und dieses Eingreifen bis spätestens zum 1. Oktober erwartete, beweist keineswegs, daß er den Krieg herbeiwünschte und ihn noch vor diesem Datum auslösen könnte. Er gedachte vielmehr, und alle seine Reden bezeugen es, die Tschechei-Frage ähnlich wie die Remilitarisierung des Rheinlandes und den Anschluß zu lösen, das heißt ohne Krieg. Aber er mußte — das ist überhaupt die Doktrin aller Staaten — stark sein, um seine Gegner davon abzubringen, ihm den Krieg zu machen. Und wenn die Sudetendeutschen, wie wohl anzunehmen, es schafften, die These von der Angliederung an das Deutsche Reich vor dem 1. Oktober geltend zu machen, mußte er von seiten seiner Gegner ebenfalls Reaktionen erwarten, die ihn zu einem militärischen Eingreifen zwingen würden, mußte er bereit sein. Er suchte aber keineswegs, wie behauptet wurde, die Dinge zu überstürzen; einen Beweis dafür liefert jene Äußerung, die er gegenüber Jodl unmittelbar nach dem Anschluß machte, und die der General in seinem Tagebuch folgendermaßen festhielt:

»Führer äußert nach Einverleibung Österreichs, daß ihm die Bereinigung der tschechischen Frage nicht eilt.« [132]

Daß Hitler auf die rumänischen Erdölfelder, die Getreidefelder der Ukraine, die riesigen Ebenen des Osten abzielte, steht außer Zweifel, und Mein Kampf bestreitet es nicht. Daß er dachte, er müsse Krieg führen, ist ebenso gewiß. Aber alles, was wir von ihm wissen, läßt erkennen, daß er niemals dachte, er müßte wegen der Tschechoslowakei Krieg

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führen. Indem er sich auf die Erklärungen von Chamberlain, Eden und Halifax und anderen stützte, war er sicher, daß England, und dadurch auch Frankreich, nicht eingreifen würde, ebensowenig wegen Danzig und des polnischen Korridors (er stand sehr gut mit Oberst J. Beck), auch nicht wegen der rumänischen Ölfelder (die er durch Verhandlungen zu bekommen meinte, indem er Rumänien gegen England, das sie besaß, antreiben würde), oder wegen Memel (Litauen hatte nämlich seine Politik auf die polnische ausgerichtet). Für Hitler kam der Krieg demnach erst für den Tag in Frage, an dem er eine gemeinsame Grenze zu Rußland haben und mit diesem unmittelbar konfrontiert sein würde. Und doch hoffte er noch, Polen von Rußland (durch Pflege und Förderung seiner wohlbekannten Feindlichkeit gegen den Bolschewismus) trennen sowie den Zusammensturz Rußlands von außen hervorrufen zu können, und nur beim Fehlschlagen dieses Planes zum Krieg schreiten zu müssen.

Die erwähnte Hoßbach-Niederschrift, die zur Bekräftigung der These, Hitler habe den Krieg um jeden Preis gewollt, benutzt wird, ist übrigens eine höchst wahrscheinlich bestellte Belastungsurkunde von zweifelhaftem Beweiswert. Ihr Verfasser selbst konnte für ihre Echtheit nicht bürgen: er hatte Aufzeichnungen handschriftlich angefertigt. Was in Nürnberg vorgelegt wurde, ist aber nicht der Originaltext, der nach wie vor als verschollen gilt, sondern eine nicht unterschriebene Schreibmaschinenabschrift, die nicht von ihm stammte. In Nürnberg sagte er aus, daß er »nicht mehr mit Sicherheit sagen könne, ob es sich bei der Photokopie um eine genaue, wörtliche Wiedergabe meiner Niederschrift handele«. [133] Über Hitlers Absichten hinsichtlich des Krieges schreibt der belgische Historiker de Launay:

»Hitler war schwer zu durchschauen, nicht immer konsequent und gegen Ratschläge von außen nicht ganz gefeit. War er am 5. November 1937 tatsächlich entschlossen, das Risiko eines Krieges einzugehen, nur um seine phantastischen Vorstellungen zu verwirklichen, die mit den eigentli-

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chen politischen wie militärischen Voraussetzungen und Möglichkeiten unvereinbar waren? Die Antwort auf diese Frage wird Historiker und Psychologen noch lange Zeit beschäftigen.« [134]

Wir möchten hinzufügen, daß, auch wenn dieses Dokument Hitlers entschiedenen Willen zum Krieg bereits am 5. November 1937 unbestreitbar begründete, er jedenfalls nicht zu dem Krieg gezwungen wurde, an den er dachte. Das Dokument besagt nämlich ausdrücklich, daß er 1943 als Zeitraum für einen solchen Krieg in Betracht zog. Außerdem stellt das Dokument diesen Krieg, nicht weniger ausdrücklich, als »eventuell« hin und schreibt Hitler die Hoffnung zu, die deutsche Frage noch politisch lösen zu können.

Es hat schließlich den Anschein, als hätte jene Konferenz vom 5. November 1937 nichts anderes bezweckt, als Druck auf Fritsch auszuüben — zur Beschleunigung der Wiederaufrüstung. Diese Meinung teilten Göring, Raeder, Blomberg und Fritsch selbst. Zur Begründung: die Hoßbach-Niederschrift (die der Führer nicht einmal durchzulesen bereit war!) war zu keiner Zeit ein Grunddokument in den Unterlagen des deutschen Generalstabs (wo sie niemals aufgenommen wurde), und die deutschen Generale arbeiteten keinen einzigen Plan aufgrund ihres Inhalts aus. Jacques de Launay schließt seine Untersuchung mit den Worten: »Nur die Nürnberger Richter haben sie ernstgenommen.« [135] Das ist kein Lob für diese Richter.

Jacques de Launays These, der sich heutzutage alle seriösen und objektiven Historiker anschließen, herrscht allerdings nicht in der öffentlichen Meinung vor: Neben seriösen und objektiven Historikern gibt es auch solche, die gesteuert sind. Das sind die meisten, und sie finden ein geneigtes Ohr bei der Regierung und der Presse aller Länder der Welt. Wir haben das einer ganzen Literatur zu verdanken, die unter anderem den deutschen Widerstand gegen die Politik Hitlers, seine Großtaten, die Verschwörung der Generale ins Licht setzte und maßlos übertrieb. Sie stützt sich auf die Aussagen

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zweifelhafter Männer, wie der deutschen Polizisten Gisevius [136] und Schellenberg [137] oder des Dolmetschers Paul Schmidt, der wegen seiner langjährigen Ergebenheit für Hitler auf Nachsicht angewiesen war, [138] oder solcher, deren Pläne Hitler vereitelt hatte, etwa seines Finanzministers Schacht [139] und General Halders, der als Generalstabschef der OKW die Geschichte [140] des Führers erzählte, usw.

Daß jene akademischen Versager, die im Zug des alliierten Sieges die Presse überschwemmten, die nachträglich als pro domo-Plädoyers verfaßten Zeugnisse dieser Leute gegen bares Geld annahmen, mag noch angehen: Schließlich schreiben diese Bedürftigen für die Leute, die sie bezahlen. Daß aber die Geschichtsschreiber sie nicht durch das Sieb der Geschichte rührten, ist unfaßbar.

Ach! diese deutschen Widerstandskämpfer! . . . Es schickt sich beispielsweise zu behaupten, Hitler sei auf harten Widerstand seitens seiner Gegner gestoßen, als die tschechoslowakische Frage und damit die Frage nach einem eventuellen militärischen Eingriff sich stellten. Es stimmt zwar, daß sich eine stattliche Anzahl von Generalen gegen Hitler auflehnte; das geschah aber erst am 20. Juli 1944, nach Stalingrad und dem Ärger, den Hitlers erste folgenschwere taktische Fehler bei ihnen hervorriefen: Jener Angriff in Richtung Moskau und die anschließende Abweichung in Richtung Stalingrad, mitten im Krieg, ließen jeden Zusammenhang vermissen. Aus der Sicht der Generale mußte man sich von vornherein für Moskau oder für Stalingrad entscheiden, und viele unter ihnen waren der Auffassung, daß Stalingrad und der Kaukasus insofern Moskau vorzuziehen seien, als das Unternehmen Rußland von seinem lebenswichtigen Zentrum, dem Kaukasus, abgeschnitten hätte, während es, auf Moskau ausgerichtet, nur eine ausschließlich politische Wirkung erreichen konnte.

Nachdem Hitler, durch Änderung des Operationsziels mitten im Kampf, den Angriff auf Moskau hatte scheitern lassen entschied er sich für Stalingrad. Es war aber zu spät: Die

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von den Amerikanern unterstützte russische Armee hatte sich wieder aufgerappelt. Das Debakel am 2. Februar 1943 (Kapitulation von Stalingrad) traf die Gesamtheit der Generale, die an Hitlers Fähigkeiten zu zweifeln begannen und nunmehr wünschten, daß künftig Fachleute mit der Führung der Operationen betraut würden. Die Verschwörung vom 20. Juli 1944 ist nur damit zu erklären, daß sie erfolglos geblieben waren. Hinzu kam der Überdruß an einem schon fünf Jahre dauernden Krieg, dessen Ausgang kaum vorauszusehen war, wenn Hitler an der Spitze der Nation bliebe, und weitere taktische Fehler, die er in der Folge beging. Heute wissen wir aber, daß sich 1938 nur ein einziger Gegner unter den Generalen befand: General Beck, Chef des Generalstabs. Auf Becks Wunsch fand am 4. August 1938 in Berlin eine Besprechung aller Armeeführer und Korpskommandeure statt — in Abwesenheit des Führers. Von einem seiner Adjutanten, General Adam, abgesehen, sprach sich Beck als einziger gegen Hitlers Pläne bezüglich der Tschechoslowakei aus. [141]

Beck war der Auffassung, daß die Unterstützung der Sudetendeutschen nicht bis zum militärischen Eingreifen gehen solle, da diese einen allgemeinen Krieg hervorrufen werde. Diese Auffassung hatte er bereits 1936 aus demselben Grund im Fall der Wiederbesetzung des Rheinlandes vertreten, und erst vor einigen Monate im Hinblick auf den Anschluß Österreichs. Bedenkt man die offiziellen Erklärungen Englands, an dessen Politik sich Frankreich — Äußerungen mehrerer französischen Minister in der Öffentlichkeit belegen es — ausrichten mußte, so läßt sich die Stellungnahme eines so erfahrenen Mannes wie General Beck nur mit Hintergedanken erklären, und wir sind hierbei auf Vermutungen angewiesen.

Auf folgende zum Beispiel: General Beck war mit Hjalmar Schacht eng befreundet. Schacht war Freimaurer. Als Präsident Roosevelt am 2. Januar 1936 Japan, Italien und Deutschland mit dem Bannfluch belegte, richteten sich alle Freimaurer der Welt nach ihm aus. Von nun an — Zufall? — setzte der Streit zwischen Schacht und Hitler ein. Präsident

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Roosevelt war gegen die Wiederbesetzung des Rheinlands und berief sich auf die Einhaltung der Verträge; Schacht war es auch mit dem Hinweis auf die nötige Vorsicht, und Beck folgte. Präsident Roosevelts feindliche Einstellung gegen Hitler verschärfte sich, die von Schacht ebenfalls. Jener hielt am 5. Oktober 1937 seine berühmte Quarantäne-Rede in Chicago; dieser informierte Hitler, daß er aller Wahrscheinlichkeit nach die Mefo-Effekte nicht verlängern könnte, was Deutschland um seine Liquidität gebracht hätte. Und Schacht legte sein Ministeramt nieder. Im Februar—März 1938 war er gegen den Anschluß — ebenso wie Präsident Roosevelt, der sich hierüber allerdings nicht mehr öffentlich äußerte, da N. Chamberlain ihn darum gebeten hatte (siehe unten, S. 184), sich nicht mehr in die europäischen Angelegenheiten einzumischen. Das hinderte ihn aber nicht, es im Freundeskreis laut zu tun. Wenn auch nicht mehr amtierender Minister (nominell bis 1943), war Schacht bestrebt — und seine Memoiren bestätigen es —, Unruhe in den Militärkreisen zu stiften, auch zum Zeitpunkt der tschechoslowakischen Affäre. General Beck lief mit; er folgte immer noch Schacht, als jene Verschwörung stattfand. Es hat den Anschein, als sei der Freimaurer Schacht bei allen diesen Affären das Trojanische Pferd des Freimaurers Roosevelt in Deutschland gewesen. Kein Dokument zeugt von einer Verbindung zwischen beiden Männern; die Umstände stimmen aber zu sehr miteinander überein, als daß diese Auffassung von vornherein abgewiesen werden könnte. Es ist, wie gesagt, lediglich eine Vermutung, und sie gilt nur, was sie wert ist.

Das sind die Voraussetzungen, unter denen Hitler die tschechoslowakische Frage anging. Da Beck es nicht geschafft hatte, die Generale gegen Hitler umzustimmen, legte er sein Amt mit der Hoffnung nieder, daß man ihn nachahmen würde. General Halder, der nach dem Krieg soviele Dinge über Hitler schrieb, damals aber mit ihm übereinstimmte, erklärte sich damit einverstanden, Beck abzulösen. General Adam wurde kaltgestellt, und das war alles.

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3. Chamberlains Kampf für den Frieden

Die internationale Lage entwickelte sich für Hitler ebenso günstig, wie er es vorhergesehen hatte: England hielt an seinem Standpunkt fest, nicht in der Tschechoslowakei einzugreifen, und zur Überraschung aller richtete sich Präsident Roosevelt nach England aus. Seine Haltung läßt sich heute erklären.

Am 11. Januar 1938, die Anschluß- und Sudetenfrage war bereits akut, hatte er Chamberlain davon unterrichtet, daß er die Einberufung einer internationalen Konferenz plane, »um die großen Linien eines gemeinsamen Vorgehens zugunsten des Friedens festzulegen«. Chamberlain betrachtete Roosevelt als impulsiven Wirrkopf, den man aus den europäischen Angelegenheiten heraushalten müsse; er fürchtete nämlich, ihm eine Tribüne zu stellen, von der aus er seine Anschuldigungen vom 2. Januar 1936 und vom 5. Oktober 1937 fortsetzen könnte. Außerdem war er der Ansicht, daß die europäischen Angelegenheiten Sache der Europäer seien, und befürwortete eine Viererkonferenz: mit England, Italien, Frankreich und Deutschland. Seine Antwort vom 14. Januar 1938 hatte folgenden Wortlaut:

»Vermutlich werden die Regierungen Italiens und Deutschlands, von denen wir Zugeständnisse erwarten, nur unter der Bedingung zustimmen, daß die behandelten Fragen begrenzt und konkret sind und sich nicht in allzu fernen [142] Problemen verlieren, die der Präsident in ihrer Gesamtheit geregelt wissen möchte.

Es wäre nach meiner Ansicht bedauerlich, wenn ein Vorgehen, dem der Präsident einen ähnlichen Charakter wie dem unseren geben will, die Fortschritte behindern würde, die wir mühsam im Laufe der letzten Monate errungen haben. Deshalb frage ich mich, ob es für den Präsidenten nicht klüger wäre, sich jeder Geste zu enthalten, bis wir die weiteren Fortschritte in der Behandlung der uns berührenden Probleme ermessen können.« [143]

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Präsident Roosevelt ging am 17. Januar auf diesen Brief ein:

»In Anbetracht der Meinungen und Überlegungen des Premierministers verzichte ich gern auf einen neuen Vorschlag, bis die Regierung seiner Majestät überblicken kann, welche Fortschritte in den bevorstehenden Verhandlungen zu erzielen sind. Es wäre wünschenswert, mich über die Entwicklung der direkten Verhandlungen mit Deutschland und Italien auf dem laufenden zu halten.« [144]

Und er ließ es sich nicht zweimal sagen. So wurde 1938 Roosevelts Kreuzzug gegen die Diktaturen vorübergehend abgebrochen: In der Anschluß- und Sudetenfrage stimmte er seine Haltung (siehe seine Mitteilung vom 9. September 1938 sowie die beiden Botschaften, die er am 28. September 1938 an Hitler und Mussolini richtete) auf den von Chamberlain bezogenen Standpunkt ab. Die Unterstützung des britischen Premiers brauchte er nämlich im pazifischen Raum gegen Japan.

Englands Haltung bedarf einer Erklärung. Unmittelbar nach Unterzeichnung des Versailler Vertrags erkannte England, daß die Frage der mitteleuropäischen Minderheiten schlecht gelöst worden sei; es sei überhaupt ein schwerer Fehler gewesen, das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das immerhin Bestandteil seiner und Präsident Wilsons Doktrin war, nicht auf Österreich, die Tschechoslowakei, den polnischen Korridor, Memel, Danzig und andere angewandt zu haben. Früher oder später müßten diese deutschen Minderheiten zu Recht, ob Hitler oder nicht Hitler, an Deutschland zurückfallen; das würde zweifellos zum Frieden beitragen. 1925 hatte England in Locarno keine Verpflichtungen bezüglich der in Versailles geschaffenen Kunststaaten eingehen wollen. Seitdem machte es sich aber Gedanken über den Bolschewismus und billigte nicht Frankreichs osteuropäische Politik, vor allem den französisch-sowjetischen Bündnispakt. Seit 1935 redete es wiederholt auf Präsident Benesch ein, er solle sich gegenüber Hitler mäßigen, und erklärte,

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daß es ihm im Fall eines Konflikts nicht beistehen werde. Seitdem stand es sehr gut mit Deutschland, mit dem es den Flottenvertrag vom 18. Juni 1935 unterzeichnet hatte, und weder der Anschluß noch die in der Sudetenfrage von Deutschland bezogene Stellung hatten diese freundlichen Beziehungen gestört. Am 17. Juli 1938 hatte Halifax Hauptmann Wiedemann, einem Gesandten Hitlers, noch beteuert:

»Sagen Sie Ihrem Führer, daß ich noch vor meinem Tode die Verwirklichung des Zieles aller meiner Arbeit erleben möchte: Zu sehen, wie der Reichskanzler vom König von England empfangen wird und wie er auf dem Balkon des Buckingham-Palastes begeistert von den Londonern begrüßt wird.« [145]

In dieser Stimmung gab Chamberlain am 26. Juli 1938 die Entsendung einer Untersuchungs- und Vermittlungskommission nach Prag bekannt, die Lord Runciman leiten sollte: die rund 350000 Sudetendeutschen standen kurz vor dem Aufruhr, ihre drei Vertreter in der Hodscha-Regierung waren zurückgetreten, Auseinandersetzungen auf den Straßen mehrten sich, die Verhaftung Konrad Henleins stand bevor und Hitler hatte angekündigt, daß er auf Wunsch der Sudetendeutschen Partei [146] ohnehin spätestens am 1. Oktober militärisch intervenieren werde. Am 10. September ließ Beneschs Starrsinn die Mission scheitern. Lord Runciman empfahl den Anschluß des Sudetenlandes an das Reich. Dem von der Möglichkeit eines Krieges besessenen Chamberlain blieb nichts anderes übrig, als gemeinsam mit Hitler eine vernünftige Lösung anzustreben, die er befürworten könnte und danach Benesch, mochte dieser damit einverstanden sein oder nicht, auferlegen würde, unabhängig davon, ob Frankreich und Rußland, die durch den französisch-sowjetischen Pakt verbunden waren, ihre Zustimmung gaben. (Es sei hierzu bemerkt, daß Frankreich am 25. Januar 1924 ein Bündnis mit der Tschechoslowakei geschlossen hatte, das am 16. Oktober 1925 bekräftigt wurde; das galt auch für Rußland mit dem tschechisch-sowjetischen Beistandspakt vom 16. Mai 1935.)

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So kam in Chamberlain der Gedanke auf, Hitler persönlich aufzusuchen, was zu den Unterredungen von Berchtesgaden (16. September) und Godesberg (22.—23. September 1938) führte.

Chamberlain wußte um den Widerstand gegen seine Politik seitens Churchills, der sich nach der Politik der französischen Kriegshetzer Reynaud und Mandel ausgerichtet hatte, und seitens der Labour Party, die sich dem von der Sozialistischen Partei Frankreichs eingeschlagenen Kurs [147] angeschlossen hatte. Er wollte nicht, daß sein Unternehmen bekannt werde und eine Polemik hervorrufe, die es vereitelt hätte. Daher bereitete er dieses Unternehmen in der Stille seines Kabinetts vor, allein mit Lord Halifax, der es sofort gutgeheißen hatte. Seine anderen Minister setzte er erst in Kenntnis, als Hitler das erste Treffen (15. September) zusagte. Sowie sie von seinem Vorhaben unterrichtet wurden, gratulierten sie alle Chamberlain.

Man muß diese Zeit erlebt und Chamberlains Bemühungen schrittweise verfolgt haben, wenn man ermessen will, wie er trotz allseitig auftretender Hindernisse sein Unternehmen doch erfolgreich führte: zu jenen Münchener Verträgen (29.—30. September 1938) nämlich, die seit Kriegsende so verschrien wurden, die aber, man muß es einsehen, wieder für gerechte Verhältnisse in Mitteleuropa sorgten, indem sie Deutschland Gebiete und Bevölkerungen zurückerstatteten, von dem sie niemals hätten getrennt werden dürfen. Ohne Nachteile, da sie den Viermächte-Pakt neu belebten, der den Frieden in Europa für Jahrhunderte gesichert hätte, wenn man diesen Weg fortgesetzt hätte.

Am 15. September, in Berchtesgaden, war Chamberlain mit Hitler, nicht ohne Mühe, über die Sudetengebiete einig geworden, die an das Deutsche Reich zurückfallen sollten, sowie über die Räumungsfristen für die tschechische Verwaltung, Armee und Polizei. Das war aber nur eine persönliche Übereinkunft, die dem englischen Ministerkabinett vorgelegt werden und, wenn möglich, die Zustimmung der franzö-

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sischen Regierung finden mußte. Daher vereinbarten die beiden Männer, sich erneut am 23. September zu treffen.

Kaum hatte er sich, nach London zurückgekehrt, von den Reisestrapazen erholt, als er eine Entschließung auf seinem Schreibtisch vorfand, die der jüdische Weltkongreß am 18. September 1938 angenommen hatte. Sie lautete:

»Es ist unsere Pflicht, Sie von der zunehmenden Sorge zu unterrichten, die Millionen Juden angesichts der deutschen Bemühungen, weitere, von Juden [148] besiedelte Gebiete zu erwerben, haben.

Die Juden der ganzen Welt haben die unmenschliche Behandlung nicht vergessen, die den Juden des Saarlands und Österreichs zuteil wurde. [149]

Die Exekutive des jüdischen Weltkongresses bittet daher, auf keine Regelungen einzugehen, die die Rechte der Juden nicht uneingeschränkt sicherstellen.«

Später sollte er zugeben, daß während dieser ganzen Zeit »die Juden starken Druck auf mich ausübten, um mich von jeder Abmachung mit dem Führer abzubringen«. [150]

Am 16. September 1938 hatte das britische Ministerkabinett die Abmachung Chamberlain—Hitler einstimmig gebilligt: allerdings mußte die Zustimmung der französischen Regierung noch erwirkt werden. Georges Bonnet war von vornherein gewonnen. Am 15. September, noch bevor Chamberlain zurückgekehrt war, hatte er in London mitgeteilt, daß die französische Regierung alle Vorschläge Chamberlains bezüglich der Tschechoslowakei unterstützen werde, die Hitler annehmen würde. Und er hatte seinen Gesandten in Prag, L. de Lacroix, darum gebeten, Benesch mitzuteilen, es werde »der französischen Regierung im Fall eines Krieges gegen Deutschland nicht leicht sein, die ganze Öffentlichkeit hinter sich zu bringen, wenn Frankreich nicht angegriffen wird und auch nicht die Gewißheit hat, daß sich Großbritannien an seine Seite stellt«. [151] Daladier war zurückhaltender: Er mußte nämlich bedenken, daß Mitglieder seiner Regierung, etwa Chautemps, Queuille de Monzie, Pomaret, Marchan-

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deau, zwar genauso wie Bonnet für eine Verständigung waren, daß aber die Minister Reynaud, Mandel, Campinchi, Jean Zay, de Chappedelaine und Champetier de Ribes ihr feindlich gegenüberstanden und es überall ausposaunten.

Schließlich erklärten sich Daladier und Bonnet, die am 18. September 1938 nach London bestellt worden waren, mit dem Chamberlain-Hitler-Plan unter zwei Bedingungen einverstanden. [152] Die neue Grenze sollte durch eine internationale Kommission unter tschechischer Beteiligung festgelegt und von England gegen jeden neuen Angriff garantiert werden. Dann reisten sie nach Paris zurück. Am 19. September sprach sich der französische Ministerrat für diese Lösung aus. Es war allerdings eine nur scheinbare Einmütigkeit: Die einen stimmten dem nunmehr französisch-englischen Plan nur deshalb zu, weil sie ihn für das einzige Mittel hielten, den Frieden zu retten; die anderen, weil sie überzeugt waren, daß Prag nicht darauf eingehen werde. Sie taten übrigens alles, damit Prag nicht darauf einging: der Plan, mit der französischen und der britischen Unterschrift versehen, war dem Gesandten der Tschechoslowakei in Paris Osusky bereits am Nachmittag übergeben worden; Churchill, der gegen die Politik Chamberlains tobte, raste am 20. September nach Paris, um Mandel und Reynaud zu warnen; und von seinem Zureden ermutigt, rief Mandel Benesch in Prag an und trug ihm folgendes vor:

»Sie stehen an der Spitze eines freien und unabhängigen Volkes. Weder Paris noch London haben das Recht, Ihnen Ihre Haltung zu diktieren. Wenn Ihr Gebiet verletzt wird, sollten Sie keine Sekunde zögern, den Befehl an Ihre Armee zu geben, die Heimat zu verteidigen. Wenn Sie es tun, retten Sie Europa vor dem Hitlerismus, denn ich kann Ihnen sagen, wenn Sie in der Notwehr den ersten Schuß abgeben, wird der Widerhall in der Welt gewaltig sein. Die Kanonen Frankreichs, Großbritanniens und auch Sowjetrußlands werden wie von selbst zu schießen beginnen! Die ganze Welt wird ihnen folgen, und Deutschland wird innerhalb von sechs Mo-

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naten ohne Mussolini und innerhalb von drei Monaten mit Mussolini geschlagen.« [153]

G. Mandel hieß eigentlich Jéroboam Rothschild, wenn auch mit den Rothschilds nicht verwandt, und war Minister. Adel verpflichtet: In dem Amt, das er bekleidete, mußte sein Verhalten in einer Linie stehen mit der Bittschrift des jüdischen Weltrats an Chamberlain. Alle Glaubensgenossen Mandels teilten seine Auffassung, oder fast alle. Meines Wissens soll es in Frankreich eine einzige Ausnahme von Rang gegeben haben: Emmanuel Berl. Ihm gebührt unsere Anerkennung.

Dann traten die Schwierigkeiten auf, die Benesch Chamberlain in den Weg legte: Am 21. September hat er den französisch-englischen Plan zwar angenommen, aber am 23., 22.30 Uhr, verkündete er die allgemeine Mobilmachung in der Tschechoslowakei . . . Offensichtlich hat er den Rat Mandels befolgt und geglaubt, daß »beim ersten Schuß, den er abgeben würde, der Widerhall in der Welt gewaltig sein werde und daß die Kanonen Frankreichs, Großbritanniens und auch Sowjetrußlands wie von selbst zu schießen beginnen würden«. Tatsächlich, Frankreich mobilisierte sofort 600000 Mann. Benesch jubelte. Er setzte auf eine Strömung innerhalb der Öffentlichkeit, die eine Ablösung von Daladier—Bonnet durch eine neue Regierungsmannschaft Mandel—Reynaud erzwingen sollte, in England den Rücktritt Chamberlains zugunsten Churchills. In der Nacht zum 22. September eröffnete einer seiner Minister telefonisch diesen Wunsch dem französischen Journalisten Rosenfeld, einem Freund und Mitarbeiter des regierenden Léon Blum: er antwortete ihm, man dürfe nicht »mit einem so raschen Umschwung Frankreichs und seiner Regierung rechnen« [154], aber anscheinend hat er ihm nicht geglaubt.

Mussolini mobilisierte seine Kriegsmarine und zog mehrere Divisionen in den Alpen, nach Frankreich gerichtet, zusammen. Belgien, Polen und Ungarn trafen militärische Vorkehrungen. Europa war in Waffen: Wenn Hitler hart blieb,

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werde es Krieg geben. Einziger dunkler Punkt war: Trotz des französisch-sowjetischen Bündnispakts und des sowjetisch-tschechischen Abkommens hat sich Rußland nicht gerührt, unter dem übrigens begründeten Vorwand, es könne schon deshalb keine Hilfe leisten, weil Polen und Rumänien den russischen Truppen den Durchmarsch durch ihre Gebiete verboten hätten. Hinzu kam, daß Polen (wegen Teschen) und Ungarn (wegen Ruthenien) eigentlich gegen die Tschechoslowakei militärische Vorkehrungen getroffen hatten.

E. Benesch nahm sich aber der Polen und der Ungarn an. Er war außerdem sicher, daß Mussolini militärische Vorkehrungen nur pro forma getroffen habe und daß er nicht eingreifen werde. Die Absage Rußlands mochte ihn betrüben, doch nicht übermäßig: Frankreich und England würden schon mit vereinten Kräften Deutschland niederkämpfen, zumal er als Freimaurer um die Abtrünnigkeit Schachts und Becks wußte, ja sogar wähnte, die deutsche Öffentlichkeit und das Heer seien zum erstenmal uneins. Er glaubte nämlich immer noch an ein Eingreifen Frankreichs und Englands: Frankreich hatte bereits mobilisiert, England werde sich, von Frankreich mitgerissen, ebenfalls dazu entschließen. Mandel hatte recht. Getäuscht hatte er sich lediglich über Rußland, das, vor die vollendete Tatsache gestellt, bestimmt auch mitgerissen werde, und wenn es nur wegen der stillen Wünsche wäre, die es in bezug auf Polen hegte. Daher bestärkte sich Benesch in seinem Standpunkt.

Als Chamberlain von der allgemeinen Mobilmachung in der Tschechoslowakei erfuhr, hielt er sich in Godesberg, bei Hitler, auf. Die Unterredung war sehr heikel. Von vornherein hatte er Hitler mitgeteilt, daß der britisch-französische Plan eine neue Grenzziehung durch eine internationale Kommission mit tschechischer Beteiligung vorsehe; außerdem müßten die Signatarmächte diese Grenze garantieren. Schließlich müßten Fristen für die Räumung der tschechischen Verwaltung, Polizei, Armee, ja gar Bevölkerung aus den Sudetengebieten festgesetzt werden. Der Führer hatte

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Karte zum deutschen Memorandum von Bad Godesberg (23. September 1938)

sich sofort dagegen gesträubt: Von einer internationalen Kommission, der die Tschechoslowakei zwecks neuer Grenzziehung angehören würde, wollte er nichts wissen; er wolle durchaus mit Briten, Franzosen oder Italienern verhandeln, aber nicht mit den Tschechen und den Russen. Diese neue Grenze gedenke er erst zu garantieren, wenn die Tschechoslowakei ihre Differenzen mit Polen und Ungarn beigelegt habe. Schließlich seien die Räumungsfristen zu lang. Sofort müßten die Sudetengebiete deutsch werden, da Benesch den französisch-englischen Plan angenommen habe, andernfalls werde Benesch Mittel und Wege finden, während der Frist alles in Frage zu stellen, und für Deutschland wie ebenso für das Sudetenland würden Mittel und Wege gefunden werden, ein weiteres Mal hereingelegt zu werden. [155] Chamberlain geriet daraufhin in Harnisch, die Verhandlungen standen unmittelbar vor dem Abbruch. Die Sitzung wurde geschlossen, doch verabredete man sich auf den nächsten Tag.

Am nächsten Tag fand sich Chamberlain nicht ein. Unterdessen hatte er nachgedacht und stellte Bedingungen für die

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Wiederaufnahme der Unterredung. Schließlich schien sich die Lage zum Guten zu wenden, und die beiden Männer trafen wieder zusammen. Hitler zauberte einen Plan hervor über die innerhalb von 48 Stunden abzutretenden Gebiete sowie über eine andere, am 15. September nicht vorgesehene Zone, in der eine Volksabstimmung stattfinden solle. Hitlers Plan klang wie ein Ultimatum; das bedeutete einen erneuten Bruch, als plötzlich die Nachricht von der allgemeinen Mobilmachung in der Tschechoslowakei eintraf. Beide Männer schauten sich versteinert an: Zweifellos war der Krieg nun unvermeidlich. Totenstille. Hitler ging mit sich selbst zu Rate. Nach einer scheinbar nicht enden wollenden Zeitspanne sagte Hitler auf einmal: »Meine Zusage, daß ich während der Verhandlungen nicht gegen die Tschechoslowakei vorgehen werde, halte ich trotz dieser unerhörten Provokation selbstverständlich aufrecht, zum mindesten solange Sie, Herr Chamberlain, sich noch auf deutschem Boden befinden.« [156]

Die Atmosphäre entspannte sich; die Unterredung wurde fortgesetzt, Hitler erklärte sich bereit, über die Räumungsfristen zu sprechen. Daraufhin sagte er: »Ihnen zuliebe, Herr Chamberlain, will ich in der Zeitfrage eine Konzession machen. Sie sind einer der wenigen Männer, denen gegenüber ich das jemals getan habe. Der 1. Oktober soll mir als Räumungstermin noch recht sein.« [157] Dann nahm er noch einige Änderungsvorschläge bezüglich der Form an, wodurch sein Plan schon eher die Bezeichnung »Memorandum« beanspruchen konnte, bestand allerdings auf einer Volksabstimmung in den Gebieten, mit deren fristgemäßer Räumung er nicht rechnete. Zuletzt erklärte sich Chamberlain bereit, diese Denkschrift der tschechischen Regierung zu übermitteln, wollte sich jedoch auf deren Inhalt noch nicht festlegen.

Die beiden Männer nahmen nun voneinander Abschied. Hoch erfreut zeigte sich Hitler sehr gesprächig. Als er den englischen Premier hinausbegleitete, äußerte er sich beruhigend über das Ausbleiben von Reibungspunkten in den

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deutsch-britischen Beziehungen, über Deutschlands unwiderrufbaren Entschluß, den außereuropäischen Interessen Englands nicht im Wege zu stehen, sowie über die Gefahrlosigkeit, ihm in Mittel- und Osteuropa freie Hand zu lassen.

Chamberlain antwortete nicht: offenbar machte ihn sein Versprechen besorgt, Hitlers Memorandum der tschechischen Regierung zu übermitteln, wahrscheinlich aber noch mehr der Empfang, den ihm Benesch — der eben mobilisiert hatte! — sowie die französische und britische Regierung bereiten würden.

4. Das Münchener Abkommen

Die letzte Phase der Verhandlung war voller Dramatik. Benesch, dem das deutsche Memorandum am Nachmittag des 24. September übergeben wurde, beauftragte seinen Gesandten in London, Jan Masaryk (Sohn des ersten, inzwischen verstorbenen Präsidenten der tschechischen Republik), Lord Halifax seine ablehnende Antwort zu überreichen. Er begründete sie mit folgenden Überlegungen: »Den englisch-französischen Plan haben wir nur durch äußersten Druck und Zwang (gemeint sind England und Frankreich) angenommen . . . Das deutsche Memorandum ist in Wirklichkeit ein Ultimatum . . . Meine Regierung ist bestürzt über seinen Inhalt, es geht weit über den englisch-französischen Plan hinaus . . .«

Er schloß mit den Worten:

»Meine Regierung wünscht durch mich in aller Feierlichkeit zu erklären, daß Herrn Hitlers Forderungen in ihrer gegenwärtigen Form absolut und bedingungslos unannehmbar für meine Regierung sind. Diesen und neuen grausamen Forderungen gegenüber fühlt sich meine Regierung verpflichtet, äußersten Widerstand zu leisten, und wir werden das tun, so wahr uns Gott helfe. Die Nation von St. Wenzeslaus, Johann Hus und Thomas Masaryk will keine Nation von Sklaven

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sein. Wir verlassen uns auf die beiden großen westlichen Demokratien, deren Wünschen wir sehr gegen unser eigenes Urteil gefolgt sind, daß sie uns in diesen Schicksalsstunden beistehen.« [158]

Im Besitz dieser Antwort, die ihm Lord Halifax sofort hatte zukommen lassen, bat Chamberlain die Herren Daladier und Bonnet zu einer weiteren Unterredung nach London und rief den Ministerrat zusammen, um diesen auf dem laufenden zu halten: die Mitglieder seines Kabinetts waren über den Inhalt des deutschen Memorandums bestürzt und beschlossen einstimmig, es nicht zu verbürgen.

Churchill und die Mitglieder der Labour Party, die von diesem Text Kenntnis genommen und darin unter anderem gelesen hatten, Benesch habe den englisch-französischen Plan nur durch Druck von seiten der beiden Mächte angenommen, waren in Hitze geraten: wie konnte man das wagen! Es war skandalös! Am 26. September begab sich Churchill in die Downing Street, um Protest zu erheben und sich leidenschaftlich für sein Projekt einer »großen Allianz« (Frankreich, England, Rußland) einzusetzen; was die Labour Party anbetrifft, faßte ihr Exekutivbüro am selben Tag eine ähnlich quertreibende Entschließung.

Am 25. September, um 15 Uhr, unterrichtete Daladier seinen im Elysée-Palast versammelten Ministerrat von diesem Memorandum und der Einladung Chamberlains. Alle waren ebenfalls darüber einig, es nicht zu verbürgen — bis auf Georges Bonnet (einige Punkte seien zwar unannehmbar, über andere könnte jedoch verhandelt werden) und A. de Monzie, der von Daladier wissen wollte, welche Antwort er den Engländern geben würde, wenn diese ihn »nach der Haltung Frankreichs im Fall eines deutschen Angriffs auf die Tschechoslowakei fragten«. Daladier sagte ihm: »Ich bin bereit, alle möglichen Zugeständnisse zu machen; aber bei einer nicht-provozierten Aggression müssen wir unsere Verpflichtungen erfüllen. Ich bleibe ihnen treu.« Darauf erwiderte er: »Wir sind einige, die sich mit dem Krieg nicht abfin-

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den wollen.« [159] Der Ministerrat war, wie am 19. September geteilter Meinung. [160]

Um 17.30 Uhr flogen Daladier und Bonnet nach London, wo sie gegen 21 Uhr in der Downing Street eintrafen; dort wurden sie von Chamberlain, Lord Halifax, Sir John Simon, Sir Samuel Hoare, Sir Horace Wilson, Sir Robert Vansittart und Sir Alexander Cadogan empfangen.

Die Unterredung wurde von Überlegungen beherrscht, die eine echte Gewissensfrage stellten. Franzosen und Engländer konnten Benesch nicht empfehlen, das deutsche Memorandum anzunehmen, weil sie mit dem Umfang der abzutretenden Gebiete und der Zone, in der eine Volksabstimmung stattfinden sollte, nicht einverstanden waren. Da die Volksabstimmung zugunsten der Deutschen ausfallen werde, und Polen sowie Ungarn ebenfalls eine forderten, wäre ein völliges Auseinanderbrechen des tschechischen Staats und somit seine Wegradierung von der Europakarte die Folge. Und schließlich verfügten sie nicht über die militärischen Mittel, um Hitler zum Weichen zu bringen oder ihn niederzukämpfen, falls er auf seinem Standpunkt beharrte. Sie konn-

26. September 1938: Daladier und Bonnet verlassen die Downing Street

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ten Benesch auch nicht zu einer Ablehnung raten, da sie ihn nicht unterstützen konnten, ohne sich selbst in ein kriegerisches Abenteuer zu stürzen, bei dem sie von vornherein als Verlierer gelten würden. Zumindest waren die Engländer dieser Ansicht.

Die Franzosen waren hierüber geteilter Meinung. Daladier glaubte, daß man mit Englands Unterstützung Hitler schlagen könne, wenn er hartnäckig bleibe. Georges Bonnet war dagegen skeptischer. Er wußte um die mangelnde Vorbereitung des französischen Heeres sowie um den englischen Beitrag, sollte Frankreich der Tschechoslowakei zu Hilfe eilen: Zwei nichtmotorisierte Divisionen und hundertfünfzig Flugzeuge in den ersten sechs Kriegsmonaten. [161]

Eine dritte Lösung gab es: nämlich die Verhandlungen fortzusetzen, damit Hitler seine Forderungen herabschraube und Benesch eine nachgiebigere Haltung einnehme. Offensichtlich hatte Daladier die nur geringe Hilfe nicht beachtet, die England Frankreich leisten könnte, wenn sich dieses hinter Benesch ins Abenteuer stürzte. Chamberlain wies ihn darauf hin. Dann steuerte er das Gespräch so, daß Daladier wiederum die mangelhafte Vorbereitung des französischen Heeres und dadurch sein Bemühen um eine Fortsetzung der Verhandlungen unterstützte: »Ich habe höchst alarmierende Nachrichten erhalten über den Stand der französischen Luftrüstung und über das Unvermögen Ihrer Industrie, die in den ersten Kriegstagen verlorenen Flugzeuge schnell zu ersetzen. Wenn sich ein Bombenregen sofort über Paris ergießt, auf die Flugplätze, die Bahnhöfe, die Eisenbahnknotenpunkte — wird Frankreich dann in der Lage sein, sich zu verteidigen und einen Gegenangriff zu starten?« [162]

Der hinzugezogene General Gamelin ging auf Chamberlains Frage ein und machte folgendes geltend: Die Stärke der französischen Infanterie; die deutschen Schwächen: Mangel an militärischen Führern, Mangel an Rohstoffen, Nichtvollendung der Siegfriedlinie; die Unfähigkeit Italiens, Deutschland im Krieg beizustehen; die Macht der tschechischen Ar-

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mee, die im Norden und im Süden Mährens »standhalten« könne, und so weiter. [163]

Chamberlain war nicht überzeugt. Schließlich regte er ein Mittel an, das seines Erachtens die Verhandlungen wieder in Gang bringen könnte: Sir Horace Wilson werde nach Berlin mit dem Auftrag fliegen, Hitler eine Botschaft zu überbringen, in der er ihm mitteile, daß die Regierung sein Memorandum abgelehnt habe, und ihn gleichzeitig dränge, weiter zu verhandeln und nicht Gewalt anzuwenden. Lehne er ab, so solle Sir Horace Wilson ihm folgende Erklärung abgeben: »Die französische Regierung hat uns davon in Kenntnis gesetzt, daß sie im Falle eines deutschen Angriffs gegen die Tschechoslowakei ihre Verpflichtungen genau erfüllen wird. Wenn Frankreich in Ausführung seiner vertraglichen Verpflichtungen in einen Krieg mit Deutschland gerät, wird das Vereinigte Königreich sich verpflichtet fühlen, ihm Hilfe zu leisten.« [164]

Die Franzosen verließen London und erreichten Paris am Nachmittag des 26. September 1938. Sie standen dem Ausgang des Verfahrens, dem sie soeben zugestimmt hatten, sehr skeptisch gegenüber. »Ich fürchte, der Krieg ist jetzt nicht mehr zu vermeiden . . .«, erklärte Georges Bonnet den am Quai d'Orsay wartenden Journalisten. [165]

Sir Horace Wilson traf am Abend in Berlin ein. Sir Ivone Kirkpatrick und Sir Nevile Henderson begleiteten ihn. Sie wurden in der Reichskanzlei in Gegenwart Ribbentrops empfangen. Hitler war zornig, im höchsten Grade verärgert über die tschechische Mobilmachung, die nach seinem Nachrichtendienst auf vollen Touren lief. Dieser bezog sich auf eine Erklärung, die der tschechische Außenminister, Krofta, am 24. September vor einer Gruppe ausländischer Diplomaten abgegeben hatte, sowie eine am selben Tag eingetroffene Information aus Polen.

Kroftas Erklärung lautete wie folgt: »Nachdem unsere Mobilmachung angelaufen ist, sind weitere Zugeständnisse von unserer Seite nicht mehr möglich. Wir haben das gefähr-

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liche Stadium hinter uns gebracht, die militärische Lage ist gut. Wir hatten gestern einen ersten Angriff der Luftwaffe erwartet, der die Zusammenziehung unserer Truppen verhindern sollte. Er hat nicht stattgefunden. Man muß diese Zurückhaltung in Berlin als ein Zeichen der Schwäche auslegen. Wenn unsere Mobilmachung morgen und übermorgen normal verläuft, werden 40 tschechische Divisionen 80 deutschen Divisionen gegenüberstehen.« [166]

Die aus Polen erhaltene Information hatte folgenden Inhalt: der Präsident der Polnischen Republik, I. Moscicki, habe ein persönliches Schreiben Beneschs erhalten, das »eine Regelung der Grenzstreitigkeiten« vorschlage und mit der Hoffnung auf eine »aktivere Zusammenarbeit der beiden Länder« [167] ende. Hitler vermutete, daß der Kreml, der den Durchmarsch seiner Truppen durch Polen erreichen möchte, Benesch diese Initiative nahelegte.

»Es hat überhaupt keinen Zweck mehr, noch weiter zu verhandeln!« brüllte er, als Paul Schmidt den Brief Chamberlains übersetzt hatte. Dann verfluchte er unter anderen Benesch, die Tschechen, Moskau usw. Paul Schmidt berichtet, daß er ihn noch nie in einem solchen Zustand erlebt habe. Zum Schluß rief dieser aus: »Am 1. Oktober werde ich die Tschechen so weit haben, wie ich sie haben will!«

Daraufhin bat Sir Horace Wilson ihn leise — er soll eine dünne Stimme haben —, die tschechischen Unterhändler doch zu empfangen.

Während niemand mit einem solchen Ausgang rechnete, schrie Hitler plötzlich: »Nun gut also! Ich werde sie empfangen. Aber unter zwei Bedingungen. Die tschechische Regierung muß mein Memorandum annehmen, und sie muß mir am 1. Oktober die abzutretenden Gebiete übergeben. Ich erwarte die Antwort der Tschechen bis zum 28. September, 14 Uhr.« [168]

Chamberlain hatte einen Punkt markiert: jetzt müßten sich die Tschechen einfinden. Er wollte darauf hinarbeiten. Wer weiß? So entgegengesetzt die Standpunkte auch sein

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mochten, könnten die Verhandlungen wiederaufgenommen werden.

Am selben Abend (26. September 1938), im Sportpalast, hielt Hitler eine gegen die Tschechen hetzende Rede, die dennoch warmherzige Worte an die Adresse Chamberlains enthielt. Der britische Premier erhaschte die Gelegenheit im Flug: Spät in der Nacht hielt er im Londoner Rundfunk eine versöhnliche Ansprache, die dem deutschen Reichskanzler ebenso Höflichkeit bezeigte und ihm versicherte, daß die »Vereinigung der Sudetendeutschen mit dem Reich ohne Blutvergießen« erfolgen könne. Dann beauftragte er Sir Horace Wilson, der sich noch in Berlin aufhielt, Hitler am nächsten Morgen, dem 27. September, aufzusuchen und ihm mitzuteilen, England sei bereit, »die Erfüllung der Prager Versprechen zu garantieren, unter der Bedingung, daß Deutschland nicht zu den Waffen greift.« Das war psychologisch hervorragend gedacht, aber leider! . . .

Am 27. September, kurz vor Mittag, wurde Sir Horace Wilson von Hitler empfangen: sehr schlecht. Aus einer Flut von Beschimpfungen und Drohungen, die schrecklicher als am Vortag waren, konnte er lediglich entnehmen, daß es nur noch eine Alternative gab: entweder nehme Prag seinen Vorschlag an, oder es lehne ihn ab. Im ersten Fall erwartet er die tschechische Antwort am nächsten Tag, vor vierzehn Uhr; im zweiten werde er an der Spitze der deutschen Wehrmacht in das Sudetenland einrücken.

»Unter diesen Umständen«, sagte Sir Horace Wilson, »habe ich mich noch eines weiteren Auftrages des Premierministers zu entledigen.«

Und er las ihm den Text vor, über den die französischen und britischen Minister einen Tag zuvor in London einig geworden waren. »Wenn Frankreich bei der Erfüllung seiner vertraglichen Verpflichtungen aktiv in Feindseligkeiten gegen Deutschland verwickelt werden sollte, so würde sich das Vereinigte Königreich für verpflichtet halten, Frankreich Hilfe zu leisten.«

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Ohne Wirkung. Hitler nahm diese Mitteilung mit beißendem Spott zur Kenntnis und sagte, er sei auf alle Eventualitäten vorbereitet, die Haltung Englands und Frankreichs sei ihm gleichgültig und der Gedanke, daß »wir uns eben alle miteinander in der nächsten Woche im Kriege befinden« werden, erschrecke ihn kaum.

Vergebliche Mühe. Benesch blieb ebenso unbeugsam wie Hitler. Am Abend hielt Chamberlain erneut eine Ansprache im britischen Rundfunk. Es war eine Aufforderung sowohl an die Tschechen als auch an die Franzosen. Den ersten sagte er, man könne keinen Krieg erwägen »in einem fernen Land zwischen Völkern, von denen wir kaum etwas wissen«. Den zweiten: »Wie sehr auch immer unsere Sympathien auf der Seite einer kleinen Nation sein mögen, die sich einem mächtigen Nachbarn gegenübersieht, so steht doch außer Frage, das britische Weltreich unter allen Umständen in einen Krieg für diese kleine Nation zu verwickeln.«

In Prag war man bestürzt. Benesch änderte aber nicht deshalb seine Haltung: er glaubte nach wie vor an die Versicherungen, die Mandel ihm gegeben hatte. Auf Georges Bonnets Hinweis, Frankreich befinde sich in einem Zustande der Unterlegenheit, habe der französische Kolonialminister geantwortet: »Ich weiß es, aber die Demokratien bereiten die Kriege erst nach deren Erklärung vor. Daher müssen wir zuerst den Krieg erklären.« [169] Erst der Krieg, dann könne man immer noch sehen . . .

In Paris atmeten Daladier und Bonnet auf: sie würden die Haltung Englands vorschieben können. Das Lager um Reynaud-Mandel war nicht weniger bestürzt als die Regierung in Prag. In England breitete sich Empörung bei Churchill und der Labour Party aus.

Von Berlin aus dankte der Führer Chamberlain für seine Bemühungen zur Rettung des Friedens. Er könne diese Bemühungen fortsetzen, er selbst aber glaube nicht mehr daran und könne auch nichts mehr dafür tun. In New York glaubte Roosevelt, der Zeitpunkt sei günstig für seinen neuen Auf-

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tritt auf der Weltbühne, um »eine internationale Konferenz aller am Streitfall interessierten Staaten einzuberufen« [170] — aller am Streitfall, und nicht am Problem interessierten Staaten: das hieße, daß Rußland . . .

Schon in der Nacht zum 26. September 1938, nach Hitlers Ansprache im Sportpalast, schickte Roosevelt dem Reichskanzler ein Telegramm, in dem er ihn um Mäßigung bat und die Verantwortung hervorhob, die er auf sich lud. Hitler nahm es ihm übel und antwortete ihm trocken, er müsse »seine Vorhaltungen nicht an ihn, sondern an Prag richten«. In der Nacht zum 28. ging der US-Präsident erneut, diesmal etwas geschickter, zum Angriff über: »Sollten Sie einer friedlichen Lösung zustimmen, werden Hunderte Millionen in der ganzen Welt Ihre Tat als einen hervorragenden historischen Dienst gegenüber der gesamten Menschheit anerkennen.« [171]

»Diese Mahnung«, erklärte Georges Bonnet, [172] »ist in der ganzen Welt mit Begeisterung und Dankbarkeit aufgenommen worden.«

Die Kriegstreiber schätzten sich glücklich darüber; sie waren der Ansicht, Hitler werde Roosevelt nicht nachgeben, und es wäre endlich soweit: der US-Präsident werde im Fall eines Krieges auf dem Plan erscheinen.

In Wirklichkeit gab Hitler nicht Roosevelt nach, sondern Mussolini. Dieser stach nämlich den US-Präsidenten aus und hielt ihn von den europäischen Angelegenheiten ein weiteres Mal fern, in die einzugreifen Roosevelt sich seit Januar 1938 leidenschaftlich bemüht hatte.

Während der Nacht vom 27. auf den 28. September entwickelten das Foreign Office und der Quai d'Orsay fieberhafte Tätigkeit in Richtung Rom. Mussolini schien ihnen nämlich der einzige zu sein, der Einfluß auf den Führer ausüben könne. Roosevelt sandte dem Duce einen Telegramm, in dem er ihn untertänigst bat, alle Mittel zum Zustandekommen einer Konferenz aufzubieten. Alle südamerikanischen Staaten taten dasselbe. Am Morgen des 28. September — da

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Das Treffen Hitler-Chamberlain (links Reichsaußenminister von Ribbentrop).
Der britische Premier glaubt, durch Nachgeben in der Sudetenfrage Hitler
von weiteren territorialen Forderungen abhalten zu können.

München, 29. 9. 1938 im »Führerbau« am Königsplatz:
Der französische Ministerpräsident Daladier begrüßt Mussolini:
dahinter Hitler und Dolmetscher Dr. Paul Schmidt

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die ganze Welt mit Entsetzen zusah, wie der Zeiger auf die verhängnisvollen 14 Uhr unaufhaltsam zuging — beauftragte der Duce seinen Botschafter in Berlin zu einem Gespräch mit dem Führer. Er solle ihm mitteilen, daß, »was Sie auch beschließen mögen, das faschistische Italien hinter Ihnen« steht, ihn bitten, »den Beginn der Operationen um 24 Stunden zu verschieben«, und seine Vermittlung anbieten.

Im selben Augenblick traf Sir Nevile Henderson mit einer weiteren Botschaft Chamberlains ein. »Die meisten deutschen Forderungen«, lautete die Botschaft, »können ohne Krieg und unverzüglich erfüllt werden . . . Ich bin bereit, selbst sofort nach Berlin zu kommen, um mit Ihnen und Vertretern der tschechischen Regierung sowie mit Vertretern Frankreichs und Italiens alle Fragen bezüglich der Abtretung zu bereden.«

Hitler hatte den Vorschlag Mussolinis bereits angenommen. »Sagen Sie Herrn Chamberlain, daß ich auf Wunsch meines großen italienischen Bundesgenossen die deutsche Mobilmachung um 24 Stunden verschoben habe. Ich muß mich jetzt mit ihm in Verbindung setzen.«

Die Partie war gewonnen: einige Stunden später wurden Daladier und Chamberlain eingeladen, mit Hitler und dem Duce in München zu konferieren.

So kam es zum Münchener Abkommen.

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Ein letztes Wort

Wir haben von der Anschluß- und Sudetenaffäre so aufwendig berichtet — was man uns möglicherweise vorhalten könnte — um Neville Chamberlain die ihm gebührende Ehre zu bezeigen. Dieser Konservative stellte eine lobenswerte Hartnäckigkeit in den Dienst zweier fortschrittlicher (im wörtlichen Sinne) Ideen: des Selbstbestimmungsrechts der Völker und der Verteidigung des Friedens. Wenn auch alt und schon krank, legte er außerdem eine erstaunliche sowohl geistige als auch körperliche Kraft an den Tag. Damit wollten wir auch sein Verhalten dem zahlreicher sogenannter Fortschrittler gegenüberstellen, die sich so schmählich mit den eigenen Grundsätzen und der eigenen Doktrin in Widerspruch setzten; wir denken unter anderem an die französischen Sozialisten und die Mitglieder der englischen Labour Party, von den Kommunisten ganz zu schweigen, bei denen alles nur Taktik und Scheindoktrin ist.

Am 18. September 1919 hatte sich Jean Longuet in der französischen Abgeordnetenkammer gegen die Ratifizierung des Versailler Vertrags ausgesprochen, und zwar im Namen der einmütigen sozialistischen Fraktion. Seine Rede war hervorragend aufgebaut. Er berief sich unter anderem auf Ernest Renan:

»Eine Nation ist ein großer Zusammenhalt, gebildet von dem Bewußtsein, Opfer gebracht zu haben, und der Bereitschaft, noch weitere zu bringen. Dieser Zusammenhalt setzt eine Vergangenheit voraus; er äußert sich aber in der Gegenwart durch eine unantastbare Tatsache: den Willen, den deutlich ausgesprochenen Wunsch, das gemeinsame Leben fortzusetzen. Die Existenz einer Nation ist ein tägliches Plebis-

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zit, so wie die Existenz des Menschen eine ständige Lebensbehauptung ist. Ja, ich weiß es, das ist weniger metaphysisch als das Recht von Gottes Gnaden, weniger brutal als das sogenannte historische Recht. In diesem Zusammenhang ist eine Nation ebensowenig wie ein König berechtigt, einer Provinz zu sagen: 'Du gehörst mir, ich nehme Dich!' Eine Provinz sind für uns in erster Linie die Einwohner. Wenn in dieser Angelegenheit jemand befragt werden darf, dann der Einwohner. Eine Nation ist eigentlich nie daran interessiert, ein Land wider Willen festzuhalten. Der Wunsch der Völker ist letztlich das einzige vertretbare Kriterium, ein Prüfstein, den wiedereinzuführen es gilt.« [173]

Daraus ersieht man, daß Renan lange vor Präsident Wilson das Selbstbestimmungsrecht der Völker erfunden hatte, auch wenn er es nicht beim Wort nannte.

Jean Longuet übertrug ins Literarische eine Entschließung, die der Vorstand der Sozialistischen Partei am 13. und 14. Juli desselben Jahres gefaßt hatte. Sie lautete:

»Dieser Vertrag kann in keiner Weise die Zustimmung der Sozialistischen Partei erhalten: er ging aus dem wohl skandalösesten Mißbrauch der Geheimdiplomatie hervor, verletzt offen das Selbstbestimmungsrecht der Völker, knechtet ganze Nationen, erzeugt neue Kriegsgefahren und zieht Gewaltmaßnahmen gegen sämtliche Befreiungsbewegungen nach sich, nicht nur in Rußland, sondern auch in allen Ländern des früheren Habsburgischen Reichs, in Ungarn, im gesamten Orient und in Deutschland.«

Diese Resolution hatte der Vorstand aus Liebe zur Gerechtigkeit, zur Demokratie und zum Frieden gefaßt. Das war nämlich Sozialismus.

Im Jahre 1938, auf dem Parteitag in Royan, ließ Léon Blum in der außenpolitischen Resolution festhalten, daß »der Sozialismus die nationale Unabhängigkeit sowie die aller mit französischer Unterschrift geschützten Nationen zu wahren wüßte«. Es sei daran erinnert, daß diese Unterschrift unter einen Vertrag gesetzt worden war, von dem die Soziali-

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stische Partei und er selber 1919 mit Recht sagten, er könne in keiner Weise »die Zustimmung der Sozialistischen Partei erhalten«. Der Durchschnittsmensch wird sich, falls er beide Stellungnahmen gegeneinanderhält, bestimmt fragen, warum 1919 soviel Aufhebens um die Sache gemacht wurde. Unseres Erachtens kann man daraus den geistigen Zusammenbruch ersehen, dem die Sozialistische Partei zum Opfer fiel, und daß Léon Blums Hauptinteressen den Grundsätzen und der Lehre des Sozialismus völlig fremd waren.

Und wenn wir hinzufügen, daß sie ihn durch die immer wieder bekräftigten Stellungnahmen des Weltjudentums eingeflößt wurden, sind wir von der Wahrheit bestimmt nicht allzu entfernt. Der Zusammenbruch war zu auffallend, die Selbstverleugnung zu grob, als daß es hätte anders sein können. Diese politische Einstellung vertrat er übrigens erst seit 1933, seit Hitlers Machtergreifung in Deutschland. Nach der Abstimmung auf dem Parteitag in Royan durfte er sie im Namen der Sozialistischen Partei verfechten.

Dem Verfasser und Sozialisten fällt es besonders schwer, erkennen zu müssen, daß 1938, in der Anschluß- und Sudetenfrage, der Konservative Chamberlain und der Rassist Hitler die Grundpositionen des Sozialismus in Sachen Europa-Politik verfochten.

Das gleiche trifft auf die Kommunistische Partei zu. Auf dem 5. Weltkongreß der Kommunistischen Internationalen in Moskau (1924) enthielt die allgemeinpolitische Resolution folgende Stelle: »Der Kongreß stellt fest, daß es keine tschechoslowakische Nation gibt; der tschechoslowakische Staat umfaßt außer der tschechischen Volksgruppe Slowaken, Ungarn, ukrainische Ruthenen und Polen. Der Kongreß hält es für notwendig, daß die tschechoslowakische KP in bezug auf diese Minderheiten das Selbstbestimmungsrecht der Völker anwendet, einschließlich das Recht, sich zu trennen.« [174]

Noch am 14. November 1933, Hitler war bereits an der Macht, erklärte Gabriel Péri vor der französischen Abgeordnetenkammer (hinsichtlich einer Sympathiekundgebung, die

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die französische Regierung an die tschechoslowakische zu richten gedachte): »Die kommunistische Fraktion schließt sich nicht dem Votum an, das von Ihnen verlangt wird. Unsere Sympathie gilt ganz den arbeitenden Klassen in der Tschechoslowakei, den slowakischen, deutschen, jüdischen, ungarischen, ukrainischen Nationalminderheiten, die von der Prager Zentralgewalt unterdrückt werden.« [175]

Es lag Gabriel Péri natürlich fern, eine Sympathiekundgebung an die von Moskau gleichermaßen unterdrückten russischen Minderheiten zu richten, ebensowenig der Kommunistischen Internationalen, ihnen das Selbstbestimmungsrecht der Völker zuzuerkennen, das sie für die Minderheiten in der Tschechoslowakei forderte, aber das war immer schon etwas . . .

Am 17. März 1938 erklärte Litwinow, sowjetischer Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, gegenüber den zugelassenen Korrespondenten der ausländischen Presse: »Seit vier Jahren ist die Sowjetunion jetzt schon zur Aufrechterhaltung des Friedens im Rahmen der kollektiven Sicherheit bemüht. In diesen vier Jahren hat sie unaufhörlich auf die Gefahren hingewiesen, die eine passive Haltung gegenüber den Aggressoren in sich birgt. Der Fall Österreich beweist, daß unsere Warnungen nicht gehört worden sind. Wann wird man sich endlich entschließen, den Diktatoren Schach zu bieten? Verhandlungen mit Hitler führen zu nichts, denn sein Hunger ist unersättlich. Gestern war es Österreich, morgen wird es die Tschechoslowakei sein. Diese ständigen Aggressionen werden zum Ausbruch eines neuen Weltkrieges führen. Die Sowjetunion ist bereit, ihrerseits mit den anderen Mächten zu beraten, sei es im Rahmen des Völkerbundes, sei es außerhalb desselben, um alle nur denkbaren Maßnahmen zur Sicherung des Friedens zu erörtern.« [176]

Jeder Kommentar ist überflüssig! Es ist nur allzu offenkundig, daß es sich hier nicht um Grundsätze oder eine Doktrin handelt, sondern um eine zu diesen in Widerspruch stehende Politik, die lediglich darauf abzielt, jegliche Verständi-

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gung zwischen dem Reich und den westlichen Demokratien zu verhindern. Sonst könnte sich das Reich gegen die Sowjetunion wenden, und Japan, das die Sowjetunion an ihrer Ostgrenze bedroht, würde sie bei der Abrechnung dazu verurteilen, gleich an zwei Fronten zu kämpfen. Der selbst unaufgeklärte Geist weiß wohl, daß es hierbei nicht um die »Bekämpfung der Diktaturen« geht, sondern um das Selbstbestimmungsrecht der Völker, um Krieg oder Frieden. Im Fall Österreich wurde die Diktatur vielmehr von dem Völkerbund ausgeübt, bei den Sudetengebieten von den Tschechen.

Zum Schluß seien drei Äußerungen Churchills in Beziehung gebracht, die der Debatte eine clowneske Wendung gäben, wenn sie nicht auf so tragische Weise geendet hätte:

1. »Eines Tages sagte mir Präsident Roosevelt, daß er die Öffentlichkeit um Anregungen ersuche, wie der Krieg benannt werden solle. Ich erwiderte sofort: 'Der unnötige Krieg'. Niemals hätte sich ein Krieg leichter verhindern lassen als dieser, der eben alles vernichtet hat, was von der Welt nach dem vorangegangenen Kampf noch übriggeblieben war.« [177]

2. »Die zweite große Tragödie war die vollständige Zertrümmerung des Österreichisch-Ungarischen Reiches durch die Verträge von St. Germain und Trianon. Jahrhundertelang hatte dieser letzte lebende Überrest des Heiligen Römischen Reiches einer großen Zahl von Völkern, zum Vorteil von Handel und Sicherheit, ein gemeinsames Leben ermöglicht, und keines dieser Völker besaß in unserer Zeit die Kraft oder Lebensenergie, um sich allein gegen den Druck eines wiederauflebenden Deutschland oder Rußland zu behaupten . . . Es gibt keine einzige Völkerschaft oder Provinz des Habsburgischen Reiches, der das Erlangen der Unabhängigkeit nicht die Qualen gebracht hätte, wie sie von den alten Dichtern und Theologen für die Verdammten der Hölle vorgesehen sind. Die edle Hauptstadt Wien, die Heimstätte so großer, langverteidigter Kultur und Tradition, der Knotenpunkt so vieler Straßen, Wasserwege und Bahnlinien, blieb elend und

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hungernd liegen wie ein mächtiges Kaufhaus in einem verarmten Viertel, dessen Bewohner zum größten Teil fortgezogen sind.« [178]

3. »Die wirtschaftlichen Bestimmungen des Versailler Vertrags waren so bösartig und töricht, daß sie offensichtlich jede Wirkung verloren . . . Niemand in führender Stellung besaß den Geist, die Überlegenheit oder die Unabhängigkeit von der öffentlichen Verblendung, um den wahlberechtigten Mitbürgern diese grundlegenden, brutalen Tatsachen auseinanderzusetzen . . . Die siegreichen Alliierten versicherten nach wie vor, daß sie Deutschland ausquetschen würden, 'bis die Kerne krachen'. Das alles übte auf das Gedeihen der Welt und auf die Stimmung des deutschen Volkes gewaltigen Einfluß aus.« [179]

Nein, es fand sich niemand in führender Stellung, nicht einmal Herr Churchill!

Im Grunde genommen: Churchill durch sich selbst abgeurteilt und zu den Dummköpfen in die Schar der allgemeinen Dämlichkeit abgeschoben.

Heute gibt es keine einzige nichtdeutsche Nation, keine einzige nichtdeutsche Provinz des früheren Habsburgischen Reiches, der die Pax sovietica unter dem Deckmantel der Unabhängigkeit, »nicht die Qualen gebracht hätte, wie sie von den alten Dichtern und Theologen für die Verdammten der Hölle vorgesehen sind«.

Es erübrigt sich nicht hinzufügen, daß man (Roosevelt, Churchill und Co.) bei diesen Qualen, die für die Verdammten der Hölle vorgesehen waren, 50 Millionen Menschen hat umkommen lassen, um dieses Ergebnis zu erzielen.

Und daß sich in unserer Welt immer noch nicht jemand in führender Stellung gefunden hat, »der den Geist, die Überlegenheit oder die Unabhängigkeit von der öffentlichen Verblendung besaß, um den wahlberechtigten Mitbürgern diese grundlegenden, brutalen Tatsachen auseinanderzusetzen«.

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Anmerkungen

[126] Am 21. Mai 1918 hatte er angesichts schlimmer Vorkommnisse zwischen den Tschechen und deutschen Böhmens bereits eine Verordnung erlassen, der zufolge die deutschen und tschechischen Gebiete voneinander getrennt werden und eine gewisse innere Autonomie erhalten sollten.

[127] Beim Internationalen Kongreß der Freimaurerei, der vom 19. bis 22. Juni 1917 in Zürich stattfand, stand die Friedensfrage im Mittelpunkt der Tagesordnung. Der von Masaryk und Benesch vertretene Standpunkt wurde angenommen. Außerdem war Philippe Berthelot, Generalsekretär im Quai d'Orsay und Großmeister der französischen Außenpolitik, ebenfalls Freimaurer. Er hatte Masaryk und Benesch Außenminister Pichon vorgestellt und diesen zum berühmten Brief vom 29. Juni 1918 an Benesch bewogen. So wurde Frankreich auf der St.-Ger-

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main-Konferenz zum Wortführer einer der größten Ungerechtigkeiten in der Geschichte.

[128] In einer am 7. Oktober 1928 in der Guild Hall gehaltenen Rede erklärte Lloyd George, wie er dazu gebracht wurde, nachzugeben: »Die ganze Dokumentation, die manche unserer Alliierten uns im Verlauf der Versailler Verhandlungen beisteuerten, war verlogen und gefälscht. Wir haben auf Grund von Fälschungen entschieden.« (Zitiert bei G. Champeaux, La croisade des démocraties, 1941, Bd. 2, S. 9.)

[129] In der Nationalversammlung hatte sich die Lage seit 1935 geändert: Von den 71 Sitzen, die auf deutsche Abgeordnete entfielen, besaß die Sudetendeutsche Partei 55 im März 1938 gegenüber 44; die Zahl ihrer Senatssitze erhöhte sich von 26 auf 37; die zweitstärkste Partei, die M. Hodschas, verfügte über 43 und 33 im Senat; die Sozialdemokraten über 11 und 6 im Senat; die Kommunisten über 5 in beiden Kammern.

[130] Paul Stehlin, Témoignages pour l'histoire, S. 79.

[131] Internationaler Militärgerichtshof, Bd. 25, Dok. 386-PS, S. 402—413.

[132] Internationaler Militärgerichtshof, Bd. 28, Dok. 1780-PS, S. 345—390.

[133] Internationaler Militärgerichtshof, Bd. 42, S. 229, Affidavit Generalstab.

[134] Äußerung des belgischen Historikers Jacques de Launey in Les Grandes Controverses de l'histoire contemporaine, Lausanne 1964, S. 269—275.

[135] Ebenda, S. 274.

[136] Sein Zeugnis (Hans Bernd Gisevius, Bis zum bitteren Ende. Bd. 1: Vom Reichstagsbrand zur Fritsch-Krise. Bd. 2: Vom Münchner Abkommen zum 20. Juli 1944, Zürich 1946) entpuppten die deutschen Gerichte als Betrug.

[137] Schellenberg, Walter, Memoiren, Köln 1959

[138] Paul Schmidt, Statist auf diplomatischer Bühne, aaO.

[139] Hjalmar Schacht, Abrechnung mit Hitler, Berlin 1949

[140] General Halder, Hitler als Feldherr, München 1949

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[141] Über die Besprechung besitzen wir lediglich das Zeugnis von General Adam, das er sieben Jahre später für den Nürnberger Prozeß verfaßte (Internationaler Militärgerichtshof, Bd. 21, S 407). Er bemerkte, daß alle Generale »betroffen« waren, daß er aber allein zu General Beck stand.

[142] In seinem Brief hatte sich der amerikanische Präsident zu Japan, China, dem Pazifik, dem Faschismus und dem Nationalsozialismus geäußert.

[143] Brief Premierminister Chamberlains an Präsident Roosevelt vom 14. Januar 1938. Vertrauliche Akte M.S., State Department, 74000/264A.

[144] Ebenda, 17. Januar 1938, 74000/264B.

[145] Fritz Wiedemann, Der Mann der Feldherr werden wollte, Velbert 1964. Im Ersten Weltkrieg war Wiedemann Vorgesetzter des Gefreiten Hitlers; er wurde danach zu einem seiner Vertrauensleute.

[146] In einem Bericht, den er am 19. November 1938 an Hitler richtete, erklärte Konrad Henlein, daß die sudetendeutsche Partei bis 1938 lediglich die interne Autonomie gefordert hatte, und nicht den erst danach angestrebten Anschluß an das Deutsche Reich. In diesem Bericht heißt es unter anderem: »Die Sudetendeutsche Partei muß ihr Bekenntnis zum Nationalsozialismus als Weltanschauung und als politisches Prinzip tarnen. Als Partei im demokratisch-parlamentarischen System der Tschechoslowakei muß sie sich nach außen, in mündlichen und schriftlichen Äußerungen, in Kundgebungen und in der Presse, im Parlament, in ihrem eigenen Aufbau und bei der Organisation des Sudetendeutschtums der demokratischen Terminologie und demokratisch-parlamentarischer Methoden bedienen. Sie kann deshalb nicht-eingeweihten reichsdeutschen Kreisen als zwiespältig und unverläßlich erscheinen. Diese Zwiespältigkeit ist aber solange nicht zu vermeiden, als die Notwendigkeit einer legalen Partei besteht und der Bestand einer solchen in der Tschechoslowakei das Bekenntnis zur Demokratie voraussetzt. Die Zwiespältigkeit im äußeren Bild der SdP wird vertieft durch den Umstand, daß sie innerlich nichts mehr ersehnt als die Einverleibung des sudetendeutschen Gebietes, ja des ganzen böhmisch-mährisch-schlesischen Raumes in das Reich . . .« (Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Baden-Baden 1951, Serie D, Band 2, Nr. 23).

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[147] Auf dem Parteitag der Sozialistischen Partei, der 1938 zu Pfingsten in Royan abgehalten wurde, hatte Léon Blum gegen Generalsekretär Paul Faure, wenn auch mit knapper Mehrheit, durchgesetzt, daß folgender Satz in die außenpolitische Resolution aufgenommen werde: »Der französische Sozialismus will den Frieden, sogar mit den totalitären Imperialismen; er ist aber nicht gewillt, sich ihren Übergriffen zu beugen. In diesem äußersten Fall, dem er mit allen Mitteln vorbeugen würde, würde er schon die nationale Unabhängigkeit sowie die Unabhängigkeit aller Nationen verteidigen, die durch die Unterschrift Frankreichs geschützt sind.« (Hervorhebung durch den Verfasser. Dieser war damals Mitglied der Sozialistischen Partei Frankreichs: als Verbandssekretär im Departement Territoire-de-Belfort gehörte er der Strömung um Paul Faure an.) Mit der Unterschrift Frankreichs war der Versailler Vertrag gemeint, den Blum seinerzeit heftig bekämpft hatte aus den Gründen, die der sozialdemokratische Staatskanzler Österreichs, Karl Renner, geltend machte (siehe oben, S. 165 und 172; siehe auch die Rede des Sozialisten Jean Longuet am 18. September 1919 im Abgeordnetenhaus, Staatsanzeiger vom 19. September 1919, Parlamentarische Debatten). Und zu den Staaten, die Frankreich mit seiner Unterschrift beschützte, gehörte die Tschechoslowakei. Diese kriegshetzerische Politik, die sich an der kommunistisch geprägten Volksfront ausrichtete, betrieb L. Blum eigentlich schon lange als Regierungschef, bevor die Sozialistische Partei diese Resolution faßte (Spanischer Krieg) und sie dadurch bestätigte.

[148] Als wenn Hitler sie nur deshalb zurückgefordert hätte, weil sie von Juden, und nur von Juden besiedelt waren.

[149] Die deutschen Rassengesetze wurde im Saarland und in Österreich erst am 3. Dezember 1938, durch eine Verfügung von Himmler, eingeführt.

[150] New Chronicle, 15. Januar 1952.

[151] Georges Bonnet, Le Quai d'Orsay sous trois républiques, Paris 1964.

[152] P. Rassinier kannte noch nicht die Necas-Dokumente, wonach Benesch seinen Minister Necas am 17. September 1938 nach Paris und London gesandt hatte, damit England und Frankreich ihn zur Abtretung des Sudetenlandes öffentlich zwingen sollten, wobei seine Urheberschaft geheim bleiben sollte (d. Ü.)

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[153] Von diesem Gespräch berichtete Robert Bollack, ein Freund und Mitarbeiter Mandels, in L'lntransigeant vom 10. Mai 1948. Er sei zugegen gewesen, wußte aber keinen genauen Zeitpunkt anzugeben. Als G. Bonnet von Mandels Einmischung in die auswärtigen Angelegenheiten, die nicht zu seinem Ressort gehörten, erfuhr, protestierte er bei Daladier am 22. September. Henri Noguères (Munich ou la drôle de paix, Paris, S. 154) folgert daraus, daß das Gespräch vorher, also am 21. September, stattfand. Benoist-Méchin versichert ferner, daß in München Hitler zu Daladier gesagt haben soll, er habe das Gespräch auf Platten, aufgenommen vom Deutschen Abhördienst, da das Telefonkabel Paris—Prag durch das Reichsgebiet lief (Geschichte der deutschen Militärmacht 1918—1946, Bd. 6 Am Rande des Krieges, Oldenburg—Hamburg 1967, S. 276).

[154] Henri Noguères, Munich ou la drôle de paix, aaO., S. 153.

[155] Der einzige Augenzeugenbericht, den wir besitzen, ist Statist auf diplomatischer Bühne von Hitlers Dolmetscher Paul Schmidt. Allerdings verschweigt Schmidt diesen Aspekt, um Hitlers Unnachgiebigkeit und Kriegslust herauszustellen.

[156] Paul Schmidt, Statist auf diplomatischer Bühne, aaO.; und Benoist-Méchin, Geschichte der deutschen Militärmacht 1918—1946, Bd. 6 Am Rande des Krieges, aaO., S. 303.

[157] Ebenda, S. 303

[158] Documents on British Foreign Policy, Bd. 2, Dok. 1092.

[159] Anatole de Monzie, Ci-devant, S. 37, und Jean Zay, Carnets, S. 11ff.

[160] Siehe oben, S. 188.

[161] Lord Halifax' Antwort vom 12. September auf die Frage, die Georges Bonnet ihm diesbezüglich gestellt hatte. Georges Bonnet, Vor der Katastrophe, Köln 1951, S. 298.

[162] Georges Bonnet, Vor der Katastrophe, aaO., S. 104.

[163] General Gamelin, Servir, Bd. 2, S. 351f.

[164] Georges Bonnet, Vor der Katastrophe, aaO., S. 105.

[165] Paris-Soir, 26. September 1938.

[166] Fritz Berber, Europäische Politik 1933—1945 im Spiegel der Prager Akten, S. 172.

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[167] Oberst Beck, Dernier Rapport, Lausanne 1951, S. 342ff.

[168] Bei Paul Schmidt, Statist auf diplomatischer Bühne, aaO., S. 408ff .

[169] Jean Montigny, Complot contre la Paix, Paris.

[170] Foreign Relations of the United States, 1938, Bd. 1, S. 675.

[171] Ebenda.

[172] Georges Bonnet, Vor der Katastrophe, aaO., S. 116.

[173] Ernest Renan, Qu'est-ce qu'une nation?, Paris 1867; Staatsanzeiger, Parlamentarische Debatten, 19. Juli 1919.

[174] Der 5. Weltkongreß der Kommunistischen Internationalen, in Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in acht Bänden, hg. v. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Bd. 4: Von 1924 bis Januar 1933, Berlin 1966.

[175] Staatsanzeiger, Parlamentarische Debatten, 15. November 1933.

[176] Documents on British Foreign Policy, Bd. 1, S. 90. — Am selben Tag erklärte Ministerpräsident Léon Blum vor der Abgeordnetenkammer: »Im Falle eines europäischen Konfliktes wird die UdSSR bestimmt an der Seite Frankreichs sein.« (Staatsanzeiger, Parlamentarische Debatten, 18. März 1938) Diese Äußerung stellt unter Beweis, daß er ebenso ein scharfsinniger Politiker wie ein aufrichtiger Sozialist war!

[177] Winston S. Churchill, Der Zweite Weltkrieg, Bern—Stuttgart 1954, S. 10.

[178] Winston S. Churchill, Der Zweite Weltkrieg, aaO., S. 15.

[179] Winston S. Churchill, Der Zweite Weltkrieg, aaO., S. 14.

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