Paul Rassinier

Die Jahrhundert-Provokation


Dritter Teil

Dem Krieg entgegen

»Ich weiß es, aber die Demokraten
bereiten die Kriege erst nach deren
Erklärung vor. Daher müssen wir
zunächst den Krieg erklären.«
Georges Mandel, französischer Kolonialminister

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VII. Die Teilung der Tschechoslowakei

1. Am Tag nach München

Bei ihrer Rückkehr aus München wurden Chamberlain und Daladier, jeweils in London und Paris, von Hunderttausenden jubelnder Menschen empfangen, die ihnen ihre Dankbarkeit zuriefen. In Rom brandete die der Italiener um Mussolini empor. Vor seinem Rückflug hatte die Münchener Bevölkerung Chamberlain gefeiert, in dem sie zu Recht den Schmied des wiedererlangten Friedens erkannt hatte. Ganz Europa jubelte. Die Öffentlichkeit glaubte, alle Vorbedingungen seien nun gegeben zur Wiederauflebung jenes Viermächteabkommens (Frankreich, Deutschland, England und Italien), das Mussolini im Juni 1933 angeregt hatte. Chamberlain hatte einen deutsch-englischen Nichtangriffspakt aus München mitgebracht; er forderte Frankreich auf, ebenso zu verfahren, und Frankreich nahm das an. [180] Er hatte im April 1938 Frieden mit Italien geschlossen (Anerkennung des italienischen Königs als Kaiser von Äthiopien), und Frankreich könne das gleiche tun. Leider befanden sich Frankreichs Parlament und Generalstab nicht in derselben Verfassung wie in England. In Deutschland und Italien waren indes beide Diktatoren auf der Hut. Der Viermächte-Pakt sollte nicht wiederaufleben.

In Frankreich trat der Ministerrat unter dem Vorsitz Albert Lebruns gleich nach Daladiers Rückkehr zusammen und sprach diesem einstimmig seine Glückwünsche aus, in die Außenminister Bonnet eingeschlossen wurde. Am 4. Oktober billigte die Abgeordnetenkammer das Münchener Abkommen mit 535 gegen 75 Stimmen: 73 Kommunisten und

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zwei Hysteriker, Jean Boulay, sozialistischer Abgeordneter des Departements Côte d'Or, und Henri de Kérilis. Das Lager um Mandel/Reynaud bzw. Léon Blum hatte, wenn auch enttäuscht, es für politisch unangemessen gehalten, die Öffentlichkeit vor den Kopf zu stoßen. Die Kommunisten hatten nicht solche Sorgen: sie wußten, daß sie sich bei jeder Gelegenheit ohne weiteres nach Moskau ausrichten konnten, und deshalb hatten sie einmütig dagegen gestimmt. Manche ihrer Anhänger, etwa die Professoren Joliot-Curie und Langevin, die Künstler Picasso und Chagall, schickten als Protest ihre Auszeichnungen zurück oder legten mit Krach ihr Amt nieder. Die kommunistische Zeitung L'Humanité setzte alle Hebel in Bewegung. Ihr folgen die Zeitungen L'Esprit des verkappten Kommunisten und Katholiken Emmanuel Mounier, Ordre von Emile Buré, Temps présent von Gabriel Marcel sowie einige weitere Autoren, die ebenso geringen Einfluß auf die öffentliche Meinung ausübten. In diesem Lager traf man nicht ohne Verwunderung den Schriftsteller Henry de Montherlant, der in einem Interview vom »Abflauen der nationalen Energie« sprach . . . Diese Stimmen gingen allerdings im allgemeinen Jubel unter.

In England sah es schlimmer aus. Am 5. Oktober passierte Chamberlain im Unterhaus ein Mißgeschick, das sich folgenschwer auf Hitlers spätere Haltung auswirken sollte: er verband die Billigung des Münchener Abkommens mit der Annahme eines umfangreichen Rüstungsprogramms, das den Bau von 3000 Flugzeugen noch vor Jahresende und von 8000 weiteren im Laufe des Jahres 1939, eine Erhöhung der Militärkredite von 400 auf 800 Millionen Pfund Sterling, die Verstärkung der Feuerkraft der Flotte, sechs reguläre Divisionen, darunter zwei Panzer-, und dreizehn Territorialdivisionen, vorsah.

Dieses Programm wurde einstimmig angenommen. Als es jedoch darum ging, Stellung zum Münchener Abkommen zu nehmen, ergriff Churchill das Wort, sprach von der »Niederlage erster Ordnung, die Frankreich und England erlitten ha-

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ben, von der Straße, die vom Donautal zum Schwarzen Meer und zur Türkei führt«, von der Notwendigkeit, »die Nazimacht durch ein Bündnis niederzuschlagen, das unter anderem Frankreich, England, Rußland, die Vereinigten Staaten einschließen würde«. Als er wieder Platz nahm, erhielt er langhaltenden Beifall von der Labour Party (137 Abgeordneten) und einigen Persönlichkeiten des Zentrums und der Rechten. Bei der Abstimmung wurden die Münchener Verträge mit 369 gegen 150 Stimmen gebilligt: 137 Labour-Abgeordnete und 13 aus verschiedenen Fraktionen. Zu ihnen gehörten natürlich Churchill, Eden sowie der Erste Lord der Admiralität, Duff Cooper, der übrigens zurücktrat.

Was sich im Unterhaus zugetragen hatte, machte Hitler aufmerksam. Am 9. Oktober 1938 hielt er in Saarbrücken eine Rede, in der er es wie folgt zur Kenntnis nahm: »Die Staatsmänner, die uns gegenüberstehen, wollen — das müssen wir ihnen glauben — den Frieden. Allein sie regieren in Ländern, deren innere Konstruktion es möglich macht, daß sie jederzeit abgelöst werden können, um anderen Platz zu machen, die den Frieden nicht so sehr im Auge haben. Und diese anderen sind da! Es braucht nur in England statt Chamberlain Herr Duff Cooper oder Herr Eden oder Herr Churchill zur Macht zu kommen, so wissen wir genau, daß es das Ziel dieser Männer wäre, sofort einen neuen Weltkrieg zu beginnen. Sie machen gar kein Hehl, sie sprechen das offen aus.«

Der im Unterhaus einstimmig angenommene Rüstungsplan Chamberlains war ihm nicht ganz geheuer: war es ein einfaches Manöver, um seine Opposition zu erweichen, oder etwa eine Maßnahme, die ein gewisses Mißtrauen gegen Deutschland offenbaren würde? Bei den drei Gesprächen, die er in München mit Chamberlain führte, glaubte er vor allem in der abschließenden, den deutsch-britischen Nichtangriffspakt besiegelnden Unterredung verstanden zu haben, daß England ihm freie Hand im Osten, auf dem Festland, lassen würde, vorausgesetzt, daß er ihm im Westen die Seeherrschaft überließe: Würde Chamberlain vorsorgen, um zur ge-

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gebenen Zeit seine Ostpolitik durchkreuzen zu können? Das waren die offenen Fragen.

Was sich ferner in der neuen Tschechoslowakei abspielte, beunruhigte ihn aufs höchste. In München hatte er Zugeständnisse gemacht: er hatte unter anderem auf eine Volksabstimmung in den unentschiedenen Gebieten verzichtet; er habe damit vermeiden wollen, daß die anderen Minderheiten, vom Beispiel ermutigt, ebenfalls eine Abstimmung forderten und daß die Tschechoslowakei nicht völlig auseinandergenommen werde. Demnach hatte er weniger bekommen als ursprünglich verlangt, und etwa 300000 Deutsche waren unter tschechischem Joch geblieben. Allerdings kamen mit den Sudetendeutschen rund 200000 Tschechen unter deutsche Herrschaft. Daraus erwuchsen Zusammenstöße zwischen Tschechen und Deutschen in den betreffenden Gebieten. Und Hitler war der Ansicht, daß diese Lage nicht länger dauern dürfe, da sie die Zusammenstöße auf das Reich und die neue Tschechoslowakei übertragen könne.

Präsident Benesch erklärte zwar seinen Rücktritt und zog sich auf sein böhmisches Gut zurück; die Regierungsgeschäfte übernahm aber General Sirovy, der eine provisorische Regierung bildete, bis das Land sich neue Einrichtungen gab. Für General Sirovy hatte Hitler nicht viel übrig: dieses willenlose Werkzeug Beneschs baute nämlich die gesamte Politik des tschechischen Heeres auf dem tschechisch-sowjetischen Pakt auf, zu dem er wesentlich beigetragen hatte, sowie auf dem französisch-sowjetischen Bündnispakt. Außerdem mehrten sich — laut Reichsnachrichtendienst — die Informationen, wonach die Rüstungsfabriken Böhmens (unter anderem die Pilsener Skodawerke) weiterhin auf vollen Touren arbeiten würden, keine Maßnahme zwecks Demobilisierung verkündet worden sei, die Armee sich auf der Grundlage ihrer früheren Stärke reorganisiere, die neue Tschechoslowakei, nach den Worten Hitlers, höchst wahrscheinlich »ein auf Deutschland gerichteter Flugzeugträger« bleiben werde. [181]

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Da aber Churchill am 16. Oktober sich erneut im Rundfunk gegen die Münchener Verträge ausgesprochen hatte, dachte Hitler sich, daß die Lage in England sich nur verschlechtern könne; der sanfte Chamberlain von den Regierungsgeschäften werde verdrängt werden, England und General Sirovy würden sich verständigen. Man müsse also Maßnahmen erwägen: am 21. Oktober entschied er sich für Maßnahmen »zur Verstärkung der Sicherung der Grenzen des Reiches«. »Es muß möglich sein, die Rest-Tschechei jederzeit zerschlagen zu können, wenn sie etwa eine deutschfeindliche Politik betreiben würde.« Das waren zwar nur Vorbeugungsmaßnahmen für alle Fälle, die durch das Verhalten seiner Gegner begründet waren. Im Westen bekanntgeworden, riefen sie aber Bestürzung hervor: Was war aus den Versprechungen geworden, die er Chamberlain in Berchtesgaden, Godesberg und München wiederholte?: die Sudeten »sind die letzte territoriale Forderung, die ich in Europa zu stellen habe« und »wir wollen gar keine Tschechen!« Es wurde zu schnell übersehen, daß diese Maßnahmen durch die englische Aufrüstung und die Haltung von General Sirovy bedingt wurden, und nicht umgekehrt.

Daraufhin machte Hitler einen ersten schweren Fehler. Im Münchener Abkommen war vorgesehen, daß die Regierungschefs der vier Mächte zusammentreten sollten, »wenn das Problem der ungarischen und der polnischen Minderheit in der Tschechoslowakei nicht innerhalb von drei Monaten durch eine Vereinbarung unter den betreffenden Regierungen geregelt wird«. [182]

Teschen war zu Polen zurückgekommen, aber die polnische Regierung war ehrgeiziger. Um die ruthenischen Ukrainer, die bei den polnischen Ukrainern einen ständigen Unruheherd nährten, zu bändigen, forderte sie deren Anschluß an Polen, und nicht an die Tschechoslowakei, wie im Münchener Abkommen vorgesehen, sowie eine gemeinsame Grenze zu Ungarn. Die Frage blieb also offen. Was Ungarn und die Tschechoslowakei betraf, konnten sich die Vertreter beider

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Regierungen am 7. Oktober nicht einigen, und alles sprach dafür, daß sie die Frage in den nächsten drei Monaten nicht würden lösen können, da sie von ihrem Standpunkt offenbar nicht abrücken wollten.

Nun wurde Hitler mit Mussolini, der weiterhin eine Rolle in Mitteleuropa spielen wollte, über die Gründung einer deutsch-italienischen Schiedskommission einig, die den Streitfall, ohne London und Paris zu konsultieren, schlichten sollte.

Die Kommission trat am 2. November in Wien zusammen und gab Ungarn einen langen Gebietsstreifen zurück, der sich von Ost nach West erstreckte und in dem rund 750000 Ungarn (Magyaren) lebten. Paris und London, die nicht zu Rate gezogen wurden, faßten diesen Schiedsspruch, unabhängig von seinem durchaus vernünftigen Inhalt, als ausgesprochene Verletzung der Münchener Verträge auf und protestierten heftig.

Fünf Tage später wurde der dritte Sekretär der Deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, in der rue de Lille ermordet. Der Täter war ein junger Jude namens Grynszpan. Dann erfolgte in Deutschland die Nacht der Repressalien gegen die Juden zum 10. November. [183] Der Wiener Schiedsspruch erhielt eine neue Beleuchtung: in Frankreich, England und den Vereinigten Staaten war die Entrüstung allgemein, und die beiden Angelegenheiten, auf dieselbe Stufe gestellt, wurden gleichermaßen mißbilligt. Niemandem fiel ein, daß der Zornausbruch, der ganz Deutschland erschütterte, und die Repressalien durch den Mord hervorgerufen wurden: nicht einmal ein Vorwurf an die Adresse des Mörders, die Umstände wurden kaum untersucht, es fehlte nicht viel, daß man ihn beglückwünschte.

Der Sachverhalt wurde in der Presse so dargelegt, daß nach kurzer Zeit die Öffentlichkeit überzeugt war, der Jude Grynszpan habe vom Rath ermordet, um seine Glaubensbrüder für die Mißhandlungen zu rächen, die ihnen die Nazis in der Nacht zum 10. November zufügten!

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Moralisch war die Front der Demokratien gegen Deutschland wiederhergestellt An ihre Spitze setzte sich Präsident Roosevelt, überglücklich, sich endlich wieder in die europäischen Angelegenheiten einmischen zu können, ohne daß Chamberlain, der ihn ferngehalten hatte, protestieren konnte, wenn er die Öffentlichkeit nicht vor den Kopf stoßen wollte: Am 14. November bekräftigte er öffentlich seine Entscheidung, den US-Botschafter in Berlin abzuberufen und den Bau von 10000 Flugzeugen zu erwägen, mit dem, was sich soeben in Deutschland zugetragen hatte . . .

Leidenschaftlich sprach er sich dafür aus, daß die Amerikaner alle deutschen Waren boykottierten, und wirkte auf England ein, damit es seine Verständigungspolitik mit Deutschland aufgebe. Er bat sogar den Kongreß, das 1936 auf seine Empfehlung hin verabschiedete Neutralitätsgesetz abzuändern und seine »Cash-and-Carry-Klausel durch ein Pacht-und-Leih-System« abzulösen. Der Kongreß folgte ihm nicht. Und England wich dem Druck offenbar nicht. Im Februar 1939 hatte es immer noch nicht nachgegeben.

Präsident Roosevelt ließ sich deshalb nicht entmutigen. Im September 1939 fanden die Deutschen im Warschauer Außenministerium unter anderen Dokumenten einen Brief des polnischen Botschafters in Paris, J. Lukasiewicz. Am 7. Februar 1939 schrieb er, der US-Botschafter Bullitt habe ihm gegenüber die Haltung Englands bedauert und gleich hinzugefügt: »Die Vereinigten Staaten verfügen England gegenüber über verschiedene und ungeheuer bedeutsame Zwangsmittel. Allein die Drohung ihrer Anwendung dürfte genügen, England von einer Kompromißpolitik auf Kosten Frankreichs zurückzuhalten.« [184] Hatte Präsident Roosevelt es noch nicht getan, so war er demnach wohl entschlossen, diese Mittel anzuwenden.

Dieser Text steht im selben Zusammenhang wie jener Brief, den Graf Potocki, polnischer Botschafter in Washington, am 12. Januar 1939 an Oberst Beck richtete: »Die antisemitischen Ausschreitungen, die kürzlich in Deutschland

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stattgefunden haben, haben hier zu einer antideutschen Stimmungsmache von seltener Heftigkeit geführt. An ihr haben sich verschiedene jüdische Intellektuelle und Finanzleute beteiligt, wie Bernard Baruch, der Bundesrichter Frankfurter, Finanzminister Morgenthau und andere, die mit Roosevelt freundschaftliche Beziehungen unterhalten. Dieser Personenkreis, der die höchsten Stellungen in der amerikanischen Regierung bekleidet, ist unlösbar mit der Jüdischen Internationale verbunden.« [185]

Nunmehr hatte Europa den Weg des Krieges unumkehrbar eingeschlagen. Der Mord eines jungen Juden an einem deutschen Botschaftssekretär in Paris hatte eine Kettenreaktion ausgelöst und zu diesem Ergebnis geführt.

Im März 1939 sollte Hitler bei der wieder auflodernden Tschechoslowakei-Affäre einen zweiten, angesichts des politischen Klimas noch schwereren Fehler begehen, der die Unternehmung begünstigen sollte.

2. Die Tschechen verletzen die Münchener Verträge

Der Wiener Schiedsspruch vom 2. November 1938 hatte Ungarn den von Magyaren bewohnten südlichen Teil der Slowakei zurückgegeben. Somit umfaßte die Tschechoslowakei nach dem Münchener Abkommen noch drei große Volksgruppen: die Tschechen (die laut Statistik 6727038 Angehörige zählten), die Slowaken (2010295) und die Ruthenen (459346).

Es war vereinbart worden, daß der neue Staat föderativ sein und daß jede dieser drei Volksgruppen über die interne Autonomie verfügen sollte. Die Tschechen, die sich in der Mehrzahl befanden, zeigten keinen besonderen Eifer, die Münchener Klauseln einzuhalten. General Sirovy hatte das Heer fest in der Hand und war zudem Innenminister. Die Slowakei und Ruthenien standen unter tschechischer Verwaltung und Polizei.

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Am 6. Oktober bildeten sich provisorische Landtage im slowakischen Preßburg und in Uzgorod (im Zuge des Wieners Schiedsspruchs nach Chust verlegt) für Ruthenien. Aus diesen Landtagen gingen provisorische Regierungen hervor, an deren Spitze Msgr. Tiso in der Slowakei und Msgr. Woloschin in Ruthenien gestellt wurden.

Die Tschechen nahmen das übel und verhielten sich, als wenn diese Einrichtungen nicht bestünden. Ermutigt wurden sie dabei von Benesch, der am 22. Oktober 1938 auf Bitten der neuen Regierung nach London emigrierte und mit General Sirovy in Verbindung blieb, und von C. Gottwald, dem Führer der tschechischen KP., der seinerseits Zuflucht in Moskau fand. Flugblätter, in denen es hieß: »Haltet aus! Der Tag, an dem die französischen, englischen und russischen Heere Euch erlösen, rückt näher!«, wurden in den Kasernen, in der Polizei und in der Verwaltung verteilt.

Schließlich kamen Msgr. Tiso und Msgr. Woloschin auf den Einfall, den tschechischen Behörden Widerstand zu leisten, indem sie sich auf den Volkswillen stützten. Sie veranstalteten Wahlen, die am 2. Februar 1939 in Ruthenien und am 23. Februar in der Slowakei abgehalten wurden, wobei jeweils 92,4% und 98% der Wähler sich für die Autonomie und die jeweiligen Führer aussprachen. Somit hatte das Volk Tiso und Woloschin Vollmacht erteilt.

Die Prager Regierung war zunächst überrascht. Am 10. März 1939 setzte sie Msgr. Tiso ab und bildete eine neue slowakische Regierung, gegen die die gesamte Bevölkerung sich auflehnte. Nach Ruthenien beorderte sie gar das Militär . . .

Es entstand ein großes Durcheinander im ganzen Land, ja sogar bei den Tschechen im Böhmisch-Mährischen, wo etwa 350000 Deutsche im Zuge des Münchener Abkommens nicht in das Vaterland hatten eingegliedert werden können, entweder weil ihr Anteil an der Bevölkerung zu niedrig war oder weil die geographische Lage dieser Gebiete es nicht zuließ. Seit sechs Monaten waren sie höchst diskriminierenden und

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kränkenden Maßnahmen seitens der Tschechen ausgesetzt: Entlassung aus den Fabriken, Streichung der Arbeitslosenunterstützung, polizeiliche Überwachung. Sie meinten, der Augenblick sei gekommen, wo sie das Haupt wieder erheben könnten, und es kam zu unzähligen Zusammenstößen.

In der Nacht zum 14. März, gegen 1.30 Uhr, begab sich Msgr. Woloschin in Begleitung seiner Kabinettsmitglieder zum deutschen Konsul nach Chust und übergab ihm folgende Erklärung: »Im Namen der Regierung der Karpato-Ukraine (= Ruthenien) bitte ich zur Kenntnis zu nehmen die Erklärung unserer Selbständigkeit unter dem Schutz des Deutschen Reichs. (gez.) Premierminister Dr. Woloschin.«

Am 14. März, 10 Uhr, beauftragte das Parlament in Preßburg Msgr. Tiso, der am Vortag in Berlin gewesen war, folgendes Telegramm an Göring zu schicken:

»Ich bitte Sie, folgendes dem Führer und Reichskanzler zur Kenntnis zu bringen:

In starkem Vertrauen auf Sie, den Führer und Reichskanzler des Großdeutschen Reichs, unterstellt sich der slowakische Staat Ihrem Schutz. Der slowakische Staat bittet Sie, diesen Schutz zu übernehmen. (gez.) Tiso.«

Hitler antwortete umgehend, daß er annehme.

Die Prager Regierung war nicht mehr Herr der Lage. Staatspräsident Hacha, der nicht mehr wußte, wo ihm der Kopf stand, bat um eine Unterredung mit Hitler. Dieser erklärte sich bereit, diese Unterredung am selben Abend zu führen. Präsident Hacha traf in Begleitung seines Außenministers, F. Chvalkowsky, gegen 23 Uhr in Berlin ein und wurde am 15. März gegen 1 Uhr nachts in der Reichskanzlei empfangen. Hier mußte er erfahren, daß der Führer den Einmarsch der deutschen Armee in die Tschechoslowakei gerade für diesen 15. März, um 6 Uhr morgens, beschlossen habe und daß die Wehrmacht dann sofort in Richtung Prag vorstoßen werde. Er hoffte, dieser Vorstoß werde ohne Zwischenfälle verlaufen und die tschechische Armee keinen Widerstand leisten, sonst . . .

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Präsident Hacha und sein Minister Chvalkowsky waren wie vor den Kopf geschlagen. Sie begriffen nicht, oder taten, als würden sie nicht begreifen, daß gerade ihre Politik Hitler zu dieser Entscheidung brachte und daß er sie auf Wunsch der Slowaken und der Ruthenen schon deshalb traf, weil beide die Münchener Verträge verletzt hatten. André François-Poncet, der keiner Zuneigung für das nationalsozialistische Regime verdächtigt werden kann, hat die Schuld ein für allemal festgelegt: »Innerhalb des tschechoslowakischen Staates hatten die von Monsignore Tiso geführten Slowaken die Autonomie erhalten. Aber die Tschechen weigerten sich, das Land als selbständigen Bundesstaat anzuerkennen. Prag forderte die Absetzung der slowakischen Minister wegen ihrer separatistischen Politik. Hitler ergriff, um seine Absichten zu verwirklichen, für die Slowaken Partei. Am 13. März 1939 [186] eilte Monsignore Tiso nach Berlin und rief den Schutz des Führers an.« [187]

Es steht fest, daß die Münchener Verträge in erster Linie von den Tschechen verletzt wurden, und nicht von Hitler. Trotzdem machte Hitler seinen zweiten folgenschweren Fehler.

Das Münchner Abkommen war bekanntlich mit einem deutsch-britischen (30. September 1938) und einem deutsch-französischen (6. Dezember 1938) Pakt gekoppelt. In beiden hieß es: »Beide Regierungen sind entschlossen, vorbehaltlich ihrer besonderen Beziehungen zu dritten Mächten, in allen ihre beiden Ländern angehenden Fragen in Fühlung miteinander zu bleiben und in eine Beratung einzutreten, wenn die künftige Entwicklung dieser Fragen zu internationalen Schwierigkeiten führen sollte.« Wenn überhaupt eine Frage zu internationalen Schwierigkeiten führen konnte, dann wohl diese: Hitler war also verpflichtet, Frankreich und England zu konsultieren.

Als Hitler merkte, daß die Verletzung der Münchener Verträge von Benesch aus London sowie von Gottwald aus Moskau ferngesteuert wurde, hätte er den Fall sofort Frankreich und England vorlegen müssen. Und als sich Slowaken und

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Ruthenen unter seinen Schutz begaben, hätte er sie sofort darauf aufmerksam machen müssen, daß sie sich unter den Schutz der Münchener Garantiemächte zu stellen hätten, und nicht nur unter seinen. Wir wissen nicht, was daraus geworden wäre: eine Konferenz der Münchener Vier Mächte, bei der Polen und Ungarn, die an Ruthenien interessiert waren, zugezogen worden wären? Auf jeden Fall hätten die westlichen Mächte diese Lage kaum in die Länge ziehen, hätten sich über die Beschwerden Hitlers, der Slowaken und Ruthenen schwerlich hinwegsetzen können, ohne sich in der Weltöffentlichkeit bloßzustellen. Hitler hätte den Eindruck erweckt, als würde er seinen Verpflichtungen nachkommen und bestrebt sein, den Vier-Mächte-Pakt zu konsolidieren, seinen Fehler beim Wiener Abkommen (2. November 1938) wiedergutzumachen — Und wer weiß? Es wäre ihm möglicherweise gelungen, die Stimmung umzukippen, die der Mord Grynszpans und die in Deutschland nachfolgenden Repressalien geschaffen hatten.

Statt dessen handelte er allein und löste die Frage eigenmächtig und auf seine Weise: die deutschen Truppen rückten in die Tschechoslowakei am 15. März, 6 Uhr morgens, ein, besetzten Prag und das übrige Land noch im Verlauf des Tages; die Slowakei wurde zu einem unabhängigen Staat erhoben unter dem Schutz des Deutschen Reichs; Ruthenien kam an Ungarn, das es sofort besetzte (die Polen hatten dieses Gebiet zwar nicht erhalten, aber so doch die geforderte gemeinsame Grenze zu Ungarn); Präsident Hacha und Chvalkowsky waren vorher zu der Erklärung gezwungen worden, sie hätten selber diese Lösung befürwortet und das »Schicksal des tschechischen Volkes und Landes vertrauensvoll in die Hände des Führers des Deutschen Reichs« gelegt; Böhmen und Mähren bekamen einen in Prag residierenden Statthalter (K. von Neurath), und die deutsche Wehrmacht rückte nicht mehr ab.

In England, Frankreich und den Vereinigten Staaten war die Presse ein einziger Aufschrei der Entrüstung: jene Re-

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Prag, Burg Hradschin. April 1939:
Feierliche Übergabe des Reichsprotektorats an Freiherr von Neurath

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pressalien in der Nacht zum 10. November, ausgelöst durch die Tat Grynszpans, wurden mit der Auslöschung der Tschechoslowakei durch Hitler in Zusammenhang gebracht und loderten auf der politischen Bühne wieder auf. In der wiedergeschaffenen feindlichen Stimmung gegen Deutschland bekamen in Frankreich das Tandem Reynaud/Mandel und Léon Blum neuen Auftrieb, in England Churchill/Eden, Duff Cooper und die Labour Party, in den Vereinigten Staaten die jüdischen Vertrauten Roosevelts und der Präsident selbst.

Zunächst begnügte sich der gute alte Chamberlain folgende Erklärung im Unterhaus abzugeben:

»Unserer Ansicht nach hat sich die Lage von Grund auf geändert, seit der slowakische Landtag die Unabhängigkeit der Slowakei erklärt hat. Diese Erklärung hatte die Wirkung, daß der Staat, dessen Grenzen wir zu garantieren beabsichtigen, von innen her zerbrach und so ein Ende fand, und demgemäß hat die Sachlage, die wir schon immer als nur vorübergehend ansahen, nun aufgehört zu bestehen, und Seiner Regierung kann sich infolgedessen nicht mehr länger an diese Verpflichtung gebunden halten . . . Ich bedaure das, was geschehen ist, zutiefst, doch ist das kein Grund dafür, von dem Wege, dem wir bis jetzt gefolgt sind, abzuweichen . . . Wir hoffen, dessen eingedenk zu sein, daß die Wünsche aller Völker der Erde sich auch jetzt noch auf die Friedenshoffnungen richten.« [188]

Was sich in Europa gerade abgespielt hatte, hatte in Chamberlains Mehrheit viel Staub aufgewirbelt. Selbst Lord Halifax, seine treueste und sicherste Stütze in dem Kampf, den er im September 1938 geliefert hatte, wechselte das Lager. Er unterrichtete den Premier, daß seine Erklärung einen außerordentlich schlechten Eindruck im Unterhaus gemacht habe und daß er sich nach der allgemeinen Mißbilligung richten müsse, wolle er nicht den Sturz der Regierung herbeiführen. Von Lord Halifax stark beeindruckt, hielt er am 17. März in Birmingham eine Rede ganz anderen Inhalts: »Kann irgend

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jemand außerhalb Deutschlands die Idee ernst nehmen, daß die Tschechoslowakei eine Gefahr für dieses große Land bildete? . . . Deutschland hat der Welt unter seinem jetzigen Regime eine Serie von unangenehmen Überraschungen bereitet: das Rheinland, der Anschluß Österreichs, die Lostrennung des Sudetengebietes — alle diese Dinge erregten und empörten die öffentliche Meinung der ganzen Welt. Jedoch, soviel wir auch einwenden mögen gegen die Methoden, die in jedem einzelnen dieser Fälle angewandt wurden, etwas ließ sich doch sagen zugunsten der Notwendigkeit einer Änderung der vorhandenen Lage. Aber die Dinge, die sich diese Woche unter voller Mißachtung der von der Deutschen Regierung selbst aufgestellten Grundsätze ereignet haben, scheinen einer anderen Kategorie anzugehören, und sie müssen uns allen die Frage nahelegen: 'Ist dies das Ende eines alten Abenteuers, oder ist es der Anfang eines neuen?' 'Ist dies der letzte Angriff auf einen kleinen Staat, oder sollen ihm noch weitere folgen?' 'Ist dies sogar ein Schritt in Richtung auf den Versuch, die Welt durch Gewalt zu beherrschen?' . . . Ich fühle mich verpflichtet zu wiederholen, daß ich zwar nicht bereit bin, unser Land durch neue, nicht spezifizierte und unter nicht voraussehbaren Bedingungen funktionierende Verpflichtungen zu binden, daß aber kein größerer Fehler begangen werden könnte als der, zu glauben, unsere Nation habe, weil sie den Krieg für eine sinnlose und grausame Sache hält, so sehr ihr Mark verloren, daß sie nicht bis zur Erschöpfung ihrer Kraft einer solcher Herausforderung entgegentreten werde, sollte sie jemals erfolgen. Für diese Erklärung habe ich, davon bin ich überzeugt, nicht nur die Unterstützung, die Sympathie und das Vertrauen meiner Mitbürger und Mitbürgerinnen, sondern ich werde auch die Zustimmung des gesamten Britischen Weltreiches und aller anderen Nationen haben, die zwar den Frieden hochschätzen, aber die Freiheit noch höher.« [189]

Das war das Totengeläute für Englands Verständigungspolitik.

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Aus Paris richtete Georges Bonnet an den neuen französischen Botschafter in Berlin (François-Poncet war nach dem Münchener Abkommen nach Rom beordert worden), R. Coulondre, folgende Note mit der Bitte, sie dem Auswärtigen Amt weiterzuleiten: »Die Regierung der Französischen Republik ist der Ansicht, daß das Vorgehen der Reichsregierung gegen die Tschecho-Slowakei eine klare Verletzung des Geistes und des Buchstabens der am 29. September 1938 in München unterzeichneten Verträge bedeutet.

Die Umstände, unter denen das Abkommen vom 15. März den Leitern der Tschecho-Slowakischen Republik aufgezwungen wurde, vermögen in den Augen der Regierung der Französischen Republik dem in dem Abkommen verzeichneten Tatbestand keine Rechtskraft zu verleihen.

Der französische Botschafter beehrt sich daher, Seine Exzellenz, den Herrn Reichsaußenminister davon in Kenntnis zu setzen, daß unter diesen Umständen die Regierung der Französischen Republik die Rechtmäßigkeit der neuen, durch das Vorgehen des Reiches in der Tschecho-Slowakei geschaffenen Lage nicht anerkennen kann.« [190]

Dann, ohne auch nur eine Minute zu verlieren, bestellte er den Botschafter der UdSSR, Suritz, und teilte ihm mit, es sei jetzt »ein günstiger Augenblick gegeben, daß Paris und Moskau sich miteinander abstimmen und sich bereitfinden, gemeinsam jedem neuen Aggressionsversuch Hitlers entgegenzutreten«. [191] Denn G. Bonnet, der wahrhaftig wenig Sympathie für den Bolschewismus empfand, fühlte sich dazu gezwungen, ihn zu Hilfe zu rufen . . . Daran sieht man, wie verwirrt die damaligen Politiker, auch die scharfsinnigsten, waren.

Aus London erteilte Lord Halifax dem britischen Botschafter in Berlin, Sir Nevile Henderson, die gleichen Anweisungen.

Im Weißen Haus veröffentlichte das State Department bereits am 16. März folgendes Kommuniqué:

»Die Regierung der Vereinigten Staaten, die sich auf die Grundsätze der menschlichen Freiheit und der Demokratie

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gründet und sich ihnen geweiht hat, kann nicht umhin, öffentlich auszusprechen, daß unser Land all die Geschehnisse verdammt, die zu der zeitweiligen Auslöschung der Freiheiten eines freien und unabhängigen Volkes geführt haben, mit dem das Volk der Vereinigten Staaten seit der Gründung der Tschechoslowakischen Republik besonders enge und freundschaftliche Beziehungen unterhalten hat . . . Es ist offenkundig, daß solche Handlungen zügelloser Gesetzlosigkeit und willkürlicher Gewalt den Weltfrieden und selbst das Gefüge der modernen Zivilisation bedrohen.« [192]

Der deutsche Geschäftsführer in Washington, der am selben Tag das State Department von der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren unterrichtet hatte, erhielt am 20. März folgende Antwort aus der Feder Cordell Hulls:

»Die Regierung der Vereinigten Staaten hat zur Kenntnis genommen, daß die erwähnten Länder (Böhmen und Mähren) nunmehr unter der De-facto-Verwaltung der deutschen Behörden stehen. Die Regierung der Vereinigten Staaten erkennt nicht an, daß irgendeine legale Grundlage für den bezeichneten Status besteht.« [193]

Natürlich wies die Reichsregierung diese Argumentation als unbegründet zurück.

Der Kriegsmechanismus stellte sich auf psychologischer Ebene allmählich ein, indem er sich an das unglückliche Los der deutschen Juden (die nach dem Vorschlag Hitlers [194] übrigens ohne weiteres in die demokratischen Staaten hätten ausreisen können) knüpfte. Eingestellt war dieser Kriegsmechanismus nunmehr ebenfalls auf diplomatischer Ebene.

Am 18. März 1939 erklärte Cordell Hull dem belgischen Sonderbeauftragten in Washington, Prinz de Ligne: »Wenn an Ihren Grenzen ein Krieg ausbricht, können Sie gewiß sein, daß wir dann eingreifen werden! Ich kann Ihnen jetzt noch nicht sagen, ob das nach drei Tagen, drei Wochen oder drei Monaten sein wird, aber wir werden marschieren!« [195]

Es fehlte nur noch ein Vorwand. Da stellte sich die polnische Frage.

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3. Die polnische Kehrtwendung

Bis dahin kamen Deutsche und Polen sehr gut miteinander aus. Zwischen ihnen bestand seit dem 26. Januar 1934 ein Verständigungsabkommen, das bestens lief, und ihre Beziehungen konnten nicht freundlicher sein. Wir erfahren es durch André François-Poncet:

»Oberst Beck stand mit Göring auf vertrautem Fuß, und dieser folgte jedes Jahr einer Einladung zur Jagd in den polnischen Wäldern. Bei diesen freundschaftlichen Zusammenkünften sprach man natürlich auch über die Danziger Frage und den polnischen Korridor, also über Probleme, die eines Tages im Interesse der guten Beziehungen der beiden Länder gelöst werden mußten. Oberst Beck gab zu verstehen, Polen werde sich nicht weigern, Danzig an das Reich zurückzugeben, wenn es dort wirtschaftliche Vorrechte beibehielte. Auch würde sich Polen mit einer exterritorialen Autobahn und Eisenbahnlinie, also einer direkten Verbindung zwischen West- und Ostpreußen einverstanden erklären.« [196]

Am 20. September 1938 trug der polnische Botschafter in Berlin, J. Lipski, Hitler dieselben Überlegungen vor und fragte ihn sicherheitshalber, ob er immer noch nichts dagegen habe, daß Polen sich die Sudetenkrise zunutze mache und das Teschengebiet wiedererlange. Und am 24. wiederholte er sie gegenüber Ribbentrop. Das war alles, was Hitler damals forderte. Und da er davon ausging, daß der Oberst seine Meinung nicht ändern würde, war er aufrichtig, als er gegenüber Chamberlain äußerte, die Sudeten seien die letzte territoriale Forderung, die er Europa zu stellen habe.

Seine Einstellung zu Polen war im übrigen bekannt: es wäre seines Erachtens unsinnig, Polen dem Deutschen Reich einverleiben zu wollen; Polen müsse als Pufferstaat zwischen Deutschland und Sowjetrußland fortbestehen; es sei kein künstlicher Staat; seine Widerstandskraft habe drei Teilungen im Laufe der Geschichte verkraftet; die Danzig- und Korri-

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dorfrage müsse zwar irgendwann eine Lösung finden, dies könne aber auf dem gütlichen Weg erfolgen. In bezug auf letzteren Punkt hoffte er, Polen einen Teil der unter bolschewistischer Herrschaft stehenden Ukraine geben zu können, gegen eine bilaterale Übereinkunft, die seine wirtschaftliche Entwicklung in keiner Weise gefährden würde. Alle diese Überlegungen hatte er in Mein Kampf festgehalten und Carl Burckhardt, dem Hochkommissar des Völkerbundes in Danzig, wiederholt. [197]

Beide Seiten stimmten somit überein.

Hermann Göring und der polnische Außenminister Beck

Als aber von Ribbentrop am 21. März Lipski 1939 vorschlug, diplomatische Gespräche zur offiziellen Bestätigung dieser Übereinkunft einzuleiten, fuhr der Botschafter nach Warschau und kehrte am 26. mit einer negativen Antwort zurück. Außerdem unterrichtete von Moltke, deutscher Botschafter in Warschau bereits am 24. März Berlin, daß beunruhigende Gerüchte hinsichtlich der deutschen Absichten auf Polen umgingen, und unterstrich dadurch die ganze Be-

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deutung dieser negativen Antwort: Am nächsten Tag, dem 25., meldete Admiral Canaris die Mobilmachung von drei Reservistenjahrgängen sowie die Zusammenziehung polnischer Truppenteile um Danzig.

Was war nun geschehen?

Hier stehen wir vor einer der dunkelsten Machenschaften der Geschichte. Die rumänische Regierung hatte ihren Gesandten in London, V. Tilea, damit beauftragt, mit England über eine Anleihe in Höhe von zehn Millionen Pfund Sterling zu verhandeln. Er war aber ein überspannter Kopf und wußte nicht recht, wie er sich anstellen sollte. In Bukarest fanden gerade zur selben Zeit Verhandlungen zwischen Deutschland und Rumänien statt. Nun nutzte er die allgemeine Verwirrung, die der deutsche Einmarsch in die Tschechoslowakei hervorrief, und sprach am 16. März in der Downing Street vor. Obwohl er keinen Auftrag seitens seiner Regierung habe, möchte er das Foreign Office in Kenntnis setzen, die deutsche Delegation habe der rumänischen solch übertriebene Forderungen gestellt, daß sie nichts anderes als ein Ultimatum seien. Er fragte daher, ob im Fall einer deutschen Aggression England bereit wäre, Rumänien eine Anleihe in Höhe von zehn Millionen Pfund Sterling zu gewähren, damit sein Land Kriegsmaterial anderswo als in Deutschland kaufen könne.

Das war idiotisch: Deutschland und Rumänien hatten nicht nur keine gemeinsame Grenze, es lagen gar über 400 km zwischen beiden.

Trotzdem nahm Lord Halifax die Sache ernst: Er wußte, daß die City, die eine Mehrheitsbeteiligung an den rumänischen Ölfeldern besaß, für alles empfänglich war, was sich Richtung Bukarest abspielte, und daß er bei einem solchen Thema die britische Öffentlichkeit leicht in Bewegung setzen könnte.

Er wollte aber sicher gehen, und am 17. März bat er V. Tilea, ihm zu bestätigen, was er einen Tag zuvor gesagt hatte: Tilea bestätigte.

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Am nächsten Tag, dem 18. März, erschien die Meldung in der Times und dem Daily Telegraph. Man hat behauptet, Sir Robert Vansittart habe sie ihren diplomatischen Redakteuren, MacDonald und Gordon Lennox, zum Abdruck weitergeleitet, in der Hoffnung, Öl ins Feuer zu gießen. Das mag möglich sein; Lord Halifax kann es aber ebensogut gewesen sein. Auf jeden Fall wurde sie ihnen von jemandem zugeschoben.

In Bukarest, wo die Meldung großes Aufsehen erregte, gab Außenminister Gafencu ein offizielles Dementi heraus:

»Die deutsch-rumänischen Verhandlungen verlaufen weiterhin normal. Die Meldungen über ein deutsches Ultimatum entbehren jeglicher Grundlage. Die bezüglichen Behauptungen sind einfach lächerlich.« [198]

Sir Reginald Hoare, der britische Botschafter in Bukarest, dementierte ebenfalls. [199] Der Gesandte der Vereinigten Staaten in Bukarest, Günther, telegraphierte Cordell Hull: »Herr Gafencu ist wütend. Er hat Herrn Tilea einen strengen Verweis erteilt und würde ihn gern aus London abberufen, wenn er nicht befürchtete, Lord Halifax zu verärgern.« [200] In Paris ließ Georges Bonnet den rumänischen Gesandten Tatarescu kommen und erfuhr, daß »die deutsch-rumänischen Besprechungen zu einem Handelsabkommen geführt haben, das bald unterzeichnet werden soll«, und daß es zu keiner Zeit ein Ultimatum gegeben habe, höchstens einen kleinen Zwischenfall am Anfang. [201]

Diese Flut von Dementis wurde der Presse nicht mitgeteilt: Die Londoner Abendzeitungen, die französischen und amerikanischen Zeitungen meldeten am nächsten Morgen, daß der Einmarsch der deutschen Truppen in Rumänien bevorstehe. Sie meldeten sogar auf Grund eines Drahtberichts des französischen Gesandten in Bukarest, Thierry, an Georges Bonnet, daß »Rumänien, das jeden Augenblick mit einem Einmarsch der Wehrmacht rechne, in der Mobilmachung begriffen sei«. [202] Da keiner sich in Geographie auskannte, glaubte jeder dran: der Leser der Times, des Daily

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Telegraph, des New York Herald Tribune und von Paris-Soir ebenso wie die am besten unterrichteten Politiker. Georges Bonnet schrieb nachträglich, daß er »erst 1944 von Gafencu die Versicherung erhielt, es habe in Bukarest kein deutsches Ultimatum gegeben«. Trotzdem ist es schwer zu glauben, daß er als Außenminister Gafencus amtliches Dementi vom 18. März 1939 nicht zur Kenntnis genommen habe. [203]

Noch am selben Abend suchte der Brite Sir Erich Phipps den französischen Ministerpräsidenten Daladier im Abgeordnetenhaus auf und bat ihn um eine dringende Aussprache: wir wissen nicht, worüber sich die beiden Männer unterhalten haben, aber Daladier rief seine Minister auf der Stelle zusammen und unterrichtete sie, daß »Großbritannien sich entschlossen hat, die Grenzen Rumäniens zu garantieren«, und legte ihnen die Gründe dar, die zu dieser Entscheidung geführt haben: »An dem Tag, an dem Deutschland Herr über das rumänische Petroleum ist, könnte es mit ganz Europa Krieg führen, denn es könnte dann ohne Zweifel jahrelang durchhalten.« [204] Der Ministerrat beschloß, sich nach der englischen Haltung auszurichten. Das war aus der Luft gegriffen: Großbritannien hat niemals die rumänischen Grenzen garantiert, Rumänien hat es auch niemals darum gebeten; außerdem traf der englische Ministerrat, der die Frage erörterte, erst am nächsten Tag, dem 19. März, zusammen.

Bei dieser Sitzung stellte Lord Halifax die »Pleite der Verständigungspolitik« fest, die »in Prag zu Grabe getragen wurde«, erklärte, es dürfe »nicht zu einem polnischen München kommen« (obwohl noch nichts dafür sprach, daß Polen gefährdet sei), man müsse nun »Verpflichtungen in Osteuropa übernehmen und die Grenzen Polens und Rumäniens garantieren, selbst wenn man sich Churchills Projekt einer 'Großen Allianz' zum Vorbild nähme«. Der Ministerrat pflichtete diesem Standpunkt bei.

Auf der Stelle richtete Lord Halifax eine Note an die Regierungen in Paris, Warschau und Moskau — allerdings nicht in Bukarest: er wußte um seinen Schwindel und ahnte die

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Antwort, die ihm die rumänische Regierung darauf geben würde — und forderte sie auf, »sich über die Maßnahmen zu beraten, die im Falle einer neuen Aktion gegen die Unabhängigkeit eines osteuropäischen Staates getroffen werden müßten«. [205] Am Tag zuvor hatte Litwinow in Moskau eine Rede gehalten, in der er »eine europäische Konferenz zu dem Zweck, Hitler Einhalt zu gebieten, vorgeschlagen (hatte), diesmal unter Teilnahme Frankreichs, Englands, Polens, Rußlands, Rumäniens und der Türkei«. [206]

Am folgenden Tag, dem 20. März, erklärte Lord Halifax im Oberhaus: »Seiner Majestät Regierung hat nicht verfehlt, die Folgerungen aus den Ereignissen zu ziehen. Sie ist entschlossen, allen ehrgeizigen Weltherrschaftsbestrebungen den Weg zu verlegen, und hat mit mehreren Regierungen Konsultationen aufgenommen und ihnen vorgeschlagen, einen Pakt abzuschließen, in dem sie sich zu einem gemeinsamen Widerstand gegen jede neue Bedrohung eines europäischen Landes verpflichten.« [207]

Am 21. März 1939 trafen der französische Staatschef, Albert Lebrun, und sein Außenminister, Georges Bonnet, zu einem offiziellen Besuch in London ein: Lord Halifax unterbreitete ihnen seinen Plan, und Georges Bonnet, der dem sowjetischen Botschafter in Paris, Suritz, bereits am 16. einen ähnlichen vorgelegt hatte, konnte nur zustimmen. Bemerkenswert ist, daß alle darüber einig waren, die UdSSR wieder an den europäischen Angelegenheiten zu beteiligen, von denen sie in München ferngehalten worden war.

In Polen war man allerdings anderer Auffassung. Nach Empfang von Lord Halifax' Note rief Oberst Beck seinen Ministerrat zusammen, und alle erklärten einmütig, sie hätten nichts dagegen, daß man Gespräche mit England führe zum Abschluß eines — mit dem französisch-polnischen aus dem Jahr 1921 vergleichbaren — Paktes; zum selben Zweck Gespräche mit Sowjetrußland zu führen sei aber nicht denkbar, schon wegen der damals gespannten Beziehungen zwischen beiden Ländern, und weil dies den Zorn der Deut-

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schen hervorrufen würde, die als Repressalie einen ganz anderen Ton bei den bevorstehenden Gesprächen über Danzig und den Korridor anschlagen könnten. Anläßlich einer Zusammenkunft am 5. Januar 1939 in Berchtesgaden habe Hitler Beck gesagt, man müsse auf eine baldige Lösung des Problems bedacht sein, und der Gedanke daran erschreckte den Oberst.

Daher kam ihm die britische Garantie recht gelegen, und er erkannte sofort die Vorteile, die er daraus ziehen könnte: den Gesprächen zu entgehen. Am 24. März gab er deshalb seinem Botschafter in London, Raczynski, folgenden Auftrag:

»Ich bitte Sie, Lord Halifax zu fragen, ob nicht die englische Regierung angesichts der Schwierigkeiten, der unvermeidlichen Komplikationen und des Zeitverlustes, der mit einer multilateralen Verhandlung verbunden wäre, und andererseits angesichts des raschen Ablaufs der Ereignisse . . . die Möglichkeit ins Auge fassen könnte, mit uns unverzüglich ein zweiseitiges Abkommen zu schließen.« [208]

Lord Halifax fürchtete, er könne dadurch Rußland verstimmen; gedrängt von Chamberlain, der sich um eine Annäherung an Rußland keineswegs bemühte, ging er schließlich doch auf Becks Anliegen ein.

Und der polnische Gesandte in Berlin, Lipski, der sich seit dem 21. März in Warschau aufhielt, konnte am 26. in die Reichshauptstadt mit einer negativen Antwort zurückkehren . . .

So ist die Kehrtwendung von Oberst Beck zu erklären. Gerade die Zeit, um Unterschriften auszutauschen.

Am 31. März erklärte Chamberlain im Unterhaus:

»Ich habe dem Haus jetzt mitzuteilen, daß im Falle einer Aktion, welche die polnische Unabhängigkeit klar bedrohen und gegen welche die polnische Regierung entsprechend den Widerstand mit ihrer nationalen Wehrmacht als unerläßlich ansehen würde, Seiner Majestät Regierung sich während dieser Zeit verpflichtet fühlen würde, sofort der polnischen Re-

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gierung alle in ihrer Macht liegende Unterstützung zu gewähren.« [209]

Am 6. April 1939 war Beck in London, und das Abkommen wurde bekanntgegeben.

Hitler leitete trotzdem, wenn auch ohne große Illusionen, noch einige Schritte in Richtung Oberst Beck ein. Er mußte aber erkennen, daß er seine Zeit verlor, und hielt am 28. April vor dem Reichstag eine Ansprache, in der er sowohl das deutsch-polnische Verständigungsabkommen vom 26. Januar 1934 als auch den deutsch-englischen Flottenvertrag vom 18. Juni 1935 aufkündigte.

In derselben Ansprache ging er auf eine der ungeschicktesten Interventionen ein, die Roosevelt am 15. April bei ihm und Mussolini gemacht hatte und die er dem US-Präsidenten sehr übelgenommen hatte.

Was hatte Präsident Roosevelt Hitler und Mussolini also geschrieben?

Die Zurückweisung der britischen und französischen Proteste gegen die Zerteilung der Tschechoslowakei hatte zunächst Roosevelts Zorn entfesselt. Als Mussolini am 7. April in Albanien eindrang und König Viktor Emanuel die Krone Albaniens überreichte, konnte Roosevelt sich nicht mehr beherrschen.

Albanien war ein armes Land — ein Land von Schäfern, das keinerlei wirtschaftliche Bedeutung hatte. Es bildete aber eine strategische Drehscheibe, von wo aus man Jugoslawien, Bulgarien und Griechenland seinen Willen aufnötigen konnte. Wer Albanien beherrschte, beherrschte auch die Balkanländer. König Achmed Zogu I., der dessen Schicksal lenkte, war eine Art Gangster, der laut linksorientierter Zeitungen »sich bis zum Thron hinauf drängte durch eine sinnvolle Dosierung von Korruption, Intrigen und Morden«. Als er vom Einmarsch der italienischen Truppen hörte, floh er sofort nach Griechenland, in Begleitung seiner Frau, Königin Geraldine. Die Eindringlinge empfing die albanische Bevölkerung mit offenen Armen; sie verdankte ihnen ja ihre Stra-

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ßen, ihre wenigen Eisenbahnstrecken und seltene Industrien. Der Abgang des Königs wurde von seinen ehemaligen Untertanen nicht als Verlust angesehen, im Gegenteil.

Das waren doch keine Manieren! Mussolini hatte einen Gangster in die Flucht gejagt, hatte sich aber gleichzeitig ein Land mit Gangstermethoden angeeignet.

Pius XII., der am 2. März 1939 als Papst gewählt wurde, hielt seine erste Papsthomelie, Quoniam Paschalia, am Ostersonntag und zeigte sich »sehr besorgt über die Gefahren, die die Arbeitslosigkeit, das Elend, die Nichteinhaltung der eingegangenen Verpflichtungen, die Verachtung — in manchen Ländern — der unveräußerlichen Menschenrechte in Europa erzeugten«. [210] Die Intervention des Papstes erfolgte auf moralischer Ebene. Jeder wußte, daß diese Worte Hitler und Mussolini galten und sich insbesondere auf die jüngsten Ereignisse in der Tschechoslowakei und in Albanien bezogen. Hitler und Mussolini hatten es wohl verstanden.

Auf der diplomatischen Bühne hatte Jugoslawien nicht gemurrt. Bulgarien und die Türkei auch nicht. Frankreich und England protestierten nur der Form wegen und so, daß sie ihre Hoffnung, Mussolini und Hitler zu entzweien, nicht vereitelten. Nur die Russen und Präsident Roosevelt tobten.

Hätte Präsident Roosevelt in seinem Telegramm vom 15. April 1939 gegen die jüngste Entwicklung in der Tschechoslowakei und in Albanien protestiert, so hätte man schon verstanden, daß er nur auf Hitler und Mussolini anspielte. Aber seine Botschaft berichtete lediglich von »hoffentlich unbegründeten Gerüchten, denen zufolge neue Angriffsakte gegen weitere unabhängige Nationen erwogen würden«. »Sich nur an zwei der betroffenen Parteien zu wenden, hieß sie von vornherein auf die Anklagebank schicken«, bemerkt Msgr. Giovanetti über Präsident Roosevelts Initiative. [211] Zumal der US-Präsident sie, und nur sie, ohne Umschweife fragte: »Können Sie mir versichern, daß Ihre Truppen weder die Hoheitsgebiete noch die Besitzungen der im folgenden aufgezählten Nationen angreifen werden?« Davon zählte er ein-

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unddreißig auf. Und er schloß mit der »Hoffnung, daß eine solche Versicherung zehn Jahre, ja gar ein Vierteljahrhundert Frieden bedeuten könnte«, und im Falle einer positiven Antwort versprach er »die Beteiligung Amerikas an internationalen Diskussionen, die die Welt von der erdrückenden Rüstungslast befreien sollten«. [212]

Das war mehr als ein Verstoß gegen die diplomatischen Gepflogenheiten, das war eine Grobheit, wenn nicht eine Provokation.

Seitdem ich Robert E. Sherwood, einen der Vertrauten Roosevelts, gelesen habe, habe ich darüber keine Zweifel mehr. Robert E. Sherwood behauptet nämlich, daß der Präsident überzeugt war, »die Grenze der Vereinigten Staaten befinde sich am Rhein«, [213] und »er zweifellos Friedensverhandlungen, ein neues München, am meisten befürchtete«. [214]

Mussolini konferierte in Rom mit Göring und Ciano, als ihm diese Botschaft überreicht wurde, und da stellte er seine berühmte Diagnose: »Folge einer progressiven Lähmung«, worauf Göring übereinstimmend antwortete: »Beginn von Geisteskrankheit«. [215] Hitlers Reaktion war überaus scharf.

Am 17. April 1939 beauftragte er Ribbentrop, bei allen von Roosevelt genannten Staaten (mit Ausnahme Polens, natürlich, Frankreichs, Rußlands und Großbritanniens, dessen öffentlich vielfach wiederholte Absichten er kannte) anzufragen, ob sie sich von Deutschland bedroht fühlten und ob sie Roosevelt darum gebeten hätten, dieses Ersuchen in dieser Form zu richten. Die siebenundzwanzig angesprochenen Staaten antworteten einmütig mit einem doppelten Nein. Für Hitler war dies ein beispielloser diplomatischer Erfolg, den er in seiner äußerst redegewandten [216] Reichstagsansprache vom 28. April bestens auszunutzen wußte, indem er mitten im Gelächter und unter dröhnendem Beifall die siebenundzwanzig Antworten vorlas. Außerdem regte er erneut eine internationale Konferenz an, die den Versailler Vertrag oder das, was von ihm noch bestand, abändern sollte.

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MANDEL zu BENESCH (unten): »Erklären Sie Deutschland den Krieg, und die Kanonen Frankreichs, Englands und der Sowjetunion werden von selbst losgehen . . .«

ROOSEVELT: »Was ich am meisten befürchte, das sind Friedensverhandlungen, ein neues München!«

CHURCHILL: »Niemals hätte sich ein Krieg leichter verhindern lassen als dieser.«

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Seinen Schritt hatte Präsident Roosevelt damit gerechtfertigt, »daß die Möglichkeit eines Konflikts das amerikanische Volk, in dessen Namen ich spreche, mit großer Sorge erfüllt«. Den Beifall und das Gelächter steigerte Hitler zur Tollheit mit der ironischen Bemerkung: »Und hier erkläre ich feierlich, daß alle irgendwie verbreiteten Behauptungen über einen beabsichtigten deutschen Angriff oder Eingriff auf oder in amerikanische Gebiete plumper Schwindel oder grobe Unwahrheit sind. Ganz abgesehen davon, daß solche Behauptungen übrigens auch vom militärischen Standpunkt aus nur einer albernen Phantasie entstammen können«. [217]

In Frankreich, England und Polen, wo die Reaktionen nur noch von der Leidenschaft gesteuert wurden, fand Roosevelts Initiative herzlichen Beifall. In Rußland blieb jegliche Reaktion aus: man konnte ihr nicht beipflichten, da sie diplomatisch unhaltbar war, man konnte sie aber auch nicht mißbilligen, da es noch verfrüht war, die Welt von der Wiederaufnahme (3. Oktober 1938) der Gespräche zwischen Deutschland und Rußland in Kenntnis zu setzen, die bekanntlich zum deutsch-sowjetischen Pakt vom 23. August 1939 führten. In allen übrigen Staaten, vor allem in den von Präsident Roosevelt genannten, ging dessen Vorschlag mit viel Lächerlichkeit und Mißbilligung unter.

Unmittelbare Folge: Am 6. Mai 1939 hielt sich von Ribbentrop in Mailand zu einem offiziellen Besuch auf. Diese Stadt wählte Mussolini schon deshalb zum Ort der deutsch-italienischen Zusammenkunft, weil die ausländische Presse zu wiederholten Malen von der angeblich antideutschen Stimmung in der lombardischen Hauptstadt berichtet hatte, und er wollte beweisen, daß dem nicht so sei.

Nach einem ersten Gedankenaustausch mit Graf Ciano aßen beide Minister am Abend im Hotel »Continentale«: Mussolini erteilte seinem Außenminister telefonisch den Auftrag, die Gelegenheit auszunützen und von Ribbentrop um die Unterzeichnung eines Militärbündnisses mit Deutschland zu ersuchen. [218] Zwischen beiden Ländern waren noch

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keine Gespräche hinsichtlich eines solchen Bündnisses eingeleitet worden. Einen derartigen Pakt hatte von Ribbentrop bereits ein Jahr zuvor angeregt: Hitler hielt sich damals (3.—9. Mai 1938), unmittelbar nach dem Anschluß Österreichs, in Rom auf. Im Namen Mussolinis hatte Ciano allerdings damals das Angebot abgelehnt. Diesmal war es beschlossene Sache: Präsident Roosevelts Telegramm hatte dazu beigetragen, dem Reichskanzler Mussolini wieder zuzutreiben, den von ihm zu lösen England und Frankreich bestrebt gewesen waren (Chamberlains und Lord Halifax' Staatsbesuch in Rom am 11. Januar 1939; Paul Baudouins Mission bei Mussolini am 2. Februar 1939).

Der Stahlpakt, wie dieses Militärbündnis anschaulich genannt wurde, wurde am 22. Mai 1939 in Berlin unterzeichnet. Artikel 3 besagt: »Wenn es entgegen den Wünschen und Hoffnungen der vertragschließenden Teile dazu kommen sollte, daß einer von ihnen in kriegerische Verwicklungen mit einer anderen Macht oder mit anderen Mächten gerät, wird ihm der andere Vertragschließende sofort als Bundesgenosse zur Seite stehen und ihm mit allen seinen militärischen Kräften zu Lande, zur See und in der Luft unterstützen.« Einzige Bedingung: beide Parteien müssen sich vorerst beraten. [219]

Erst am 30. Mai 1939 richtete Mussolini ein vertrauliches Schreiben an Hitler mit folgendem Wortlaut:

»Die europäischen Achsenmächte benötigen eine Friedenszeit von nicht weniger als drei Jahren. Erst vom Jahre 1943 an wird eine kriegerische Anstrengung die größten Aussichten auf Erfolg haben. Aus diesen Gründen wünscht das faschistische Italien nicht, einen europäischen Krieg zu beschleunigen, obwohl es von der Unvermeidbarkeit eines solchen Krieges überzeugt ist. Italien kann eine verhältnismäßig größere Zahl von Männern mobilisieren als Deutschland. Dieser Fülle von Männern entspricht eine Bescheidenheit von Mitteln . . .« [220]

Mit anderen Worten: Italien wird erst 1943 kriegsbereit sein. Das war zwar eine Bremse; bei der Besprechung, die

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der Führer am 5. November 1937 mit seinen Heeresführern hatte, rechnete er mit dem Krieg ohnehin nicht vor diesem Datum.

Für Ende Mai 1939 läßt sich die Weltlage wie folgt zusammenfassen: Hitler hatte mit Polen und England gebrochen (Kündigung des deutsch-englischen Flottenabkommens vom 17. Juni 1935 sowie des deutsch-polnischen Verständigungsabkommens vom 26. Januar 1934); am 18. Dezember 1938 hatte Mussolini seinerseits den französisch-italienischen Vertrag vom 8. Januar 1935 [221] aufgekündigt, und zwischen beiden Diktatoren war der Stahlpakt gerade abgeschlossen worden. Auf der einen Seite stand Hitler, der nun der Unterstützung Mussolinis sicher war und angesichts der Entwicklung der deutsch-sowjetischen Gespräche mit der Neutralität Stalins rechnen durfte; auf der anderen befanden sich England und Frankreich mit ihrem neuen Verbündeten Polen, die der Unterstützung Roosevelts sowie des riesigen amerikanischen Potentials sicher waren und ebenfalls auf Stalin hofften.

In Anbetracht der Wendung, die jene Roosevelt-Botschaft an Hitler und Mussolini der Diskussion gegeben hatte, waren die Aussichten auf ein neues München sehr gering: Roosevelts Wünsche, Robert E. Sherwood zufolge, waren damit erfüllt. Verfolgte er wirklich dieses Ziel, so hatte er es ganz und gar erreicht.

Die Lage war explosiv geworden.

4. Die Intervention Pius' XII.

In dieser Atmosphäre entfesselter Leidenschaften blieb ein Mann kaltblütig und hielt nicht den Frieden für verloren: Papst Pius XII.

Da Präsident Roosevelts tiefe Befürchtung eines neuen Münchens erst nach dem Krieg bekannt gemacht wurde, [222] unterstellte ihm Pius XII. zweifellos keine machiavellistische

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Absicht, hielt sein Eingreifen in die Debatte nicht für eine Provokation. Bestimmt aber für eine Ungeschicklichkeit: nicht nur, weil er sein anklagendes Schreiben lediglich an Hitler und Mussolini gerichtet hatte, sondern auch, weil seine Pläne einer Weltkonferenz so weitgreifend waren, daß sie sämtliche internationalen Fragen mit der europäischen vermengten und diese dadurch verwässerten; und vor allem, weil diese Pläne von ideologischen Überlegungen (Quarantäne-Rede vom 5. Oktober 1937) getragen waren, die mit der Kriegs-Friedensproblematik nichts zu tun hatten.

Als Berufsdiplomat wußte der Papst, daß man Fragen nacheinander in Betracht ziehen muß. Er wußte auch, daß die Gefahr eines Krieges in Europa am größten war. Daher kam er auf den Gedanken, zunächst alle europäischen Streitfragen unter Europäern zu lösen. Die Reichstagsrede, die Hitler am 28. April 1939 als Antwort auf Roosevelt gehalten hatte, hatte ihn außerdem davon überzeugt, daß die Zeit drängte. Als geistiger Vater und Oberhaupt von 500 Millionen Menschen war er der Auffassung, daß er befugt und verpflichtet war einzugreifen. Nicht etwa wie Präsident Roosevelt aus Furcht vor einem neuen München, sondern zugunsten eines Treffens, das als einziges die Welt vor einer Katastrophe, das heißt in seinen Augen vor dem Ende der Christenheit und der Zivilisation, bewahren konnte.

Die europäischen Staaten, die Streitfragen unter sich auszuhandeln hatten, waren fünf an der Zahl: England, Frankreich, Italien, Deutschland und Polen. Deutschland natürlich mit Polen; Italien mit Frankreich (italienische Forderungen in Nordafrika, in Dschibuti, auf Korsika und sogar in Nizza); England mit Deutschland (Aufkündigung des deutsch-britischen Flottenabkommens von 1935, Garantie für Polen) und Italien (Suezkanal); Frankreich mit Deutschland (Proteste gegen seine Politik in Mitteleuropa, polnische Garantie). Italien und Deutschland gehörten nicht mehr dem Völkerbund an; eine allgemeine Regelung durch den Völkerbund war deswegen ausgeschlossen, da er sie ohne die

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beiden Nationen verhandelt hätte. Für eine Regelung blieb nur noch eine Konferenz mit den fünf betroffenen Staaten.

Warum nicht mit Rußland?, fragten später Pius' XII. Widersacher, vor allem Saul Friedländer anläßlich jener Polemik, die Hochhuths Stück Der Stellvertreter hervorrief. Pius' Vorgehen läge, meinten sie, an »einer persönlichen Abneigung gegen den Kommunismus, die auf seine 'Kontakte' mit den bayerischen Sowjets im Jahre 1919 zurückgeht«. [223] Die Antwort ist eigentlich viel einfacher: Rußland war von keiner der damaligen Streitfragen betroffen, und das war auch der Grund, weshalb es von der Münchener Konferenz ferngehalten worden war. Daß Papst Pius XII. dem Kommunismus feindlich gesinnt war, steht außer Zweifel; Pius' XI. Enzyklika Divina Redemptoris, die für ihn maßgebend war, drückte es deutlich aus. Zu behaupten, daß er Rußland, wäre es in die europäischen Streitfragen verwickelt gewesen, nicht berücksichtigt hätte, ist dagegen reine Hypothese. Aus demselben Grund hatte er die Vereinigten Staaten ebensowenig berücksichtigt. Bemerkenswert ist, daß dieselben, die Pius' XII. Haltung seiner feindlichen Gesinnung gegenüber dem Kommunismus zuschrieben, ihn gleichzeitig beschuldigten, mit dem Nationalsozialismus zu sympathisieren und deshalb einzugreifen, weil er Angst hatte, der Nationalsozialismus, in seinen Augen einziges Bollwerk gegen den Kommunismus, könnte von dem damals vorangetriebenen Riesenbündnis gegen Deutschland zerschmettert werden. O Sancta Simplicitas! (Heilige Einfalt!)

Bevor Papst Pius XII. seinen Plan den betroffenen Staaten unterbreitete, ließ er seinen diplomatischen Dienst vorfühlen. Er wollte sicher sein, daß er bei niemandem Anstoß erregen würde. So sind die Dinge verlaufen.

1. Am 1. Mai 1939 empfing Mussolini Pater Tacchi Venturi, seinen persönlichen Freund und Mitglied der Gesellschaft Jesu, der ihn im Namen des Papstes um seine Meinung fragen sollte. Mussolini erbat sich zwei Tage Bedenkzeit. Wie versprochen gab er am 2. Mai seine Antwort; es war eine un-

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eingeschränkte Zustimmung. Auf die Frage des päpstlichen Gesandten, wie der Führer seiner Ansicht nach reagieren werde, antwortete er: »Ich neige zu der Meinung, daß der Führer das Angebot nicht zurückweisen wird.« Allerdings, fügte er hinzu, »sollte man in der Einladung darauf hinweisen, daß eine pazifistische Lösung der Streitpunkte zwischen den fünf Staaten sowie der Nebenfragen angestrebt wird«. [224]

2. Mit diesem Zuspruch ausgerüstet, unterbreitete der Staatssekretär des Vatikan, Msgr. Maglione, den päpstlichen Vorschlag einen Tag später den Nuntien von Berlin, Paris, Warschau und London. Am 5. Mai wurde der Nuntius zu Berlin, Msgr. Orsenigo, von Hitler und Ribbentrop in Berchtesgaden empfangen. Aus seinem Bericht an das Staatssekretariat des Vatikans sowie aus dem die Unterredung zusammenfassenden Memorandum [225] geht hervor, daß Hitler eigentlich »nicht an eine Kriegsgefahr glaube, da die gespannte Stimmung mehr auf Hetze als auf Tatsachen zurückzuführen sei«, und daß er sich mit Mussolini in Verbindung setzen müsse, bevor er eine endgültige Antwort geben könne. Er werde nämlich nichts unternehmen ohne dessen Einverständnis, und er fügte hinzu: »Der Duce und ich werden immer einstimmig handeln.«

Am 5. Mai 1939 sah die Sache folgendermaßen aus: Mussolini war auf den Vorschlag des Papstes eingegangen, und Hitler, der keine Einwände vorzubringen hatte, hatte gesagt, seine offizielle Antwort könne erst nach einer Beratung mit Mussolini erfolgen.

Seitens der Diktaturen war die Sache auf gutem Weg.

3. Am 6. Mai empfing Außenminister Georges Bonnet Msgr. Valerio Valeri, Nuntius in Paris. Er sagte ihm, er müsse sich zunächst mit Ministerpräsident Daladier und dem Generalsekretär des Quai d'Orsay, Alexis Léger, [226] besprechen, bevor er ihm eine Antwort geben könne. Am Abend ließ er ihn ins Ministerium kommen und teilte ihm mit, daß »die französische Regierung den Schritt für unangebracht« halte. Er äußerte außerdem die Bitte, der Kardinal-Staatssekretär

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möge »die Veröffentlichung der Botschaft bis auf weiteres zurückstellen«. Seine Meinung zu dem eben unternommenen Schritt teilte Msgr. Valerio Valeri dem Staatssekretariat des Vatikan erst am 12. Mai, nach dem Scheitern der päpstliche Friedensaktion, mit:

»Die Staaten, die als Demokratien zu bezeichnen sind, möchten zur Zeit die diplomatischen Schritte offenbar nicht intensivieren, sondern dem Aufschwung der totalitären Staaten eine Schranke setzen, sie erweitern und festigen. Sie sind im übrigen überzeugt, daß in wenigen Monaten die Waage der einander gegenüberstehenden Kräfte ganz auf ihre Seite sinken wird. Das sagte Außenminister Bonnet und bestätigte der US-Botschafter in Paris, Bullitt. Dieser verbarg nicht seine Genugtuung zu erfahren, daß die Friedensaktion des Papstes eine Eintagsfliege war. Nach seiner Auffassung müssen die totalitären Staaten an die Wand gedrückt werden. Erst wenn sie sich dafür verbürgen, worauf Roosevelt in seiner Botschaft anspielte, [227] werden neue Gespräche möglich sein.«

Am 7. Mai hatte ihm Alexis Léger, alias Saint John Perse, seine Einwände gegen das Prinzip einer Konferenz mit ähnlichen Worten vorgetragen.

4. Der Londoner Nuntius Msgr. Godfrey wurde seinerseits am 5. Mai von Lord Halifax empfangen, um den Standpunkt der britischen Regierung zu erfahren: »Seine Heiligkeit möge Seine guten Dienste getrennt und hintereinander Polen und Deutschland, Frankreich und Italien anbieten.« [228]

Auch hier wurde das Vermittlungsangebot abgelehnt.

5. Die Antworten aus Paris und London, die Msgr. Maglione bereits am 7. Mai vorlagen, vernichteten alle Hoffnungen, die Italien und Deutschland bei dem Staatssekretär und dem Papst hervorgerufen hatten. Am 8. Mai 1939 traf die Antwort Polens ein: selbstverständlich war sie auf die französische und die britische abgestimmt.

Die Mächte der Achse gaben eine gemeinsame offizielle und endgültige Antwort. Sie traf als letzte, am 9. Mai, ein. In Anbetracht der negativen Stellungnahmen Frankreichs, Eng-

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lands und Polens stellte sie fest: Eine Konferenz der fünf Mächte zur Verbesserung der internationalen Lage sei verfrüht und im Augenblick überflüssig, schon deshalb, um den hohen Einfluß des Papstes nicht in Frage zu stellen. [229]

Ohne es zu wollen, hatte Papst Pius XII. den Erweis gebracht, daß diejenigen, die gegen eine Lösung der europäischen Streitfragen durch internationale Verhandlungen waren, weder Hitler noch Mussolini hießen, sondern Frankreich, England und Polen.

Mit diesem Erweis setzte die Feindschaft ein, die ihm die leidenschaftlichen Kriegstreiber, man kann sie verstehen, ständig entgegenbrachten. Sie arbeiteten nicht auf die Lösung der europäischen Streitfragen, sondern auf den Sturz des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland hin, und sie wußten, daß sie dieses Ziel nur über den Krieg erreichen könnten. Deshalb wollten sie auf keinen Fall eine Neuauflage der Münchener Konferenz. Sie wollten weiterhin den Glauben pflegen, daß Hitler selbst jede Wiederaufnahme der internationalen Gespräche verhinderte. Nach der Intervention Papst Pius' XII. konnten sie es allerdings nicht mehr.

In der Folge machten sie sich weitere Gesichtspunkte der päpstlichen Haltung zunutze: Pius' XII. Appell vom 24. August 1939, unmittelbar nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Abkommens, sowie seine letzte Friedensbemühung am 31. August, um 13 Uhr.

Der deutsch-sowjetische Pakt vom 23. August hatte den Papst erschüttert: Der allgemeine Krieg samt seinen Greueln schien ihm unvermeidlich. In der Ansprache, die er an diesem Tag hielt, war er darauf bedacht, »die Bestrebungen der Völker und den Verstand der Regierenden« gegenüberzustellen, und zwar auf eine Weise, die niemanden kränke:

»Wir schließen die vielen gutwilligen Seelen in unser Gebet ein, die zwar außerhalb der Kirche leben, dennoch nach Frieden trachten, und wir wollen Gott anflehen, er möge alle Menschen vor der Plage neuer blutiger und entsetzlicherer Konflikte bewahren. Durch die Macht der Vernunft, und

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nicht durch die Macht der Waffen wird die Gerechtigkeit ihren Weg gehen. Ein Reich, das nicht auf der Gerechtigkeit gründet, ist nicht gottgesegnet . . . Es ist noch Zeit, daß die Menschen sich wieder verständigen und wieder verhandeln . . . Sie werden erkennen, daß ein achtbarer Erfolg nie von ehrlichen Verhandlungen ausgeschlossen ist . . . Mit dem Frieden ist nichts verloren, alles kann es aber mit dem Krieg sein . . .« [230]

Am 31. August, 13 Uhr, hatte sich noch kein polnischer Bevollmächtigter in der Wilhelmstraße eingefunden, obwohl die von Hitler gesetzte Frist — er hatte sie seit dem 26. August ständig verlängert — um Mitternacht zu Ende gegangen war. In Anbetracht dessen hatte Papst Pius XII. einen letzten Schritt unternommen und den Botschaftern Deutschlands, Polens, Großbritanniens, Frankreichs und Italiens folgende Note überreichen lassen:

«Seine Heiligkeit bittet im Namen Gottes inständig die Regierungen Deutschlands und Polens, alles zu tun, um irgendeinen Zwischenfall zu vermeiden, von jeder Maßnahme Abstand zu nehmen, die geeignet wäre, die gegenwärtige Spannung zu verschärfen. Sie bittet die britische, französische und italienische Regierung, seine Ersuchen zu unterstützen.« [231]

Der beigefügte »Friedensplan« sah folgendes vor:

»1. Zwischen Deutschland und Polen wird ein Waffenstillstand für die Dauer von zehn bis vierzehn Tagen vereinbart.

2. In dieser Zeit wird eine internationale Konferenz zusammentreten, an der Frankreich, England, Italien, Polen, Rußland, [232] Belgien, Holland und die Schweiz teilnehmen. Die Vereinigten Staaten und der Vatikan werden ihrerseits Beobachter entsenden.

3. Diese Konferenz wird das Ziel haben, eine friedliche Revision des Versailler Vertrages vorzunehmen und eine allgemeine Nichtangriffs-Vereinbarung auszuarbeiten.« [233]

Für die Kriegsanhänger war dies der Beweis, daß Pius XII. die Vernichtung Deutschlands durch das — trotz deutsch-so-

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wjetischen Pakts und russischer Absage — noch ziemlich starkes Bündnis der demokratischen Mächte um jeden Preis vermeiden wollte und daß sein Schritt von seiner Hinneigung zum Nationalsozialismus gelenkt wurde.

Als der Krieg da war, fanden sie diese Meinung durch eine Reihe von Fakten bestätigt: Pius' XII. Starrsinn, sämtliche Kriegsgreuel, und nicht nur die deutschen, zu verurteilen; seine Sorge um alle Kriegsopfer, welches ihre Staatsangehörigkeit, ihre Rasse oder ihre Religion auch sein mochten und unabhängig davon, ob sie der katholischen Kirche angehörten (diese Auffassung brachte ihm den Unmut der Juden ein, die ihm vorhielten, sie nicht expressis verbis genannt zu haben); seine ablehnende Haltung gegen die These von der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, die den Krieg um mindestens zwei Jahre verlängerte usw.

Diese offenbar von einem echten Pazifismus beseelte Haltung wurde von den Kriegsanhängern nach Belieben entstellt. Durch Textdeutelei schafften sie es nach dem Krieg, vor allem aber seit seinem Tod, jene Niederträchtigkeit anzustiften, die ich als L'Opération »Vicaire« (»Die Operation 'Stellvertreter'«) [234] bezeichnete und mit der sie Pius XII. zum Nazi-Papst stempeln wollten. Da sie das Werk inhaltlich nicht angreifen konnten, ohne ihr Spiel aufzudecken und die öffentliche Meinung zu verärgern, suchten sie es mittelbar zu diskreditieren, indem sie den Mann durch Beleidigung und Verleumdung in Verruf brachten.

5. Der deutsch-sowjetische Pakt

Die Russen währenddessen . . .

Am 23. August 1939 wunderte sich die ganze Welt über die Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Pakts. Außer Boris Souvarine, dessen ausgezeichnete Stalin-Abhandlung [235] seinerzeit nahezu unbeachtet blieb, hatte nämlich niemand das eigentliche Wesen des Bolschewismus erkannt und folg-

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lich die eigentlichen Gründe jenes französisch-sowjetischen Bündnispakts (2.—14. Mai 1935) sowie der Volksfront durchschaut, die ihn vorbereitet hatte.

Links glaubte man, die Haltung Stalins sei von doktrinären Überlegungen bestimmt: Sozialismus, Kommunismus, Antinazismus, Antirassismus, Schutz der Freiheit u. a. Im Grunde sei er ein Demokrat, und die sogenannte Diktatur des Proletariats, der er Sowjetrußland unterwarf, sei nur eine durch die Verhältnisse bedingte vorübergehende Erscheinung. Schließlich hatte Marx selbst die zeitweilige Notwendigkeit dieser Diktatur des Proletariats eingesehen. [236]

Rechts glaubte man es auch, und wenn man dagegen war, dann nur, weil gegen den Marxismus eingestellt. Außerdem sah man in diesem Pakt eine Neuauflage der Einkreisung Deutschlands durch das französisch-russische Bündnis von 1891 und wie damals die Aufstellung eines Kriegsmechanismus gegen Deutschland. Daher das Schlagwort: Volksfront plus französisch-sowjetischer Bündnispakt gleich Krieg! Jedenfalls dachte die Rechte zu keiner Zeit, das Abenteuer würde mit einem Abkommen zwischen den nationalsozialistischen Deutschen und den bolschewistischen Russen enden; auch sie glaubte an die Gebote der Doktrinen und Ideologien. Vor das Ereignis gestellt, sah sie in ihm nur ein Argument, das dazu beitragen könnte, diesen Krieg, den sie nicht wollte, zu vermeiden, und kurzsichtig erklärte sie es lediglich mit der wohlbekannten Immoralität des Bolschewismus.

Der Pakt war aber nun in der Logik der Dinge. Wie von Boris Souvarine verfochten, ließ sich der Bolschewismus an der Macht niemals von der geringsten doktrinären Überlegung leiten, welches Verhältnis zum Kommunismus sie auch gehabt haben mag, in der Innen- ebenso wie in der Außenpolitik. Im ersten Fall ersetzte er das Feudalwesen, das 1917 noch das Regierungssystem Rußlands war, durch den Staatskapitalismus. Im zweiten machte er sich die Zarenpolitik im Fernen Osten (China) und in Europa (Baltische Länder, Polen, Balkan) zu eigen: den Panslawismus.

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Diese Absichten wurden kurz nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands vom 11. November 1918 offenbar, als die Bevölkerungen Weißrußlands, Finnlands, Estlands, Lettlands, Litauens, Polens und der Ukraine, die schon unter den Zaren ihre Unabhängigkeit forderten, diese nun verkünden wollten und mit der Roten Armee zusammenstießen. Es gelang der Roten Armee, ihr Gesetz in Weißrußland und in einem großen Teil der Ukraine zu behaupten. Der Bolschewismus begehrte, alle Völker, die unter der Fuchtel der Zaren gestanden hatten, unter der eigenen zu behalten. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das zur kommunistischen Lehre gehörte, kam gleich nach seinem Machtantritt in die Abfallgrube der Geschichte und war nur noch ein Exportartikel für den äußerlichen Gebrauch. Einmal hatte die Rote Armee es sogar auf Rumänien und Ungarn abgesehen: das Unternehmen scheiterte nur knapp.

Außerhalb der Grenzen des früheren Zarenreichs streckte der Bolschewismus aber seine Fangarme aus, und zwar mit Hilfe der kommunistischen Parteien, deren Aufgabe ab 1920 nicht nur die Machtergreifung durch die Eroberung der öffentlichen Meinung unter dem Deckmantel der Weltrevolution war, sondern auch das Entfachen von sozialen Unruhen und Gewalt, der Aufruf zur Revolte.

In der Zwischenkriegszeit merkten die wenigsten, daß die kommunistischen Parteien nichts als die fünfte Kolonne des Panslawismus in der freien Welt waren. Zu wenige sind heute noch diejenigen, die es erkennen. Und dennoch erzielte der Panslawismus im Zuge des Zweiten Weltkrieges beachtliche Erfolge: seine Grenzen liegen nunmehr fünfzig Kilometer von Hamburg entfernt, er hat die Hand auf Mitteleuropa, mit Ausnahme Österreichs, und dem Balkan, mit Ausnahme Griechenlands. Die Unabhängigkeit Litauens, Lettlands, Estlands und Finnlands tat Moskau immer sehr weh: der einzige Zugang zur Ostsee, den die Sowjetunion mit der Hafenstadt Leningrad behielt, wurde nunmehr am Ausgang des Finnischen Meerbusens jeweils von Finnland und Estland

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kontrolliert. Ein neues Gibraltar im Grunde genommen. Außerdem hatten die Kommunisten Riga zugunsten Lettlands verloren. Aber nicht nur diese Fesseln, die der Versailler Vertrag ihrem Seehandel angelegt hatte, machten ihnen zu schaffen. Sie konnten noch weniger die Bodenschätze verschmerzen, die ihnen durch die Errichtung des Herzogtums Warschau zum polnischen Staat entzogen worden waren: jährlich 90 Millionen Tonnen Kohle, Eisen, Zink, Uranium; eine Huttenindustrie mit Warschau als Zentrum. Zu keiner Zeit hatten sie sich in diese Amputation und die Abtrennung der baltischen Länder gefügt.

Deutschland hatte sich seinerseits ebensowenig mit dem Verlust des polnischen Korridors, Posens und des einen Teils Schlesiens abgefunden. Berührungspunkte waren damit vorhanden. Als den Bolschewiken zur Gewißheit wurde, daß die deutsche Revolution gescheitert war, betrieben sie schon Anfang 1922 eine Politik der Verständigung mit Deutschland in der Hoffnung, hierdurch eine neue Teilung Polens zu veranlassen. Es kam zum Rapallo-Vertrag vom 16. April 1922 und, wie eins das andere gibt, zum Austausch von Militärmissionen.

Während dieser Zeit gegenseitiger Verständigung konnte sich Stalin den von Japan gefährdeten russischen Interessen im Fernen Osten in aller Ruhe widmen: Er durfte nämlich mit Frieden an seinen Westgrenzen rechnen, die Deutschland ohnehin, da ins Joch des Versailler Vertrags gespannt, nicht hätte bedrohen können, wenn es überhaupt die Absicht dazu gehabt hätte.

Alles änderte sich 1933 mit dem Regierungsantritt Hitlers: dieser war stark, pfiff auf Versailles und hatte dem Bolschewismus den Krieg erklärt. Im Oktober 1933 verließ er den Völkerbund mit Krach, und Stalin war sofort auf der Hut. Er begriff, daß eine Annäherung zwischen Deutschland und Japan, das den Völkerbund im März desselben Jahres verlassen hatte, nunmehr unvermeidlich war und daß er eines Tages möglicherweise an zwei Fronten zu kämpfen haben würde.

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Als ein Nichtangriffspakt zwischen Polen und Deutschland am 26. Januar 1934 unterzeichnet wurde, gab es keinen Zweifel mehr: der deutsch-polnische Block hatte eine gemeinsame Grenze zu Rußland. Stalin zog daher die entgegenkommenden Schritte in Betracht, die Frankreich, vor allem Barthou, [237] in seine Richtung machte. Er tat es nicht aus Liebe zum Frieden; er wollte vielmehr Hitler Schwierigkeiten im Westen bereiten und ihn in die Zwangslage versetzen, an zwei Fronten kämpfen zu müssen, sollte er je die Absicht bekunden, sich an den Grenzen Rußlands zu vergreifen.

Das sind die wahren Gründe, die Stalin zunächst zum Völkerbund-Beitritt, dann zur Unterzeichnung des französisch-sowjetischen Bündnispakts bewogen: die Zwangsvorstellung, an zwei Fronten kämpfen zu müssen. Die Zaren hätten nicht anders reagiert. Er hoffte außerdem, dieser Bündnispakt würde einen derartigen Spannungszustand zwischen den Westdemokratien und Hitler-Deutschland schaffen, daß die Lage von selbst in einen Krieg im Westen einmünden und Hitler von Rußland ablenken würde: ein Krieg, bei dem Rußland nicht einzugreifen hätte, da es mit dem Reich keine gemeinsame Grenze besaß, und nach dessen Ausgang er, Stalin, gegenüber den beiden abgekämpften Gegnern der starke Mann in Europa wäre.

Stalin hatte richtig gesehen: 1939 war die Lage zwischen Deutschland und den Westdemokratien explosiv, und das ausgerechnet wegen Polen. Er hatte also die Wahl: 1. den französisch-sowjetischen Pakt mit einem Militärbündnis zu erweitern und unter dem Vorwand, Polen zu beschützen, dort seine Truppen mit dem Einverständnis der Westdemokratien einmarschieren zu lassen; in diesem Fall würde er zwar das Großherzogtum Warschau wiederbekommen, bei einem Krieg allerdings mit Deutschland zusammenstoßen. 2. dieses Großherzogtum Warschau durch ein Abkommen mit Deutschland, das heißt ohne Krieg, wiederzuerlangen.

Es gab keinen Grund zu zögern. Die Zeitumstände kamen ihm entgegen. Da war zunächst die Münchener Konferenz,

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von der Stalin ferngehalten war, was die französisch-sowjetischen Beziehungen erheblich störte. Dann England, das sich bis zum 31. März 1939 gegen ein Bündnis mit Sowjetrußland aussprach und sich erst im Laufe des Monats April, seinen Ärger verbeißend, damit abfand. Zuletzt Polen, das keinem Bündnis an der Seite des Bolschewismus beitreten wollte. Es dachte, mit Recht übrigens, daß ein solches Bündnis sofort einen deutschen Einfall in den westlichen Teil des Landes nach sich ziehen würde, während die Rote Armee mit Deutschlands Einverständnis in die östlichen Gebiete eindringen würde, unter dem Vorwand, es zu beschützen. Die Operation würde mit einer gütlichen, alles lösenden Teilung Polens zwischen Deutschland und Rußland enden. Und es gäbe kein Polen mehr.

Oberst Beck war nämlich davon überzeugt, daß Stalin, einmal in Berührung mit den deutschen Truppen und nach Wiedererlangung des Großherzogtums Warschau, mit Hitler verhandeln würde. Deutschland hätte nur noch mit den Westmächten zu tun, und Stalin hätte nicht mehr zu befürchten, gleich an zwei Fronten kämpfen zu müssen. In dem Abkommen, das dieser mit Hitler schließen würde, hätte er außerdem bestimmt freie Hand in den baltischen Staaten, mit Ausnahme vielleicht Litauens wegen Memel, in Rumänien, im Balkan, alles Gebiete, auf die Rußland es seit jeher abgesehen hatte.

Das waren die Überlegungen von Oberst Beck, und in diesem Zusammenhang drängen sich drei merkwürdige Feststellungen auf:

1. Es sind genau die Bedingungen, die im geheimen, dem deutsch sowjetischen Vertrag beigefügten »Zusatz-Protokoll« vom 23. August 1939 enthalten sind. Was die Teilung Polens (wörtlich: »die territorial-politische Umgestaltung der zum polnischen Staat gehörenden Gebiete«) betrifft, sollte die Grenzlinie zwischen deutscher und russischer Interessensphäre »ungefähr« den Flüssen Narew, Weichsel und San fol-

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gen. Das Interesse Sowjetrußlands an Bessarabien wurde anerkannt.

2. Auf diese Bedingungen bezogen sich die Gespräche, die am 14. April 1939 zwischen einerseits Rußland und andererseits England und Frankreich eröffnet wurden. Rußland war es gelungen, sie durchzusetzen, nur daß »Durchgangserlaubnis für die sowjetischen Truppen durch Polen« für den Ausdruck »Teilung« bzw. »Umgestaltung Polens« stand. Man konnte sicher sein, daß das russische Heer, einmal in Polen, nicht mehr von dort abziehen würde, und in beiden Fällen lief es auf dasselbe hinaus. Und selbst wenn Polen darauf eingegangen wäre, hätte Stalin, wie bereits angedeutet, höchstwahrscheinlich mit Hitler verhandelt, sobald er mit den deutschen Truppen in Berührung gekommen wäre, und somit hätte er sein Ziel erreicht, ohne den Krieg zu führen, und die Westmächte gegen Deutschland getrieben. Stalin rechnete damit, daß er am Kriegsende der starke Mann in Europa sein würde, unversehrt und in der Lage, den erschöpften kriegführenden Nationen seinen Willen aufzuzwingen.

3. Man wundert sich, daß bei einer so klaren Einsicht in seine Lage Oberst Beck es nicht vorzog, mit Hitler zu verhandeln, dessen Angebot die territoriale Integrität Polens unangetastet ließ: Hitler forderte nämlich nur Danzig (das Freie Stadt und nicht polnisches Gebiet war), eine Straße sowie eine Eisenbahnlinie, beide mit exterritorialem Charakter, durch den Korridor. [238]

Man wundert sich, doch kennt man die Gründe: Beck glaubte, das polnische Heer könne die deutsche Wehrmacht in Schach halten, die Gewandtheit seiner Kavallerie sei der Starrheit der deutschen Panzer überlegen, und Polen werde innerhalb weniger Tage Ostpreußen besetzt haben. Außerdem war er der Überzeugung, daß die deutsche Wehrmacht in Aufruhr sei: die polnischen Truppen würden Berlin erreichen wie bei einem Spaziergang. Sein Gesandter in Berlin, J. Lipski, sagte es jedem, der es hören wollte: »Seit fünfeinhalb Jahren lebe ich in diesem Land. Ich weiß sehr wohl, was sich

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dort abspielt. Kommt es zu einem Krieg zwischen Polen und Deutschland, so wird eine Revolution in Deutschland ausbrechen, und unsere Truppen werden auf Berlin marschieren.« [239]

Oberst Beck und sein Botschafter waren nicht die einzigen, die sich solchen Illusionen hingaben. Robert Coulondre, der französische Gesandte in Berlin, sagte es nach in einem Brief, den er hinter Georges Bonnets Rücken an Ministerpräsident Daladier richtete: »Die Kraftprobe schlägt zu unseren Gunsten aus. Aus sicherer Quelle erfahre ich daß Hitler sich seit fünf Tagen abwartend verhält, die Parteigrößen schwankend geworden sind und die Berichte von einer wachsenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung sprechen . . . Nach wie vor müssen wir fest bleiben, fest bleiben und nochmals fest bleiben . . . Nach dem, was mir gesagt worden ist, legt Herr Hitler sich heute die Frage vor, wie er aus der Sackgasse wieder herauskommen soll . . . Nun, der Fisch hängt am Haken . . .« [240] Frau Geneviève Tabouis schrieb, daß »hundertfünfzig gegen Hitler rebellierende Generale zurückgetreten sind«. [241]

Bei einer privaten Unterhaltung äußerte General Gamelin: »Das ist recht einfach! An dem Tage, an dem Deutschland der Krieg erklärt wird, wird Hitler stürzen. Anstatt die Grenzen des Reichs zu verteidigen, wird die deutsche Armee auf Berlin marschieren müssen, um die Unruhen, die dort ausbrechen werden, niederzuschlagen. Die im Westwall stehenden Truppen werden nur geringen Widerstand leisten. Wir werden in das Deutsche Reich hineinstoßen wie in Butter.« [242] Für alle sei das deutsche Angebot an Moskau ein Beweis dafür, daß Deutschland sich in einer verzweifelten Lage befinde.

In England gingen ähnliche Gerüchte um. Sie stammten von E. Raczynski, dem polnischen Gesandten in London, und wurden von dem deutschen Botschaftsrat Erich Kordt, der Hitler feindlich gesinnt war, bestätigt. Winston Churchill, Sir Antony Eden, Duff Cooper, Duncan Sandys u. a. sorgten

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ihrerseits dafür, daß sie auf Chamberlains Schreibtisch gelangten. Es war sogar von einer deutschen Widerstandsbewegung die Rede, an deren Spitze die Generale Halder, Beck, von Witzleben, ferner Dr. Schacht stünden und die nur auf eine Hilfe von außen in Form einer Kriegserklärung an Deutschland warten würde, um zur Tat zu schreiten und Hitler abzusetzen. Solche Gerüchte waren erfunden: Nie hielten die Generale mit Hitler so zusammen wie in der polnischen Angelegenheit. Sie trugen allerdings dazu bei, die öffentliche Meinung zu konditionieren und den Standpunkt der Regierungen Frankreichs, Englands und Polens zu verhärten.

Diese Gerüchte, die angeblich aus guter Quelle stammten, waren zweifellos auch der Grund, weshalb weder England noch Frankreich bedachten, daß sie Polen nur mit einem mittelbaren Eingreifen an der deutschen Westgrenze helfen konnten, daß diese Intervention eine ähnliche Aktion Rußlands an der Ostgrenze voraussetzte, daß das militärische Kräfteverhältnis zwischen beiden Staaten und Deutschland eine solche Hilfe nicht zuließ und daß sie dann nur noch Luft wäre.

Diese strategischen Überlegungen waren natürlich überflüssig. Da es offenbar genügte, Deutschland den Krieg zu erklären, damit sein Regime zusammenstürze, würde es keinen Krieg geben. Man ging beinahe davon aus, daß die Wehrmacht den französischen, englischen und polnischen Truppen helfen würde, Deutschland zu erobern! Man brauchte nicht einmal Rußland!

Einfach bestürzend.

Nachdem Stalins Beweggründe und die Illusionen der Westdemokratien dargelegt sind, ist es möglicherweise nicht belanglos, den Leser über die Art und Weise zu unterrichten, wie Stalin seine Täuschung ins Werk setzte: er entfaltete dabei nicht viel Geist. Man kann sogar behaupten, daß die westlichen Demokratien voll guten Willens waren, sich täuschen zu lassen.

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Am 3. Oktober 1938, kurz nach der Münchener Konferenz, unterrichtete die deutsche Botschaft in Moskau die Reichsregierung, »Stalin habe manche Schlüsse aus der Regelung der Sudetenfrage, von der er ausgeschlossen worden war, gezogen und könnte eine positivere Haltung gegenüber Deutschland einnehmen«. [243] Zwischen Deutschland und Sowjetrußland bestand eine Art Handelsabkommen, das außer Gebrauch gekommen war und zum Jahresende ablief. Am 4. November 1938 ordnete Göring an, man müsse die Gelegenheit ausnützen und »die Handelsbeziehungen zu Rußland wieder ins Leben rufen, insofern es sich um Rohstoffe handelte«. [244] Im Schatten dieser Vertragsverlängerung wurden die Geheimgespräche eröffnet, die am 23. August folgenden Jahres zur Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags führten.

Am 12. Januar 1939, beim Neujahresempfang des diplomatischen Korps in der Reichskanzlei, beehrte Hitler den sowjetischen Botschafter mit einem langen, freundlichen Gespräch: In den Jahren zuvor hatte sich der Führer damit begnügt, ihm wortlos die Hand zu drücken. Den anwesenden Diplomaten war es aufgefallen, und sie hatten sofort ihre Regierungen von diesem ihres Erachtens kennzeichnenden Umschwung unterrichtet. Vergebens: die Regierungen nahmen diese Mahnungen nicht ernst.

Am 10. März hielt Stalin vor dem 18. Kongreß der KPdSU eine Rede, in der die bisherigen Kritiken an dem Nationalsozialismus sich nun gegen die demokratischen Staaten richteten. Sie enthielt außerdem folgende befremdende Äußerung: »Die Sowjetunion hat nicht die geringste Absicht, für die Westdemokratien die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Im Gegenteil, die sowjetische Regierung ist einer Verbesserung ihrer Beziehungen zum Reich grundsätzlich nicht abgeneigt.« [245] Demnach wußte Hitler, daß er von den Russen nichts zu fürchten brauchte, als er sich entschloß, am 15. März in Prag einzumarschieren. Die westlichen Demokratien merkten nichts.

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Hitler erwiderte diese Höflichkeit: seine Reichstagsrede vom 28. April, mit der er Roosevelt antwortete und sowohl den deutsch-britischen Flottenvertrag vom 18. Juni 1935 als auch das deutsch-polnische Verständigungsabkommen vom 26. Januar 1934 offiziell aufkündigte, enthielt nichts Nachteiliges über den Bolschewismus.

Am 3. Mai setzte Stalin Litwinow ab und ernannte Molotow zum neuen Volkskommissar für die Auswärtigen Angelegenheiten: Litwinow war Jude. Nach dem Krieg behaupteten verschiedene Autoren, Göring habe einige Tage zuvor auf die Bemerkung eines Gesprächspartners, es sei im Interesse Deutschlands, diplomatische Unterhandlungen mit Rußland einzuleiten, geantwortet: »Sie glauben doch nicht im Ernst, daß Hitler sich mit einem Juden verständigen werde!« Die Quellen, auf die sie sich berufen, widersprechen zwar einander, es ist aber durchaus anzunehmen, daß Stalin den Zeitpunkt für richtig hielt, den Gesprächen mit Deutschland eine konkretere Wendung zu geben, sie auf die diplomatische Bühne zu bringen, wo Litwinow als Jude zweifellos ein unüberbrückbares Hindernis darstellte.

Léon Blum, der auch Jude war, ließ sich nicht täuschen. In Le Populaire vom 5. Mai 1939 äußerte er, ohne auf Litwinows jüdische Zugehörigkeit zu deuten, seine Besorgnis und »die Hoffnung, daß diese Absetzung keine Kursänderung in der Politik der Sowjetunion nach sich ziehen wird«. In New York war das jüdische Lager um Roosevelt sich dessen bewußt, einen wichtigen Trumpf verloren zu haben. Aus Berlin teilte der französische Botschafter Coulondre Außenminister Georges Bonnet mit: »Dieser Wechsel hat ganz andere Ursachen. Herr Litwinow war zu starr in seiner Haltung in der Frage der kollektiven Sicherheit. Außerdem hegte er Polen gegenüber eine zu deutliche Abneigung. Wenn man ihm die Wahl zwischen Berlin und Warschau gegeben hätte, dann wäre er imstande gewesen, Berlin den Vorzug zu geben. Mit Molotow, einem Mitglied des Politbüros und bestem Kenner der Gedanken Stalins, kann die sowjetische Außenpolitik

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nur an Klarheit und Bestimmtheit gewinnen. Frankreich und Großbritannien werden den Wechsel nicht zu bedauern haben!« [246]

Herr Coulondre war ein feiner Diplomat!

In London, New York und Warschau sprachen die russischen Botschafter ihm nach: man war wieder beruhigt.

Im Mai 1939 standen London und Paris in Verhandlungen mit Moskau seit dem 14. April. Die politischen Bedingungen eines Bündnisses wurden immer noch erörtert, und das dauerte an. London und Paris merkten nicht, daß Moskau nur nach einem Anlaß suchte, die Unterhandlungen abzubrechen. Sie schleppten sich bis zum 24. Juli hin: jedesmal, wenn die Russen einen Punkt durchsetzten, schoben sie den nächsten vor, in der Hoffnung, die Briten und Franzosen würden ihn nicht annehmen, so daß sie ihnen das Scheitern der Unterhandlungen anlasten könnten. Vergebens: Die Briten und Franzosen nahmen alles hin, ja sogar die Einbeziehungen der baltischen Staaten in die russische Einflußsphäre, die russische These von der »mittelbaren Aggression«, [247] die Unterordnung des politischen Vertrags unter ein Militärabkommen, den Ausschluß Hollands aus der gemeinsamen Garantieerklärung. Die Engländer äußerten zwar ihre Unzufriedenheit, und Lord Halifax war mehrmals drauf und dran, die Verhandlungen abzubrechen. Doch bei jeder neuen russischen Forderung sprach der französische Botschafter in London, Corbin, bei ihm vor und ersuchte ihn im Auftrag Georges Bonnets, die Forderungen anzunehmen. Präsident Roosevelt, der ungeduldig zusah, wie sich die Dinge in die Länge zogen, rief außerdem jeden Tag seinen Botschafter in London, Joseph Kennedy, an und sagte ihm, er solle »Chamberlain die Pistole auf die Brust setzen«. [248] Joseph Kennedy war nicht einverstanden, doch plauderte er diese Dinge bei Lord Halifax aus. Und Lord Halifax, der die russischen Forderungen für unannehmbar — und sie waren es wahrlich! — hielt, gab nach, um Georges Bonnet und vor allem Präsident Roosevelt nicht zu verstimmen.

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Am 24. Juli 1939 hatten die westlichen Demokratien ihren ganzen Ärger heruntergeschluckt, und es konnte nun das Militärabkommen paraphiert werden, mit dem die Russen eigentlich beginnen wollten. Auf diesem Gebiet war es nämlich leichter, wenn nicht die westlichen Demokratien, so doch Polen für den Abbruch der Verhandlungen verantwortlich zu machen. Außerdem wäre dieser Abbruch um so schneller erfolgt. Die Russen wußten zu gut, daß Oberst Beck den wenn auch notwendigen Durchgang der Sowjetischen Truppen durch das polnische Gebiet niemals dulden würde. Das traf auch ein: Der Abbruch erfolgte am 19. August, nachdem Oberst Beck ein Ersuchen Lord Halifax' und Georges Bonnets, auf diese Forderung einzugehen, entschieden abgelehnt und beide Politiker sofort die polnische Antwort Moskau übermittelt hatten.

Die Russen erhofften sich nichts anderes. Seit dem 15. August waren sie mit den Deutschen über einen offiziellen Besuch von Ribbentrops nach Moskau grundsätzlich einig. Über den Zweck dieser Reise geben zwei bezeichnende Dokumente Auskunft. Es sind die Berichte des deutschen Botschafters in Moskau, Graf von der Schulenburg, über zwei Unterredungen mit Molotow. [249]

Bei der ersten Unterredung vom 4. August 1939 hatte von der Schulenburg Molotow mitgeteilt, [250] daß Deutschland bereit sei, seine Beziehungen zur Sowjetunion völlig neu zu gestalten, wenn diese jede Einmischung in Deutschlands innere Angelegenheiten unterließe und außenpolitisch auf jeden Angriff gegen die Interessen des Reiches verzichtete. Er hatte sogar hinzugefügt, daß es im Falle einer Einigung »kein Problem zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer« gebe, »das zwischen uns nicht gelöst werden könnte«, und angeregt, »daß wir uns schon jetzt über das Schicksal dieses Landes (= Polen) verständigen«. Das war wohl der Beweis, daß beide Staaten, um dahin zu kommen, schon lange im Gespräch waren. Molotow habe sich, so von der Schulenburg »ungewöhnlich aufgeschlossen« gezeigt.

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Von diesem Empfang ermutigt, beriet der deutsche Botschafter mit seiner Regierung und unterrichtete Molotow am 15. August, Reichsaußenminister von Ribbentrop sei bereit, mit ihm in Moskau die Fragen zu erörtern, die den Gegenstand ihrer Unterredung am 4. August gebildet hatten. Er dürfe ihm außerdem mitteilen, daß »Deutschland bereit sei, seinen Einfluß auf Japan geltend zu machen, um eine Verbesserung und Festigung der russisch-japanischen Beziehungen zu bewerkstelligen«.

Molotows Antwort: »Ich würde es begrüßen, mich persönlich mit dem Herrn Reichsaußenminister unterhalten zu können. Ich werde sofort die Vorbereitungen für seine Reise treffen.«

Molotow hatte allerdings noch nicht Becks abschlägige Antwort in der Hand, das heißt noch keinen triftigen Grund, mit der französisch-britischen Militärmission abzubrechen, die sich seit dem 11. August in Moskau aufhielt, um gemeinsam mit der russischen Mission das Abkommen auszuarbeiten. Das Durchgangsrecht der sowjetischen Truppen durch polnisches Gebiet, an dem die Gespräche nach seiner Überzeugung scheitern würden, war nämlich erst einen Tag zuvor auf die Tagesordnung der drei Delegationen gesetzt worden.

Als Becks ablehnende Antwort eintraf, wurde die Angelegenheit rasch erledigt: Stalin rief die Mitglieder des Politbüros zusammen und teilte ihnen mit, er habe beschlossen, einen Nichtangriffspakt mit Deutschland zu unterzeichnen, und sein Vorschlag wurde einstimmig angenommen.

Noch am selben Abend (19. August 1939) wurde ein neues Handelsabkommen zwischen beiden Staaten unterzeichnet: Deutschland gewährte Rußland einen Kredit in Höhe von 200 Millionen Mark auf sieben Jahre und zu 5% Zinssatz. Dafür verpflichtete sich die Sowjetunion, dem Reich ab sofort Baumwolle, Schmiermittel, Phosphate, Manganerz, Asbest und Rohleder im Wert von 180 Millionen Reichsmark gegen 125 Millionen Reichsmark Werkzeugmaschinen zu liefern.

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Joachim von Ribbentrop und Stalin anläßlich der Unterzeichnung
des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes am 23. April 1939 in Moskau.
Der Inhalt des damit verbundenen Geheimabkommens wurde sofort aus
der deutschen Botschaft in Moskau an die USA verraten.

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Immer noch am selben Abend bat Molotow Botschafter Schulenburg, dem Reichsaußenminister den Entwurf zu einem deutsch-sowjetischen Pakt zu überreichen . . .

In den zwei oder drei darauffolgenden Tagen waren Ribbentrop und Molotow einerseits, Hitler und Stalin andererseits bestrebt, auf dem brieflichen und auf dem telegraphischen Weg den Tag der Zusammenkunft und den Wortlaut des Paktes festzulegen.

Am Morgen des 23. August platzte die Nachricht wie ein Donnerschlag in der Weltpresse:

»Die Deutsche Reichsregierung und die Regierung der Sowjetunion haben beschlossen, einen Nichtangriffspakt zu schließen. Reichsaußenminister von Ribbentrop ist zur Vertragsunterzeichnung auf dem Weg nach Moskau.«

Oberst Beck behauptet, Stalin habe seine Entscheidung vor dem Politbüro folgendermaßen gerechtfertigt:

»Nehmen wir das deutsche Angebot an, einen Nichtangriffspakt zu schließen, so wird Deutschland bestimmt Polen überfallen, und das Eingreifen Englands und Frankreichs in diesem Krieg wird unvermeidlich sein. Bei diesen Umständen haben wir gute Aussichten, von dem Konflikt verschont zu bleiben, und können vorteilhaft warten, bis wir dran sind. Wir werden nicht nur an der Westgrenze durch den Pakt geschützt sein, sondern auch im Fernen Osten durch den Einfluß, den Deutschland aus Dankbarkeit bestimmt auf Japan ausüben wird . . . Demnach haben wir keine andere Wahl! Wir müssen das deutsche Angebot annehmen und die französisch-britische Mission mit einer höflichen Ablehnung nach Hause schicken.« [251]

Dieser Text taucht in keinem Dokument der Kommunistischen Partei Sowjetrußlands auf; er spiegelt aber unbestreitbar die Einstellung Stalins wider.

Natürlich stellten alle kommunistischen Zeitungen der Welt den deutsch-sowjetischen Pakt als Friedensbeitrag der UdSSR hin und stimmten Lobgesänge auf den »genialen Stalin« an.

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Anmerkungen

[180] Der deutsch-französische Nichtangriffspakt wurde in Paris am 6. November 1938 unterzeichnet. Die KPF und die ihr nahe stehende Gewerkschaft CGT beschlossen einen Allgemeinstreik für den 30. November, für den Tag, an dem der Vertrag ursprünglich unterzeichnet werden sollte. Der Unterzeichnungstermin wurde daher auf den 6. November vorverlegt; und am 6. November versuchte die KPF, allerdings ohne Erfolg, die französische Öffentlichkeit gegen den Besuch Ribbentrops in Paris zu mobilisieren. Der Streik vom 30. November erwies sich übrigens als Mißerfolg.

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[181] Als die deutschen Truppen am 15. März 1939 in die Tschechoslowakei einmarschierten, fanden sie Dokumente vor, die auf eine Truppenstärke von 150000 Mann hinwiesen. Nach diesen Dokumenten verfügte das tschechoslowakische Heer über 1582 Flugzeuge, 501 Flakgeschütze, 2175 Geschütze, 785 Minenwerfer, 469 Panzerkampfwagen, 43876 Maschinengewehre, 114000 Pistolen, 1090000 Gewehre; Infanteriemunition über 1 Milliarde Schuß, Artillerie- und Gasmunition über 3 Millionen Schuß, ferner ein riesiges Kriegsgerät aller Art (siehe Hitlers Reichstagsrede vom 28. April 1939).

[182] Wortlaut des Münchener Abkommens, Anhang II.

[183] Siehe oben, S. 130.

[184] Deutsches Weißbuch, Nr. 3, hg. vom Auswärtigen Amt nach dem Polenfeldzug, Berlin 1940, Dok. Nr. 9, S. 23—24.

[185] Ebenda. Siehe oben, S. 134 den Brief, den von Dieckhoff, deutscher Botschafter in Washington, am 13. November 1938 an Staatssekretär von Weizsäcker richtete.

[186] Fehler von A. François-Poncet; gemeint ist der 10. März.

[187] André François-Poncet, Von Versailles bis Potsdam, Mainz— Berlin 1949, S. 211. — François-Poncet läßt den Fall der Ruthenen außer acht und legt lediglich den Streit zwischen Tschechen und Slowaken dar.

[188] Auszug aus dem Blaubuch der Britischen Regierung über die deutsch-polnischen Beziehungen und den Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen Großbritannien und Deutschland am 3. September 1939; von der britischen Regierung autorisierte, ungekürzte und unveränderte Übersetzung, Basel 1939, Dok. Nr. 9, S. 5ff. — Beide Erklärungen werden von Benoist-Méchin, aaO., Bd. 7, Wollte Adolf Hitler den Krieg, S. 82 bzw. 84, ausführlicher zitiert.

[189] Amtliche Übersetzung, abgedruckt in Dokumente der deutschen Politik und Geschichte, Bd. 5, hg. von Johannes Hohlfeld, Berlin — München, o. J.

[190] Französisches Gelbbuch, 17. März 1938, Dok. Nr. 76, S. 99.

[191] Georges Bonnet, Vor der Katastrophe, aaO., S. 187.

[192] United States Foreign Policy (Peace and War), 1943, Dok. Nr. 126, S. 454ff.

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[193] Ebenda, Dok. Nr. 127.

[194] Siehe oben, S. 128.

[195] Deutsches Weißbuch, 1940, III, Dok. Nr. 20. — Dieses Buch gibt die im Brüsseler Innenministerium vorgefundenen Dokumente wieder.

[196] André François-Poncet, Von Versailles bis Potsdam, aaO., S. 213.

[197] Carl Burckhardt, Meine Danziger Mission 1937—1939, München 1960.

[198] Documents on British Foreign Policy, Bd. 4, Dok. Nr. 399.

[199] Ebenda, Dok. Nr. 397.

[200] Foreign Relations of the United States, 1939, Bd. 1, S. 7409.

[201] Georges Bonnet, Vor der Katastrophe, aaO., S. 186.

[202] Georges Bonnet, Vor der Katastrophe, aaO., S. 187f.

[203] Siehe dieses Telegramm, S. 233

[204] Georges Bonnet, Vor der Katastrophe, aaO., S. 187.

[205] Documents on British Foreign Policy, Bd. 14.

[206] W. L. Shirer, Aufstieg und Fall des Dritten Reichs, aaO., S. 428.

[207] Britisches Blaubuch.

[208] Grigore Gafencu, Europas letzte Tage, S. 57f.

[209] Documents on British Foreign Policy, Bd. 4. Dok. Nr. 417.

[210] Acta Apostolicae Sedis, XXXI, S. 145.

[211] Msgr. Giovanetti, Der Vatikan und der Krieg, Köln 1961.

[212] Foreign Relations of the United States, 1932, Bd. 1, S. 129.

[213] Robert E. Sherwood, Roosevelt und Hopkins, Hamburg 1950

[214] Ebenda.

[215] Tagebuch von Graf Ciano, Eintragung vom 14. April 1939.

[216] W. L. Shirer (Aufstieg und Fall des Dritten Reichs, aaO., S. 438): ». . . die brillanteste, die er gehalten hat . . .«

[217] Adolf Hitler, Reichstagsrede vom 28. April 1939.

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[218] Max Gallo, L'Italie de Mussolini, Paris 1964, S. 375.

[219] »Freundschafts- und Bündnispakt zwischen Deutschland und Italien«, in Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D, Bd. 6, Dok Nr. 426, S. 466ff.

[220] Ebenda, Dok. Nr. 459, S. 514—516.

[221] Von Pierre Laval unterzeichnet. Der Bruch erfolgte bei einem Zwischenfall in der italienischen Abgeordnetenkammer am 30. November 1938, in Anwesenheit des neuen französischen Gesandten in Italien, A. François-Poncet. Während einer Rede Cianos waren die Abgeordneten aufgestanden und hatten gerufen: »Wir wollen Nizza, Korsika, Tunis, Dschibuti!« Nach den Vorhaltungen Frankreichs hatten sich die französisch-italienischen Beziehungen verschlechtert, und schließlich hatte der Duce, und nicht Frankreich, diesen Vertrag aufgekündigt, der einen Sonderstatus für die Italiener in Tunis, Dschibuti und Nordafrika vorsah; ferner legte er den endgültigen Verzicht Italiens auf Korsika und Nizza fest. Mit der Aufkündigung des Vertrags stellte der Duce die Tunis, Dschibuti und Nizza betreffenden Bestimmungen in Frage, erhob er erneut Italiens Ansprüche auf diese Gebiete.

[222] Siehe oben, S. 239.

[223] Saul Friedländer, Pius XII. und das Dritte Reich. Eine Dokumentation, Hamburg 1965, S. 28.

[224] Msgr. Giovanetti, Der Vatikan und der Krieg, aaO. — Die Chronologie von Papst Pius' XII. Mißerfolg wird nach Alberto Giovanetti, der beteiligt war, wiedergegeben.

[225] Documents on German Foreign Policy, Bd. 1, 1939, S. 435.

[226] Alexis Léger war bestimmt nicht sehr stolz über die Rolle, die er in dieser Affäre spielte: Er riet nämlich Daladier und Bonnet davon ab, auf das Angebot des Papstes einzugehen, und verhärtete später stets ihren Standpunkt bei internationalen Gesprächen. Nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlichte er unter dem Pseudonym Saint John Perse Gedichte, die alle Kriegshetzer der Welt aus Dankbarkeit lobhudel(te)n. Dafür erhielt er 1960 den Nobelpreis für Literatur!

[227] Siehe oben, S. 239

[228] Telegramm von Halifax an Osborne, den britischen Botschaf-

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ter im Vatikan, vom 5. Mai 1939, in Documents on British Foreign Policy, 3. Serie, Bd. 5, S. 435.

[229] Msgr. Giovanetti, Der Vatikan und der Krieg, aaO. Ferner: Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, aaO., Bd. 8, von Weizsäckers Telegramm vom 9. Mai 1939 an Bergen.

[230] Dokumente des Heiligen Stuhles bezüglich des Zweiten Weltkriegs, Libreria Vaticana, Bd. 1, S. 270ff.

[231] Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, aaO., Bd. 7, S. 384, Dok. Nr. 474.

[232] Ein Beweis, daß entgegen Saul Friedländers Behauptung (siehe oben, S. 245) Papst Pius XII. Rußland nicht wegen seiner feindlichen Einstellung zum Bolschewismus ausschloß.

[233] Mussolini, der am selben Tage eine Vier-Mächte-Konferenz (England, Italien, Frankreich und Deutschland) für den 5. September angeregt hatte, begrüßte die päpstliche Initiative von ganzem Herzen.

[234] Paul Rassinier, Die Operation »Stellvertreter«, München 1966

[235] Boris Souvarine, Stalin. Anmerkungen zur Geschichte des Bolschewismus, München 1980.

[236] Brief vom 13. Mai 1889 an Kugelmann.

[237] Siehe oben, S. 93

[238] Hitler hatte folgenden Vorschlag unterbreitet:

»1. Danzig kehrt als Freistaat in den Rahmen des Deutschen Reiches zurück.

2. Deutschland erhält durch den Korridor eine Straße und eine Eisenbahnlinie zur eigenen Verfügung mit dem gleichen exterritorialen Charakter für Deutschland, wie der Korridor ihn für Polen besitzt.

Dafür ist Deutschland bereit:

1. sämtliche wirtschaftlichen Rechte Polens in Danzig anzuerkennen;

2. Polen in Danzig einen Freihafen beliebiger Größe und bei vollständig freiem Zugang sicherzustellen;

3. damit die Grenzen zwischen Deutschland und Polen endgültig als gegeben hinzunehmen und zu akzeptieren;

4. einen fünfundzwanzigjährigen Nichtangriffspakt mit Polen abzuschließen, also einen Pakt, der weit über mein eigenes Le-

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ben hinausreichen würde . . .« (Auszug aus der Rede Hitlers vor dem Reichstag am 28. April 1939). Nach Oberst Becks Ablehnung war Hitlers Angebot ein einziges Mal, am 30. August, abgeändert worden. Im Korridor würde eine Volksabstimmung durchgeführt; spricht sich der Korridor für Deutschland aus, so erhält Polen eine exterritoriale Straße und Eisenbahn zwischen Bromberg und Gdingen; fällt die Abstimmung zugunsten Polens aus, erhält Deutschland seinerseits eine Straße und eine Eisenbahnlinie mit gleichem exterritorialen Charakter, die Bütow und Dirschau, das heißt Ostpreußen und Pommern, miteinander verbinden.

Und weil Oberst Beck erneut ablehnte, kam es zum Kampf. Während, zugegeben, Hitlers zweiter Vorschlag strittig war (die Volksabstimmung konnte nämlich die anderen polnischen Minderheiten dazu bewegen, das gleiche Privilegium zu beanspruchen, und zur Teilung des polnischen Staats führen), war der erste durchaus vernünftig. Es sei trotzdem bemerkt, daß dieser mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker zusammenhängende zweite Vorschlag zwar schädlich für jene fiktive polnische Nation aus Deutschen, Slawen, Ukrainern und Kaschuben sein konnte, dennoch keineswegs antidemokratisch und unmoralisch war.

[239] Äußerung gegenüber Dahlerus. Dahlerus' Aussage unter Eid am 19. März 1946 in Nürnberg, Internationaler Militärgerichtshof, Bd. 9, S. 521.

[240] Robert Coulondre, Von Moskau nach Berlin, Bonn 1950, S. 440.

[241] L'Œuvre, 27. August 1939; fünfspaltige Überschrift.

[242] Benoist-Méchin, Geschichte der deutschen Militärmacht 1918—1946, Bd. 7, Wollte Hitler den Krieg, aaO., S. 347.

[243] Documents on German Foreign Policy, Bd. 4, S. 602ff.

[244] Ebenda, S. 608 ff.

[245] Der 18. Kongreß der KPdSU, in Geschichte der KPdSU in 6 Bänden, Hrsg. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU, Moskau 1969.

[246] Georges Bonnet, Vor der Katastrophe, aaO., S. 203.

[247] Unter »mittelbarer Aggression« verstanden die Russen einen von einer antikommunistischen Fraktion verübten Staats-

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streich. Und sie dehnten die Definition auf eine Regierungskrise aus, die einen Regierungswechsel im selben Sinne hervorgerufen hätte. Eine einfache Regierungskrise in den baltischen Ländern berechtigte sie also zu der Annahme, daß es sich um »eine mittelbare Aggression« handelte, und daher zu einer Intervention mit der Zustimmung Englands und Frankreichs. Mit anderen Worten: In Osteuropa mußte man Kommunist sein.

[248] Vertrauliche Mitteilung Joseph Kennedys an James Forrestal, den früheren amerikanischen Verteidigungsminister, in The Forrestal Diaries, New York 1951, S. 121.

[249] Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Bd. 6, Dok. Nr. 766, S. 892ff., sowie Bd. 7, Dok. Nr. 70, S. 63f.

[250] Siehe Karl Höffkes, Deutsch-sowjetische Geheimverbindungen, Tübingen 1988.

[251] Oberst Beck, Dernier Rapport, aaO., S. 322.

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