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Einleitung

"Gestatten Sie, mein Herr, daß ich mich zu Ihnen setze?"

"Aber bitte sehr, die Bank bietet reichlich Platz."

"Man sieht hier zwar sehr viele Gesichter, aber ich glaube, wir sind uns noch nie begegnet, nicht wahr?"

"Ich weiß nicht recht. Ihr Gesicht kommt mir so bekannt vor. Vielleicht haben wir uns doch schon ..."

"Entschuldigen Sie bitte, ich hatte vergessen, mich vorzustellen: Mein Name ist Hearst."

"Ja, natürlich! Ich kenne sogar Ihre Vornamen: William Randolph! Die Hearst-Presse war doch in aller Munde!"

"Ja, wie komme ich denn zu dieser Ehre? Sie sind doch kein Amerikaner, oder?"

"Nein, ich bin Deutscher, aber ich weiß, daß Sie ein ganz großer Zeitungsverleger waren. Und ein besonderes Ereignis hat bei mir die Erinnerung an Sie wachgehalten."

"Darf ich neugierig sein?"

"Ja, diese Sache liegt schon eine Weile zurück. Ich glaube, es kann etwa 1950 gewesen sein. Damals hatte Stalin das erste Interview seines Lebens einem westlichen Journalisten gegeben. Und dieser Mann war von der Hearst-Presse."

"Das ist ja erstaunlich, daß Ihnen dieses Ereignis in Erinnerung geblieben ist. Oder sind Sie ebenfalls Journalist? Ansonsten wird das wohl kaum ein Mensch heute noch wissen."

"Also, zu Ihrer Frage: Ich war kein Journalist. Im übrigen liegen mir diese Leute in neuerer Zeit ziemlich im Magen. Warum ich mich aber so gut daran erinnere, liegt daran, daß ich damals, also


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1950, bei meinem Bruder in Meiningen war. Dieses Städtchen liegt in Thüringen, der damaligen DDR."

"Ach ja, die DDR von Stalins Gnaden. - Aber darf ich Sie zuerst nach Ihrem Namen fragen? Ich möchte ja auch gern wissen, mit wem ich die Ehre habe."

"Ich heiße Otto Schulz und stamme aus Ostpreußen. Damit werden Sie aber nichts anzufangen wissen. Vielleicht, wenn ich meinen Geburtsort nenne: Königsberg?"

"Aber natürlich weiß ich, wo Königsberg liegt. Es ist doch die Geburtsstadt von Immanual Kant! Der mit dem 'Kategorischen Imperativ', nicht wahr? - Na sehen Sie, nun haben wir schon gemeinsame Bekannte! Aber ich habe Sie unterbrochen. Erzählen Sie bitte weiter!"

"Also Stalins Interview wurde in den Schulen der DDR lebhaft besprochen. Meine 15jährige Nichte kam nach Hause und erzählte, sie müsse einen Aufsatz darüber schreiben. Das ist so eine Art schriftliches Referat. Und da stach mich der Hafer. Ich erbot mich, diesen Aufsatz für sie zu schreiben."

"Und das war Ihre ganze Heldentat in diesem Stück?"

"Ach was! Der Witz lag darin, daß ich in diesem Aufsatz ein paar politische Querschläger eingebaut hatte, die nicht so leicht zu entdecken waren und die man wohl auch von einem 15jährigen Mädchen nicht erwarten konnte. Für diesen Aufsatz hat sie eine 'EINS' bekommen, also die beste Note. Und wir haben uns zu Hause köstlich darüber amüsiert."

"Sind Sie denn politisch besonders bewandert, oder wie kommen Sie dazu, so zu reagieren? Welchen Beruf haben Sie denn ausgeübt?"

"Nun ja, meine ganze Generation ist politisch besonders interessiert, weil es die Zeitumstände erforderten. - Von Beruf war ich Buchhändler."


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"Na ja, da haben wir zumindest auf ähnlichen Gebieten gewirkt."

"Da bin ich mir nicht so sicher. Die Journalisten sind doch nicht das, was im Grunde ihre Aufgabe wäre. Sie sollten informieren, aber was tun sie? Sie manipulieren! Gerade in heutiger Zeit kann man doch immer wieder feststellen, wie hinterhältig sie ihre Interviews verdrehen, wie eine bestimmte Richtung gefördert und eine andere verschwiegen oder verleumdet bis unterdrückt wird. Die Wahrheit bleibt absolut auf der Strecke!"

"Verehrter Herr Schulz, Sie haben ja eine schlimme Meinung von den Journalisten!"

"Ja! Und die ist fundamentiert! Die Journalisten sind charakterlos, weil sie sich für Geld verkaufen. Und diejenigen, die dahinterstecken, sorgen vor allem dafür, daß den Menschen die Wahrheit vorenthalten wird und die Kultur in allen Ländern der Erde vor die Hunde geht."

"Ihr hartes Urteil macht mich betroffen. Was sagen denn die Journalisten zu Ihrer Meinung?

"Die Masse lebt davon, daß sie für Geld alles tut, was von ihr gefordert wird. Selten gibt es einen Menschen dieses Standes, der einsichtig wird. Ein Landsmann von Ihnen, ein Amerikaner, kann meine Erkenntnis bestätigen."

"Da bin ich aber neugierig. Wer ist denn das?"

"Es ist dies der langjährige Herausgeber der 'New York Times', John Swaiton. Ich habe mir genau gemerkt, was er auf einem Bankett gesagt hat:

'Eine freie Presse gibt es nicht. Sie, liebe Freunde, wissen das, und ich weiß das gleichfalls. Nicht ein einziger unter Ihnen würde es wagen, seine Meinung ehrlich und offen zu sagen. Das Gewerbe des Publizisten ist viel mehr: die Wahrheit zu zerstören, geradezu zu lügen, zu verdrehen, zu verleugnen, zu Füßen des Mammons zu kuschen und sich und sein Land und seine Rasse um des täglichen


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Brotes willen wieder und wieder zu verkaufen. Wir sind die Werkzeuge und Hörige der Finanzgewaltigen hinter den Kulissen. Wir sind Marionetten, die hüpfen und tanzen, wenn sie am Draht ziehen. Unser Können, unsere Fähigkeiten und selbst unser Leben gehören diesen Männern. Wir sind nichts als intellektuelle Prostituierte!'

"Ich sehe, diese Worte machen Sie nachdenklich. Ist es so?"

"Da haben Sie völlig recht! Mir ist diese Tatsache gar nicht so bewußt geworden. Ich gehörte ja zu den Leuten, die das Geld und damit das Sagen hatten. Aber es stimmt, was Sie sagten und was dieser Swaiton behauptet hat. Allerdings habe ich noch folgende Erfahrung machen müssen: Es gibt eine andere Machtgruppe, die für die Öffentlichkeit kaum zu erkennen ist. Wer diesen Leuten nicht gefällt, oder besser ausgedrückt, wer ihre Interessen stört, der wird unnachsichtlich bekämpft. Sehen Sie, ich bin eigentlich der 'Erfinder' der Finanzierung einer Zeitung mit Hilfe der Inserenten. Das klappte auch sehr gut. Aber dann kam ich einigen anderen Leuten mit meinen Ansichten in die Quere und schon schalteten sie ihre Verbindungen ein, um meine Kunden, welche die Inserate bei meiner Presse aufgaben, zu erpressen. Sie machten diesen Kunden klar, wenn sie weiterhin bei mir inserieren würden, dann würden keine Käufer ihre Waren abnehmen. So wurde mein wirtschaftlicher Untergang eingeleitet."

"Sehen Sie, Mister Hearst, das ist genau die Lage in der heutigen Zeit. Alles, was diesen Leuten nicht paßt, wird unter Druck gesetzt. Somit machen sie sich die gesamte Presse und alle anderen Medien gefügig. So sieht es nicht nur in Amerika aus, sondern auch in Europa und seit kurzem sogar schon in Japan. Damit gibt es in der Welt nur noch eine Einheitsmeinung, die von gewissen Leuten gesteuert wird."


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"Herr Schulz, allerdings habe ich jetzt, für unseren Bereich, festgestellt, daß hier das Grundübel restlos beseitigt wurde. Haben Sie auch erkannt, daß es hier nicht möglich ist zu lügen und Lügen zu verbreiten?"

"Zwar bin ich noch nicht so lange in dieser Umgebung, aber das war so ziemlich das erste, was mir auffiel. Dieses Grundübel der gesamten Menschheit, das Lügen, ist hier eine Unmöglichkeit. Ich möchte gern einmal wissen, wie sich jetzt einige Leute dazu stellen, wenn man sie darauf ansprechen und um klare Auskunft bitten würde."

"Bedenken Sie einmal, Herr Schulz, was durch Lügen in der Welt alles an Unheil angerichtet worden ist! Nicht nur im Kreise einer Familie oder vor Gericht kam es durch die Lüge zu Katastrophen, sondern ganze Völker wurden manipuliert, gegeneinander aufgehetzt und es kam zu Kriegen!"

"Was halten Sie davon, Mister Hearst, wenn Sie hier einige dieser Größen, die in der Weltgeschichte eine bedeutende Rolle spielten, zu einem Interview bitten? Und ich würde mich Ihnen gern als Ihr Assistent anschließen."

"Die Idee ist nicht schlecht. Und da eine allgemeine Anweisung besteht, daß alle zuvorkommend miteinander umzugehen haben, halte ich solche Gespräche durchaus für möglich. Wir werden damit nichts mehr an der Vergangenheit ändern, aber es wäre doch für die Zukunft vielleicht lehrreich, wenn man sieht, um wieviel besser die Menschen leben könnten, wenn sie von vornherein alle Lügen vermeiden. Und Sie, mein lieber Herr Schulz, als mein Assistent, wären mir sehr willkommen."

"Und wen wollen wir zuerst um ein Gespräch bitten?"

"Da Sie vorhin das Interview mit Stalin erwähnten, meine ich, wir sollten bei ihm damit anfangen. Je nachdem, wie die Sache läuft, können wir später darüber nachdenken, ob wir mit anderen


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Persönlichkeiten unser Vorhaben erweitern. Von mir aus können wir morgen bereits beginnen. Ich schlage vor, wir treffen uns hier nach dem Frühstück und suchen dann Stalin auf. Sind Sie damit einverstanden?"

"Mit dem größten Vergnügen! Ich bin sehr gespannt, wie Stalin uns empfangen wird. - Welches Thema wollen Sie denn anschneiden?"

"Ja, das wird nun unser Problem sein. Wollen wir allgemein über die Ziele des Bolschewismus sprechen, oder wollen wir einen bestimmten Punkt herausgreifen?"

"Da der Zweite Weltkrieg wohl das bedeutendste Ereignis jüngster Zeit ist, wäre es sicher interessant zu erfahren, ob Stalin den Krieg geplant hatte oder ob er von Hitler tatsächlich überfallen wurde."

"Gut, bleiben wir bei diesem Thema. Ich werde mir die Fragen bis morgen überlegen. Ich bin gespannt, wie unsere Aktion laufen wird. Und was dabei herauskommt. Wir sehen uns also morgen an diesem Platz. So long, Herr Schulz!"

"Bis morgen, Mister Hearst!"

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