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1. Josef Stalin (1879 - 1953) und der Zweite Weltkrieg.

Josef Stalin

Hearst: "Guten Morgen, Mister Stalin! Darf ich Ihnen meinen Freund Otto Schulz vorstellen. "

"Guten Morgen, Mister Hearst. Ich bin schon im Bilde über Ihre Absicht, mich zu sprechen. Nur konnte man mir nicht sagen, was Sie genau wollen. Ihr Name ist mir durchaus bekannt. Sie waren doch der Zeitungs-König in den USA. Also, was wollen Sie von mir wissen?"

Hearst: "Wann begann Ihrer Meinung nach der Zweite Weltkrieg? War es der 1. September 1939 oder der 22. Juni 1941 oder gibt es ein ganz anderes Datum?"


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"Das ist eine sehr schwer zu beantwortende Frage. War denn der Erste Weltkrieg richtig zu Ende? Wurde der Waffenstillstand nicht unter der Voraussetzung der 14 Wilson-Punkte geschlossen? Ich meine, es war so. Aber diese 14 Punkte wurden von den Alliierten nicht erfüllt. Deutschland hatte die Waffen wie vereinbart niedergelegt. Aber danach wurde Deutschland auf allen Gebieten geknebelt. Das versprochene Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde den Deutschen danach wieder aberkannt. Ein solches Verhalten konnte nur zur Folge haben, daß sich das deutsche Volk eines Tages seine Rechte erkämpfen würde. Dieses haben namhafte Politiker, wie der Engländer Lloyd George, früh erkannt und auch vor den möglichen Folgen gewarnt. Und deshalb meine ich, daß der Erste Weltkrieg im Grunde noch gar nicht beendet war."

Hearst: "Darf ich Sie hier unterbrechen, Mister Stalin. Diese Sachlage ist vielen Menschen bekannt. Wir möchten jedoch von Ihnen hören, wann im engeren Sinne der Zweite Weltkrieg begonnen hat. Die möglichen Daten nannte ich Ihnen bereits. Dazu gehört auch die Frage, ob der Kommunismus an seinem Ziel der Welteroberung festgehalten hat, oder ob er es jemals aufgab. "

"Natürlich sind wir unserem Ziel - Proletarier aller Länder vereinigt Euch - immer treu geblieben. Schon Lenin hat uns gelehrt, daß es für die Zukunft nur eine Frage der Taktik sei, wann dieses Ziel direkt angegangen werden kann. So gesehen lagen wir zu jeder Zeit auf der Lauer, eine günstige Möglichkeit zu entdecken. Ich muß jedoch zugeben, daß wir diese Absicht auf die lange Bank schieben mußten, als wir erkannten, daß in den Jahren 1918 und 1919 die Deutschen als Revolutionäre restlos versagt hatten. Sie wollen immer alles in geordneten Bahnen verlaufen lassen, wenn sie etwas umzukrempeln versuchen. Echte Revolutionäre sind die Deutschen nicht. Und sie waren unsere ganze Hoffnung! Wenn


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Deutschland kommunistisch geworden wäre, dann hätten wir mit der übrigen Welt ein leichtes Spiel gehabt.

Gut, die Chance war eben keine. Also mußten wir abwarten. Dabei haben wir nicht etwa die Hände in den Schoß gelegt, sondern an viele Möglichkeiten gedacht, die sich aus den politischen Lagen in Europa ergaben.

1933 hätte ein solches Datum werden können, um unsere Ziele mit Hilfe der deutschen Kommunisten in Europa zu erreichen. Wieder hat es nicht geklappt. Die deutschen Kommunisten waren weder Strategen noch Taktiker. Hitler war uns um Längen überlegen. Ich weiß nicht, ob ihm der Reichstagsbrand hilfreich gewesen ist, sich so rigoros durchzusetzen. Ich habe mich auch später nicht mehr dafür interessiert, ob dieser Brand von den Nazis oder den Kommunisten oder diesem holländischen Einzelgänger gelegt worden ist. Da müßten Sie schon Hitler oder den Holländer oder Thälmann fragen!

Jedenfalls war die Chance wiederum verpaßt. Und uns blieben nur weitere Planspiele übrig und das Warten auf unvorhergesehene Gelegenheiten. Was sich dann nach 1933 in Deutschland abgespielt hat, haben wir sehr aufmerksam beobachtet. Daß Deutschland sein eigenes Land, also das Rheinland, wieder voll unter seine Hoheit nahm, auch wehrpolitisch, was man naiv mit Bruch des Versailler Vertrages bezeichnete, brachte für uns keine neue Situation, die wir hätten nutzen können. Die Rückgabe des Sudetenlandes entsprechend dem proklamierten Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde von den Westmächten als gerechtfertigt angesehen. Was sollte die Sowjetunion sich da einmischen? Wir waren doch von jeher der Meinung, daß man Deutschland gründlich übers Ohr gehauen hatte."


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Hearst: "Mister Stalin, die Sowjetunion war ja sehr beweglich in ihren Ansichten. So gab es nach kommunistischer Lehre gerechte und ungerechte Kriege. In Deutschland hatte sich nach 1933 einiges verändert. Wie war Ihr Verhältnis zu Nazi-Deutschland? Sahen Sie eine Möglichkeit, es militärisch anzugreifen, denn auf die deutschen Kommunisten war wohl kein Verlaß, wie Sie bereits sagten. Ich nehme an, es wäre dann ein 'gerechter' Krieg gegen Nazi-Deutschland gewesen? "

"Ich habe unter den damals herrschenden Umständen nicht daran gedacht, Deutschland militärisch anzugreifen. Wie sollte denn dies möglich gewesen sein? Wir hatten ja keine gemeinsame Grenze. Das war der springende Punkt.

Dann hat sich die Lage jedoch Zug um Zug zu unseren Gunsten geändert. Deutschland wurde für die westliche Welt, sprich England und die USA, wirtschaftlich zu stark. Besonders England erkannte hier einen unliebsamen Rivalen.

Nachdem Pilsudski gestorben war, schlug in Polen wieder der alte Chauvinismus durch. Mit Pilsudski wäre Hitler sogar bereit gewesen, gegen die Sowjetunion zu kämpfen, aber die Stimmung schlug blitzartig um. Mit den dort herrschenden Politikern war kein vernünftiges Wort mehr zu sprechen. Als Hitler das Angebot machte, in dem sogenannten Korridor eine Volksabstimmung vorzunehmen und je nach dem Ergebnis eine Eisenbahnlinie und Autobahn von Ost nach West oder von Süd nach Nord zu legen, da sahen die Engländer eine Möglichkeit, einen neuen Krieg zu inszenieren. Daß die Engländer unbedingt einen Krieg haben wollten, wurde deutlich genug gesagt. Es ist nur erstaunlich, daß Hitler dieses nicht wahrhaben wollte.

Ich habe jedenfalls die Absicht klar erkannt. Und als bei der Zuspitzung des deutsch-polnischen Verhältnisses die Engländer und Franzosen mit der Sowjetunion zwecks eines Bündnisses


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verhandeln wollten, war für mich klar, welchen Weg ich gehen mußte. Denn seit Lenin war für uns das Ziel, einen Krieg in Mitteleuropa als Abnutzungskrieg für uns auszuschlachten und erst dann einzugreifen, wenn die Kontrahenten müde werden. Dazu kam noch ein weiteres Angebot, das unsere Lage verbesserte: Durch den Molotow-Ribbentrop-Vertrag kamen wir zu der ersehnten gemeinsamen Grenze zu Deutschland. Nicht nur, daß wir uns an der polnischen Ostgrenze gegenüberstanden, verzichtete Hitler in einer unerklärlichen Großzügigkeit auf seine möglichen Interessen im Raum der Baltischen Staaten. Diese Gelegenheit haben wir sehr schnell wahrgenommen und gehandelt. Wir besetzten einfach die Baltischen Staaten, ohne Hitler darüber zu informieren.

Nun komme ich zum Kern Ihrer Fragen, meine Herren: Der Pakt zwischen der UdSSR und Deutschland wurde am 23. August 1939 geschlossen. Wir waren vorher aber bereits in Verhandlungen getreten, und ich wußte, wie die Sache ausgehen würde. Deshalb hatte ich für den 19. August 1939 das Politbüro zusammengerufen und erklärt, daß jetzt der Zeitpunkt gekommen sei, uns auf den gewünschten europäischen Krieg einzustellen. Es wurden auf dieser Sitzung auch die Schritte festgelegt, die Baltischen Staaten zu besetzen. Somit wurde unsere gemeinsame Grenze zu Deutschland erweitert und der Weg frei für unser militärisches Vorgehen gegen Westeuropa."

Hearst: "Mister Stalin, Sie sprechen von einem Krieg gegen Westeuropa? Sie glaubten doch gewiß nicht an ein Zusammengehen der Westmächte mit Deutschland!"

"Keineswegs! Aber unser Ziel war nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa als Basis für die Weltrevolution. Der Startpunkt des bevorstehenden Weltkrieges war mit unserer Erkenntnis der neuen Lage erreicht. Dieses habe ich am 19. August


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1939 dem Politbüro vorgetragen. Wir wußten also, daß unsere Stunde gekommen war. Der 19. August 1939 sollte das historische Datum werden!"

Hearst: "Mister Stalin, Sie meinen also, daß der 19. August 1939 der Beginn des Zweiten Weltkrieges war?"

"Genau das meine ich!"

Hearst: "Aber die ganze Welt spricht doch davon, daß dieser Zeitpunkt der 1. September 1939 gewesen sei, als Hitler in Polen einfiel!"

"Meine Herren, wenn Sie den Einmarsch Deutschlands nach Polen als den springenden Termin nehmen wollen, so sollten Sie wissen, daß der Warschauer Rundfunk am 31. August 1939 um 24 Uhr meldete, die polnischen Streitkräfte seien auf dem Wege nach Berlin und man erwartet, in einer Woche in Berlin einmarschieren zu können. Und vergessen Sie eins nicht: Polen hat am 30. August 1939 die Generalmobilmachung befohlen. Dies gilt nach internationalem Völkerrecht von 1892 als Kriegserklärung!"

Hearst: "Darüber ist in den westlichen Medien und vor allem von den Historikern nichts zu hören. Haben Sie eine Erklärung dafür?"

"Das dürfte doch wohl jedem, der die Absicht des Westens kennt, klar sein. Deutschland mußte vor aller Welt als der Angreifer angeprangert werden. Es wird ja auch verschwiegen, was mit den Deutschen in Polen vor dem 1. September 1939 getan wurde. Auch der Mord an dem deutschen Konsul in Krankau wird unterschlagen.

In diese Linie fällt auch das Verschweigen der Kriegserklärungen Englands und Frankreichs an Deutschland. Es wundert mich nur, daß die Deutschen selbst alle diese Tatsachen verschweigen. Das heißt, es wundert mich doch wieder nicht, denn die BRD erfüllt die Wünsche der westlichen Siegermächte wie die DDR die Wünsche


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der UdSSR erfüllte. Für solche Handlangerdienste waren alle deutschen Poltiker immer gern bereit. Ich glaube, keine andere Nation hätte sich jemals dieses alles gefallen lassen."

Hearst: "Mister Stalin, da fällt mir eine Sache ein, die von einer französischen Zeitung im Herbst 1939 verbreitet wurde. Da wurde, wenn ich nicht irre, das Datum vom 19. August 1939 und eine Rede von Ihnen im Politbüro genannt. Ich meine, Sie haben diese Zeitungsmeldung aber dementiert. War das so? "

"Genau! Irgendwie hatte diese französische Zeitung Wind von der Tagung des Politbüros bekommen. Aber schlimmer war, daß über den Inhalt meiner Rede geschrieben wurde: daß wir uns darüber einig gewesen seien, nun den von uns gewünschten europäischen Krieg beginnen zu können. Das heißt, es mußte in unseren Reihen ein Verräter gewesen sein. Aber wer? Wir kamen nie dahinter. Wir waren uns jedenfalls sicher, daß England und Frankreich in den Krieg eintreten würden, ebenso die USA. Und aus dieser Entwicklung hofften wir, die Abnutzung der verfeindeten Streitkräfte ausnutzen zu können, um im entscheidenden Augenblick die Initiative zu ergreifen. Wir wollten mit unserer Roten Armee ganz Europa im Handstreich besetzen. Wir wußten ja auch, daß die deutsche Wehrmacht zahlenmäßig uns weit unterlegen war. Als dann später Hitlers Wehrmacht überall in Europa gebunden war, fühlten wir uns vor möglichen Aktionen gegen uns sicher. Wir haben uns deshalb auch gar nicht auf einen Angriff Deutschlands gegen uns eingerichtet. Im Gegenteil, wir haben ganz auf Angriff gesetzt und alle nötigen Vorbereitungen getroffen."

Hearst: "Bedeutet Ihre Erklärung, daß die Sowjetunion keinerlei Vorkehrungen getroffen hatte, einem möglichen deutschen Überfall militärisch zu begegnen?"


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"So ist es, wir haben bereits nach dem 19. August 39 nur noch an eine Vorwärtsstrategie gedacht. Es wurden alle Minen im Hinterland abgebaut, keine Befestigungen errichtet, die, welche bestanden, wurden sogar geschleift, um zu verwertbarem Material zu kommen. Dagegen haben wir insbesondere unsere Panzertypen zusammengezogen, die für die guten und ausgebauten Straßen Deutschlands und des Westens geeignet waren. Auch die Luftwaffe stand mit ihren Luftlandetruppen in einem solchen Umfang bereit, daß die Besetzung Westeuropas in einem Blitzkrieg hätte erfolgen können."

Hearst: "Mister Stalin, warum haben Sie diesen Blitzkrieg nicht gestartet? "

"Uns war bewußt, daß Hitler unsere Vorbereitungen kennen mußte. Wir waren uns so sicher, daß er gegen eine solche Übermacht nicht das Gesetz des Handelns an sich reißen würde. Wir meinten, einen solchen Selbstmord würde er nie und nimmer unternehmen.

Erst später kam ich zu dem Schluß, daß ihm eigentlich gar kein anderer Ausweg übrig geblieben ist, als einen Präventivschlag zu unternehmen."

Hearst: "Wenn es die Absicht der Sowjetunion gewesen ist, Westeuropa zu überfallen, Hitler aber diesem Vorhaben in den Arm gefallen ist, so ist die einzige Schlußfolgerung ja gar nicht weiter zudenken... "

"Ihre Gedanken, Mister Hearst, können Sie ruhig aussprechen. Wenn man sich bemüht, emotionell bedingte Schlüsse zu vermeiden und mit kühlem Kopf sondiert und erkennt, was Sache ist, dann bleibt nichts anderes übrig als festzustellen: durch Hitlers Angriff am 22. Juni 1941 gegen die Sowjetunion wurden alle unsere Pläne, die Bolschewisierung Westeuropas, zerschlagen. Für den Kommunismus ist dieses eine herbe Niederlage gewesen. Der


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Westen kann sich bei Hitler dafür bedanken, daß er nicht kommunistisch geworden ist."

Hearst: "Mister Stalin, wir danken Ihnen für Ihre Offenheit!"

"Sie brauchen sich nicht zu bedanken. Ich habe hier ja keine Wahl, als die Wahrheit zu sagen. Vielleicht sehen wir uns noch einmal wieder?"

Hearst: "Das würde uns sehr freuen!"

***

"Nun, mein Freund, wie sind Sie mit unserm Interview zufrieden?"

"Mister Hearst, ich bin begeistert! Stalin hat uns ja völlig neue Gesichtspunkte eröffnet."

"So ist es! Im übrigen ist alles sogar logisch. Wenn man keine irgendwie gefärbte, durch eine Ideologie verklemmte Brille trägt, dann ist alles absolut einleuchtend, was er gesagt hat."

"Im Grunde müßten doch auch andere Leute zu solcher Einsicht gekommen sein. Warum spricht niemand darüber und stellt diese Möglichkeiten zur Debatte?"

"Ganz einfach: Auf der Erde herrscht die Macht der Lüge. Und diese ist die Grundlage von Machtkämpfen. Wer das Instrument der Lüge am besten beherrscht, schreibt die Historie. Wenn die Lüge nicht wäre, könnten viele Probleme leichter gelöst werden.

Aber was halten Sie davon, Mister Schulz, wenn wir uns weiterhin die Zeit mit solchen Interviews vertreiben?"

"Und wen schlagen Sie als nächsten Gesprächspartner vor?"

"Ich glaube, es liegt uns zwangsläufig niemand näher als Adolf Hitler."

"Sehr gut! Wollen wir morgen bereits bei ihm vorsprechen?"

"Einverstanden! Wir sehen uns zur gewohnten Zeit. So long, Mister Schulz!"

"Auf Wiedersehen, Herr Hearst!"

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