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31. Dr. Dr. Erwin Goldmann (1891 - 1976) - 'Zwischen zwei Völkern'.

Otto Schulz: "Herr Doktor Goldmann, ich habe Ihr Buch gelesen. Es hat einen unauslöschlichen Eindruck bei mir hinterlassen. Jeder Deutsche und jeder Jude sollte es lesen! Bitte, erzählen Sie uns etwas über Ihr Leben."

"Das ist ein langer Weg. Meine Familie lebte seit rund 500 Jahren in Deutschland. Die Vorfahren fühlten sich bereits seit langer Zeit mehr als Deutsche, denn als Juden. Als meine Familie erkannte, daß nur das Festhalten an völkischen und religiösen Überlieferungen ein Aufgehen in das Wirtsvolk verhindert, wurde der Entschluß gefaßt, dies zu ändern. Wir traten zum christlichen Glauben evangelischer Fassung über. Damit waren die


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Voraussetzungen geschaffen, uns als Deutsche zu fühlen; mit allen Rechten, aber auch mit allen Pflichten.

Aus diesem tiefsitzenden Gefühl, Deutscher zu sein und mich ganz und gar zu meinem Vaterland zu bekennen und mich dafür einzusetzen, habe ich als Motto zu meinem Buch die letzten Worte von Rudolf Heß gewählt, die er 1946 vor dem Nürnberger Siegertribunal sprach:

'Ich bin glücklich zu wissen, daß ich meine Pflicht getan habe meinem Volk gegenüber. Selbst wenn ich könnte, wollte ich diese Zeit nicht auslöschen aus meinem Dasein. Ich bereue nichts. Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder handeln, wie ich handelte, auch wenn ich wüßte, daß am Ende ein Scheiterhaufen für meinen Flammentod brennt.'"

Schulz: "Hat man Sie in der NS-Zeit als Jude oder als Deutschen behandelt?"

"Ich habe zuerst noch als Arzt praktizieren dürfen. Später wurde ich als Leitender Arzt abgesetzt, denn ich fiel blutsmäßig unter die Nürnberger Gesetze. Aber das war kein Hinderungsgrund, von Hermann Göring mehrfach empfangen zu werden. Er hatte von einem meiner Briefe gehört, die ich weder an ihn noch an seine Behörde geschickt hatte, sondern an einen Bekannten. Mit Göring konnte ich reden wie mir der Schnabel gewachsen war. Er trat auch für eine gute Lösung für solche Juden ein, die durch ihr Leben bewiesen hatten, zum Deutschtum zu stehen. Er sagte mir, auch mit Hitler darüber gesprochen zu haben, daß solchen Juden, die sich mehr einem künftigen jüdischen Staat zugehörig fühlten, ein eigenes Vaterland geschaffen werden müßte. Nicht gerade in Palästina, weil es da ganz gewiß Ärger mit den Arabern geben würde, aber irgendwo in der Welt müsse es einen Platz für die Juden geben.


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Erst 1941 wurden die Fronten zwischen der Regierung und den Juden härter, als sich das so 'judenfreundliche' Ausland hartnäckig weigerte, Juden aus Deutschland aufzunehmen. Hinzu kam, daß die Hetze der Juden im Ausland immer stärker wurde und auch Früchte im Reichsgebiet zu tragen begann. Es bildete sich eine Art 5. Kolonne.

Es ist überhaupt erstaunlich, wie die Feindmächte sich gegen den Einsatz von Juden in Arbeitslagern wandten, während sie selber keinen Finger krümmten, um ihren Blutsbrüdern zu helfen, andererseits selbst aber Internierungslager für Angehörige der Feindstaaten unterhielten. Bloß davon sprach niemand." Schulz: "Wann kamen Sie in ein KL?"

"Das war sofort, als die Amerikaner nach Süddeutschland kamen, also im Jahre 1945."

Schulz: "Soll das heißen, Sie - wurden von den Deutschen nicht ins KL gesteckt?"

"Genau das ist richtig! Es wurden nicht alle in ein KL verbracht, die jüdischer Abstammung waren."

Schulz. "Doktor, sehen Sie eine Möglichkeit, daß sich Juden und Deutsche wie gesittete Menschen gegen- oder besser miteinander verhalten könnten?"

"Die Möglichkeit besteht durchaus. Nur müßte der gute Wille von beiden Seiten kommen. Es geht nicht, daß man die einen mit dem Teufel vergleicht, sich selber aber als Engel hinstellt." Schulz: "Was meinen Sie damit? Wie sind denn die Rollen verteilt"?

"Das herauszufinden, dürfte nicht so schwer sein, aber dahinter müssen die beiden schon allein kommen!"

***


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Vita des Autors:

Erich Glagau wurde am 17. Juli 1914 in Königsberg/Pr. geboren. Er wurde Pilot (Luftfahrtsachverständiger), zuerst zivil, dann bei der Luftwaffe.

Erst im Ruhestand konnte er sich dem Schreiben widmen. Zu seinen vielen Kurzgeschichten folgten Romane und Sachbücher, die wohltuend mit Humor gewürzt und voller Spannung geladen sind. 15 Bücher hat er inzwischen geschrieben. Sie machten Erich Glagau als Autor nicht nur in Europa, sondern auch in Übersee bekannt.

Seine literarische Vielseitigkeit wird durch „Erdachte Gespräche" mit historischen Persönlichkeiten unter Beweis gestellt.


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