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30. Albert Speer (1905 - 1981), - kein Nationalsozialist!

Albert Speer

"Mister Schulz, inzwischen ist mir noch ein Kandidat eingefallen, den ich befragen möchte. Es ist dies der NS-Rüstungsminister Albert Speer, den man in Nürnberg sonderbarerweise nicht aufgehängt hat. Suchen wir ihn auf!"

Hearst: "Mister Speer, Sie gehörten als Rüstungsminister zur Spitze der deutschen Reichsregierung. Sie wurden in Nürnberg ebenfalls angeklagt, aber im Gegensatz zu Ihren Kollegen nicht aufgehängt. Warum diese Ausnahme?"

"Das ist eine schwierige Antwort. Wie ich von einigen Mitangeklagten hörte, wurde ihnen übel mitgespielt. Von den Wachsoldaten wurde ihnen reihenweise ins Essen gespuckt, und


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man zwang sie, diese Brühe auszulöffeln. Andere wurden geschlagen. Also, es geschah so manches, was wir unter sogenannten zivilisierten Menschen, wenn auch Gegnern, nicht erwartet hatten. Ich möchte aber nur für mich sprechen, was ich erlebt habe. Zwei Vernehmungsoffiziere mit deutschklingenden Namen sagten mir, sie wollen mir eine Chance bieten, einigermaßen ungeschoren davonzukommen. Ich fragte, was ungeschoren hieße. Sie sagten: 'Ihr Urteil steht fest. Sie werden auf jeden Fall aufgehängt.1 Daß mir daraufhin die Knie weich wurden, können Sie sich vorstellen. Als die Vernehmer sahen, welchen Erfolg sie mit der Drohung hatten, erklärten sie, daß sie meine Bereitschaft zur Zusammenarbeit erwarteten. Um diese zu erreichen, ständen ihnen die verschiedensten Mittel zur Verfügung. Man könne mir ebenfalls ins Essen spucken, mich foltern, meine Familie umbringen oder verstümmeln. Ich könnte wählen.

Mein jämmerlicher Zustand wurde dadurch nicht behoben, im Gegenteil. Ich stellte mir einige Möglichkeiten vor und muß dabei wohl ziemlich blaß geworden sein. Zu einer Antwort war ich nicht fähig. Dann rückten sie mit einem Angebot heraus: 'Wenn Sie das vor Gericht aussagen, was wir wünschen, können wir Sie vor dem Galgen retten.'

Jetzt fühlte ich eine Chance. Ich habe nicht überlegt, ob das Angebot auch wirklich gelten würde. Ich hatte nur noch meine Rettung im Kopf. Ich fragte: 'Was wünschen Sie genau von mir?' Sie meinten, ohne sich festzulegen, das würden sie mir von Fall zu Fall sagen, und sie wollten sehen, ob ich mein Versprechen halten würde."

Hearst: "Was haben Sie im einzelnen vor Gericht ausgesagt?"

"Alles ist mir nicht mehr in Erinnerung. Aber sie wollten hören, daß es auch Leute in der Regierung gab, die bereit gewesen waren,


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Hitler in den Rücken zu fallen. Damit wollten sie diejenigen mehr belasten, die nicht mit dem Gericht zusammenzuarbeiten gedachten. Das war für mich der Anlaß, von meinem geplanten Attentat auf Hitler zu sprechen."

Hearst: "Wie sollte das Attentat aussehen, und warum haben Sie es nicht ausgeführt?"

"Ich wollte Hitler in einem unterirdischen Raum mit Gas vergiften. Es kam aber nicht zu der Ausführung, weil ich keine Leiter fand, um an den Schacht heranzukommen."

Hearst: "Die Erklärung klingt aber sehr fadenscheinig. Hat man sie Ihnen abgenommen?"

"Ich war mir dessen gar nicht bewußt. Aber mir war in dem Moment nichts anderes eingefallen. Es wurde ja alles geglaubt, wenn es nur der Anklage hilfreich war. Und es sollten damit auch andere Leute belastet werden. Ich hatte in diesem Punkt mein Soll für die Vernehmer erfüllt."

Hearst: "Hat man spezielle Antworten von Ihnen gefordert, die offensichtlich ihre Mitangeklagten belasten sollten?"

"Ja, es wurden unter anderem ganz persönliche Diskriminierungen meiner Kollegen verlangt. Sie sollten in der Öffentlichkeit das Bild einer verkommenen Clique formen."

Hearst: "Und Sie haben dabei mitgespielt?"

"Ja, ich hatte immer den Galgen vor meinen Augen und dachte nur an meine Rettung."

Hearst: "Sie wurden am Ende also nicht zum Tode verurteilt, aber Sie bekamen zwanzig Jahre Haft. Waren Sie darüber froh, oder hatten Sie ein besseres Abschneiden erwartet?"

"Am Tage der Urteilsverkündung war ich froh. Später wurden mir die Jahre der Haft doch recht lang."

Hearst: "Sie haben nach Ihrer Entlassung aus Spandau aber weiterhin im Sinne des Gerichts das verbreitet, was die Alliierten


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seinerzeit in Nürnberg von Ihnen verlangten. Sie gingen wiederum in persönliche Einzelheiten und diffamierten weiterhin Ihre Kameraden. Warum taten Sie das, es war doch wohl nicht nötig oder?"

"Ich wurde nach meiner Entlassung von einem Herrn aus England besucht, der mir erneut drohte, es könnte mir ein Unfall zustoßen, oder meiner Familie könnte etwas passieren. Da ich in Nürnberg zu allem bereit gewesen wäre, setzte man jetzt voraus, daß ich es wieder tun würde. Und ich tat alles, was von mir verlangt wurde. Auch mein Buch wurde unter diesem Druck geschrieben."

Hearst: "Und wie fühlen Sie sich nun, Mister Speer?"

"Wie ein Lump."

Hearst: "Wir wollen Ihnen nicht widersprechen, Mister Speer."

***


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