FRIEDRICH NIETZSCHE

FRIEDRICH NIETZSCHE (1844-1900), Professor der Philologie, las mit 21 Jahren Schopenhauers Hauptwerk: "Die Welt als Wille und Vorstellung." Er war von dessen Aussage so beeindruckt, daß er das Buch in einem Zuge durchgelesen hatte. Der rücksichtslose Ansatz des Seziermessers an die menschliche Psyche und Gesellschaft, der ehrliche Zweifel am Sinn des Daseins erschütterte den sensiblen Friedrich Nietzsche und ließ in ihm die Überzeugung reifen, daß der Mensch mit seinen Wertvorstellungen am Ende ist. Da hilft auch kein Reformieren mehr, sondern nur die Einleitung eines neuen Abschnittes der menschlichen Evolution kann eine Sinngebung des Daseins erreichen. Die Voraussetzung ist aber die endgültige Auflösung der mittelalterlichen Geisteswelt mit dem Risiko einer notwendigen nihilistischen Zwischenphase, die jene unbrauchbar gewordenen Traditionen und Erfahrungen "verbrennt", welche einer radikalen Neuordnung im Wege stehen. " Nur aus dem Chaos kann ein neuer tanzender Stern geboren werden" ist seine kompromißlose Formel. Die Feststellung: "Gott ist tot" hat er sich in schweren seelischen und geistigen Kämpfen im vollen Wissen abgerungen, daß er damit dem Menschen die psychologisch noch notwendige Abstützung zum Zwecke des aufrechten selbständigen Ganges wegnimmt. Beläßt er ihm diesen psychisch zweckmäßig gewesenen "göttlichen Krückstock", kann er nie aus eigener Kraft frei ausschreiten und bewußt die volle Verantwortung für sich und seine Umgebung übernehmen. Der Mensch muß aus seiner noch gespaltenen Lebensweise zwischen Gottergebenheit und wissenschaftlicher Anmaßung heraustreten. Nur so kann ein neuer, diesseits bejahender Menschentyp entstehen, der die nächsthöhere Stufe des Menschen erreicht. Der europäische Bruchstückmensch mit "großen Ohren", nur "großem Mund und Augen" oder "kleinem Körper", auch der "mit großen Kopf" und "dünnen Fadenleib" oder umgekehrt muß verwandelt werden in eine gutproportionierte Erscheinung, aus der ein edler Geist leuchtet. Der heutige willensschwache Mensch hat keine Zukunft mehr, der nächsthöhere, der über dem heutigen stehende, der Übermensch muß Wirklichkeit werden. Neue Erziehungsideale können ihn über Generationen hinweg existent werden lassen. Ein neuer Adel - die Traditionsaristokratie ist erschöpft und am Ende - soll die Spitze der Gesellschaftspyramide bilden. Weder Könige, Klerus, noch Kapitaleigner sind in der Lage, den Menschen neue Werttafeln, Ziele und Lebensinhalte zu geben. Nur ganzheitlich Denkende, philosophisch Gebildete können diesen überragenden Führungstypus darstellen. Er muß rechtwinkelig an Leib und Seele sein, der ein klares Ja und ein sicheres Nein spricht und den geraden Weg auf ein hohes Lebensziel hin als Vorbild beschreitet. Erst dann bekommt sein "Wille zur Macht" eine der Gemeinschaft dienende Funktion im Sinne einer leiblich - ästhetisch - geistigen Höherführung. Die Völker Europas, die sich einigen müssen, bedürfen neuer seelischer und kultureller Höhen, wenn sie nicht untergehen wollen. Er prophezeite für das 20. Jahrhundert die größten Wirtschafts- und Sozialkriege der Menschheitsgeschichte und den darauf folgenden Nihilismus als Auslöser einer neuen Ordnung. Nietzsche schreibt, nein, er kündet an: "Innerhalb der nächsten 50 Jahre werden die Regierungen dieses modernen Babel, des demokratischen Europa, in einen gigantischen Krieg um die Märkte der Welt aufeinanderprallen. Vielleicht wird aber jener Irrsinn zur Vereinigung Europas führen, ein Ziel, für dessen Erreichung selbst ein Wirtschaftskrieg kein allzu hoher Preis wäre. Denn nur in einem vereinigten Europa kann sich jene höhere Aristokratie entwickeln, durch die Europa erlöst werden könnte."

Dem deutschen Volk überträgt er für diese europäische Einigung eine besondere Verantwortung, indem er feststellt: "...und doch steckt in diesen Deutschen ein angeborener Ernst und eine Tiefe, die zu der Hoffnung berechtigt, daß sie Europa erlösen könnten. Sie haben Ausdauer, Fleiß, daher ihre Gelehrsamkeit, ihre Wissenschaft und militärische Disziplin. Könnte die deutsche Organisationsgabe mit den mächtigen Vorräten Rußlands an Material und Menschen Hand in Hand arbeiten, so würde das Zeitalter der großen Politik anbrechen. Wir brauchen ein unbedingtes Zusammengehen mit Rußland. Es gibt keine andere Wahl, es sei denn, sich einkreisen und erwürgen zu lassen." Mit dieser fast unheimlich wirkenden Prophetie hat der intuitionsbegabte, mit dem sechsten Sinn philosophierende Nietzsche gegenwärtige Realitäten angesprochen, wie es vor ihm und nach ihm kein Denker getan hat.

Seine gesellschaftskritischen Äußerungen lassen nichts ungeschoren. Den wirtschaftlichen Materialismus und den Haupttyp seines Hervorbringers - Ausnahmen bestätigen die Regel - charakterisiert er unbarmherzig. Der Bourgeois, der sich einbildet, durch die Macht des Kapitals Politik zu beeinflussen oder gar zu machen, wird von ihm auf die unterste Ebene der kulturellen und aristokratischen Wertskala eingeordnet: "Sie haben keine Zeit für neue Ideen, das Denken ist für sie tabu, und die Freuden des Geistes sind jenseits ihrer Fassungskraft. Daher ihr ruheloses und unaufhörliches Suchen nach Glück, ihre großen Häuser, die niemals ein Heim sind, ihr vulgär geschmackloser Luxus, ihre Gemäldegalerien aus Originalen mit Preisangabe, ihre sinnlichen Freuden, die den Geist eher abstumpfen als erfrischen oder anregen. Seht mir doch diese Überflüssigen! Reichtümer erwerben sie und werden ärmer damit. Sie übernehmen alle Schranken der Aristokratie, ohne durch den Zutritt zum Königreich des Geistes dafür entschädigt zu sein. Seht sie klettem, diese geschwinden Affen! Sie klettern übereinander hinweg und zerren sich so also in den Schlamm, in die Tiefe; übel riechen sie mir alle zusammen, die Götzendiener. Es ist zwecklos für solche Leute, Reichtum zu besitzen, denn sie können ihm nicht durch edle Verwendung, durch einsichtige Unterstützung der Wissenschaften und Künste Würde verleihen."

Und so rundet sich seine kritische Analyse des 19. Jahrhunderts philosophisch, religiös, kulturell, politisch ab, indem sie zugleich den geistigen Angriff auf das 20. und 21. Jahrhundert beinhaltet. Nietzsche war Seher und ein rücksichtsloser Aufdecker der menschlichen Psyche, vor allem aus den Erfahrungswerten der europäischen Völker abgeleitet. Er kündigt uns Gegenwärtigen die Entscheidungen an, ob sie uns passen oder nicht: Jene Rassen, die diese Philosophie nicht vertragen können, sind dem Untergang geweiht, und jene, die in ihr den größten Segen erblicken, sind zu Herren der Welt bestimmt.

Die Zeit kleinlicher Politik ist vorbei, man ist verpflichtet, große Politik zu treiben. Wann wird die neue Rasse auftreten, wann die neuen Führer? Wann wird Europa geboren?"

Und um seine herausfordernde Sprache noch einmal einmünden zu lassen in den Sehnsuchtsgedanken eines neuen Führungsadels, den er als Voraussetzung für die Erneuerung Europas erachtet, mögen nachstehende Gedanken erklärend wirken: "Wehe dem Denker, der nicht der Gärtner, sondern nur der Boden seiner Gewächse ist. Wer ist es, der seinen Trieben Folge leistet? Der Schwächling: ihm fehlt die Kraft des Verhindems, er ist nicht stark genug, um nein sagen zu können, sondern ist ein Mißklang, ein Dekadenter. Sich selbst zu disziplinieren - das ist das höchste. Der Mensch, welcher nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich bequem zu sein. Ein Ziel zu haben, dem zuliebe man gegen andere, vor allem aber gegen sich selbst, unerbitterlich sein kann, ein Ziel, für das man fast alles tun würde, nur keinen Freund verraten - das ist der Adelsbrief des Vornehmen, das oberste Kennzeichen des Übermenschen."

Diese Philosophie Nietzsches, sprachlich einmalig zum Ausdruck gebracht, mit einer rücksichtslosen Wahrheitsliebe den geistigen und seelischen Entwicklungsstand der weißen Rasse aufzeigend, mußte gegen die bestehenden religiösen und politischen Machtzustände Stellung beziehen. Er wurde in seiner Lebenszeit nur von wenigen gelesen und noch weniger verstanden. Das wußte er auch und drückte dies so aus, daß er für die nächsten 200 Jahre vorausahnt und denkt. Es kann ihn nur der begreifen, der selbst bereits sich in diesem Erkenntniszustand befindet. Er will und kann niemanden zu dieser Denkweise überreden, sondern nur Gleichempfindenden die gedankliche Zielrichtung eröffnen.

DER LANGSAME TOD GOTTES

Friedrich Nietzsche ist der Endpunkt einer philosophisch religiösen Entwicklung, deren Inhalt 2500 Jahre umfaßt. Mit ihm beginnt zugleich ein neuer Abschnitt der Geistes- und Naturgeschichte. Eine solche Feststellung mag sich als übertrieben anhören, aber verfolgt man kurz zusammengefaßt die geistesgeschichtliche Entwicklung von den griechischen Philosophen bis in das 19. Jahrhundert, dann ist ganz deutlich zu erkennen, wie die begriffliehe Schwerpunktverlagerung vom Vielgötter- zum Eingottglauben führte. In der weiteren Folge wird der personifizierte Gott zum Gleichnis und Symbolwort. Alle hochrangigen Philosophen, wie zum Beispiel Thales, Heraklit, Demokrit, Sokrates, Platon, Aristoteles, Epikur, Zenon, Lucretius vertraten die Auffassung der Natureinheit, von der man nach dem altgermanischen Begriff das Gode (Gottheit) - das Gute im Gesetz - ableiten kann. Von da an mit Beginn der Zeitrechnung bestimmt durch 1500 Jahre hindurch die christliche Weltanschauung und Konfession das Geistgeschehen bis zur kopernikanischen Wende. Erst jetzt beginnt durch die A blöse des ptolemäischen Weltbildes, - nach dem die Erde der Mittelpunkt des Universums und eine Scheibe sei - die geistige Unruhe. Um neue Standortbestimmungen wurde heftig gerungen und die Kirche setzte ihren großen Einfluß auf die weltlichen Machtträger ein, um jede Veränderung zu verhindern. Aber ihr Bemühen konnte trotz Anwendung der Inquisition und der aufgerichteten Scheiterhaufen nur die Verzögerung der geistigen Erneuerung herbeiführen; aufzuhalten war sie nicht mehr. Wie schon erörtert, waren es im 16. und 17. Jahrhundert die englischen Empiristen Bacon, Hobbes, Locke und Hume, die den persönlichen Gott als Schöpfer der Welt ausschlossen und den Gesetzen der Materie bei der Entwicklung alles Seins die determinierende Kraft zuschrieben. Sie störten das erhabene Bild von der mystischen Halle des Himmels, in der Gott thront und den Menschen Wohlgefallen erweist, beziehungsweise jene Haltung zeigt, wie sie Michelangelo mit seiner einmaligen erregenden Freske innerhalb der Sixtinischen Kapelle als Weltgericht aufzeigt. Bischof Berkeley fing noch einmal diesen Angriff auf, jedoch wies Hume, ohne Rücksicht auf die christlich-jüdische Glaubenswelt, die Dominanz der empirischen, experimentellen Wissenschaft, dem determinierenden Gesetz der Materie die Gestaltungsfähigkeit zu. Diesen geistigen Kampf zwischen Berkley und Hume versuchte Kant mit einem Kompromiß zu versöhnen, indem er wohl der Materie ihren Rang zumaß, aber ihre Seinsfonnen doch der schöpferischen Gotteskraft zuordnete. Aber seine Kategorienlehre von der "transzendenten Ästhetik", "transzendenten Logik", "transzendenten Analytik" und der "transzendenten Dialektik", verbunden mit dem "Geist an sich" und seinem "Geist a priori" zeigte schon deutlich die Mitwirkung der körperlich bedingten Sinne als Informationsgrundlage für den assoziierenden Geist. Kant hat die Mitte zwischen Determinationshypothese der Natur und den "Geistordner an sich" eingenommen. Er war aber auch noch an die konfessionellen Machtverhältnisse seiner Zeit gebunden, die ihm die rücksichtslose freie Sprache einschränkten. (Da befanden sich der Lordkanzler Bacon und sein Sekretär Hobbes in einer stärkeren Position).

Sodann folgte Hegel mit seiner Aussage über das dialektische Prinzip der Natur. Er leitet die Entwicklungslehre mit dem Aufzeigen des Rythmus: THESE , -ANTITHESE - SYNTHESE ein. Der personifiziert handelnde und gestaltende Gott tritt in den philosophischen Aussagen immer mehr in den Hintergrund und das Kausalprinzip in den Vordergrund. Schopenhauers "Die Welt als Wille und Vorstellung" läßt das gesamte menschliche Leben nur noch aus der Triebkraft des "Willens an sich" bestehen. Der Geist selbst ist dem Willen unterworfen und hat seiner Zielrichtung der Arterhaltung zu dienen. Nachdem aber dieser egoistische, alles beherrschende Wille nur Unglück und Leid über die Menschheit bringt, soll sie auf die Fortpflanzung verzichten und damit den Kreislauf des Elends beenden. Einen schlimmeren Pessimismus als Folge der Wirkungsabnahme des lohnenden und strafenden Gottes kann man sich nicht mehr vorstellen.

Und da erschien Friedrich Nietzsche in der Ahnenreihe der großen Philosophen und rang sich die Feststellung ab: "Gott ist tot". Gott ist tot - es lebe der "Übermensch". - So könnte man den Ausrufer des Hofes: "Der König ist tot, es lebe der König" abwandeln.

Zusammenfassend sei festgestellt, daß die zeitliche Entwicklung des Gottbegriffes mit Aristoteles (384-322 vor der Zeitrechnung) beginnt, der nach seiner Auffassung als "unbewegter Beweger" neben der Materie existiert und dieselbe lenkt. Die christlich syrische Interpretation der aristotelschen Philosophie beeinflußte den islamischen Philosophen Ibn Sina (1000 nach der Zeitrechnung) in diesem Sinne; und der jüdische Philosoph Moses Maimonides (12. Jahrhundert nach der Zeitrechnung) übernahm ebenfalls die Aussage des Aristoteles, mit der Erweiterung, daß Gott mit einem Spontanakt die Materie und Welt erschaffen hat; wie ein Meister sein Werk. Damit war es für die drei monotheistischen Offenbarungsreligionen wie der jüdischen, christlichen und der islamischen unverrückbar festgelegt, daß der personifizierte Gott für alle Ewigkeit regiert, die von ihm geschaffenen Seinsformen unverändert bleiben und er als die allein seeligmachende Autorität, mit der allein seeligmachenden Kirche, die Werte der Menschheit festlegt.

So zieht sich die Lehre durch alle Rituale der Konfessionen und tausendfach wird zwischen den Gebeten und Liedern der Name Gottes gepriesen und angefleht, die Notwende herbeizuführen. 1800 Jahre hält unangefochten von Mittelasien bis Nordwesteuropa die geoffenbarte Gottesidee die Machtstellung. Ab der Renaissance ergibt sich die Anzweifelung und Verwirrung der Gemüter im Abendland und bekommt ihren Höhepunkt mit dem oben zitierten Satz Nietzsches.

Es ist wichtig festzustellen, daß zum damaligen Zeitpunkt die Deszendenzlehre (Abstamungslehre), wissenschaftlich untermauert durch Lamarck und Darwin, schon tief in die weltanschaulichen und philosophischen Auseinandersetzungen ei.ngriff, so daß die schwerwiegende Äußerung Nietzsches nicht nur gefühlsmäßig erfolgte.

Es ist aber auch wesentlich, darauf hinzuweisen, daß die Überwindung des Pessimismus Schopenhauers, entstanden aus der Totalitätsauffassung des unglück- und leiderzeugenden TRIEBWILLENS, durch Nietzsches GEISTWILLEN erfolgte. Seine lebensbejahende Formel des "amor fati"("die Liebe zum Schicksal") stellt einen ganz entscheidenden Kontrast zu Schopenhauers Philosophie dar.

Die Aufhebung der Realität "Gott" hat er sich schwer abgerungen. Im Buch "Also sprach Zarathustra", das im Gleichnisstil geschrieben ist, kommt die berühmte Stelle vor, wo Zarathustra, aus seiner Bergeinsamkeit in das Tal der Menschen zurückkehrend, einen alten Einsiedler trifft, der zu ihm von Gott spricht. Als Zarathustra weiterging, wunderte er sich, daß dieser Heilige in seiner Einsamkeit noch nicht vernommen hat, daß Gott tot ist und spricht zu sich: "Mit den alten Göttern ging es ja lange schon zu Ende: - und wahrlich, ein gutes, fröhliches Götterende hatten sie! Sie dämmerten sich nicht zu Tode, - das lügt man wohl! Vielmehr: sie haben sich selber einmal zu Tode gelacht! - das geschah, als das gottloseste Wort von einem Gotte selber ausging - das Wort: "es ist ein Gott!" "du sollst keinen anderen Gott haben neben mir"!! - ein alter Grimmbart von Gott, ein eifersüchtiger, vergaß sich also . Und alle Götter lachten damals und wackelten auf ihren Stühlen und riefen: "ist das nicht eben Göttlichkeit, daß es Götter, aber keinen Gott gibt? Wer Ohren hat der höre -also redete Zarathustra." Und Nietzsche weiter: "Tot sind alle Götter: nun wollen wir, daß der Übermensch lebe. Ich lehre Euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt Ihr getan, ihn zu überwinden? Was groß ist am Menschen, das ist, daß er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen das ist, daß er ein Übergang und ein Untergang ist, ich liebe die großen Verachtenden, weil sie die großen Verehrenden sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem anderern Ufer. Ich liebe die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, daß die Erde einst des Übermenschen werde. Es ist an der Zeit, daß der Mensch sich sein Ziel stecke, es ist an der Zeit, daß der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze."

Nach einer so selbstsicher formulierten Eröffnung eines neuen Menschenzeitalters mit der Zielrichtung, daß der Mensch selbst alle göttlichen Eigenschaften im Rahmen des wissenden Selbstbewußtseins erringen und annehmen muß, konnte innerhalb der eigenwillig Denkenden im Laufe der letzten einhundert Jahre nur eine kritische Methode logischer Überlegungen folgen. Es wurden in allen wissenschaftlichen Bereichen Erkenntnisse mit dem Fleiß und der Konsequenz von Goldgräbern erworben. Viel totes Gestein, aber immer wieder glänzende Goldkörner dazwischen, welche der Arbeit einen Sinn gaben. Sie wurden in Tresore gelagert und von Zeit zu Zeit auf dem Markt der Universitäten, Bibliotheken und Journalistik verkauft. Es entstanden einzelne Schmuckstücke mit Symbolen, Ornamenten und naturalistischen Formen; auch Münzen, Zahnkronen und Goldblattarbeiten auf der Oberfläche zeitgenössischer Kunst, Architektur und politischen Programmen, aber kein golden leuchtender neuer Erdenhimmel, unter dessen Wölbung dem Individuum Geborgenheit und Daseinswert vermittelt wird.

Das Gegenteil war die Folge: ein Kampf auf Leben und Tod um die Vorteilsnutzung entstand zwischen allen Gruppen innerhalb Europas: Volk gegen Volk, Weltanschauung gegen Weltanschauung, Partei gegen Partei, Stand gegen Stand, Mensch gegen Mensch. Schwärmer, Rechthaber, Sektierer, Fanatiker traten auf und verwandelten die Bühne des Lebens in ein experimentierendes Chaos. Die Tradition verteidigte ihre geistigen und politischen Machtpositionen; die revolutionären Erneuerer griffen entschlossen nach den Rechten des ermüdeten Erbadels und Klerus. Eine eintausendzweihundertjährige Kontinuität europäischer Geschichte des Papst- und Kaisertums geht dem Ende zu. Auch dies prophezeite Nietzsche für das 20. Jahrhundert mit jenem Aphorismus, der im Vorwort steht. Und so stieß Nietzsche den Europäer geistig und seelisch in die eisige Welt der Selbstverantwortung. Kein Gebet an die höhere göttliche Macht als Hilfe in schweren Zeiten, keine Sündenbeichte zur Erleichterung des Gewissens, weg die Illusion von der wahren jenseitigen Welt nach dem Tod, in der es nur Liebe und Gerechtigkeit gibt.

Dem "Du sollst" das "Ich will" entgegenzusetzen, war seine Haltungsmaxime.


Zum nächsten Abschnitt
Zum vorhergehenden Abschnitt
Zum Inhaltverzeichnis
Back to Archive