IMMANUEL KANT, RETTER DER WISSENSCHAFT UND RELIGION

1775 war Kant bereits 51 Jahre. Ein reifes Alter, in dem kaum mehr Veränderungen weltanschaulicher, kultureller und religiöser Ansichten und Einstellungen grundsätzlich zu erwarten sind; nur Ergänzungen und Verdichtungen. Kant war noch unvorbehaltlich protestantischer Christ mit puritanischer Strenge aufgrund der tiefgläubigen Mutter - sie war eine pietistische Sektiererin -ist er in der religiösen Atmosphäre eines christlichen Hauses groß geworden. Trotz seiner Wissenschaftlichkeit als Professor der Logik und Metaphysik hat er die Glaubensgrundlagen des Christentums bis dorthin nie kritisch bezweifelt. Er schrieb zwar um diese Zeit vom bodenlosen Grund der Metaphysik und verglich sie mit einem finsteren Ozean ohne Ufer und Leuchttürme, reich besät mit den Überresten Schiffsbrüchiger; er griff die Metaphysiker auch gelegentlich an und nannte sie Leute, die auf hohen Türmen der Spekulation leben, um welche gemeiniglich viel Wind ist, aber bezweifelte nie die Grundthesen der christlichen Religion. David Hume weckte ihn auf! Schlagartig zeigte sich ihm der gewaltige geistige Umbruch in der nachkopernikanischen Phase der Renaissance und Aufklärung.

Das 18. Jahrhundert leitete Umwälzungen der Geistes- und Naturwissenschaften ein, wie es sie seit 2000 Jahren nicht mehr gab. Erst wenn die Hauptthemen der Philisophie des 16. bis 19. Jahrhunderts genauer untersucht werden, ist zu ermessen, welche geistige Tragweite in dieser Zeit zum Fluge ansetzte. Die markanteste Trennungslinie zweier Epochen ist die Renaissance. Im gotischen Zeitalter mit seinen bizarren Domen und Türmen verweilt das geistige Mittelalter in einer imposanten Versteinerung. Nie mehr kann sich diese herrliche utopische Welt der Glaubens- und Lebenseinheit des abendländischen Menschen in solcher Form wiederholen. Das ehrliche, naive Frommsein wird durch die Wissenschaft und Philosophie rücksichtslos aufgelöst und schematische Scheinmoralitäten treten an seine Stelle.

Die englischen Empiristen Francis Bacon, John Locke und David Hume wagten sich in das Meer der Aufklärung mit der Hoffnung, wieder ein festes geistiges Eiland zu erreichen. Es gelang ihnen nur zum Teil, aber sie gaben dem europäischen Kontinent das gute Beispiel seetüchtiger Männer, die vor der Weite des stürmischen Atlantiks keine Angst hatten. Fernrohr und Kompaß ermöglichten zwar genauere Standortbestimmung, ohne aber den festen Grund ersetzen zu können. Die Festland-Europäer übernahmen wieder auf der Plattform großer Landflächen ab dem 18. Jahrhundert den Leuchtturm der Philosophie. Er wäre ohne der vorausgegangenen Entschlossenheit der britischen Denker nie so hoch gebaut worden. Mit LEIBNIZ (1646-1716), SPINOZA (1632-1677) aber vorallem Immanuel Kant, bekam das Geistesgeschehen Europas neue Dimensionen, welche bis in die Gegenwart wirken und entsprechende Folgen für alle Lebensbereiche des menschlichen Daseins haben. Kant stand vor den Trümmern der Metaphysik und Wissenschaft. Das menschliche Leben ist aber ohne deren relativ möglicher Denkordnung und Wahrheitsfindung total gestört, weil die Wertgrundlagen für das volkliche und staatliche Gefüge fehlen. Der stille, körperlich schmächtige Professor aus Königsberg erfaßte mit seinem scharfen Verstand, was die anglikanische Philosophie mit ihrer empirischen Realistik und im Gegenzug Bischof Berkeley im europäischen Geistesleben anrichteten.

Ab dem 57. Lebensjahr wurde Kant zum denkerischen Revolutionär und Evolutionär. 1781 schrieb er sein Hauptwerk "Kritik der reinen Vernunft" mit der Zielsetzung, für die Vernunft die Realitätsgrenzen zu ziehen und zu zeigen, daß von da an die Metaphysik und Religionsbildung beginnt. Er trennte vorerst Wissenschaft und Metaphysik, um beide zu retten. Seine Methode ergab eine theoretische Vernunft ohne religiösen Glauben und einen religiösen Glauben ohne theoretische Vernunft. Eine Meisterleistung mit dem psychologischen Effekt, daß innerhalb der kirchlichen und weltlichen Führungsschichten etwas Ruhe einkehrte und damit der Einsturz gewachsener gesellschaftlicher Verhältnisse verhindert wurde. Es gab noch keine geistigen Formulierungen einer neuen Denkordnung. Die Wissenschaft war gärig jung, die Religion schwerblütig konservativ, dem frühen Mittelalter verhaftet. Dazu kam der glückliche Umstand, daß er unter einem König "Friedrich dem Großen", selbst ein kluger, freier Geist, seine wichtigsten Arbeiten abschließen konnte. Im römisch-katholischen dogmatisch, gegenreformatorisch festgelegten Wien wäre die philosophische Veröffentlichung unmöglich gewesen. Sie war aber für die weitere geistige Entwicklung im europäischen Raum von ausschlaggebender Bedeutung. Die gesamte Philosophie des 19. Jahrhunderts bekam durch sie Ausgangspunkte und Leitlinien. Es ist daher für das Verständnis der gegenwärtigen geistes- und naturwissenschaftlichen Zusammenhänge wichtig, Kants "Kritik der reinen Vernunft", "Kritik der Urteilskraft" und "Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" mit der Kernaussage zu erläutern. Sein wichtigstes Werk "Kritik der reinen Vernunft" beinhaltet die Darstellung von Erkenntnisprozessen. Es zeigt auf, wie es zur Begriffsbildung irgendeiner Erscheinung kommt und welche Reihung in der Bewußtseinsbildung vorherrscht. (Man muß diesen logischen Aufbau vom Stand der damaligen wissenschaftlichen Kenntnisse beurteilen und werten. Heute ist durch das Eindringen in die kleinsten biologischen Moleküle und Zellen mit Hilfe der Elekronenmikroskopie eine andere Wechselbeziehung zwischen Umwelt, Informationsfluß, Speicherung und Abberufung entstanden.)

Die erste Etappe des Denkprozesses ist die Erkundung der Sinne. Der Seh-, Tast-, Gehör-, Geruch-, und Geschmackssinn erfaßt die unmittelbare Umgebung, in dem die Sinne durch sie angereizt werden. Sie melden über das Nervensystem ihre Empfindung; jene münden in den Zentralnerv im Zentrum der Wirbelsäule ein, der sie sodann über das Stammhirn (Triebhirn) zum Mittelhirn (Gefühlshirn) und Verstandeshirn (graue Gehirnmasse) weiterleitet. Dieser Vorgang wird von Kant als die "transzendentale Ästhetik" bezeichnet. (Er verwendet den Begriff Ästhetik noch im ursprünglichen etymologischen Sinne, nach dem er Gefühl und Empfindung bedeutet.) Seine Transzendentalphilosophie geht davon aus, daß der Versuch, den Denkprozeß zu erklären, die sinnliche Erfahrung übersteigt (transzendiert). Er kann die inneren Vorgänge des Denkens nicht beweisen, sondern nur spekulativ annehmen. Diesem ersten Schritt der Sinnesempfindung folgt der zweite: die Wahrnehmung. Er nennt sie die "transzendentale Logik". Die Wahrnehmungen werden zeiträumig gereiht, standortbezogen geordnet und dann in einen Kategoriewert umgewandelt. Das Ding ist erkannt, indem der Verstand die Sinnesmeldung bündelt und ordnet. Bis hierher ist er mit

Bacon, Locke und Hume einig: die Sinne als Melder der Gefühlseindrücke. Während nun die "Engländer" erklärten, daß diese Sinneswahrnehmungen den Geist wie ein ungeschriebenes Blatt, ein "tabula rasa" antreffen, das erst durch die ununterbrochenen Reize der Sinne Antworten entstehen läßt, behauptet Kant, daß der Verstand eine Funktionsrealität für sich sei, die nicht reagiert, sondern als "Geist an sich" die einströmenden Empfindungen der Sinne ordnet und sie erst "sinnvoll" werden läßt. Damit hatte Kant den "Geist" gerettet; den vom Körper und Umwelt unabhängigen, schon immer dagewesenen "a priori Geist". Die Konfessionen mußten froh sein, daß sie so davongekommen sind; und die Könige konnten je nach Naturell subjektiv darauf reagieren. Die Vernunft hatte für sich noch alles offen. Sie blieb im Flusse der Entwicklung.

Die Wissenschaft im Zusammenhang mit der Kausalität bekam wieder Tatsachensicherheit zugesprochen, wenn ein Vorgang in Raum und Zeit durch Wiederholung immer wieder gleiche Resultate erkennen läßt. So wie die Wahrnehmungen die Sinnesreize ordnen und um ein Ding gruppieren, so teilt der Verstand die Wahrnehmungen ein, um sie im Sinne der lebenserhaltenden Erfahrungen zu werten. Der Verstand bildet so "Kategorien" und sortiert das Wesentliche vom für das menschliche Dasein Unwichtigen. Kant nennt diese sich im"lnneren" vollziehenden Erkenntnis- und Wertprozesse die "transzendentale Analytik". Das sind Vorgänge, die sich damals noch der Beobachtungsmöglichkeit entzogen, aber aus zwingenden Schlußfolgerungen nur so und nicht anders verlaufen konnten. Bei dieser Behauptung Kants setzte sich sein Universitätsfach der Metaphysik wieder durch, denn wie will er diese "transzendentale Analytik" beweisen? Aber es standen ihm zumindest sehr viele logische Kombinationen zwischen empirischer Feststellbarkeit und Empfindungen zur Verfügung. Das Ergebnis war wohl spekulativ, aber für seine Zeit doch realistisch im Sinne der Zweckmäßigkeit lebenserhaltend zu wirken. (Hier beginnen die komplizierten Kunstgriffe der Natur, eine Evolution in Gang zu halten.) Nach der Reihung, daß die Empfindung ein ungeordneter Reiz, die Wahrnehmung geordnete Empfindung, der Begriff geordnete Wahrnehmung, die Wissenschaft geordnete Erkenntnis und die Weisheit geordnetes Leben sei, hatte Kant einmal entsprechende Rangordnungen innerhalb des Denkvorganges aufgestellt.

Nicht die Dinge selbst können sich als sinnvoll darstellen, sondern der menschliche Verstand gibt ihnen Sinn. Laut Kant kategorisiert er, ordnet und bringt Licht in die Finsternis. (Der Verfasser wird in späteren Ausführungen dem Verstand [Geist] seine Funktionsherkunft und Aufgabe nach heutigen Forschungsergebnissen zuweisen).

In der weiteren Folge entwarf Kant seine "transzendentale Dialektik". Er erklärte, daß die Gewißheit und Absolutheit der Logik und Naturwissenschaft beschränkt und relativ ist. Es ergeben sich ununterbrochene Wechselwirkungen zwischen sicherem und unsicherem Erkennen. Die Hintergründe des Soseins, laut Kant, sind uns nicht bekannt. Wir kennen nur die vordergründigen Erscheinungen ohne zu wissen, was sie in Wirklichkeit bedeuten. Raum, Zeit, Kausalität sind notwendige Voraussetzungen der Erfahrung. Es wirft sich aber die Frage auf: begrenzter Raum; hat die Zeit einen Anfang; haben Zeit und Raum eine beginnende Ursache? Antworten darauf zu geben, bedeutet Erfahrungen überspringen zu müssen. Anfang wie Ewigkeit sind unvorstellbar, sie sind Antinomien. Ein Anfang des Universums ergibt die Frage: was war zuvor? Kein Anfang, ein ewiger

Kreislauf? Kein Verursacher? Kein Gott? Frage auf Frage türmt sich auf. Hier beginnt der Religionsbereich, der Glaube. Er kann nicht durch Beweisführungen erreicht werden, sondern nur Gefühle, Ahnungen, Unterwerfungen unter die den Menschen beherrschenden Mächte ergeben religiöses Verhalten. Universum, Geburt - Ehe - Tod und Sittlichkeit sind bestimmend für eine Konfession. Und so schaffte Kant "Die Kritik der praktischen Vernunft". Wenn schon die großen X der Erkenntnismöglichkeit wie: Ewigkeit, Raum und Zeit der Religion auf Sand gebaute Geistesgebäude bescherte und die Aufklärungsphilosophie noch dazu einen geistigen Sturm entfachte, der zum Teil auch noch den Fundamentsand weggeblasen hat, dann blieb nur ein sicheres Fundament für die Notwendigkeit eines religiösen Lebens übrig: die Sittlichkeit. Die Begründung auf Theologie ist zu unsicher und es ist besser, man verzichtet auf sie, denn der Glaube darf nicht die Vernunftgrenzen sprengen. Aber die Sitte hat einen absoluten Wert wie die Mathematik. Der "Kategorische Imperativ" ist der bedingungslose Befehl unseres Gewissens. Der berühmte Satz: "Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne", beinhaltet die ganze Tragweite kantisch - preußischer Pflichtauffassung. Dieses Gesetz der Sitte ist nach Kants Meinung "a priori" und nicht von Erfahrung hergeleitet. Es beweist, so Kant weiter, daß über dem Menschen ein Gott waltet, der ihm dieses absolute Sittlichkeitsverhalten auferlegt. Selbst wenn er zur Erleichterung seines täglichen Lebens, zum Beispiel durch Lüge - ausbrechen will, so möchte er sich durch gute Vorsätze wieder einfügen. Sein moralisches Gesetz in ihm ist stärker als Trieb und Vernunft, es ist die göttliche Wirksamkeit zum Guten hin. Das Erstaunliche bei Kant war die konsequente Unterscheidung der konfessionellen Machtansprüche vom Glauben an eine höhere Ordnung durch Gott. Mit 69 Jahren verwies er die Kirche mit seiner Schrift "Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" auf ihren Platz: "Da die Religion nicht auf Logik der theoretischen Vernunft, sondern auf die praktische Vernunft des moralischen Sinnes gegründet werden muß, so hat man Bibel und Offenbarung nach ihrem Wert für die Sittlichkeit zu beurteilen, während sie selbst nicht Richter über die Sittengesetze sein können. Kirchen und Dogmen sind nur insofern wertvoll, als sie die moralische Entwicklung der Menschheit unterstützen. Frommes Spielwerk in allen seinen Abarten wird als himmlischer Hofdienst geboten und man glaubt, daß man sich in die Gunst des himmlischen Herrn einschmeicheln könnte. Gebete sind nutzlos, wenn sie die Aufhebung der bestehenden, für die gesamte Erfahrung geltenden Naturgesetze zum Ziele haben. Schließlich ist der tiefste Punkt erreicht, wenn die Kirche in den Händen einer reaktionären Regierung zum Werkzeug wird; wenn die Geistlichen, deren Aufgabe die Führung und Tröstung der gequälten Menschheit durch religiösen Glauben, Hoffnung und Wohltätigkeit ist, zu Mitteln theologischer Lichtfeindlichkeit und politischer Unterdrückung werden." Mit diesen Ausführungen hatte Kant noch einmal eine eindeutige Stellungnahme zur Aufgabe der Religion bezogen. Die Schrift richtete sich auch gegen den nach dem Tod Friedrichs des Großen 1786 eingestellten Kultusminister Wöllner. Friedrich bezeichnete selbst diesen Kultusminister als einen "verräterischen, intrigierenden Geistlichen" der strenge Zensuren gegenüber Schulen und öffentliches Schriftgut anlegte. So verbot er auch Kant jede weitere Veröffentlichung religionsphilosophischer Abhandlungen, indem er ihm 1794 - Kant war 70 Jahre alt - eine Kabinettorder überreichen ließ, in welcher zu lesen war: "Unsere höchste Person hat mit großem Mißfallen ersehen, wie Ihr Eure Philosophie zur Entstellung und Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der Heiligen Schrift und des Christentums mißbraucht. Wir verlangen des ehesten Eure gewissenhafte Verantwortung und gewärtigen uns von Euch, daß Ihr Euch künftig nichts dergleichen werdet zuschulden kommen lassen; sondern vielmehr Eure Pflicht gemäß Eurem Ansehen und Eurer Talente dazu verwenden, daß unsere Landesväterliche Intention je mehr und mehr erreicht werde; widrigenfalls Ihr Euch, bei fortgesetzter Renitenz unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen habt."

Zu Kant ist abschließend nur eine Feststellung möglich: es ist ihm noch einmal gelungen, Glaube und Wissen als nebeneinander bestehende Wirklichkeiten mit vielen Kompromissen zu versöhnen. Er bedeutet in der geistesgeschichtlichen Entwicklung zwischen empiristischer Aufklärung (Bacon) und metaphysischer Gottesfürchtigkeit (Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes 1870) die Mitte. Seine von der wissenschaftlichen Position des 18. Jahrhunderts gezogenen logischen Schlüsse waren aber nur für eine verhältnismäßig kurze Zeit Versöhner zwischen religiösem Gefühl und logischem Verstand.

PHILOSOPHEN DES 18. UND 19. JAHRHUNDERTS VERÄNDERN DAS "ABENDLAND"

Im gleichen Jahrhundert wirkte schon VOLTAIRES (1694-1778) aufrührerischer Geist, der die französische Revolution indirekt philosophisch und propagandistisch vorbereitete. Damit leitete er nicht nur Frankreich, sondem Europa in die Zeit des geistigen und politischen Umbruchs über. Immer stärker wirkte die naturwissenschaftliche Forschung in die philosophischen Thesen hinein. Das Naturgesetz nahm so langsam in den Geisteswissenschaften den Rang ein, der bis jetzt der göttlichen Macht zugesprochen wurde. LAMARCK (17441829) hatte bereits entscheidende Erkenntnisse in Bezug auf die Deszendenztheorie dargelegt; der Einfluß auf die Philosophie war unübersehbar. Er hatte mit der Darlegung bezüglich der Veränderung der Arten, jenes angenommene Gleichgewicht in der Natur aufgehoben, daß nach christlicher Auffassung Gott vom ersten Tag an die Arten geschaffen hätte und diese unverändert bleiben.

So haben FICHTE (1762-1814) und HEGEL (17701831) bereits von der dialektisch bedingten Entwicklung der Arten, Ideen und gesellschaftspolitischen Systeme geschrieben.

Vor allem Hegel beeinflußte sehr nachhaltig die geistige Atmosphäre ab dem Zeitpunkt (1818), wo er an die Berliner Universität berufen wurde. Er relativierte alle Erscheinungen qualitativ und quantitativ, soweit sie in Beziehung zu setzten sind zum menschlichen Tun und

Bestehen. Seine Einordnung der sichtbaren Lebensvorgänge paßte sich den Erfahrungen, wie sich eine Gesellschaft politisch und religiös formt, an.

So stellte er fest: Kampf ist das Gesetz des Wachstums. Der Charakter entwickelt sich in den Stürmen des Lebens und bekommt seine stärkste Bestätigung durch Zwang, Verantwortung und Leiden. Selbst der Schmerz hat seinen tiefen Sinn und Zweck, um körperliche und gesellschaftliche Gebrechen erkennen zu können. Es gibt nichts Großes ohne Leidenschaft. Ein Napoleon war für die Selbstfindung der europäischen Völker eine wichtige Erscheinung der Geschichte. Das menschliche Leben ist nicht für Glück im Nichtstun entstanden, sondern seine Leistung bestimmt Sinn und Wert des Daseins. Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr, denn sie sind die Perioden der Zusammenstimmung, des fehlenden Gegensatzes und eine solche stumpfe Selbstzufriedenheit ist des Menschen unwürdig. Die Geschichte ist eine dialektische Bewegung, fast eine Kette von Revolutionen. Große Männer sind weniger Väter als Hebammen der Zukunft, die Mutter ihrer Werke ist der "Zeitgeist". Auch das Genie legt wie andere, nur einen Stein auf den großen Haufen, es hat aber irgendwie das Glück, der Letzte einer gewissen Entwicklung zu sein; und sobald es seinen Stein niederlegt, steht das Bauwerk. Solche Individuen hatten in diesen ihren Zwecken nicht das Bewußtsein der Idee im Ganzen. Aber zugleich waren sie Denkende, die die Einsicht hatten von dem was not und an der Zeit ist. Das ist eben die Wahrheit ihrer Zeit und ihrer Welt, sozusagen die nächste Gattung, die im Inneren bereits vorhanden war. (Eine solche Essenz kristallisierte Will Durand in seinem Buch: "Die großen Denker" aus den philosophischen Aussagen Hegels heraus.).

Die Philosophie Hegels war eine einzige Herausforderung für "Linke" und "Konservative". Sie mußte revolutionäre Folgerungen nach sich ziehen, denn ein Denksystem des dialektischen Prinzips kann nur die stete Veränderung von Zuständen, einerlei welcher Erscheinung, voraussetzen. Hier wurde Heraklits "Der Kampf als Vater aller Dinge" zeitgültig formuliert. Das oberste Gesetz der Politik ist daher eine Veränderungsdynamik, verbunden mit der relativ möglichen Freiheit des Individuums im Staatsverband. Die Freiheit des Einzelnen reicht nur soweit, wie sie der geordnete Staat selbst gegenüber anderen Staaten erringen kann. Er ist die Bündelung der Freiheitssehnsucht des Ichs und muß diese wirksam als Ordnungsmacht vertreten. Mit dieser Einfügung des Einzelnen ins Staatsganze setzt sich die Pflicht-Idee Kants politisch fort. Vom Schlagwort der französischen Revolution: Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit bleibt für die praktische Politik kaum eine Nachwirkung übrig. Nur so war die Heraufkunft eines Kanzlers BISMARCK denkbar. Der absolute Staat suggerierte die absolute Freiheit des Individuums. Die große Illusion der Freiheit mündete in die Vermassung durch die Industriealisierung. Und wieder entstand die Antithese gegen die Freiheit des Wortes, der Religion, der Stände. Hegel feierte bis zur Gegenwart ununterbrochene Auferstehungen. Mögen seine Erkenntnisse und Prognosen noch so unangenehm sein, sie bleiben bis zum Beweis des Gegenteils die reale Beurteilung des Lebens, seiner gesellschaftspolitischen, kulturellen und religiösen Folgen. Auch seine Philosophie verdrängt bereits die personifizierte Gottesallmacht und überträgt dem Naturgesetz des Kampfes und der Auslese die entscheidende Formgebung des Geschehens.

Der fast zur selben Zeit lebende ARTHUR SCHOPENHAUER (1788-1860) mußte sich durch eine solche Philosophie der Bejahung des Kampfes, der Auslese, des dialektischen Prinzips der Natur, herausgefordert fühlen. Er bezog eine geistige Kampfstellung gegen Hegel und wurde auch unangenehm persönlich ausfällig gegen den auf dem akademischen Thron der Philosophie in Berlin sitzenden Hegel.

Schopenhauer folgerte Kants Kategorienlehre des Geistes und "Dinges an sich" nochmals durch, bekannte sich zu ihr und lehnte den Materialismus als "erkennendes Etwas" ab. Nicht die mechanistische Wirkung der physikalisch-chemischen Zustände und deren Bewegung als ihnen innewohnend, sind die Formgeber der Erscheinungen, sondern der "Wille an sich" ist der gestaltende Antrieb. Auch bei dieser Darstellung eines großen Denkers wird Gott als die zentrale Kraft abgelöst vom Willen, der eine absolute Lenkungskraft für die Lebensgestaltung bedeutet.

Schopenhauer war der Meinung, daß man nicht zuerst die Materie untersuchen soll, um dann den Denkprozeß einzuleiten. Zuerst muß man sich mit dem Menschen selbst beschäftigen. Von außen ist dem Wesen der Dinge nicht beizukommen; man kann nur Bilder und Namen gewinnen. Es hat keinen Sinn jemand zu gleichen, der um ein Schloß herumgeht, um die Fassaden zu skizzieren, sehr neugierig ist, wie es innen aussieht, aber den Eingang nicht einmal zu suchen beginnt. Wir sollen eintreten und von da aus den Wert des Schlosses kennenlernen. Wenn es uns gelingt, so Schopenhauer, die wesenhafte Natur aufzuspüren, so werden wir den Schlüssel für das Verständnis ihres Wirkens in Händen haben. So wie Kant wollte er eine Triebkraft des Erkennens und Einordnens festlegen. Nur ist für Schopenhauer nicht mehr der "Geist an sich", sondern der "Wille an sich" die oberste Instanz des Handelns. Er bestimmt das menschliche Geschehen und drängt jeden Tag zum Handeln und Unglück. Der Geist hat ihm zu dienen, sein Verlangen zu erfüllen. Aber es gäbe doch einen möglichen Ausgleich zwischen dem herrschenden Pol des Triebes, der nur das Leben und die Gattung erhalten will und dem Pol des Gehirns. Wenn auch die Erkenntnis vom Willen abzuleiten ist, verweigert sie manchmal durch Gleichgültigkeit die Durchführung seines Befehls. So würde durch Erkennen doch wieder die Begierde gemäßigt und beruhigt werden. Der Intellekt könne der Zügel für den Willen sein, wenn er wunschlos sachlich das tägliche Leben angeht. Somit ist die Philosophie ein Mittel zur Zähmung des Willens, sie soll ihn vom Überschäumen befreien und so kann sich eine willenlose Erkenntnis als Voraussetzung des inneren Ausgleichs und Glücks ergeben. Nichts mehr wollen, die Welt betrachten, alles gewähren lassen und so wäre alles Leid, das aus Machtgier, Neid, Ehrgeiz, Krieg und sozialen Spannungen besteht, beendet. Das Eingehen in ein irdisches Nirwana wäre als Folge die Erlösung des Individuums und seiner Gattung. Sodann braucht nur noch der Fortpflanzungswille überwunden werden, und mit dem Versiegen der Lebensquelle wäre der ewige Kreislauf des Elends beendet. Seine fast fanatisch zu nennende Abwertung der Frau und mit dieser die körperlich seelische Bereitschaft zur Liebe, ist der negative Höhepunkt der Schopenhauerschen Philosophie. Eine derartige lebenspessimistische Aussage hat noch kein Denker vor oder nach ihm zum Ausdruck gebracht. Er schloß seine Ergüsse mit der Frage: "Wann werden wir den Mut aufbringen, dem Willen Trotz zu bieten, ihm vorzuhalten, daß die Schönheit des Lebens eine Lüge, und der Tod die größte Wohltat ist?" Die Gefährlichkeit seiner Schriften besteht darin, daß sein subjektives Junggesellendasein, sein angeborener Egoismus als generelle Lebensweisheit angeboten wird. In diesem Fall müßte der Psychologe und nicht der Geisteswissenschaftler die Kritik formulieren. Noch dazu, wo er selbst sehr intensiv an seinem eigenen Leben hing. Wie sein Biograph feststellte, nahm er auf Reisen immer seinen eigenen Trinkbecher mit, um nicht durch einen fremden sich bakteriell anzustecken. Auch wählte er grundsätzlich bei Übernachtungen in fremden Häusern ein Erdgeschoßzimmer, damit er bei einem eventuellen Brand sich durch das Fenster in Sicherheit bringen kann. Welch ein Widerspruch zu seiner Lebensverneinung.

Aber wo liegen die Ursachen zu diesem lebensfeindlichen Ausbruch? Schopenhauer war kein Zerstörer aus negativer Vernichtungslust, er wollte Erlöser und Befriediger der Menschheit sein, indem er den asiatischen Fatalismus zur Verhaltensregel erhob, nur hat er selbst diesen noch überboten durch die Aufforderung zur Zeugungsverweigerung. Und das Unfaßliche besteht darin, daß viele geistig über dem Durchschnitt liegende Menschen "Schopenhauerianer" wurden und sich damit zum Lebenspessimismus bekannten. Die Begründung für diese Lehre einer menschlichen Selbstaufgabe müßte von mehreren Seiten ihre Beleuchtung finden.

Um das Kapitel Schopenhauer aber nicht mit einem solchen negativen Urteil abzuschließen, sei von ihm eine klassische Formulierung, wie sich der Geist aus der Natur heraus entwickelte, abschließend erwähnt: "Die Natur steigert sich fortwährend, zunächst vom mechanischen und chemischen Wirken des unorganischen Reiches zum vegetativischen und seinem dumpfen Selbstgenuß, von da zum Tierreich, mit welchem sie stufenweise immer höher steigt und endlich durch den letzten und größten Schritt bis zum Menschen sich erhebt, in dessen Intellekt also die Natur den Gipfelpunkt und das Ziel ihrer Produktion erreicht, also das Vollendetste und Schwierigste liefert, was sie hervorzubringen vermag. Selbst innerhalb der menschlichen Spezies aber stellt der Intellekt noch viele und merkliche Abstufungen dar und gelangt höchst selten zur obersten, der eigentlich hohen Intelligenz. Diese nun also ist im engeren Sinne das schwierigste und höchste Produkt der Natur, mithin das Seltenste und Wertvollste, was die Weit aufzuweisen hat. In einer solchen Intelligenz tritt das klarste Bewußtsein ein, und stellt demgemäß die Welt sich deutlicher und vollständiger als irgendwo dar."


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