DIE ENTWICKLUNG ZUM GEIST UND MENSCHSEIN

Will man die ganze Tragweite der Veränderung des Kulturzustandes Europas erfassen, so ist es notwendig, die geistesgeschichtliche Entwicklung zumindest vom Zeitpunkt der griechischen Philosophie der Vorsokratiker aufzuzeigen (7. Jahrhundert vor der Zeitrechnung). Sie bestimmte zweitausendzweihundert Jahre bis zum Beginn der Renaissance die geistigen und religiösen Inhalte der abendländischen Kultur. Ein gewaltiger Zeitraum im dramatischen Spannungsfeld zwischen Wirklichkeit und metaphysischen Visionen.

Ab diesem Zeitpunkt stehen sich zwei wesentliche weltanschauliche Grundsätze gegenüber:

a) die mittelalterliche, dualistisch bedingte Schöpfungslehre, in der Gott und Geist von Materie getrennt sind. Ein personifizierter Gott erschuf die Welt in sieben Tagen.

b) die Entwicklungslehre, welche feststellt, daß sich die Erde aus den Äquatorialnebeln der Sonne zur festen Kugel durch Abkühlung verwandelte. Von da an hat sich innerhalb von vier Milliarden Jahren das Leben von der Urzelle bis zum Menschen nach ewigen Gesetzen der Natur gebildet.

In großen Zeiträumen gedacht, ist die Menschwerdung im Rahmen der Evolution des Lebens auf dieser Erde eine kurze Phase. Vor 500.000 Jahren lebte der Ur-Neandertaler und Cro-Magnon-Typus als Vorstufe der heutigen Europiden. Wenn das Leben vor vier Milliarden Jahren auf dieser Erde seinen Anfang hatte, dann beträgt die Entwicklung zum Menschen hin, auf eine Zeitrelation von 86.400 Tagessekunden übertragen, eine ganze Sekunde. Dies sei nur erwähnt, um das Zeitverhältnis zwischen Tier- und Menschenentstehung etwas übersichtlicher zu vermitteln.

So sind auch die ersten archäologischen Funde der Kunst- und Kultursymbole durchschnittlich vierzigtausend Jahre alt. Ab diesem Zeitpunkt verstärkt sich die Assoziationsfähigkeit des Denkens und geht Hand in Hand mit der Lautsymbolik als Vorstufe der heutigen Sprache, um gewisse Vorgänge und Gegenstände im Sinne der Lebenserhaltung nützen und von Generation zu Generation als Erfahrung weitergeben zu können. Damit hat sich der Übergang von der Tier- zur Menschenseele entwicklungsgeschichtlich vollzogen. Ab diesem Zeitpunkt tritt der Urmensch langsam aus dem dämmerigen Bewußtseinszustand heraus und schärft seine Umgebungs- und Gestaltwahmehmung. Die nachhaltigsten Eindrücke gingen von den das Überleben bedingten Erscheinungen und Wahrnehmungen aus: Fortpflanzung, Nahrung, Jagd, Kampf, Wetter, Jahreszeit. Alle Vorgänge um ihn wurden durch höhere Mächte, die über ihn walteten, bewirkt. Hinter Blitz, Donner, Sonne, Mond, Sterne, Berge, Baum, Meer und Fluß - alles, was größer und stärker war als er - stand eine Kraft und Macht, von der sein Leben abhing. So entwickelte sich über Jahrzehntausende eine Götterwelt, die naturmythologisch sein Dasein aus füllte und bestimmte. Sie war im Grunde die notwendige psychische Abstützung für alle noch nicht erklärbaren, in das Bewußtsein eintretenden Erscheinungen. Es bedurfte Hochmächtigerer als er selbst war, in deren Schutz er sich begeben konnte. Er wollte sie für sich durch Unterwerfung und Opfergaben wohlgesinnt einnehmen. Eine ganz natürliche Ergebenheitsgeste, wie sie in der Tierwelt im einfachen Verhalten schon genetisch programmiert war. Es sei auf die ältesten Kultur - und Kunstäußerungen des Menschen, die Höhlenzeichnungen und Symbole, hingewiesen.

Die Entwicklung von Waffen, Gebrauchsgegenständen sowie ihre über das Zweckmäßige hinausragende Gestaltung in Form von Ornamenten und Farbe zeigen die ersten kunsthandwerklichen Verschönerungen im ästhetischen Sinne. In dieser Zeit verbinden sich tierischer Selbsterhaltungstrieb mit einfachstem Gestaltungswillen. Die Archäologie bezeichnet diese Funde je nach Gebiet als frühgeschichtliche Kulturepoche, z.B. bei Gefäßen nach der Art von Ornamentbändern, die Jahrtausende gleichgeblieben waren. Es ist daraus zu ersehen, wie langsam sich einfache Formen in die nächsthöheren weiterentwickelten.

Alle Erfahrungssätze, die der Selbsterhaltung dienen, wurden von Generation zu Generation mit Lautsymbolen, aus denen sich die regionale Ursprache entwickelte, weitergegeben. Zugleich prägten sich die Sinneserfahrungen informativ in die Gehimzellen ein, sodaß immer feinere Gedankenverbindungen mit Hilfe des natürlichen Geschehens möglich und durch immerwährende Wiederholungen über lange Zeiträume mutationell erbfähig wurden. Die Schutzsuche in Höhlen, Fellzelten, einfachen Holz- und Lehmhäusern, sensibilisierte das große körperliche Organ - die Haut. Die Folge war die Enthaarung des Körpers; ihr folgte die Bekleidung und damit die entscheidende äußere Distanzierung des werdenden Menschen von den höheren Wirbeltierarten.

Das Feuer revolutionierte sein Leben als die erste wichtigste technische Zivilisationsstufe. Nur mit ihm war die notwendige Energiegewinnung, sowie die Verwandlung der Materie in andere brauchbare Formen möglich. Das Feuer war die Voraussetzung der Menschwerdung im Sinne der Kraft- und Machtbildung. (Nicht umsonst bestrafen nach der Sage die Götter Prometheus, indem sie ihn an den Felsen schmiedeten, weil er den Menschen das Feuer verraten hat und ihnen damit die Möglichkeiten in die Hand gab, selbst Götter werden zu können).

Der runde Holzklotz oder Stein ließ ihn das Rad entwickeln und dem spannte er das domestizierte Pferd vor; er konnte damit schwere Gegenstände zur Platzveränderung bringen. Als nächste Erfindung gilt der Holzpflug, denn nur mit ihm konnte eine lebensnotwendige Ackerkultur entstehen. So entwickelte er nach und nach die Metallnutzung, Werkzeuge und wirksame Waffen. Der Schritt von der Überlebenshütte zur Baukultur wurde damit getan. Stonehenge, Knossos, Pyramiden, Akropolis und Rom sind das Resultat.

Es wären diesem langsamen, schrittweisen Entwicklungsprozeß der Lebensäußerungen vom Frühmenschen bis zur Antike noch viele Details hinzuzufügen. Aber für die folgende Aussage genügt dieser kurze Hinweis, wie sich aus dem halbtierischen Stadium des sogenannten Urmenschen langsam der Kulturmensch entfaltete. Es zeichnet sich jetzt schon deutlich ab, daß mit der verbesserten, genaueren Umwelterkenntnis sich das menschliche Selbstbewußtsein in gleichem Ausmaß anhob. Alle ihn vorher seelisch verunsichernden Naturerscheinungen stellten sich nun als erklärbar heraus und so verlor er seine kreatürliche Angst. In der weiteren Folge ist er sich seines Selbstes schon so sicher, daß er als Nützer naturgegebener Erscheinungen und Vorgänge die Erhabenheit fühlte. Sie setzten, bedingt durch die Steigerung ihres Selbstbewußtseins in Form starker menschlicher Ebenbilder, sich selbst als Götter ein. Ein großartiger Vorgang: von der ängstlichen Unterwerfung vor den Naturgewalten zur göttlichen Selbstdarstellung. Die nordisch-germanische Götterwelt dominiert die Frühantike: zum Beispiel Odin, Donar im Norden; Zeus, Apollon, Mars im Süden.

Von der Naturmythologie zum Olymp!

ANTIKE PHILOSOPHIE UND DIE STEIGERUNG DES SELBSTBEWUßTSEINS

Die Profilierung zum Menschentum bekommt bereits klare Konturen. Die Aussageinhalte, von nordischer Lebenseinstellung geprägt, stellte in der Weda, in der Zarathustrareligion des arischen Persiens, schon erste Höhepunkte schriftlich niedergelegter, reifer Lebensanschauungen dar. Allein in dem Wedaspruch:

" Gott schläft im Stein,
atmet in der Pflanze,
träumt im Tier,
und erwacht im Menschen"

ist schon die ganze, wissenschaftlich begründete Evolutionslehre des zwanzigsten Jahrhunderts inhaltlich zu erfassen.

In der weiteren Folge ist die Erkenntnis und Aussagefähigkeit der vorsokratischen, griechischen Philosophie bereits auf einer Höhe, die man wieder als eine intuitive Vorwegnahme der wissenschaftlich beweisführenden Erkenntnisse des 19. und 20. Jahrhunderts bezeichnen kann.

THALES (640-550 vor der Zeitrechnung) gilt als Begründer der Philosophie und mit ihm ANAXIMANDER (610-540 vor der Zeitrechnung), ANAXIMENES (585-528 vor der Zeitrechnung), ANAXAGORAS (500428 vor der Zeitrechnung), HERAKLIT (530-470 vor der

Zeitrechnung), EMPEDOKLES (490-430 vor der Zeitrechnung) und DEMOKRIT (460-360 vor der Zeitrechnung) haben bereits erstaunliche Erkenntnisse und Aussagen getroffen: Die Entstehung von Himmelskörpern aus großen Feuern; die Erde löste sich als Glutnebelmasse von der Sonne; Sonnensysteme entstehen und vergehen, wie es im irdischen Leben vorherrschend ist, die Erde dreht sich um die Sonne. Weiters zeichneten sie bereits Himmels- und Landkarten, stellten fest, daß das Leben aus dem Wasser entspringt; der Wasserstoff als Urstoff für alle Elemente gilt, die sich durch spezifische Verdichtung ergeben; die Erklärung der Sonnen- und Mondfinsternis war schon gegeben. Auch das Atmen der Pflanzen und Fische wurde richtig erkannt und die Evolution des Menschen aus dem tierischen Stadium behauptet. Heraklits "alles fließt" und seine Feststellung, daß "der Kampf der Vater aller Dinge sei", mündet in seine Aussage ein: "In diesem Fluß der Veränderungen, des Kampfes und der Zuchtwahl ist nur eines beharrlich: das Gesetz. Diese Ordnung, die für alle Dinge dieselbe ist, hat keiner der Götter oder der Menschen geschaffen, sondern sie war immer, ist und wird immer sein."

Demokrits Lehre, daß es nur Atome gibt, aus denen sich das Sein zusammensetzt, die dann ausstrahlen, die Sinnesorgane des Menschen treffen und so die Wahrnehmung entsteht, deckt sich mit der Naturwissenschaft von heute. Seine Aussagen, daß es eine unendliche Anzahl von Welten gab und geben wird, in jedem Augenblick Planeten im Universum zusammenstoßen und neue entstehen, aus dem Chaos durch 2~usammenschlüsse gleichgroßer und gleichgeformter Atome neue Systeme sich aufbauen, sind für die damalige Zeit einmalig. Er behauptet auch, daß es keinen Weltenplan gibt und alles aus der Gesetzkausalität entsteht. (Der Nobelpreisträger Professor Eigen, Max-Planck-Institut, spricht heute von der Selbstorganisation der Materie).

Dreihundert Jahre währte diese fruchtbare philosophische und wissenschaftliche Tätigkeit griechischer Denker.

Nach diesen Naturbeobachtern und Philosophen traten SOKRATES (470-393 vor der Zeitrechnung) und PLATON (424-347 vor der Zeitrechnung) auf, um mehr über Ideen, Moral und Staat zu philosophieren, ohne ihre wissenschaftlichen Vorgänger zu berücksichtigen.

Sodann erscheint ARISTOTELES (384-322 vor der Zeitrechnung), Lehrer "Alexander des Großen". Aristoteles, ein vielseitig veranlagtes Genie, hat den Versuch unternommen, naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit den geisteswissenschaftlichen Wertgrundlagen Platons zu vereinen. Er hatte mit den reichen Mitteln, die ihm "Alexander der Große" zur Verfügung stellte, für damalige Verhältnisse schon viele Forschungseinrichtungen aufgebaut, wie zum Beispiel botanische und zoologische Sammlungen Asiens, Afrikas und Europas, sowie auch Zucht- und Tiergärten, um die erbgesetzlichen Folgen zu studieren. Er konnte 2000 Gehilfen einsetzen, um diese Experimente durchführen zu können. Viele schriftliche Arbeiten zeugen von seiner schöpferischen Tätigkeit. Er war wohl bis Kopernikus der letzte große Denker, der empirische Forschung und Metaphysik auf einen Nenner gebracht hat.


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