DIE ENTSTEHUNG DES MONOTHEISMUS

Als Aristoteles vom "unbewegten Beweger" neben der Urmaterie schrieb, verwendete er noch nicht den Gottesbegriff als ätherisch-geistige Erscheinung im frühund spätmittelalterlichen Sinne, aber er setzte an die Stelle der Vielgötterwelt der Griechen den "EINEN".

Der "unbewegte Beweger" war es dann, welcher der Materie das Entstehen der Seinsformen kosmisch wie irdisch als geistige Kraft ermöglichte. Die Materie selbst sei ewig existent und hat ihr inneres Gesetz, aber der "Geistgott" sei ihr Gestalter. Nach Jahrhunderten der schriftlichen Feststellung dieser Theorie war es folgerichtig, daß sich alle monotheistischen Religionen auf ihn berufen haben. Er war dem Grunde nach der logische Begründer ihres Gottes. Die Offenbarungsreligionen, die durch einen unmittelbaren Auftrag der persönlichen, göttlichen Erscheinung an Moses, Jesus und Mohammed entstanden sind, konnten also unabhängig von der subjektiven Suggestion dieser Erdmenschen eine geistige Autorität nützen und somit dem Mystizismus eine hypothetische, philosophische These hinzufügen.Nach ihm blieb mit der römisch-politischen und später byzantinischrömisch-christlichen Macht bis zum 15. Jahrhundert die wissenschaftliche und kulturelle Aussagefähigkeit stehen.

1800 Jahre gab es, außer scholastischen Streitigkeiten, kaum geistig schöpferische Leistungen, die den abendländischen Völkern neue Perspektiven eröffnet hätten. Die Glaubensmacht Rom mit ihrem Absolutheitsanspruch unterdrückte jeden anderen Denkansatz. Germanische Fürsten, Könige und Kaiser festigten im Namen des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" die Machtverhältnisse zugunsten Roms. Des . Papstes Machtwort "Bann" warf die stärksten Führungspersönlichkeiten auf die Knie, weil sie das ewige Leben im Himmelreich nach dem Tode, an das sie als Realität glaubten, nicht verwirken wollten. Das hört sich heute sehr einfach an, für die damaligen Geistesverhältnisse ein dramatischer, seelischer Zwangszustand.

Folgendes geschichtliche Beispiel möge das Gesagte untermauern. Zur Zeit "Karls des Großen" gab es erhebliche Spannungen zwischen dem Kaiser und dem Langobardenkönig Desiderius. Letzterer konnte auch nicht mit dem Papst Stephan 111. auf gutem Fuß leben. Die Mutter Karls - Bertrada - war eine starke Persönlichkeit und vermittelte eine Heirat zwischen ihrem Sohn und der Tochter des Desiderius Gimiltrudes.

Papst Stephan 111. befürchtete durch das friedliche Zusammenleben der Franken und Langobarden, das die Folge dieser Ehe gewesen wäre, einen stärkeren Druck des Desiderius auf Rom. Um diese Ehe zu verhindern, schrieb er an "Karl den Großen" und seinen Bruder Karlemann folgenden Brief: "Wir haben erfahren, daß Desiderius, der König der Langobarden, seine Tochter mit einem von Euch zu verheiraten wünscht. Das wäre keine Ehe, sondern ein schimpfliches Konkubinat. Wäre es nicht der Gipfel der Tollheit, das ruhmreiche Geschlecht der Franken und Eure königliche Dynastie durch eine Verbindung mit den treulosen und gemeinen Langobarden zu beflecken, die man nicht einmal als Volk bezeichnen kann und die den Aussatz in die Welt gebracht haben? Denn was haben Gerechtigkeit und Frevel miteinander zu schaffen und welche Gemeinschaft hat das Licht mit der Finsternis? Nach dem Willen Gottes und der Wahl Eures Vaters seid Ihr bereits durch die Ehe mit schönen Frauen aus Eurem eigenen Geschlecht verbunden und diesen Frauen müßt Ihr in Liebe anhängen. Wie könnt Ihr gemeinsame Sache mit diesen Langobarden machen? Weshalb, St. Petrus, der Fürst der Apostel, Inhaber der Schlüssel zum Himmelreich, selber Euch bei allem was Recht ist, bei dem lebendigen und wahren Gott, bei der unaussprechlichen göttlichen Allmacht, bei dem furchtbaren Tag des Gerichts, bei allen göttlichen Geheimnissen beschwört, die Tochter des Desiderius nicht zu heiraten, noch Eure edle Schwester Gisela seinem Sohn zur Ehe zu geben.

Sollte einer von Euch tun, was Gott mißfällt und die Verwegenheit besitzen, unsere Vorbehalte unbeachtet zu lassen, so soll er gewarnt sein, daß er sich dadurch unter den Bann des furchtbarsten Anathemas durch die Autorität St.Petri stellt, ausgeschlossen vom Reich Gottes und mit dem Teufel und seinen bösesten Gehilfen und allen gottlosen Menschen zu ewigen Flammen verurteilt. Doch der, der gehorchen und diese Ermahnung beachten wird, soll der göttlichen Erleuchtung mit allen himmlischen Segnungen und der Erhebung zur ewigen Herrlichkeit mit allen Heiligen und Erwählten gotteswürdig sein." (Entnommen dem Buch: "Karl der Große" von Richard Windston).

Gibt es eine anmaßendere Formulierung des göttlichen Machtanspruches, wie er vom Papst Stephan III. in diesem Brief zum Ausdruck gebracht wird? Aber daraus ist zu erkennen, mit welcher Bestimmtheit der personifizierte Gott im Himmelreich des ewigen Lebens angenommen wurde und wie der Papst als sein "Stellvertreter auf Erden" damit die konfessionelle Macht begründete. Die Erklärung für einen derartigen Zustand kann nur die sein, daß der Erkenntnisprozeß noch nicht weiter gediehen war. Die Geistreife war, von der heutigen Position rückblickend beurteilt, eben noch in einem naiven Stadium, dem jeder, mag er ein mächtiger Kaiser, einfacher Bauer oder handelstreibender Jude sein, unterworfen war. Der imaginäre Gott wurde für alle Stimmungslagen des Lebens, wenn es um den klerikalen Einfluß auf die täglichen Abläufe ging, eingesetzt: als guter Vater, strenger Richter und böser Verdammer. Der Mensch selbst projezierte in Wirklichkeit seinen Machtanspruch und Ehrgeiz in dieses Wort. Ein in der Wirklichkeit nicht existenter Gott war die numinöse Kraft, welche den Führungsegoismus der Einzelperson und Gruppe in eine kosmische Dimension erhob, von der sie rückwirkend das Erreichen des eigenen Machtzieles erzwingen wollte.

Abschließend sei für dieses Kapitel festgestellt, daß eine vierzigtausendjährige Entwicklung aus dem naturmythologischen Stadium, über die Vielgötterwelt bis zum personifizierten Gott des Universums, eine einmalige seelisch-geistige Leistung für die Menschwerdung bedeutet. Jede Epoche beinhaltet für sich eine beachtliche Gestaltungskraft vom einfachsten Symbol bis zum gotischen Dom. Hier geht es nicht mehr um den Streit, was aus heutiger Sicht noch mehr oder weniger religiösen Bestand haben könnte. Diese religionsgeschichtliche Abfolge einer Natur-Geist-Gott-Steigerung hat, im großen gesehen, eine Kontinuität, in welcher der Wissensstand als Philosophie mit allen ihren spekulativen Erscheinungen stets eine Einheit mit dem religiösen Empfindungswert bedeutete. Immer hat sich eine Erkenntnissteigerung mit der religiösen Grundstimmung verschmolzen, so daß es einen eigentlichen Gegensatz zwischen zeitbedingtem Wissen und Religion mit der Folge einer ernsten Zerreißprobe innerhalb des menschlichen Gefühls nicht gegeben hat. Erst in den letzten Jahrhunderten - ab der kopernikanischen Wende betreffend die makrophysikalischen Erkenntnisse - entstand innerhalb der europäischen Völker eine starke Gegensätzlichkeit zwischen Natur- und Geisteswissenschaft beziehungsweise Religion, wie sie in einem solchen Ausmaß noch nie aufgetreten ist. (Das betrifft aber nicht die afro-asiatischen Kulturkreise, weil diese noch immer eine gewisse Homogenität zwischen ihrem Bewußtseins- und Bildungsgrad und den religiösen Gefühlen auch heute noch aufzuweisen haben.)

Erklärbar ist dieser Gegensatz nur aus dem Umstand, daß der Übergang von der spekulativen, hypothetischen Wissenschaft der nachsokratischen Philosophie in die neue Zeit nicht gefunden wurde. Die experimentell, empirisch, mathematisch beweisführende Wissenschaft der nachkopernikanischen Zeit konnte von den Denkern, die noch immer zum Teil in absoluten Geistkategorien gefangen waren, nicht zur Synthese verarbeitet werden. Die philosophischen Systeme mußten auf Grund des Wissensumfanges immer komplizierter werden. Es ist bis zur Gegenwart eine stete Spannung zwischen Wissenschaft, Menschwerdungserklärung, Gottesfürchtigkeit, Evolution oder Schöpfung der Seinsformen vorhanden. Dazu ergab sich eine ununterbrochene Ausweitung gültiger mathematischer, physikalischer, chemischer und biologischer Erkenntnisse mit feststehenden Formeln und Erfahrungssätzen. Die Vermehrung derselben vollzog sich exponentiell (einer steten Verdoppelung), da eine neue Formel die Einleitung für eine andere war. (Wenn vor der Renaissance auf zirka zehn DIN A4 Seiten die gültigen Formeln Platz hatten, so bedarf es mit dem Ende des 20. Jahrhunderts deren 200000.)

Die Synthese zwischen Geistes- und Naturwissenschaft zu finden, wurde somit immer schwieriger, bis es soweit kam, daß die Vertreter beider Wissenschaftsbereiche nicht mehr miteinander sprechen konnten, da jeder seine eigene Begriffswelt aufbaute.

Aber ein Prozeß war latent: die Zunahme des Wissenstandes nahm der göttlichen, päpstlichen, konfessionellen Autorität die Aura. Der Skeptizismus und Pessimismus fraß sich in die Ordnung der europäisch monotheistischen Menschenwelt wie eine ätzende Säure hinein und löste dieselbe von Jahrhundert zu Jahrhundert immer mehr auf. Dieser Vorgang zeichnet sich am deutlichsten bei der Begriffsverschiebung innerhalb der Philosophie des Gottesbegriffes und des metaphysischen Stellenwertes desselben ab.

BEGRIFFE ALS "WAHRE" ODER "SCHEINBARE" WELT

In Friedrich Nietzsches Nachlaß scheint ein Aphorismus auf, der unter dem Haupttitel: "Der Nihilismus als die notwendige Folge der bisherigen Wertschätzungen" wie folgt formuliert ist: "Wir leben in der Periode, wo verschiedene Lebensauffassungen nebeneinander stehen; deshalb ist die Zeit so lehrreich wie selten eine, deshalb so krank wie selten eine, weil sie an den Übeln aller Richtungen zugleich leidet." Dieser Zustand hat seine Ursache, wie weiter oben schon erwähnt, in dem immer mehr Auseinanderklaffen des Glaubens vom Wissen. Es ist daher notwendig, die philosophischen Strömungen vom sechzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert so kurz zusammengefaßt wie möglich aufzuzeigen. Wenn die Philosophie des Aristoteles 1800 Jahre das europäische Geistesleben beherrschte, einschließlich der christlichen Kirche, dann haben einige wesentliche Philosophen innerhalb der letzten 300 Jahre eine geistige Unruhe entfacht, die eine Umwertung der mittelalterlichen Glaubens- und Verhaltensgrundsätze einleiteten. Vor allen Dingen der Begriff "Gott" wurde einer systematischen Abwandlung unterworfen. Wenn ein Leitsatz Immanuel Kants: "Das Genie spricht nicht als Individuum, sondern als Natur zu uns" ins Verhältnis gesetzt wird zu den Aussagen genialer Denker, dann haben alle Philosophen dieses Zeitraumes aus dem natürlichen Zwang heraus ihre Erkenntnisse niedergeschrieben. So wirft sich die Frage von selbst auf, ob Begriffe "Schein" oder "Wirklichkeit" sind.

Der große Streit in der Philosophie betrifft die Frage, ob Begriffe für die Erscheinung und das Sein des kosmischen und des irdischen Lebens deren Substanz und Inhalt bedeuten - also der Wirklichkeit entsprechen - oder nur symbolischen Charakter haben. Ist die Erscheinung zum Beispiel der Pflanze, des Tieres und Menschen deckungsgleich mit der sprachlichen Bezeichnung oder ist sie eine "Fata Morgana", weil die tatsächlichen Zusammenhänge nur im unsichtbaren Inneren der gewordenen Gestalt zu finden wären. Da diese aber den menschlichen Sinnesorganen nicht eröffnet werden, wird von der irdisch "äußeren Scheinwelt" gesprochen, während die "wahre Welt" dahinter sei. So wandelte auch die christliche Weltanschauung diese Behauptung um, indem die diesseitige Welt nur die "scheinbare" und die jenseitige die "wahre" sei.

Das Thema "wahre" und "scheinbare" Welt ist damit ein entscheidendes; denn sollten die philosophischen Skeptiker oder Priester bezüglich unseres menschlichen Selbstverständnisses und Weltbildes - es ist in diesem Zusammenhang wörtlich zu verstehen - recht haben, dann wäre der Mensch genau dieses hilflose Wesen, welches des Schutzes eines personifizierten Gottes bedarf, um im Jammertal des Daseins, mangels einer sicheren Erfahrungsgrundlage durch das Wissen, nicht verzweifeln zu müssen. Dann ist es besser, sich der Einbildung eines gütigen Gottes zu unterwerfen, den Priester als seinen Vertreter, ohne kritisch nachzudenken, alles zu glauben, um das seelische Gleichgewicht halten zu können.

Mit dem Beginn des neuen Jahrtausends steht der Mensch vor seiner größten Entscheidung: weiterhin ein im Grunde genommen hilfloses Etwas im Getriebe der Zeit oder eine erkenntnissichere, selbstbewußte, fest auf der Erde stehende Persönlichkeit zu sein. Das bedeutet aber, die Übernahme der vollen Verantwortung für sich und seine Umwelt.

Friedrich Nietzsche warf mit einem Aphorismus die entscheidende oben gestellte Frage auf: "Mit der Sprache sollen Zustände und Begehrungen bezeichnet werden: Also Begriffe sind Zeichen zum Wiedererkennen. Die Absicht auf Logik liegt nicht darin; das logische Denken ist ein Auflösen: Aber jedes Ding, das wir 'begreifen', jeder Zustand ist eine Synthesis, die man nicht 'begreifen' wohl aber bezeichnen kann; und auch das nur, indem man eine gewisse Ähnlichkeit mit Dagewesenem anerkennt. 'Unwissenschaftlichkeit' ist jede innere geistige Aktion tatsächlich, auch jedes Denken." Damit ist nicht mehr und nicht weniger gesagt, als daß die gesamte Philosophie und Wissenschaft der vergangenen 2700 Jahre bis zur Gegenwart keine Klarheit hatte, wie weit die von ihr verwendeten Begriffe aus der kosmisch-irdischen Wirklichkeit des Lebens stammen und was ihre wahren Inhalte sind. Das heißt konsequent gedacht: Die Philosophen haben eigentlich nur mit unwirklichen Worten laut sinniert, ohne ihre Denkergebnisse selber ernst nehmen zu können. Dann müßte aber auch der Religionsinhalt ebenfalls in diese Wertung eingeschlossen werden. Hat es dann überhaupt noch einen Sinn nachzudenken, wenn das Entscheidende im Denkprozeß, nämlich der Begriff, als Fiktion, als unwirkliche Phantasie, definitiv unsicher, als eingebildetes Hilfsmittel bezeichnet werden müßte?

Es ist bekannt, daß der jüdische, christliche und mohammedanische Gottesbegriff in der Philosophie des Aristoteles fußt, der vom "unbewegtem Beweger" schreibt. Er steht neben der Urmaterie und betrachtet ohne Einwirkung ihre Entwicklung. Erst später fügte sich dann noch der Neuplatonismus hinzu, welcher aussagt, daß die Materie vom großen "Einen" (Gott) ihre Ausformung findet. Wenn also Platon und Aristoteles nur mit unwirklichen Begriffen philosophierten, dann ist auch Gott nur eine phantastische Erfindung der griechischen Philosophie. Was für das empirische Wissen gültig sein soll, gilt erst recht für die Religion. Dem Wort steht aber doch ein viel höherer Wirklichkeitsgehalt zu, als kritische Skeptiker mit syllogistischen Analysen und Hinterfragungen annehmen. (Siehe die Lautsymbole als Weitergabe von Erfahrungen. Auch diese haben ihre kosmisch, mathematisch-geometrisch abgestimmten Schwingungen. Die Sprachlaute sind zuinnerst und so doch eine Wirklichkeitsmitteilung, die aus dem Unterbewußten ins Bewußte dringt.)

Gerade die überlieferten Anfänge der Philosophie mit Thales, Heraklit, Demokrit usw. - sie waren eigentlich schon Naturwissenschafter im heutigen Sinne - über die Idealisten Sokrates und Platon zu Aristoteles, der als erster den großen Versuch einer "Synthese" zwischen Naturbeobachtung und Ideenlehre vornahm, zeigen ganz deutlich, wie stark die Intuition mit der Realität verbunden ist, die über Epikur, Xenon und dem Sklavenphilosophen Epiktet als platonische Brücke zum christlichen Weltbild führten. Die geistige Stoikeratmosphäre, verbunden mit dem idealistischen Weltbild, hielt dann bis Kopernikus 1500 Jahre an. Der Lebensgrundsatz Epiktets, der als Sklave von seinem Herrn schlecht behandelt wurde, lautete: "Suche nicht, daß die Dinge so geschehen, wie du sie dir wünschst, sondern wünsche dir lieber das, was geschieht, und du wirst glücklich leben." Dieser Grundsatz erzeugte jenen Fatalismus und das Sichselbstergeben, welches später die christliche Moral und Lebenshaltung bestimmte: Gott wollte es so, also nimm es hin!


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