DIE ENTSCHEIDENDE ZEITWENDE DURCH KOPERNIKUS

Eine Zeit der Einheit zwischen Philosophie, Religion, Konfession und Machtpolitik brach an. Eine archaische Geschlossenheit des abendländischen Denkens, Fühlens und Handelns. Die Erde gilt als Mittelpunkt des Universums, der Mensch mit ihr als das Ebenbild Gottes. Alle priesterlichen und weltlichen Aussagen erfolgten auf der Grundlage einer Machtsicherheit, wie sie nur dann möglich ist, wenn der menschliche Geist glaubt, den Anspruch auf die Absolutheit und Ewigkeit der Wahrheit erheben zu können. Wenn Religion, Konfession und politische Macht eine Einheit bilden, dann gibt es keinen individuellen geistigen Spielraum zwischen Kirche und Staat; aber auch keine Toleranz gegenüber den Andersdenkenden. Vom Früh- bis zum Spätmittelalter war damit der menschliche Lebensrhythmus im abendländischen Raum geprägt.

Und da schlug auf einmal, man könnte sagen von einem Tag zum anderen, ein astronomischer Lehrsatz in diese ruhig gewordene Geisteswelt der"Dreieinigkeit" ein und hob die Illusion, daß die Erde und der Mensch Mittelpunkt des Kosmos seien, auf. Die geozentrische Überheblichkeit des Menschen ging in die geistig-seelisehe Unsicherheit eines heliozentrischen X-Standortes der Erde im Universum über.

Das Genie KOPERNIKUS - (Thorn 1473 - 1543 Frauenburg in Ostpreußen; er war deutscher Abkunft aus dem Neißer Bistumland in Schlesien und schrieb sich genau: Kopernigk) - hatte mit seinen astronomischen Lehrsätzen das Weltbild total verändert. Seine Erkenntnisse sind nicht hypothetischer Natur, sondern gründlich mathematisch wissenschaftlich untermauert. Das Hauptwerk: "Sechs Bücher über die Umläufe der Himmelskörper" erschien erst im Todesjahr des Verfassers 1543, weil er durch seine Stellung als Kanzler des Domkapitels, Bistumverweser vom Ermland 1523 und Deputierter zum preußischen Landtag 1522-1529 größten Schwierigkeiten ausgesetzt gewesen wäre.

Tiefenpsychologisch löste diese kopernikanische Erkenntnis viel mehr aus, als den meisten Angehörigen des PRIESTER-, ADELS-, BAUERN- und BÜRGERSTANDES bewußt war. Der Papst in Rom ahnte, was früher oder später diese Entthronung der Erde mit ihren Menschen für die Kirche bedeutet. Er versuchte durch die Macht der Inquisition den Durchbruch der kopemikanischen Lehre zu verhindern. Einen leidenschaftlichen Vertreter dieser astronomischen Wissenschaft, den Dominikaner GIORDANO BRUNO, ließ der Oberhirte der Christenheit PAPST KLEMENS VIII. auf dem Scheiterhaufen am 17.2.1600 verbrennen. Von diesem Feuer flogen aber tausende geistige Funken in das wachgewordene Abendland.

Die Epoche der Renaissance nahm ihren Anfang!

Es brachen in dieser Zeit des 16. und 17. Jahrhunderts die Dämme der Gesellschafts- und Außenpolitik Europas. Das deutsche Volk wurde gegen Rom rebellisch. Luther schlug seine 95 Thesen an das Tor der Schloßkirche zu Wittenberg. Ulrich von Hutten schrieb voller Leidenschaft über eine neue geistige Freiheit zum Wohle der deutschen Nation und ihres Kaisers. Die Osmanen brachen in die brüchig gewordene christliche Welt ein. Das korrupte Papsttum - siehe die Borgias - verlor die Glaubensautorität. Die Bauern und die bürgerlichen Stände revoltierten gegen Kirche und Adel. Aus Ägypten kam billiges Papier, so daß die revolutionären Ideen mit Hilfe der Druckerkunst eine Sprengkraft noch nie gekannten Ausmaßes erhielten. Mit der Erfindung des Kompasses wurde das "Wilde Meer" gezähmt und der Beweis erbracht, daß die Erde eine Kugel ist. Nicht mehr die Klöster allein waren die wissenschaftlichen Stätten; es entstanden die Universitäten, die sich rasch verweltlichten. Der Schritt von der Alchimie zur Chemie war ein kurzer. Gilbert's Untersuchungen der Elektrizität und des Magnetismus, sowie Galilei's Lehrsatz vom Gleichbleiben der Energiemenge waren der Beginn großer physikalischer Experimente. Harvey's Entdeckung des Blutkreislaufes löste viele leibliche Geheimnisse. Mit der Zunahme des Wissens nahm die Furcht vor dem Unbekannten immer mehr ab. Die Macht des Priestertums verringerte sich im gleichen Verhältnis.

Die Kunst erreichte eine noch nie dagewesene Thematik in Verbindung zwischen Religion, menschlichem Körper und Natur. Sie erhöhte ihre Ausdruckskraft durch die Perspektive in der Malerei, in dem der Schritt von der noch in der Gotik angewandten Zweidimensionalität in die dritte Dimension erfolgte. Genau so vollzog sich der gleiche Prozeß in der Musik durch die Einführung der Kontrapunktion. Die Architektur äußerte die bauliche Formgebung rechtwinkelig klassisch.

DIE PHILOSOPHISCHE REVOLUTION DER ENGLISCHEN EMPIRISTEN

In der Philosophie eröffneten englische Denker den Angriff auf die mittelalterliche Geisteswelt. Allen voran war es FRANCIS BACON (1561-1629), der wie kein Philosoph vor und nach ihm von der politischen Machtposition aus, als Kronanwalt und späterer Lordkanzler Englands, den geistigen Kampf gegen die Scholastik aufnahm. Er wollte eine Synthese zwischen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und geisteswissenschaftlicher Wertung erreichen, um so der "modeme Aristoteles" zu sein. Sein Sekretär HOBBES folgte dem Herrn und verfaßte eine Philosophie des reinsten materialistischen Determinismus. LOCKE wurde durch die induktive Methode Hobbes zu einer empirischen Psychologie angeregt, die frei war von Theologie und Metaphysik. Die englischen Empiristen beherrschten im 16. und 17. Jahrhundert die europäische Philosophie.

Es war kein Zufall, daß vorerst die am Atlantik liegenden Staaten wie England, Frankreich, Holland und Spanien das künstlerische Erbe von Florenz, Rom, Venedig und Mailand übemahmen, da der mächtige mittelmeerische Handels- und Kulturraum durch die endgültige Entdeckung Amerikas - also einer riesigen westeuropäischen Gegenküste - zweitrangig wurde.

Und so verlagerte sich mit der Hebung des Selbstbewußtseins dieser Völker für zwei Jahrhunderte auch der geistige Schwerpunkt dorthin. Das "Heilige Römische Reich Deutscher Nation" bekam sein "Gegenüber" durch das Elisabethianische Zeitalter Englands, welches unabhängig von Rom sich religiös-politisch zu einem abendländisch-atlantischen Machtfaktor entwickelte. Das weite Meer und die angrenzenden Kontinente wurden das Expansionsfeld Spaniens und Englands. Im Kampf um die Vorherrschaft auf den Meeren siegte England; und damit war der Weg frei für die Errichtung der englischen Weltmacht.

Bevor die Philosophie wieder ihren Schwerpunkt auf dem europäischen Festland bekam, gab es in England noch eine entscheidende Auseinandersetzung zwischen den geistigen Vertretern eines kausal bestimmten, aus der Materie entstandenen und determinierten Geistes und der Auffassung, daß der "Geist-Gott" ein "Absolutum an sich" sei. Der irische Bischof GEORGE BERKELEY (1684-1753) konterte JOHN LOCKE (1632-1704).

John Locke als Fortsetzer Francis Baconscher Philosophie der Realitäten, betrachtete in seiner Abhandlung über den menschlichen Verstand (1689) das erste Mal mit der Vernunft die Entstehung einer Vernunft. Das "Denkwerkzeug" untersuchte die Herkunft des Denkens. Dieser introspektive Vorgang kam zum Ergebnis, daß das gesamte Wissen aus der Erfahrung stammt und durch die Sinnesorgane ermöglicht wurde. Nachdem auf das Nervensystem der Sinne nur die materielle Welt einwirken kann, ist der Geist nichts anderes, als die Zusammenfassung materieller Vorgänge und Erscheinungen. Einer solchen Behauptung könnte nur das Ende der Metaphysik eines bewußten Gotteswillens und damit die religiöse Auflösung der christlichen, jüdischen und islamischen Konfessionen folgen.

Da konterte nun Bischof Berkeley, indem er Locke entgegenhielt, daß seine Analyse genau beweist, daß die Materie nur als Form unseres eigenen Geistes existiert. Ohne den Geist wäre die Materie überhaupt nicht feststellbar und erkennbar; also steht der Geist über der Materie, denn er ordnet sie ein und nicht umgekehrt.

Mit dieser Feststellung sollte die mittelalterliche Gott-Geisteinheit noch einmal gerettet werden. Nun folgte der philosophische Gegenstoß des DAVID HUME (17111776), indem er erklärte, daß wir den Geist nur soweit kennen, wie sich dieser in der materiellen Wahrnehmung zeigt. In diesem Falle als "innere Wahmehmung". Es wurde aber noch nie ein "Geist" wahrgenommen, sondern nur einzelne Vorstellungen, Erinnerungen und Gefühle. Es gibt keine eigene Geistsubstanz, die unabhängig vom Gesetz der Materie wirksam wäre. Genau so wenig gibt es eine "Seele an sich". Nur die Mathematik sei eine unwandelbare Wahrheit, denn 30 bleibt 9. In ihr ist Subjekt (Zahl) und Prädikat (Wert) eine Einheit. Insoweit sind auch die Kausalwirkungen ungewiß, weil sie nur Geschehensreihungen bedeuten, aus denen wir Ursächlichkeit und Notwendigkeit schließen. Diese können sich ändern, daher gibt es keine sichere, immer gültige naturgesetzliche Erkenntnis, wenn sie nur auf Beobachtung beruht. Die Wissenschaft hat sich streng auf Mathematik und Experiment zu beschränken, sie kann ungeprüften Deduktionen aus Gesetzen keinen Glauben schenken: Hume schrieb: "Welch eine Verwüstung müssen wir anrichten, wenn wir mit diesen Prinzipien eine Bibliothek durchschreiten. Nehmen wir zum Beispiel einen Band Schulmetaphysik in die Hand und fragen wir: 'Enthält er abstrakte Gedankengange über Menge und Zahl?' 'Nein.' 'Enthält er experimentelle Gedankengänge, die sich auf Tatsachen und auf die Existenz beziehen?' 'Nein.' Dann werft ihn ins Feuer, denn er kann nur Sophistereien und Täuschungen enthalten." WILL DURANT erklärte in seinem Buch "Die großen Denker" über diese Aussage Humes: "Man stelle sich vor, wie den Orthodoxen bei diesen Worten die Ohren geklungen haben." Hier hat die Erkenntnis theoretische Tradition -die Erforschung von Natur, Quellen und Gültigkeit der Erkenntnis - aufgehört, eine Stütze der Religion zu sein; das Schwert, mit dem Bischof Berkeley den Drachen des Materialismus tötete, kehrte sich nun gegen den immateriellen Geist und die unsterbliche Seele; und im Schlachtengetümmel erlitt auch die Wissenschaft selbst erheblichen Schaden. Kein Wunder, daß IMMANUEL KANT (1724-1804), als er 1775 die Werke Humes in einer deutschen Übersetzung las, durch diese Ergebnisse erschüttert und, wie er sägte, aus dem "dogmatischen Schlummer" geweckt wurde, in den er vertieft war und die wesentlichen Sätze der Religion und die Grundlagen der Wissenschaften unangezweifelt übernommen hatte. Sollte man sowohl die Wissenschaft als auch den Glauben den Skeptikern preisgeben? Was konnte man tun, um sie zu retten?


Zum nächsten Abschnitt
Zum vorhergehenden Abschnitt
Zum Inhaltverzeichnis
Back to Archive