Heinz Mazakarini ( KB)

Zeuge Nr. 20: Heinz Mazakarini, Oberleutnant der Deutschen Wehrmacht.

Heinz Mazakarini:

"... daß ich von Mai bis Oktober in Auschwitz war.... und mich nach den Gaskammern umgesehen habe und keinesfalls etwas Derartiges sich im Lager befunden hat."

ZEUGE NR. 20

MAZAKARINI Heinz, Zeitzeuge, ehemaliger Oberleutnant der Wehrmacht, Wien.

Deutsche Soldaten als Gefangene In Auschwitz. Zusammen mit Juden nach Kriegsende Interniert. Keine Gaskammern in Auschwitz. Jüdinnen von den "Befreiern" vergewaltigt. Abertausende Deutsche starben In Auschwitz den Hungertod. Nach dem Krieg keine Gaskammern! Der Zeitzeuge kommt mit seiner ungekürzten eidesstattlichen Erklärung zu Wort:

Wien, 16. März 1988

Dokumentation über Auschwitz und mein Erlebtes in den letzten Kriegstagen 1945. Ich möchte Nachstehendes festgehalten wissen, um der Wahrheit ein kleines Mosaiksteinchen beizufügen.

Im April 1945 kämpfte ich als Oberleutnant der 1. Skijäger-Division zuerst um die Ortschaft Kringelbeutel und zuletzt entlang der ehemaligen tschechischen Bunkerlinie bei Klebsch in erbitterten Abwehrgefechten und Gegenangriffen um Troppau. Am 20. April - Führergeburtstag - sahen wir aus unseren Erdlöchern hinter uns in Troppau noch auf hohen Fahnenmasten zum letzten Mal die Hakenkreuzfahnen wehen. Wir lagen durch den ungeheuren Granatenhagel in der reinsten Knochenmühle. Am 24. April früh begann der Russe mit schwersten Kalibern sein Feuer hinter unsere Linien zu verlegen. Wir freuten uns, trotz dünnster Besetzung unserer Stellung, auf die zu erwartende russische Infanterie, der wir uns kämpferisch weit überlegen wußten. Der Russe schoß nun Nebel, so daß wir jede Sicht verloren. Massive Kettengeräusche ließen uns das Durchrollen zahlreicher Panzer erkennen. Als sich der Nebel etwas lichtete, standen etwa 30 Meter von meiner Deckung drei T-34-Panzer und etwas links davon ein Stalin-Panzer, sein großes Geschütz auf unsere Stellung gerichtet. Als ich mit einer Panzerfaust auf einen der T-34 zielte, hörte ich hinter mir ein Geschrei. Es stand ein Trupp Rotarmisten mit MP im Anschlag da, der scheinbar von durchfahrenden Panzern abgesetzt worden war und so unsere Stellung aufrollte. Jede Abwehrbewegung war sinnlos. So wurden wir in Gefangenschaft gebracht Den Weg zu beschreiben wäre zu umfangreich. Nach unmenschlichen Leiden und einigen Zwischenstationen kam ich mit etwa 1500 Gefangenen am 9. Mai 1945 nach Auschwitz-Hauptlager.

Wir waren die ersten deutschen Gefangene, die in dieses Lager kamen. Vom Haupteingang rechts war eine behelfsmäßige Abzäunung, hinter der sich noch sehr viele KZ-Insassen befanden. Da sich am Ende der Lagerstraße eine sichtlich von russischen Panzern gemachte Öffnung in der dreifachen KZ-Umzäunung befand, bestätigte uns dies, daß wir die ersten Kriegsgefangenen hier waren.

Vom Russen wurden sofort unter verstärkter Bewachung Arbeitskommandos eingeteilt. Das Lager bestand aus 26 einstöckigen, gemauerten Kasernenblocks. Davon war ein Block wie ein Spital, mit allem erdenklichen medizinischen Zubehör (auch Röntgenstation), eingerichtet. Und ein Block als Gefängnis mit einem Galgen im Inneren. (Das konnte ich erst später sehen, als ich in diesen Block eingeliefert wurde.) Die einzelnen Wohnblocks waren zu diesem Zeitpunkt noch ordentlich, ähnlich unseren deutschen Kasernen, eingerichtet. Die Arbeitskommandos mußten nun aus den Wohnblocks sämtliche Gegenstände, wie Spinde, Strohsäcke, Waschbecken, Wasserkrüge, Stühle, Hocker und Spiegel, durch die Öffnung am Ende der Lagerstraße auf ein dort befindliches Feld tragen. Dabei fanden unsere Soldaten manche Wertgegenstände, wie Goldmünzen und anderes. Den Vorgängern (KZlern) dürfte es nicht so schlecht gegangen sein, da mir auch ein mir damals unbekanntes Buch gebracht wurde, nämlich "Josefine Mutzenbacher", ein Werk von etwa 500 Seiten. Nach der Räumung wurde die Lücke in der Umzäunung von dafür ausgesuchten und scheinbar technisch befähigten Gefangenen sachgemäß geschlossen und auch die Stromsicherung wieder eingeschaltet, die von einem eigenen, für das Lager vorgesehenen Relais gespeist wurde.

Verpflegung gab es die ersten drei Tage überhaupt nicht. Erst dann wurde eine dünne Wassersuppe aus übelriechenden Rinderhufen ausgegeben, was zu umfangreichen Erkrankungen und vermehrten Todesfällen führte. In den einzelnen Blocks waren ordentliche Keller, die von der deutschen KZ-Leitung voll mit Trockengemüse, getrockneten Rübenschnitzel, alles in luftigen Papiersäcken und sauber, gefüllt waren. Zuerst bemerkte es der Russe nicht, so daß die Landser einfallsreich mit selbst gebastelten elektrischen Kochvorrichtungen die fast nicht vorhandene Verpflegung etwas aufbessern konnten. Als der Russe dies merkte, wurden sämtliche Kellervorräte entfernt.

Wir mußten nun auch namentlich erfaßt werden. Da die Russen scheinbar über kein Schreibpapier verfügten, nahmen sie aus dem Bürotrakt der ehemaligen Lagerleitung noch unbeschriebene Bücher, die für das an das Lager anschließende Krematorium bevorratet waren (Ofenbücher). Trotz unserer trostlosen Situation wurde bei uns mit Galgenhumor über unsere Eintragung in diese Bücher gelacht. Die noch in einem Teil des Lagers festgehaltenen Juden und KZler beschimpften uns dauernd, sobald man in die Nähe der Abzäunung kam, auch mit der Drohung "eure Wächter sollten wir sein". Um so größer war unsere Schadenfreude, wenn abends betrunkene russische Offiziersgruppen aus dem Judenlager Frauen und Mädchen herausholten, um ihre andauemden Siegesfeiern richtig begehen zu können.

Ich machte niemals ein Geheimnis aus meiner festen Haltung als deutscher Offizier und wurde daher Öfters zu russischen Politoffizieren unter lächerlichen Vorwänden, wie z. B. wo wir unsere Fahne versteckt haben, zum Verhör und Gespräch geholt. Da damals schon das Gerücht von sechs Millionen vergasten Juden verbreitet wurde und mir kein Objekt im Bereiche dieses großen Lagers für eine derartige Massenhinrichtung geeignet erschien, fragte ich im Gespräch einen Politoffizier, wo eigentlich diese Gaskammern seien. Er deutete auf eine Baracke, die nahe dem Verwaltungsgebäude stand.

Als ich mir die Baracke später ansah, merkte ich sofort die Unmöglichkeit. Dort war nur ein normaler Duschraum mit einfachen, unvergitterten Fenstern, ebenerdig und da er so nahe dem Verwaltungsgebäude war, wäre das eine Gefährdung für die dort Anwesenden gewesen. Ich hatte während des Krieges an der Gasschutzschule Bromberg einen sehr aufschlußreichen Gasschutz-Lehrgang absolviert und konnte sofort die Unmöglichkeit dieser Behauptung feststellen, da die Wachmannschaft mehr als nur gefährdet gewesen wäre. Kommandos aus dem Lager wurden täglich zur Demontage des Leuna-Werkes, das sich in der Nähe über eine Länge von mehreren Kilometern erstreckte, abgeführt. Dieses Werk wurde hauptsächlich mit Hilfe von KZ-Häftlingen betrieben. Da die Russen, wenn sich Gefangene während der Demontagearbeiten unbemerkt auf die Flucht begaben, ihre Mannschaftszahl aber wieder komplett ins Lager zurückführen mußten, einfach unterwegs befindliche Passanten (Polen) in die Einteilung zwangen, befanden sich auch Ortseinwohner unter uns. Von diesen erfuhr ich, daß bei Vollbesetzung der Lager etwa 200.000 bis 300.000 KZler sich dort und im Umkreis befunden hätten. Nach meiner Überlegung dürfte die Sterblichkeit unter diesen Arbeitern wegen der ungewöhnlich schweren Arbeit, der Umstände und auch der psychischen Belastung viel höher als unter normalen Umständen gewesen sein. Sind doch auch in unserem Hauptlager täglich 20 bis 30 Kriegsgefangene gestorben, wie ich jeweils in der Früh beim Abtransport beim Haupttor beobachten konnte. Dabei waren das kriegsgewohnte Soldaten, denen mehr Durchhaltekraft zuzumuten war.

Anfang Juli kam ich in einen Gefangenentransport für Rußland. 100 Mann in einem Pullmannwaggon. Wir mußten acht Tage im Waggon auf eine Lok warten. Mit Offizierskameraden machten wir einen Fluchtplan. Der Stacheldraht bei einer Waggonluke wurde gelockert. Als die Fahrt eines Nachts losging, entstand im Waggon ein Kampf gegen uns Flüchtende aus Angst vor Repressalien der Russen. Mir gelang der Absprung, einem zweiten mir unbekannten Leutnant Brunner, ebenfalls. Er war allerdings ein frontunerfahrener, ängstlicher Typ. In jedem Strohmann auf den Feldern sah er einen Milizsoldaten und lag in Deckung. Am dritten Tag der Flucht, nahe Bieliz, also dem deutschen Gebiet, lagen wir in einem hohen Kleefeld nahe einem polnischen Gehöft. Als das damals tägliche Gewitter mit Wolkenbruch ausbrach, hielt es mein Kamerad nicht mehr aus und ging in das Gehöft. Allein wollte ich ihn nicht lassen, so ging auch ich. Alte Leute bekreuzigten sich, als sie uns sahen. Wir bekamen ein Stück Brot und Milch. Ich fragte, wo die Miliz sich befindet. Sie deuteten Richtung Kirche. Als ich sah, daß Kinder diese Richtung liefen, brach ich jäh auf. Mein Kamerad folgte widerwillig. Wir liefen einen Feldweg entlang - alles flache Felder. Nun krochen wir in ein hochstehendes Getreidefeld, stellten das Getreide hinter uns wieder auf und lagen still. Kurz darauf kamen etwa 30 Milizleute mit Gewehren und Pistolen bewaffnet. Sie waren eigentlich schon an uns vorbei, als einer in das Feld ging und rückblickend uns bemerkte. Sie brachten uns auf das Kommando. Der Kommandant war vom "London-Komitee", also westlich orientiert. Sie behandelten uns anständig. Am nächsten Tag wurden wir nach Bieliz zu einer höheren polnische Militärdienststelle gebracht. Als man mich ausfragte und feststellte, daß meine Spezialausbildung für sie interessant sei, ich katholisch bin und aus Wien stamme, was Leutnant Brunner plötzlich auch behauptete, wollte man uns in ein polnisches Militärlager zur polnischen Armee anwerben. Wir sollten uns bemühen, dort schnell Polnisch zu lernen, so daß der Russe nicht merkt, daß wir Deutsche sind. In einem Pferdewagen versteckt wurden wir also dahin, nur unter Bewachung des Fahrers, abtransportiert. Der Fahrer verirrte sich und es wurde Nacht. Als eine russische Militärstreife trotz Gegenwehr des polnischen Fahrers den Wagen anhielt, waren wir verloren und kamen nach irrsinnigen Qualen wieder nach Auschwitz - in den Gefangenenblock. So blieb ich bis Oktober 1945 in Auschwitz und wurde mit dem letzten "Todestransport" (SS, politische Funktionäre, Kreisleiter usw.) nach Rußland transportiert.

Die Fahrt dauerte ungefähr vier Wochen. Wir standen oft mehrere Tage ohne Lokomotive auf der Strecke. Der Kommandant des Transportes, ein russischer Leutnant, verkaufte die für den Transport vorgesehene Verpflegung an die Zivilbevölkerung. Ein Fluchtversuch mehrerer Offiziere wurde entdeckt. Sie wurden kurzerhand erschossen. Wir führten einen eigenen Waggon mit am Transport Verstorbenen mit. In Minsk, es war bereits Oktober und sehr kalt, mußten wir neben einem Verschubgleis unsere Toten eingraben. Dann wurde eine sogenannte Entlausung durchgeführt, d. h. wir mußten uns im Freien nackt ausziehen, sämtliche Garderobe abgeben, in eine mit einer Lokomotive betriebene Entlausungsstation. Nach etwa einer Stunde Wartezeit in grausiger Kälte wurden unsere Kleidungsstücke einfach wahllos aus dem Waggon herausgeworfen, so daß jeder trachten mußte, überhaupt etwas auf den Leib zu bekommen. Der Transport ging nun weiter nach Wolotschek, etwas nördlich von Kalinin. Bei der Ausladung konnten viele, besonders Ältere, nicht mehr gehen. Sie wurden auf der Straße mit Gewehrkolben niedergeschlagen. Nach einigen Klometern Fußweg wurde der Transport von einem russischen Major namens Tederlein, der im Ersten Weltkrieg in Österreich in Gefangenschaft war, übernommen. Dieser fühlte mit uns mit, ließ den Transportkommandanten sofort verhaften und wies uns in ein in der Nähe befindliches, scheinbar ausgestorbenes Gefangenenlager ein.

Abschließend möchte ich noch feststellen, daß ich von Mai bis Oktober - mit einer kurzen Unterbrechung von etwa einer Woche - im KZ Auschwitz als Kriegsgefangener war und - ob der ungeheuren Schuldzuweisung über Vergasung von Millionen Menschen - mit besonderer Aufmerksamkeit mich nach Gaskammern oder geeigneten Objekten umgesehen habe und sich keinesfalls etwas Derartiges zum damaligen Zeitpunkt im Lager oder in Lagernähe befunden hat.

Diese meine Aussage kann ich auch in einer eidesstattlichen Erklärung untermauern.

Heinz Mazakarini
Ehemaliger Oberleutnant der 1. Skijäger-Division,
derzeit wohnhaft in 1050 Wien, Fendigasse 615.


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