Kapitel X

Die Franzosen auf dem hohen Ross

"Hätten die Franzosen der Sowjetunion nicht jede nur mögliche Hilfe und Unterstützung zuteil werden lassen, wir hätten die Berlin-Krise längst beigelegt." Der amerikanische Offizier, der mir gegenüber diese Feststellung machte, bezog sich dabei darauf, daß sich die Franzosen zu Beginn der Blockade Berlins geweigert hatten, in energischere Maßnahmen gegen die Sowjetrussen einzuwilligen und auf das Verlangen Frankreichs, Berlin preiszugeben — ohne Rücksicht auf den Preis, den Westeuropa und Amerika dafür zu zahlen hatten. Diese Bemerkung, in der sich die Erbitterung der amerikanischen Armee darüber widerspiegelte, durch die französische Hasenherzigkeit und die kommunistischen Einflüsse in Frankreich in Bedrängnis gebracht worden zu sein, war auf die gesamte internationale Lage anwendbar.

Frankreich glich zu dieser Zeit einem am Hals der freien Welt hängenden Mühlstein. Teils aus seiner Angst vor einer längst nicht mehr vorhandenen Bedrohung durch eine deutsche Aggression, teils aus der Hoffnung, einen Krieg mit der Sowjetunion durch eine Politik der Beschwichtigungen vermeiden zu können und teils wegen des Einflusses der Kommunisten im eigenen Lande verhinderte Frankreich die Anwendung einer amerikanischen Politik, die der Wiederherstellung Westeuropas und der Sicherung seiner Verteidigung diente. An jeder entscheidenden Wendung und bei jedem neu auftauchenden Problem gelang es Frankreich, durch sein Widerstreben, die auf die Selbsterhaltung und Sicherung Europas gerichtete amerikanische Politik zunichte zu machen. Ob es sich nun um die Reparationen und das Besatzungsstatut, um die Ruhr und um die Verteidigung Berlins handelte — ständig schwächte die kurzsichtige Politik Frankreichs die westliche Welt. Selbst wenn dort die Kommunisten regiert hätten, hätte Frankreich nichts Wirkungsvolleres tun können, um Europa gespalten, schwach und machtlos zu halten und den Tag näher zu bringen, an dem die USA entweder ihren Bankrott erklären mußten oder sich auf eine isolationistische Politik zurückgezogen hätten.

Die Politiker, die damals Frankreich regierten, schienen — gleich den Bourbonen — nichts gelernt und nichts vergessen zu

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haben. Ebenso wie in den Zwanziger Jahren, als sie auf einer Politik der Rache und der Vergeltung bestanden, die Deutschland zerstörte und Hitler an die Macht brachte, zerrten sie auch jetzt wieder Europa an den Rand des Abgrundes.

Es war eine der merkwürdigsten Erscheinungen dieser Tage, daß die französische Nation, die so stolz darauf war, das vernünftigste aller Völker zu sein, sich in der internationalen Politik wie ein hysterisches Weib benahm. Möglicherweise gab folgende Feststellung eines amerikanischen Offiziers, der an den Verhandlungen mit den Franzosen in Berlin teilnahm, eine Erklärung dafür. Er sagte : "Die Franzosen haben ihren Stolz verloren. Hätten sie einen tapferen Kampf gekämpft und sich ihre Selbstachtung bewahrt, würden sie sich jetzt nicht so rachsüchtig und stupide benehmen. Die Briten, die viel mehr erlitten haben als die Franzosen, kehrten dank ihrer Tapferkeit erhobenen Hauptes aus dem Kriege zurück, doch die Franzosen kamen nur von Scham und Angst erfüllt nach Hause."

Gerade der Umstand, daß während der Besatzungszeit so viele Franzosen mit den Deutschen zusammengearbeitet hatten, machte dieses Volk jetzt zum Vorkämpfer einer Politik gegenüber Deutschland, die keinerlei Rücksichten kannte. Die Franzosen suchten die Erinnerung an eine Zeit, in der sie sich nur allzu willig der deutschen Herrschaft gefügt hatten, dadurch auszulöschen, daß sie noch viel härter als die wirklichen Sieger auf die besiegten Deutschen einschlugen.

Zum Unglück für die Zukunft der freien Welt behandelten die USA Frankreich wie eine Geliebte oder ein schwaches und törichtes Weib, dem man seine Schwächen nachsehen mußte. Ob aus Verehrung für die französische Kultur, die den Amerikanern bereits in den Schulen eingeflößt wird — in denen Französisch ja meist die einzige fremde Sprache ist, die erlernt wird —, oder aus dem Glauben, daß Frankreich noch immer gleichbedeutend mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit war, oder ob es ganz einfach die Lockungen von Paris waren — das State Departement, die Marshall-Plan-Verwaltung und die meisten amerikanischen Journalisten und Schriftsteller waren nun einmal Frankreich verfallen. Paris wurde als Hauptquartier der Marshall-Plan-Verwaltung erkoren, in Paris trafen sich die europäischen und amerikanischen Gewerkschaftsführer, in Paris trat die UNO zusammen, wenn sie einmal Lake Success verließ, Paris war die Stadt, die alle guten amerikanischen Journalisten in ihren Bann zog.

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Frankreich, dem es an der Kraft zur Arbeit und zum Kämpfen gebrach, das weder die Klugheit noch das Einfühlungsvermögen noch die Stärke besaß, die zur Führung Europas nötig war, wurde in den USA noch immer als die Vormacht Europas betrachtet. So kam es, daß man bereit war, in der von Korruption, von Vorurteilen, Schwäche und Haß vergifteten französischen Atmosphäre die Probleme Europas zu lösen.

Es war so, wie ein Korrespondent der New York Times, Sydney Gruson, am 18. April 1949 berichtete : "Beamte der Militärregierung, die den Ärger General Clays über das Verhalten der ECA gegenüber Deutschland teilen, behaupten, daß die Marshall-Plan-Verwaltung in all ihren Handlungen ausgesprochen französisch orientiert sei. Unter den in Deutschland lebenden Amerikanern gilt dies als eine schwerwiegende Beschuldigung, da man der zitternden Angst Frankreichs vor Deutschland die Schuld an allen Verzögerungen und Behinderungen einer wirksamen Dreimächte-Politik für Deutschland zuschreibt." Dieser Hinweis hatte darin seinen Ursprung, daß von der ECA General Clays Forderung nach Freigabe von 200 Millionen D-Mark aus dem Gegenwert-Fonds zum Kauf von rollendem und anderem Material für die Reichsbahn abgelehnt worden war. General Clay war auch sichtlich darüber aufgebracht, daß die ECA-Behörden sich geweigert hatten, einen Teil der von der amerikanischen und britischen Militärregierung vorgesehenen fünf Prozent des Gegenwert-Fonds zur Finanzierung der Sendungen der Stimme Amerikas und von RIAS zu verwenden, jenes ausgezeichneten Senders, der antikommunistische Propaganda in die Sowjetzone ausstrahlte.

Der Eindruck, daß die ECA in ungebührlicher Weise von der französischen Regierung beeinflußt war, wurde durch die Tatsache verstärkt, daß Paul Hoffman und seine Mitarbeiter einen großen Teil ihrer Zeit in Paris verbrachten und die anderen Länder Europas nur hin und wieder mit dem Flugzeug besuchten. Abgesehen davon bewiesen die deutliche Bevorzugung Frankreichs bei der Zuteilung von Geld aus dem Marshall-Plan sowie das Versagen Hoffmans, durch einen auf Frankreich und Großbritannien auszuübenden Druck die Demontagen zu beenden, daß er auf die amerikanischen Steuerzahler und die auf weite Sicht gerichteten Ziele des Marshall-Plans nicht genug Rücksicht nahm.

Wie bereits in einem vorhergehenden Kapitel angedeutet, hat die ECA noch nicht einmal den Versuch unternommen, die meisten der für die Demontage bestimmten Fabriken zu retten, und

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das Außenministerium ging in seiner Willfährigkeit gegenüber Frankreich und Großbritannien sogar noch weiter als die von Paul Hoffman geleitete Organisation.

Das drastischste Beispiel für die den amerikanischen Steuerzahlern auferlegten Lasten, die aus der von Dean Acheson beflissen erteilten Genehmigung zur fortgesetzten Zerstörung deutschen Eigentums durch die Franzosen herrührten, war das Abkommen vom April 1949, das Frankreich gestattete, einen großen Teil des Oppauer Werkes zur Herstellung von Stickstoff-Kunstdünger abzureißen. Dieses Werk war mit einer Tagesproduktion von 730 Tonnen reinen Stickstoffs das größte seiner Art in Europa. Seine Kapazität sollte auf 410 Tonnen verringert werden, was einen jährlichen Ausfall von 100000 Tonnen Stickstoffdünger bedeutete, ohne daß die französische Produktion dadurch einen entsprechenden Gewinn erzielte. Der größte Teil der demontierten Maschinen hatte nur noch Schrottwert, der Restwert wurde auf nur noch eine Million Dollar geschätzt, während in dieses Werk insgesamt 4,5 Millionen Dollar investiert worden waren. Nach den Berechnungen Professor Dr. Baades vom Weltwirtschaftsinstitut in Kiel mußte Deutschland zum Ausgleich dieses Ausfalles Stickstoffdünger im Wert von 36 Millionen Dollar importieren. Jeder Dollar, den Frankreich gewann, kostete also die amerikanischen Steuerzahler 36 Dollar. Führte aber der Verlust der Oppauer Anlagen zu einer so fühlbaren Stickstoffknappheit, daß auch die USA die deutsche Landwirtschaft nicht im ausreichenden Maße beliefern konnten, dann mußten die Kosten sogar noch höher werden. Mußte nämlich als Folge der französischen Demontagen in Oppau zusätzlich Getreide eingeführt werden, dann kostete jeder Dollar, den Frankreich verdiente, die USA 200 Dollar. Sollte Deutschland sich jemals selbst versorgen können, dann bedurfte es nicht etwa geringerer, sondern größerer Mengen an Stickstoff als vor dem Kriege. Man mußte ihm daher gestatten, so viel Stickstoff zu produzieren, daß der Verbrauch — ähnlich wie in Belgien und den Niederlanden — auf über einen Zentner pro Hektar gesteigert werden konnte. Dies mußte aber zur Folge haben, daß die Produktion des Oppauer Werkes über das ursprüngliche Maß hinaus zu steigern war. Stattdessen gestatteten wir den Franzosen, jede Möglichkeit zunichte zu machen, die deutsche Landwirtschaft mit ihrem Mindest-Friedensbedarf an Kunstdünger zu versorgen. Bisher hatten die Franzosen in Oppau die Produktion auf 40 Prozent der Kapa-

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zität gedrosselt — 80000 statt 200000 Tonnen — und sie hatten davon zwei Drittel der Landwirtschaft der eigenen Besatzungszone geliefert und den Rest exportiert. Zu dieser Zeit war bereits allgemein bekannt, daß die Russen mit ihrer Weigerung, Deutschland als einheitliches Wirtschaftsgebiet zu behandeln, den amerikanischen Steuerzahlern eine erdrückende Last aufgebürdet hatten, doch nur wenige Amerikaner waren sich darüber im klaren, daß auch Frankreich für die hohen Steuern verantwortlich zu machen war, die sie zu zahlen hatten. Nach Professor Baades Berechnungen hatte Frankreichs Weigerung, die amerikanische und britische Zone mit Oppauer Kunstdünger zu beliefern, einen Produktionsverlust von zwei Millionen Tonnen Getreide zur Folge gehabt; dies entsprach dem Wert nach etwa dem Verlust, der eine Konsequenz der russischen Unnachgiebigkeit und der Besitzergreifung der deutschen Provinzen östlich der Oder-Neiße-Linie durch die Polen war.

Oppau war aber nur ein Beispiel für die Methoden, mit denen die französische Politik Europa schwächte und die Wirtschaft der USA belastete. Die Haltung der Franzosen in der von ihnen besetzten Zone kann nur mit dem Verhalten der Russen in der ihren verglichen werden. Sie hatten dieses Gebiet in einem derartigen Ausmaß von Maschinen und Nahrungsmitteln entblößt, daß die dort lebende Bevölkerung nur dank der amerikanischen Unterstützung am Leben erhalten werden konnte.

Die Franzosen hatten sich geweigert, Vertriebene aus dem Osten Deutschlands aufzunehmen, damit ihre Zone, in der es viel fruchtbares Land gab, sich selbst erhalten konnte, doch deren Ausplünderung hatte eine echte Hungersnot zur Folge — bis 1948 Hilfe aus dem Marshall-Plan eintraf. Die USA hatten nicht nur die französische Wirtschaft mit 875 Millionen Dollar direkt unterstützt, sie hatten auch einen Zuschuß von 155 Millionen Dollar für die französische Zone gegeben, um damit die Entnahmen Frankreichs in Form von Lebensmitteln, Holz, Industrieerzeugnissen und Maschinen auszugleichen.

Die Franzosen haben nicht erst auf ein Übereinkommen der Alliierten gewartet, um Reparationsleistungen zu fordern. Gleichzeitig mit der Besetzung ihrer Zone begannen sie, Fabriken und anderes deutsches Eigentum zu beschlagnahmen, so daß bei Veröffentlichung der alliierten Demontagelisten die Produktionskapazität der französischen Zone bereits unter den Stand von 1936 gedrückt war.

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Die Franzosen behaupteten, daß die Deutschen während der Besetzung Frankreichs etwa 60000 Maschinen von dort abtransportiert hatten, sie erwähnten aber die 40000 Maschinen nicht, die nach deutschen Angaben in der gleichen Zeit nach Frankreich geliefert worden waren. Als 1947 die Demontageliste für alle drei westlichen Besatzungszonen veröffentlicht wurde, hatten sie aus ihrer Zone bereits 45000 Maschinen weggeführt. Diese Maschinen, die als prélèvements — Vorleistungen, eine höfliche Umschreibung für Plünderungen — nach Frankreich gingen, wurden in der Reparationsrechnung überhaupt nicht aufgeführt. Man hatte zwar den in der französischen Zone lebenden Deutschen erklärt, daß das spätere offizielle Demontageprogramm dementsprechend modifiziert werden würde, doch wurde diese Zusage nicht eingehalten. Im Oktober 1947 wurden 234 Industriebetriebe für die Demontage auserkoren; nur 34 davon waren als Rüstungsbetriebe zu betrachten, die meisten anderen gehörten zur Leichtindustrie, die doch nach dem revidierten Industrieplan erweitert werden sollte. Der württembergischen Textilindustrie zum Beispiel wurden sämtliche modernen Knüpf-, Rundstrick- und Webmaschinen weggenommen, so daß ihr jegliche Möglichkeit zum Export abgeschnitten wurde. Die Landmaschinenfabriken wurden in ähnlicher Weise demontiert. Der württembergischen Werkzeugmaschinenindustrie waren nach den ersten französischen Abtransporten nur noch 55 Prozent ihrer Kapazität geblieben, obwohl nach dem Industrieplan 83 Prozent hätten übrigbleiben sollen. Jetzt aber wurden auf Grund des offiziellen Demontageprogrammes der Alliierten weitere Maschinen weggenommen. In ähnlicher Weise wurde der Leder-, der Holzbearbeitungs- und Bauindustrie ihre Ausrüstung geraubt. Nach dem Industrieplan sollte der feinmechanischen und optischen Industrie eine Kapazität verbleiben, die um 36 Prozent über der von 1936 lag, doch in Südbaden hatten die Franzosen bereits im Februar 1947 durch den Abtransport von 2155 wertvollen Maschinen die Produktion auf die Hälfte der von 1936 herabgesetzt und seit diesem Zeitpunkt hatten sie die Produktion noch weiter verringert.

Am schlimmsten war es um die Uhrenindustrie bestellt. Mit Hilfe der Vorleistungen und der später folgenden Wegnahme von Maschinen hatten die Franzosen diese alteingesessene Industrie, die im Schwarzwald Tausenden von Menschen Arbeit gab, völlig lahmgelegt.

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In einer am 13. April 1949 vom ECA-Informationsbüro in Washington herausgegebenen Erklärung wurden 40 der vom Humphrey-Komitee untersuchten Betriebe aufgeführt, auf deren ganze oder teilweise Demontage die Franzosen freiwillig verzichtet hatten. Weder in dieser Erklärung noch im Humphrey-Bericht wurde jedoch die riesige Zahl von Fabrikausrüstungen in Rechnung gestellt, die Frankreich ohne Rücksicht auf die Anordnungen der Interalliierten Reparationsbehörde und ohne Berichterstattung an die ECA aus seiner Zone weggeführt hatte. Zu den vielen Ungerechtigkeiten, an die das deutsche Volk jetzt gewöhnt wurde, gehörte die Empfehlung der ECA, die Ausstattung vieler Fabriken, die für den Friedensbedarf produzierten, für Reparationsleistungen freizugeben, weil sie bereits den Empfängernationen zugewiesen worden waren, während der von Frankreich und Großbritannien verfügte Abtransport von Maschinen, die nicht auf den Reparationslisten standen und nicht als Reparationen angerechnet wurden, unberücksichtigt blieb. Die Gründe, die die ECA für ihren Beschluß anführte, die bereits zurückgestellten Fabrikeinrichtungen nicht in Deutschland zu belassen, rechtfertigten den Verdacht, daß Washington auch jetzt noch nicht seine Beschwichtigungspolitik gegenüber der Sowjetunion gänzlich aufgegeben hatte oder aber von Frankreich und Großbritannien dazu gezwungen wurde, Stalin keinen Ärger zu bereiten. So wurde in der Einleitung zum Bericht des Humphrey-Komitees ausdrücklich festgestellt : "Engländer und Franzosen sowie der Präsident der Interalliierten Reparationsbehörde haben uns sehr nachdrücklich auf die Gefahr politischer Verwicklungen hingewiesen, die sich aus einer erneuten Abänderung des bereits früher eingeschränkten Reparationsprogrammes ergeben könnten. Diese Angelegenheit wird weiter dadurch kompliziert, daß nur 9 von 19 zu Reparationen berechtigten Nationen zu denen gehören, die vom Programm zum Wiederaufbau der europäischen Wirtschaft begünstigt werden. Diese Sachlage war darum besonders wichtig, weil sie unsere Entscheidungen hinsichtlich jener Anlagen berührte, die der Interalliierten Reparationsbehörde bereits zugeteilt waren, sowie hinsichtlich jener, die von jener Behörde zusätzlich den Empfängerländern zugesprochen worden waren. Die Komplikationen, die sich in dieser Hinsicht ergaben, haben sich als so weittragend erwiesen, daß wir nach gewissenhaften Erwägungen die Freigabe sämtlicher Anlagen dieser Art empfohlen haben."

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Mit anderen Worten : die Organisation Paul Hoffmans hatte beschlossen, mit der Demontage und dem Abtransport derjenigen Fabrikausrüstungen, die der Sowjetunion und deren Satelliten zugesprochen worden waren, fortzufahren. Dies geschah trotz des Bedauerns, mit dem die ECA beschloß, in die Demontage einer bestimmten Zahl kleiner Fabriken einzuwilligen, die Güter für den Friedensbedarf produzierten.

Die von der ECA zur Weiterleitung an die Kommunisten freigegebenen Maschinen waren keineswegs nur solche, die Friedensbedarf herstellen. Dazu gehörten auch jene als strategisch wichtigen Maschinentypen der Schwerindustrie, die aus den Ländern des Marshall-Planes nicht in die Sowjetunion ausgeführt werden durften. Wir erlebten also das befremdliche Schauspiel, daß mit Zustimmung der ECA Deutschland ausgerechnet jene Dinge den Kommunisten liefern mußte, die anerkanntermaßen dazu dienten, das Kriegspotential der Sowjetunion zu verstärken.

Im Endergebnis beließen also die Demontagen selbst nach den im letzten Übereinkommen mit den ECA-Behörden festgesetzten Modifizierungen der französischen Zone nicht mehr als die Hälfte ihrer Industriekapazität von 1936. Offenkundig haben die ECA-Behörden noch nicht einmal den Versuch unternommen, hochspezialisierte Industrien für den Friedensbedarf zu retten, so zum Beispiel eines der modernsten Werke zur Herstellung von Drahtbearbeitungsmaschinen. Ich hatte dieses in der Nähe von Tübingen gelegene Werk besichtigt; es produzierte Maschinen zur Herstellung von Heftklammern, Sicherheitsnadeln, Haarnadeln, Drahtnetzen und Sprungfedern. Zu Beginn der Besetzung waren dort die Franzosen erschienen und hatten 200 Werkzeugmaschinen weggeholt, ohne auch nur eine amtliche Quittung darüber auszustellen. Ein paar Monate später kamen drei Offiziere und ließen weitere 34 Maschinen nach Frankreich abtransportieren. Als nächste erschienen Beamte der Sektion T der französischen Militärregierung und holten nochmals 70 Maschinen ab. Sie erklärten : "Jetzt ist Schluß, mehr werden wir nicht mehr wegnehmen." Als der Besitzer des Werkes erwiderte, man habe ihm nicht genug Maschinen für die Fortführung seines Betriebes gelassen, erhielt er zur Antwort : "Dann können Sie jetzt lernen, wie man auf primitive Weise ohne moderne Maschinen arbeitet." Schließlich erschien im Sommer 1948 eine weitere französische Kommission und befahl die Demontage von weiteren 72 Maschinen, die diesmal von der Interalliierten Reparationsbehörde auf reguläre

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Weise weiterverteilt werden sollten. Als ich das Werk besichtigte, stand diese letzte Gruppe von Maschinen im Freien und war in Gefahr, langsam zu verrosten und zu verrotten.

Die Plünderung der deutschen Wälder durch die Franzosen, mit der sie den Groll und den Haß der Bevölkerung noch steigerten, weil es sich hier um unersetzliches Volksgut handelte, ließ befürchten, daß Europa als Ganzes aufs Schlimmste davon betroffen werden mußte. Wo immer man in der französischen Zone herumreiste, sah man Holztransporte und riesige Holzstapel an den Straßen. Der Schwarzwald war noch immer schön, aber an vielen Stellen zeugten Kahlschläge und häßliche Baumstümpfe davon, daß eine der lieblichsten Gegenden Europas zuschandengeplündert wurde. Nach deutschen Angaben hatten damals die Franzosen bereits dreimal so viel Holz geschlagen wie Deutschland während der gesamten Besatzungszeit aus Frankreich abtransportiert hatte.

Auch die Briten haben die deutschen Wälder empfindlich gelichtet. Der Holzeinschlag in ihrer Zone war 1946 viermal, 1947 dreieinhalbmal und 1948 doppelt so hoch wie der natürliche Zuwachs. Die Briten haben aber wenigstens von Jahr zu Jahr ihre Anforderungen herabgesetzt, während die Franzosen sie noch steigerten, so daß sich 1948 das Verhältnis von Zuwachs zu Einschlag wie 100 zu 379 verhielt.

C. A. Schenck, der Begründer der Biltmore-Forsthochschule, stellte in einer 1948 in New York erschienenen Schrift fest, daß in Deutschland auf den Kopf der Bevölkerung nur ein Drittel Morgen Wald entfällt gegenüber fast vier Morgen in den USA, obwohl auch dort keineswegs mehr von einem Überfluß an Holz gesprochen werden kann. Die Wälder Deutschlands machen nur 0,5 Prozent des Weltbestandes aus; der Holzbedarf Deutschlands übersteigt die Eigenerzeugung um 8,2 Millionen Kubikmeter, ein Fehlbedarf, der in normalen Zeiten durch Einfuhren ausgeglichen wurde. Als schlimmstes Kennzeichen des britischen und französischen Holzeinschlages betrachtete Schenck die Mißachtung aller Regeln einer gesunden Forstwirtschaft. Er schrieb : "Im Schwarzwald werden jetzt von der französischen Militärregierung 3000 Italiener bei einem Holzeinschlag gigantischen Ausmaßes beschäftigt. Die Briten haben — vor allem im Harz — 700 ihrer Kolonialsoldaten als Holzfäller eingesetzt. Selbstverständlich werden dabei alle überlieferten Gesetze der Forstwirtschaft außeracht gelassen, da sie ja nur den Einschlag behindern würden."

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Schenck stellte weiter fest, daß in der französischen Zone damals bereits 33600, in der britischen 75000 und in der amerikanischen Zone 41000 Morgen aufgeforstet werden mußten.

Die Deutschen hatten aber nicht nur infolge der britischen und französischen Einschläge und der Holzexporte eine fühlbare Minderung ihres Waldbesitzes hinnehmen müssen : weil Kohle unter Zwang exportiert werden mußte, hatte sich auch der deutsche Brennholzverbrauch erhöht.

Bodenerosion als Folge der allen Gesetzen der Wirtschaft hohnsprechenden Ausbeutung der deutschen Wälder durch die Eroberer mußte auch zu einer beträchtlichen Verschlechterung des Ackerbodens führen und wahrscheinlich das Klima Europas nachteilig beeinflussen. Ein Schweizer Forstmann schrieb damals : "Das deutsche Klima nimmt den Charakter eines Steppenklimas an. Diese Gefahr muß nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa ernstgenommen werden. Es ist sicher, daß sich als Folge davon auch in der Schweiz das Klima verändern wird . . . Weil es an Arbeitskräften, Saatgut und Pflanzen mangelte, wurden die Kahlschläge nicht aufgeforstet." In einem Artikel der Forstzeitschrift "Unasilva" der UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (Ausgabe Juli/August 1947) wurde festgestellt : "Viele Länder beobachten die übermäßige Ausbeutung der deutschen Wälder mit großer Sorge, weil dadurch die gesamte Wirtschaftsstruktur und damit das wirtschaftliche Gleichgewicht Europas umgestoßen und die Zukunft mit einer Hypothek belastet wird, für deren Abtragung mindestens 100 Jahre erforderlich sein werden."

Edmund Burke hat in der Zeit der Französischen Revolution gesagt, daß man nicht eine gesamte Nation in Acht und Bann tun kann. Es wäre ebenso unfair, das gesamte französische Volk für die Rachsucht seiner damaligen Politiker verantwortlich zu machen, wie es ungerecht wäre, alle Deutschen als Helfershelfer des NS-Regimes anzusehen. Verantwortlich für diese Rachepolitik gegen die Deutschen, die Europa schwächte und im Enderfolg zu seiner Auslieferung an die Sowjets führen konnte, waren die französischen Politiker aller Parteien, die das Spiel mit den nationalen Leidenschaften und dem Haß zu ihrem eigenen Vorteil betrieben. Es mochte seltsam klingen, aber das französische Volk schien, im Gegensatz zu seiner Regierung, den Deutschen freundlicher gesinnt zu sein als in früheren Tagen. Dies war jedenfalls der Eindruck, den Berlins Oberbürgermeister

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Professor Reuter und Frau Annedore Leber von ihrem Besuch in Frankreich mitbrachten und ich selbst habe die gleichen Erfahrungen gemacht. Während der zwei Wochen, die ich im Sommer 1948 in Paris zubrachte, fragte ich jeden Franzosen, mit dem ich ins Gespräch kam, wie es denn unter der deutschen Besetzung gewesen sei. Ich erhielt fast immer dieselben Antworten, ob ich nun mit einem Kellner, einem Arbeiter, einem Ladenbesitzer, Dienstboten oder Gepäckträger sprach. Nach einem Achselzucken kam die Bemerkung : "Eh bien, wir hatten damals besser zu essen als jetzt." Der letzte, mit dem ich sprach, war der Hausdiener meines Hotels, der mir mein Gepäck an den Zug nach Deutschland brachte. Er sagte : "Könnten wir Franzosen nur mit dem deutschen Volk zusammenkommen, würde alles besser sein. Das wäre doch etwas, dann hätten wir wieder Freude am Leben, Frieden und ein anständiges Auskommen." Es hatte den Anschein, als ob in Frankreich die Reichen und nicht die Armen die Deutschen haßten; denn diese hatten während der Besatzungszeit wenigstens für eine gleichmäßige Verteilung der vorhandenen Lebensmittel und Verbrauchsgüter gesorgt; im befreiten Frankreich aber wurden die Reichen von Tag zu Tag reicher, die Armen aber ärmer.

Als ich Anfang August 1948 von England über Ostende nach Deutschland fuhr, hatte ich ein Gespräch, das einiges Licht auf den Unterschied in der Haltung von Regierung und Presse in Frankreich und Belgien und die Stimmung vieler Franzosen und Belgier des Mittelstandes und der unteren Schichten warf. Wie meistens, reiste ich auch jetzt wieder II. Klasse, weil dort während langer Bahnfahrten die Menschen Fremden gegenüber aufgeschlossener sind als sonst. In den bequemen internationalen Schlafwagen kommt man sehr selten mit den Menschen ins Gespräch; die meisten sind, wie man selbst, Ausländer. Saß man aber in einem Abteil II. oder III. Klasse, vergingen, wenn man sich unterhielt, die Stunden viel schneller. Ich habe dort oft vertraute Gespräche mit mir fremden Leuten geführt, denen ich voraussichtlich niemals wieder begegnen sollte und die daher keine Hemmungen hatten, ihre wahre Meinung auszusprechen.

In dem Zug von Ostende waren wir zu viert in einem Abteil. Mir gegenüber saß ein Engländer, mit dem sich rasch ein freundschaftlich geführtes Streitgespräch über Deutschland entspann. An einem bestimmten Punkt unserer Debatte wandte er sich der neben ihm sitzenden Dame zu, wiederholte kurz auf Französisch

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den Inhalt unseres Gespräches und sagte : "Madame werden mir sicherlich zustimmen, da ihr Volk unter der deutschen Besetzung zu leiden hatte." Die bemerkenswert hübsche Dame erwiderte jedoch : "Non, Monsieur, ich stimme völlig mit Madame überein. Heute tut mir das deutsche Volk sehr leid und überdies sehe ich keinen Sinn in der jetzt praktizierten Politik, die Deutschen in so elenden Umständen leben zu lassen, daß sie an die Seite der Sowjetrussen und damit in eine Front gegen uns getrieben werden können." An dieser Stelle mischte sich mein Nachbar — wie sich ergab, ein belgischer Geschäftsmann, der nach Prag reiste — ein und erklärte : "Wir können die amerikanische Politik ganz einfach nicht verstehen. Sie zerstört Deutschland, so daß es zwischen uns und Sowjetrußland keine Schranke mehr gibt. Wir und nicht die Amerikaner werden die Leidtragenden dieser angelsächsischen Dummheit sein, wenn die Sowjetrussen über Europa hinwegstürmen." Der Brite war sehr verwundert, daß man meiner und nicht seiner Meinung beipflichtete. Als er meinte, daß dies kaum die allgemeine Stimmung der belgischen Bevölkerung sein könne, erwiderte die junge Belgierin : "Sie sollten nicht alles glauben, was man ihnen vor anderen sagt. Viele Leute werden in ihrer Gegenwart nicht ihre wahre Meinung kundtun. Heute gibt es auch einen Schwarzmarkt für Gedanken." Dies erschien mir als eine recht scharfsinnige Beobachtung. In Ländern wie Frankreich und Belgien, wo man nach der Befreiung die Kollaborateure gelyncht hatte, war die Ängstlichkeit, dem deutschen Volk gegenüber freundschaftliche Gefühle zu zeigen, noch nicht ganz ausgestorben. Selbst in den freiesten Ländern der Welt sagen ja die Leute oft nur das, was nach ihrem Dafürhalten von ihnen erwartet wird; sie äußern die für orthodox geltenden, allgemein respektierten Anschauungen, obwohl sie vielleicht insgeheim ganz anderen Auffassungen huldigen. Ebenso wie damals in vielen Ländern Europas der freie Handel Schwarzhandel genannt wurde, galten auch in der Innen- und Außenpolitik gesunder Menschenverstand, Menschlichkeit und vernünftiges Denken nur zu oft als Beweis für Verderbtheit und Reaktion. Der Einfluß dessen, was als öffentliche Meinung gilt, weil es der Haltung der Presse und den Erklärungen der Politiker entspricht, übt fast ebenso viel Macht wie die Gestapo oder die GPU aus, die beide verhinderten, daß gefährliche Gedanken laut wurden. Das Gespräch mit der belgischen Dame zeigte mir erst so recht, daß die Angst davor, als nicht ehrbar angesehen zu werden,

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viele Menschen dazu trieb, Racheforderungen gegen Deutschland zu erheben, auch wenn sie keinerlei Haß gegen das deutsche Volk empfanden und wußten, daß die Politik der Alliierten gegenüber Deutschland ihnen ebenso viel Schaden zufügte wie den Deutschen selbst. Ich hatte der Belgierin einen Artikel zu lesen gegeben, in dem ich eine vernünftige und humane Haltung gegenüber den Deutschen forderte. Sie war darüber sehr erstaunt und meinte : "Ist es wirklich möglich, in den Vereinigten Staaten solche Dinge auszusprechen ? Hier in Belgien würden Sie sofort eingesperrt werden, wenn Sie einen solchen Artikel veröffentlichen würden." In diesem Artikel, den ich für den in Washington erscheinenden Pressedienst Human Events geschrieben hatte, hatte ich der Barbarei unserer damaligen Politik gegenüber den Besiegten die höhere Menschlichkeit und Klugheit der Eroberer früherer Epochen gegenübergestellt, in denen noch Ritterlichkeit und wohlverstandenes eigenes Interesse die Sieger davon abgehalten hatte, ihrer Rachsucht gegenüber den Besiegten freien Lauf zu lassen. Die belgische Dame erzählte mir, daß einer ihrer Freunde im Winter 1947/48 drei Tage, ohne etwas zum Essen zu erhalten, eingesperrt wurde, weil er es gewagt hatte, gegen die alliierte Aushungerung Deutschlands zu protestieren.

Ais ich drei Monate später durch die französische Zone reiste, war ich sehr betroffen von dem Gegensatz der Haltung der französischen Soldaten, mit denen ich ins Gespräch kam, zu der ihrer Regierung und der Besatzungsbehörden. Ich habe die französische Besatzungszone dreimal besucht; am längsten hielt ich mich dort auf, als ich im Oktober 1948 mit Helmuth Weber, seiner Schwester Margarita und ihrem französischen Gatten René in den Schwarzwald fuhr (siehe das Kapitel Tragödie im Siegerland). Die beiden Herren reisten in Geschäften in die französische Zone und ich benutzte die Gelegenheit, sie in ihrem alten Mercedes zu begleiten. Ich hatte bereits erfahren, daß es für amerikanische Journalisten schwierig war, in der französischen Zone etwas zu erfahren; den deutschen Fabrikbesitzern war nämlich unter Androhung von Gefängnisstrafen verboten, Amerikanern Angaben über die Beschlagnahmung von Maschinen durch die Franzosen zu machen oder ihnen das Betreten ihrer Betriebe zu gestatten. Da Helmuth und René mich begleiteten, genoß ich den doppelten Vorteil, daß sowohl die Deutschen wie die Franzosen ohne große Scheu mit mir sprachen. Besuchten wir eine deutsche Fabrik, so hielt sich René im Hintergrund, ging ich in ein Café oder eine

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Baracke, um mit den Franzosen zu reden, blieb Helmuth meist im Wagen sitzen. Es ergab sich aber auch oft, daß wir alle mit Deutschen und Franzosen zusammen waren und ich bemerkte dann, daß niemand eine persönliche Feindschaft gegen den Vertreter des anderen Volkes hegte — im Gegenteil : die Freundlichkeit, mit der die Poilus die Deutschen behandelten, machte einen großen Eindruck auf mich. Nicht nur das : ganz anders als die Politiker in Paris hatten sie keine — wirkliche oder vorgegebene — Angst vor einem deutschen Angriff, sondern hofften, daß die Deutschen bei einem Angriff der Sowjetrussen mit ihnen zusammen kämpfen würden. Der brave René, der sich so viel Mühe gab, mich davon zu überzeugen, daß die Franzosen nicht so schlecht seien, wie ich mir einbildete, war entzückt, wenn französische Soldaten, jüngere Offiziere und Arbeiter im Gespräch mit uns dieselben ritterlichen und klugen Gedanken äußerten wie er selbst. Carlo Schmid meinte einmal im Gespräch mit mir, das Ärgerliche an den Franzosen sei nur, daß sie als Einzelne ganz vernünftig seien, daß sie sich aber einfach unmöglich benähmen, wenn sie ein Rädchen im Apparat ihrer Bürokratie geworden seien.

In der französischen Besatzungszone gab es sehr viel französische Arbeiter, Techniker und Holzfäller; mit einigen von ihnen sprach ich in Alpirsbach, einem Städtchen im Schwarzwald, in dem wir übernachteten. Obwohl sie für französische Kapitalisten deutsche Wälder abholzten, waren sie so miserabel bezahlt, daß es ihnen kaum besser ging als den von ihren französischen Arbeitgebern ausgeplünderten Deutschen. Die meisten dieser französischen Soldaten und Arbeiter sahen ebenso armselig aus wie die deutschen und waren zumeist schmutziger und ungepflegter als diese, so daß es schwer fiel, sie als Herrenvolk, als Ausbeuter und Unterdrücker des unterworfenen deutschen Volkes zu betrachten. Übrigens trennten die einfachen Franzosen und einfachen Deutschen nicht die sozialen und wirtschaftlichen Schranken, die sich zwischen den Amerikanern und den Besiegten erhoben. Es muß zu Ehren der Franzosen gesagt werden, daß sie ihren Soldaten und Beamten kein Gefühl nationaler Überlegenheit eingeimpft und — zumindestens in der Unterbringung ihrer Besatzungstruppen — die überkommenen Regeln einer anständigen Kriegführung eingehalten hatten. Ihre Offiziere und Soldaten wohnten zwar in deutschen Häusern, deren Besitzer man aber im Gegensatz zur britischen und amerikanischen Zone nicht auf die Straße gesetzt

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hatte. Sie waren zwar manchmal in Räume im Keller oder auf dem Dachboden verwiesen worden und viele Deutsche beklagten sich darüber, daß die Franzosen ihre Häuser verwüsteten und vernachlässigten, doch wurde ihnen wenigstens in ihren eigenen Wohnungen Obdach gewährt.

In der französischen Zone stand der bittere Haß auf die Okkupationsbehörden, die die Leute ausplünderten, die Vieh, Getreide und Maschinen beschlagnahmten, das Volk hungern ließen und einsperrten, wenn es gegen Unterdrückung und Räubereien protestierte, im seltsamen Kontrast zu den — wenn schon nicht freundschaftlichen, so doch von gleich zu gleich sich abspielenden — Beziehungen zwischen den einzelnen Franzosen und Deutschen. Nach den Eindrücken, die ich in Deutschland gewann, galten die Amerikaner als die Besatzungsmacht, die ihre Regierungsgewalt am humansten und vernünftigsten ausübten, während im Kontakt von Mensch zu Mensch die Franzosen etwas weniger unbeliebt waren als die Amerikaner und Briten. Bis zu einem bestimmten Grad war dieser Gegensatz auch bei den Russen zu beobachten. In Berlin hat man mir oft berichtet, daß General Sokolowski und sein Stab die Deutschen, mit denen sie in Berührung kamen, weit freundlicher, höflicher und achtungsvoller behandelten, als dies Amerikaner und Briten taten. Wären die Politik und die Methoden der Franzosen dem Benehmen ihrer Besatzungstruppen ähnlich gewesen, hätte man die Franzosen ganz ohne Zweifel auch mehr geschätzt als die Amerikaner.

Wiederum ähnlich wie die Russen, haben die Franzosen es sich angelegen sein lassen, ein Auskommen mit der in Deutschland früher herrschenden Schicht zu finden, während sie zur gleichen Zeit die deutschen Arbeiter, Bauern und Unternehmer mit Füßen traten. In der französischen wie in der Sowjetzone wurden die ehemaligen Nazis als schätzungswerte Verbündete angesehen, falls sie den Franzosen zu Willen waren und weder die Russen noch die Franzosen haben die deutschen Offiziere zu Bettlern gemacht, wie dies in der amerikanischen Zone geschah. Franzosen und Russen nahmen die Mitarbeit der Deutschen je nach deren sozialer oder wirtschaftlicher Herkunft oder deren Klassenzugehörigkeit an oder lehnten diese ab, waren aber an der Vergangenheit des Einzelnen gänzlich uninteressiert, falls dieser nur zur Mitarbeit bereit war. Franzosen wie Russen unternahmen den Versuch, die Intelligenz für sich zu gewinnen, während in der amerikanischen Zone Professoren, Studenten und Schriftsteller

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kaum existieren konnten, weil sie ja nur die geringste Lebensmittelration zugeteilt erhielten. Die Franzosen haben die Universität Freiburg wiederaufgebaut und die über 100 Jahre alte Universität Mainz wiedergegründet. Die Amerikaner aber haben die Universität Heidelberg für ihre eigenen Zwecke beschlagnahmt und die Studenten bei der Lebensmittelzuteilung in die unterste Gruppe eingestuft. Die amerikanische Militärregierung hat denjenigen deutschen Intellektuellen, die eine unabhängige Meinung hatten, die kalte Schulter gezeigt, die Franzosen dagegen haben sie mit offenen Armen aufgenommen und versucht, sich mit ihnen zu versöhnen.

In Deutschland wurde ich oft an die Beobachtungen meines Bruders erinnert, der einige Jahre lang den Stillen Ozean befuhr, bevor er auf den Fidschi-Inseln starb, wo er sich als Arzt niedergelassen hatte. In seinen Briefen von dort hatte er auf den zwiefachen Gegensatz zwischen dem hervorragenden Krankenhaus und Sanitätsdienst der Briten auf Fidschi und der rucksichtslosen Ausbeutung der Eingeborenen in den französischen Besitzungen in der Südsee, andererseits aber dem viel besseren persönlichen Verhältnis der Franzosen zu den Eingeborenen hingewiesen. Die Briten taten zwar das Richtige, blickten aber auf die Eingeborenen herab und lehnten jeden gesellschaftlichen Kontakt mit ihnen ab, die Franzosen dagegen preßten aus der eingeborenen Bevölkerung ihrer Inseln heraus, was sie nur vermochten und boten als Gegenleistung nur wenige der Annehmlichkeiten der Zivilisation, errichteten aber in ihrem gesellschaftlichen Verkehr mit den Eingeborenen keinerlei Rassenschranken. Es schien mir, als ob das Gleiche auch für Deutschland zutraf. Die deutsche Oberschicht — mit Ausnahme der ruinierten Industriellen — stand mit ihren französischen Eroberern auf besserem Fuße als dieselbe Schicht in der amerikanischen und britischen Zone. Die deutschen Arbeiter, Fabrikbesitzer und Bauern aber haßten Frankreich, weil es sie ausplünderte und ihnen ihre Existenzgrundlage zerstörte.

Die Franzosen spielten auch insofern ein geschicktes Spiel, als sie so taten, als hätten sie und die Deutschen ein gemeinsames Interesse darin, in Opposition zu den USA zu stehen. Ich kann mich zwar nicht dafür verbürgen, ob alles, was mir darüber erzählt wurde, wahr war, aber es schien doch so, als ob die Franzosen die Deutschen zu überreden versuchten, sich mit ihnen gegen die USA zu verbünden. So sollen die französischen Behörden 1948 eine Geheimabmachung vorgeschlagen haben, nach der

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die Deutschen alle über 15 Jahre alten Maschinen — auch wenn sie auf der Demontageliste standen — behalten sollten, falls sie dafür den Franzosen die von den Amerikanern oder aus deren Zone gelieferten neuen Maschinen ablieferten. Ferner hat man mir berichtet, daß französische Offiziere Deutschen gegenüber äußerten, sie seien in Wahrheit gar nicht so feindselig und rachsüchtig, wie es den Anschein habe. Frankreich sei aber gezwungen, diese Haltung anzunehmen, um von den USA ein Höchstmaß an Unterstützung zu erhalten. Nur die ständige Betonung der Furcht Frankreichs vor Deutschland sei imstande, dem Lande hohe amerikanische Subsidien zu verschaffen. Beweisen kann ich die Wahrheit solcher Behauptungen natürlich nicht, aber es sah doch sehr nach einem Falschspiel der Franzosen aus. Wie die Sowjetrussen boten sie denjenigen Deutschen, die von der amerikanischen Militärregierung bestraft oder durch hochmütige Behandlung verletzt worden waren, Stellungen an und gleich den Russen gewährten sie jenen Vergünstigungen, die bereit waren, ihre Politik zu unterstützen.

Im wirtschaftlichen Bereich konnte sich die Korruption, dieses Merkmal der französischen Innenpolitik, in Deutschland frei entfalten. Fabrikbesitzern wurde erklärt, sie könnten ihre Maschinen retten, falls sie bereit seien, französische Beamte zu bestechen; deutsche Industriefirmen wurden vor die Wahl gestellt, entweder ihr Unternehmen der Reparation verfallen zu sehen oder den Franzosen die ihre Firma kontrollierende Aktienmehrheit einzuräumen.

Ganz allgemein gesprochen schien es, als trieben die Franzosen, wenn auch behindert durch ihren Mangel an militärischer Macht, ganz dasselbe Spiel wie die Sowjetrussen. Sie boten all denen, die ihre Interessen zu unterstützen bereit waren, Vergünstigungen, Sonderrechte und Vergebung für frühere Nazi-Sünden und sie enteigneten, bestraften und sperrten die ehrenwerten Liberalen und Konservativen ein, die ihnen Widerstand leisteten, fragten aber nicht nach der Vergangenheit eines Mannes, der bereit war, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Man brauchte sich daher nicht zu wundern, daß man unter den liberalen Sozialisten und konservativen Kapitalisten einen bitteren Haß auf die Franzosen fand, daß diese aber mit den reaktionären bayrischen Monarchisten, mit den Separatisten und ehemaligen Offizieren, die von ihnen wesentlich achtungsvoller und gerechter behandelt wurden als von den Amerikanern, im besten Einvernehmen lebten. Im Gegensatz

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zu General Clay und General Robertson gestattete der französische Militärgouverneur, General König, daß die deutschen Offiziere oder deren Witwen ihre Pensionen gezahlt erhielten. Es sah so aus, als seien die Franzosen gleich den Sowjetrussen bestrebt, aus der von der amerikanischen Politik geweckten Erbitterung Nutzen zu ziehen und als wollten sie ihren ganzen Einfluß geltend machen, um die USA zu einer Politik zu veranlassen, die sie bei den Deutschen verhaßt machen mußte. Hier wie in vieler anderer Hinsicht trieben die Franzosen das Spiel der Sowjetrussen, obwohl sie sich einbildeten, zu ihrem eigenen Vorteil zu handeln. Diese scheinbaren Widersprüche der französischen Politik fanden ihre Erklärung in ihrem alten Bestreben nach einer Aufspaltung Deutschlands durch eine Förderung separatistischer Tendenzen und in ihrer Hoffnung, das Rheinland einem Großfrankreich eingliedern zu können. Nachdem es ihnen gelungen war, das Saargebiet von Deutschland loszulösen, indem sie drohten, dessen Industrie zu demontieren und damit seine Bevölkerung zu ruinieren, falls sie nicht für die Angliederung an Frankreich stimmte, hatten die Franzosen ganz ohne Zweifel die Hoffnung nicht aufgegeben, in den übrigen Teilen ihrer Zone mit Hilfe von Einschüchterung und Bestechung den gleichen Erfolg zu erzielen.

Ein guter Deutscher war nach französischen Begriffen ein Deutscher, der bereit war, die Interessen seines Vaterlandes zur Wahrung seiner eigenen zu opfern. Menschen dieser Art war es gestattet, ein glückliches Leben zu führen, ob sie nun einmal Nazis gewesen waren oder nicht und ungeachtet der politischen Sympathien, die sie jetzt bekundeten. Den Franzosen war es völlig gleichgültig, ob jemand ein Demokrat war oder nicht, es genügte ihnen, daß er profranzösisch und bereit war, den Interessen Frankreichs zu dienen. In dieser Hinsicht war die französische Politik die echte Antithese der amerikanischen; wir verweigerten selbst denen unsere Freundschaft, die am meisten bereit waren, mit uns zusammenzuarbeiten, wenn wir nicht ganz sicher waren, daß es in ihrer Vergangenheit keinerlei dunkle Punkte gab. Ich habe in der französischen Zone mit einem Deutschen gesprochen, dem der französische Militärgouverneur ein riesiges Einkommen angeboten hatte, falls er bereit war, der Ministerpräsident einer unabhängigen Pfalz zu werden. Die Atmosphäre in der französischen Zone entsprach in vielem derjenigen unter dem Sowjetterror. Es gab zwar keine KZs mehr, aber die

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Deutschen betrachteten die Sûreté als eine neue Art Gestapo. Menschen wurden eingekerkert, auch wenn sie kein anderes Verbrechen begangen hatten, als sich über die Besatzungsbehörde zu beschweren oder gegen die Beschlagnahme ihres Eigentums zu protestieren.

Die mürrischen Gesichter der Leute, ihre bittere Armut und die Schwierigkeiten, die wir beim Einkauf von jeder Art Lebensmitteln — außer Kartoffeln — erlebten, zeugten für die stets gegenwärtige Furcht vor den Franzosen und für die Art und Weise, in der diese ihre eigene Zone der Lebensmittel und Verbrauchsgüter beraubt hatten. Ebenso wie die Sowjetrussen versorgten sich die Franzosen aus ihrer eigenen Zone und beschäftigten — auch wie die Sowjets — zahlreiche Leute damit, die Bauern zur Ablieferung von Milch, Eiern, Vieh, Gemüse und selbst Getreide zu zwingen.

In Baden-Baden, wo General König inmitten eines Pompes residierte, wie er einem Vizekönig von Indien angemessen gewesen wäre, lebten mehr Franzosen als Deutsche — nach den Angaben des Wirtschaftsministeriums von Württemberg-Hohenzollern 40000 gegenüber 30000. Frankreich benutzte seine Zone als Übungsplatz für seine Rekruten und die Angehörigen der Besatzungstruppen brachten nicht nur ihre Frauen und Kinder, sondern auch ihre Großmütter, Tanten, Schwestern und Kusinen mit. Außer diesen Leuten, die auf Kosten der deutschen Wirtschaft lebten, wurden auch Kinder und Kriegsverletzte nach Deutschland in Ferien und zur Erholung geschickt; für ihre Versorgung mußten gewaltige Mengen von Milch, Butter und Eiern aufgebracht werden. Bis zum Jahr 1948 waren viele in der französischen Besatzungszone lebende Deutsche allen Ernstes dem Hungertod nahe; seitdem hatte sich ihre Lage dank der amerikanischen ECA-Zuteilungen an die französische Zone in einiger Hinsicht gebessert.

In einem kleinen Dorfgasthaus in dem lieblichen Landstrich oberhalb des Rheines konnte ich allerdings feststellen, daß es einige Bauern fertigbrachten, ihre Lebensmittelvorräte vor den Franzosen zu verstecken. Einer meiner Begleiter, der es gut verstand, mit jedermann zu scherzen und Freundschaft zu schließen, brachte bald die Wirtin an unseren Tisch, die dann ohne Scheu auspackte. Sie berichtete, wie die Franzosen in die Bauernhäuser eingedrungen waren und alles weggenommen hatten, was sie gefunden hatten — alle Lebensmittel, die Wäsche, ja sogar die

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Möbel. Sie holten sich die ganze Milch, schlachteten das Vieh für ihre eigenen Kochtöpfe und ließen den Deutschen fast nichts Eßbares mehr zurück. Dann aber fragte uns die Wirtin, ob wir nicht westfälischen Schinken versuchen wollten. Als wir vergnügt Ja sagten, führte sie mich lachend in ihr Schlafzimmer und zeigte mir den in einer Kiste unter ihrem Bett versteckten Schinken. Er war köstlich. Während wir noch davon aßen, kamen zwei Männer herein, typische Vertreter von Stadt und Land, von Arbeiter und Bauern im besetzten Deutschland. Der eine, ein kräftig gebauter, rothaariger junger Riese, mit blauen Augen und frischen Zügen, hätte recht gut den Helden in einer Wagner-Oper abgeben können. Der andere war klein und ausgemergelt, sein Gesicht war grau und er schien niedergeschlagen zu sein; er trug einen geflickten baumwollenen Arbeitsanzug. Der erste war ein Bauer, der andere ein Metallarbeiter mit einem Stundenlohn von nur 75 Pfennigen; die Fabriken in der französischen Zone zahlten die niedrigsten Löhne. Dieser Arbeiter war übrigens einer der wenigen Menschen, die ich in Deutschland antraf, der nicht nur offen zugab, Nazi gewesen zu sein, sondern der es im innersten Herzen auch geblieben zu sein schien. Seiner Meinung nach hatten es die Arbeiter nie so gut gehabt wie unter Hitler; er war aufs Äußerste erbittert darüber, daß die Alliierten das Versicherungskapital und die Krankenhäuser und Erholungsstätten der Arbeitsfront beschlagnahmt hatten. Er litt an Schwindsucht und erklärte, früher hätte man ihn unterstützt, jetzt aber könne er keine ärztliche Hilfe bekommen. Der junge Bauer interessierte sich nicht für Politik. Als ich ihn fragte, wie es ihm ergehe, erwiderte er lachend : "Wir Bauern kommen schon zurecht. Die Franzosen sind nicht gerissen genug, um alles zu finden."

Begreiflicherweise mußte die städtische Bevölkerung am meisten leiden, wenn die Bauern — wie die in der französischen Zone —nur mit Schwarzhandel verdienen konnten und nur unter Zwang Lebensmittel zu den von den Franzosen gezahlten Preisen ablieferten. Die große Zahl von Personen, die Lebensmittel zu den niedrigen amtlichen Preisen zwangseintreiben mußten, machte das ganze System unwirtschaftlich. Auf einem weit von jeder Stadt und jedem Dorf entfernten kleinen Bauernhof tief im Schwarzwald erzählte man mir, daß die Franzosen in regelmäßigen Abständen drei Leute schickten, die die vorgeschriebenen Lebensmittelmengen einzusammeln hatten. Der Hof wurde von einer Frau mit dreien ihrer Söhne bewirtschaftet; zwei weitere

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Söhne waren gefallen, ein dritter war noch in Rußland als Kriegsgefangener. Sie besaßen vier Kühe und drei Ochsen, ein paar Schweine und Hühner, gerade so viel Ackerland, um genug Getreide für das eigene Brot und als Viehfutter anbauen zu können, sowie einen großen Gemüsegarten. Sie mußten pro Jahr und Kuh 700 Liter Milch abliefern, obwohl ihre besten Kühe höchstens 2000 Liter im Jahr gaben. Die Franzosen holten sich auch von jedem Wurf eine bestimmte Zahl Ferkel, soundsoviel Eier je Henne sowie 47 Zentner Kartoffeln und genau festgesetzte Mengen an Getreide. Der stärkste der drei Ochsen sollte in der nächsten Woche abgeholt werden. Mochten die Franzosen das Recht haben, so viel wegzunehmen oder nicht, der entscheidende Punkt schien mir doch die mit einer solchen Zwangseintreibung auf unzähligen kleinen Bauernhöfen verbundene Arbeitsvergeudung zu sein, bei der ja doch alles in allem genommen nur recht wenig Lebensmittel zusammenkamen. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben die dazu bestellten Zwangseintreiber das meiste von diesen Lebensmitteln selbst verzehrt. Die Sowjets hatten schon vor langer Zeit herausgefunden, daß das einzige Mittel, die Bauern zur Ablieferung ihrer Erzeugnisse für nichts oder für einen Preis zu zwingen, der weit unter den Produktionskosten lag, die Kolchose war, in der die Bauern wie Fabrikarbeiter behandelt wurden. Ein anderer Weg war ganz einfach ungangbar — es sei denn zu untragbaren Kosten, solange Einzelbauern das Land bestellten.

Der Familie auf jenem Schwarzwaldhof ging es trotz ihrem Groll auf die Franzosen eigentlich nicht schlecht — sie betrieb nämlich eine recht einträgliche Kirschwasserbrennerei. Die dazu benötigten Apparate waren irgendwo im Wald verborgen, wo die Franzosen sie nicht aufspüren konnten, und mit diesem Kirschwasser wurde ein munterer Schwarzhandel nach Deutschland und über die französische Grenze bei Straßburg betrieben. Dort brauchten sie lediglich den französischen Zollposten etwas von dem Kirschwasser abzugeben.

Selbstverständlich hatten die Franzosen selbst den meisten Profit davon, wenn sie die Grenzen ihrer Zone nicht von deutschen, sondern von ihren eigenen Zollbeamten bewachen ließen. Professor Karl Brand von der Stanford-University, der als Gast-Professor in Heidelberg lebte, nahm mich in seinem Wagen in die Schweiz mit, damit ich selbst beobachten konnte, was da an der Grenze geschah. Als wir die Zollgrenze vor Basel erreichten, prüften zwei französische Unteroffiziere unsere Pässe, fragten

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aber überhaupt nicht danach, ob wir deutsches Geld oder Waren dabei hatten. Die beiden an der Schranke stehenden deutschen Zollbeamten durften sich unserem Wagen nicht nähern, geschweige denn unser Gepäck kontrollieren. Auf diese Weise konnten Angehörige der alliierten Nationen auf kinderleichte Weise alles, was ihnen beliebte, aus Deutschland ausführen. Die Franzosen waren in beträchtlichem Maße für den Kurssturz der neuen D-Mark verantwortlich zu machen, der eine Folge des illegalen Exportes von dringend in Deutschland benötigten Waren durch die Schwarzhändler war. Professor Brand und ich überschlugen schnell, wie rasch man sich ein Vermögen erwerben konnte, indem man etwa Cognac aus Frankreich nach Deutschland schmuggelte, ihn mit einem Gewinn von einigen hundert Prozent auf dem Schwarzen Markt absetzte, sich für dieses Geld dann deutsche Fertigwaren kaufte und diese dann in der Schweiz an den Mann brachte. Eine andere Möglichkeit war, daß Angehörige alliierter Staaten ihre D-Mark in der Schweiz in Franken umwechselten, wo die Banken sie zu einem Zehntel des amtlichen Kurses an diejenigen abgaben, die in Deutschland einkaufen wollten. Dieser illegale Handel reizte verständlicherweise dazu an, statt dringend benötigten Artikeln des täglichen Bedarfes in Deutschland Luxusgüter für den Export herzustellen. Obwohl zu dieser Zeit Schuhe in Deutschland teuer und nur schwer zu bekommen waren, wurden beträchtliche Mengen Leder zur Herstellung von Damenhandtaschen und anderen Modeartikeln verwendet.

Ähnlich glänzende Geschäfte mit der Untergrabung der deutschen Währung hatten die Sowjetrussen in Berlin gemacht. Ohne sich im geringsten anzustrengen, hatten die Franzosen bereits bei der Währungsreform einen riesigen Kursgewinn gemacht. Von den im Juni 1948 ausgegebenen fünf Milliarden Mark in der neuen Währung nahmen sich die Briten 266, die Amerikaner 255 und die Franzosen 250 Millionen für den eigenen Bedarf. Auf diese Weise wurden der deutschen Wirtschaft 15 Prozent des Geldumlaufes — über eine Dreiviertelmilliarde — entzogen. Gemessen an der Größe der Zone war der französische Anteil an diesen Entnahmen unverhältnismäßig hoch, was den Franzosen gestattete, ihre Staatsangehörigen unbegrenzte Beträge im Verhältnis 1 : 1 oder zu einem Vorzugskurs umwechseln zu lassen, während die Deutschen lediglich 40 Reichsmark in die 40 D-Mark Kopfgeld, den Rest jedoch im Verhältnis 10 : 1 oder — wie

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sich später ergab — 10 : 0,65 umwechseln konnten. Aus diesem Grunde waren die Franzosen vor der Währungsreform nachdrücklich bestrebt, auf anständige oder unanständige Weise so viel Reichsmark zu erraffen, wie sie nur konnten. Manchmal machten sie mit ihren deutschen Freunden Halbpart, manchmal auch gingen sie ihren Dienstboten um den Bart, indem sie ihnen anboten, ihre Ersparnisse im Verhältnis 1 : 1 umzutauschen. Es kam aber auch vor, daß die Franzosen Razzien in Dörfern ansetzten und das gesamte Bargeld der Bewohner beschlagnahmten. Auf die eine oder die andere Weise brachten sie erhebliche Mengen an Devisen an sich und schafften sie in die Schweiz, wo ja Devisen keiner Bewirtschaftung unterlagen. Als diese unsaubern Geschäfte nicht mehr blühten, machten sie neue Gewinne, indem sie mit Schwarzhandel verdiente oder bei neuerlichen Beschlagnahmungen deutschen Eigentums ergatterte D-Mark hinausschmuggelten.

Es wurde bereits berichtet, daß General Clay den Versuch unternahm, die Franzosen zum Verstopfen des Loches im Westen zu veranlassen, durch das Geld und Waren abflossen. Das amerikanische Außenministerium gab aber den Franzosen nach und das Besatzungsstatut machte der deutschen Regierung eine wirksame Grenzkontrolle unmöglich. Es war das alte Lied : man erlaubte den Franzosen, die deutsche Wirtschaft zu schädigen, während zur gleichen Zeit die amerikanischen Steuerzahler das Geld aufbrachten, das zu ihrer Stützung benötigt wurde.

Die amerikanischen Soldaten und die Piloten der Luftbrücke teilten diese Vorliebe des Außenministeriums für die Franzosen keineswegs, doch war ihre Meinung für die Politik der USA völlig unmaßgeblich. Als ich das erstemal über die Luftbrücke nach Berlin gelangt war, sagte ein amerikanischer Pilot zu mir : "Die Briten leisten gute Arbeit, aber ist ihnen bekannt, daß die Franzosen bei der Versorgung Berlins überhaupt nicht mithelfen ? Alles, was sie über die Luftbrücke heranbringen, ist Cognac für den schwarzen Markt oder für den Verkauf an die Amerikaner." Sein Bordmechaniker fügte hinzu : "Wissen Sie eigentlich, daß diese Saukerle in Paris niemanden in ein erstklassiges Hotel hineinlassen, der nicht Offizier ist ?" Der Pilot eines amerikanischen Kurierflugzeuges berichtete mir : "Ich weiß ganz genau, wann ich die deutsche Grenze überflogen habe. Wenn ich dort drunten unbebaute Felder ohne Menschen sehe, die darauf arbeiten, dann bin ich über Frankreich. Diese Burschen brauchen wohl nicht mehr

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zu arbeiten, seitdem wir Amerikaner für sie schuften." Meinungen wie diese wurden selbstverständlich von Vorurteilen bestimmt, doch war es eine Tatsache, daß die Franzosen, wenn sie so arbeiten wollten wie einst und ihre Wirtschaft und Finanzen nicht so in Unordnung gewesen wären, amerikanische Lebensmittelzufuhren — abgesehen von den Dürrejahren 1946 und 1947 —nicht benötigt hätten. Der Boden Frankreichs war ja fruchtbar und das Land nicht übervölkert.

Kam man nach Paris, war man entsetzt über den unfaßbaren Luxus in Kleidung, Essen und Trinken, der im schreienden Gegensatz zur Armut der arbeitenden Bevölkerung und zur strengen Einfachheit in Großbritannien stand. Hätte man damals dieses Riesenaufgebot an Kellnern, Hotelangestellten und in Luxusbetrieben Beschäftigten zur Produktion von lebensnotwendigen und Exportgütern eingesetzt, dann hätte Frankreich bestimmt auf einen großen Teil der Zuwendungen aus dem Marshall-Plan verzichten können. Es war schon so : die oberen Zehntausend in Frankreich führten ein weit angenehmeres Leben als die Mehrzahl der Amerikaner, deren Steuern teilweise dazu verwendet wurden, die französische Wirtschaft zu stützen. Allem Anschein nach brauchte aber Frankreich nur zu fordern, um etwas zu bekommen. Niemand verlangte von ihm mehr als ein freundliches Lächeln und Zutunlichkeit. So klagte Frankreich weiter über seine Kriegsverluste, obwohl die reiche Beute, die es in Deutschland gemacht hatte, zusammen mit den Reparationen und den wohltätigen Gaben der USA den während des Krieges und der Besatzungszeit erlittenen Schaden mehr als gutgemacht hatte.

Im deutlichen Gegensatz dazu wurde die Art und Weise, wie die Briten mit dem Geld der USA umgingen, geprüft und kritisiert, als handele es sich dabei um das Haushaltsgeld einer Ehefrau. Frankreich aber wurde von den USA wie eine Geliebte behandelt, die in ihren Gunstbezeigungen wankelmütig war und über deren Launen man am besten nicht sprach. Dies alles hätte keine so große Rolle gespielt, falls es nur darum ging, daß la belle France vom spendablen Uncle Sam seine Leibrente bezog und daß Paris als Stätte des dolce vita der Ergötzung der Herren vom Außenministerium, der ECA und der amerikanischen Presse diente. Die Gefahr lag vielmehr in dem Einfluß, den Frankreich auf die amerikanische Politik ausübte, ein Einfluß, der noch zunehmen mußte, wenn einmal — was möglich war — das Außenministerium die Verwaltung Deutschlands übernahm. Eine

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Armee muß realistisch denken, da sie ja die Kriege durchzufechten hat, die die Folge einer schlechten Diplomatie sind. Was die amerikanische Armee über den Wert Frankreichs dachte, kann man in dem Satz zusammenfassen, den ein Mitglied des Stabes General Clays mir gegenüber aussprach : "Die Franzosen wollen nicht kämpfen — und damit hat sich's." Ich fragte : "Warum müssen wir dann eigentlich auf den französischen Standpunkt so große Rücksicht nehmen ? Wenn die Franzosen als Verbündete nichts wert sind, warum müssen wir ihnen dann immer nachgeben, bei den Demontagen, an der Ruhr und in allen anderen Dingen ?" Die Antwort lautete, daß die USA mit ihren Plänen zur Wiedererneuerung Europas und seiner Verteidigung nicht vorankommen könnten, wenn sie in ihrem Rücken — in Frankreich — aktiven Widerstand zu gewärtigen hatten. Die Franzosen hätten den Amerikanern bedeutet, daß sie sich heraushalten und die Überlassung von Stützpunkten verweigern würden, falls — etwa über Berlin — ein Krieg mit der Sowjetunion ausbräche. Das war nichts anderes als Erpressung : die Franzosen erklärten ganz einfach, sie würden in jedem Krieg mit Sowjetrußland neutral bleiben, falls die USA ihnen nicht all das zugeständen, was sie hinsichtlich Deutschlands forderten.

In ihrer Angst vor einem dritten Weltkrieg gaben die Franzosen den Amerikanern den Rat, sie sollten sich darauf vorbereiten, diesen in einer solchen Manier zu gewinnen, daß damit der Weg zu einem vierten Weltkrieg gebahnt sei. Die Amerikaner dürften sich nicht der Hilfe der Deutschen bedienen, um die Sowjetunion zu besiegen, weil am Ende dann die deutsche Vorherrschaft über ganz Europa stehen würde. Fragten dann die amerikanischen Armeebehörden : "Nun, wenn Sie schon den Deutschen nicht erlauben wollen, sich gegen die Sowjets zu verteidigen, wollen dann Sie selbst ihre Verteidigung übernehmen ?" hoben die Franzosen entsetzt die Hände und schrien : "Was — wir sollen Deutschland verteidigen ? Sind Sie wahnsinnig geworden ?" Im Endergebnis lief diese starre Haltung Frankreichs darauf hinaus, daß von den USA auf der einen Seite erwartet wurde, sie sollten Europa verteidigen, auf der anderen aber Deutschland gegenüber eine Politik treiben, die nicht nur auf dessen Wehrlosigkeit bestand, sondern auch die Sicherheit der amerikanischen Armee im Falle eines Krieges gefährdete, indem sie unter den Deutschen Haß gegen die USA erregte.

Unter diesen schwierigen Verhältnissen schienen sich General

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Clay und das Kriegsministerium Mühe gegeben zu haben, einen mittleren Kurs einzuhalten . Sie hatten den Franzosen alle möglichen Zugeständnisse gemacht, jedoch ihre Zustimmung zu der von Frankreich geforderten völligen Ruinierung Deutschlands verweigert. Sie hatten weiter die Hoffnung genährt, daß Westeuropa mit Einschluß Deutschlands doch noch zu einem Staatenbund geformt werden und seine Hilfsquellen wie seine Menschen für die Abwehr der sowjetischen Bedrohung mobilisiert werden konnten, falls die amerikanischen Steuerzahler weiter für die Verluste aufkamen, die eine Folge der den Franzosen hinsichtlich der Demontagen und der Ruhr gemachten Zugeständnisse waren. Diese Hoffnung gründete sich auf dem Glauben, daß man Frankreich mit der Zeit seine Angst nehmen könne und daß es dann zulassen werde, daß Deutschland und Europa ihre Wirtschaftskraft zurückgewinnen und ausreichend stark würden, dem kommunistischen Druck zu widerstehen. Diese Hoffnung mußte jedoch zerrinnen, falls die Franzosen auch weiterhin jede Gelegenheit verpaßten, so stark zu werden wie ein freies Deutschland.

Die amerikanische Militärregierung konnte in vielerlei Hinsicht kritisiert werden, der amerikanischen Armee aber mußte man zuerkennen, daß sie die Dinge in aller Klarheit und in all ihrer Komplexität sah. Da die Verantwortung für die Verteidigung Westeuropas wie der USA auf ihren Schultern ruhte, konnten es die Soldaten sich nicht leisten, in einem Wolkenkuckucksheim zu leben, in dem sich so viele maßgebliche zivile Regierungsbeamte niedergelassen hatten. Der Zorn der Armee über das, was sie als Frankreichs Sabotage des Londoner Abkommens vom Juni 1948 über die Errichtung eines westdeutschen Staates und anderer zur Eindämmung der kommunistischen Flut ausersehenen Maßnahmen betrachtete, war deshalb durchaus verständlich.

Als die Debatten über das Besatzungsstatut, das auf Grund des Londoner Abkommens von den Militärgouverneuren ausgehandelt werden sollte, an die britische, französische und amerikanische Regierung zurückverwiesen wurden, berichtete die New York Herald Tribune : "Es ist ein offenes Geheimnis, daß die Franzosen, die General Clay für einen dickschädligen Amerikaner halten, fordern, wenn möglich alle Unterhandlungen den Regierungen zu übertragen, weil sie dann häufig Zugeständnisse erlangen, die die amerikanische Militärregierung ihnen versagen würde. Viele Beamte hier in Deutschland sind der Auffassung,

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daß die Franzosen und Briten es bei Verhandlungen zwischen den Regierungen mit Amerikanern zu tun haben werden, die mit den deutschen Problemen weit weniger vertraut sind als die im Stab General Clays. Ein amerikanischer Beamter in Berlin beschrieb die Resultate dieser Verhandlungen so : 'Uns will es manchmal scheinen, als ob unsere amerikanischen Unterhändler da oben, die ja mit den Einzelheiten und der Vorgeschichte jedes Problemes nicht vertraut sind, überhaupt nicht ermessen können, wie bedeutungsvoll all das ist, was sie aus der Hand geben'."

Zum Schaden für die Sicherheit Europas und den Frieden der Welt übernahm dann das amerikanische Außenministerium die Leitung der amerikanischen Deutschland-Politik. Das hatte zur Folge, daß während der Amtszeit Dean Achesons die USA Frankreich in lebenswichtigen Fragen nachgab, die Wirkung der Marshall-Plan-Hilfe für Europa beeinträchtigte und den Frieden der Welt aufs Spiel setzte. Eines schien jedenfalls sicher : falls Frankreichs hysterische oder vorgetäuschte Angst vor Deutschland Hand in Hand mit seinem Bestreben, die Sowjetrussen zu beschwichtigen, die Politik der USA weiterhin bestimmte, mußten Europa dermaßen geschwächt und die Kommunisten dermaßen gestärkt werden, daß die Sowjetunion zu einem Angriff auf die westliche Welt geradezu ermutigt wurde.

Der Einfluß Frankreichs zeigte sich besonders deutlich, als am 10. April 1949 den Deutschen das Besatzungsstatut vorgelegt wurde. Den Deutschen wurde die bereits ein Jahr zuvor versprochene Selbstregierung nicht eingeräumt, alle wirkliche Macht blieb vielmehr in den Händen der Besatzungsbehörden. Sehr gut waren mit diesem Statut die alte japanische wie die damalige sowjetische Verfassung zu vergleichen, die in gleicher Weise die im vorangegangenen Artikel gewährten Rechte und Freiheiten im darauffolgenden wieder aufhoben. Unter der Vorgabe, daß die Bevölkerung Westdeutschlands das Recht erhalte, sich selbst zu regieren, gab ihr das Besatzungsstatut Verantwortung ohne wirkliche Macht : alle Beschlüsse der Regierung Westdeutschlands über Gesetzgebung, Justiz, Verwaltung und Wirtschaft konnten durch ein Veto der Besatzungsmächte aufgehoben werden. Man muß dieses verlogene Dokument genau prüfen, um das Abhängigkeitsverhältnis zu erkennen, das wir dem deutschen Volk hier unter dem Anschein äußerer Freiheit anboten. Unter den den Besatzungsmächten eingeräumten Sondervorbehalten führte das Besatzungsstatut nicht nur die Vollmachten hinsichtlich Ab-

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rüstung, Reparationen und Restitutionen auf, sondern auch solche für die wissenschaftliche Forschung, die Beschränkungen der Industrieproduktion, das Verbot der Zivilluftfahrt, die Entflechtung und Auflösung der Konzerne, das Verbot von Diskriminierungen im Außenhandel, hinsichtlich der ausländischen Interessen in Deutschland, der Außenpolitik und des Außenhandels, der heimatlosen Ausländer und der Zulassung von Flüchtlingen. Das war keineswegs alles. Die Besatzungsmächte durften nicht nur weiterhin den deutschen Außenhandel zu ihrem eigenen Vorteil kontrollieren, sondern auch die deutsche Binnenwirtschaft und die Verwendung der deutschen Importe. Der Paragraph 2 e war hier der springende Punkt, da er in jeder beliebigen Weise ausgelegt und auf alle Sachverhalte ausgedehnt werden konnte. Er bestimmte nämlich, daß die Besatzungsbehörden sich alle Befugnisse vorbehalten durften, die für den Schutz, das Ansehen und die Sicherheit der alliierten Streitkräfte, der von ihnen abhängigen und in Dienst genommenen Personen und ihrer Vertreter, ihre Privilegien, die Sicherstellung der Besatzungskosten und die anderweitigen Erfordernisse notwendig waren.

Den Deutschen wurden der Schutz der Gesetze und die aus dem Habeascorpusakt herrührende sowie andere Bürgerrechte verweigert. Der Paragraph 6 bestimmte : "Die Bürgerrechte jeder Person, vor willkürlicher Verhaftung, Haussuchungen oder Beschlagnahmungen geschützt, durch einen Rechtsbeistand vertreten zu sein, je nach Sachverhalt gegen Bürgschaftsleistung freigelassen zu werden, mit Verwandten in Verbindung treten zu dürfen und einen Anspruch auf ein gerechtes und rasches Verfahren zu haben, sind in ihrer Gesamtheit den Sicherheitserfordernissen der Besatzungsbehörden unterzuordnen."

Der Bundesregierung wurde nicht einmal gestattet, Gesetze zu verabschieden, ohne daß diese vorher den Besatzungsbehörden zur Kenntnis gebracht wurden. Diese konnten gegen jedes Gesetz ein Veto einlegen, das mit den eigenen Beschlüssen oder Maßnahmen der Besatzungsbehörden im Widerspruch stand. Die Eroberer behielten sich auch das Recht vor, zu jedem von ihnen gewünschten Zeitpunkt sogar die aufs äußerste begrenzten Vollmachten der von ihnen eingesetzten Regierung zu annullieren. Paragraph 3 des Besatzungsstatutes besagte : "Die Besatzungsmächte behalten sich vor, die Ausübung der ihnen jederzeit zustehenden uneingeschränkten Autorität ganz oder teilweise wiederaufzunehmen, wenn sie dies für die Sicherheit oder die Wah-

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rung einer demokratischen (sic !) Regierung in Deutschland oder in Erfüllung internationaler Verpflichtungen als ausschlaggebend betrachten."

Indien war — noch bevor es seine Unabhängigkeit erlangte — ein freieres Land als das Deutschland, das dem in diesem Dokument niedergelegten Kolonialstatut unterworfen war. Ich muß hier ein Gespräch erwähnen, das ich mit einem Korrespondenten indischer Zeitungen in Düsseldorf hatte. Als ich ihm erklärte, mir komme es so vor, als sei Deutschland jetzt auf denselben Stand zurückgeworfen wie das Indien des 19. Jahrhunderts, erwiderte er : "Das ist völlig richtig. Ich sage meinen deutschen Freunden immer : 'Wir haben es erlebt und jetzt erlebt es ihr. Wir sind jetzt frei, ihr aber seid Untertanen der USA, Großbritanniens und Frankreichs geworden. Ihr habt jetzt weniger Rechte, als wir sie vor der Erringung unserer Unabhängigkeit hatten, denn die Briten hatten in Indien ja eine auf dem Gesetz gegründete Herrschaft errichtet, während es bei euch in Deutschland nichts Derartiges gibt'."

Das Besatzungsstatut verweigerte den Deutschen aber nicht nur jene elementaren Menschenrechte, über die Frau Roosevelt und andere amerikanische UNESCO-Delegierte so gern große Reden hielten. Offensichtlich sollte es auch Deutschlands Konkurrenz auf dem Weltmarkt behindern, da ja Außenhandel wie wissenschaftliche Forschung weiter der Kontrolle durch die Eroberer und Konkurrenten unterlagen. Auf diese Weise wurden Deutschland bei der Entwicklung neuer Verfahren Fesseln angelegt und es wurde gezwungen, seine Konkurrenten aus künftigen Erfindungen seiner Wissenschaftler Nutzen ziehen zu lassen. Im Hinblick auf die erstrebte Gesundung Europas war diese Bestimmung des Statutes die verderblichste aller seiner Klauseln. Europa konnte nicht darauf hoffen, ohne die Hilfe der USA existieren zu können, falls es nicht neue technische Verfahren entwickelte und seinen Mangel an Naturschätzen mit Hilfe wissenschaftlicher Entdeckungen und der Weiterentwicklung seiner chemischen Industrie überwand. Bekanntlich waren aber die Deutschen bei der Erfindung von synthetischen Stoffen, die die Naturprodukte ersetzen konnten, in der Welt führend. Jetzt untersagte man ihnen, ihre Erfindungsgabe und ihre Begabung zu mühseliger Forschung zum eigenen und zu Europas Nutz und Frommen anzuwenden. Das war genau so, als wollte man dem begabtesten und fleißigsten Schüler einer Klasse verbieten, zu studieren und zu arbeiten.

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So unerfreulich die Bestimmungen des Besatzungstatutes auch waren, man hätte doch hoffen können, daß sie wenigstens in einem liberalen Geist ausgelegt wurden. Da war aber das jeder der drei westlichen Besatzungsmächte zustehende Veto, das in einem am 8. April in Washington unterzeichneten Abkommen der drei Regierungen festgelegt war. In allen wichtigen Fragen war eine einstimmige Billigung erforderlich und zu diesen Fragen gehörten Abrüstung und Entmilitarisierung samt der militärwissenschaftlichen Forschung, Verbote und Beschränkungen im industriellen Bereich und in der Zivilluftfahrt, Kontrollbefugnisse in Bezug auf das Ruhrgebiet, dazu gehörten Restitutionen, Reparationen und Entflechtungen, das Verbot einer unterschiedlichen Behandlung im Außenhandel sowie die Interessen und Ansprüche des Auslandes in und gegen Deutschland. Niemand konnte daran zweifeln, daß diese Ausweitung des Vetorechtes England und Frankreich erlaubte, zu jeder Abänderung des Industrieplanes und zu jeder Lockerung der Kontrollen Nein zu sagen, die Deutschland daran hinderten, in finanzieller Hinsicht für sich selbst zu sorgen und seinen vollen Beitrag für den Wiederaufbau Europas zu leisten. Der Außenminister der USA hatte damit England und Frankreich praktisch das Recht gegeben, die wirtschaftliche Abhängigkeit Deutschlands für alle Zeiten aufrechtzuerhalten — ohne Rücksicht darauf, was diese bereits den amerikanischen Steuerzahler kostete und wie viele Menschenleben dies kosten konnte, wenn und falls ein Krieg ausbrechen sollte. Die Zeit lag weit zurück, in der der Senat der Vereinigten Staaten sein Einspruchsrecht in allen faktischen, wenn auch formal nicht so bezeichneten Verträgen mit ausländischen Mächten geltend gemacht hatte und so lag die Gefahr nahe, daß dieses Übereinkommen mit Großbritannien und Frankreich unangefochten bleiben würde.

Das Besatzungsstatut bedeutete einen fühlbaren Rückschritt der amerikanischen Politik. Man hatte zwar den Franzosen bei der Ausarbeitung des Ruhrabkommens, das das wichtigste Industriegebiet Deutschlands einem Kolonialstatut unterwarf, weitgehende Zugeständnisse gemacht, die amerikanische Militärregierung hatte aber immerhin durchgesetzt, daß die deutsche Stahlproduktion auf eine bestimmte Zeit beschränkt bleiben sollte. Nun aber hatte das Außenministerium Frankreich eine Stellung eingeräumt, von der aus es mit seinem Veto in den Wiederaufbau Deutschlands und Europas eingreifen konnte. Dieses Veto glich dem, das

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die Sowjetunion in der UNO ausüben durfte und es lag nahe, daß es mit derselben Skrupellosigkeit angewendet würde.

Den Franzosen war es sogar gelungen, die Aufstellung einer deutschen Bundespolizei zur Aufspürung und Unterdrückung umstürzlerischer Aktionen zu hintertreiben. Damit waren den Kommunisten noch größere Freiheiten eingeräumt als sie sogar in Frankreich besaßen und diese befähigten sie, die Demokratie von innen heraus zu zerstören.

Das Besatzungsstatut gestattete den deutschen demokratischen Parteien auch nicht, über die Verfassung des neuen westdeutschen Staates allein zu entscheiden. Nach monatelangen Beratungen hatte der Parlamentarische Rat in Bonn durch einen Kompromiß zwischen CDU und SPD über die Aufteilung der Finanz- und Wirtschaftshoheit zwischen Bund und Ländern und die Befugnisse des Bundestages und Bundesrates über die Bundesgesetzgebung endlich einen Vertragsentwurf zustande gebracht, doch dann schalteten sich die Militärgouverneure ein. Die Franzosen erhoben Einwände gegen die Schaffung eines lebensfähigen Staates in Westdeutschland, ihrem Wunsch nach einem losen Staatenbund wurde stattgegeben. Die USA halfen Frankreich, indem sie in Bayern und im Rheinland die reaktionären und separatistischen Gruppen unterstützten, deren sozialdemokratische Gegner hinwiederum keinen Beistand erhielten. Tatsächlich haben die Briten bei der Gründung eines westdeutschen Staates mehr Einsicht bewiesen als die USA und Frankreich. Unter der Labour-Regierung wurde zwar ihr politischer Instinkt und ihre kluge Haltung, die sie bis dahin besiegten Gegnern gegenüber einnahmen, von dem ungestümen Verlangen der herrschenden Partei überdeckt, mit zulässigen und unzulässigen Mitteln Dollars zu ergattern und auf diese Weise von den USA unabhängig zu werden, ihre Einstellung zur politischen Zukunft Deutschlands erwies sich aber als wesentlich klüger als die der Franzosen. Sie gingen dabei sogar so weit, ganz im Geheimen den Sozialdemokraten zu sagen, daß die Westmächte sich unter der Hand darüber verständigt hätten, der geplanten Bundesregierung weitgehendere Befugnisse bei der Gesetzgebung und im Finanzwesen zu übertragen, falls die Deutschen die anfangs unterbreiteten harten Bedingungen ablehnen sollten. Diese Haltung hatte den Sozialdemokraten gestattet, der künftigen Regierung Westdeutschlands etwas größere Machtbefugnisse zu verschaffen, als dies sonst der Fall gewesen wäre.

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Nun kamen allerdings die Führer der neuen deutschen Demokratie in die glückliche Lage, so etwas wie eine gelinde Erpressung anwenden zu können : die Westmächte hatten sich für den Fall, daß die Blockade Berlins aufgehoben wurde, verpflichtet, einer Viermächtekonferenz zuzustimmen und es mußte ihnen daher daran gelegen sein, sich mit den deutschen demokratischen Parteien zu verständigen, bevor die Sowjetrussen die Aufhebung der Blockade anboten.

Das im Besatzungsstatut vorbehaltene Vetorecht schloß selbstverständlich jede Möglichkeit aus, den Sowjets sowie Frankreich eine Handhabe zu bieten, mit der sie die Pläne der USA zum Wiederaufbau Deutschlands und Europas sabotieren konnten. Man mußte zu dieser Zeit immer damit rechnen, daß die Sowjets den Versuch unternahmen, die USA vor die Alternative zu stellen, entweder ihre Streitkräfte abzuziehen und den Deutschen volle Freiheit zu gewähren — auf die Gefahr hin, daß sie den Armeen der Sowjetunion und ihrer deutschen Helfershelfer wehrlos überantwortet wurden —, oder das Versprechen zu brechen, das man den Deutschen gegeben hatte, ihnen ein begrenztes Selbstbestimmungsrecht zuzugestehen. Ein Viermächteabkommen mußte ja so lange ein Stück Papier bleiben, wie die Sowjetunion nicht dasselbe Vetorecht eingeräumt erhielt wie die USA, Frankreich und Großbritannien. Niemand konnte allerdings daran zweifeln, daß eine deutsche Regierung, die bei allen ihren Entschlüssen einem sowjetischen Vetorecht unterworfen war, aktionsunfähig bleiben mußte, sofern sie nicht den Direktiven der Kommunisten folgte.

Es war schwer festzustellen, ob Dean Achesons Zugeständnisse an Frankreich, die Europas Zukunft gefährdeten, einer echten Überzeugung entsprangen. Es war kein Geheimnis, daß Dean Acheson Felix Frankfurter, dem Mitglied des Obersten Bundesgerichtshofes der USA, freundschaftlich verbunden war und es ist nicht der geringste Zweifel darüber erlaubt, daß gerade Frankfurter einer der einflußreichsten Befürworter der Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation Deutschlands und des berüchtigten Morgenthau-Planes gewesen war. Es ist daher durchaus nicht von der Hand zu weisen, daß eben diese Leute, nämlich Frankfurter und sein Kreis, zu dem auch der Verräter Alger Hiss gehörte, für diesen Rückschritt der amerikanischen Politik verantwortlich zu machen waren; sie verhielten sich der Stalin-Diktatur gegenüber keineswegs so ablehnend wie früher gegenüber

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der Hitlers, und eine Bestrafung der Deutschen lag ihnen noch immer mehr am Herzen als eine Zurückweisung der kommunistischen Machtansprüche. Dean Acheson galt auch als Gefolgsmann der Briten, aber diese, die sich hinsichtlich der Demontagen ebenso unklug verhielten wie die Franzosen, hatten ja die Forderungen der deutschen Sozialdemokraten nach ausreichenden Machtbefugnissen für die geplante westdeutsche Regierung unterstützt. Man war daher geneigt anzunehmen, daß auch in diesem Fall es dem Einfluß Frankreichs gelungen war, die USA dahin zu bringen, den Kommunisten den Weg freizugeben.

Genau so wie nach dem Ersten Weltkrieg bereitete auch jetzt Frankreich dem sich neu bildenden deutschen demokratischen Staatswesen alle erdenklichen Schwierigkeiten. Wiederum verhinderte es eine Politik, die geeignet gewesen wäre, die Masse des deutschen Volkes auf unsere Seite zu ziehen. Erneut stärkte es jene totalitären Kräfte, die es im Zweiten Weltkrieg an den Rand des Abgrundes gebracht hatten und im Falle eines neuen Krieges mit Sicherheit zerstören mußten.

Carlo Schmid soll im April 1949 gesagt haben : "Ob einem das paßt oder nicht, eines ist jedenfalls sicher : die Zukunft Europas hängt von den deutschen Arbeitern ab. Zwar kann die Sowjetunion sie noch nicht gewinnen, aber der Westen kann sie verlieren. Sollten sie jemals den Westen verlassen und ins Lager der Bolschewisten überwechseln, dann braucht man sich über die Haltung der französischen Arbeiter nicht mehr länger den Kopf zu zerbrechen, dann nützt auch ein Schock von Atlantikpakten nichts mehr, dann werden die Sowjets weder eine Kominform noch einen einzigen Panzer benötigen, dann wird alles bolschewistisch sein."

Frankreich wurde bei Kriegsende die einmalige Chance zuteil, die Führung Europas zu übernehmen — nicht als Eroberer, sondern getreu den Prinzipien der Französischen Revolution. Statt aber nun Europa auf der Grundlage von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zusammenzuschweißen, hat Frankreich nur dem verwerflichen Verlangen gehuldigt, dem Starken um den Bart zu gehen, die Besiegten zu tyrannisieren und die Reichen anzubetteln. Wäre Frankreich im Ernste die große und intelligente Nation gewesen, für die die Amerikaner sie einschätzten, hätte es in der Stunde der zermalmenden Niederlage Deutschlands Großmut bekunden und auf diese Weise mit der Einigung der Sieger und Besiegten in einem freien Bundesstaat Europa die endlose und

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verhängnisschwangere Kette von Siegen und Niederlagen, Angriff und Gegenangriff zerbrechen können. Stattdessen haben die Franzosen sich vornan gestellt, als man daran ging, Erbfeindschaften zu verewigen, Europa zu spalten und den kommunistischen Eroberern den Weg freizumachen. So lange Frankreich die amerikanische Politik in diesem Sinne beeinflußte, war die Hoffnung gering, daß Europa in Frieden, Sicherheit und Wohlstand leben konnte — und ebenso darauf, daß die Amerikaner die Europäer nicht mehr mit Geld und anderen Leistungen unterstützen mußten.

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