Kapitel IX

Wie man Demokratie nicht lehren darf

Das Muster, nach dem sich die amerikanischen Soldaten und Zivilisten in Deutschland benehmen sollten, war vielleicht nicht weniger ausschlaggebend als unsere damals geübte Wirtschaftspolitik und unsere Weigerung, die demokratischen Grundrechte zu gewähren, falls wir das deutsche Volk im Ernst davon überzeugen wollten, daß die amerikanische Militärregierung und der Nationalsozialismus viel miteinander gemeinsam hatten.

Ich habe bereits von dem Benehmen der Angehörigen der Westmächte gegenüber den Eingeborenen in Berlin berichtet, doch am groteskesten zeigte sich der Kontrast zwischen unseren Handlungen und unseren so laut gerühmten demokratischen Grundsätzen in den westlichen Besatzungszonen. Es schien so, als ob, je weiter die Russen weg waren, desto größer die Verachtung würde, die der Demokratie von der amerikanischen und britischen Besatzungsmacht entgegengebracht wurde.

Es paßte sehr gut ins Bild, mochte es auch niederdrückend sein, wenn man sah, daß ausgerechnet in Nürnberg, wo Hitler zuerst seine Rassengesetze verkündet hatte, unsere eigene beklagenswerte Einstellung gegenüber anderen Rassen besonders deutlich zutage trat. Um zu vermeiden, daß ein Mensch minderer Rasse die Pforten des Grand Hotels durchschritt, das wir für uns allein beschlagnahmt hatten, waren vor dem Eingang Schilder angebracht, die Deutschen, DPs und Hunden den Eintritt verboten. Auf ihnen stand zu lesen : "Jeder, der diese Anordnungen verletzt, wird von der Militärpolizei notiert und streng bestraft." Später wurde am Fuß der Schilder in kleinen roten Buchstaben ein Satz zugefügt, der besagte, daß Gastkarten für Deutsche und DPs auf Ansuchen vom diensthabenden Offizier in dem ein paar Häuser entfernten Quartieramt ausgestellt werden konnten. Jeder Deutsche aber, der aufgrund dieser Sondergenehmigung das Hotel betreten konnte, wurde ständig daran erinnert, daß er ein Mensch zweiter Klasse war. Auf der in der Bar ausliegenden Weinkarte waren Instruktionen abgedruckt, die sich auf das korrekte Verhalten der Amerikaner gegenüber denjenigen bezog, die Kipling minderwertigere Rassen ohne Recht genannt hatte. In den Offiziersklubs und Bars des Standortes Nürnberg und

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Fürth konnte man folgende Aufforderungen lesen : "1. Wir bringen auf keinen Fall Deutsche oder DPs als unsere Gäste mit. — 2. Wir geben der Bedienung auf keinen Fall Trinkgelder oder werden familiär mit ihr." Die Paragraphen 3 bis 8 dieses Leitfadens für das richtige Verhalten amerikanischer Offiziere enthielten die Empfehlung, daß diese nicht dem Glücksspiel huldigen, keine Flaschen mitbringen, nicht zu unbekannten Personen aufdringlich werden, nicht allzu ungestüm tanzen oder allzuviele Getränke konsumieren sollten. Auch Instruktionen positiver Art wurden erteilt, so etwa : "Wir tragen unsere beste Uniform oder entsprechendes Zivil (Abendanzug) und wir glauben daran, daß ein Mann trinken und sich vergnügen, dabei aber doch ein Gentleman bleiben kann." Kipling hätte es in den Tagen, da die Briten des weißen Mannes Bürde trugen, kaum besser als die Militärbehörden in Nürnberg machen können, die sich bemühten, den amerikanischen Offizieren beizubringen, wie sich Offiziere und Gentlemen in einem Kolonialland korrekt benahmen.

Vor dem Grand Hotel erhoben sich die Ruinen der herrlichen mittelalterlichen Stadt, die unsere Bomben völlig zerstört hatten. Viele Jahrhunderte waren vergangen, seitdem hier Hans Sachs gesungen hatte und die Erinnerung an die Meistersinger wurde nur noch in einem Restaurant im modernen Teil der Stadt aufbewahrt, die unsere Bomben zum Teil verschont hatte. Wagner lebte aber zu einer Zeit, da die Amerikaner an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit glaubten und über die Schilder vor dem Grand Hotel entsetzt gewesen wären. Konnte sich ein Satiriker einen stärkeren Kontrast ausdenken zwischen der Freiheitsstatue und ihrem Willkommensgruß an die Armen, Hungrigen und Unterdrückten und den jetzt den Amerikanern erteilten Befehlen, die Berührung mit den Unglücklichen dieser Erde zu meiden ?

In der britischen Besatzungszone habe ich solche Schilder vor den Hotels und Klubs nicht gesehen. Wahrscheinlich rührte dies daher, daß man den Briten mit ihrer jahrhundertealten Erfahrung in der Beherrschung unterworfener Völker nicht erst zu sagen brauchte, wie man sich in einem besiegten Lande benahm. Amerikaner benehmen sich in Kolonialgebieten — wie Deutschland jetzt eines geworden war — wesentlich ungeschickter. Sie bestanden zwar auf den einer Herrenrasse zustehenden Privilegien, hatten aber die Schranken, die ihren Beziehungen zu den Eingeborenen im Wege standen, an vielen Orten niedergelegt.

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In den PX-Restaurants, in den Presseklubs und in den für Geschäftsleute, Kongreßabgeordnete und andere Personen reservierten Hotels waren Deutsche als Gäste zugelassen, es war ihnen aber nicht gestattet, dort zu übernachten. Die Briten jedoch schlossen sogar in Berlin und Frankfurt noch immer alle Deutschen aus den von ihnen beschlagnahmten Klubs, Hotels, Bars und Restaurants aus. Britische Journalisten, die Deutsche einladen wollten, mußten sich dazu der amerikanischen Presseklubs bedienen, wo es nur eine einzige Einschränkung gab : man mußte Essen und Trinken mit Dollars bezahlen. Die Briten gingen in ihren Anordnungen für die Benutzung der Toiletten sogar noch weiter als die Amerikaner. Als ich das Hauptquartier der bizonalen Kohlenkommission in der Villa Krupp in Essen aufsuchte, war ich mir nicht sicher, ob ich die dortige Toilette betreten durfte, denn an der Tür stand : "Ausschließlich für englische Damen."

Deutsche, die für die Militärregierung arbeiteten, hatten selbstverständlich eigene Eßräume zu benutzen, wo ihnen wesentlich schlechtere Mahlzeiten vorgesetzt wurden als dem amerikanischen Personal. Wir waren dazu wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Überlegungen berechtigt. Das Unschöne an der Art, wie wir die für uns arbeitenden Deutschen behandelten, war jedoch die Art und Weise, wie ihnen die Mahlzeiten serviert wurden. Selbst hochqualifizierte deutsche Angestellte oder Berater der Militärregierung bekamen ihr Essen vor die Nase gesetzt, als seien sie Häftlinge.

Wenn die von uns gegen die Deutschen verhängten Diskriminierungen allein auf unseren Glauben zurückzuführen waren, daß wir als die Eroberer das Recht hatten, uns allen materiellen Komforts zu erfreuen, den das Leben bot, während sie selbst zu zweien oder dreien in einem Raum zusammengepfercht waren ohne alle Notwendigkeiten oder Annehmlichkeiten des Lebens, dann hätten die Deutschen dies als nur zu natürlich, wenn auch kaum als demokratisch hingenommen. Wir fügten aber mit unseren Anordnungen über die Trennung der Rassen zur Ungerechtigkeit die Beleidigung.

Viele Kinos, Klubs und Hotels waren ausschließlich für das alliierte Personal reserviert. In Frankfurt gab es drei Arten von Straßenbahnwagen : solche für die Alliierten, solche für Eingeborene, die für uns arbeiteten und die dritte für die Masse der deutschen Bevölkerung. Alle Wagen I. Klasse sowie die meisten

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II. Klasse der Eisenbahnzüge waren den Angehörigen der Herrenrasse vorbehalten; sie waren für gewöhnlich halb leer, während die Deutschen in den überfüllten Wagen III. Klasse reisen mußten. Wenn wir, was selten vorkam, einem Deutschen erlaubten, ein Flugzeug zu benutzen, erhielt er dort nichts zu essen. Auch alle Restaurants in den Flughäfen waren den Deutschen verschlossen.

Gegner der Nationalsozialisten, die aus dem Exil im Ausland zurückkehrten, wurden ebenso behandelt wie alle anderen. Ein ehemaliger Rhodes-Stipendiat, der als Emigrant viele Jahre in den USA gelebt hatte, berichtete mir, daß man ihn, als er im Sommer 1948 Deutschland besuchte, mitsamt seinem Gepäck auf die Straße gesetzt hatte, als er — vom Flughafen kommend — in Frankfurt angelangt war; nur darum, weil er Deutscher war, gelang es ihm nicht, ein Hotelzimmer zu erhalten, obwohl er Dollars besaß, um es bezahlen zu können. Er erzählte mir auch, wie sehr es ihn in Wiesbaden geärgert hatte, daß man ihn vom Schwimmbad, den Tennisplätzen und seinem Lieblingscafé ausgeschlossen hatte. Er mußte auch entdecken, daß der Tanzplatz im Freien, den er in früheren Jahren häufig aufgesucht hatte, in einen Parkplatz für Militärfahrzeuge verwandelt worden war.

Der deutschen Jugend wurden in diesen Tagen die simpelsten Freuden und einfachsten Erholungsmöglichkeiten verweigert, weil wir soviele Sportplätze, Kinos, Cafés und Tanzhallen beschlagnahmt hatten. Statt den Deutschen mehr Unterkünfte zurückzugeben, nachdem unsere Besatzungstruppen vermindert worden waren, hatten wir allem Anschein nach immer mehr Unterhaltungsstätten beschlagnahmt, die die Luftangriffe überlebt hatten. In München etwa hatten wir im ersten Jahr der Besatzung die Deutschen aus nur zwei der am Rande des Englischen Gartens liegenden vier beliebten Gaststätten ausgeschlossen. Im zweiten Jahr nahmen wir ihnen eine weitere weg und 1948 beschlagnahmten wir auch die letzte.

Falls wir jemals die ernste Absicht hatten, die Deutschen Demokratie zu lehren und ihnen zu zeigen, wie falsch die Vorurteile der Nazis gewesen waren, dann haben wir das auf seltsame Weise getan. Zweifellos hatten wir ein paar vage Ideen darüber, wie wir den Deutschen beibringen sollten, was sie zu tun hatten. In der Praxis haben wir ihnen lediglich vor Augen gestellt, daß der Unterschied zwischen der anglo-amerikanischen Militärregierung und der NS-Regierung verschwindend gering

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war. Die deutsche Wehrmacht hatte sich allem Vernehmen nach in Frankreich, den Niederlanden und Belgien in vielerlei Hinsicht besser benommen als wir das taten.

Ein junger Deutscher, der während des Krieges im besetzten Frankreich stand, erzählte mir : "Als ich in Frankreich Soldat war, hatte ich niemals Gelegenheit, ein angenehmes Leben zu führen und andere Leute herumzustoßen, so wie ihr das tut. Wir hatten strikteste Disziplin zu wahren und es wurde uns befohlen, die Franzosen freundlich und rücksichtsvoll zu behandeln. Wir lebten mit ihnen zusammen in ihren Häusern und warfen sie nicht in die Gosse, wie ihr das mit uns tut. Wir haben unsere Lektion gelernt; für das nächstemal habt ihr uns Deutschen gezeigt, was einem Eroberer erlaubt ist." Andere, weniger zynisch und bitter denkende Deutsche waren stolz darauf, daß sie noch immer mit den französischen Familien im Briefwechsel standen, bei denen sie während der Besatzungszeit gelebt hatten; ihrer Meinung nach war es töricht von uns, ganz unnötigerweise Ressentiments und Haß zu wecken.

In den letzten beiden Jahren haben wir nach und nach die Idee aufgegeben, daß man den Deutschen Demokratie beibringen könne, indem man sie für die Sünden der Nationalsozialisten dadurch bestrafte, daß wir uns selbst ebenso rücksichtslos, unritterlich und mit ebensowenig Rücksichtnahme auf demokratische und christliche Grundsätze benehmen wie die Gewaltprotzen Hitlers. Trotzdem färbte das alte : Haßt die Deutschen und schlagt ihnen die Zähne ein ! noch immer auf unsere Gedanken und Handlungen ab.

Die einfachen amerikanischen Soldaten fanden stets Mittel und Wege, um mit deutschen Familien freundschaftlich zu verkehren und die Töchter des Landes kennenzulernen. Den amerikanischen Offizieren und Zivilisten jedoch boten sich nur wenige Möglichkeiten zum gesellschaftlichen Umgang mit den Besiegten. Viele von ihnen waren durchaus damit zufrieden, so zu leben wie die Briten in Indien, als diese dort noch herrschten. Beamte der Militärregierung, die ihre Familien mit herüberbrachten, konnten sich des häuslichen Lebens erfreuen und sich mit dem nicht sehr ausgedehnten gesellschaftlichen Umgang mit Landsleuten, Briten und Franzosen begnügen. Die Piloten der Luftbrücke und viele junge amerikanische Offiziere aber wären sehr viel glücklicher gewesen, wenn sie bei deutschen Familien hätten wohnen und dort mit anständigen Deutschen hätten verkehren

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können, statt sich in heimliche Affären mit Mädchen einlassen zu müssen, die sie auf der Straße aufgelesen hatten. Ich begriff das sehr gut, nachdem ich mit dem Luftbrücken-Piloten gesprochen hatte, in dessen Maschine ich nach Berlin geflogen war. Er stammte aus Chicago und redete sehr viel, denn für ihn und seine in Deutschland lebenden Kameraden war das Härteste die Einsamkeit, in der sie leben mußten. Ihr Leben bestand aus nichts als Fliegen, Schlafen und Essen. "Ich habe Frau und Kinder drüben", erzählte er mir, "und hoffe, daß ich bald zu ihnen zurückkehren kann. Ich möchte keine Liebesaffäre mit einem deutschen Mädchen haben, kann es mir aber nicht leisten, in meinen freien Stunden mit einer Amerikanerin auszugehen, weil die amerikanischen Frauen verlangen, daß man sehr viel Geld für sie ausgibt." Dann erzählte er mir, daß er ein paar Tage zuvor das Glück gehabt hatte, die Bekanntschaft eines hübschen deutschen Mädchens zu machen, das ihn in sein Haus mitgenommen hatte. Er hatte vorgeschlagen, daß sie mit ihm ins Restaurant und in ein Kino gehen solle, sie aber hatte gesehen, daß er sehr müde war und hatte ihn auf das Familiensofa gebettet, wo er sich zu leiser Radiomusik ausruhen sollte. Er war eingeschlafen und als er wieder erwachte, fand er sich in eine Decke gehüllt, die Lampe war abgeblendet. Er war tief gerührt und dankbar; sein einziger Wunsch war, man möge ihm gestatten, bei einer deutschen Familie zu leben, statt abgesondert in einer nur Amerikanern vorbehaltenen Unterkunft.

Es war in der Tat seltsam, daß die amerikanischen Vorschriften die Prostitution geradezu förderten und einen normalen, den Gesetzen des Anstandes entsprechenden gesellschaftlichen Umgang mit den Deutschen den Angehörigen der Besatzungsmacht völlig unmöglich machten. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten die USA und Großbritannien die Weisungen des Völkerrechtes beachtet und ihre Offiziere und Soldaten bei deutschen Familien in den Städten des von ihnen besetzten Rheinlandes untergebracht. Diesmal aber wünschten wir, das gesamte deutsche Volk zu bestrafen und unsere Soldaten vor einer Vergiftung durch Kontakte mit dem der Verdammnis anheimgefallenen Volk zu bewahren; wir warfen daher die deutschen Familien aus ihren von uns beschlagnahmten Häusern, statt ihnen einen Teil ihrer Heimstätten zu lassen. Diese geraume Zeit geübten Praktiken waren nicht nur besonders brutal, wenn man daran dachte, daß unsere Bomben so viele Wohnstätten in nahezu jeder deutschen Stadt

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zerstört hatten, sie trafen auch unsere eigenen Soldaten hart. Offiziere und Zivilbeamte, die ständig in Deutschland Dienst taten, lebten in leerstehenden deutschen Häusern, hatten deutsche Dienstboten, die alle ihre Wünsche zu erfüllen hatten, pflogen gesellschaftlichen Verkehr miteinander und waren so viel besser daran als zu Hause. Die einfachen Soldaten und die Piloten der Luftbrücke konnten sich solcher an die Heimat gemahnender Bequemlichkeiten nicht erfreuen. Es wurde ihnen gestattet, Mädchen auf der Straße aufzulesen, jeder Umgang mit ehrenwerten deutschen Familien war ihnen aber ausdrücklich untersagt. Einige von ihnen hielten sich nicht an diese Weisungen, und viele der Mädchen, die sie kennenlernten, waren nicht schlechter als die in ihren heimatlichen Städten. Die Tatsache, daß aus vielen dieser Zufallsbekanntschaften mit deutschen Mädchen echte Liebe und Zuneigung der amerikanischen Soldaten erwuchsen und sehr oft Ehen die Folge waren, war ein Tribut an die Qualitäten der deutschen Frauen und gereichte den amerikanischen Soldaten keineswegs zur Unehre.

Viele dieser Männer haben sich der besten amerikanischen Überlieferung würdig erwiesen, indem sie den Kindern halfen, den Alten und Schwachen zu essen gaben und ohne Rücksicht auf eigene Vorteile ganzen Familien beistanden, den Kampf ums Dasein zu bestehen. Andere nutzten leider ihre Position als Sieger dazu aus, alles zu nehmen und nichts dafür zu geben und kleine Vermögen dadurch anzusammeln, daß sie das dringende Verlangen nach Seife, Zigaretten, Süßigkeiten und anderen Luxusartikeln, die nur gegen harte Dollars in den PX-Läden zu haben waren und mit Riesenprofiten auf dem Schwarzen Markt abgesetzt werden konnten, für sich ausnutzten.

Vom Jahre 1948 ab fiel es den amerikanischen Soldaten und Zivilisten nicht mehr so leicht, durch das Einschmuggeln von Zigaretten und Kaffee und deren Tausch gegen Silber, wertvolles Porzellan, Pelze, Familienerbstücke, Kameras und andere Dinge, die den Deutschen für den Tauschhandel geblieben waren, Vermögen zu verdienen. Den Gewitzteren und Skruppelloseren unter ihnen fiel es aber noch immer leicht, auf dem Schwarzen Markt Handel zu treiben. Es war durchaus nichts Ungewöhnliches, daß im Frankfurter Presse-Zentrum riesige Kaffeepakete für Korrespondenten eintrafen, die dann die Ware, die sie eine Mark pro Pfund gekostet hatte, zum offiziellen Preis von 15 Mark pro Pfund losschlugen. Mit diesem Geld bezahlten sie

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ihre deutschen Dienstboten, aßen in deutschen Restaurants oder kauften deutsche Luxuswaren, die seit der Währungsreform wieder in deutschen Läden aufgetaucht waren. Auch wenn sie nicht zu den großen Gangstern gehörten, die über die französische Zone große Mengen der in Deutschland dringend benötigten Waren ins Ausland schmuggelten, taten viele Amerikaner doch das Ihre, den Wert der neuen Währung zu unterminieren, die Gefahr einer Inflation heraufzubeschwören und den deutschen Arbeitern die wichtigsten Konsumgüter wegzunehmen.

Seitdem in Deutschland niemand mehr zu hungern brauchte, konnte man zwar nicht mehr deutsche Hausangestellte mit einer Stange Zigaretten oder ein paar Lebensmitteln bezahlen, doch Arbeit blieb immer noch die billigste Ware.

Bevor Hitler zur Macht kam, war der Antisemitismus in Deutschland nicht schlimmer als heutzutage in Amerika. Den Nationalsozialisten war es nur gelungen, ihn in eine alles zerstörende, grausame Leidenschaft zu verwandeln und ihre Programme auszuführen, indem sie die Juden als Sündenböcke für Deutschlands wirtschaftliches Elend hinstellten.

Unglückseligerweise hat die Rachsucht einiger jüdischer Beamter der Militärregierung, der Umstand, daß Morgenthau seinen Namen für die von Präsident Roosevelt zu verantwortende Politik des Völkermordes hergab und der Mißbrauch, den viele nichtdeutsche Juden mit ihrer privilegierten Stellung als DPs trieben, mehr Deutsche in Antisemiten verwandelt, als dies Hitlers Rassegesetzen und seiner Propaganda gelungen war. Während der Nazi-Herrschaft empfanden viele, wenn nicht die meisten Deutschen Sympathien für die Juden und waren entsetzt über die von den Nazis an den Juden begangenen Verbrechen. Deutsche Juden hatten mir berichtet, daß seit der Niederlage Deutschlands und der Besetzung durch die Alliierten mehr und mehr Deutsche, die vorher niemals Judengegner gewesen waren, erklärten, Hitler habe doch recht gehabt und die Juden seien schuld an Deutschlands Elend und an der ungerechten Behandlung der Deutschen durch die siegreichen Demokratien.

Ich selbst war stets der Auffassung gewesen, daß die Kommunisten und ihre Mitläufer am meisten dazu getan hatten, daß wir die Deutschen während der ersten Besatzungsjahre so unmenschlich behandelt hatten. Daß aber viele dieser Kommunisten und ihrer Nachläufer, die leitende Posten in der Militärregierung einnahmen und als Untersucher und Ankläger in den Nürnberger

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und Dachauer Prozessen tätig waren, Juden waren, hat Öl in das Feuer antisemitischer Gefühle gegossen. Haß gegen das gesamte deutsche Volk, der alles Mitleid und jeden Sinn für Gerechtigkeit ausmerzte, fand man meist nur unter den Juden, die in den dreißiger Jahren aus Deutschland entkommen oder niemals in Deutschland gelebt hatten. Die deutschen Juden, die in ihrem Land geblieben waren und unter Hitlers Terror gelitten hatten, deren Verwandte und Freunde ermordet worden waren und die selbst die Schrecknisse der Konzentrationslager erlebt hatten, empfanden meist keinen Haß gegen das deutsche Volk und betrachteten sich immer noch als Deutsche. Es waren die amerikanischen Juden (oft polnischer oder russischer Herkunft) und die zurückgekehrten Emigranten, die entschlossen schienen, den Todeskampf des jüdischen Volkes in Hitlers Reich dadurch zu rächen, daß sie das gesamte deutsche Volk bestraften. Die Erklärung dafür lag meiner Ansicht nach in der Tatsache, daß die Juden, die in Deutschland geblieben waren, aus eigener Erfahrung wußten, daß das deutsche Volk in seiner Gesamtheit nicht für die Verbrechen der Nationalsozialisten verantwortlich zu machen war. Manche verdankten ihr Leben dem Umstand, daß ganz einfache Deutsche sich in höchste Gefahr begaben, als sie sie verbargen oder mit Nahrung versorgten. Die Juden, die lebend den Konzentrationslagern entkommen waren, wußten, daß viele Deutsche denselben Hunger und dieselben Qualen gelitten hatten wie sie, weil sie sich der Tyrannei der Nazis widersetzt und sich offen gegen die Judenverfolgungen gewendet hatten. Die ausländischen Juden jedoch und die nach der Machtergreifung durch die NSDAP aus Deutschland entkommenen wußten lediglich von den Konzentrationslagern, den Folterungen und den Gaskammern, und da ihnen die Tatsachen des deutschen Widerstandes gegen Hitler nicht vertraut waren, sahen sie vor lauter Bäumen den Wald nicht.

Hans Rothfels verweist in seinem Buch Die deutsche Opposition gegen Hitler darauf, daß man wenig von den zahlreichen deutschen Opfern der Nazi-Bestialitäten hörte, als nach Kriegsende die Schrecknisse der Konzentrationslager bekannt wurden. Rothfels schreibt : "In keinem offiziellen Bericht wurde der amerikanischen Öffentlichkeit mitgeteilt, daß es bis zum Sommer 1943 in Buchenwald praktisch keine Ausländer gegeben hat und daß unter den 20000 Überlebenden (51000 Menschen waren getötet worden) immer noch 2000 Reichsdeutsche waren. Offen-

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sichtlich war die Gestapo nicht der Meinung, daß alle Deutschen Nazis waren, oder — im Kriege — fest hinter dem Regime standen." Nach einer von der VII. US-Armee herausgegebenen Broschüre bestand die Mehrzahl der Häftlinge in Dachau ebenfalls aus Deutschen. Man hat geschätzt, daß vor dem Krieg eine halbe Million Deutsche wegen Widerstandes gegen die Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern saß oder gesessen hat.

In der Frühzeit der Naziherrschaft kümmerte sich niemand um die in den Konzentrationslagern begangenen Greueltaten, weil die Opfer in der Mehrzahl Deutsche waren, während und nach dem Krieg scheint man aber alle Nachrichten über den deutschen Widerstand gegen Hitler absichtlich der amerikanischen Öffentlichkeit vorenthalten zu haben. Vermutlich fühlte man, daß ein Bekanntwerden der Zahl jener Deutschen, die im Kampf gegen das Nazi-Regime ihr Leben oder ihre Freiheit verloren hatten, den Haß gegen das deutsche Volk vermindern mußte, den die Regierung und der Großteil der Presse wecken wollten. Washington war so sehr bestrebt, diese Tatsachen zu vertuschen, daß das Office of War Information soweit ging, Hitlers Version des Mordanschlages vom 20. Juli sich zu eigen zu machen. Es wiederholte Hitlers Lüge, daß nur eine kleine Clique ehrgeiziger Offiziere in die Verschwörung verwickelt sei. Auch noch nach dem Kriege war alles, was den deutschen Widerstand betraf, für die amerikanische Presse tabu; alle Nachrichten darüber unterlagen in Deutschland der Zensur der Militärregierung.

Nach Prof. Rothfels war es amerikanischen Zeitungsberichterstattern untersagt, Berichte über den Widerstand gegen Hitler zu veröffentlichen; einem Amerikaner wurde das Buch Schlabrendorffs über den Widerstand von der Militärregierung weggenommen, weil es innerhalb Deutschlands als verbotene Literatur galt. Rothfels zitiert einige Deutsche, die erklärten, daß es nach Ansicht einiger Beamter der alliierten Militärregierung besser war, ein Nationalsozialist als ein Überlebender der Verschwörung vom 20. Juli zu sein, weil die Verschwörer angeblich den Versuch unternommen hätten, uns um unseren Sieg zu betrügen.

Nicht nur totalitäre Regierungen vergiften den Geist ihrer Staatsangehörigen mit lügnerischer Propaganda. Mit Hilfe subtilerer und geschickterer Methoden wurden die Bürger der westlichen Demokratien allzu oft daran gehindert, die Wahrheit zu erkennen und dazu veranlaßt, Lügen Glauben zu schenken.

Ich war entsetzt über den Unterschied in der Haltung Mr.

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Fischbeins, eines Amerikaners, der das amerikanische Joint Distribution Committee in Berlin vertrat und der Jeanette Wolffs und ihrer Tochter, deutscher Jüdinnen, die sechs Jahre in Hitlers Konzentrationslagern zugebracht hatten. Fischbein haßte die Deutschen so sehr, daß er nicht einmal zugeben wollte, daß die Berliner bei der Verteidigung der Demokratie bemerkenswerten Mut bewiesen; er erklärte verächtlich, daß sie sich lediglich auf unsere Seite geschlagen hätten, weil wir stärker seien. Jeanette Wolff berichtete mir, daß die Jewish Relief Agency sich geweigert hatte, deutschen Juden in Berlin beizustehen und sie hungern und in zerfetzten Kleidern herumlaufen ließ und lediglich polnischen und anderen osteuropäischen Juden geholfen hatte. Ich war nicht in der Lage zu beurteilen, ob diese Anschuldigungen begründet waren oder ob es, wie sie berichtete, ebenfalls wahr war, daß die jüdischen DP-Lager in Berlin das Zentrum umfassender Schwarzmarkt-Operationen waren und daß manche Hilfssendungen aus den USA illegal verkauft statt ordnungsgemäß verteilt wurden. Es war aber nur zu bekannt, daß nach der Evakuierung der jüdischen DPs aus Berlin im Sommer 1948 riesige Lager von Schuhen und Bekleidung sowie sehr viel Geld von den Militärbehörden im Lager gefunden wurden.

Der Handel auf dem Schwarzmarkt war auf jeden Fall die Hauptbeschäftigung vieler DPs aller Nationen, denn die ihnen eingeräumte Sonderstellung machten es der deutschen Polizei unmöglich, sie wegen gesetzwidriger Handlungen zu verfolgen. Die Klage der Deutschen, daß sie rechtlos seien, wurde nur allzu sehr gerechtfertigt durch die für Angehörige der alliierten Nationen und DPs geltenden Verordnungen. Die deutsche Polizei hatte nicht das Recht, sich in Angelegenheiten von Angehörigen der siegreichen Nationen einzumengen. Ihr war noch nicht einmal gestattet, die DP-Lager zu betreten, um die Schwarzmarkt-Operationen zu stoppen, deren Zentrum diese exterritorialen Niederlassungen waren, die der deutschen Rechtsprechung nicht unterstanden. Die Anweisungen der Herrenrasse gingen so weit, daß einem deutschen Polizeibeamten nicht erlaubt war, Deutsche gegen Gewalttaten der Sieger oder DPs zu schützen. Als ich einen Beamten der Militärregierung in Berlin, der sich mit juristischen Fragen befaßte, fragte, ob ein deutscher Polizeibeamter einen Amerikaner verhaften könnte, wenn er sah, daß dieser im Begriff war, jemanden zu ermorden, erhielt ich zur Antwort : "Nein, da muß er sich zuerst einen Militärpolizisten suchen."

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Besonders schlimme Folgen hatten unsere für die Deutschen erlassenen Gesetze, wenn Kinder für leichtere Straftaten zur Rechenschaft gezogen wurden. Bei meinem Besuch im Jugendhof in Berlin sah ich einige Hundert in Fetzen gekleideter, hungriger Kinder, viele von ihnen nur zehn oder zwölf Jahre alt, die in einem früheren Konzentrationslager gefangengehalten wurden. Einige warteten auf ihren Prozeß, andere waren zu sechs Monaten oder einem Jahr Gefängnis wegen Taschendiebstahls, Bettelns vor amerikanischen PX-Läden und Schwarzhandels verurteilt worden. Zwei dieser Jungens mußten sechs Monate sitzen, weil man sie erwischt hatte, als sie mit einem Paar alter Boxhandschuhe spielten — diese waren amerikanisches Eigentum, daher war dies ein schweres Verbrechen.

Die Haltung der amerikanischen Militärpolizei war je nach dem Ort sehr unterschiedlich. In Berlin und Frankfurt arbeitete sie mit der deutschen Polizei zusammen, um Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten, in München aber erzählten mir Deutsche, daß sie keinen Schutz gegen ungesetzliche Handlungen oder deren Wiedergutmachung verlangen konnten, die Angehörige der Besatzungsmächte gegen sie begangen hatten. Ich habe mich noch lange an meinen alten Taxifahrer in München erinnert, der mir berichtete, daß ihn amerikanische Soldaten sehr oft um den Fahrpreis betrogen hätten und daß es völlig nutzlos gewesen sei, sich an die Militärpolizei zu wenden. Diese habe die Leute, die zu ihr gekommen seien, geschlagen und beschimpft. Zweifellos hing viel von der Haltung des in dem betreffenden Gebiet kommandierenden Generals ab. Wenn dieser ein Deutschenhasser war, der glaubte, das Prestige Amerikas werde gehoben, wenn man die Eingeborenen so behandelte wie das die schlimmsten Südstaatler mit den Negern taten, dann benahmen sich selbstverständlich einige der unter seinem Befehl stehenden Soldaten hochmütig und brutal gegen die völlig schutzlosen Deutschen. Die höheren Befehlsstellen der Armee haben sich jedoch in späteren Jahren bemüht, den Besatzungstruppen beizubringen, wie man sich als Demokrat benimmt. Mein Luftbrückenpilot berichtete mir von den ausgezeichneten Einführungskursen, die die Neuankömmlinge in Marburg besuchen mußten. Der Leiter der Kurse, ein Major der US-Armee, erklärte den jungen amerikanischen Soldaten, daß sie um so eher wieder nach Hause zurückkehren könnten, je schneller Deutschland wiederaufgebaut sei. Diese Aufklärungskurse neuen Stiles haben zweifellos viel dazu beigetragen,

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das Benehmen der amerikanischen Besatzungstruppen zu ändern, doch die am Beginn der Besatzungszeit erlassenen Richtlinien für deren Verhalten hatten ein zähes Leben. Zudem wurden viele Amerikaner durch die Ausnahmestellung demoralisiert, die sie in Deutschland einnahmen. Man kann die meisten jungen Männer nicht in eine Situation bringen, die es ihnen gestattet, Recht, Gewissen und Erziehung zu verachten, ohne sie zu verderben. Es war dem Geist Amerikas zu verdanken, daß die in Washington erteilten Anweisungen nicht zur Nazifizierung der amerikanischen Armee führten, doch sind leider viele Soldaten und Offiziere dem Beispiel der totalitären Liberalen unter den Zivilbeamten der Militärregierung gefolgt, die im Umgang mit den Besiegten alle demokratischen Grundsätze mißachteten. Daß sich das Benehmen der Besatzungstruppen in den späteren Jahren weitgehend verbessert hat, kann aber die Erinnerung an die Brutalitäten und Willkürakte der ersten Besatzungsjahre nicht auslöschen. Die Enttäuschung der Deutschen über die Amerikaner war um so größer, weil sie von diesen sehr viel erwartet hatten. Immer und immer wieder wurde mir gesagt : "Wir haben erwartet, daß die Russen sich nicht an die Gesetze halten würden und wir wußten, was wir von den Briten zu erwarten hatten, deren Ziel es war, Deutschland als Konkurrenten auszuschalten, aber wir haben einmal daran geglaubt, daß die Amerikaner anders sein würden."

Viele Deutsche hatten während des Krieges den amerikanischen Rundfunksendungen gelauscht, die ihnen versicherten, daß Deutschland nicht zerstört würde. Die Härten unserer Besatzungspolitik : die Demontagen, die ganze Gemeinwesen fürchten ließen, daß sie ihnen ihre Existenzgrundlage rauben würden; die Ausplünderung deutscher Wohnungen durch amerikanische Offiziere, die daraus Gemälde, Silber und Möbel wegschleppten sowie die Weigerung, die Deutschen zu entschädigen, deren Wohnungen verwüstet oder ausgeplündert worden waren sowie andere Gesetzlosigkeiten ließen viele Leute sagen : "Unter den Russen hätte es nicht schlimmer zugehen können." Ein Deutscher erklärte mir : "Die Tragödie liegt darin, daß die Amerikaner uns zwar geholfen haben, daß aber das Benehmen ihrer Besatzungstruppen die Wirkung dieser Hilfe wieder verdorben hat. Sogar eure Lebensmittelhilfen verlieren ihren Wert durch die Art, in denen sie gegeben werden. Immer, wenn wir uns über eine Ungerechtigkeit beklagen, sagt ihr zu uns : Was, ihr wagt es, euch über unsere Taten zu beklagen ! Ihr solltet dafür dankbar sein,

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daß wir euch nicht verhungern lassen !" Es war nur zu natürlich, daß ein Deutscher, der seine Wohnung zurückbekam, nachdem Amerikaner jahrelang darin gewohnt hatten und dann feststellen mußte, daß Möbel, Wäsche, Haushaltungsgegenstände und Bücher gestohlen worden waren, nicht damit zufrieden war, wenn man ihm sagte, er solle für seine Lebensmittelration dankbar sein und den Mund halten. Es war auch zuviel verlangt, daß eine Familie die Demokratie lieben sollte, die dazu verdammt war, auf unbestimmte Zeit in einem Keller zu leben, während Amerikaner ihre Wohnung mit Beschlag belegt hatten und nicht benutzten, sich aber weigerten, sie zurückzugeben.

Die Amerikaner haben sicherlich den besiegten Deutschen mehr gegeben, als sie ihnen genommen haben, doch die Taten mancher Mitglieder der Besatzungsmacht haben oft jedes Gefühl der Dankbarkeit ausgelöscht. Man kann auch nicht alles nach Wirtschaftlichen Begriffen messen. Die Herrenrassen-Haltung, die die Militärregierung in den ersten Jahren den Besatzungstruppen vorschrieb, hat Ressentiments geweckt, die verhinderten, daß man Dankbarkeit für die amerikanische Großzügigkeit aufbrachte.

Viele Süddeutsche erkannten zwar an, daß Frankreich Deutschland weit schlimmer ausgeplündert hat als die anderen Westmächte, sie empfanden aber den Franzosen gegenüber weniger Feindschaft als gegen Amerikaner und Briten, weil die Franzosen in ihren persönlichen Beziehungen zu den Deutschen höflicher und freundlicher waren. Die Haltung Amerikas als Nation war die beste, die Politik Frankreichs die feindseligste, der einzelne Franzose benahm sich aber oft sehr viel besser als der einzelne Amerikaner.

Die Besatzer wurden in Deutschland nicht nur durch die Gelegenheit demoralisiert, sich ungesetzlich zu benehmen und Schutzlose zu beleidigen und zu tyrannisieren. Es fiel ihnen auch keineswegs schwer, sich edelmütig vorzukommen. Man brauchte jemandem ja nur ein Päckchen Zigaretten oder eine Tafel Schokolade zu schenken, und schon ein freundliches Wort oder das übliche höfliche Benehmen gegenüber den Besiegten gaben einem das Gefühl, ein sehr tugendsamer Mensch zu sein. Es war nicht schwer, in Deutschland ein guter Mensch zu sein. Edelmut ist aber kein Edelmut, wenn er einen nichts kostet; man war ständig in Gefahr, sich als sehr tugendsamen Menschen einzuschätzen, wenn man auch nur davon Abstand nahm, sich brutal zu benehmen. Ich war in Deutschland oft beschämt von dem warmen Dank

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und der Sympathie, die beileibe nicht nur eine kleine Gabe weckte, sondern schon die kleinste Bekundung menschlichen Mitgefühls.

Wohl am schwersten fiel es den Deutschen zu ertragen, daß man ihnen das Recht genommen hatte, ihre Sache selbst zu vertreten und die zahlreichen Lügen zurückzuweisen, die über sie in der amerikanischen Presse verbreitet wurden. Sie hatten nicht nur keine Regierung, die für sie eintreten konnte, sondern auch keine diplomatischen oder anderen Vertreter im Ausland. Die Mehrzahl der amerikanischen Zeitungsberichterstatter in Deutschland waren der Landessprache nicht mächtig, wußten in der europäischen Geschichte überhaupt nicht Bescheid und nahmen daher alle Behauptungen über die Bosheit der Deutschen widerspruchslos hin. Ihre Berichte waren im besten Fall oberflächlich, im schlimmsten völlig voreingenommen. Zudem litten einige von ihnen noch an dem Katzenjammer, der auf die Orgien prosowjetischer und prokommunistischer Propaganda zurückzuführen war, in denen sich die amerikanische Presse während und unmittelbar nach dem Krieg ergangen hatte. Einer der ehrlichsten und über die Sowjets am meisten enttäuschten Korrespondenten in Berlin erklärte mir, daß sein Verstand zwar die Notwendigkeit anerkenne, die Deutschen als unsere Verbündeten im Kalten Krieg zu behandeln, daß sein Herz aber diese These zurückweise, weil er die Deutschen hasse und für die Russen große Zuneigung empfinde.

Die meisten Zeitungen und Nachrichtenagenturen behandelten Deutschland noch immer so, als ob dieses Land Kriegsschauplatz sei, auf dem man sich seine Nachrichten von den Militärbehörden holen mußte und für den die Kenntnis der Sprache oder der Bevölkerung nicht erforderlich war. Es gab kaum einen Zeitungsberichterstatter in Deutschland, der dort bereits vor dem Krieg gelebt hatte; die meisten wußten über die geschichtlichen Hintergründe so wenig Bescheid, daß sie allen Ernstes glaubten, die Deutschen wüßten nur das über die Demokratie, was wir ihnen beigebracht hatten.

Während meines ersten Besuches in Berlin beobachtete ich eine große Demonstration vor dem Reichstag im Beisein der Korrespondenten der zwei führenden amerikanischen Nachrichtenagenturen. Keiner von beiden sprach ein Wort Deutsch, einen Übersetzer hatten sie nicht bei sich. Sie waren nicht nur nicht imstande, die Reden oder die Zwischenrufe der Menge zu ver-

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stehen, der eine von ihnen fragte mich auch während der Rede von Bürgermeister Reuter : "Wer ist denn dieser Kerl da ?". Da ja nur die größten amerikanischen Tageszeitungen eigene Berichterstatter in Deutschland hatten, wurde die Mehrzahl der Amerikaner über Deutschland von jungen Leuten dieses Schlages unterrichtet.

Die schlimmste Folge der Kriegspropaganda ist, daß das Gift nachwirkt. Die meisten Amerikaner glaubten damals allen Ernstes, daß Deutschland die Demokratie und die Herrschaft des Rechtes niemals gekannt habe und die angriffslustigste aller europäischen Nationen sei. Es war daher nur zu natürlich, daß die meisten amerikanischen Zeitungsberichterstatter psychologisch wie auch rein handwerklich nicht imstande waren, Nachrichten über Deutschland zu bringen, die Hand und Fuß hatten. Die paar Korrespondenten ohne Rassenvorurteile, die nicht mehr an die Kriegspropaganda glaubten, nach der die Deutschen allzumal Teufel und an allen Angriffskriegen schuld seien, fanden es jetzt schwierig, sich aus dem engen Umkreis zu lösen, in dem die Angehörigen der Besatzungsmächte lebten. Hätten sie mit deutschen Familien oder in deutschen Hotels leben müssen, hätten sie sich selbst um ihre Wohnung, ihre Ernährung und ihre Fahrgelegenheiten kümmern müssen, hätten sie ihre Dollars zum offiziellen Wechselkurs gegen Mark tauschen müssen — wären sie also kurz gesagt aus ihrem Dasein in ruhigen Altwässern in den brausenden Strom des Lebens in Deutschland hinausgeschleudert worden, so hätten sie auch wirkliche Nachrichten bringen können. So wie die Dinge lagen, lebten die meisten amerikanischen Korrespondenten so weit entfernt von der Masse der Bevölkerung wie die Amerikaner und Briten in Schanghai und Hongkong. Einige von ihnen kannten ein paar Deutsche, so wie in China einige Korrespondenten Freundschaft mit ein paar Chinesen geschlossen hatten. Sie lebten aber meist in der mit allen möglichen Privilegien bedachten, geschützten und isolierten Welt der Sieger und gaben daher mit seltenen Ausnahmen die Ansichten der Militärregierung wieder. Sie empfanden wenig Sympathie für das deutsche Volk und waren kaum geneigt, über dessen Nöte zu berichten. Nur wenige von ihnen schienen besser als die Militärregierung begriffen zu haben, daß man Demokratie nicht lehren kann, wenn man sie nicht in die Praxis umsetzt und daß kein Volk sich der Demokratie in die Arme werfen wird, wenn sie lediglich Unterwerfung unter die stärkere Macht eines Er-

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oberers bedeutet. Stattdessen bestanden sie hartnäckig darauf, daß unser Versagen in Deutschland auf den Charakter und die Denkweise der Deutschen zurückzuführen sei.

Es war sehr betrüblich, daß ausgerechnet die Leute, die sich selbst als Liberale bezeichneten, in Gedanken und Taten am meisten jeglichem Liberalismus zuwiderhandelten. Dieselben Leute, die daheim in den Staaten behaupteten, daß Vergehen Jugendlicher und Verbrechen Erwachsener auf Hintansetzungen im Leben oder auf eine unglückliche Kindheit zurückzuführen seien und daß Verbrecher von Psychoanalytikern behandelt werden müßten, aber nicht dem Hunger ausgesetzt, geschmäht oder eingekerkert werden sollten, wünschten, daß man nicht davon abließ, das gesamte deutsche Volk für seine Vergangenheit zu bestrafen.

Später sind die meisten dieser totalitär eingestellten Liberalen in der Militärregierung durch Amerikaner ersetzt worden, die es vorzogen, das in die Praxis umzusetzen, was wir predigten. Sie haben viel dazu getan, daß die Wirkung unseres Verhaltens gegenüber den Deutschen während der ersten Besatzungsjahre gemildert wurde. Wie gut ihre Absichten aber auch sein mochten, die Beamten der Militärregierung vermochten niemals dem Widerspruch zu entgehen, der zwischen einer autoritären Herrschaft über ein besiegtes Volk und der Aufrichtung einer demokratischen Ordnung bestand. Regierung der Demokraten bedeutet Regierung unter Zustimmung des Volkes. Eine solche Zustimmung kann es in einem Land nicht geben, das von einer fremden Macht beherrscht wird, die absolute Autorität und das Recht fordert, sich in alle Angelegenheiten der inneren Verwaltung einzumischen, die die Wirtschaft, die Gesetzgebung und das politische Leben kontrolliert.

Im Jahre 1948 kontrollierte die Militärregierung noch immer die Währung, das Bank- und Kreditwesen, den Außen- und den Binnenhandel, die Industriestruktur, die Wirtschafts- und Sozialpolitik, von den Reparationen und Requisitionen ganz zu schweigen. Den deutschen Bundesstaaten wurde nicht einmal gestattet, sich selbst eine Verfassung zu geben. In General Clays eigenen, im Oktober 1946 an die Bayern gerichteten und im August 1948 von Militärgouverneur von Wagoner zitierten Worten gesagt : "Die Zustimmung, die die Militärregierung zu dieser Verfassung gibt, unterliegt selbstverständlich den internationalen Vereinbarungen, deren Teilhaber die Regierung der

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Vereinigten Staaten ist, und die sich auf die Gesetzgebung der vier Besatzungsmächte beziehen sowie den Vollmachten, die die Militärregierung sich reservieren muß, um die grundlegende Politik der Besatzungsmächte in die Wirklichkeit umzusetzen."

Die Verfassungen der deutschen Bundesstaaten mußten also nicht nur amerikanischen Gedankengängen entsprechen, sie bedurften auch der Zustimmung der Sowjetunion. Auch dann noch, als es keinen Viermächte-Kontrollrat mehr gab, weil die Russen ihn verlassen hatten, konnte Frankreich immer noch zugunsten der Sowjetunion intervenieren, indem es die Bildung eines lebensfähigen westdeutschen Staates zu verhindern suchte. Nachdem sie monatelang in Bonn beraten hatten und auf der Basis der britisch-amerikanischen Direktiven eine demokratische Verfassung ausgearbeitet hatten, wurde den Führern der deutschen demokratischen Parteien in den ersten Tagen des Jahres 1949 dem Sinn nach mitgeteilt, daß sie wegen der französischen Einwendungen vergeblich gearbeitet hätten. Es hätte der Sache der Demokratie weit weniger geschadet, wenn man den Deutschen bedeutet hätte, sie seien auf unbestimmte Zeit einer Militärdiktatur unterworfen, als vorzugeben, wir gingen darauf aus, eine demokratische Regierung zu bilden.

Wie die Dinge lagen, machten wir die Demokratie zum Gespött und diskreditierten die demokratischen Führer Deutschlands, indem wir ihnen zwar Verantwortung gaben, aber keine Macht.

Die deutschen Demokraten befanden sich nicht nur in der wenig beneidenswerten Lage, die Sündenböcke für die Politik der Alliierten abgeben zu müssen. Sie wurden immer wieder unwürdig behandelt und von den Alliierten ständig zurückgesetzt und beschimpft. Ihre Autorität wurde untergraben und es schien, als seien sie lediglich die Puppen der Besatzer. Ihre Empfehlungen werden ignoriert, es sei denn, sie entsprachen den Wünschen der Militärregierung. Wenn aber das Unheil sich einstellte, wurden sie allein dafür verantwortlich gemacht. Dies war vor allem der Fall in dem schrecklichen Winter und Frühling 1947/48, als die Bevölkerung des Ruhrgebietes auf eine Hungerration von 800 Kalorien gesetzt wurde.

Kurz bevor ich Deutschland verließ, erklärte mir ein Vertreter des amerikanischen Außenministeriums : "Wenn wir in Deutschland Erfolg haben, dann trotz, nicht wegen dem, was wir getan haben und dem, wie wir uns verhalten haben." Es gab leider nur wenige Amerikaner, die sich herabließen, mit den Deutschen

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zusammenzuarbeiten. Es war ja sehr viel leichter, Verordnungen zu erlassen oder anonyme Anweisungen zu geben, die den deutschen Behörden sagten, was sie zu tun und zu lassen hatten, statt ihnen dabei zu helfen, diese in der schwierigen Situation auszuführen, in der sie sich befanden.

Man konnte schwerlich behaupten, daß wir den Deutschen Demokratie beibringen wollten, wenn wir den von ihnen erwählten Vertretern befahlen, binnen weniger Wochen ein Gesetz zu verabschieden, dessen Abfassung in einem demokratisch regierten Staat erst nach monatelangen Debatten möglich gewesen wäre. Das war aber genau das, was die Militärregierung tat. Statt daß man sich mit den Deutschen an einen Tisch setzte, um gemeinsam Lösungen für die vielen und schwierigen Probleme zu finden, denen sie und die Militärregierung gegenüberstanden, wurde aus weiter Entfernung kritisiert und beschuldigt, gab es Vorwürfe und Gegenvorwürfe. Weit davon entfernt, den erwählten Vertretern des deutschen Volkes im eigenen Lande Respekt zu verschaffen, ging die Militärregierung darauf aus, sie zu ignorieren oder zu erniedrigen, indem sie sie wie ihre Puppen behandelte, die dank ihren Gunstbeweisen und nicht dank dem Beistand des eigenen Volkes im Amte bleiben durften.

Nicht nur im politischen Bereich hat die amerikanische Militärregierung die Demokratie in Verruf gebracht. Ihre Politik war nicht weniger schädlich für die Wiedererweckung des freien Unternehmertums als für die Schaffung von Bedingungen, unter denen Ehrlichkeit und Wagemut belohnt, Unehrlichkeit und Ungehorsam vor dem Gesetz bestraft wurden. Es ist kaum eine Übertreibung, wenn man sagt, daß in Deutschland die schlimmsten Seiten einer kapitalistischen und einer reglementierten Wirtschaft kombiniert worden sind. Bis zur Währungsreform vom Juni 1948 behielt die Militärregierung die von den Nationalsozialisten ererbte, reglementierte Wirtschaft bei, ohne den deutschen Behörden die Macht zu geben, diese auch zum Funktionieren zu bringen. Das Resultat war naturnotwendig eine Zeit der Gesetzlosigkeit, während der nur die Schwarzmarkthändler Profite machen konnten. Industrielle und gesetzestreue Kaufleute konnten ihre Waren nur zu kontrollierten Festpreisen verkaufen, die nicht einmal die Produktions- oder Einkaufskosten deckten. Anders die Schwarzmarkthändler; sie waren eine seltsame Mischung : ehemalige Nationalsozialisten, denen die Entnazifizierungsgesetze es unmöglich gemacht hatten, auf anständige Weise

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ihr Brot zu verdienen, von der Militärregierung geschützte DPs, deren Lager die deutsche Polizei nicht betreten durfte sowie deklassierte Elemente, deren Behandlung durch die Nationalsozialisten oder die siegreichen Demokratien ihnen beigebracht hatte, die Gesetze zu verachten und auf nichts anderes als die eigene Selbsterhaltung bedacht zu sein.

Die akute Knappheit an Lebensmitteln, Bekleidung, Wohnungen und anderen Lebensnotwendigkeiten, die teilweise eine Folge der deutschen Niederlage, teilweise eine der alliierten Anweisungen war, nichts zu tun, um die deutsche Wirtschaft wieder arbeitsfähig zu machen, führte unvermeidlich dazu, daß die Gesetze und Bestimmungen der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft beibehalten werden mußten. Es war aber die Höhe der Torheit oder rücksichtslose Mißachtung der Lebensbedürfnisse des deutschen Volkes, den Deutschen die Macht zur Durchführung jener Kontrollmaßnahmen zu nehmen, die zumindest die gerechte Verteilung der noch vorhandenen Lebensmittelvorräte und anderer lebenswichtiger Waren gesichert hätte.

Zudem reichte das Einkommen des Durchschnittsarbeiters nicht aus, die rationierten Lebensmittel zu bezahlen. Lediglich Industrielle, die ihren Arbeitern Sonderrationen zukommen lassen konnten oder die Waren produzierten, die sie ihnen zum Verkauf auf dem Schwarzen Markt geben konnten, waren imstande, ihre Fabriken mit Erfolg weiterarbeiten zu lassen.

Die Währungsinflation, mit der die Nationalsozialisten begonnen hatten, die aber gewaltig zugenommen hatte, als die Militärregierung am Beginn der Besatzungszeit den Russen die Platten aushändigte, mit denen sie unbegrenzte Mengen von Reichsmark drucken konnten, erhöhte das wirtschaftliche Chaos in Deutschland noch weiter. Die Währungsreform wurde jahrelang hinausgezögert, weil man hoffte, mit den Russen eine Vereinbarung erreichen zu können. Als sie schließlich im Juni 1948 von den Westmächten verordnet wurde, wurde sie auf eine Art und Weise durchgeführt, die so ungerecht als nur möglich war. Sämtliche Ersparnisse wurden bis auf zehn Prozent ihres Betrages zusammengestrichen, es wurde keinerlei Vorsorge für die Witwen, Waisen, die alten Menschen sowie die arbeitsunfähigen Kriegsversehrten getroffen, die über keine anderen Unterhaltsmittel verfügten. Viele kleine Industriebetriebe wurden ruiniert; die Verwaltungen der Städte und Länder konnten nicht mehr über die Fonds verfügen, aus denen sie die Arbeitslosen und die Mil-

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lionen von Vertriebenen unterstützt hatten. Die karitativen Organisationen verloren praktisch all ihr Geld, sämtliche Guthaben auf Postscheckkonten und Postsparkassen wurden gelöscht.

Die Währungsreform glich der Radikaloperation eines Arztes, dessen Patient entweder sterben oder sich so erholen mußte, daß er aufhörte, Wohlfahrtsempfänger der Westmächte zu bleiben. Eine Zeitlang schien es, als habe die Operation Erfolg gehabt. Die Kranken und Krüppel, die Arbeitslosen und die nicht mehr Arbeitsfähigen hatten nichts mehr, von dem sie leben konnten, doch der Anreiz zur Arbeit war für eine Zeitlang wiedererweckt worden. Fabrikanten und Kaufleute, die ihre Waren so lange dem Markt ferngehalten hatten, wie sie keinen Gewinn aus ihrem Verkauf erzielen konnten, brachten sie nun auf den Markt, da man jetzt Geld für sie erhielt, das einen wirklichen Wert besaß. Die Bauern, die ihre Erzeugnisse versteckt oder selbst verbraucht hatten, solange sie diese nicht gegen die von ihnen benötigten Gebrauchsartikel eintauschen konnten, erschienen nach der Währungsreform ebenfalls mit ihnen auf den Märkten.

Diese wohltuende Entwicklung war aber nur von kurzer Dauer. Die Flaute kam schon bald. Da es der Militärregierung nicht gelang, soviel Rohmaterialien einzuführen, daß der Weitergang der deutschen Industrieproduktion gesichert war, begann schon wenige Monate nach der Währungsreform das Horten von neuem, die Preise stiegen und die Arbeiter sahen, daß sie jetzt noch schlechter daran waren als vor der Währungsreform. Die vor der Währungsreform nur langsam vorangetriebenen Demontagen nahmen nur katastrophale Ausmaße an, sodaß die Möglichkeit, daß Westdeutschland die Waren produzieren und exportieren konnte, mit denen man die importierten Rohstoffe bezahlen konnte, in immer weitere Ferne entschwand. Das Mißtrauen, das die Deutschen gegenüber der ehrlichen Absicht der Amerikaner hegten, die Privatinitiative wiederzubeleben und damit die Möglichkeit zu geben, sich aus eigener Kraft am Leben zu erhalten, wurde durch die Gerüchte verstärkt, daß die deutschen Exporte zur Deckung der von der US-Armee zu Beginn der Besatzungszeit eingegangenen Schulden verwendet würden. Wir hatten damals ja nicht nur den Russen gestattet, unbegrenzte Mengen von Reichsbanknoten zu drucken, sondern den amerikanischen Soldaten auch erlaubt, diese Scheine, die sie beim Verkauf von Uhren, Zigaretten, Schokolade und andere Waren an die Russen erhalten hatten, gegen amerikanische Dollars einzutauschen.

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Mr. Logan, der 1948 zum neuen Leiter der JEIA ernannt wurde, hat bis zu einem gewissen Grad Amerikas Ansehen als ehrlicher Makler der deutschen Vermögenswerte wiederhergestellt. Man sagte, er habe darauf bestanden, daß über alle Gelder der JEIA Rechenschaft abgelegt werde und sich geweigert, sie zur Tilgung der Schulden der US-Armee zu verwenden; er soll auch verlangt haben, daß wir unser Versprechen erfüllten, die Gewinne aus den deutschen Exporten zur Einfuhr von Lebensmitteln und Rohmaterialien für den Wiederaufbau Westdeutschlands zu verwenden. Da Logan aber seine Machtbefugnisse mit den Briten teilen mußte, konnte er nicht verhindern, daß die Kontrolle über den deutschen Außenhandel dazu benutzt wurde, eine deutsche Konkurrenz mit Großbritannien auf dem Weltmarkt zu verhindern.

Die Deutschen betrachteten die JEIA als riesiges britisch-amerikanisches Handelsmonopol, das ihr Land daran hinderte, mit seinen naturgegebenen Märkten, seinen Lieferanten und Abnehmern Handel zu treiben und es zwang, im Britischen Empire und den Vereinigten Staaten zu kaufen und zu verkaufen. Die deutschen Exporteure und Importeure waren unter diesem von den Briten und Amerikanern begründeten Außenhandelsmonopol lediglich Agenten des von den Briten und Amerikanern monopolisierten deutschen Handels. Die Deutschen waren der Ansicht, daß diese von den Briten und Amerikanern über ihren Außenhandel geübte Kontrolle von vornherein jede Möglichkeit ausschloß, daß sie sie selbst am Leben erhalten konnten; sie behaupteten, daß immer dann, wenn sie Waren zu niedrigeren Preisen anboten als die Briten, ihnen dafür die Exportlizenzen verweigert wurden. Sie beklagten sich auch darüber, daß sie nicht imstande seien, alle Exportmöglichkeiten dort zu nutzen, wo Deutsche mit ihren Besiegern in Konkurrenz traten, weil man ihnen nicht erlaubte, eigene Handelsvertreter ins Ausland zu schicken.

Die deutschen Exporte bestanden in früheren Zeiten aus einer unendlichen Vielzahl von Artikeln, die für jeden speziellen Bedarf zugeschnitten waren, und erforderten daher eine bis in die Details gehende Marktkenntnis. Eine riesige, britisch-amerikanische bürokratische Organisation wie die JEIA war kaum in der Lage, neue Exportmöglichkeiten ausfindig zu machen, auch dann nicht, wenn sie auf dem Weltmarkt nicht von deutschen Konkurrenten überwacht wurde. Wären die Amerikaner ebenso auf ihre nationalen Interessen bedacht gewesen wie die Briten, hätte die JEIA den deutschen Ausfuhrhandel verstärken müssen, auch

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wenn dieser den Briten Konkurrenz machte. Wie die Dinge aber lagen, hatten die Briten die Hand am Zügel und konnten anordnen, was die Deutschen exportieren durften und was nicht. Am 3. April 1949 brachte die New York Times einen Bericht aus Berlin, nach dem die britischen und französischen Vertreter in London den Delegierten der USA das zögernd gegebene Zugeständnis abgerungen hatten, die deutschen Fabriken zur Herstellung von synthetischem Kautschuk und synthetischen Treibstoffen zu zerstören, weil Großbritannien sich Sorge wegen des Absatzes seines natürlichen Kautschuks machte. Der Bericht fuhr fort : "Wirtschaftsexperten der amerikanischen Militärregierung hatten gewünscht, daß diese Fabriken erhalten blieben . . . und hatten erklärt, der Kongreß werde ein Abkommen über ein dauerndes Verbot dieser Industrien heftigt kritisieren."

Die Deutschen, denen bereits ihre sämtlichen Patente von den alliierten Militärregierungen gestohlen worden waren, hegten jetzt den begreiflichen Verdacht, daß die JEIA imstande sein werde, alle neuen deutschen Erfindungen auszuspionieren und sich ohne Gegenleistung nutzbar zu machen. Hier muß ich die Bemerkung zitieren, die ein Student der Münchner Universität in einer öffentlichen Versammlung machte; er erklärte, die Amerikaner erwarteten zwar, daß die Deutschen für die Nahrungsmittellieferungen aus den USA dankbar sein sollten, doch sei deren Gesamtwert bei weitem niedriger als der der Patente, die die amerikanische und britische Militärregierung dem deutschen Volke gestohlen hätten.

Gegen Ende 1948 verzichtete die JEIA auf einige ihrer Machtpositionen und die Militärregierung kündigte an, daß Export- und Importlizenzen von nun an von der Deutschen Bank ausgestellt werden würden. Kein Deutscher glaubte aber daran, daß dies die Freiheit bedeute, denn schließlich wurde ja die Deutsche Bank von der Militärregierung kontrolliert. Die vorherrschende Meinung in Deutschland, daß die JEIA nichts anderes sei als ein gemeinsames britisch-amerikanisches System zur Verhinderung der deutschen Konkurrenz auf dem Weltmarkt, wurde durch die Festlegung eines völlig unrealistischen Wechselkurses von 30 Cent pro D-Mark und durch zahlreiche Einzelfälle bestärkt : deutsche Exportaufträge wurden so lange zurückgehalten, bis feststand, ob Großbritannien die gleichen Waren nicht ebenfalls liefern konnte.

In den ersten Monaten des Jahres 1949 hatten die Bemühungen

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der amerikanischen Militärregierung, der Auszehrung der deutschen Wirtschaft Einhalt zu gebieten, die dadurch entstand, daß die Franzosen Devisen und Fertigwaren aus ihrer Zone ausführten und wirkungsvolle Zollkontrollen an ihren Grenzen verboten, zur Folge, daß der freie oder Schwarzmarkt-Kurs der Mark stieg. Solange aber Frankreich den deutschen Behörden untersagte, die eigenen Grenzen zu bewachen und die britisch-amerikanischen Behörden den Deutschen keine Entscheidungsgewalt darüber einräumten, wie die deutschen Exporterlöse verwendet werden sollten, konnte man nicht erwarten, daß in Deutschland eine freie Wirtschaft funktionieren werde.

Die Deutschen waren zwar gezwungen, wesentlich mehr zu exportieren als die Briten, sie wurden aber von den USA wie der britischen Regierung daran gehindert, so viel zu produzieren und zu exportieren, daß zumindest ihre elementarsten Bedürfnisse gedeckt werden konnten. Man konnte zwar sagen, daß die Deutschen ein solches Schicksal verdient hätten, da ja schließlich Großbritannien den Krieg gewonnen habe. Vom amerikanischen Standpunkt aus war es aber Unsinn — wirtschaftlich wie politisch —, dem deutschen Mann von der Straße zugunsten seines britischen Widerpartes die Möglichkeit zu nehmen, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, es sei denn, man war willens, Millionen von Deutschen verhungern zu lassen. Durch ihre Nachgiebigkeit gegenüber der britischen und französischen Politik haben die USA das Wiedererstarken einer freien Wirtschaft nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Westeuropa verhindert.

Im Herbst 1948 war das Vertrauen in die neue Währung bereits verschwunden; man hatte wieder mit dem Horten begonnen, die Preise stiegen unablässig. Die Arbeiter, die sahen, daß sie jetzt ebenso schlecht, wenn nicht schlechter, daran waren als vor der Währungsreform und der Aufhebung der Wirtschaftskontrollen, verlangten nun, daß den Verfechtern des freien Wettbewerbs die Kontrolle über den Bizonalen Wirtschaftsrat entzogen werden sollte. Alle Bemühungen der deutschen Liberalen und Konservativen, einen freien Binnenhandel aufzubauen und dem Profitmotiv wieder einen Sinn zu geben, waren gegenüber dem Verlangen nach einer kontrollierten Wirtschaft nicht stark genug. Die Ursache dafür war die Politik der Alliierten, die an der Mangelwirtschaft festhielt und den Unternehmungsgeist bestrafte.

Einer unserer fundamentalen Irrtümer war der, nicht zu er-

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kennen, daß eine freie Wirtschaft ohne die übrigen Freiheiten nicht bestehen konnte. Die Deutschen, die noch immer keine politische Freiheit und keine Verantwortung besaßen, konnten die freie Wirtschaft nicht zum Funktionieren bringen, weil ihr Aufbau dort unmöglich war, wo man ohne die einfachsten Lebensnotwendigkeiten auskommen mußte. Die meisten Menschen werden die Steuerbehörden zu betrügen versuchen, sie werden alles Mögliche horten und sie werden spekulieren, wenn sie nach ihrer Meinung von Ausländern beherrscht werden, die sie ausbeuten. Unter solchen Umständen haben sie keine Lust, Verantwortungen zu übernehmen. Warum sollte man arbeiten, Initiative und Erfindungsgabe bekunden, wenn die alliierten Direktiven des revidierten Industrieplanes einem die denkbar schwersten Lebensbedingungen aufzwangen ?

Wir hielten die deutsche Wirtschaft nicht nur in einer Zwangsjacke, indem wir fortfuhren, einen revidierten, aber keineswegs aufgegebenen Morgenthau-Plan anzuwenden, wir legten der deutschen Wirtschaft auch drückende Besatzungskosten auf. General Clay hatte erklärt, diese Kosten seien unwesentlich im Hinblick darauf, daß die USA Deutschland in weit stärkerem Ausmaß mit Lebensmitteln und Rohmaterialien versorge. Man hatte den Deutschen aber niemals die Zusicherung gegeben, daß diese Importe als Geschenke zu betrachten seien. Nach allem was ihnen zu Ohren gekommen war, handelte es sich hier um eine Schuld, die in der Zukunft beglichen werden mußte. Für die Budgets der westdeutschen Länder waren diese Reparationskosten eine unerträgliche Last, weil sie Ausgaben für den Wiederaufbau der zerbombten Städte und wichtiger Versorgungseinrichtungen sowie der dringend benötigten sozialen Einrichtungen verhinderten. Die Besatzungskosten betrugen — nach deutschen Berechnungen — im Finanzjahr 1947/48 für die amerikanische Zone 1,651 Milliarden, für die britische Zone 2,684 Milliarden, also 4,335 Milliarden für beide Zonen zusammen. Dieser Betrag machte 34 v.H. der Steuereinnahmen der Länder aus. In der französischen Zone betrug dieser Prozentsatz sogar 60 v.H.

Bei den Requisitionen, den Wohnraumbeschlagnahmungen und anderen Besatzungskosten haben weder die USA noch Großbritannien die in der Haager Konvention niedergelegten Forderungen des Völkerrechtes beachtet. In den ersten Monaten der Besatzungszeit hatten einzelne Amerikaner und Briten in einem Ausmaß geplündert, das in der neueren europäischen Geschichte

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bisher unbekannt war. Seit dieser Zeit hatten wir mit den Requisitionen und Zwangsdienstleistungen der deutschen Wirtschaft Lasten auferlegt, die weit über das hinausgingen, was nach dem internationalen Recht gestattet war.

Vollständige Zahlen über die Besatzungskosten in der Bizone waren seinerzeit nicht greifbar, doch gab es eine Einzelaufstellung über die Requisitionen, Zwangsdienstleistungen und anderen Forderungen der britischen Besatzungsarmee für das Land Nordrhein-Westfalen, zu dem das Ruhrgebiet gehörte. Dieser Bericht des Finanzministers dieses Bundeslandes ist in meinem Besitz, obwohl er kurz nach seiner Veröffentlichung von der britischen Militärregierung unterdrückt wurde. Obwohl zu dieser Zeit die Besatzungskosten in der amerikanischen Zone wesentlich niedriger waren als in der britischen, trug Amerika einen Teil der Verantwortung für diese Situation, da ja die britische und die amerikanische Zone vereinigt worden waren.

Der Bericht aus Nordrhein-Westfalen sagte nichts über die irregulären Requisitionen einzelner Angehöriger der Besatzungsarmee (mit anderen Worten die Plünderungen), nichts über die Reparationen und Wiedergutmachungen sowie die multilateral deliveries, nichts über den Holzeinschlag, die Lieferungen von Kohle und Strom, von Stahl, Zement und anderen Rohmaterialien an die Alliierten und nichts über die Konfiszierung der deutschen Patente und Auslandsguthaben. Er beschäftigt sich lediglich mit den für die angeblichen Bedürfnisse der Besatzungsarmee geforderten Requisitionen und Zwangsdienstleistungen; die betreffenden Summen waren im außerordentlichen Teil des Etats aufgeführt. Die dort genannten Zahlen zeigten nicht nur, welche Riesenlasten der deutschen Wirtschaft auferlegt worden waren, sie bewiesen auch, daß die Briten, weit davon entfernt, ihre Forderungen herabzuschrauben, sie seit Kriegsende ständig erhöht hatten. Die folgende Aufstellung nennt die Nettosumme der Besatzungskosten (Requisitionen und Zwangsdienstleistungen minus Einkünfte aus von den Briten überwachten Exporten und Importen) im Vergleich zu den Steuereinnahmen.

 BesatzungskostenSteuereinnahmen
1946374 Millionen Mark3,027 Milliarden Mark
19471,141 Milliarden Mark3,539 Milliarden Mark

Die Besatzungskosten machten demnach 1946 12,4 v.H., 1947 aber 32,3 v.H. der Steuereinnahmen aus.

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Es war so, wie der Bericht des Finanzministers sagte : "Die enormen Sach- und Dienstleistungen für die Besatzungsmacht konnten nur unter Zuhilfenahme der letzten für Handel und Industrie verfügbaren Reserven erfüllt werden und hätten zum völligen Zusammenbruch des wirtschaftlichen Lebens und zum finanziellen Chaos geführt, hätten die Besatzungsmächte nicht durch ERP-Lieferungen und Währungsreform eingegriffen." Mit anderen Worten : die Briten, deren Lebensstandard in Deutschland viel höher war als zu Hause, kamen in den Genuß einer zusätzlichen Unterstützung durch den Marshall-Plan, die weit über das hinausging, was sie direkt auf Grund der ERP-Zuteilungen für Großbritannien empfingen.

Dieser Bericht aus Nordrhein-Westfalen brachte viele interessante Einzelheiten über das, was man unter Requisitionen verstand, über die Vergeudung von Wohnraum und die große Zahl von Deutschen, die erforderlich waren, um den Bedürfnissen und Annehmlichkeiten der Besatzungstruppen zu dienen. Die Ausgaben für die deutschen Angestellten und Dienstboten der britischen Militärregierung (ausschließlich von der deutschen Wirtschaft aufgebracht) betrugen im Finanzjahr 1945/46 55 Millionen, stiegen 1946/47 auf 185 Millionen und 1947/48 auf 336 Millionen. Von den vielen Beispielen für auffallende Verschwendung wurde der Klub Weserklause in Minden genannt, wo an die 70 Deutsche in zwei Schichten arbeiteten, um im Durchschnitt fünf Mittags- und zwölf Abendgäste zu bedienen.

Die ausländischen Konsulate (einschließlich der der sowjetischen Satellitenstaaten) beschäftigten ebenfalls viele Deutsche, deren Löhne und Gehälter den Besatzungskosten hinzugeschlagen wurden und aus den Steuereinnahmen der deutschen Länder aufzubringen waren. Sogar das niederländische Rote Kreuz, das sich doch ausschließlich niederländischen Bürgern widmete, ließ die Löhne und Gehälter seiner deutschen Angestellten von der Regierung des Landes Nordrhein-Westfalen bezahlen. Nicht nur Offiziere, auch Feldwebel und Militärmusiker hatten deutsche Dienstboten, die von den Deutschen bezahlt werden mußten.

Am heftigsten haben die Deutschen gegen die Beschlagnahmung von Häusern und Wohnungen und gegen die Weigerung protestiert, diese ihren Eigentümern zurückzugeben, wenn sie leer standen oder nur zum Teil benutzt wurden. Die Bombenangriffe hatten zur Folge, daß in allen deutschen Städten Wohnraum außerordentlich knapp war; da Stahl, Zement und Holz für

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den Wiederaufbau von Häusern und Wohnungen nicht zugeteilt wurden, war die ständige Belegung des wertvollsten unbeschädigten Wohnraumes durch die Besatzungsarmeen ein immer wiederkehrender Anlaß zu Beschwerden. Der Umstand, daß die Verminderung der amerikanischen wie der britischen Besatzungsarmee den der deutschen Bevölkerung zugestandenen Wohnraum kaum fühlbar vermehrte, gab den Deutschen noch mehr Grund zu Klagen.

Als ich Bonn besuchte, fand ich zu meinem Erschrecken, daß ich nur mit meinen deutschen Dienstboten eine riesengroße Villa bewohnte, die durchreisenden alliierten Gästen zur Verfügung stand. Von diesen gab es so wenige, daß diese Villa später nicht den Deutschen, sondern einem belgischen General überlassen wurde, der dann ganz allein in den etwa 30 Räumen wohnte. Sogar Gemüsegärten und Bauernhöfe wurden ihren deutschen Eigentümern weggenommen, die jetzt dort nichts mehr anbauen konnten. In einigen Fällen wurden ertragreiche Felder in Sportplätze für die ausschließliche Benutzung durch das Personal der Alliierten verwandelt.

Nach der Haager Konvention ist jede Besatzungsmacht für die von den Angehörigen ihrer Streitkräfte angerichteten Schäden verantwortlich. Weder Briten noch Amerikaner haben in dieser Beziehung die Gesetze des Völkerrechtes beachtet, wie sie das ja auch in anderer Beziehung nicht getan haben. Sie haben stattdessen die Bürde der Entschädigungen den deutschen Staatsverwaltungen auferlegt.

Da die britischen und belgischen Besatzungstruppen und auch die DPs nichts für Strom, Gas und Wasser bezahlten, die ihnen die deutsche Wirtschaft lieferte, wurde damit eine gewaltige Verschwendung getrieben. Trotz allem Gerede der Alliierten, daß es notwendig sei, den Stromverbrauch einzuschränken, brannten die Lampen Tag und Nacht hindurch.

Schließlich sei noch auf andere Requisitionen als die von Gebäuden hingewiesen. Der Bericht aus Nordrhein-Westfalen bewies, daß die riesigen Mengen von Waren, die den britischen Besatzungstruppen geliefert wurden, weit über das hinausgingen, was diese verbrauchen konnten. Sie stellten de facto Reparationen aus der laufenden Produktion dar.

Selbstverständlich gestattete keine Bestimmung des Völkerrechtes die Requisition von Waren und Dienstleistungen für Personen, die in keiner Verbindung mit der Besatzungsmacht stan-

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den. Der obenerwähnte Bericht stellt jedoch fest, daß auch diese Leistungen nicht gutgeschrieben wurden.

Selbstverständlich waren die Deutschen im Recht, wenn sie feststellten, daß manche der als Requisitionen für die Verwendung durch die Besatzungsarmee aufgeführten Dinge gar nicht dazugehörten, sondern der Sache nach Reparationslieferungen aus der laufenden Produktion waren. Es konnte auch nicht bestritten werden, daß die vermehrten Forderungen der britischen Besatzungsmacht nach knapp gewordenen Waren zu der Inflation beitrugen, die den Erfolg der Währungsreform in Frage zu stellen begann. Solange die deutsche Wirtschaft große Mengen von Waren aufzubringen hatte, für die keine Zahlung geleistet wurde, und desgleichen sehr viele Menschen für die Bedienung der Besatzer ohne Bezahlung durch diese abgeben mußte, konnte Westdeutschlands Wirtschaft niemals stabil werden.

In der britischen Zone konnte man als Einzelner großen Nutzen aus der freien Lieferung von Waren und Diensten an die Besatzungsmacht ziehen. Für mein Hotelzimmer in Düsseldorf mußte ich nur 25 Cents bezahlen, Essen wie Trinken waren dort ebenso billig. In der amerikanischen Zone erzielte die Militärregierung dadurch Gewinne, daß sie ausländische Besucher und Zeitungskorrespondenten für ihre Unterbringung und die ihnen geleisteten Dienste bezahlen ließ, den Deutschen aber, die für beides sorgen mußten, keine Kompensation dafür leistete. Ein Beispiel : in Frankfurt entdeckte ich, daß man für das Park-Hotel mit seinen 90 oder 100 Zimmern eine Monatsmiete von nur 500 Mark zahlte, Zeitungskorrespondenten und anderen Leuten aber zwei Doller pro Tag für Zimmer und Bedienung abforderte. Vermutlich wurden die Löhne für die Zimmermädchen und Kellner von den Deutschen gezahlt. Obwohl in der amerikanischen Zone die Armee viel dadurch verdiente, daß für Unterbringung und Dienstleistungen die Deutschen aufzukommen hatten, steuerte der amerikanische Steuerzahler doch in weitaus größerem Umfange Nahrungsmittel und Rohmaterialien bei. In der britischen Zone wurden aber die verborgenen Reparationen, die unter dem Titel Besatzungskosten erschienen, nicht durch britische Gaben an Deutschland ausgeglichen. Die USA lieferten aus Amerika nicht nur große Mengen von Lebensmitteln, sie gaben auch große Vorräte der Armee für den Verkauf auf dem deutschen Markt frei und glichen auf diese Weise wenigstens einigermaßen die Verluste aus, die der deutschen Wirtschaft durch die briti-

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schen Forderungen nach Lieferung von Bekleidung entstanden waren.

Die Briten haben im allgemeinen bekundet, daß sie weniger als die USA geneigt waren, das Völkerrecht und das angelsächsische Recht zu mißachten, sie haben aber aus den Nürnberger Urteilen insofern Vorteile gezogen, als sie diese dazu benutzten, alle Handlungen, mit denen sie ihre wirtschaftlichen Interessen förderten, für rechtens zu erklären. Nach den in der britischen Zone geltenden Bestimmungen konnte ein Deutscher sich nicht weigern, für die Militärregierung zu arbeiten, und konnte auf keinen Fall seine Stellung bei den Briten aufgeben. Die Anordnung des Interalliierten Kontrollrates, die die Zwangsarbeit für gesetzlich erklärte, war von besonderem Vorteil für die Briten, die auf diese Weise die Deutschen zwingen konnten, ihre eigenen Fabriken zu demontieren.

Als in Bochum einige deutsche Arbeiter verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt worden waren, weil sie sich geweigert hatten, sich an den Demontagen zu beteiligen, argumentierten ihre Verteidiger damit, daß die Haager Konvention einer Besatzungsmacht verbiete, jemanden dazu zu zwingen, gegen sein eigenes Land zu arbeiten und ferner damit, daß in Nürnberg Zwangsarbeit als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet worden sei. Der britische Gerichtshof antwortete, daß die Deutschen kein Recht hätten, sich auf die Haager Landkriegsordnung zu berufen, da in Nürnberg bestimmt worden sei, daß das Völkerrecht auf die Deutschen nicht angewendet werden dürfe. Als die deutsche Verteidigung erklärte, in Nürnberg sei gesagt worden, daß jedermann nach seinem eigenen Gewissen handeln und sich weigern müsse, Befehle auszuführen, wenn diese gegen sein Gewissen gingen, erwiderte das britische Gericht, daß ein Deutscher unter keinen Umständen der Militärregierung den Gehorsam verweigern dürfe, da diese oberste Autorität sei. In dieser Hinsicht wie in so vielen anderen haben sich die Briten gleich den Amerikanern in Deutschland die Grundsätze der besiegten Nationalsozialisten zu eigen gemacht.

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