Kapitel XI

Folgerungen

Die Berichterstattung über Deutschland war nach der Kapitulation zu jeder Zeit unzulänglich. Sie war derart von antideutschen Vorurteilen und von Unkenntnis belastet, daß die amerikanische Öffentlichkeit noch auf sehr lange Zeit hinaus die wirklichen Zusammenhänge nicht kannte und sich der Folgen unserer Deutschland-Politik nicht bewußt war. Ich habe in diesem Buch um Gerechtigkeit und Mitleid für die Besiegten gebeten und es unternommen, dem amerikanischen Volk den moralischen und materiellen Preis zu zeigen, den es für die Befriedigung seiner Rache zahlen mußte. Ich weiß nur zu gut, daß man mir deswegen den Vorwurf machen wird, deutschfreundlich zu sein und daß man mir erklären wird, das Bild sei nun nicht mehr so dunkel wie das, das ich gezeichnet habe. Die amerikanische Presse hatte sich während der zurückliegenden Jahre durch die Bank ausschließlich darauf konzentriert, die erfreulichen Anzeichen wirtschaftlicher Gesundung zu schildern, jedoch die grundlegenden Probleme ignoriert, für die Linderungsmittel wie die Währungsreform und die Marshall-Plan-Hilfe keine Lösung darstellten.

Jenen, die mich beschuldigt haben, deutschfreundlich zu sein, kann ich nur mit dem Wort Tom Paines antworten : "Dort, wo es keine Freiheit gibt, dort ist mein Vaterland." Da die Deutschen von ihren Besiegern der Freiheit und der menschlichen Grundrechte beraubt wurden, da sie auf den Stand eines Kolonialvolkes herabgedrückt wurden, das von vier Herren beherrscht wurde, schien es mir, daß Männer und Frauen guten Willens und freiheitlicher Denkart die Aufgaben hatten, sich ihrer Sache anzunehmen.

Einige meiner Leser mögen vielleicht denken, daß ich dem deutschen Standpunkt zu viel Gewicht beigemessen habe. Wenn dies wahr ist, dann stellt mein Beitrag nur einen Tropfen im Ozean dar, verglichen mit der nicht aufhörenden und in mancher Beziehung monotonen Flut von Büchern, Artikeln, Zeitungsreportagen und Radiokommentaren, die allesamt eine von jedermann akzeptierte Legende begründet haben.

Da die Deutschen nicht in eigener Sache sprechen durften, es sei denn in einem unterwürfigen Ton, der ihren Besiegern schmeichelte, wußte niemand wirklich, was sie dachten und fühlten. Ich

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behaupte nicht, daß ich mehr als nur ein klein wenig unter die Oberfläche der den Deutschen befohlenen Uniformität und Unterwürfigkeit eingedrungen bin, ich habe aber das Wagnis unternommen, für die Schweigenden zu sprechen.

Zweifellos werden mich auch einige Kreise der Parteilichkeit beschuldigen, weil ich nichts über die Verbrechen der Nationalsozialisten berichtet habe. Dies ist nicht etwa darauf zurückzuführen, daß ich nicht imstande gewesen wäre, Hitlers Verantwortung für den materiellen und moralischen Zusammenbruch Europas und damit den Niedergang der Zivilisation des Westens zu begreifen. Ich habe diese so oft erzählten Geschichten über die Verbrechen der Nationalsozialisten gegen die Menschlichkeit nicht gebracht, weil sie ja jedem Amerikaner bereits bekannt waren. Nichts von dem war jedoch bekannt, was wir selbst getan hatten und es war daher hoch an der Zeit, daß die Sieger ihr eigenes Gewissen zu erforschen begannen.

Die Rolle von Unterdrückern und Unterdrückten wechselt, wenn sich die Zeiten ändern. Der arrogante Sieger von heute kann morgen der Besiegte sein, diejenigen, die für die Freiheit fochten, können anderen ihre Freiheit nehmen. Was Thukydides in seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges schrieb, ist heute noch ebenso wahr wie damals : "Wie die Welt nun einmal beschaffen ist, ist Recht nur eine Frage zwischen gleichberechtigten Mächten; die Starken tun, was sie tun können, die Schwachen leiden, was sie leiden müssen."

Böses zeugt Böses und Ungerechtigkeit zeugt noch mehr Ungerechtigkeit. Vergeltung gebiert das unwiderstehliche Verlangen nach Wiedervergeltung; Nationen, die man ihrer Freiheit beraubt hat, werden krankhaft nationalistisch. Sollen Europas niemals endende Kriege, die jetzt die westliche Zivilisation zu zerstören drohen, jemals beendet werden und soll uns der Kommunismus, dessen Glaubensbekenntnis der Haß ist, nicht überwältigen, dann muß dieser Teufelskreis gebrochen werden. Wir müssen endlich dem Glauben abschwören, daß Unrecht plus Unrecht Recht ergibt. Ich habe aber auf keinen Fall gewünscht, daß die guten Absichten und beträchtlichen Leistungen der amerikanischen Militärregierung in meinem Buch nur im geringsten geschmälert würden. Der Armee der Vereinigten Staaten sind meiner Meinung nach die Unzulänglichkeiten, Irrtümer, Ungerechtigkeiten und Versager, mit denen sich dieses Buch beschäftigt, am wenigsten vorzuwerfen. Trotz dem in Washington erteilten Befehl, nichts zu tun,

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um Deutschland wieder auf die Beine zu stellen, verhinderten die Armeedienststellen zu Beginn der Besatzungszeit einen völligen Zusammenbruch. Öffentliche Einrichtungen wurden wieder in Betrieb gesetzt, die Straßen wurden von den Bombentrümmern geräumt, einigen Industriezweigen wurde geholfen, ihre Produktion wieder in Gang zu bringen, eine Massenhungersnot und Epidemien wurden dadurch verhindert, daß man Geld der Armee für die Einfuhr von Lebensmitteln und den Kampf gegen akute Notstände verwendete. Ganz allgemein darf gesagt werden, daß die Militärregierung, sobald sie die Verwaltung des von ihr besetzten, in Ruinen liegenden, hungernden und moralisch zerrütteten Landes übernommen hatte, eine so kluge Politik verfolgte, wie das in den von der Regierung in Washington gesetzten Grenzen möglich war.

Die von General Clay geführte amerikanische Militärregierung sah klarer als die Regierung zu Hause. Jeder Armeeoffizier, der für die Sicherheit der Vereinigten Staaten einzustehen hatte und der das Ausmaß der Verpflichtungen begriff, die wir in Europa eingegangen waren, wußte auch, daß Sowjetrußland uns und unsere westlichen Verbündeten zumindest bis an die Pyrenäen zurücktreiben konnte, so lange das deutsche Volk nicht Mitglied der NATO war und zu seiner eigenen Verteidigung und der Europas Waffen trug. Niemand aber wagte in der Öffentlichkeit zu sagen, daß, falls Deutschland nicht unser gleichberechtigter Verbündeter würde, Amerika Europa dem Kommunismus preisgeben oder bereit sein mußte, zu seiner Verteidigung so viele Leben von Amerikanern zu opfern, daß die Verluste des Zweiten Weltkrieges demgegenüber unerheblich erscheinen mußten.

Ich bin zwar als Engländerin geboren, habe es aber vorgezogen, Amerikanerin zu werden, weil ich in Amerika mehr Gleichheit und soziale Gerechtigkeit, weniger nationale Vorurteile und mehr Achtung vor den Rechten und Ansprüchen anderer Völker als irgendwoanders in der Welt gefunden habe. Es war eine Tragödie, daß aller guter Wille des amerikanischen Volkes, seine Großmut und sein aufrichtiges Verlangen, der Wohltaten seiner Zivilisation auch weniger glückliche Nationen teilhaftig werden zu lassen, weitgehend durch seine Unkenntnis der geschichtlichen Vergangenheit und der jetzigen Realitäten Europas zunichte gemacht wurden.

Daß Amerika nichts über Deutschland wußte, war sehr gefährlich. Man wird sich daran erinnern, daß beim Einmarsch der

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alliierten Truppen in Deutschland das OWI (Office of War Information = Abwehr. Anmerkung des Übersetzers) und andere militärische Dienststellen behaupteten, ihre genaue Kenntnis der Stimmung in Deutschland erlaube die Voraussage, daß Nazi-Heckenschützen hinter jedem Busch, in jedem Dachboden und Keller zu finden sein würden und daß Werwolf-Banden bereitstünden, die Soldaten der Besatzungsarmeen abzuschlachten. Die Ereignisse bewiesen aber, daß stattdessen Millionen von Deutschen bereit waren, uns als Befreier zu begrüßen, jedoch zurückgewiesen wurden, und daß in Deutschland zu wenig überzeugte Nationalsozialisten übriggeblieben waren, als daß sie den Besatzungstruppen ernsthafte Schwierigkeiten hätten bereiten können.

Es war auch eine Tragödie, daß wir uns weigerten, mit denjenigen Deutschen zusammenzuarbeiten, die dem Terror der Nazis getrotzt hatten und die imstande gewesen wären, das deutsche Volk neu zu orientieren. Stattdessen haben wir der NS-Ideologie neues Leben eingehaucht, indem wir nichts taten, die Schafe von den Böcken zu scheiden, als wir die Verwaltung unseres Teiles des zerschmetterten Dritten Reiches übernahmen. Dieselbe Unkenntnis der wahren Gefühle der Deutschen führte uns dazu, die Gefahr zu unterschätzen, daß sie mit Sowjetrußland gemeinsame Sache machen könnten — nicht etwa weil ihnen die Feindschaft gegen die Demokratie angeboren war, sondern weil viele von ihnen nicht mehr länger darauf hofften, daß der Westen ihnen ihre Freiheit, das Recht auf Arbeit oder die Möglichkeit, sich selbst gegen die Sowjetunion zu verteidigen, zugestehen wollte.

Weil sie die Kriegspropaganda davon überzeugt hatte, daß die Deutschen von Natur aus angriffslustiger und grausamer als andere Völker seien, waren die meisten Amerikaner nicht imstande, zu begreifen, daß die Bestrafung des ganzen deutschen Volkes nur die sowjetischen Aggressoren stärkte.

Den stärksten Einfluß darauf, daß Amerika die Ziele des Kommunismus unterstützte, scheint jedoch die Weigerung der New Dealer gehabt zu haben, den grundlegenden Irrtum der Rooseveltschen Politik einzugestehen. Sie waren ganz einfach gezwungen, weiter daran zu glauben, daß das deutsche Volk der Ursprung aller Unruhe war und auch jetzt noch den Frieden der Welt bedrohe, wenn sie sich ihre Verehrung für den verstorbenen Präsidenten bewahren wollten. Den meisten von ihnen fehlte der Mut zuzugeben, daß ihr angebeteter Führer im Irrtum war, wenn er glaubte, man brauche, um einen dauernden Frieden zu er-

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reichen, nur die deutsche Nation auszulöschen und daß dieses Ziel eine enge Zusammenarbeit mit Stalin rechtfertige. Einige der New Dealer oder sogenannte Fortschrittliche, wie etwa Wallace, ließen auch jetzt noch nicht davon ab, gegen die sowjetischen Verbrechen wider die Menschlichkeit blind zu sein, wie das ja auch Roosevelt und seine Frau während des Krieges gewesen waren. Andere, die zu intelligent oder zu anständig waren, als daß sie die Beweise ignorierten, hörten trotzdem nicht auf zu fordern, daß man gleich Shylock von dem besiegten Deutschland das volle Pfund Fleisch verlangen müsse. Ihnen allen gebrach es an moralischem Mut zuzugeben, daß Präsident Roosevelts Politik von Grund auf falsch gewesen war und sich als gewaltiger Fehlschlag herausgestellt hatte. Um sich den Glauben an ihren toten Führer zu erhalten, forderten sie, daß seine Politik gegenüber Deutschland beibehalten werde, und das lange nachdem sich gezeigt hatte, daß die Voraussetzungen, auf die sie gegründet war, falsch waren. Sie wünschten, daß Deutschland machtlos bleiben solle, auch wenn das bedeutete, daß Europa sich nicht selbst verteidigen konnte. Sie waren willens, das Risiko einzugehen, die Deutschen auf die Seite der Russen zu treiben, indem sie ihnen Freiheit, Gleichheit und die Möglichkeit, sich selbst zu erhalten, verweigerten, solange es auf unserer Seite des Eisernen Vorhanges stand.

Die Republikaner, die einer von beiden großen Parteien gemeinsam geführten Außenpolitik zugestimmt hatten, wurden auf ähnliche Weise die Gefangenen ihrer früher begangenen Irrtümer. Auch sie konnten den politischen Konsequenzen ihres Eingeständnisses, getäuscht worden zu sein, nicht ins Auge sehen. Mit seltenen Ausnahmen waren sie der Führung der Demokraten gefolgt und hatten lieber gutes Geld schlechtem nachgeworfen, als unsere Verluste zu verringern und einen neuen Start mit einer weiseren Politik zu wagen. Auch sie waren mitschuldig daran, daß die Vereinigten Staaten es nicht verstanden hatten, einen klaren Bruch mit der Vergangenheit zu wagen.

Dem amerikanischen Volk in seiner Gesamtheit fiel es schwer, die traurige Wahrheit anzuerkennen, daß es zum zweitenmal in einem Vierteljahrhundert seine Söhne und Ehemänner für keine gute Sache in einem Krieg außerhalb des eigenen Landes geopfert hatte. Weit davon entfernt, die Welt für die Demokratie reif zu machen, hatten beide Weltkriege das Gebiet verkleinert, in dem Freiheit herrschte und der letzte von beiden hatte lediglich die eine totalitäre Diktatur gegen die andere ausgetauscht. Denen

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aber, die ihre Lieben verloren hatten, fiel es schwer zuzugeben, daß diese vergebens gestorben waren.

Das Widerstreben des menschlichen Geistes, sich unliebsame Wahrheiten einzugestehen, die Unfähigkeit der Politiker, ihre Fehler zuzugeben, die bösen Folgen der Kriegspropaganda und der sündhafte Stolz, der uns allesamt erfüllte, spielten den Kommunisten in die Hände.

Es erfüllt den Geist mit Genugtuung und erhöht das Selbstgefühl, wenn man frühere oder jetzige Gegner als die einzigen hinstellt, die sich gegen die Gesetze Gottes und der Menschen vergangen haben. Zuzugeben, daß die Fähigkeit, Böses zu tun, jedem Menschen innewohnt, hätte unser Überlegenheitsgefühl zerstört. Aus diesem Grunde hatten wir uns die Theorie der Nationalsozialisten von den Rassenunterschieden sehr weitgehend zu eigen gemacht und hatten uns selbst in die Rolle einer überlegenen oder Herrenrasse hineingespielt.

Am schlimmsten war aber, daß uns die Auffassung der Nationalsozialisten und Kommunisten verführt hat, Gerechtigkeit bedeute die Bestrafung der Vielen für die Sünden von ein paar Wenigen.

Im zweiten Jahrhundert nach Christus verkündigte der römische Kaiser Trajan, es sei besser, daß viele Schuldige der Bestrafung entgingen, als daß ein Unschuldiger fälschlicherweise verurteilt werde. Die Kommunisten haben dieses Prinzip in sein Gegenteil verkehrt. Sie sagen, es sei besser, daß tausend Unschuldige verdammt werden, als daß ein Schuldiger seiner Strafe entgehe.

In unserer Behandlung der Deutschen haben wir uns das kommunistische Prinzip zu eigen gemacht und nicht das in der zivilisierten westlichen Welt geltende. Jene, die das gesamte deutsche Volk für die Verbrechen der Nationalsozialisten anklagten, stellten sich auf eine Stufe mit den Bolschewisten, die Millionen hingemordet haben, weil sie das Verbrechen begangen hatten, der Kapitalistenklasse anzugehören (zu der die Kommunisten die fortschrittlicher eingestellten, als Kulaken bezeichneten Bauern rechneten). Sie stellten sich auch auf eine Stufe mit den Nationalsozialisten, die Millionen von Juden und Angehörigen anderer minderwertiger Rassen, Polen und Russen etwa, ausgelöscht hatten.

Als wir alle Deutsche als Verbrecher oder Parias behandelten, und sie alle durch unsere Politik bestraften, leugneten wir die Grundwahrheiten der christlichen Zivilisation wie des rationa-

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listischen Liberalismus : den Glauben an die Verantwortlichkeit des Einzelnen, die Herrschaft des Gesetzes und nicht der Menschen sowie den an die Gleichheit aller Völker ohne Ansehen von Klasse, Rasse, Nationalität oder Glauben.

Während ich dieses Buch zu Ende schrieb, war die Schlacht um Berlin zu Ende gegangen, der Kampf um Deutschland hatte begonnen. Wenn, wie es schien, die Kommunisten gelernt hatten, daß sie Deutschland nicht durch Gewalt und Terror gewinnen konnten und sich auf eine andere Taktik vorbereiteten, konnten wir nicht mehr länger darauf vertrauen, daß ihre Grausamkeiten und Fehler die Deutschen auf unserer Seite halten würden. Es gibt, wenn man nicht mehr hoffen kann, eine Grenze für Leidensfähigkeit und Vernunft. Falls die Sowjetunion ihnen die Freiheit und die Einheit anbot, die ihnen der Westen nicht gewähren konnte oder wollte, dann waren die Deutschen möglicherweise imstande, sich mit den Russen zu verbünden, um uns gemeinsam mit sich selbst zu vernichten.

Der Westen hätte ohne weiteres zu Beginn der Besatzungszeit das deutsche Volk gewinnen können, wenn er ihm die Freiheit, die Herrschaft des Rechtes, Hoffnung und Schutz vor einer neuen, diesmal von Rußland auferlegten Tyrannei angeboten hätte. Stattdessen haben wir die Demokratie zum Gespött gemacht, nicht nur, indem wir alle Deutschen für die Sünden der Nationalsozialisten bestraften, sondern auch damit, daß wir bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Sowjetunion uns zu bedrohen begann, den Kommunismus mit der Demokratie gleichsetzten. Wir verziehen jede zuvor von Hitler begangene Grausamkeit, wenn diese von Stalin begangen worden war und demonstrierten unsere Bereitschaft, uns mit dem Sowjetdiktator gutzustellen, sogar dann noch, als klar zutage trat, daß er statt Hitler die Geißel Europas geworden war.

Die Deutschen hatten beobachtet, daß jede Konzession, die wir ihren Forderungen auf Arbeit, bessere Ernährung und Selbstregierung machten, lediglich darum gemacht wurde, weil wir immer deutlicher die Drohung sahen, die der Kommunismus für unsere eigene Freiheit bedeutete.

Sie betrachteten unsere Herrschaft, verglichen mit der Sowjetrußlands, als das kleinere Übel, doch nur wenige glaubten noch daran, daß wir ihnen die gleichen Freiheiten und Rechte zugestehen würden, die wir für uns selbst in Anspruch nahmen.

Die meisten Deutschen gaben sich über den Kommunismus keinerlei Illusionen hin, doch viele von ihnen konnten niemals

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mehr die brutale und ungerechte Behandlung vergessen, die wir ihnen zuteil werden ließen, bevor wir begriffen hatten, daß die Sowjetunion ebenso ihr Feind wie der unsere war. Mochten sie nun Demokraten sein, die nach langen Jahren aus ihren Verstecken auftauchten oder aus den Konzentrationslagern entlassen worden waren; junge Männer und Frauen, die Hitler aus der falschen, aber ehrlichen Überzeugung gedient hatten, daß kein Patriot seinem Führer die Gefolgschaft verweigern dürfe; Arbeiter, die durch die langen Jahre der Erwerbslosigkeit, die sie unfähig gemacht hatte, der demagogischen Propaganda der Nationalsozialisten zu widerstehen, zur Verzweiflung getrieben worden waren; besiegte Soldaten der deutschen Armee, die wenig oder gar keine Verantwortung für die Grausamkeiten der Nationalsozialisten trugen, aber tapfer gekämpft hatten, um ihr Land vor dem kommunistischen Terror zu retten, nur um zu sehen, daß sie von ihren Besiegern aus dem Westen als Verbrecher gebrandmarkt wurden und in Frankreich und England genau so wie in Rußland Frondienste leisten mußten : keiner dieser Menschen hatte eine Ursache, die Demokratie zu lieben.

Die Erbschaft dieser Vergangenheit war nun eine akute Gefahr geworden. Falls Stalin den Vorschlag machte, daß alle Siegernationen ihre Truppen aus Deutschland zurückziehen und diesem gestatten sollten, von der Herrschaft der Militärregierungen befreit, sich wieder zu vereinigen, konnte er immer noch den Kampf um Deutschland gewinnen. Die Tatsache, daß die Sowjetarmee nahe zur Hand war, um in jedem gewünschten Augenblick Rußlands Willen durchzusetzen sowie das Vorhandensein einer gutbewaffneten, von den Kommunisten gelenkten Polizeitruppe in der Sowjetzone mußte eine solche Freiheit zu einem blassen Schemen machen. Die Verführung blieb aber groß, solange wir den Deutschen weiterhin untersagten, bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit zu produzieren und ihnen das Recht verweigerten, ihre Waren unter den gleichen Bedingungen wie die Briten und Franzosen auszuführen, während wir gleichzeitig auf der einseitigen Entwaffnung Westdeutschlands bestanden. Überdies war dank unserer einfältigen Zugeständnisse in Jalta und Potsdam sowie unserer kurzsichtigen Strategie nur die Sowjetunion imstande, Deutschland seine verlorenen Provinzen zurückzugeben, ihm die Wiedervereinigung zu gestatten und ihm die Märkte Osteuropas zu öffnen, die für die deutsche Wirtschaft so wichtig waren. Falls wir fortfuhren, den deutschen Außenhandel im Interesse der briti-

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schen und französischen Konkurrenten zu kontrollieren, konnten sich die Deutschen durch den Zwang der wirtschaftlichen Gegebenheiten veranlaßt sehen, sich mit den Sowjetrussen zu verständigen.

Stalin durfte auch sicher sein, daß Frankreich ihm weiter in die Hände spielen werde. Er war nun zu Gesten imstande, um sich Deutschlands guten Willen zu versichern; er wußte ja, daß der Westen seinen Vorschlag auf Freigabe Deutschlands zurückweisen würde und daß wir uns weiter damit belasten würden, das Land besetzt zu halten.

Der einzige Frieden, der dauern kann und das Opfer des Krieges wert ist, ist der, der sich auf Gerechtigkeit gründet. Bevor wir nicht unsere eigenen Vergehen gegen Recht und Menschlichkeit erkannten und die Prinzipien wiederaufrichteten, für die die Amerikaner zweimal in einer Generation in den Krieg gezogen waren, gab es für die Rettung der westlichen Zivilisation keine Hoffnung. Alle von uns hergestellten Atombomben werden uns keine Rettung bringen, wenn wir unsere Selbstachtung sowie das Vertrauen und die Hochschätzung der Völker dieser Erde verlieren — die besiegten und machtlosen einbegriffen.

Die meisten Amerikaner, die immer noch im Herzen Isolationisten waren, hatten gefühlt, daß eine der Früchte des Sieges die Freiheit war, diese ganze deutsche Misere aus ihrem Bewußtsein zu verbannen. So gaben sie der Minderheit der Fanatiker, der Deutschengegner von Beruf und der Kommunistenfreunde den Weg frei, die in den spannungsgeladenen und von Leidenschaften erfüllten Kriegsjahren den Rachechor anführten und sich mit Erfolg ihren Einfluß bewahrt hatten, indem sie alle Andersdenkenden verleumdeten. Diese schädliche Minderheit hatte den Abgrund vergrößert, der uns von jener Nation trennte, für deren Schicksal wir selbst die Verantwortung auf uns genommen hatten, als wir ihre bedingungslose Kapitulation forderten.

Erst in jüngster Zeit war sich die amerikanische Öffentlichkeit der Tatsache bewußt geworden, daß der totale Sieg die Vereinigten Staaten im Guten und Bösen mit der totalen Verantwortung belastete, nicht nur für das Schicksal des deutschen Volkes, sondern ganz Europas. Diese gewaltige Verantwortung, die wir, ohne es zu wissen, auf unsere Schultern geladen hatten, wurde erst erkannt, nachdem die Aggressionsgelüste und die unversöhnliche Haltung der Sowjets und ihre offen bekundete feindselige Einstellung gegen die USA uns aus den Träumen gerissen hatte,

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in die uns die Propaganda der Regierung sowie die unwissenden, knechtseligen und ebenso verlogenen Journalisten gelullt hatten. Die Fata Morgana von den Vereinten Nationen, in denen Löwe und Lamm friedlich nebeneinander lagen und die siegreichen Nationen für alle Zeiten Freunde blieben, war nun zerronnen. Das Gift, das die Apostel des Hasses und der Rache dem amerikanischen Volk eingeflößt hatten, verzerrte aber immer noch dessen Ansichten und hinderte es daran, sich einer völlig neuen Politik zuzuwenden, die allein bewirken konnte, daß die Welt nicht das Opfer der Sowjets wurde — trotz Präsident Roosevelts verhängnisvollen Irrtümern und trotz seiner Hinopferung aller Prinzipien.

Die Aufgabe, die die Vereinigten Staaten in Deutschland übernahmen — ein tapferes Volk mit alten Überlieferungen und einer hohen Kultur zu überreden, den Glauben an die Demokratie zu dem seinen zu machen und die Institutionen seiner westlichen Besieger zu übernehmen —, war möglicherweise überhaupt nicht zu Ende zu bringen. Sie erforderte Taktgefühl, Verständnisbereitschaft und Sympathie und war auf jeden Fall unvereinbar mit dem Verhalten, das den Besatzungsarmeen vorgeschrieben war. Es war offenkundig, daß wir nicht auf der einen Seite den Deutschen Demokratie beibringen, auf der anderen aber uns als Eroberer oder als Angehörige einer Herrenrasse benehmen konnten. Dieses Werk konnte uns nur gelingen, wenn wir den hohen Grundsätzen unserer amerikanischen Überlieferung folgten, doch diese hatten wir, ebenso wie die Atlantik-Charta, durch unser Verhalten gegenüber dem deutschen Volke verleugnet. Obwohl wir später ein neues Blatt aufgeschlagen hatten, als wir die deutsche Wirtschaft wieder auf die Beine stellten und dem deutschen Volk einige Hoffnung gaben, daß es möglicherweise als Gleichberechtigter in ein europäisches Bündnis aufgenommen werden könnte, fehlte unserer Politik immer noch die Wärme und Menschlichkeit, die nötig waren, um die Erinnerung an jüngst vergangenes Unrecht und die auf beiden Seiten herrschende Verbitterung zu überwinden. Eine fruchtbringende Zusammenarbeit zwischen zwei Völkern war ohne Vertrauen, faire Verhandlungen und Gleichberechtigung unmöglich — dies hätte eine grundlegende Änderung unseres Verhaltens gegenüber Deutschland gefordert.

Die politischen und militärischen Folgen unserer Vergeltungspolitik konnten für die westliche Welt vernichtende Folgen haben. Europa konnte militärisch nicht verteidigt oder reif für die Demokratie gemacht werden, solange Deutschland nicht ein gleich

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berechtigtes Mitglied der Gemeinschaft freier Nationen war.

Ich war davon überzeugt, daß nicht nur das Gebot der Vernunft, der gesunde Menschenverstand und unser eigenes Interesse, sondern auch der Anruf des Gewissens und der Glaube an eine Gerechtigkeit, die alle nationalen Grenzen überwindet, zu einer radikalen Änderung der Politik der Vereinigten Staaten führen mußte, sobald das amerikanische Volk die Tatsachen sah, deren Kenntnis ihm für so lange Zeit vorenthalten worden war.

ENDE

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