Kapitel III

Die materiellen Kosten der Vergeltung

Als ich Berlin Anfang September über die Luftbrücke verließ und in der amerikanischen Zone ankam, hatte ich das Gefühl, eher Zeit als Raum zurückgelegt zu haben. In Berlin standen wir, trotz der bedauerlich großen Ungleichheit zwischen uns und den Deutschen, was Opfer, Not und Gefahren betraf, doch Schulter an Schulter im Kampf gegen die Aggressionsgelüste der Sowjets. In der westlichen Zone schienen wir noch immer im Krieg miteinander zu liegen. Wir benahmen uns dort so, als ob Deutschland und nicht die Sowjetunion den Frieden der Welt und die Freiheit Europas bedrohe. Wir demontierten noch immer deutsche Fabriken und erfüllten wie bisher die Vereinbarungen von Jalta und Potsdam, als ob die Sowjets sie niemals unter völliger Mißachtung des Marshall-Planes und der Truman-Doktrin gebrochen hätten, von denen man zu Hause in den USA annahm, sie seien die Grundlage der amerikanischen Politik.

Bedeutende Lieferungen von Reparations- und Restitutionsgütern gingen noch immer in die Sowjetunion, nach Polen, Jugoslawien und andere Länder hinter dem Eisernen Vorhang — nicht nur aus der britischen und französischen, auch aus der amerikanischen Zone.

Als im Juni die Sowjets Berlin zu blockieren begannen, wurden diese Lieferungen in die Länder hinter dem Eisernen Vorhang nicht nur nicht gestoppt, sondern der Menge nach sogar verdoppelt. Der Hauptteil dieser Lieferungen an die Sowjetunion kam im Juli 1948 und den darauffolgenden Monaten aus der britischen Zone, die aus der amerikanischen waren eingestellt worden. Die USA fuhren aber fort, den Kommunisten Beistand zu leisten, indem sie in diesem einzigen Monat den Tschechen, Polen und Jugoslawen 5790 Tonnen deutsche Maschinen und anderen Industriebedarf lieferten. Ende Oktober, als schlechtes Wetter das Leben der amerikanischen Luftbrückenpiloten gefährdete und die Bevölkerung Berlins bereits in ihren ungeheizten Wohnungen fror, hatten sich die Reparations- und Restitutionslieferungen aus Westdeutschland in die Länder hinter dem Eisernen Vorhang von den 6500 Tonnen zu Beginn der Berlin-Blockade auf nahezu 9000 Tonnen erhöht.

In Westdeutschland wurden Fabriken zum Schaden der gesam-

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ten europäischen Wirtschaft und unter zynischer Mißachtung der Bedürfnisse der deutschen Bevölkerung sowie unter der Gefahr demontiert, Westdeutschland an die Kommunisten zu verlieren. Zur gleichen Zeit unternahm man den Versuch, Berlin vor ihnen zu retten. Die Kosten, die ein verarmtes Deutschland und ein um die Erzeugnisse der deutschen Industrie gebrachtes Europa den amerikanischen Steuerzahlern aufbürdete, wurden nicht nur von unseren westlichen Verbündeten, sondern auch von den Amerikanern mißachtet, die für unsere Deutschlandpolitik die Verantwortung trugen.

Trotz der Ankündigung, daß Deutschland sich mit Hilfe des Marshall-Planes am Wiederaufbau Europas beteiligen werde, hielten sich die USA und England genau an den Revidierten Industrieplan von 1947, der die Produktionskapazität der wichtigsten deutschen Industrien scharf begrenzte und keinerlei Bestimmungen über deutsche Stahl-, Maschinen- und andere Exporte enthielt, die für den Wiederaufbau Europas dringend benötigt wurden.

Vom britischen Standpunkt aus waren die Demontierungen sinnvoll, da sie halfen, die deutsche Konkurrenz auf den Weltmärkten zu verhindern. Ursprünglich waren die britischen Behörden sogar geneigt gewesen, den Deutschen eine höhere Industriekapazität zuzugestehen als die Amerikaner. Sie begriffen, daß Westdeutschland nicht fähig war, sich selbst zu unterhalten, falls das Reparationsprogramm genau ausgeführt wurde; so lange sie selbst finanziell für die Ernährung der Industriebevölkerung ihrer Zone verantwortlich waren, verfolgten sie auch eine klügere Politik als die USA. Seitdem aber beide Zonen vereinigt worden waren und die USA sich gezwungen sahen, das Defizit beider Gebiete auszugleichen, gaben die Briten ihrem Streben, die lästige Konkurrenz auszuschließen, die Zügel frei. Sie widersetzten sich von nun an einer Revidierung der Demontierungspolitik. In ihrem verzweifelten Bemühen, sich von den Dollarsubsidien unabhängig zu machen, gaben sie ihre kluge Politik und die Zurückhaltung gegenüber besiegten Feinden auf, jene Haltung, die früher Großbritannien groß und stark gemacht hatte.

Später opferten die Briten sogar ihre auf lange Zeiträume ausgerichteten Interessen, indem sie Flugzeuge und wichtige Industriegüter in die Sowjetunion exportierten, sich die Deutschen entfremdeten und Kontinentaleuropa dadurch schwächten, daß sie demontierte deutsche Maschinen in großem Umfang in den

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Machtbereich der Männer im Kreml lieferten. Nach einer von der britischen Militärregierung am 6. Februar 1949 veröffentlichten Statistik sind von den insgesamt 598000 Tonnen Maschinen und Material aus deutschen Fabriken 163896 Tonnen in die Sowjetunion, 18618 in die Tschechoslowakei, 1789 nach Albanien und 45135 nach Jugoslawien geliefert worden. Die Briten schraken auch nicht davor zurück, ganze Rüstungswerke den Sowjetrussen zu überlassen. Am 20. Dezember 1948 berichtete die Londoner Times, daß das Rüstungswerk Borbeck der Firma Krupp auf dem Wege in die Sowjetunion sei.

In der französischen Zone hätte man niemals annehmen können, daß es so etwas gab wie eine kommunistische Gefahr, einen Marshall-Plan oder ein Problem wie das der Verteidigung Europas. Die Blindheit der Franzosen, die besessen waren von einer nicht mehr existenten Gefahr, ihr sichtliches Nichtgewahren einer sehr latenten Bedrohung durch die Sowjets, ihre Methoden, Deutschland auszupressen, um ihre eigene, falsch geführte Wirtschaft am Leben zu erhalten und ihr vergebliches Zurschaustellen einer nicht vorhandenen militärischen Macht vor der eingeschüchterten, sich aber insgeheim darüber lustig machenden deutschen Bevölkerung bedürften einer gesonderten Darstellung. Wir wollen uns hier mit der teilweise verschmolzenen amerikanischen und britischen Zone beschäftigen.

Man kann die Behandlung, die Briten und Franzosen den Deutschen angedeihen ließen, verstehen, aber nicht verzeihen; die amerikanische Politik jedoch war völlig unbegreiflich. Die USA hatten durch die wirtschaftliche, politische und militärische Entmachtung Deutschlands nichts zu gewinnen, aber alles zu verlieren, haben aber nicht den geringsten Druck ausgeübt, um diesem Verfahren in der britischen und französischen Zone ein Ende zu bereiten und es in der eigenen Zone fortgesetzt.

Die in den USA gängige Annahme, daß der Marshall-Plan den Morgenthau-Plan abgelöst habe, war, wie ich sehr schnell begriff, eine Täuschung. Der Geist Morgenthaus dominierte zwar nicht mehr in unserer Deutschlandpolitik, er inspirierte sie aber immer noch. Die Tatsache, daß es nun einen Marshall-Plan gab, der die Integration eines zu neuem Leben erweckten und demokratischen Deutschland in einem wiederaufgebauten und sich selbst am Leben erhaltenden Europa zum Ziele hatte, bedeutete, daß wir eifrig mit unserer rechten Hand die Schäden reparierten, die unsere linke Hand angerichtet hatte. Es war das so, als baue

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eine amerikanische Mannschaft ein zerbombtes Haus wieder auf, während eine andere die Fundamente zerstörte.

Wäre es nicht so tragisch gewesen, so hätte man lächeln können, wenn man den niemals endenden Streit zwischen denjenigen Amerikanern beobachtete, die nach Deutschland geschickt worden waren, um dort Industrie und Handel wiederzubeleben und denen, deren Befehle lauteten, die deutsche Wirtschaft zu zerstören. Der Konflikt zwischen Zerstörern und Wiederaufbauern war sogar noch heftiger und erbitterter als der zwischen zwei rivalisierenden Ministerien in Washington.

In Frankfurt, Essen und Stuttgart habe ich lächelnd zugehört, als amerikanische Kohlen-, Stahl- und Eisenbahn-Experten wie Verschwörer am Werke waren, um die Demontierung der Fabriken zu verhindern, die die Bergwerks-, Eisenbahn- und andere Ausrüstung herstellten, ohne die die Kohlenförderung nicht erhöht und die Eisenbahn nicht wieder betriebsfähig gemacht werden konnten. Ich hörte aufschlußreichen Gesprächen zwischen Vertretern amerikanischer und deutscher Behörden zu, in denen diese jene davon in Kenntnis setzten, welche Amerikaner auf dem konstruktiven und welche auf dem destruktiven Flügel standen.

Es gab zwar eine Art Zusammenarbeit zwischen den Deutschen und den Amerikanern, die damit betraut waren, die deutsche Wirtschaft wieder zur Blüte zu bringen und den Marshall-Plan zu fördern, doch war die Verbindung zwischen den amerikanischen Zerstörern und der britischen Militärregierung aus natürlichen Gründen wesentlich enger. Die Experten aus den USA, die sich bemühten, die Kohlen- und Stahlproduktion zu erhöhen und das Transportwesen in Ordnung zu bringen, waren von den Briten abhängig, da nicht nur die Bergwerke, die Stahl- und Eisenwerke sondern auch die Fabriken, die die Ausrüstung für Bergwerke und Eisenbahn produzierten, in der britischen Zone lagen. Man begriff die mißliche Lage dieser Amerikaner, wenn man die Tatsache im Auge behielt, daß die Demontierungsliste 47 Fabriken für Bergwerksausrüstung und 32 für die Produktion von Eisenbahnmaterial enthielt.

Glücklicherweise gab es auch einige erleuchtete britische Beamte, die darauf aus waren, die deutsche Wirtschaft wiederzubeleben. Der Konflikt zwischen Aufbauern und Zerstörern war daher nicht so ungleich wie er im anderen Falle gewesen wäre. Der leitende britische Beamte des bizonalen Eisen- und Stahlamtes in Düsseldorf zum Beispiel arbeitete einträchtig mit seinem ameri-

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kanischen Kollegen zusammen; beiden gelang es 1948, eine erstaunliche Erhöhung der Stahlproduktion zu bewirken. Es waren allerdings 24 Millionen Dollar für die Lieferung amerikanischer Bergwerksausrüstungen reserviert worden, doch die Briten bestanden darauf, diejenigen deutschen Fabriken zu demontieren, die diese Maschinen hätten liefern können. Sie demontierten unter anderem die Werke, die 90 v.H. der in den westlichen Zonen hergestellten Preßluftbohrer produzierten.

Zweifellos hätten die Briten in Anbetracht ihrer Abhängigkeit von den amerikanischen Subsidien dazu veranlaßt werden können, die Demontierung deutscher Fabriken einzustellen, deren Produktionsausfall durch ECA-Zuteilungen wettzumachen war. Das Ärgernis war nur, daß einige Mitglieder der amerikanischen Militärregierung und Beamte in Washington noch immer die Morgenthau-Linie unserer Politik verfolgten.

Einer der amerikanischen Beamten faßte die Situation mir gegenüber sehr klug zusammen : "Wir sind zwischen zwei sich widerstreitenden politischen Richtungen gefangen und nicht imstande, uns vorwärtszubewegen. Die Mächte der Zerstörung, Ausgeburten der Kriegshysterie und vom Morgenthau-Plan angetrieben, sind immer noch an der Arbeit; die konstruktiven Kräfte, die der Marshall-Plan zur Wirkung hätte bringen sollen, kommen nicht zum Tragen, weil die Direktiven aus Washington fehlen. Das amerikanische Volk beginnt sich erst jetzt klarzumachen, daß die bedingungslose Kapitulation und der totale Sieg es zwingen, dieselben Verantwortungen für Deutschland zu übernehmen wie das der Erbe eines Besitztumes tun muß. Obwohl jeden Tag neue Rechnungen eingehen und Amerika sie zu bezahlen hat, vermögen wir noch nicht ganz zu begreifen, daß wir mit der Zerstörung deutscher Werte aufhören müssen, wenn nicht Amerika bankrott machen soll. Zur Zeit wird die Politik der Zerstörung von der neuen, konstruktiven lediglich überdeckt."

Einige amerikanische Beamte waren in der merkwürdigen Situation, mit den Zerstörern wie den Wiederaufbauern arbeiten zu müssen. Major Holbrook zum Beispiel, den ich in Stuttgart traf, war sowohl Reparations-Beauftragter für Württemberg wie Leiter des Amtes für Industrie und Wirtschaft in Gouverneur LaFolettes Behörde. Er hatte auf der einen Seite die Demontierungsbefehle auszuführen, die er von der Abteilung für Reparationen der Militärregierung in Berlin erhielt, auf der anderen Seite sich aber zu bemühen, die Produktion in seinem Gebiet zu

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erhöhen. Beiden Weisungen entsprach er mit einem beträchtlichen Maß an Einfallsreichtum. In der amerikanischen Zone galten Maschinen bereits als demontiert, wenn die Schrauben, die sie am Boden verankern, gelöst und die Maschinen selbst auf Holzböcke gestellt waren. Als er den Deutschen erlaubte, die Maschinen in diesem Zustand weiterzubenutzen, erleichterte er die Lasten der amerikanischen Steuerzahler, weil er so mehr Deutschen erlaubte, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, als dies im anderen Falle möglich gewesen wäre; er hielt die demontierten Maschinen auch in gutem Zustand, bis sie anderen Ländern geliefert werden mußten. Anderswo, vor allem in der britischen Zone, sah ich Berge verrotteten, längst demontierten Materials herumliegen, das nach und nach unbrauchbar geworden war, weil es unter freiem Himmel oder in ungeheizten, feuchten Hallen aufgestapelt war. Es war nämlich britische Übung, Maschinen auch dann zu demontieren, wenn kein Land, das berechtigt war, Reparationen zu erhalten, sie wünschte. Diese unermeßliche Vergeudung war eine Folge des revidierten Industrieplans, dessen Ziel es nicht so sehr gewesen war, anderen Ländern zu helfen, mit deutschen Reparationsleistungen ihre Wirtschaft wiederaufzubauen, als den Deutschen ihre Produktionskapazität zu rauben. Wäre jenes das wirkliche Ziel gewesen, hätte man diesen Ländern modernere und bessere Maschinen in weit kürzerer Zeit liefern können, indem man die Demontagen stoppte und den Deutschen gestattete, an die Arbeit zu gehen, um diese Reparationsgüter zu produzieren. Major Holbrook hatte auch die Produktion vieler von Reparationsleistungen betroffener Fabriken wieder in Gang gebracht, indem er in ganz Württemberg nach ungenutzt herumstehenden Maschinen suchte. Diese Maschinen hätte man von Anfang an benutzen können, wenn es nicht die Herren der Militärregierung in Berlin vorgezogen hätten, den Produktionsprozeß zu unterbrechen und deutsche Arbeitskraft zu vergeuden, indem man Reparationen den bereits im Betrieb befindlichen statt den stillgelegten Fabriken entnahm.

Bevor ich gegen Ende Oktober Stuttgart besuchte, hatte ich geglaubt, die Feststellungen General Marshalls und anderer Vertreter des Außenministeriums in Washington sowie General Clays und seiner Untergebenen in Deutschland bedeuteten, daß die Demontagen in der amerikanischen Zone zu Ende geführt oder gestoppt worden waren. Ich war ebenso bestürzt wie die Deutschen, als ich herausfand, daß die bevorstehende Ankunft

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der Fachleute des Humphrey-Komitees — das aufgrund des Gesetzes über Auslandshilfe von 1948 nach Deutschland entsandt worden war, um festzustellen, welche auf der Demontageliste stehenden Fabriken mehr zur Wiedergesundung Europas beitragen konnten, wenn man sie in Deutschland beließ — zu einer Beschleunigung der Reparationslieferungen aus der amerikanischen Zone geführt hatte. Offensichtlich waren nicht nur die Briten und Franzosen darauf aus, dieses Komitee vor vollendete Tatsachen zu stellen. Die Reparationsbehörde im Hauptquartier der Militärregierung in Berlin hatte befohlen, diejenigen Maschinen sofort zu verpacken und auf den Weg zu bringen, die bis dahin in ihrem demontierten Zustand weiterbenutzt werden durften, weil große Nachfrage nach den mit ihnen hergestellten Dingen in Deutschland oder für den Export bestand.

Man hatte die Deutschen zu der Annahme verführt, daß die Ankunft des erwähnten Komitees den Stopp der Reparationslieferungen bedeute. Das baden-württembergische Wirtschaftsministerium war vom amerikanischen Leiter der Handels- und Industrie-Gruppe bei der bizonalen Kontrollbehörde am 11. Oktober davon informiert worden, daß die Ausrüstung von fünf Fabriken erst dann weggeschafft werde, wenn das Komitee seine Untersuchungen beendet habe. Ein oder zwei Wochen später war aber der Befehl eingetroffen, diese Ausrüstung in Rekordzeit zu verpacken und aus Deutschland wegzubringen. Man erzählte mir, daß der amerikanische Beamte in Berlin, der diesen Befehl gegeben hatte, am Telefon gesagt habe, das europäische Wiederaufbauprogramm möge gut sein oder nicht, ihn gehe es auf jeden Fall aber nichts an. Auch für die gegenteiligen Weisungen der amerikanischen Behörde in Frankfurt bekundete er nicht das geringste Interesse.

Zu der ohnmächtigen Erbitterung der Deutschen darüber, daß man sie der Mittel beraubte, mit denen sie sich ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, trat unausweichlich der Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Demokratie, von der wir ihnen doch gesagt hatten, daß sie eine gute und gerechte Sache sei. Die offiziellen Versprechungen der einen amerikanischen Behörde waren ja schließlich von einer anderen nicht erfüllt worden.

Eine der Fabriken, die unter den Hammer kam, weil die Reparationsbehörde bei der Militärregierung in Berlin entschlossen war, der Marshall-Plan-Verwaltung einen Prügel zwischen die Beine zu werfen, waren die Kiefer-Werke in Stuttgart. Ich be-

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suchte diese Fabrik, die Ventilations- und Heizungseinrichtungen für Fabriken herstellt. Obwohl sie das einzige Werk für die Fabrikation von Krankenhaus-Klimaanlagen in beiden Zonen war, sollte sie doch an Griechenland geliefert werden. Die griechische Mission, die die Fabrik besichtigte, hatte den Deutschen erzählt, daß es in ihrem Land keinen Markt, keine Rohmaterialien und auch nicht die Fachleute gebe, um sich dieser Einrichtungen mit Nutzen bedienen zu können. Diese dürfte also zweifellos auf dem Schrotthaufen gelandet sein, jedoch — sie standen eben auf der Liste. Die wichtigsten dieser Maschinen sind auch tatsächlich weggeschafft worden und die Deutschen versuchten nun, weiterzuproduzieren, indem sie die Bleche mit der Hand zuschnitten und sie nieteten, statt sie zu schweißen.

Ich besichtigte auch die Zaiser-Werke in Stuttgart, die die Produktion von Aufzügen und Elektrokränen einstellen mußten, obwohl die Demontage der Flohr-Werke in Berlin und Wien durch die Russen Deutschland nur noch fünf Fabriken dieser Art belassen hatte, von denen noch eine weitere demontiert wurde und obwohl die Demontage sehr vieler Kräne im Ruhrgebiet durch die Briten zu einem großen Bedarf an neuen Kränen geführt hatte, dem nicht entsprochen werden konnte. Zaiser hatte auch keine Hoffnung, neue Maschinen erwerben zu können; denn die meisten von denen, die die Firma benötigte, wurden ausschließlich in der Sowjetzone hergestellt. Ich besichtigte verschiedene andere Fabriken in Stuttgart, von denen nicht eine einzige als Rüstungsbetrieb angesehen werden konnte oder Dinge produzierte, die für den Bedarf der westlichen Zonen nicht benötigt wurden. Ihre gesamte Ausrüstung wurde ihnen jedoch weggenommen, wahrscheinlich um jede Aktion zu ihrer Rettung durch die ECA-Behörden von vornherein zu verhindern.

In der gesamten amerikanischen Zone spielten sich dieselben Dinge ab. Ein Fall, der mir zu Ohren kam, betraf die Frank-Werke in Birkenau in Hessen, die künstliche Augen für Blinde, Meßinstrumente für die Textilindustrie und optische Präzisionsgeräte produzierten. Dieses Werk hätte wahrscheinlich niemals auf die Demontageliste kommen dürfen. Nachdem die Eigentümer bei der Militärregierung vorstellig geworden waren, hatte man sie davon unterrichtet, daß die Demontage bis zur Prüfung durch das Humphrey-Komitee aufgeschoben sei. In der zweiten Oktoberwoche traf jedoch der Befehl aus Berlin ein, sofort mit dem Verpacken und Verschicken der Maschinen zu beginnen. Am 22. Ok-

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tober war, bevor die Marshall-Plan-Experten eintreffen konnten, das gesamte Werk ausgeräumt und die Maschinen abtransportiert.

Ein anderes Beispiel sind die Gendorf-Werke in Bayern, die Chlornatrium produzierten, einen von der Kunststoff-Faserindustrie benötigten chemischen Grundstoff; diese Industrie sollte, wie den Deutschen gesagt wurde, eine ihrer wichtigsten Exportindustrien werden. Der andere Hauptproduzent von Chlornatrium in Westdeutschland, das Werk Rheinfelden, das in der französischen Zone lag, war schon seit langer Zeit stillgelegt. Im September ordnete die amerikanische Militärregierung an, daß das Werk Gendorf demontiert und in die Tschechoslowakei transportiert werden sollte.

Das drastischste Beispiel, daß irgend jemand in irgendeiner Behörde entschlossen war, den Marshall-Plan zu sabotieren und die Kommunisten zu stärken, war die am 4. Oktober erlassene Anordnung, das Kraftwerk der Norddeutschen Hütte in Bremen zu demontieren und in die Tschechoslowakei zu bringen. Bremen war der einzige große Hafen der USA und das Tor, durch das aller Nachschub für die amerikanische Armee und die Lieferungen des Marshall-Planes kamen. Die hastige Abtransportierung seines wichtigsten Kraftwerkes in ein Satellitenland zu einer Zeit, als Berlin blockiert wurde und nach der Ankündigung, daß alle Reparationslieferungen aus den westlichen Zonen bis zur Revidierung der Demontagelisten durch die ECA eingestellt seien, war, wie es schien, auf nichts anderes zurückzuführen, als auf den Einfluß, die die Morgenthau-Boys in Berlin oder Washington noch ausübten. Die Demontierung des Bremer Kraftwerkes hatte eine sofortige und drastische Verringerung der Stromlieferung für Stadt und Hafen zur Folge; einer der ECA-Experten berichtete mir, daß es möglicherweise nötig sein werde, vor der Küste stehende Schiffe der US-Marine dazu zu benutzen, den Stromausfall auszugleichen. Während die amerikanische Luftwaffe das blockierte Berlin mit Nachschub versorgen mußte, war es also möglich, daß die amerikanische Marine ersucht werden mußte, unsere freiwillige Beschränkung der Stromlieferung für Bremen zugunsten des kommunistischen Europa wiedergutzumachen.

Wenn eine Militärregierung herrscht, ist es immer schwierig, die Verantwortlichkeiten festzulegen. Es kann daher unmöglich gesagt werden, ob Washington oder General Clays Wirtschaftsberater für die seltsame Entscheidung verantwortlich zu machen waren, so viele Maschinen wie möglich aus der amerikanischen

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Zone wegzuschaffen, bevor die ECA dem Einhalt gebieten konnte. Den Deutschen wollte es scheinen, als sei es unmöglich, den amerikanischen Versprechungen Glauben zu schenken. Ihre durch mannigfache Ankündigungen genährte Hoffnung, daß das Demontageprogramm revidiert und alle Abtransporte bis zur Prüfung durch die ECA gestoppt würden, wurde zunichte. Den Zusicherungen, daß Deutschland am Marshall-Plan für den Wiederaufbau Europas beteiligt werden sollte, konnte man nicht mehr länger Glauben schenken, nachdem die Militärregierung befohlen hatte, den Abtransport auch der Maschinen zu beschleunigen, die als lebenswichtig selbst für die Minimalerfordernisse der Wirtschaft der beiden Zonen galten.

Als die deutsche Wirtschaftsverwaltung zu protestieren wagte, untersagten ihr die britische wie die amerikanische Militärregierung, sich direkt an die Marshall-Plan-Behörden zu wenden. Deren Vertreter in Deutschland ließen es aber nicht zu, daß ihnen jeder direkte Kontakt mit den Deutschen verboten war. Leider verbrachte jedoch Paul Hoffman während seines Blitzbesuches in Deutschland im November nur zwanzig Minuten mit den Vertretern der deutschen Wirtschaftsverwaltung, die gekommen waren, um ihn in Frankfurt zu treffen. Es gelang ihnen, ihm einen gedruckten Bericht über die Folgen der geplanten Demontagen für die wirtschaftliche Lage Deutschlands und ihren Einfluß auf den Wiederaufbau Europas zu überreichen, sie erhielten aber nicht die Gelegenheit, ihre Nöte darzulegen. Hoffman hielt sich wochenlang in Paris auf, hatte aber entweder niemals die Zeit, sich mit der Situation in Deutschland zu befassen oder nicht die Absicht, durch eine Konferenz mit den deutschen Vertretern der beiden Zonen, deutschen Industriellen oder Gewerkschaftsführern der Militärregierung das Recht streitig zu machen, allein die Herrschaft auszuüben.

Die Deutschen hassen Vergeudung. Dieses sparsame, hart arbeitende und praktisch veranlagte Volk konnte ganz einfach nicht verstehen, warum sich in der britischen Zone riesige Mengen demontierter Maschinen unter freiem Himmel oder in ungeheizten Lagerhallen stapelten, warum so viele Maschinen, die anderen Ländern gar nicht zugesprochen waren, trotzdem demontiert und in Schrott verwandelt wurden. Sie begriffen nicht, warum man ihnen nicht gestattete zu arbeiten, um den von den Nationalsozialisten in den von ihnen besetzten Ländern angerichteten Schaden wiedergutzumachen und sie stattdessen zu Bett-

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lern gemacht wurden, die von amerikanischen Almosen abhängig waren. Immer und immer wieder sagten mir in der britischen Zone deutsche Beamte, Arbeiter, Betriebsleiter und Fabrikbesitzer : "Wir verstehen durchaus die Berechtigung der Forderung, Reparationen an die Länder zu liefern, die unter der deutschen Aggression zu leiden hatten. Wir können aber die Entscheidung nicht verstehen, Fabrikanlagen zu zerstören, die der Friedensindustrie dienen. Das hat mit Reparationen nichts zu tun, das ist nichts als sinnlose Verschwendung."

Natürlich wurden nicht alle in deutschen Fabriken der britischen Zone demontierten Maschinen auf den Schrotthaufen geworfen. Selbst dann aber, wenn diese Maschinen ins Ausland gebracht wurden, konnte man an der riesigen Spanne zwischen ihrem wirtschaftlichen Wert in Deutschland und dem dem Reparationskonto nach der Demontage gutgeschriebenen Restwert die hier eingetretene Vergeudung ablesen. Rechnete man die Arbeitskosten für die Demontagen und den Prozeß der Wiedererrichtung hinzu, so erschien einem das gesamte Reparationsprogramm als schlechter Witz. Die weitreichenden Wirkungen der Demontagen auf die deutsche Wirtschaft wurden durch die bei der Bewertung dieser Maschinen angewandten Methoden verschleiert. Diese bestanden darin, zunächst den Wert von 1938 festzustellen und dann nicht nur Kriegsschäden abzusetzen, sondern auch eine feststehende jährliche Abschreibungsquote, die weder Reparaturen noch Modernisierungen berücksichtigte. Häufig wurde auf diese Weise eine Maschine überhaupt nicht mehr bewertet, obwohl sie vor ihrer Demontage die ganze Zeit über benutzt worden war. Vom Standpunkt der Deutschen aus war es ganz einfach ungerecht, daß ein guter Teil der Maschinen, die sie verloren, ihnen überhaupt nicht auf dem Reparationskonto gutgeschrieben wurden. Diese Methode, den Wert der für Reparationszwecke weggenommenen Maschinen zu berechnen, war für die Festsetzung der der deutschen Wirtschaft durch die Demontagen zugefügten Schäden wertlos. Eine weit gerechtere Methode der Verlustkalkulation wäre es gewesen, die Wiederanschaffungskosten der betreffenden Maschine oder deren wirtschaftlichen Wert (Kapitalbedarf auf Grund der vor der Demontage damit erzielten Nettogewinne) festzustellen.

Nach den von der amerikanischen Militärregierung im Oktober 1948 veröffentlichten Zahlen betrug der Wert der bereits demontierten Fabrikanlagen in Reichsmarkwerten von 1938 :

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Amerikanische Zone :187 Fabriken — 212 Millionen Mark
Britische Zone :496 Fabriken — 600 bis 700 Millionen Mark
Französische Zone :84 Fabriken — 150 bis 200 Millionen Mark

(ohne die von den Franzosen unter Umgehung der Interalliierten Reparationsbehörde zum eigenen Gebrauch weggenommenen Maschinen).

Das wäre insgesamt nur etwa eine Milliarde Vorkriegs-Reichsmark gewesen, was einer Summe von 400 Millionen Dollar entsprochen hätte. Nach deutschen Berechnungen betrug der Vorkriegswert der in den westlichen Zonen bereits demontierten Anlagen etwa 1,8 Milliarden Dollar und die Kosten für deren Wiederbeschaffung wären noch sehr viel größer gewesen.

Nach einer Schätzung des Bremer Senators Harmssen waren die bereits aus Deutschland abgezogenen Maschinen und Einrichtungen nach dem Stand von 1938 folgendermaßen zu bewerten :

Sowjetzone : 1,6 Milliarden Reichsmark
Französische Zone : 1,2 Milliarden Reichsmark
Amerikanische und britische Zone : 3,5 Milliarden Reichsmark
Berlin : 1,5 Milliarden Reichsmark

Diese Schätzung gab, auch wenn sie übertrieben gewesen sein sollte, ein wahreres Bild der Verluste, die die Deutschen erlitten hatten, als die Restwert-Zahlen der Militärregierung, die die Wirkung der Demontagen auf die deutsche Wirtschaft verschleierten.

Der Wert der zu dieser Zeit in den westlichen Zonen noch zu demontierenden Fabriken betrug auf Grund deutscher Schätzungen etwa zwei Milliarden Dollar, erschien aber nur mit einem Bruchteil dieser Summe auf dem Reparationskonto, das ja nur den Restwert angab.

Da korrekte Gesamtschätzungen nicht zu erhalten waren, blieb die beste Methode, um die der europäischen Wirtschaft durch die Demontagen zugefügten Verluste festzustellen, die, Einzelfälle demontierter Fabriken zu betrachten, für die genaue Details verfügbar waren. In der großen Gute-Hoffnungs-Hütte an der Ruhr, die ich nach der Demontage besichtigte, betrugen die Kosten des Abbaues der Maschinen und ihres Transportes in die elf Länder,

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denen sie zugeteilt worden waren, zwischen 800 und 1000 Mark je Tonne. Hätte man neue Maschinen zur Lieferung als Reparationsgut produziert und aufgestellt, wäre dieser Betrag auf 400 Mark je Tonne zusammengeschrumpft. Dieses Werk hätte sich selbst wiederaufbauen können, mit anderen Worten : es hätte neue Maschinen für Reparationslieferungen in kürzerer Zeit liefern können, als benötigt wurde, die alten zu demontieren. Das Werk arbeitete weitgehend für den Export, doch hatte es diese Produktion auf lange Jahre, wenn nicht für immer verloren; es war nämlich unwahrscheinlich, daß die Staaten, die seine Anlagen erhalten hatten, in der Lage waren, sich der Trümmer, die sie zugeteilt erhielten, zu ihrem Nutzen zu bedienen. Nirgendwo zeigte sich die Vergeudung durch Demontagen besser als an diesem Beispiel. Die Jugoslawen, denen der Löwenanteil zugefallen war, hatten das Preß- und Hammerwerk und andere Schiffsbaumaschinen erhalten und hatten sogar darauf bestanden, daß sie die Ziegel, Träger und Holme bekamen. Die Griechen bekamen das Kesselhaus mitsamt dem 1871 errichteten Dachstuhl. Die Australier wurden mit einer 5000-Tonnen-Presse für Stahlbarren belohnt, die auf ihrem Kontinent aber nirgendwo unterzubringen war; die Einzelteile lagen daher neben irgendeinem Anschlußgleis herum. England hatte sich einen alten Güterwagen und ein paar Gußformen zur Verwertung als Schrott genommen. Pakistan hatte einen 125-Tonnen-Kran erhalten, für den es wahrscheinlich keine Verwendung hatte. Indien bekam die Ausrüstung, die zu diesem Kran gehörte. Eine Presse, eine Pumpe und ein Akkumulator, die in einer der Werksabteilungen demontiert worden waren, wurden ganz verschiedenen Ländern zugewiesen.

Vor der Demontage hatte die Gute-Hoffnungs-Hütte Aufträge für ölgefeuerte Maschinen in Höhe von einer Million D-Mark in ihren Auftragsbüchern; die Deutschen nahmen an, daß das Werk von den Briten nur zerstört worden war, um seine Konkurrenz mit ihrer weniger leistungsfähigen Industrie auszuschalten. 15000 Arbeiter hatten durch die Demontage dieses einzigen Werkes ihre Beschäftigung verloren.

Im Falle der Hörder Hüttenwerke in Dortmund schätzte man die Kosten der Demontage der dort stehenden Fünfmeter-Grobblech-Straße auf eine Million, die Mindestkosten ihres Wiederaufbaues — einschließlich des dazugehörenden Gebäudes — auf 13 Millionen D-Mark. Auf dem Reparationskonto standen jedoch als Restwert dieser Anlage lediglich 2,2 Millionen Mark.

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Im Falle der berühmten Thyssen-Hütte an der Ruhr wurden die Demontagekosten auf 65 Millionen Mark veranschlagt, als Restwert waren aber nur 40 Millionen Mark gebucht. Die Kosten für die Zusammensetzung dieser Bruchstucke in anderen Ländern wurden auf 263 Millionen Mark geschätzt. Wenn man den Deutschen gestattet hätte, dieses Werk zu behalten, hätten sie ohne große Schwierigkeiten neue Maschinen in weniger Zeit und zu einem wesentlich höheren Wert als dem der weggeschafften Anlagen liefern können.

Trümmer und Schrott waren das Endergebnis der Demontage von Hochöfen und Siemens-Martin-Öfen. Die riesigen Walzstraßen und Pressen konnten nicht abtransportiert werden, weil ihr Gewicht und ihre Ausmaße zu groß für Brücken und Eisenbahnunterführungen waren. Hydraulische Anlagen sowie Dampf- und Stromleitungen, automatische Kontrollapparaturen und viele andere Ausrüstungen konnten nicht wirtschaftlich sinnvoll demontiert werden und gingen vollständig verloren.

Das amerikanische Außenministerium erklärte im November 1947, daß die Arbeits- und Materialkosten der Demontagen relativ geringfügig seien. Die ECA-Fachleute, mit denen ich in Deutschland sprach, schätzten jedoch, daß das Demontageprogramm die Leistung von etwa 90000 deutschen Arbeitern während eines gesamten Jahres beanspruchen und daß zumindest derselbe Arbeitsaufwand in den Empfängerstaaten benötigt werde, um die Maschinen wieder aufzustellen und in Betrieb zu setzen. Ihrer Ansicht nach war, alles in allem gesehen, das Demontageprogramm eine Vergeudung, ohne jeden Nutzen und unpraktisch. Sie erklärten, daß, wenn man die riesigen Kosten des Abtransportes der Anlagen, die Zeitverluste und die Produktionseinbußen, die durch die Trennung der Werkzeuge und Gußformen von den Maschinen entstanden, samt den Kosten ihres Ersatzes in Rechnung ziehe, der wirkliche Wert der Demontagen für die europäische Wirtschaft fast gleich Null sei, verglichen mit den Kosten des Wiederaufbaues Europas und den Kosten, die den USA entstünden, wenn sie das deutsche Zahlungsdefizit ausgleichen wollten.

Wie hoch auch immer die genauen Kosten sein mochten, es sprach Bände, was ein Leitartikel der New York Times vom 13. November 1947 aussprach : "Nachdem die USA Milliarden Dollar anstelle der von Deutschland nicht gezahlten Reparationen zum Beistand Europas ausgegeben haben, sind sie zu der Forderung

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berechtigt, daß diese Milliarden zumindest in dem Umfang gegen die deutschen Reparationen aufgerechnet werden, daß eine Erhöhung der amerikanischen Ausgaben durch die wirtschaftliche Erdrosselung und die in Deutschland angerichtete Zerstörung verhindert wird. Laßt die Fabriken stehen und geht an die Arbeit. Die USA haben mehr als genug für sie bezahlt."

Obwohl jeder amerikanische Steuerzahler seinen Teil der Bürde trug, die uns die Versorgung eines nahezu verarmten Deutschland mit Nahrungsmitteln und anderen wichtigen Importwaren auferlegte, wurde die Verbindung zwischen unserer Deutschlandpolitik und unseren hohen Steuern nur von wenigen Leuten anerkannt. Die Kosten der Vergeltung, die in den ersten Besatzungsjahren an Deutschland ausgeübt wurde, waren etwas, mit dem sich die meisten Politiker und Journalisten nicht sehr gerne befaßten. Trotzdem war es wichtig, sich über diese Sachverhalte klar zu werden, wenn die Amerikaner nicht auch in Zukunft wie bis dahin ebenso teuer für den Morgenthau-Plan bezahlen wollten, der unsere ursprüngliche Besatzungspolitik formte und sie immer noch, trotz aller Versicherungen des Gegenteils, beeinflußte.

Daß die amerikanische Öffentlichkeit so wenig von der ungeheuren Verschwendung durch die Demontagen erfuhr, ist verschiedenen Ursachen zuzuschreiben. Zum ersten hatten die Deutschen zu dieser Zeit weder eine Regierung noch eine freie Presse noch Vertreter im Ausland, die ihre Sache vertreten konnten. Zum zweiten erhielten die meisten amerikanischen Journalisten, Kongreßmitglieder und Senatskomitees ihre Informationen nahezu ausschließlich von der Militärregierung. Zum dritten steht es fest, daß alle Berichte, die von den Fachleuten des Kriegs- und Außenministeriums sowie der Marshall-Plan-Behörde verfaßt wurden, unterdrückt worden sind. Sie wurden geheimgehalten und der Presse wie den meisten Mitgliedern des Kongresses nicht zugeleitet.

Die Deutschen waren des Glaubens (schließlich waren ja die USA ein demokratisches Land), daß alle Besuche und Untersuchungen dazu führen würden, daß die amerikanischen Wähler über die tatsächliche Lage ins Bild gesetzt werden. Immer und immer wieder wurde ich gefragt, wie man in den USA auf die Berichte der amerikanischen Experten, die die Situation sehr genau geprüft hatten, reagiert habe, mußte aber immer wieder antworten, daß niemand wisse, was diese Berichte enthalten und was sie empfohlen hatten.

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Meine eigene Methode der Nachforschungen in Deutschland bestand darin, zuerst die deutschen Behörden aufzusuchen, um Informationen zu erhalten und dann selbst an Ort und Stelle zu prüfen, ob das, was man mir gesagt habe, wahr sei oder nicht. Danach ersuchte ich die Militärregierung um ihre Stellungnahme zu den deutschen Behauptungen und ihre Erklärung für das, was ich mit eigenen Augen gesehen hatte. Dies war offenkundig eine neue Art des Vorgehens und meine Untersuchungsmethoden galten, wenn nicht als verdächtig, so doch als unorthodox, da es für Journalisten nicht üblich war, zuerst, wenn überhaupt, anzuhören, was die Deutschen zu sagen hatten. Es gab allerdings eine beträchtliche Zahl amerikanischer Beamter, die ebenso wie ich darauf aus waren, daß die amerikanische Öffentlichkeit über die tatsächliche Wirkung der Demontage informiert wurde. Das galt vor allem für die ECA-Beamten, die mir erzählten, ihre Türe stehe jedem Deutschen offen, der Tatsachen zu schildern oder Vorschläge für das europäische Wiederaufbauprogramm zu machen hatte. Eingedenk dessen, daß ich in meinem Verlangen, all dem ein Ende zu bereiten, was der frühere Präsident Hoover Zerstörung auf unsere Kosten genannt hat, nicht allein stand, riet ich den Deutschen in der britischen, amerikanischen und französischen Zone, die ECA-Beamten in Frankfurt aufzusuchen und ihnen zu schildern, wie der Wiederaufbau Europas durch die Demontagen verzögert werde.

Herr Nölting, der Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen berichtete mir, daß er, als den Deutschen im Oktober 1947 die Demontagelisten überreicht wurde, den Briten gesagt habe : "Sie können alle die Maschinen haben, die Sie wünschen, lassen Sie aber bitte uns entscheiden, wo wir sie wegnehmen. Wenn Sie uns gestatten, diese Maschinen auszuwählen, wird die derzeitige Produktion nicht unterbrochen und unsere Gesamtwirtschaft nicht in Unordnung gebracht werden. Falls Sie es uns überlassen, das zu liefern, was Sie wünschen, werden wir auch sicherstellen können, daß die Reparationslasten gleichmäßig verteilt werden. Sie werden doch bestimmt einsehen, daß es ungerecht ist, einige Arbeitgeber und deren Arbeiter zu ruinieren, andere aber frei ausgehen zu lassen."

Die Briten hatten sich geweigert, auf diese deutschen Vorschläge einzugehen, obwohl deren Annahme nicht nur viel Zeit und Arbeit gespart, sondern auch Vertrauen in die demokratische Gerechtigkeit erweckt hätte. Die Tatsache, daß die Briten, statt

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Mehrzweckmaschinen wegzunehmen, darauf bestanden, Fabriken mit spezialisierter Produktion zu demontieren, deren Erzeugung durch die anderen Werke nicht ersetzt werden konnte, bestärkte den Eindruck, daß das eigentliche Ziel nicht Reparationen, sondern die Ausschaltung der deutschen Konkurrenz war.

Im September 1948 hatte Nölting, nachdem die Verkündigung des Marshall-Planes den Deutschen die Hoffnung gegeben hatte, daß das Programm zur Zerstörung der deutschen Industriekapazität gestoppt würde, ein Gespräch mit Brigadegeneral Noel, dem obersten britischen Reparationsbeamten im Ruhrgebiet. Der deutsche Minister informierte Noel davon, daß er, nachdem sich alle Vorstellungen bei den Briten, das Demontageprogramm zu ändern, als nutzlos erwiesen hätten, das deutsche Ersuchen an Hoffman weitergeleitet habe. General Noel wurde sehr zornig und sagte : "Sofern die Regierung Seiner Majestät betroffen wird, ist Herr Hoffman lediglich ein Privatmann und das britische Außenministerium wird alle Vorschläge eines Privatmannes nicht beachten." General Noel hatte dann Nölting geraten, sich auf irgendwelche Vermittlungsversuche Hoffmans nicht zu verlassen.

Nach dem, was ich von einem der Mitarbeiter Nöltings vernahm, war dieser ein paar Tage später nach London zitiert und ersucht worden, keinen allgemeinen Demontagestopp im Ruhrgebiet zu fordern, weil dies nicht nur die britische Labour-Regierung verärgern, sondern auch in Frankreich einen solchen Aufruhr entfesseln würde, daß de Gaulle an die Macht kommen könnte. Man hatte ihm auch zugesichert, daß die Briten, falls er mit ihnen zusammenarbeiten werde, mit den Deutschen die Streichung bestimmter Fabriken aus der Demontageliste diskutieren würden. Diese etwas versöhnlichere Haltung der Briten schrieb mein Informant dem auf sie ausgeübten Druck der Marshall-Plan-Behörde und dem britischen Streben zu, direkte Kontakte zwischen den Deutschen und den ECA-Behörden in den USA zu verhindern.

In einem späteren Kapitel werde ich darüber berichten, wie die Briten sich der Einstellung der deutschen Sozialdemokraten bedient haben, die britische Labour-Party als Verbündeten zu betrachten und ihr mehr Vertrauen zu schenken als dem kapitalistischen Amerika. Dieses rührende Vertrauen der deutschen Sozialisten in die britische Labour-Regierung wurde dadurch auf eine harte Probe gestellt, daß die Briten im Sommer und Herbst 1948 die Demontagen beschleunigten, um die amerikanischen Un-

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tersuchungsbeamten der Marshall-Plan-Behörde vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Es wäre ungerecht, wollte man die Briten allein für das Demontageprogramm verantwortlich machen, obwohl sie sich seinerzeit, ebenso wie die Franzosen, jedem Demontagestopp widersetzten. Ursprünglich waren es die USA gewesen, die auf Roosevelts Anweisungen hin sich mit den Russen zur Verwirklichung des Morgenthau-Planes zusammengetan hatten, der Deutschland in ein Land der Äcker und Weiden verwandeln sollte. 1945 und 1946 waren die Briten die einzige alliierte Macht, die sich diesem Vorhaben widersetzte. Damals hatten sie begriffen, daß die Zerstörung der deutschen Industrie, Massenarbeitslosigkeit und Elend der Demokratisierung des deutschen Volkes kaum dienlich sein konnten und sich auf jeden Fall als unausführbar erweisen werde, sobald das britische und amerikanische Volk begriffen, daß eine Massenhungersnot die unausweichliche Folge sein werde.

Auch dann, wenn das gesamte besetzte Deutschland als wirtschaftliche Einheit verwaltet worden wäre, wie das die Sowjetregierung in Potsdam versprochen hatte, wären auf Grund der ursprünglichen Besatzungsdirektiven Millionen von Deutschen dem Hungertode überantwortet worden. Die Wegnahme der deutschen Kornkammern östlich der Oder und Neiße durch Polen und Russen hatte Deutschland nicht nur ein Viertel seines landwirtschaftlich nutzbaren Gebietes beraubt, sie hatte auch die Millionen von Deutschen, die seit hunderten von Jahren in diesen Provinzen gelebt hatten, in das verstümmelte Reich getrieben.

Auch wenn die Sowjetregierung nicht sofort dazu übergegangen wäre, die britische, amerikanische und französische Zone der Lebensmittellieferungen aus der Sowjetzone Deutschlands zu berauben, hätten die Westdeutschen doch keinerlei Möglichkeit gehabt, genug Nahrungsmittel zu bekommen, um unter der Herrschaft des Morgenthau-Planes am Leben zu bleiben. Dieser Plan riet ja überdies auch zur Abtretung des Saargebietes, des Ruhrgebietes und einiger deutscher Gebietsstreifen an der niederländischen und belgischen Grenze. Es ist daher keine Übertreibung, wenn man sagt, daß im Vergleich zum Morgenthau-Plan sogar die Nationalsozialisten als vergleichsweise menschliche Eroberer erscheinen mußten. Die Empfehlung dieses Planes, die Deutschen sollten als sich selbst versorgende Bauern auf dem sowieso bereits übervölkerten deutschen Boden leben, erwies sich allein schon deswegen als getarntes Programm zum Völkermord, weil der

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Durchschnittsertrag pro Hektar in Westdeutschland bereits um 50 v.H. höher liegt als in den USA. Ganz offensichtlich gab es in Deutschland keinerlei Raum mehr für eine größere als die jetzt dort lebende Landbevölkerung.

Amerikanische Soldaten hatten zuviel menschliches Empfinden, als daß sie hätten zusehen können, wie das besiegte feindliche Volk vor ihren Augen dahinstarb. Zudem machte man sich in Washington klar, daß Gesundheit und Sicherheit der Amerikaner gefährdet würden, wenn sich Seuchen und Unruhen ausbreiteten. Daher begannen beinahe von Anfang an die USA Nahrungsmittel nach Deutschland einzuführen, um Minimalrationen sicherzustellen, die gerade ausreichten, das Leben in Gang zu halten und die Leute daran zu hindern, verhungert auf den Straßen zusammenzubrechen. Trotzdem wurde gemeinsam mit den Russen 1946 ein Industrie-Plan ausgearbeitet, der, wäre man ihm tatsächlich gefolgt, jede Möglichkeit ausgeschlossen hätte, daß die Deutschen jemals fähig gewesen wären, genug für ihren eigenen Unterhalt zu produzieren. Millionen von ihnen wären zu Bettlern gemacht worden.

Diese Folgen wurden von General Draper und seinen Fachleuten in der Wirtschaftsabteilung der amerikanischen Militärregierung klar erkannt. Im Potsdamer Abkommen mit der Sowjetunion war niedergelegt worden, daß der deutsche Lebensstandard nicht höher sein durfte als der Durchschnittsstandard in Kontinentaleuropa, England und die Sowjetunion nicht einbegriffen. Die Drapersche Denkschrift stellte fest, "daß alle Unterlagen beweisen, daß der deutsche Lebensstandard im Jahre 1932 nahe dem Durchschnitt für den Rest des Kontinentes in den Jahren 1930 bis 1938 lag." Daher könnten die Verbrauchsziffern von 1932 für Deutschland als Anhalt dienen. Das schlimmste Jahr der Weltwirtschaftskrise in Deutschland war aber nun das Jahr 1932, als man dort an die sechs Millionen Arbeitslose zählte. Es war demnach das erklärte Ziel der USA im Jahre 1946, in Deutschland wieder die Bedingungen zu schaffen, die Hitler zur Macht verholfen hatten. Da der damals aufgestellte Industrieplan de facto aber Millionen von Deutschen in eine weit schlimmere Lage versetzt hätte als 1932, hätte man als logische Konsequenz für die Zukunft einen noch größeren und schlimmeren Hitler erwarten können — mit einem Wort : einen deutschen Stalin.

Es ist nicht notwendig, sich mit den Einzelheiten dieses Planes zu beschäftigen, weil er auf der künstlichen Annahme aufgebaut

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war, daß die vier Besatzungszonen Deutschlands als wirtschaftliche Einheit verwaltet werden würden. Das Programm für die umfassenden Zerstörungen und Demontagen deutscher Industrieanlagen wurde modifiziert, als es sich erwies, daß die Sowjetzone weiterhin als rein russisches Reservat behandelt würde.

Im Jahre 1947 wurde von den amerikanischen und britischen Besatzungsbehörden ein revidierter Industrieplan auf der Annahme aufgebaut, daß Westdeutschland ohne die Zufuhren aus der Sowjetzone wie denen aus den ehemals deutschen Gebieten östlich der Oder zu existieren habe. Eine Liste von Fabriken, die als überflüssig für die deutschen Bedürfnisse aufgrund des den Deutschen zugestandenen Lebensstandards demontiert werden sollten, wurde auf der Grundlage dieses Planes aufgestellt und im Oktober 1947 veröffentlicht. Schon eine flüchtige Prüfung dieses revidierten Planes zeigt unmißverständlich, daß man es nicht vermochte, Westdeutschland eine Produktionskapazität zuzugestehen, die es ihm erlaubte, sich selbst zu erhalten — auch dann nicht, wenn man annahm, daß die Deutschen in alle Zukunft von ihren damaligen Rationen leben konnten, von denen der wichtigste Vertreter der Marshall-Plan-Behörde in Deutschland sagte, daß sie unter den Normen für Kalorien und Eiweiß lägen.

Westdeutschland besaß damals mit 42 Millionen mehr als die Hälfte der ursprünglichen Bevölkerung des Deutschen Reiches, weniger als die Hälfte seines bestellbaren Landes, drei Viertel seiner Steinkohlen- und etwa ein Drittel seiner Braunkohlenproduktion. Es war zu keiner Zeit imstande, mehr als 50 Prozent der Nahrungsmittel zu erzeugen, die benötigt wurden, um seine nicht von eigenen Erzeugnissen lebenden Menschen einermaßen ausreichend zu ernähren. Die restlichen 50 Prozent mußten eingeführt werden und das konnte nur geschehen, wenn Deutschland imstande war, seine Industrie so weit wiederaufzubauen, daß sie billig und leistungsfähig produzieren und auf dem Weltmarkt konkurrieren konnte. Die landwirtschaftliche Erzeugung pro Hektar war bereits um 50 Prozent höher als in den USA, so daß kaum eine oder gar keine Möglichkeit blieb, die Erträgnisse zu steigern. Sogar die außerordentlich gute Ernte von 1948 hatte die durchschnittliche Lebensmittelration der nichtbäuerlichen Bevölkerung nur auf etwa 2400 Kalorien zu erhöhen gestattet; das Programm für 1949/50 gründete sich auf wesentlich niedrigere Rationen und das Ziel des auf lange Sicht geplanten Wiederaufbauprogrammes waren nur 2700 Kalorien. Man erwartete damals,

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daß die Deutschen in den Jahren 1952 und 1953 noch immer von einer Ernährung lebten, die hauptsächlich aus Kartoffeln und anderen Kohlehydraten bestand und nicht ausreichte, die Menschen zu harter Arbeit fähig zu machen.

Selbst unter Beibehaltung der unternormalen Verpflegung in Westdeutschland und angesichts der ständigen Weigerung, den Deutschen die am dringendsten benötigten Gebrauchsgüter sowie anständige Wohnungen zu geben, wären Nahrungsmittel- und Rohmaterialeinfuhren im Werte von 2,8 Milliarden Dollar erforderlich gewesen und ein diesem Betrag entsprechender hoher deutscher Export von Industriewaren und Kohle. Im Gegensatz zu den Schätzungen der ECA sah der revidierte Industrieplan von 1947 lediglich Exporte im Wert von zwei Milliarden Dollar vor, mit denen Westdeutschlands lebenswichtige Einfuhren an Nahrungsmitteln, Düngemitteln und Rohmaterialien bezahlt werden sollten. Dieser Betrag von zwei Milliarden Dollar, der weit unter den Schätzungen der ECA lag, hätte eine fünfzehnprozentige Erhöhung der deutschen Ausfuhren über die Zahlen von 1936 hinaus erforderlich gemacht. Diejenigen, die diesen Plan aufgestellt hatten, erkannten selbst, daß ihre Schätzung wahrscheinlich zu niedrig war, auch wenn man sich nur schwer vorstellen konnte, wo in der Welt eine derartige Menge von Konsumgütern verkauft werden konnte. Sie sagten, daß mindestens zwei Milliarden Dollar das Minimum für Importe seien, fügten aber hinzu : "Da der Handel zwischen der amerikanischen und britischen Zone und den anderen Teilen Deutschlands größeren Ungewißheiten unterworfen ist als der frühere Binnenhandel, könnte die Folge davon sein, daß der Handel mit anderen Ländern noch weiter ausgedehnt werden muß." Mit anderen Worten : noch 1947 haben amerikanische Behörden bei der Entscheidung darüber, wieviele Maschinen der deutschen Wirtschaft entzogen werden sollten, sich geweigert, als Grundlage für ihre Berechnungen die Tatsache anzuerkennen, daß die von den Russen beherrschte Sowjetzone völlig vom übrigen Deutschland abgeschnitten war.

Auch wenn man annahm, daß zwei Milliarden Dollar die richtige Zahl für das Ausmaß der Exporte war, die benötigt wurden, um Westdeutschlands Mindestbedarf zu decken, so schloß doch der revidierte Industrieplan ein für allemal aus, daß so viel ausgeführt wurde, da er die Stahlproduktion drastisch einschränkte. Dieser Plan schloß also von vornherein große Exporte von Maschinen und Baumaterialien aus, die der Weltmarkt am meisten

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verlangte und aus denen in der Hauptsache Deutschlands Vorkriegsausfuhren bestanden. Stattdessen stellte man sich vor, daß Deutschland unbeschränkte Mengen an Textilien, Keramik und anderen Erzeugnissen der Leichtindustrie ausführen könne. Man hatte zwar die Schwierigkeit erkannt, Märkte für die nach diesem Plan bedeutend zu erhöhende Ausfuhr von Gebrauchsgütern zu finden, aber nicht in Rechnung gestellt. In der Einleitung zum revidierten Industrieplan hieß es : "Vor dem Krieg machten Metalle, Maschinen und Chemikalien zwei Drittel des gesamten Exportes aus. Die Produktion von Textilien, Keramik und Verbrauchsgütern kann zwar erhöht werden, doch eine Voraussage über das Ausmaß, in dem über den Vorkriegsstand hinausgehende Verkäufe auf den Exportmärkten erzielt werden können, ist schwierig. Die Ausfuhren der in ihrer Produktion nicht beschränkten Industrien müßten annähernd um 90 v.H. erhöht werden, falls die höheren Ausfuhren ausschließlich von diesen Industriezweigen bestritten werden sollen, was ganz Offensichtlich unausführbar ist. Aus diesem Grund muß auch die Produktion der Industrie erhöht werden, der Beschränkungen auferlegt wurden."

Nachdem sie auf diese Weise sich selbst den Boden unter den Füßen weggezogen hatten, fuhren die Verfasser des Planes fort, die Beschränkungen der Produktionskapazität der deutschen Stahl-, Maschinen-, Elektro- und der chemischen Industrie sowie anderer lebenswichtiger Zweige einer modernen Wirtschaft zu bestimmen. Es wurde auch ausdrücklich erklärt, daß in dem Plan keinerlei Vorsorge für eine Rückzahlung der von den Besatzungsmächten gewährten Vorschüsse für die Einfuhr von Nahrungsmitteln, Saatgut und Düngemitteln getroffen wurde. Den Reparationen wurde damit der Vorzug vor den Schulden Deutschlands an die USA gegeben.

Der Plan beschränkte die westdeutsche Stahlproduktion auf 10,7 Millionen Tonnen pro Jahr; 1936 betrug diese Produktion 17,5 Millionen Tonnen und wurde in den USA zu Ende des zweiten Weltkrieges auf 19,2 Millionen Tonnen geschätzt. Nach deutscher Auffassung trug diese Schätzung den Bombenschäden zu wenig Rechnung. Man erklärte, daß nach der Demontage einer Produktionskapazität von 6,5 Millionen Tonnen Stahl die 10,7 Millionen Tonnen, die der revidierte Industrieplan gestattete, de facto nicht erreicht würden.

Welche dieser Ziffern man auch immer als richtig betrachtete :

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es bestand kein Zweifel, daß die geplanten Demontagen Westdeutschland jede Möglichkeit rauben mußten, sich selbst zu erhalten. Dieser Plan sah ein Deutschland vor, das weit weniger produzierte als vor dem Kriege. Er traf keine Vorkehrungen für den Wiederaufbau der zerbombten deutschen Städte und Brücken, die Reparaturen der Bahnstrecken und des rollenden Materials und die Ersetzung der von den Russen, Polen und Franzosen geraubten Maschinen und Güterwagen. Er sagte nichts darüber, wie man Wohnungen für die Millionen aus dem Osten Vertriebener bauen solle, wie man den unzähligen schwerbeschädigten Männern, Frauen und Kindern helfen und wie man die zahlreichen Kriegsgefangenen in Krankenhäusern kurieren konnte, die aus Rußland, Frankreich und Jugoslawien erst heimgeschickt worden waren, als sie zu krank oder zu schwach geworden waren, um als Sklavenarbeiter noch einen Nutzen bringen zu können.

Gleich dem alten Industrieplan sah er — auch in der Theorie — für Deutschland nur ein Volkseinkommen vor, das dem niedersten Stand der Jahre der Wirtschaftskrise entsprach, als man in Deutschland sechs Millionen Arbeitslose zählte. Es wurde ausdrücklich festgesetzt, daß die Produktionskapazität pro Kopf der Bevölkerung auf 75 Prozent derjenigen von 1936 reduziert werden sollte, was genau der Kapazität von 1932 entsprach. In der Praxis mußte dadurch das deutsche Volkseinkommen pro Kopf sogar noch weiter reduziert werden, denn der Plan unterschätzte den derzeitigen und noch zu erwartenden Bevölkerungszuwachs der westlichen Zonen auf schwerwiegende Weise. Die Zahl der Flüchtlinge aus Schlesien, dem Sudetenland und anderen Teilen Osteuropas betrug etwa 12 Millionen. Etwa drei Millionen waren nach den Schätzungen verhungert oder den Erschöpfungen erlegen, eine bestimmte Zahl von Flüchtlingen befand sich in der Sowjetzone. Gegen die Verringerung der Zahl derjenigen, für die in Westdeutschland gesorgt werden muß, war aber der ständige und immer noch steigende Zustrom derjenigen zu ersetzen, die aus der Sowjetzone und aus allen Ländern unter der kommunistischen Diktatur nach Westdeutschland flohen. Unter diesen Flüchtlingen gab es viele Nationalitäten, sogar Russen; sie alle wurden aber, wenigstens zum größten Teil, nicht in die DP-Lager aufgenommen, sondern fielen der deutschen Wirtschaft zur Last.

Zog man alle diese Faktoren in Rechnung, so wurde der Lebensstandard der Bevölkerung Westdeutschlands um nahezu 50 Prozent unter den Vorkriegsstand reduziert. Ohne amerikanische

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Hilfe mußte das Volk später sogar noch elender leben als damals.

Da er lediglich die deutschen Mindestbedürfnisse berücksichtigte, war der revidierte Industrieplan auch mit dem Marshall-Plan unvereinbar, nach dem die deutsche Industrie und die Tüchtigkeit der Bevölkerung einen Beitrag zum Wiederaufbau Westeuropas leisten sollten. Die Begrenzung der deutschen Stahlproduktion genügte für sich allein bereits, jede Möglichkeit eines deutschen Beitrags zum Wiederaufbau und der Verteidigung Westeuropas auszuschließen.

Die Londoner Zeitschrift Economist vom 6. August 1946 stellte fest, daß Deutschland vor dem Kriege 5 Millionen Tonnen Stahl lediglich für die Produktion notwendigen Friedensbedarfes wie Nägel, Blech, Messer, Öfen und Ofenrohre, Werkzeuge und Haushaltungsgeräte benötigte. Sogar im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges wurden 40 Prozent des Stahlausstoßes in Großdeutschland (8 oder 9 Millionen Tonnen von 22 oder 24, nach den Zahlen des Economist) für zivile Zwecke verwendet.

Nach den Berechnungen der deutschen Wirtschaftler benötigte Westdeutschland nicht 10,7, sondern mindestens 14 Millionen Tonnen Rohstahl im Jahr für die nächsten fünf Jahre für den Inlandsbedarf selbst dann, wenn der Lebensstandard sehr niedrig blieb. Niemand, der die Verwüstungen mit eigenen Augen gesehen hatte, die die Bombenangriffe und Erdkämpfe in der gesamten westlichen Zone Deutschlands angerichtet hatten, zog diese Berechnungen in Zweifel. Mit seltenen Ausnahmen lag jede Stadt, ob klein oder groß, in Ruinen. Weil die Briten und Franzosen in den deutschen Forsten gewaltige Mengen Holz gefällt hatten, mußte Metall an Stelle von Holz beim Wiederaufbau treten, jedoch die Baustahlproduktion Westdeutschlands wurde um 40 Prozent vermindert.

Für die Unterhaltung der Straßen und die Reparatur der Rheinbrücken mußten im ersten Halbjahr 1948 allein 8000 Tonnen Stahl zugeteilt werden; der Verbrauch in den nächsten sieben Jahren wurde auf 40000 Tonnen pro Jahr geschätzt. Die Wiederherstellung der Bahnstrecken und -anlagen erforderte ein Minimum von 150000 Tonnen pro Jahr für die nächsten Jahre.

Jeder, den nicht Rache blind gemacht hatte, mußte sehen, daß Westdeutschland sich niemals selbst unterhalten konnte, wenn man ihm nicht gestattete, zumindestens so viel Stahl für seine eigenen Bedürfnisse zu produzieren und noch mehr Maschinen auszuführen als vor dem Kriege.

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Deutschland ist ein Land, das praktisch außer Kohle keinerlei Rohstoffe besitzt; sein Reichtum besteht in der Tüchtigkeit und im Fleiß seiner Bewohner. Wenn man diesem Land nicht gestattete, diese Eigenschaften für sich selbst und zum Segen für ganz Europa nutzbar zu machen, konnte es seine Bevölkerung nicht unterhalten. Zur gleichen Zeit benötigte Europa dringend deutsche Maschinen und trotzdem wurden 94 Eisen- und Stahlwerke auf die im Oktober 1947 den Deutschen überreichte Demontageliste gesetzt. Diese enthielt die modernsten und leistungsfähigsten Werke Deutschlands.

Jeder amerikanische Fachmann für die Eisen- und Stahlerzeugung weiß, daß Hochöfen, Siemens-Martin-Öfen und Glühöfen nicht versetzt werden können; man kann sie nur zerstören. Deswegen bringt ein demontiertes Eisen- und Stahlwerk an Reparationserträgen höchstens 20 bis 25 Prozent seiner früheren Kapazität. Deutschlands Verluste in der Stahlerzeugung bedeuteten einen dauernden Verlust für die gesamte europäische Wirtschaft.

Der amerikanischen Öffentlichkeit wurde nicht gestattet, den Wolf-Bericht über die deutsche Eisen- und Stahlindustrie kennenzulernen. Es blieb jedoch kein Geheimnis, daß nach diesem Bericht auch die 10,7 Millionen Tonnen Rohstahl, die der revidierte Industrieplan zugestand, wertlos sein mußten, falls die Maschinen, die benötigt wurden, diesen Stahl bei niedrigen Arbeits- und Materialkosten zu walzen, nicht in Deutschland bleiben durften. Die geplante Demontage dieser Walzwerke machte dies aber unmöglich. Etwa 80 Prozent der deutschen Stahlproduktion bestehen aus Walzerzeugnissen. Nach den Angaben der deutschen Wirtschaftsverwaltung mußte die geplante Demontage von Walzwerken die Stahlproduktion weit unter die 10,7-Millionen-Grenze drücken und sie den 6 Millionen Tonnen nähern, auf denen die Russen 1946 bestanden hatten.

Da die USA nicht einmal imstande waren, den Inlandbedarf an Blechen und Bandeisen zu decken, stellte sich die Frage, woher Europa diese Erzeugnisse erhalten sollte, falls die Briten auf den Demontagen im Ruhrgebiet bestanden. Nach dem Bericht des Herter-Komitees waren die USA bis 1951 nicht in der Lage, den einheimischen Bedarf sowie den Europas und des Nahen Ostens an Walzrohren großen Durchmessers zu decken. Trotzdem wurden 46 Prozent der deutschen Produktion geschweißter Rohre demontiert und die Erzeugung von Rohren großen Durchmessers völlig unmöglich gemacht.

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Zehn Prozent der Produktion der deutschen Walzwerke bestanden aus Stacheldraht. Man hätte demnach eine Kapazität von 800000 Tonnen erhalten müssen, die vorgesehenen Demontagen verringerten sie jedoch auf nur 530000 Tonnen.

Bei meinen Besuchen im Ruhrgebiet stellte ich fest, daß die Art und Weise, in der diese Demontagen ausgeführt wurden, auch die deutschen Produktionskosten, den Kohlenverbrauch und die Transportkosten wesentlich steigerte. Da die Engländer ihr Auge vor allem darauf gerichtet hatten, die deutsche Konkurrenz auszuschließen, legten sie eine große Zahl von Fabriken lahm, statt ein paar wenige völlig zu demontieren. Dieses Vorgehen erhöhte die deutschen Produktionskosten so weit, daß die deutsche Industrie nicht mehr konkurrenzfähig wurde, erweckte aber gleichzeitig den Anschein, als seien die Reparationsentnahmen in ihrer Gesamtheit verhältnismäßig gering.

In einem modernen Eisen- und Stahlwerk vollzieht sich der gesamte Prozeß der Erzverhüttung im Hochofen, die Erzeugung von Rohstahl aus Eisen oder Schrott im Konverter und das Formen des rotglühenden Stahls in Barren, Platten, Draht oder Röhren unter ein und demselben Dach. Auf diese Weise werden Brennstoff, Strom und Transportwege gespart. Die Briten hatten im Ruhrgebiet diesen Prozeß gestört, indem sie Teile der Werksausrüstung entfernten. In einem Werk demontierten sie die Walzstraße, in einem anderen die Schmiedepresse, in einem dritten zerstörten sie die Öfen. So konnte in einem Hüttenwerk der benötigte Stahl nicht mehr im Werksgelände erzeugt werden, in einem zweiten konnte er nicht mehr gewalzt oder gepreßt werden und mußte zu diesem Zweck anderswohin transportiert werden.

Im Werk des Dortmund-Hörder Hüttenvereins sah ich zum Beispiel die riesige Fünfmeter-Grobblech-Straße, die einzige ihrer Art in ganz Europa mit einer Produktionskapazität von 200000 Tonnen Walzstahl im Jahr, die nun auf britisches Geheiß stillgelegt worden war. Bevor sie auf britischen Befehl hin im Herbst 1948 demontiert wurde, hatte sie jeden Monat etwa 7000 Tonnen Stahl produziert. Früher wurde in diesem Werk der Stahl sofort weiterverarbeitet, nun mußte er gekühlt und zur Weiterverarbeitung anderswohin gebracht werden, was eine beträchtliche Steigerung des Kohleverbrauches und der Transportkosten zur Folge hatte. Vor allem diese waren bedeutend, da das Werk an keiner Wasserstraße lag und sich in der Nähe keine anderen Walzwerke befanden. Die Dortmund-Hörder Hüttenwerke waren nun nicht

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mehr imstande, rentabel zu produzieren. Die Niederländer, Schweden und Norweger hatten im Ruhrgebiet 200000 Tonnen Schiffsbauplatten in Auftrag gegeben, die England und Frankreich nicht liefern konnten. Die Demontage der Fünfmeter-Grobblech-Straße in Hörde verhinderte, daß dieser Auftrag nach Deutschland ging. In ganz Europa gab es keine andere Anlage, die so große Platten erzeugen konnte. Die Kapazität der beiden übriggebliebenen Werke, die dreieinhalb und vier Meter breite Grobbleche walzten, reichte aber nicht aus, die gesamten ausländischen Aufträge für den Schiffbau auszuführen und gleichzeitig den Lieferverpflichtungen für das Inland nachzukommen, da die Nachfrage nach breiten Grobblechen auch in Deutschland sehr groß war. Die Werke in Dortmund-Hörde hatten zum Beispiel die Platten für den Wiederaufbau der Kölner Rheinbrücke hergestellt, die im Herbst 1948 wiedereröffnet wurde, und es warteten in Deutschland noch viele Brücken darauf, wiederaufgebaut zu werden.

Im Februar 1949 meldete die Presse nach den Unterhandlungen des norwegischen Außenministers in Washington über den Beitritt seines Landes zum Atlantikpakt, daß die Amerikaner versprochen hatten, Stahlplatten für den Wiederaufbau der norwegischen Handelsmarine zu liefern — wohl als Ersatz für die deutschen Lieferungen, die unmöglich gemacht worden waren.

Die Deutschen hatten sich erboten, eine neue Walzstraße statt der in Hörde zu liefern. Diese neue Straße war bereits zur Hälfte fertig und hätte in neun Monaten geliefert werden können, während dreieinhalb Jahre erforderlich waren, um die Walzstraße in Hörde zu demontieren, zu verpacken und abzutransportieren — vorausgesetzt, daß dies überhaupt möglich war. Dies erschien angesichts ihrer Riesengröße und ihres Reisegewichtes sehr unwahrscheinlich. Trotzdem wurde das Angebot von der britischen Reparationsbehörde in Düsseldorf zurückgewiesen.

Den Arbeitern in Hörde war es zur Zeit meines Besuches gelungen, die Demontage dadurch zu verhindern, daß sie eine Postenkette bildeten, die die Abbrucharbeiter am Betreten des Werksgeländes hinderte. Die gewaltige Walzstraße stand still, da ihre Benutzung verboten war und niemand wußte, ob die Briten Truppen einsetzen würden, um die Arbeiter zurückzudrängen und ob sie DPs verwenden wollten, falls deutsche Arbeiter sich weigern sollten, diese Aufgabe zu übernehmen. Die Arbeiter hatten Plakate folgenden Inhaltes angeschlagen :

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"Hände weg ! Ihr nehmt 8000 Arbeitern und deren Familien den Lebensunterhalt !"

"Marshall-Plan — Wiederaufbau oder Zerstörung ?"

"Laßt uns arbeiten ! Wir wollen mithelfen, Europa wiederaufzubauen !"

Ich verbrachte viele Stunden in den Hörder Werken, wo hagere, unterernährte Deutsche ihre harte Arbeit im Schmelzwerk verließen, um mich zu fragen, ob sie darauf hoffen könnten, daß die Amerikaner eine Zerstörung ihrer Lebensgrundlage verhinden würden. Ich sprach ihnen Mut zu, so gut ich das vermochte und sagte, ich sei mir sicher, daß das amerikanische Volk nach einiger Zeit die sinnlose und böswillige Zerstörung der deutschen Industriekapazität stoppen werde. Da ich aber keine falschen Hoffnungen wecken wollte, gab ich zu, daß dieses Erwachen Amerikas vielleicht nicht mehr rechtzeitig genug kommen könnte, um ihnen ihre Arbeitsplätze zu erhalten.

In Dortmund habe ich auch die Union-Werke besucht, die nach der Dekartellisierung von ihren Kohlenzechen, ihren Zulieferern und ihren Märkten abgeschnitten waren. Auch hier stellte ich fest, daß nicht das gesamte Werk demontiert worden war, daß aber Vorkehrungen getroffen waren, daß der in diesem Werk hergestellte Gußstahl nicht mehr im Werk in geschmolzenem Zustand bearbeitet werden konnte. Eine riesige Presse, die für den Transport viel zu groß war, trotzdem aber auf die Reparationsliste gesetzt worden war, wurde eben zerstört. Die zu ihr gehörigen Öfen waren bereits niedergerissen und die Presse selbst wurde, da sie nicht von der Stelle zu bewegen war, wahrscheinlich an Ort und Stelle in Schrott verwandelt. Sie war im Werksgelände aufgebaut worden und die größte Presse Europas. Zwei andere Pressen und vier Dampfhämmer waren bereits demontiert, 29 Öfen zerstört worden; ein Kran, der 250 Tonnen heben konnte, war abgerissen, fünf kleinere weggebracht worden. Dieses Werk hatte zuvor Ausrüstungen für den Bergbau und die Elektroindustrie sowie Kurbelwellen und Getriebe für große Seeschiffe hergestellt; die gesamte Produktion hing von den Pressen ab, die nun zerstört oder demontiert wurden. Die Jahreserzeugung der Dortmunder Union-Werke hatte vor der Demontage einen Wert von 25 Millionen Mark erreicht, der Restwert auf der Demontageliste betrug nur einen Bruchteil dieser Summe. Das Werk konnte in dieser Form nicht wiederaufgebaut werden, weil eine ihm früher angeschlossene Fabrik, die der Firma Wagner & Co., die Pres-

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sen dieser Art herstellte, bereits demontiert und nach Indien abtransportiert worden war. Die Deutschen hatten sich erboten, stattdessen neue Maschinen an Indien zu liefern und die Inder hätten es auch vorgezogen, Maschinen zu erhalten, die nach ihren speziellen Angaben angefertigt worden wären. Die Briten hatten aber darauf bestanden, daß die Anlagen der Firma Wagner demontiert wurden. Es gab dafür nur eine Erklärung, nämlich die, daß es vom britischen Standpunkt aus besser war, die Inder erhielten Maschinen, die sie nicht gebrauchen konnten statt Maschinen, mit deren Hilfe sie mit den Briten in Konkurrenz treten konnten. Die Demontage machte einen deutschen Wettbewerb unmöglich und verhinderte gleichzeitig das Entstehen tüchtiger neuer Konkurrenten.

Nach der Demontage hatte die Firma Wagner in Dortmund mit den Briten eine Abmachung getroffen, daß ihre Arbeiter andere Fabriken demontieren sollten. Angesichts der steigenden Empörung der Deutschen gegen die Zerstörung der Reichtümer ihres Landes, der Abneigung der deutschen Arbeiter, die Maschinen zu vernichten, von denen der Lebensunterhalt ihrer Gewerkschaftskameraden abhing und der allgemeinen Verachtung, die allen Deutschen zuteil wurde, die gemeinsam mit den Briten die deutsche Produktion zerstörten, hatte sich die Firma Wagner im Oktober 1948 geweigert, ihren Kontrakt zu erneuern. Zur Strafe dafür wollten die Briten, wie sie während meines Besuches in Dortmund ankündigten, die leeren Werkshallen der Firma niederreißen, die bis dahin als Lager für die Maschinen benutzt worden waren, die man in den Fabriken der Stadt herausgerissen hatte.

Die deutschen Industriekapitäne, mit denen ich in Dortmund zusammentraf, waren der Meinung, daß der revidierte Industrieplan, der die künftige deutsche Produktion beschränkte, schlimmer als die Demontagen war, so kostspielig diese auch sein mochten. Dies war auch die Ansicht der Gewerkschaftsvertreter, mit denen ich im Ruhrgebiet sprach. Betriebsführer wie Arbeiter waren zwar erbittert über die noch immer im Gang befindliche sinnlose Zerstörung von Maschinen, vertrauten aber auf die Fähigkeit der Deutschen, diese Schäden zu überwinden, wenn man ihnen nur erlaubte, an die Arbeit zu gehen. Das Schlimmste an der alliierten Besatzungspolitik war, daß sie dem Wagemut, der Erfindungsgabe und dem Arbeitswillen Fesseln anlegte.

Deutschlands Kohlen-, Eisen- und Stahlindustrie war früher diejenige Europas, die am engsten und wirtschaftlichsten unter-

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einander verbunden war. Die Konzerne verwandten die an Ort und Stelle gewonnene Kohle dazu, Stahl zu produzieren und ihn, wenn er noch rotglühend war, zu Platten oder Bändern zu walzen oder unter den Pressen zu formen. In vielen Betrieben lief die gesamte Produktion vom Schmelzprozeß im Hochofen bis zu den fertigen Erzeugnissen, etwa Röhren oder Draht, auf dem gleichen Gelände ab, was die Kosten für Bearbeitung und Transport auf ein Mindestmaß reduzierte.

Die Demontage in Verbindung mit der sogenannten Entflechtung verhinderte, daß auf diese wirtschaftliche Weise weiterproduziert wurde. Die deutsche Kohlen-, Eisen- und Stahlindustrie wurde auf den Leistungsstand des 19. Jahrhunderts zurückgeworfen. Diese Dekartellisierung oder Entflechtung wurde dem amerikanischen Volk anfangs unter einer falschen Bezeichnung plausibel gemacht. Sie wurde als eine Methode dargestellt, mit der die Monopole beseitigt und der Weg für ein freies Unternehmertum gebahnt werden konnte. De facto aber wurde unter dem Einfluß der kommunistischen fellow-travellers in den Wirtschaftsbehörden der US-Militärregierung die Entflechtung ein Instrument zur Unterminierung des kapitalistischen Systems. Sie begrenzte zunächst die Höchstzahl der Mitarbeiter jedes deutschen Unternehmens auf 1000. Später wurde diese Zahl auf 10000 erhöht, doch auch sie machte die Fortführung der wirtschaftlichen und leistungsfähigen vertikalen Verflechtung der deutschen Kohlen-, Stahl- und Eisenindustrie unmöglich.

Später übten die Mitläufer der Kommunisten sowie die Schüler Morgenthaus keinen bestimmenden Einfluß auf die amerikanische Militärregierung mehr aus. Viele dieser Leute hatte man nach Hause geschickt. Diejenigen, die geblieben waren, gaben sich große Mühe, ihre wirklichen Absichten zu verschleiern. Sie waren aber keineswegs völlig verschwunden und übten im Geheimen noch einen beträchtlichen Einfluß aus. Sie konnten sich noch immer der Briten bedienen, die zwar niemals den Absurditäten des Morgenthau-Planes beigestimmt oder den kommunistischen Mitläufern gestattet hatten, ihre Politik zu bestimmen, die sich aber der Entflechtung bedienten, um die deutsche Produktion zu verringern und zum Vorteil der britischen Konkurrenz auf dem Weltmarkt deren Kosten zu erhöhen.

Das hervorragendste Beispiel für die Demontage eines Musterbetriebes an der Ruhr ist die August-Thyssen-Hütte. Sie war einmal das leistungsfähigste Schmelzwerk ganz Europas. Sie produ-

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zierte 1250000 Tonnen Rohstahl, der an Ort und Stelle dazu verwendet wurde, hochwertigen Stahl für Dynamos und Transformatoren, Brückenbaumaterial sowie hitze- und säurefesten Stahl herzustellen. Die Thyssen-Hütte fabrizierte früher die Hälfte der deutschen Gesamtproduktion der nun so dringend benötigten Transformatorenbleche. Unmittelbar nach Kriegsende hatten die Briten verhindert, daß das Werk arbeiten konnte und nun war es demontiert worden.

Wiederholte Bekundungen vor Kongreß-Komitees sowie Feststellung der Sprecher der Marshall-Plan-Behörde und der Militärregierung bekräftigten die Tatsache, daß das deutsche Wiederaufbauprogramm entscheidend durch die nicht ausreichende Energie-Versorgung behindert wurde. Dies war eine Folge unserer Bombenangriffe, der seit langem versäumten Reparaturen, der Demontage von Kraftwerken und der Knappheit an Kohle. Ohne neue Lieferungen von Elektroblechen für Dynamos und Transformatoren war die Stromknappheit nicht zu beheben. 50 Prozent der Produktionskapazität der amerikanischen und britischen Zone für Elektrobleche war jedoch, wie bereits erwähnt, in der Thyssen-Hütte konzentriert.

In einem Memorandum vom 1. März 1948 hatte das amerikanische Außenministerium noch versichert, daß keine in der britischen Zone gelegenen Werke zur Herstellung von Kraftwerksausrüstungen zur Demontage bestimmt sind. Wie war diese Behauptung zu erklären ? Verstanden die Sachverständigen des Außenministeriums sogar noch weniger von Technologie oder den Erfordernissen einer neuzeitlichen Industrie als die Verfasserin dieses Buches oder war irgend jemand daran interessiert, den Außenminister, den amerikanischen Kongreß und die amerikanische Öffentlichkeit zu täuschen ? Oder war vielleicht gar die Wahrung des Rufes jener nicht fachkundigen Leute, die diese Fehler begingen, eine Milliarde Dollar wert.

Der technische Fortschritt führt in allen Ländern dazu, daß immer mehr Elektro- und Edelstahl verwendet wird und der Industrieplan fordert auch, daß Deutschland mehr, nicht etwa weniger hochwertige Werkzeugmaschinen sowie optische und elektrotechnische Präzisionsinstrumente herstellt, für die Stähle dieser Art benötigt wurden. Trotzdem wurde die deutsche Produktion von Elektrostahl auf nur 300000 Tonnen pro Jahr reduziert. Von insgesamt 209 Elektroöfen wurden nicht weniger als 118 demontiert. Wir versprachen also den Deutschen auf der einen

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Seite, Produktion und Export ihrer Werkzeugmaschinen und optischen Instrumente zu steigern, waren aber eifrig dabei, sie der Kapazität zu berauben, die diese Industriezweige mit Spezialstählen versorgte. Diese Beschneidung der deutschen Produktion von Edelstahl, nach dem auf dem Weltmarkt eine so große Nachfrage herrschte, betraf vor allem die amerikanischen Steuerzahler, da sie den deutschen Export hochwertiger Werkzeuge drastisch einschränkte und da damit die ungünstige Handelsbilanz bestehen blieb, die bisher durch die amerikanischen Lebensmittellieferungen ausgeglichen wurde. Sie verkrüppelte auch die chemische Industrie, weil Deutschland von nun an nicht mehr imstande war, die erforderlichen Mengen hitze- und säurefesten Stahls zu liefern.

Im revidierten Industrieplan war festgelegt worden, daß die feinmechanische-, die Werkzeug- und die optische Industrie nicht angerührt werden dürfen, doch auch in diesen Produktionszweigen wurden in der amerikanischen Zone Werke demontiert, manchmal mit der Ausrede, daß sie für die Kriegsproduktion grundlegend verändert worden seien. Es wurden sogar Fabriken demontiert, welche die für die Ausfuhr unentbehrlichen Präzisionswerkzeuge herstellten. Des weiteren wurde festgestellt, daß die Produktion von Landmaschinen und Traktoren in beiden Zonen zu niedrig war und daß daher keine dieser Fabriken demontiert werden sollte. Wiederum wurde jedoch ein den Deutschen gegebenes Versprechen gebrochen. 1948 wurde die Landmaschinenfabrik der Krupp-Werke trotz der erbitterten Proteste der dort beschäftigten Arbeiter demontiert.

Obwohl zugegeben wurde, daß die deutschen Maschinenexporte unbedingt erhöht werden mußten, schrieb der Industrieplan von 1947 folgende Abstriche bei der Produktionskapazität vor :

Dagegen sollten nur drei Kraftwerke demontiert werden, weil der Vorkriegsbedarf der beiden Zonen größtenteils von Berliner Werken gedeckt wurde, die beinahe gänzlich demontiert worden sind.

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In Bezug auf Personen- und Lastkraftwagen bestimmte der Plan, daß Westdeutschland eine Produktionskapazität von 160000 Personenautos und 61500 Fahrzeugen für gewerbliche Verwendung erhalten blieb. Die Vorkriegsproduktion lag weit über diesen Zahlen. Man muß dazu bemerken, daß bis 1948 nahezu die gesamte Produktion an Volkswagen und Lastwagen von den britischen und französischen Besatzungsbehörden für ihren eigenen Gebrauch oder für den Verkauf auf eigene Rechnung weggenommen worden war. Überdies wurden zu Beginn der Besatzungszeit zahlreiche deutsche Personen- und Lastwagen konfisziert. Es besaßen daher nur noch sehr wenige Deutsche Autos und diese wenigen Autos waren zudem sehr alt. Den meisten Unternehmen fehlte es an Transportmitteln, der Nachholbedarf war dementsprechend sehr groß.

Der chemischen Industrie waren 40 bis 50 Prozent ihrer Kapazität weggenommen oder zerstört worden. Alle Sprengstoff-Fabriken wurden weggenommen oder vernichtet, ein Viertel der Kapazität der Kunststoffindustrie wurde für Reparationszwecke verfügbar gemacht, die Kapazität der Farbstoffindustrie sank unter den Vorkriegsstand. Die Demontage eines pharmazeutischen Werkes drückte die Herstellung von Atebrin unter den Vorkriegsstand. 15 Prozent der Kapazität der Gruppe Verschiedene Chemikalien und 17 Prozent der Kapazität der Industrie für organische und anorganische Grundstoffe wurden abgebaut.

Die Liste der Deutschland verbotenen Industrien umfaßte noch immer den Schiffbau sowie die Herstellung von Aluminium, Beryllium, Vanadium, Magnesium, Kugellagern, synthetischem Ammoniak, synthetischem Kautschuk, synthetischem Benzin und Öl.

Deutschland wurde vorläufig gestattet, eine bestimmte Menge von Kugellagern herzustellen, aber nur bis zu dem Zeitpunkt, da seine eigenen Ausfuhren es instandsetzten, diese anderswo zu kaufen. Amerikaner wie Briten waren später der Meinung, daß diese Anordnung undurchführbar sei, mittlerweile aber war die Hälfte der Ausrüstung der großen Kugellagerfabrik in Schweinfurt in die Sowjetunion abtransportiert worden. Die Briten hatten, offenkundig weil sie auf diesem Gebiet keine deutsche Konkurrenz wünschten, bis dahin sich stets geweigert, die Verbote für den Schiffbau aufzuheben, außer für kleine und langsame Fahrzeuge. Sie hatten die Leichtmetallindustrie der Kategorie Leichtmaschinenindustrie zugesellt, deren Produktionskapazität um 23

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Prozent vermindert werden sollte. Trotz deutscher Proteste haben sie Fabriken demontiert, die Kaffeekannen, Pfannen, Kessel und andere Haushaltsgeräte aus Blech auf den Markt brachten. An die 40 Werke wurden von den Briten auf die Demontageliste gesetzt.

Das amerikanische Außenministerium hat behauptet, daß die Auswahl der zu demontierenden Fabriken mit größter Sorgfalt getroffen worden sei, daß keine dieser Fabriken mehr benutzt werden könnte, falls sie in Deutschland blieben und daß ihre Demontage die wirtschaftliche Erholung der Empfängerländer erleichtern werde. Diese Behauptung muß sich auf unzulängliche Informationen gestutzt haben. Nichts lag klarer auf der Hand, als daß in Deutschland sehr oft gerade jene Fabriken demontiert wurden, die mit voller Kapazität arbeiteten und denen Kohlen und Rohstoffe bevorzugt zugeteilt wurden, weil ja ihre Erzeugnisse für das Funktionieren einer Friedenswirtschaft von entscheidender Bedeutung waren. Wollte man den Deutschen erzählen, daß die so demontierten Maschinen zur Deckung ihres Bedarfes nicht benötigt würden, war das ein grausamer Spaß und sonst nichts.

Der Behauptung des Außenministeriums, daß nur solche Fabriken demontiert worden seien, die Deutschland keinen Nutzen mehr brachten, widersprachen sowohl Informationen der Militärregierung wie auch die von den Deutschen gelieferten Gegenbeweise. Beamte der amerikanischen Militärregierung in Berlin berichteten mir im November 1948, daß die in der amerikanischen Zone demontierten Fabriken jetzt wieder die Hälfte dessen erzeugten, was sie vor der Demontage produziert hatten. Sie waren wieder in Gang gesetzt worden, indem man für sie die Ausrüstung beschaffte, die zuvor in nicht demontierten Fabriken ungenutzt geblieben war. Mit anderen Worten : die Reparationen waren nicht der überschüssigen Kapazität stilliegender Werke, sondern der von Werken entnommen worden, die mit voller Kapazität arbeiteten.

Auf jeden Fall ist die Behauptung, die deutschen Reparationsleistungen hätten den Wiederaufbau nicht behindert, weil die Kapazitäten nicht voll ausgenutzt worden seien, weitgehend anzuzweifeln. Es müßte stattdessen die Frage gestellt werden, wieso in Anbetracht des vorhandenen europäischen Bedarfes Produktionskapazitäten nicht bis zum Äußersten genutzt worden sind. Die Antwort auf diese Frage enthüllt den verhängnisvollen Kreislauf, für den die zerstörerische Politik der Alliierten in Deutschland die Verantwortung trägt.

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Die unzureichende Ernährung der deutschen Bergarbeiter und ihrer Familien, sowie die miserablen Wohnungen, in denen sie leben mußten, haben in Verbindung mit der Demontage der Fabriken, die Bergwerksausrüstungen erzeugten, die deutsche Kohlenförderung niedergehalten. Die Auflage, 20 Prozent der Ruhrkohlenproduktion (hauptsächlich nach Frankreich) auszuführen sowie der Verlust des Saargebietes und der Braunkohlengebiete in Mitteldeutschland hatten die Menge der für den deutschen Bedarf verfügbaren Kohle weiter drastisch verringert. Dies wiederum hatte die Stahlproduktion eingeschränkt und dazu geführt, daß einige Eisen- und Stahlwerke als überzählig bezeichnet wurden, nur weil man Deutschland nicht gestatten wollte, soviel Kohle und Eisenerz zu erhalten, wie dies für einen bedeutenderen Beitrag zum Wiederaufbau Europas notwendig war.

Den wahren Grund für die Demontagen gab der Leiter der Stahlproduktionsbehörde in Düsseldorf, der im August 1948 einem Vertreter des amerikanischen Senators Malone erklärte : "Es besteht nicht die Absicht, Deutschland eine Stahlproduktion zu belassen, die es ihm erlauben würde, jemals wieder Stahl oder Stahlerzeugnisse in nennenswerten Mengen auszuführen." Der revidierte Industrieplan wäre im Hinblick auf die Notwendigkeit erhöhter deutscher Exporte auch dann unrealistisch gewesen, wenn er auf einer korrekten Schätzung der vorhandenen Kapazitäten beruht hätte. Es gibt jedoch Beweise dafür, daß die Liste der zu demontierenden Fabriken ohne exakte Übersicht über diejenigen Anlagen aufgestellt wurde, die in Deutschland bleiben sollten. Die Deutschen behaupteten, die Grundlage der amerikanisch-britischen Schätzungen der Produktionskapazität sei der zeitweise während des Krieges erzielte, aber niemals beizubehaltende Spitzenausstoß gewesen. Kapazitäten können normalerweise nur zu 80 bis 90 Prozent genutzt werden und während der vielen Jahre, in denen Reparaturen nicht möglich waren, hatte sich die Kapazität weit stärker vermindert als bei normaler Abnutzung. Auch diese Tatsachen wurden nicht in Betracht gezogen. Die Deutschen behaupteten auch, daß die Verwendung von Bruttokapazitäten in den alliierten Berechnungen eine Überschätzung der Produktionsmöglichkeiten zur Folge hatte, weil einige Zulieferwerke zweimal in der Liste aufgeführt wurden.

Übrigens erklärten die Deutschen auch, daß die Verminderung der Produktionskapazität viel größer sei, als dies die Gesamtzahlen über die Demontagen besagten, weil die leistungsfähigsten

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Werke für die Demontage ausgewählt wurden und weil die Vernichtung eines Industriezweiges die anderen des von ihnen benötigten Materials beraubte. Als Folge der Reparationslieferungen ergaben sich nicht mehr zu überbrückende Engpässe, die die gesamte deutsche Wirtschaft und in manchen Fällen die ganz Europas in Mitleidenschaft zogen; einige dieser demontierten Fabriken konnten in anderen Ländern überhaupt nicht mehr wiederaufgebaut werden und auch diejenigen, bei denen das glückte, benötigten Monate und Jahre, bevor sie ihre Produktion aufnehmen konnten.

Zum dritten war die Grundlage der Berechnung der deutschen Produktionskapazität nicht, wie das amerikanische Außenministerium behauptet hat, eine sorgfältige Untersuchung der vorhandenen Kapazitäten. Diese Grundlage waren allem Anschein nach die Mecit-Berichte aus dem Winter 1945/46, als die deutschen Fabrikbesitzer angewiesen wurden, Fragebogen über die Produktionskapazität auszufüllen. Das Ziel dieser Fragestellungen wurde damals nicht angegeben und die Deutschen dachten, diese Fragebogen seien die Grundlage für die Zuteilung von Brenn- und Rohstoffen. Da Menschen eben einmal Menschen sind, schätzten die meisten von ihnen zu dieser Zeit ihre Produktionskapazität höher ein; niemand konnte ja damals erwarten, mehr als einen Bruchteil von dem zu erhalten, was er wirklich benötigte. Es war sicherlich der Fehler der Deutschen, daß daraufhin die Produktionskapazitäten überschätzt wurden, doch die Tatsache bleibt bestehen, daß diese Mecit-Berichte nicht verläßlich waren und nicht als Grundlage für die Berechnungen hätten dienen dürfen, nach denen die auf Grund des revidierten Industrieplanes als überzählig anzusehenden Fabriken bestimmt wurden.

Es liegen zahlreiche eindeutige Beweise dafür vor, daß Angaben über bestimmte Fabriken so ungenau waren, daß diese Werke noch nicht einmal unter dem Industriezweig geführt wurden, zu dem sie gehörten.

Selbst wenn die ursprünglichen anglo-amerikanischen Schätzungen über Deutschlands Produktionskapazität als korrekt anzusehen waren, so haben doch die britischen multilateral deliveries, die französischen prélèvements und die Restitutionen aus allen Zonen ihren Wert endgültig zerstört. Niemand, nicht einmal mehr die Deutschen, wußte nun genau, was von Deutschlands Produktionskapazität übrigblieb. Multilateral deliveries war die englische Bezeichnung für den Abtransport besonders

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wertvoller oder für Spezialproduktion bestimmter und sehr oft unersetzlicher Maschinen aus deutschen Fabriken nach England. Prélèvements war die französische Bezeichnung für die Wegnahme ganzer Fabriken und einzelner Maschinen aus ihrer Zone, ohne daß darüber der Internationalen Reparationsbehörde in Brüssel Rechenschaft abgelegt worden wäre. Beide Bezeichnungen sind legalisierte Gleichsetzungen für das, was man als Plünderung bezeichnen würde, falls ein feindliches Land solche Praktiken anwenden würde.

In der britischen Zone erschien zum Beispiel eine Kommission in einer deutschen Fabrik, die nicht auf der Demontageliste stand, wählte verschiedene Maschinen aus und befahl, sie zu demontieren, um dem Bedarf im United Kingdom entsprechen zu können. Obwohl im Oktober 1947 General Robertson das offizielle Versprechen gab, daß weitere multilateral deliveries nicht mehr gefordert würden, sind sie doch im Laufe des gleichen Jahres an verschiedenen Orten erneut verlangt worden. So forderten die Briten im September 1948 in Düsseldorf 72 Maschinen, diesmal aber aus Fabriken, die auf der Demontageliste standen. Der Grund dafür war wahrscheinlich, daß diese Maschinen vor dem Termin für die allgemeine Demontage geliefert werden sollten; die Deutschen waren davon überzeugt, daß die Briten auf diese Weise hofften, den Empfehlungen der ECA-Kommissionen zuvorkommen zu können.

Die als multilateral deliveries weggenommenen Maschinen waren für den britischen Gebrauch bestimmt, da sie ja nicht von der Reparationsbehörde in Brüssel zugeteilt worden waren. Einige dieser Maschinen, die in deutschen Fabriken demontiert und bei der Aufstellung des revidierten Industrieplanes nicht berücksichtigt wurden, waren unersetzlich, da sie ausschließlich in der Sowjetzone hergestellt wurden. Manche Fabriken wurden auf diese Weise für immer verkrüppelt, obwohl sie nicht auf der Demontageliste standen.

Die Restitutionen haben der ursprünglichen Einschätzung der deutschen Produktionsanlagen weiterhin jeden Wert genommen. Ursprünglich wurde die Bezeichnung Restitutionen nur auf die Rückgabe des von den Deutschen in den von ihnen besetzten Ländern gestohlenen oder unter Zwang an Deutsche übertragenen Eigentums angewandt. Im Sinne dieser Auslegung sind Restitutionen vollauf berechtigt, juristisch wie wirtschaftlich gesehen. Im Juli 1948 begann aber die amerikanische Militärregierung, dem

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Begriff Restitutionen eine Auslegung zu geben, für die weder das Recht noch der Begriff der Billigkeit eine Grundlage abgaben. Die 1946 von General Clay erlassene Bestimmung, nach der Zwang bei der Übertragung von Eigentum nachzuweisen war, wurde außer Kraft gesetzt; es wurde bestimmt, daß Eigentumsübertragungen während der Zeit der deutschen Besetzung auf keinen Fall als normale geschäftliche Transaktionen anzusehen seien. Auf Grund dieser Bestimmung mußten Maschinen und andere Waren, die von deutschen Kaufleuten oder Industriellen erworben worden waren, dem Ursprungsland als Restitutionen zurückgegeben werden; der Beweis, daß sie unter Zwang veräußert worden waren, mußte nicht erbracht werden. Auch wenn der deutsche Käufer an Hand von Dokumenten beweisen konnte, daß der Verkäufer den ihm gezahlten Preis als angemessen ansah und die Rückgabe seines Eigentumes nicht verlangte, hatte er die Ware ohne Entschädigung herauszugeben, da Restitutionsforderungen Forderungen der Regierung und nicht solche von Einzelpersonen waren. Diese Anordnung der amerikanischen Militärregierung hatte zur Folge, daß restitutionspflichtige Güter nicht denjenigen zurückerstattet wurden, die sie den Deutschen verkauft hatten, sondern den ausländischen Regierungen. Die meisten dieser Regierungen, die auf diese Weise Maschinen und andere Waren zurückerstattet erhielten, die ursprünglich von ihren Untertanen verkauft worden waren, waren nun Satelliten der Sowjets. Sie verkauften sehr oft das ihnen zurückerstattete Eigentum gegen harte Dollars ins Ausland. Sehr häufig haben sie angeboten, diese Restitutionsgüter den Deutschen, denen sie weggenommen wurden, gegen ausländische Währung zu verkaufen, die wahrscheinlich dazu dienen sollten, sich gegen die Bedrohung durch den amerikanischen Imperialismus zu schützen.

Es gab eine Ausnahme von dieser amerikanischen Anordnung über die Rückgabe von Maschinen und anderen Waren an die ehemals von den Deutschen besetzten Länder : falls ein Deutscher mit Zahlen und Daten beweisen konnte, daß er die gleiche Art von Maschinen oder anderen Waren im gleichen Umfang vor dem Kriege kaufte, erhielt er möglicherweise die Erlaubnis, sein Eigentum zu behalten.

Der Handel Deutschlands mit Frankreich, Belgien, den Niederlanden, der Tschechoslowakei und anderen osteuropäischen Ländern, der stets sehr umfangreich gewesen war, nahm aus ganz natürlichen Gründen während des Krieges und der Blockade noch

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beträchtlich zu, vor allem, seitdem die Nationalsozialisten wegen unserer Bombenangriffe auf Deutschland beträchtliche Teile ihrer Produktion in der Tschechoslowakei und Frankreich konzentrierten. Das Verlangen, daß alle Güter, die während des Krieges an Deutschland geliefert wurden, nun an die Ursprungsländer zurückzugeben waren, sogar dann, wenn sie bezahlt worden waren, mußte uferlosen Ansprüchen an die Wirtschaft der westlichen Zonen Tür und Tor öffnen.

Ein Land wie die Tschechoslowakei, das wahrscheinlich mehr industrielle Ausrüstung von Deutschland erhielt, als es an Deutschland verkaufte, war nun dank der amerikanischen Auslegung des Begriffes Restitutionen in einer besonders glücklichen Lage. Es muß jedoch bemerkt werden, daß im Falle der Tschechoslowakei Restitutionsansprüche auf Waren, die an die Deutschen vor dem 5. Januar 1943 verkauft wurden, von den USA nicht anerkannt wurden. An diesem Tag verkündeten nämlich die Alliierten, daß sie sämtliche zwangsweisen Übertragungen von Eigentum in besetzten Ländern nicht anerkennen würden. Trotzdem befand sich die Tschechoslowakei, deren Staatsgebiet niemals Bombenangriffen ausgesetzt und niemals Schlachtfeld gewesen war und deren Industrie aus der Arbeit für Deutschland reiche Profite zog, in einer weit besseren Position bei der Forderung von Restitutionen als Polen, das unter der deutschen Besetzung so viel gelitten hatte und niemals ein Arsenal der Nationalsozialisten geworden war. Während der Zerstörung Warschaus gingen den Polen viele Unterlagen verloren, die nötig waren, um die Rückgabe der Maschinen zu fordern, die die Deutschen ihnen ohne Gegenleistung weggenommen hatten. Im Gegensatz dazu hatten es die Tschechen und Franzosen nicht schwer, diejenigen Maschinen, die sie an Deutschland verkauft hatten, genau zu bezeichnen, ausfindig zu machen und zurückzufordern.

Da Polen wie die Tschechoslowakei jetzt zum Herrschaftsbereich der Sowjets gehörten, machte das wohl keinen großen Unterschied, ich konnte mich aber des Mitgefühls mit dem polnischen Offizier nicht erwehren, der sein Land bei der amerikanischen Restitutionsbehörde in Karlsruhe vertrat. Er erzählte mir, welch großes Hindernis es für die Polen war, ohne Autorisation durch amerikanische Behörden und bevor sie nicht eine Beschreibung der polnischen Maschinen und des Datums ihrer Wegnahme durch die Deutschen geben konnten, Zutritt zu deutschen Fabriken zu erhalten. Ganz offenkundig befanden sich die Polen hier in einem

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großen Nachteil gegenüber der Tschechoslowakei und Frankreich, die beide mit den Deutschen kollaboriert hatten und wußten, wem sie ihre Erzeugnisse verkauft hatten, oder verglichen mit den früheren Verbündeten der Deutschen — Italien, Ungarn und Rumänien —, deren Vertreter in der amerikanischen Zone es ebenfalls leicht hatten, Restitutionen zu verlangen.

Mein polnischer Gewährsmann berichtete mir, daß die Briten sehr viel bereitwilliger als die Amerikaner waren, Polen seine ihm von den Deutschen geraubten Maschinen wieder zu verschaffen. In der britischen Zone konnten die Polen nach ihrem Gutdünken alle deutschen Fabriken besichtigen und hatten Hunderte von Güterwagen voll Restitutionsgütern erhalten. Waren auch die Polen unzufrieden darüber, daß sie in der amerikanischen Zone nur so wenige Restitutionsgüter erhalten hatten, so war doch der Umfang dessen, was die Satellitenstaaten der Sowjetunion erhalten hatten, beträchtlich.

Als ich in der Restitutionsbehörde der US-Militärregierung in Karlsruhe eintraf, traf ich gleich anfangs auf eine Gruppe jugoslawischer Offiziere, die ich zuerst für Russen hielt, weil ihre Uniformen mit den scharlachnen und goldenen Achselstücken den russischen so sehr glichen. Dann traf ich Polen, Tschechen, Ungarn, Italiener und Rumänen und erfuhr, daß nahezu jeder europäische Staat (einschließlich der früheren Verbündeten Deutschlands) eifrig darauf aus war, das eine oder andere auf unsere Kosten von Deutschland zurückzufordern.

Über diese Restitutionen wurden keinerlei Bücher geführt, die ihre Wirkungen auf die deutsche Wirtschaft hätten zeigen können. Der Leiter der amerikanischen Restitutionsbehörde, ein in Deutschland geborener amerikanischer Bürger, erzählte mir, er habe nicht die geringste Vorstellung darüber und nicht das geringste Interesse daran, wieviele Maschinen und in welchem Umfang als Restitutionen aus Deutschland weggeführt worden seien. Die einzigen Zahlen, die er mir geben konnte, waren die des Gesamtwertes der Restitutionslieferungen; dieser betrug 287 Millionen Reichsmark nach dem Kurs von 1938.

Ich bedeutete diesem Herrn, daß mein Hauptinteresse zwar den wirtschaftlichen Wirkungen der Restitutionen galt, daß ich aber von ihm auch gerne die juristische Begründung für die sehr weitgehende Auslegung des Begriffes Restitutionen durch sein Büro gehört hätte. Es sei ja schließlich möglich, daß wir künftig, wie die Deutschen, als Kriegsverbrecher behandelt würden, weil wir

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es nicht verstanden hätten, die Regeln der Haager Landkriegsordnung über das feindliche Eigentum zu beachten. Seine Empörung über meine Feststellung war zunächst grenzenlos, doch nach einer Weile erzählte er mir, daß ich meine Einschätzung der Haltung der US-Restitutionsbehörde revidieren würde, wenn ich erst einmal die Vertreter Polens, Frankreichs und anderer alliierter Länder in Karlsruhe besucht haben würde. Nachdem ich mit den Polen gesprochen hatte, verstand ich, was er gemeint hatte. Trotzdem blieben meine Zweifel hinsichtlich der Rechtmäßigkeit der Anordnungen der US-Restitutionsbehörde bestehen.

Wie umfassend die Bezeichnung Restitution auszulegen war, wurde durch eine im Sommer 1948 erhobene französische Forderung illustriert, nach der eine Anzahl von Vollblutpferden aus Deutschland nach Frankreich zurückgebracht werden sollte. Keines dieser Pferde war älter als drei oder vier Jahre und konnte daher während der Besetzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten nicht gestohlen worden sein. Die Franzosen behaupteten jedoch, daß die fraglichen Pferde von französischen Hengsten abstammten. Sie nahmen offenbar an, daß ein guter und patriotischer französischer Hengst nur unter Zwang gehandelt hatte, wenn er zu einer deutschen Stute geführt wurde.

Folgende Beispiele für die Art und Weise, wie der Begriff Restitutionen ausgelegt wurde, sind allerdings weniger humorvoll :

Ein ausgebombter deutscher Schneider kaufte eine gebrauchte alte Nähmaschine tschechischen Ursprungs und ließ sie reparieren. Er erhielt den Befehl, sie an die Tschechoslowakei zurückzuerstatten und verlor damit die Möglichkeit, sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben und seine fünf Kinder zu ernähren. Eine Deutsche, deren Mann gefallen war, verlor bei einem Bombenangriff auf Berlin ihre gesamte Habe. Sie kaufte in Mühlhausen im Elsaß ein paar gebrauchte Möbel und nahm sie mit, als sie nach Bayern evakuiert wurde. Nun verlangten die Franzosen das Bett, das sie mit ihrem Sohn teilte, als Restitutionsgut. Die Liste solcher Fälle könnte man ins Unendliche verlängern.

Die Franzosen haben dem Begriff Restitutionen eine so umfassende Bedeutung gegeben, daß sie Personenwagen französischer Fertigung konfiszierten, die vor dem Krieg von Deutschen gekauft worden waren.

Später konfiszierten die Amerikaner diejenigen Automobile, die sie in den ersten Jahren der Besetzung aus beschlagnahmten

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Wehrmachtsdepots an die Deutschen verkauft hatten. Ein paar tausend Automobile, für die die Deutschen bezahlt hatten, wurden ihnen in der britischen und amerikanischen Zone ohne Entschädigung wieder weggenommen und an die Franzosen oder andere restituiert, die sie ursprünglich den Deutschen verkauft hatten. Die amerikanische und britische Militärregierung, die beim Verkauf konfiszierten Wehrmachtsgutes an Deutsche einen Gewinn erzielt hatten, annullierten nun die Kaufverträge und gaben die Autos ohne Verlust für sich selbst den Erstverkäufern zurück.

Die Briten weigerten sich dank des ihnen angeborenen Respektes vor dem Gesetz — falls dieses nicht mit ihren lebenswichtigen Interessen in Konflikt gerät — anfangs, Restitutionsansprüche anzuerkennen, wenn nicht ein Zwang bei der Übertragung des Eigentumes nachgewiesen werden konnte. Aus der britischen Zone wurden nur Güter zurückerstattet, die in den besetzten Ländern auf illegale Weise erworben worden waren. Seit September 1948 hatten sich aber auch die Briten die umfassendere amerikanische Auslegung zu eigen gemacht und erklärt, daß auch durch rechtlich einwandfreie Transaktionen nach Deutschland verbrachtes Eigentum in diejenigen Länder zurückgebracht werden könnte, in denen es erworben worden war.

Es besteht kaum ein Zweifel darüber, daß die im Herbst 1948 eingetretene Wandlung der britischen Praktiken auf die zu erwartende Einstellung der Demontagen deutscher Fabriken zum Abtransport als Reparationsgut zurückzuführen war. Als ich Deutschland verließ, drohten die Restitutionen aus der amerikanischen wie britischen Zone die Reparationen als Mittel zur Reduzierung der deutschen Industriekapazität zu ersetzen, womit das Land noch stärker von der Marshall-Plan Hilfe abhängig werden mußte.

Nach den offiziellen Statistiken der amerikanischen Militärregierung betrug der Wert der Restitutionen aus der amerikanischen Zone bis September 1948 über 287 Millionen Mark; im Vergleich dazu betrug der Restwert der auf Reparationskonto demontierten Fabriken 235 Millionen Mark. In der britischen Zone berechneten die alliierten Missionen den Wert der bereits erledigten Restitutionen auf 36 Millionen, den Restwert der demontierten Fabriken auf 32 Millionen Mark.

Die Restitutionen gefährdeten schließlich auch die Belieferung der Ruhrzechen mit unbedingt benötigten Ausrüstungen. Eine

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Anzahl Gruben waren von der Schließung bedroht oder zur Einschränkung ihrer Arbeit gezwungen, weil als Folge der Restitutionen neue Ausrüstungen nicht geliefert werden konnten. Nach einer Aufstellung, die auf Anregung der anglo-amerikanischen Stahlproduktionsbehörde angefertigt wurde, kam man bei den Restitutionsansprüchen, die an die Eisen- und Stahlindustrie gestellt wurden, auf eine Gesamtsumme von 40 Millionen Mark (nach dem Wert von 1938). Verluste, die durch zwangsläufige Produktionsunterbrechungen nach dem Abtransport lebenswichtiger Maschinen entstanden, wurden auf einen noch weit höheren Betrag geschätzt.

Die Deutschen, die man zuvor zu der Annahme verleitet hatte, daß der Marshall-Plan der Zerstörung ihrer Industrie ein Ende setzen werde, verloren nun auch ihre letzten Illusionen, als die Restitutionen auch auf legal erworbene und voll bezahlte Maschinen ausgedehnt wurden und die Reparationen als ein Mittel ablösten, ihnen jegliche Existenzgrundlage zu rauben. Sie sahen kein Ende der mannigfachen Methoden ab, mit deren Hilfe ihre Bezwinger sie zu Bettlern machten. Es war ihnen auch nicht mehr länger möglich, auf den revidierten Industrieplan von 1947 zu vertrauen; so hart und kompromißlos er auch war, versprach er doch wenigstens, ihnen eine Industriekapazität zu erhalten, mit der das Äußerste aus bestimmten, nur für den Friedensbedarf arbeitenden Industriezweigen herauszuholen war. Unter den bereits demontierten oder noch zu demontierenden Fabriken befanden sich viele, die aufgrund des revidierten Industrieplanes nie und nimmer als Reparationsgut hätten gelten dürfen.

Fabriken, die Seife, Spielzeug, Möbel, Töpfe und Pfannen, optische Instrumente, Landmaschinen, Krankenhausausrüstungen und eine Menge anderen Friedens- und Ausfuhrbedarfs erzeugten, wurden nicht nur in der britischen und französischen, sondern auch in der amerikanischen Zone demontiert. Dafür gab es recht üble Beispiele in der amerikanischen Zone, doch schien das Bestreben der Briten, die Konkurrenz auszuschließen, in seiner Ungerechtigkeit keine Grenzen zu kennen; das galt auch für die verlogenen Ausflüchte, unter denen die Briten deutsche Werte an sich brachten, um ihr eigenes Dollardefizit zu vermindern. Nur ein Beispiel : in der französischen Zone lag die Diana-Spielzeugfabrik, die Luftgewehre herstellte. Die Briten überredeten die Franzosen, sie als Rüstungsfabrik zu klassifizieren, um die Ausrüstung dieser Fabrik wegnehmen zu können.

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Als ich im Dezember 1948 Deutschland verließ, lernte ich im Zug nach Ostende einen britischen Spielwarenfabrikanten kennen, der von Nürnberg nach Hause reiste. Er zeigte mir Spielzeugautos mit drei Gängen und andere Beispiele für deutsche Erfindungsgabe und Einfallsreichtum und erklärte mir, daß kein anderer Spielzeugfabrikant mit den Deutschen konkurrieren könne. Dann berichtete er mir, daß unmittelbar nach Kriegsende er und andere britische Fabrikanten vom Board of Trade die Mitteilung bekommen hätten, sie würden mit passenden Heeres- oder Marineuniformen ausgestattet werden, um nach Deutschland gehen und dort als Reparationsbeamte alle Maschinen aussuchen zu können, die sie wünschten oder von denen sie dachten, daß sie ihnen gute Dienste leisten könnten. Dieser Mann war den Deutschen gutgesinnt und hatte nicht die Absicht, ihnen ihren Lebensunterhalt zu nehmen; er hatte daher das Angebot abgelehnt. Seiner Meinung nach machte es sich für ihn besser bezahlt, deutsche Spielwaren zu kaufen als diese selbst in England zu fabrizieren. Da die britischen Arbeiter seiner Auffassung nach nicht so tüchtig waren wie die Deutschen und sich weigerten, ebenso hart zu arbeiten wie diese, war es für ihn vorteilhafter, deutsche Spielwaren einzuführen statt deutsche Maschinen wegzunehmen, um den Deutschen Konkurrenz zu machen.

Das beste Beispiel für das Unvermögen der Westmächte, den Deutschen sogar die Industriebetriebe zu belassen, von denen man hätte annehmen sollen, daß sie niemals auf der Demontageliste stehen würden, war die Uhrenindustrie. Im Schwarzwald konzentriert und meist aus Kleinstbetrieben bestehend, ist sie eine von Deutschlands ältesten Industrien und hatte niemals etwas mit Rüstung zu tun. Trotzdem begannen die Franzosen zu Beginn der Besatzungszeit damit, sie zu zerstören und ihre Ausrüstung nach Frankreich zu schaffen. Die Briten waren ebenfalls daran interessiert, die Deutschen daran zu hindern, weiter Uhren zu fabrizieren. Dank den Bemühungen einiger liberal eingestellter Briten, die es wagten, die Demontagen zu stoppen, wurde der nachstehende Auszug aus dem britischen Fachorgan British Jeweler and Metal Worker 1948 weithin bekannt : "Mr. Barrett, der Leiter der Exportgruppe, hat in den letzten drei Jahren langwierige Verhandlungen mit dem Ziel geführt, die künftige Produktion der deutschen Uhrenindustrie unter die von der Alliierten Kontrollkommission festgesetzten 72 Prozent der Produktion von 1938 zu drücken. Erfreulicherweise kann berichtet werden,

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daß ein Übereinkommen erreicht worden ist, nach dem die Produktion der deutschen Uhrenindustrie auf 50 Prozent des Wertes von 1938 reduziert wurde. Das war es, was wir zu erreichen wünschten. Obwohl nicht daran zu zweifeln ist, daß die Deutschen ihre Uhrenindustrie schließlich wieder auf einen hohen Stand bringen werden, bedeutet doch dieses Ergebnis, daß der britischen Uhrenindustrie eine angemessene Atempause gewährt wurde, in der sie sich auf einer gesunden Grundlage neu organisieren kann. Als Folge davon wurden bereits einige deutsche Uhrenfabriken auf die Demontageliste gesetzt. Mr. Cope hat kürzlich diese Fabriken sowie bestimmte Maschinen besichtigt, die unserem Lande nutzbar gemacht werden können."

Der Skandal, den in England diese kaltschnäuzige Darlegung der händlerischen Beweggründe für die Demontagen auslöste, führte dazu, daß das Foreign Office eine Kommission bildete, die von dem Labourabgeordneten Crossman geführt wurde und untersuchen sollte, was mit der deutschen Uhrenindustrie geschah. In Frankfurt traf ich Mrs. Brailsford, die Frau eines alten englischen Freundes, der zu den wenigen Liberalen gehörte, die zu jeder Zeit mutig für Recht und Gerechtigkeit gestritten haben. Frau Brailsford hatte Crossman auf seiner Reise durch die französische Zone begleitet und war entsetzt über das, was sie dort gesehen hatte. Sie war voller Mitgefühl für die durch die Demontagen um ihren Lebensunterhalt gebrachten deutschen Arbeiter, sagte aber zu mir : "Nun, letzten Endes ist nur Amerika an all dem schuld." Ich begriff nicht ganz, was sie damit sagen wollte. Amerikas Sünden mochten groß, seine Torheiten noch größer sein, wie aber konnte man die USA für die Vernichtung der deutschen Uhrenindustrie durch die Briten und Franzosen verantwortlich machen ? Frau Brailsford erleuchtete mich : "Sehen Sie denn nicht, daß all dies nur geschieht, weil Amerika den Briten und Franzosen nicht genug Dollars gibt ? Sie müssen diese üblen Dinge tun, um genug Dollars zu bekommen."

Frau Brailsfords Bemerkungen mußte jeder Amerikaner für undankbar, ja für absurd halten, sie entschleierten aber doch das Grundproblem, das auch der Marshall-Plan nicht lösen konnte. Ob man nun der Ansicht ist oder nicht, daß die tiefste Ursache zweier Weltkriege wirtschaftlicher Konkurrenzneid war, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß Deutschland und Großbritannien die beiden Länder Europas sind, die exportieren oder sterben müssen. Dies war die Wahrheit, schon bevor der Kriegspräsident

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der USA gestattete, daß die Sowjetunion den größten Teil Osteuropas und dessen landwirtschaftliche Schätze rauben konnte und es ist heute noch wahrer. Es schien nun, als hätten die USA nur die Wahl, Westdeutschland, dem jede Möglichkeit genommen war, sich selbst zu erhalten, weil Briten und Franzosen ihm alles weggenommen hatten, weiter zu unterstützen oder damit fortzufahren, die Briten mit den Dollars eines niemals endenden europäischen Wiederaufbauprogrammes zu unterstützen.

In einem Bericht der New York Herald Tribune vom 27. Februar 1949 aus dem Ruhrgebiet stand zu lesen : "Die hier lebenden Briten leugnen nicht, daß Westdeutschland in seiner vermehrten Bevölkerung und seinen erheblich verringerten Hilfsquellen gute Argumente dafür hat, daß seine Produktion noch über den Vorkriegsstand hinaus erhöht wird. Sie sehen aber voraus, daß diese Steigerung, die das Ziel hat, der meist von den USA an Deutschland geleisteten Unterstützung von einer Milliarde Dollar pro Jahr ein Ende zu bereiten, wahrscheinlich einen harten Kampf um die Weltmärkte bringen wird."

Sollte Amerika sich nun auf die Seite des besiegten Gegners schlagen, der nun sein Schützling geworden war, oder auf die seines britischen Verbündeten ? Die Briten ließen selbstverständlich keine Zweifel darüber, wie nach ihrer Meinung die amerikanische Politik aussehen sollte. Marguerite Higgins fährt in ihrem eben erwähnten Bericht in der Herald Tribune fort : "Die britische Ansicht, wie sie mir von einem sehr hohen Beamten in Düsseldorf geschildert wurde, ist diese : Es stimmt, daß das alte Schlagwort Exportieren oder Sterben noch immer für Großbritannien und Deutschland gilt. Unserer Ansicht nach müssen es aber die Deutschen sein, wenn einer von den beiden in dem jetzt entbrennenden Kampf um die Weltmärkte stirbt. Wir fühlen uns dazu berechtigt, die Früchte des Sieges zu genießen. Großbritannien wird einen genügend großen Vorrang auf dem Weltmarkt verlangen, um den Ausgang der Schlacht sicherzustellen, die es selbst schlägt : die um die Sicherung seiner Existenz aus eigener Kraft."

Marguerite Higgins berichtete weiter, daß nach britischer Ansicht die deutsche Produktion erhöht werden sollte, jedoch nicht bis zu einem Punkt, wo sie England und Frankreich in ihren Bemühungen stören könnte, im Ausland genug zu verkaufen, um die für beide lebenswichtigen Importe zu ermöglichen.

Ich hatte nicht die Absicht, mich zum Richter aufzuspielen,

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doch schien es mir hoch an der Zeit zu sein, daß die Amerikaner ein Faktum verstehen lernen mußten : da sie zweimal in Europas nie endende Kriege eingegriffen hatten, um eine Entscheidung durch Waffengewalt in dem Konflikt zwischen Deutschland und England um die politische und industrielle Vorherrschaft unter Verzicht auf eigenen Gewinn zu verhindern, konnten sie sich jetzt nicht mehr weigern, den Schiedsrichter zu spielen, wenn nicht ganz Europa als Folge seiner inneren Streitigkeiten der Sowjetunion unterliegen sollte.

Die Briten, die einen großen Teil ihres Kolonialreiches und ihrer Auslandsguthaben verloren hatten, befanden sich nun in einer Situation, die der der Deutschen zwischen den beiden Weltkriegen vergleichbar war. Die Deutschen aber, die eine Niederlage erlitten und Teile ihres Landes verloren hatten, waren nun in einer weit schlimmeren Lage. Die alte Handelsrivalität zwischen England und Deutschland mußte daher unvermeidlich zu einem halsabschneiderischen Konkurrenzkampf führen, in dem die Vorteile, die sich Großbritannien als Siegermacht boten, von der besseren Befähigung der Deutschen zu harter Arbeit ausgeglichen wurden und von Amerikas Interesse daran, daß Deutschland kein wirtschaftlicher Mühlstein am Halse der amerikanischen Steuerzahler wurde.

Auf der anderen Seite erschien der erbitterte Kampf der europäischen Nationen um die Märkte sinnlos, da die gesamte Welt die Waren, die sie erzeugen, dringend benötigte. Noch mehr : wenn es auch schwierig war, daß Deutschland und England sich wieder versöhnten, so hatten beide doch dasselbe Interesse daran, eine weitere Ausweitung Sowjetrußlands auf Europa zu verhindern. Man mußte irgendeinen Weg finden, diesen mörderischen Kampf zu beenden, wenn die westeuropäische und die amerikanische Zivilisation gerettet werden sollten. Dieses Problem und die verzweifelte Notwendigkeit, es zu lösen, wurden lediglich von dem leidenschaftlichen Appell an Haßgefühle und dem Wunsch verschleiert, sich an Deutschland, der Angreifernation, zu rächen.

Als ich gegen Ende November 1948 nach Berlin zurückgekehrt war, unternahm ich es nicht nur, die Ursachen unserer selbstmörderischen Reparationspolitik festzustellen, sondern auch nachzuforschen, warum die offiziellen Bekundungen der amerikanischen Militärregierung über die Demontagen mit den Tatsachen, wie ich sie erlebt hatte, nicht in Übereinstimmung zu bringen waren.

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Nachdem ich mit verschiedenen Beamten der Militärregierung gesprochen hatte, schien es mir, als seien beide Phänomene teils politisch, teils durch Unwissenheit zu erklären. Der getarnte Einfluß der noch übriggebliebenen Morgenthau-Boys, von denen sich noch einige in der Wirtschafts- und der Finanzabteilung der amerikanischen Militärregierung verbargen, hatte, so wollte es mir scheinen, den höchsten Stellen eine unvollständige, wenn nicht direkt falsche Darstellung des Gesamtkomplexes Demontagen vermittelt.

Sei es, weil sie mit dem Kalten Krieg um Berlin vollauf beschäftigt waren und sich daher auf zivile Untergebene für ihre Information über wirtschaftliche Probleme verlassen mußten, sei es wegen der Stimmung in der Heimat und der Weisungen aus Washington oder wegen des Zögerns der Briten und Franzosen, die die USA in ihrem Kampf gegen die Sowjetunion unterstützten : ich stellte jedenfalls fest, daß die höchsten Beamten der amerikanischen Militärregierung in Berlin sich weigerten, die Demontagen als eine Angelegenheit von äußerster Wichtigkeit zu betrachten.

General Hays, der Stellvertreter General Clays, der ganz bestimmt kein Racheapostel war, zeigte sich über die Kosten und die Wirkung der Demontagen offenkundig falsch informiert. Er nannte eine Zahl von nur 60 oder 80 Millionen Dollar als Wert für die Ausrüstung der 215 deutschen Fabriken in der amerikanischen Zone, die auf der Demontageliste standen. Diese Summe betrachtete er als nebensächlich, verglichen mit der Notwendigkeit, mit den Franzosen hinsichtlich des Ruhrgebietes zu einer Übereinkunft zu gelangen und einen westdeutschen Staat zu bilden.

General Hays akzeptierte nicht nur die rein fiktive, weil viel zu niedrige Ansetzung des Wertes der als Reparationen gelieferten Maschinen, er war auch, gleich vielen anderen Amerikanern, die in amerikanischen Begriffen von riesigen natürlichen Reichtümern und einer bedeutenden Industriekapazität dachten, der Auffassung, daß die deutschen Demontageverluste durch die Marshall-Plan-Hilfe sehr leicht ausgeglichen werden könnten. Als ich im Sommer General Clay interviewte, hatte ich bemerkt, daß er gleichfalls geneigt war, die deutschen Beschwerden nicht ernst zu nehmen und die Demontageverluste als unbedeutend und leicht behebbar zu betrachten.

Die Annahme, daß ein paar Millionen Dollar Marshall-Plan-

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Hilfe mehr die Verluste wettmachen könnten, übersah die sozialen und politischen Auswirkungen der Demontagen. Carlo Schmid, damals Führer der Sozialdemokraten in der französischen Zone, sagte mir in Bonn : "Die Menschen verlieren ihre Hoffnung und ihren Unternehmungsgeist. Da die Besatzungspolitik der Westmächte ihnen das Recht auf Arbeit und Unabhängigkeit verweigert, beginnen sie jetzt, Ausländer daraufhin zu prüfen, ob sie von ihnen etwas erhalten können oder nicht. Mit euren Demontagen und eurer übrigen Wirtschaftspolitik zerstört ihr unsere Moral und unsere Selbstachtung und macht uns zu Bettlern. Leute, die nur auf Wohltätigkeit hoffen, werden niemals imstande sein, dem Kommunismus Widerstand zu leisten."

Ich verstand die Hindernisse, die sich einer klaren Beurteilung der Lage in den Weg stellten, besser, als ich die Ansichten Mr. Wilkinsons, des Hauptberaters General Clays in Wirtschaftsfragen vernahm. Wilkinson, der seit Beginn der Besatzungszeit in Deutschland gearbeitet hatte und auf seinen Posten berufen worden war, als Morgenthau und dessen Freunde das Schatzamt leiteten, erklärte mir, daß es ihm völlig gleichgültig sei, was die Deutschen über die Demontagen dächten. Er erinnerte sich, wie er mir sagte, noch sehr deutlich an das, was die Deutschen in den von ihnen besetzten Ländern angerichtet hatten, als sie die Sieger gewesen waren. Er sagte mir, er könne keinen Deutschen leiden oder ihm vertrauen. Nachdem er so seine Bereitschaft bekundet hatte, die gesamte deutsche Nation zu verurteilen, erklärte mir Wilkinson, daß seiner Meinung nach die Deutschen vonseiten ihrer Bezwinger keinerlei Rücksichtnahme verdienten. Er war jedoch intelligent genug einzusehen, daß Europa sich erst erholen könnte, wenn man den Deutschen erlaubte, zu arbeiten und sie dazu ermutigte. In seinem Berliner Büro sagte er zu mir : "Genauso wie Sie ein Pferd erst dann dazu bringen können zu arbeiten, wenn Sie ihm genug zu fressen geben, muß auch das deutsche Volk sattgemacht werden, damit es genug arbeitet."

Diese invertierte nationalsozialistische Denkweise des Hauptwirtschaftsberaters General Clays erklärte mir weitgehend die sonst völlig unverständliche Politik, deren Anwendung ich in der amerikanische Zone beobachtet hatte. Rassische Antipathien oder blindwütiges Streben nach Vergeltung an einem besiegten Volke schließen von vornherein wahres staatsmännisches Handeln aus. Indem sie derartige Gefühle ausnutzten, waren die

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Kommunisten imstande, uns zur Führung einer Politik zu überreden, die unseren eigenen Interessen diametral widersprach. Ich war daher gar nicht erstaunt, als mir Wilkinson ein Exemplar der letzten Ausgabe der Zeitschrift der Gesellschaft zur Verhinderung des Dritten Weltkrieges überreichte und mich bat, den darin abgedruckten Artikel über Demontagen und Reparationen zu lesen. Er war, ich nahm es wenigstens an, sich überhaupt nicht darüber klar, wie die Art, in der das Propagandaorgan dieser berüchtigten Organisation Haß und Rache predigte, den Kommunisten half. Nachdem ich in Berlin mit Wilkinson gesprochen hatte, konnte ich besser verstehen, warum in der amerikanischen Zone demontiertes Material noch immer in die kommunistischen Länder Osteuropas gebracht wurde. Ein Beispiel dafür war die Rosenheimer Firma Martin Beilhack; noch im Februar 1949 wurden 115 Tonnen dort demontierter Maschinen in die Tschechoslowakei, 190 Tonnen nach Jugoslawien abtransportiert. Auch eine Horizontal-Schmiedepresse mit einem Druck von 900 Tonnen wurde den tschechischen Kommunisten überantwortet. Die Tatsache, daß die Firma Beilhack nach dem ERP-Programm neue Maschinen für den Bau von Güterwagen erhalten soll, zeigte, was die Demontagen zugunsten der Sowjetunion und ihrer Satelliten die USA kosteten.

Sir Cecil Weir, der britische Reparationschef, den ich am nächsten Tag interviewte, konnte man nicht beschuldigen, ein Deutschenhasser wie sein amerikanischer Kollege zu sein. Er ist ein freundlicher kleiner Herr, der weit davon entfernt war, die Deutschen wie Arbeitstiere zu behandeln, ein Mann voll menschlicher und anständiger Regungen. Unglückseligerweise hatte er offenkundig keine Ahnung davon, was im Ruhrgebiet geschah. Immer und immer wieder versicherte er mir, daß keinerlei Maschinen als Reparationsgüter abmontiert würden, deren die deutsche Wirtschaft noch bedurfte. Ich gelangte zu der Überzeugung, daß er selbst an seine Versicherung glaubte, daß Reparationen nicht Fabriken entnommen wurden, die den wichtigsten Bedarf der deutschen Friedensindustrie erzeugt en und daß niemals ein Sieger eine besiegte Nation so gut behandelt habe wie das die Westmächte mit den Deutschen täten. Es war sinnlos, ihm zu erklären, daß er falsch informiert sei. Er wollte ganz einfach nicht glauben, daß ich selbst demontierte Maschinen gesehen hatte, die alles andere als nicht lebensnotwendig waren und daß viele davon auf den Schrotthaufen gewandert waren.

Wilkinsons eiskalter Haß gegen das deutsche Volk hatte mich

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entsetzt, doch Sir Cecil Weir zwang mich, darüber nachzudenken, ob nicht die Ignoranz hochgestellter Mitglieder der Militärregierung der Sache der Demokratie in Europa ungleich mehr geschadet habe als der Rassenhaß der Morgenthau-Boys. Nachdem ich Deutschland verlassen hatte, fragte ich mich, ob Sir Cecil überhaupt wußte, daß seine Untergebenen das Rüstungswerk Bobreck der Firma Krupp der Sowjetunion ausgeliefert hatten. Die Londoner Times berichtete darüber am 20. Dezember 1948, aber es ist möglich, daß Sir Cecil trotzdem davon nichts wußte.

Mein Interview mit Mr. McJunkins, dem Chef der Reparationsabteilung der amerikanischen Militärregierung und Untergebenem von Mr. Wilkinson, war weit weniger ergiebig. Nach McJunkins Äußerungen zu schließen, hatte die amerikanische Militärregierung gar keine andere Wahl, die der Tschechoslowakei, Jugoslawien und anderen kommunistischen Ländern versprochenen Reparationsgüter auch zu liefern. Dieser Mann war ein Musterbeispiel für einen Beamten, der seine Befehle ohne Voreingenommenheiten oder Begünstigungen ausführte. Ich konnte mir kein Urteil darüber bilden, ob er selbst die Verantwortung für die Anordnungen zur Demontage und zum Abtransport jener Maschinen in der amerikanischen Zone trug, die zum Wiederaufbau Deutschlands und Europas hätten beitragen können. Er zeigte niemals seine persönlichen Antipathien so, wie das Wilkinson getan hatte, er war aber der Hauptverantwortliche für die Sabotierung des Marshall-Plan-Programmes durch lokale amerikanische Behörden in der amerikanischen Zone.

Eine Erfahrung, die ich im November in Berlin machte, gab mir Grund, auf eine künftige intelligentere Politik der USA zu hoffen. Die amerikanische Militärregierung hatte damit begonnen, den revidierten Industrieplan nicht mehr als Mittel dafür zu betrachten, die deutsche Wirtschaft für alle Zeiten an die niedrigen Kapazitäten zu fesseln, die für sie vorgeschrieben waren; diese wurden nunmehr lediglich als Schätzungen für das Ausmaß der als Reparationsgüter zu demontierenden Anlagen betrachtet. In der Praxis wurde in der amerikanischen Zone den Deutschen kein Hindernis in den Weg gelegt, neue Maschinen zum Ersatz für die demontierten alten aufzustellen, falls die Fabrikbesitzer dazu imstande waren. Die Briten und Franzosen hatten sich jedoch diese Ansicht nicht zu eigen gemacht und es will auch so scheinen, als sei sie nicht von Anfang an bestimmend für die amerikanische Haltung gewesen. Es war wohl eher so gewesen,

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daß die amerikanischen Behörden sich dem Umschwung der internationalen Lage angepaßt hatten, ohne zuzugeben, daß der Industrieplan von allem Anfang an ein Fehler gewesen war. Sie stoppten weder die Demontagen noch die Reparationslieferungen, zu denen sie sich durch frühere Abmachungen verpflichtet fühlten, sie sahen aber nun ein, daß man die Deutschen mit allen Kräften produzieren lassen mußte, wenn man Europa instandsetzen wollte, der kommunistischen Bedrohung zu widerstehen und wenn man von den Schultern der USA die Bürde dauernder jährlicher, in die Milliarden gehender Hilfen für Europa nehmen wollte.

Was aber die Stahlproduktion betraf, so wurde die in diesem Plan festgelegte Kapazität von 10,7 Millionen Tonnen noch immer als dauernde Höchstgrenze betrachtet, obwohl Europa Stahl dringend benötigte und trotz der Belastungen, der die amerikanische Wirtschaft ausgesetzt war, wenn sie auch nur einen Teil des ehemaligen europäischen Defizits decken wollte. Nach dem Herter-Bericht mußte die Erfüllung auch nur der dringendsten Erfordernisse der 16 europäischen Staaten, die Marshall-Plan-Hilfe erhielten, das Stahldefizit der USA von 1,6 auf 5 Millionen Tonnen erhöhen.

Die ganze Nutzlosigkeit, Dummheit und Kostspieligkeit des Demontageprogramms wird am besten durch den einen langen Zeitraum umfassenden Bericht der Vertreter der amerikanischen und britischen Zone in der OEEC vom Oktober 1948 illustriert. Dieser Bericht empfahl eine zehnprozentige Erhöhung der deutschen Produktionskapazität über den Stand von 1936; sie sollte bis 1952 mit Hilfe des Marshall-Planes erreicht werden. Beamte der Marshall-Plan-Behörde in Washington waren sogar der Meinung, daß eine noch größere Steigerung erforderlich wäre — 15 oder 20 statt 10 Prozent —, falls Deutschland instandgesetzt werden sollte, sich selbst zu unterhalten.

Während die USA also noch die westdeutsche Kapazität durch Demontagen auf drei Viertel des Standes von 1936 beschnitten, planten sie bereits, sie mit Hilfe der von den amerikanischen Steuerzahlern aufzubringenden Summen um 10 oder 15 Prozent zu erhöhen.

Niemand wagte zu dieser Zeit noch zu behaupten, daß mit Hilfe der Demontagen nur überflüssige Anlagen weggeschafft werden sollten. Der revidierte Industrieplan von 1947 wurde in dem Augenblick eine Absurdität, als wir planten, die in deutschen

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Fabriken demontierten Maschinen zu ersetzen. Der Vertreter der Marshall-Plan-Behörde in Deutschland drückte das mit folgenden Worten aus : "Wir stoßen heute in Westdeutschland auf die paradoxe Situation, daß auf der einen Seite Hilfe von außen für den Wiederaufbau gegeben wird, während auf der anderen Restriktionen auferlegt werden, die das zugestandene Ausmaß dieses Wiederaufbaues begrenzen. Nach dem heute geltenden Demontageprogramm wird ein bestimmter Prozentsatz der Industrie entweder weggeschafft oder zerstört."

Dem Argument des amerikanischen Außenministeriums, daß die Knappheit an Arbeitskräften und Material die Ausschöpfung der deutschen Produktionskapazität ausschließe und daß daher Reparationslieferungen sowohl wirtschaftlich wie moralisch gerechtfertigt seien, fehlte damit jegliche Beweiskraft. Für die OEEC-Behörden stand damals fest, daß es in Deutschland auch dann noch Arbeitslosigkeit geben werde, wenn der Marshall-Plan, so wie er jetzt aussah, ausgeführt würde. Was die Knappheit an Rohmaterialien betrifft, so war es sicherlich eines der Hauptziele des Marshall-Planes, die Länder Europas instandzusetzen, diejenigen Materialien erwerben zu können, die es ihnen erlaubten, sich selbst zu erhalten, statt von amerikanischen Gaben abhängig zu bleiben.

Löcher im Boden auszuschachten und die Arbeitslosen dafür zu bezahlen, daß sie diese Locher wieder zuschütteten — wie das in den Jahren der Wirtschaftskrise in den USA geschah —, war ein im Vergleich zur Nachkriegspolitik der USA in Deutschland wirtschaftlich gesehen höchst lobenswertes Unterfangen.

Der Preis der Vergeltung ist aber bei weitem höher als der für Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit. Das amerikanische Außenministerium erklärte noch am 2. Februar 1948, daß der Angreifer unbestreitbar die Pflicht habe, ein Höchstmaß an mit den wirtschaftlichen Gegebenheiten zu vereinbarenden Reparationen zu leisten. Es mochte damit recht haben oder nicht, der springende Punkt war aber jetzt, daß die wirtschaftlichen und politischen Realitäten die Beendigung der Reparationsleistungen und den Wiederaufbau Deutschlands als einen entscheidenden Teil eines sich selbst erhaltenden Europas verlangten. Es mußte fähig sein, der kommunistischen Propaganda und den sowjetischen Angriffsgelüsten zu widerstehen, ohne an die USA und deren Hilfsquellen unerfüllbare Ansprüche stellen zu müssen.

So, wie es um 1948 in der Welt aussah, durfte es nicht unser

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Unterfangen sein, auf der Grundlage unvollständiger Informationen die Reduzierung der deutschen Produktion zu planen, wir hatten vielmehr die Pflicht, zu der höchstmöglichen Produktionsleistung anzuspornen. Nur wenn wir das Streben nach Gewinn wiederbelebten, wenn wir zur Initiative, zur Selbsthilfe und zu harter Arbeit ermutigten, konnten Deutschland und Europa wieder aus eigener Kraft leben und aufhören, ein Mühlstein um den Hals des amerikanischen Volkes zu sein.

1949/1950 haben die amerikanischen Steuerzahler nahezu eine Milliarde Dollar für Deutschland aufgebracht (987 Millionen Dollar); 573400000 Dollar waren Zuteilungen an die Armee zur Verhütung von Seuchen und Unruhen, 414 Millionen stammten aus dem Europäischen Wiederaufbauprogramm und waren hauptsächlich Rohstofflieferungen. Die Gesamtsumme der ERP-Hilfe für 1949/1950 wurde auf 881600000 Dollar geschätzt, doch die Marshall-Plan-Behörden waren der Ansicht, daß der darin enthaltene Betrag für Kapitalinvestitionen zu niedrig sei, um einen ausschlaggebenden Beitrag zum Wiederaufbau eines sich selbst erhaltenden Deutschland leisten zu können.

Die Belastung der amerikanischen Wirtschaft durch das ERP-Programm mußte beträchtlich verringert werden, wenn den Demontagen Einhalt getan, der revidierte Industrieplan in den Papierkorb geworfen wurde und wenn man Deutschland gestattete, die Länder Westeuropas mit Stahl, Maschinen und anderen Industrieerzeugnissen zu beliefern, die jetzt noch die USA zu liefern hatten.

Es bestand kaum ein Zweifel darüber, daß dann, wenn die amerikanische Öffentlichkeit mit der tatsächlichen Lage bekanntgemacht wurde, die Nachkriegspolitik, die der Londoner Economist als eine Politik des Deutschland in Ketten und Europa in Lumpen zu halten bezeichnet hatte, völlig aufgegeben wurde, statt wie jetzt noch mit Hilfe amerikanischer Zuschüsse gemildert zu werden.

Unglücklicherweise wurden es die meisten Amerikaner nicht gewahr, bis zu welchem Grade ECA und amerikanisches Außenministerium den britischen Wünschen nach der Ausschaltung der deutschen Konkurrenz und der blinden Furcht der Franzosen nachgegeben hatten. Als das Außenministerium am 13. April 1949 bekanntgab, daß mit den Regierungen Großbritanniens und Frankreichs ein endgültiges Abkommen über die Demontagen erzielt worden sei, hat die gesamte amerikanische Presse es

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nicht deutlich zu machen vermocht, daß die Zerstörungen auf unsere Kosten weitergeführt würden.

Der Humphrey-Ausschuß, dessen Bericht zur gleichen Zeit veröffentlicht wurde, hat 381 der ursprünglich etwa 900 auf der Demontageliste von 1947 stehenden Fabriken inspiziert und dann vorgeschlagen, nur 148 von ihnen als Ganzes und weitere 19 teilweise in Deutschland zu lassen. Das Außenministerium gab dann auch noch den Wünschen der Briten und Franzosen hinsichtlich der wichtigsten Werke nach, deren Verbleiben in Deutschland die Marshall-Plan-Behörde empfohlen hatte; darunter befanden sich die August-Thyssen-Hütte, die Bochumer Eisen- und Stahlwerke sowie die Kunstdüngerfabrik in Oppau. Der ECA-Ausschuß hatte vorgeschlagen, daß nur 21 der 84 der von ihm inspizierten Stahlwerke bleiben sollten und gestattet, daß 47 demontiert und Teile von 16 weiteren für Reparationslieferungen verwendet werden sollten. Das Außenministerium war noch weitergegangen und hatte der Demontage der fünf größten und leistungskräftigsten Stahlwerke zugestimmt, deren Verbleiben die ECA-Behörde empfohlen hatte. Trotz der sehr ernst zu nehmenden Energieknappheit in Deutschland, die eine weitere Erholung seiner Wirtschaft verhinderte, hatte das Außenministerium genehmigt, daß 2 Kraftwerke abgerissen wurden. Das gleiche traf für die chemische Industrie zu : 43 Werke wurden als Reparationsgut freigegeben und nur 32 der insgesamt 75 inspizierten blieben zurück. Auch dieses Demontageabkommen hat also das ursprüngliche Programm nur wenig modifiziert und daher das Bild, das in diesem Kapitel gegeben wurde, nicht grundlegend geändert.

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