Kapitel IV

Tragödie im Siegerland

Berechnungen, die sich um Milliarden drehen und Statistiken über dieses und jenes begreift der menschliche Geist schwerer als individuelle Tragödien. Mein Besuch im Siegerland — in der Südostecke der britischen Zone — setzte mich in den Stand, die humane Seite jener in Berlin aufgestellten Demontagepläne zu begreifen, bei denen man ohne jede Rücksicht auf die sozialen und politischen Folgen oder den Ruin vorging, dem man damit unschuldige Menschen überlieferte.

Das Siegerland hat seinen Namen von einem Fluß, der unterhalb von Bonn in den Rhein mündet, nachdem er sich zuerst durch ein wunderschönes Tal am Rande des Westerwaldes gewunden hat. Die Stadt Siegen, die gleich Rom auf sieben Hügeln erbaut wurde, ist über 700 Jahre alt und Zentrum einer Industrie, die sich auf das in den umliegenden Hügeln gefundene Eisenerz gründet. Diese Erzlager, obwohl nach modernen Begriffen nicht übermäßig reichlich, sind von guter Qualität und werden seit dem vierten Jahrhundert nach Christus verhüttet. Vor über einem Jahrhundert, als Preußen das Deutsche Reich zusammenschmiedete, hatten die Siegener Eisenhüttenbesitzer begonnen, eine moderne, hochspezialisierte Industrie zu entwickeln. Auch jetzt noch waren fast alle Siegener Werke klein und im Privatbesitz; seit jeher waren Geschicklichkeit, Wagemut und harte Arbeit ihre Grundlagen gewesen, nicht aber großer Kapitalbesitz und die Hilfen der Regierung.

Die Arbeiter von Siegen, von denen die meisten ihr ganzes Leben lang in einer einzigen Fabrik tätig sind und die auch ihre Söhne dorthin schicken, fühlen sich selbst als Teil dieses Unternehmens. Viele Werksbesitzer haben als Arbeiter begonnen. Klassenunterschiede kennt man hier fast gar nicht. Einige Arbeiter besitzen kleine Bodenparzellen, die sie an den waldigen Hügelflanken gerodet haben, oder Gärten und lassen eine Kuh auf Gemeindeland weiden. Einige von ihnen kommen aus kleinen, 20 oder 30 Kilometer entfernten Walddörfern nach Siegen zur Arbeit. Die Industrie verschafft ihnen einen Teil, doch nicht ihr ganzes Einkommen.

Weder Nazis noch Kommunisten hatten jemals in den Städten und Dörfern des Siegerlandes viel ausrichten können, wo nahezu

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alle Leute einen Anteil an einem Privatunternehmen besitzen und fast alle gläubige Protestanten sind. Dieses Land hier glich dem Deutschland der Tage vor Hitler und vor Preußen. Dies hier waren jene friedfertigen Deutschen, die den USA einige ihrer besten Bürger schenkten : ein tiefreligiöses, fleißiges, hart arbeitendes Volk, unter dem Bauern, Handwerker und Techniker vorherrschen.

Diesem Siegerland drohte nun der Ruin. 28 Fabriken waren bereits demontiert worden oder wurden demontiert; ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung hatte seine Haupteinnahmequelle verloren. Die Russen hätten kaum bessere Arbeit leisten können bei der Zerstörung von Privateigentum, der Ausschaltung des freien Unternehmungsgeistes und der darauf gegründeten freien Institutionen und damit als Wegbereiter des Kommunismus, als dies die Briten im Siegerland taten.

Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Siegen trotz der rauchenden Fabrikschornsteine einer mittelalterlichen Stadt geglichen, mit seinen engen Gassen, dem schönen alten Rathaus und dem die Stadt beherrschenden, von weiten Wällen umgebenen Schloß der Prinzen von Oranien und Nassau. Zwei Bombenangriffe hatten über die Hälfte der Stadt völlig zerstört, ein weiteres Viertel zum Teil. Während der Luftangriffe waren viele Fabriken zerschlagen und viele Menschen getötet oder verstümmelt worden; andere hatten während der schweren Kämpfe sterben müssen, die sich abspielten, bevor die deutsche Armee die Brücken sprengte und sich nach Norden zurückzog. Die Überlebenden hatten begonnen, wieder an die Arbeit zu gehen; sie hatten erwartet, daß sie nun endlich wieder in Frieden die Früchte ihrer Arbeit genießen konnten, so schwer auch die Mühe des Wiederaufbaues sein mochte. Im Herbst 1948 hatten sie jedoch etwas zu befürchten, was viel schlimmer war als sogar die Bombenangriffe : die Ruinierung ihres Landes durch die Eroberer, die jetzt daran gingen, die Maschinen wegzunehmen, ohne die diese Menschen nicht länger ihr Brot verdienen konnten. Eines der ältesten Industriezentren Europas war in Gefahr, durch die Demontagen vernichtet zu werden.

Obwohl es niemals ein Zentrum der Kriegsindustrie und niemals eine Hochburg der Nationalsozialisten gewesen war, war geplant, dem Siegerland relativ mehr von seiner Produktionskapazität zu rauben als jedem anderen Industriegebiet Deutschlands. Das Siegerland war nur 124 Quadratkilometer groß und hatte an die 35000 Einwohner, sollte aber 25 Fabriken verlieren.

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Auch in einigen Orten in seiner Nachbarschaft wurden Fabriken demontiert, womit deren Gesamtzahl auf 28 stieg. Ursprünglich hatten 29 auf der Liste gestanden, doch eine, die einem Katholiken — eine Seltenheit in Siegen — gehörte, war durch die Intervention eines Kardinals gerettet worden.

Der Ruin eines Unternehmens zog viele andere in Mitleidenschaft, die von ihm als Zulieferer oder Kunden abhingen. Mindestens ein Viertel der Bevölkerung verlor sein Einkommen und sogar schon vor den Demontagen zählte man bereits 1500 Arbeitslose. Siegen mußte nicht nur für seine eigene Bevölkerung sorgen, unter der man 1600 arbeitsunfähige Personen zählte und zu der auch die Witwen und Waisen der in Rußland Gefallenen und die Familien der immer noch in Rußland als Kriegsgefangene zurückgehaltenen Männer gehörten. Die Stadt hatte auch eine große Zahl von aus Ostdeutschland Vertriebenen unterzubringen und zu ernähren. In beschädigten Baracken war ein großes Durchgangslager eingerichtet worden, das bereits eine Viertelmillion dieser erbarmenswerten Opfer rassischer Verfolgung passiert hatten; andere sollten noch kommen. 3000 deutsche Flüchtlinge waren ständig in der Stadt untergebracht und mußten ernährt und bekleidet werden; man mußte ihnen Möbel geben und versuchen, sie auf geringstem Raum in bombenzerstörten Häusern und den Kellern unterzubringen, in denen bereits die einheimische Bevölkerung lebte.

In Siegen erfuhr ich, daß zu dieser Zeit im gesamten Deutschland nur eines von vier oder fünf Kindern ein eigenes Bett besaß und daß fünf Millionen Kinder, von denen die Hälfte aus den verlorenen Ostgebieten kamen, Waisen waren.

Siegens Hinterland, das die Stadt früher ernährt hatte, lag nun in der französischen Zone, wo alle landwirtschaftlichen Produkte rücksichtslos zugunsten der französischen Verbraucher weggenommen wurden. 1946 lebte die Bevölkerung Siegens am Rande des Hungertodes und sogar noch 1947 mußte sie mit weniger als 1000 Kalorien pro Tag auskommen. Die Tuberkulose hatte alarmierend zugenommen. Vierzehn- und fünfzehnjährige Kinder, die bereits arbeiten mußten, sahen nicht älter aus als Zehn- und Elfjährige, so sehr waren sie im Wachstum zurückgeblieben.

Der britische Reparationsoffizier in Siegen erzählte mir, daß er seine Arbeit hasse und sich wie ein Verbrecher vorkomme, vor allem darum, weil Siegen ihn an seine Heimat Nordengland erinnere. Er nannte die Stadt ein Sheffield im kleinen. Er berichtete

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mir, daß er bisher sein ganzes Leben lang Konstrukteur gewesen sei, daß er im Alter von zwölf Jahren als Lehrling in eine große Maschinenfabrik in Lancashire eingetreten sei und sich in eine wichtige Stellung emporgearbeitet habe. "Mir will es nicht in den Kopf, daß es rechtens ist, Maschinen zu zerstören, doch wenn ich nicht auf diesem Posten bleibe, dann übernimmt ihn irgendjemand anderer; ich mache den Versuch, das Demontageproblem zu erfüllen, indem ich so wenig Schaden als möglich dabei anrichte", sagte er.

Der Gegensatz zu diesem höflichen und bescheidenen Engländer war der britische Militärgouverneur dieses Gebietes, der mit der Linken sympathisierte, sich sehr von oben herab benahm und eine bösartige Freude daran bekundete, die Deutschen unter dem Deckmantel des Sozialismus zu ruinieren. Sein Verhalten im privaten Bereich war ebenso unsauber, denn er hatte einen Mann aufgrund falscher Anschuldigungen ins Gefängnis geschickt, um eine deutsche Frau verführen zu können. Sein Opfer sprach gut Englisch und war Dolmetscher für die Deutschen. Er hatte Frau und Kind, die er von Herzen liebte. Um die Frau, für die sich der Gouverneur interessierte, bewarb er sich nicht, hatte sie aber vor den rüden Annäherungsversuchen des britischen Majors beschützt. Das alles glich einem Schundfilm, doch solche Dinge gibt es und daß diese Geschichte wahr ist, bekundete mir der Arzt, der auf Kosten des britischen Majors der betreffenden Dame ein Kind abgetrieben hatte.

Die Fabriken, die in Siegen demontiert wurden, stellten Bergwerks- und Eisenbahnmaterial, Rohre und Flanschen, Schweißlampen und Schneidbrenner, Walzwerksausrüstungen, Maschinen für die Nahrungsmittelindustrie, Stahlbehälter für den Transport von Gasen, Kraftfahrzeugteile, Küchenutensilien, Mülltonnen und andere für eine Friedenwirtschaft benötigte Güter her. Die einzige wirklich große Fabrik, die demontiert wurde, waren die Waldrich-Eisen- und Stahlwerke, die an die Tschechoslowakei ausgeliefert wurden. Eine kleinere Fabrik der Rüstungsindustrie — die Inko-Werke, die Flammenwerfer fabriziert hatten und deren Besitzer Nationalsozialist gewesen war — wurde nicht demontiert und baute nun Schreibmaschinen.

Viele der Siegener Fabriken hatten aufgrund der von den Briten für den eigenen Gebrauch erhobenen Forderungen bereits die meisten wertvollen Maschinen verloren. In anderen Fabriken wurden jetzt ebenfalls die am dringendsten benötigten Maschi-

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nen ausgebaut, sogar dann, wenn diese Unternehmen nicht auf der Liste derer standen, die für eine völlige Zerstörung ausersehen waren.

Da war zum Beispiel der Fall des Herrn Steinmetz, den ich antraf, als er im Garten hinter seiner kleinen Fabrik an einem Samstagnachmittag Äpfel pflückte. Ihm waren bereits seine Maschinen zum Polieren und Schneiden von Metall weggenommen worden. Er hatte sich erboten, einen neuen Kran statt des alten zu kaufen, den er dank einem glücklichen Zufall hatte erwerben können. Sein Angebot war abgeschlagen worden, obwohl der alte Kran in zwei Teile verschnitten werden mußte, damit man ihn abbauen konnte. Dieser alte Kran mußte auf dem Schrotthaufen landen, obwohl Herr Steinmetz Aufträge im Wert von 100000 Dollar zu erfüllen hatte. Da er nun nicht mehr imstande war, diese niederländischen und belgischen Bestellungen von Metallbearbeitungsmaschinen auszuführen, ging diese ausländische Valuta der deutschen Wirtschaft und den amerikanischen Steuerzahlern verloren.

Die Entscheidungen der britischen Behörden in Düsseldorf waren völlig unberechenbar. In einem Fall nahmen sie einen neuen Kran für den zum Abbruch bestimmten alten zwar an, befahlen aber, daß dieser neue Kran sofort in Schrott verwandelt werden sollte !

Die meisten der in Siegen demontierten Maschinen, die ich sah, konnten niemals wieder in anderen Ländern aufgestellt und benutzt werden. Sie waren für ganz spezielle Zwecke gebaut worden und viele von ihnen waren viel zu alt, um von anderen als den sehr geschickten Arbeitern Siegens bedient zu werden, die daran Jahrzehnte gearbeitet hatten. Viele andere Maschinen konnten überhaupt nicht mehr ersetzt werden, da sie nur in der Sowjetzone hergestellt wurden.

In jeder der neun von mir besuchten Siegener Fabriken hatten die Vertreter der zum Empfang von Reparationslieferungen berechtigten Länder kein Interesse bezeugt, die demontierten Maschinen zu bekommen. Sie alle wurden weggenommen, um dann in irgendeiner Lagerhalle zu verrosten. Das gleiche galt auch für die meisten anderen für die Demontage bestimmten Maschinen. Die Briten zerstörten die Lebensgrundlagen Tausender von Menschen ohne jeglichen Sinn und Zweck, es sei denn, um Rache zu üben oder — in einigen Fällen — zum Nutzen der britischen Konkurrenten Deutschlands auf den europäischen Märkten.

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Mein traurigstes Erlebnis war der Anblick von Herrn Fuchs, einem 68jährigen, der seinen einzigen Sohn im Krieg verloren hatte und der in seinem ganzen Leben nicht einen einzigen Urlaubstag genossen hatte und dessen ganzes Dasein nur seiner Fabrik galt, die ausschließlich Staurohre für das Ruhrgebiet lieferte. Rohre aus sehr widerstandsfähigem Stahl, durch die — um das Einstürzen der Wände zu verhindern — unter starkem Luftdruck Schutt in die Hohlräume unter Tage geblasen wurde, aus denen die Kohle weggeräumt worden war.

Aus der Fabrik des Herrn Fuchs waren bereits sämtliche Maschinen weggeschafft worden, sein Lebenswerk lag in Trümmern. Zu welchem Zweck ? dachte ich bei mir, als wir in den leeren Hallen standen. Er berichtete mir, daß, nachdem sein Sohn gefallen war und die Bomben nur die Wände seiner Fabrik hatten stehen lassen, es ihm und seinen treuen Arbeitern eben geglückt war, die Gebäude wiederaufzubauen und die Maschinen zu reparieren, als die Briten mit dem Demontagebefehl kamen.

Die Zweizonenverwaltung hatte seine Fabrik auf die Liste der lebenswichtigen Betriebe gesetzt, kein fremdes Land wünschte die Maschinen und diese verrotteten nun in einer Lagerhalle. Herr Fuchs war ruiniert und seine 130 Arbeiter samt ihren Familien hatten ihren Lebensunterhalt verloren. Ich war den Tränen nahe, als ich dem armen alten Herrn auf Wiedersehen sagte. Herr Fuchs war zu alt, um von neuem zu beginnen.

Andere, etwa Herr Hensch, dessen Fabrik ich am gleichen Tage besichtigte, ließen mich fühlen, daß die Grausamkeit und Stupidität der Besatzungsmächte die Deutschen auf die Dauer nicht zu Boden zwingen konnten. Wir mochten noch so sehr versuchen, sie zu Bettlern zu machen, sie versuchten mit allen Kräften, wieder an die Arbeit zu gehen. Vom völligen Ruin bedroht, da die Briten seine sämtlichen Schmelzöfen zerstört und alle seine Maschinen demontiert hatten, war es Fritz Hensch auf die eine oder andere Weise doch gelungen, sein Werk wieder in Gang zu bringen. Seine Siegerthaler Eisenwerke im Dorf Eisenfeld produzierten riesige Vakuum-Kochkessel für die Nahrungsmittelindustrie und Flansche für große Rohre. Man hatte ihm gestattet, ein paar Maschinen einige Wochen zu behalten, um einen Auftrag der Irak-Petroleum-Gesellschaft ausführen zu können, da keine britische Fabrik imstande war, die geforderten riesigen Flansche zu liefern. Sobald dieser Auftrag erfüllt war, sollte die Demontage vollendet werden. Seine zehn Krane und seine Schweißmaschi-

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nen — eigens für sein Werk gebaut und daher für andere völlig nutzlos — sollten auf dem Schrotthaufen landen.

Hensch hatte als Lehrling ohne einen Pfennig in der Tasche begonnen, er war eines der zehn Kinder eines Schneiders. Jahre hindurch hatte er am Aufbau seiner Fabrik gearbeitet, hatte mühevoll Maschine auf Maschine gekauft, von denen jede nach seinen Wünschen für seine speziellen Zwecke gebaut worden war. Die Produktion war so hervorragend organisiert, daß jeder Arbeiter sich mittels der im Dachgebälk eingebauten vielen kleinen Krane selbst helfen konnte.

Dieser Mann liebte seine Maschinen, kannte jedes Detail jedes Produktionsvorganges in seiner Fabrik und hatte den Stolz eines Handwerkers auf das, was er produzierte. In mittleren Jahren mager und drahtig, mit vor Intelligenz funkelnden Augen, war Herr Hensch die lebende Verkörperung freien Unternehmertumes, das nicht getötet werden kann, so sehr man es auch in Deutschland jetzt auszulöschen suchte.

Der Wert der 300 Tonnen zu demontierender Maschinen war 1938 auf eine halbe Million Mark geschätzt worden; ihre Ersetzung würde jetzt eineinhalb Millionen D-Mark kosten, doch die Briten hatten sie auf der Reparationsliste mit nur 160000 Mark bewertet. Hensch hatte kein Geld, um die für die Zerstörung bestimmten Maschinen zu ersetzen, doch baute er jetzt einen neuen Schmelzofen mit den Ziegeln der zerstörten alten Öfen und es war ihm gelungen, eine neue Maschine bei einem in einer anderen Stadt lebenden Freund zu borgen. Dieser Mann war die Verkörperung des deutschen Volkes, das man zu Boden geschlagen und auf dem man herumgetrampelt hatte, das sich weigerte zu sterben, das sich wieder schwankend auf die Füße gestellt und nun wieder zu kämpfen begonnen hatte.

Die Gebrüder Bender, deren Fabrik ich ebenfalls aufsuchte, waren beide dick und untersetzt und ihre Gesichter glichen sich so sehr, daß ich den einen vom anderen nicht zu unterscheiden vermochte. Sie waren alt und schienen sich in ihr Schicksal ergeben zu haben, das ihre Fabrik ruinierte, obwohl diese, wie die von Herrn Fuchs, Röhren für die Zechen im Ruhrgebiet produzierte. 90 Prozent der Produktion dieser wichtigen Ausrüstung für beide Zonen mußte vernichtet werden, wenn die Maschinen der Benders denen des Herrn Fuchs auf den Schrotthaufen folgten. Einer der Gebrüder Bender hatte einen Sohn, der so beredsam war, wie sein Vater und sein Onkel schweigsam waren. Der

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junge Bender war als Kriegsgefangener in den USA gewesen und sprach fließend einen typisch amerikanischen Slang; er hoffte, daß es ihm gelingen werde, nach Amerika auszuwandern, wo er Verwandte hatte. Er wußte nur zu gut, daß die Bendersche Fabrik irrtümlich demontiert wurde, als eigentlichen Grund betrachtete er jedoch die britische Konkurrenz. Auf der Demontageliste standen Kessel, Tanks und Rohre für Ölleitungen, aber keinesfalls Staurohre. Der junge Bender war der Meinung, daß irgendein ahnungsloser britischer Beamter den Unterschied zwischen der einen Röhrenart und der anderen nicht kannte; er wußte aber, daß die Briten die deutsche Konkurrenz bei der Produktion des Zubehörs für Pipelines zu vernichten wünschten und hatte deshalb die Bendersche Fabrik auf die Demontageliste gesetzt. Dieser junge Herr Bender war der erste, der mich darauf aufmerksam machte, daß Demontagen in großem Umfang erst nach der Währungsreform vom Juni 1948, die alle Ersparnisse vernichtet hatte, eingesetzt hatten. Wäre sie eher gekommen, wären die Fabrikbesitzer möglicherweise imstande gewesen, neue Maschinen zu erwerben und die deutsche Konkurrenz wäre dann für die Briten noch immer gefährlich gewesen.

Die Demontagen nahmen wie die Bomben oder der Regen keine Rücksicht auf Gerechte und Ungerechte. Bei der Auswahl der zu zerstörenden Fabriken hatte man offenkundig über den Daumen gepeilt und nicht die Absicht gehabt, die Schuldigen zu bestrafen und diejenigen zu schützen, die aller Wahrscheinlichkeit nach imstande waren, Deutschland in eine Demokratie zu verwandeln. Der Fall der Familie Weber, bei denen ich in Siegen wohnte und die ich sehr nahe kennenlernen sollte, war ein Beispiel dafür.

Während ihre vier Söhne in Rußland fochten, hatten die verwitwete Frau Weber und ihre sehr junge Tochter Margarita Schwierigkeiten mit den Nazibonzen bekommen, weil sie die in der Weberschen Fabrik arbeitenden französischen und russischen Kriegsgefangenen sehr anständig behandelten. Frau Weber hatte den armen Teufeln, die tagsüber in ihrer Fabrik arbeiteten und nachts in einem kleinen Haus im hinteren Teil ihres Gartens schliefen, warme Mahlzeiten vorgesetzt. Einer der Kriegsgefangenen war ein junger Franzose, der hin und wieder vom vergitterten Fenster seines Gefängnisses aus mit Margarita sprach, wenn diese abends im Weberschen Gemüsegarten arbeitete. René war schwächlich und an harte körperliche Arbeit nicht gewöhnt,

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und die gutherzige Frau Weber, die eines Tages zusehen mußte, wie er unter einer schweren Last ins Taumeln geriet, hatte ihm Arbeiten im Büro übertragen. Bald darauf wurde er in das Webersche Haus eingeladen und begann, Margarita französische Lektionen zu erteilen. Die junge Leute verliebten sich ineinander. Unglücklicherweise hörte ein Nazi, der in der Weberschen Fabrik arbeitete, von dieser Verbrüderung und informierte seine Dienststellen. Frau Weber erhielt einen scharfen Verweis und René wurde in eine andere Siegener Fabrik versetzt; dort wurde er so brutal behandelt, daß er ausriß und als man ihn wieder einfing, wurde er in ein Straflager in Polen gebracht. Hier bekam er die Tuberkulose und wurde in ein Kriegsgefangenenhospital in Köln verlegt. Am Heiligen Abend des Jahres 1944 fuhr Margarita mit einem Kuchen und ein paar Äpfeln dorthin und versuchte, diese Gaben zu ihrem Freund einzuschmuggeln. Sie wurde dabei ertappt und von den Nazis auf sechs Monate ins Gefängnis geschickt; die NSDAP setzte auch einen Betriebsleiter aus ihren Reihen in die Webersche Fabrik.

Einer der Söhne Frau Webers, Otto, der zu dieser Zeit aus Rußland auf Urlaub gekommen war, unternahm einen Selbstmordversuch, kam aber mit dem Verlust eines Auges davon. Später wurde die Webersche Fabrik in Grund und Boden bombardiert. Das Webersche Wohnhaus wurde ebenfalls bombardiert, vor völliger Vernichtung aber durch russische Kriegsgefangene bewahrt, die sich der Gutherzigkeit Frau Webers erinnerten und herbeieilten, um die Flammen zu löschen. Bei Kriegsende bewahrten diese Gefangenen Frau Weber auch davor, von den zahlreichen anderen ehemaligen Kriegsgefangenen ausgeplündert zu werden, die nun DPs geworden waren.

Der zweite Sohn Frau Webers, Günther, verhungerte im April 1946, nachdem er zwei Jahre lang als Kriegsgefangener der Russen in den Steinbrüchen bei Kuibishev gearbeitet hatte. Einer seiner Kameraden, der später nach Siegen zurückkehrte, berichtete den Webers, daß Günther, der ein großer starker Mann gewesen war, vor seinem Tod einem lebenden Skelett geglichen habe. Ein russischer Doktor hatte versucht, sein Leben zu retten, nachdem er zusammengebrochen und in das Lagerhospital gebracht worden war, doch kam die Hilfe zu spät. Frau Weber hatte Günther von allen ihren Söhnen am meisten geliebt. Er war, wie sie mir oft erzählte, von allen ihren Jungen der zärtlichste und liebevollste gewesen. All die Tage, die ihr noch zu leben beschieden wa-

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ren, mußte sie nun in Gedanken an die Qualen leben, die er vor seinem Tode gelitten hatte; wenn sie sich seiner erinnerte, kamen ihr die Tränen, auch wenn alle übrigen in der Familie glücklich waren.

Der jüngste der Söhne der Familie Weber, Helmuth, siechte in einem Krankenhaus an den Leiden, die er sich während und nach dem Kriege zugezogen hatte, zu Tode. Während er Soldat gewesen war, hatte er sich ein Nierenleiden zugezogen und die Behandlung, der er nach dem Krieg ausgesetzt war, hatte dieses Leiden unheilbar gemacht. In amerikanischer Kriegsgefangenschaft hatte man den bereits Schwerkranken monatelang gezwungen, auf dem nackten, kalten und feuchten Boden zu schlafen und ihm noch nicht einmal eine Zeltplane zum Zudecken gelassen. Seine eingeschrumpften Nieren waren nicht mehr länger imstande, sein Blut von den eingedrungenen Giften zu befreien und die Ärzte erwarteten, daß er vor seinem Tode entweder geistesgestört oder blind würde.

Erhardt kehrte heim, nachdem er drei Jahre an der russischen Front gestanden und danach eineinhalb Jahre lang als Sklavenarbeiter geschuftet hatte. Er hatte zuerst in einer Kohlengrube in Karaganda, 800 Meilen von der chinesischen Grenze entfernt, zugebracht. Als man entdeckte, daß er statt Kohle Dreck in die Kübel warf, hatte man ihn verprügelt und mit dem Tode bedroht, doch hatte ihn das kaltgelassen. "Viele von uns hatten einen Punkt erreicht, wo es einem egal war, ob man weiterlebte oder starb", erzählte er mir. Nachdem man herausgefunden hatte, daß er Ingenieur war, hatte man Erhardt aus der Kohlengrube herausgenommen, doch waren seine Beine bereits durch Hungerödeme so dick angeschwollen, daß man ihn in ein Hospital an der Wolga bringen mußte. Alle Patienten dort waren Deutsche, und sie mußten dort ebenso hungern wie zuvor. Manchmal erhielten sie einen ganzen Monat lang kein Brot und lebten nur von ein paar Löffeln Haferschleim, die man ihnen morgens und abends zuteilte und mittags von einem Teller Wassersuppe. Als sie sich bei ihrer vorgesetzten Ärztin darüber beklagten, meinte diese, sie sollten doch Hitler um Nahrung anbetteln. Als Erhardt im November 1945 schließlich nur noch 83 Pfund wog und nicht mehr aufrecht stehen konnte, hatte man ihn heimgeschickt, damit er sterbe. Dank der Fürsorge seiner Mutter hatte er sich nach und nach wieder erholt. Als ich mit ihm bekannt wurde, glich er immer noch einem Skelett und seine Augen lagen tief in ihren Höh-

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len : ein noch junger Mann, der selten lächelte und sehr wenig sprach. Ich fragte ihn, was ihn in all diesen schrecklichen Tagen aufrechterhalten hatte, und er erwiderte schlicht, nur die Hoffnung auf die Heimkehr habe ihn getragen. Er war den ganzen Krieg hindurch an der Front gestanden, hatte vor Dünkirchen gekämpft und war im besetzten Frankreich gewesen, war Tausende von Meilen marschiert und hatte alle Beförderungen abgelehnt, weil er die Armee haßte. Er hatte aber als Mann und Deutscher seine Pflicht getan und ertrug den Ruin seines Vaterlandes ebenso schwer wie die Verluste, die seine eigene Familie erlitten hatte.

Margarita hatte mittlerweile ihren René geheiratet; man hatte ihn heimgeschickt, als er den Deutschen als Sklavenarbeiter keinen Nutzen mehr brachte, doch er war sofort nach Kriegsende von Frankreich nach Siegen zurückgeeilt, um seine Liebste aufzusuchen. René Devilliers war schlank und elegant, witzig und geistreich, ein typischer Intellektueller. Margarita glich einem kleinen Mädchen aus einem Märchen; sie war stets sehr einfach angezogen, trug kein Make-up, war fröhlich und süß und trug ihr Herz auf der Zunge. Ich habe selten zwei junge Leute gesehen, die so sehr ineinander verliebt und einander so ergeben waren. Margarita hatte als Hinterlassenschaft aus dem Gefängnis ein Nierenleiden mitgebracht und René war tuberkulös, doch die beiden strahlten vor Glück und immer, wenn sie ins Haus der Webers kamen, löste Fröhlichkeit die Traurigkeit ab, die dort sonst herrschte.

Erhardt und René, so verschiedenen Temperamentes sie auch waren — der eine so sehr französisch, der andere so sehr deutsch —, waren sehr gute Freunde, bessere als Erhardt und dessen Bruder Otto; dieser war das schwarze Schaf der Familie und verdiente sich sein Geld mehr mit Köpfchen als mit harter Arbeit. René und Erhardt hatten gekämpft und gelitten und hatten als Kriegsgefangene die Schrecken der Zwangsarbeit und des Hungers über sich ergehen lassen müssen; obwohl sie sich als Feinde gegenübergestanden hatten, verstanden und respektierten sie einander und Margarita betete beide an. Jeder dieser beiden jungen Männer repräsentierte in seiner Weise die besten Eigenschaften seiner Nation. Erhardt beklagte sich darüber, daß René, ein Franzose, nicht wußte, was harte Arbeit sei und René meinte, daß Erhardt mit seiner Fabrik verheiratet sei und niemals gelernt habe, sich seines Lebens zu freuen.

Während ich bei den Webers wohnte, kam mir in den Sinn, daß sich mir in diesem Hause das deutsch-französische Problem in

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seinem Kern darbot. Wenn diese beiden Völker zueinanderzufinden und ihre Tugenden und Talente zu vereinigen vermochten, wenn die Deutschen den Franzosen Fleiß und Ausdauer beibringen und die Franzosen den Deutschen die Freude am Leben erschließen konnten, dann mußte Europa stark sein und in Frieden leben. Tatsächlich ist die Kluft zwischen den Süddeutschen und den Nordfranzosen gar nicht so groß. René kam aus den Vogesen auf der anderen Seite des Rheines, und in vergangenen Jahrhunderten waren seine Ahnen und die Erhardts ein einziges Volk gewesen.

Sobald Erhardt wieder gehen und arbeiten konnte, hatte er begonnen, die Maschinen aus dem Schutt der Weberschen Fabrik auszugraben und sie mit dem Beistand der geschickten Männer, die Generation um Generation für seine Familie gearbeitet hatten, zu reparieren. Im Jahre 1947 arbeitete die Fabrik wieder und produzierte Schneidbrenner, Gasschneidemaschinen und andere für den Wiederaufbau dringend benötigte Maschinen; etwa 100 Arbeiter waren dort beschäftigt. Frau Weber hatte nun deutsche Flüchtlinge aus dem Osten zu ernähren statt russische und französische Kriegsgefangene. Otto war verheiratet und hatte ein Kind. Die Gemüse- und Blumengärten, die Frau Webers ganzer Stolz waren, standen in voller Blüte. Neue rote Ziegelmauern erhoben sich dort, wo die ausgebombten Gebäude gestanden hatten. Ein paar Monate lang sah es so aus, als ob die Schwierigkeiten der Webers zu Ende seien, auch wenn Frau Webers Lieblingssohn Günther nie mehr heimkam und Helmuth langsam starb.

Dann befahlen die Briten die Demontage der Weberschen Fabrik. Erhardts ganze mutige Arbeit war umsonst getan, er und seine Familie standen vor dem Ruin. Margarita und René würden auch Not leiden müssen; denn René, der ein deutsches Mädchen geheiratet hatte, mußte auf seine Karriere als Offizier der französischen Armee, die bereits sein Vater eingeschlagen hatte, verzichten. Auch er arbeitete nun für die Webers.

Der Endwert der Weberschen Fabrik wurde mit nur 36000 Mark gebucht, obwohl die Ersetzung der auf dem Schrotthaufen landenden Maschinen etwa 750000 Mark kosten mußte; dies war ein Betrag, den die Familie auf keinen Fall aufbringen konnte, denn sie hatte vor der Währungsreform keine Waren gehortet, sondern die gesamte Produktion auf den Markt gebracht. Die Jahresproduktion war — nach ihren Auftragsbüchern zu schließen — fünfmal so viel wert wie der Demontagewert.

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Die geplante Zerstörung der Weber-Werke mußte viele andere Firmen in Mitleidenschaft ziehen, da die Webers die Schweiß- und Schneidegeräte sowie die Blechbearbeitungsmaschinen lieferten, die für die Wiederaufnahme der Produktion nach den Demontagen unbedingt benötigt wurden. Dies wurde durch die Tatsache bewiesen, daß die Webers zwar Aufträge aus anderen Ländern für ihre Werkzeugmaschinen erhalten hatten, daß aber die Alliierten den Export untersagt hatten, weil diese Erzeugnisse in Deutschland benötigt wurden. Tschechen, Jugoslawen, Belgier, Inder und Vertreter anderer Staaten, die einen Anspruch auf Reparationslieferungen hatten, waren in den Weber-Werken zur Besichtigung erschienen, doch niemand hatte den Wunsch geäußert, diese Maschinen zu erhalten; viele von ihnen waren veraltet und bedurften zu ihrer Bedienung sehr geschickter Arbeiter. Die ganze für die Demontage bestimmte Ausrüstung war dazu bestimmt, auf dem Schrotthaufen zu landen. Ich verwandte lange Stunden darauf, den Weberschen Arbeitern zuzusehen, die sich Tag und Nacht in zwei langen Schichten abmühten, so viel als möglich zu verdienen, bevor man ihnen ihre Lebensgrundlage raubte. Einer von ihnen sagte zu mir : "Wir hatten geglaubt, daß man nach Hitlers Sturz den deutschen Arbeitern helfen werde. Nun müssen wir das Gegenteil annehmen. England und Amerika haben offenkundig die Absicht, uns zu vernichten. Wie sonst könnten sie uns unsere Arbeit wegnehmen ?"

In einem Brief, den Erhardt Weber in diesen Tagen an die Marshall-Plan-Behörde in Frankfurt schrieb, stand : "Dies ist ein Appell in letzter Minute an die Sieger dieses Krieges, nicht neue Wunden zu schlagen und nach sinnloser Zerstörung nicht neues Elend zu schaffen. Reichen Sie uns in dieser Stunde, da der Wiederaufbau Europas oberstes Gebot ist und da diese Aufgabe nur unter schweren Opfern gemeistert werden kann, Ihre helfende Hand, da wir den Willen haben, im Frieden dafür zu arbeiten."

Die Demontagen in den Weber-Werken sollten am 2. Oktober beginnen, ein paar Tage vor meinem ersten Besuch in Siegen. Ich war von diesem Unrecht so erschüttert und empfand bereits jetzt so viel Sympathie für diese Familie und ihre Arbeiter, daß ich mich entschloß, nach Detmold zu fahren und Mr. Whitham, den für die Reparationslieferungen verantwortlichen britischen Beamten, um Hilfe anzugehen.

Erhardt fuhr mich in seinem alten Mercedes, der dazu neigte, gelegentlich zusammenzubrechen, aber das einzige der Automo-

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bil der Familie war, das die Briten nicht konfisziert hatten, dorthin. Auf dem Weg nach Norden berichtete er mir von dem, was die Männer der Armee Hitlers in Rußland während und nach dem Krieg erlitten hatten. Ein zurückhaltender und verbitterter junger Mann, der seine besten Jahre an der Front zugebracht hatte und dessen Erlebnisse als Kriegsgefangener in Rußland so schrecklich gewesen waren, daß er darüber mit seiner Familie nicht sprechen konnte, wurde jetzt langsam mitteilsamer und warf vor mir, nachdem ich ihn davon überzeugt hatte, daß auch ich die Bitternisse eines Lebens in Sowjetrußland kannte, seine Bürde von sich. Er hatte drei Jahre an der Ostfront gedient, bevor er verwundet und kriegsgefangen worden war. Er hatte gehungert und gefroren und so viel erduldet, wie ein menschliches Wesen ertragen kann — physisch wie psychisch. Ich begann zu verstehen, daß seine rastlose Tätigkeit in der Weberschen Fabrik seine Abwehr gegen Erinnerungen war, die ihm sonst das Leben unerträglich gemacht hätten.

Wir verließen das Siegerland, kamen in das Sauerland und fuhren durch die flachen Ebenen Hannovers. Im Sauerland zeigte Erhardt hier und da auf die häßlichen nackten Hügel, auf denen dereinst Wälder gestanden hatten, die jetzt von den Briten geschlagen worden waren; sie hatten sogar die jungen Bäume nicht verschont und nichts zurückgelassen als kahle Stümpfe.

Wir verbrachten die Nacht in Bad Oeynhausen, dem Hauptquartier der britischen Rhein-Armee, in der ein Freund von mir diente, den ich seit 1938 in Singapore nicht mehr gesehen hatte und dem nun als Brigadegeneral der gesamte Kraftwagentransport der Rhein-Armee unterstand.

Die britischen Quartiere in Bad Oeynhausen waren mit Stacheldraht umgeben, um die Eingeborenen draußen zu halten. Erhardt war wahrscheinlich der erste Deutsche, den Joss und seine Frau in ihrem Heim empfingen. Man mußte allerdings zugeben, daß die Briten mindestens in einer Hinsicht besser als die Amerikaner waren. Sie gestatteten ihren Soldaten, deutsche Mädchen zu heiraten und mit diesen in den Kasernen zu leben, während die Amerikaner solche Heiraten erst erlaubten, wenn ein Offizier oder Soldat kurz vor seiner Heimkehr stand. Es war auch richtig, daß die britische Besatzungsarmee unter viel besseren materiellen Bedingungen lebte als die Briten zu Hause, doch waren ihre Lebensmittelzuteilungen wesentlich niedriger als die nach amerikanischem Standard. Was die Unterbringung und die personellen

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Dienste betraf, so verlangten sie von den Deutschen wesentlich mehr als die amerikanische Besatzungsarmee.

Erhardt sprach den ganzen Abend über nur sehr wenig, während ich mich mit Joss und seiner Frau herumstritt, die, so nett sie auch waren, sehr oft das britische Standardargument gebrauchten, wenn ich sie mit Beispielen für unser Verhalten gegenüber den Deutschen konfrontierte : "Wir haben schließlich den Krieg gewonnen, oder nicht ?" Am nächsten Morgen, als wir auf dem Weg zu Mr. Witham in Detmold waren, meinte Erhardt, es sei doch ein wenig komisch, daß die Briten diese Phrase so oft gebrauchten, da schließlich, wer auch den Krieg gewonnen haben mochte, es sicherlich nicht die Briten gewesen waren.

Joss hatte mich gewarnt und mir bedeutet, daß mir Whitham ein paar harte Nüsse zu knacken geben werde; er bestände sogar darauf, daß Fabriken demontiert würden, die die britische Armee für Reparaturen und Ausrüstung benötigte. Joss hatte mir gesagt : "Benehmen Sie sich recht amerikanisch, aber verlieren Sie nicht Ihre Ruhe. Versuchen Sie, ihn als Gentleman zu nehmen; vielleicht wird das, obwohl ich daran zweifle, Herrn Webers Fabrik retten."

Ich hatte Glück mit Whitham, aber erst nach einer einstündigen Unterhaltung. Er kam mit mir schließlich überein, den Demontagebefehl aufzuheben, wollte aber nicht sagen, für wieviele Wochen diese Order gelten sollte. Im Verlauf unseres Gespräches, während dem Erhardt vor der Türe wartete, weil Whitham ihn nicht zu sehen wünschte, wies dieser allmächtige britische Beamte mit der Hand zum Fenster hinaus und sagte : "Diese Deutschen haben immer noch wesentlich mehr Hilfsquellen als wir."

Als wir um Mitternacht wieder in Siegen eintrafen, erfuhren wir, daß die Demontagen, die am gleichen Morgen begonnen hatten, am Nachmittag gestoppt worden waren. Da ich wußte, daß ich nur einen Aufschub des Befehls erreicht hatte, war ich entschlossen zu sehen, was ich bei der Industrie- und Handelsabteilung der bizonalen Verwaltung erreichen konnte. Vorher verbrachte ich noch ein paar Tage in Siegen, um andere Fabriken zu besichtigen und um die Baracken zu besuchen, in denen Tausende von deutschen Flüchtlingen untergebracht waren. Andere Flüchtlinge aus Schlesien, dem Sudetenland und anderen Ostprovinzen lebten in Privathäusern, eine beträchtliche Zahl von ihnen arbeitete in den zu demontierenden Fabriken.

Die andere Familie, mit der ich in Siegen Bekanntschaft machte,

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waren die Bartens, denen die alte Firma Achenbach Söhne gehörte. Diese modernen Eisen- und Stahlwerke waren aus einer Schmiede entstanden, in der man im Jahr 1452 das Eisenerz des Westerwaldes zu verarbeiten begonnen hatte. Die Umwandlung in eine moderne Fabrik hatte 1846 begonnen, bevor noch jemand etwas von Bismarck wußte und als Siegen noch Teil eines Gebietes war, das dem Hause Oranien gehörte, das jetzt über die Niederlande herrscht. Achenbach produzierte hochwertige Walzwerksausrüstungen, die nach allen Ländern Europas exportiert wurden und so wohlbekannt waren, daß nun eine britische Firma in Birmingham für die Qualität ihrer Erzeugnisse damit Reklame machte, daß sie den Namenszug der Firma Achenbach auf ihren Maschinen anbrachte. Dieser Teil der Fabrik war bereits demontiert und nach England geschafft worden. Jetzt sollte Achenbach auch noch die Spezialmaschinen verlieren, die ausschließlich der Herstellung von Ersatzteilen für Lokomotiven dienten. Achenbach lieferte 90 Prozent der von den Bahnen der beiden Zonen benötigten Kolbenringe, die Demontagen sollten aber im Dezember beginnen. Die Absurdität eines solchen Vorgehens lag auf der Hand, da diese Abteilung der Firma Achenbach als absolut notwendiges Werk in die Demontageliste aufgenommen worden war und sofort nach der Demontage wiederaufgebaut werden sollte. Alliierte Beamte, die mit dem Wiederaufbau des deutschen Transportwesens beauftragt waren, hatten kürzlich die Achenbach-Werke besucht, um festzustellen, wie schnell dort die Produktion wieder aufgenommen werden konnte. Der alte Dr. Barten verwies aber darauf, daß die Briten nicht nur die Maschinen entfernten, sondern auch daran gingen, die drei im Dach der Eisenbahnwerkstätten eingebauten Krane auszubauen und zu zerstören, ein Schaden, der zur damaligen Zeit nicht zu beheben war. Später erfuhr ich in Stuttgart, daß die Reparationsabteilung der US-Militärregierung zu dieser Zeit eine der wenigen westdeutschen Fabriken demontierte, die Kräne produzierte.

Wiederholte Proteste bei den britischen Behörden waren erfolglos geblieben, obwohl einige britische Offiziere zugaben, daß hier von Anfang an nahezu sicher ein Fehler gemacht worden war. Es war fast ausgeschlossen, Irrtümer in der Demontageliste zu korrigieren. Ein Amt schob die Angelegenheit an das andere ab und nicht eines davon wollte oder konnte die Verantwortung dafür übernehmen, eine einmal gegebene Anordnung wieder aufzuheben.

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Die Firma Achenbach war ein größeres Unternehmen als die Weber-Werke und hatte 300 Arbeiter beschäftigt. Der Demontage-Endwert seiner Ausstattung wurde auf nur 175000 Reichsmark festgesetzt, doch deren Ersetzung mußte nach den Preisen von 1948 an die 3 Millionen D-Mark kosten. Vor dem Krieg hatte die Monatsproduktion der Firma einen Wert von 250000 Mark — war also höher als der Gesamtwert ihrer Maschinen nach den Berechnungen der Reparationsbehörden.

Als ich die Achenbachsche Fabrik besuchte, erstaunte mich die große Zahl der dort arbeitenden jungen Frauen. Als ich mit ihnen sprach, stellte ich fest, daß die meisten von ihnen Flüchtlinge aus dem Osten waren, die Bartens untergebracht hatte und nun ausbildete. Sie waren schnelle und fähige Arbeiterinnen, und einige von ihnen verdienten beim Drehen von Kolbenringen bereits 1,20 Mark in der Stunde. Unter den Flüchtlingen befanden sich darum so viele Frauen, weil die Polen, Tschechen und Jugoslawen viele deutsche Männer als Sklavenarbeiter zurückbehalten, Frauen und Kinder aber ausgewiesen hatten. Diese Frauen, die nun bald wegen der Demontagen ihre Arbeit verlieren sollten, nachdem sie erst vor kurzem die Möglichkeit erhalten hatten, sich selbst und ihre Kinder zu erhalten, mußten nun in die überfüllten Flüchtlingslager zurückkehren und erneut zu Bettlern werden.

Sogar die Maschinen für die Lehrlingsausbildung sollten weggenommen werden. 30 junge Leute, die ich sah, waren so vertieft in ihre Arbeit, als ob sie Spielzeugflugzeuge herstellten; ihnen sollte nun die Möglichkeit genommen werden, ein Handwerk zu erlernen. Der Vorarbeiter der Achenbachs hatte einen Bruder in Milwaukee, der ihm Care-Pakete sandte und war den Amerikanern sehr freundlich gesinnt, fragte mich aber, wie wir oder die Briten hoffen könnten, Europa vor dem Kommunismus zu retten, wenn wir mit unserer Politik die deutschen Arbeiter zur Verzweiflung trieben und ihren Söhnen die Möglichkeit raubten, sich technisch auszubilden.

Später am Tage suchte ich einige Flüchtlingsarbeiter in ihren Behelfsunterkünften auf, die nahe der Fabrik errichtet worden waren. Dort sprach ich mit einem alten hageren Arbeiter aus Schlesien, der eine Grobschmiede in einem Dorf nahe Glatz besessen hatte, dort, wo die Bevölkerung halb deutsch und halb polnisch gewesen war. Er war mit den polnischen Bauern seines Bezirkes sehr gut ausgekommen, und sie hatten versucht, ihn vor der Austreibung zu bewahren. Die polnische Kommunistenregie-

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rung hatte ihn aber mitsamt seiner Frau und seinen Enkeln aus dem eigenen Hause geworfen, und sie hatten Hunderte von Meilen wandern müssen, bis sie nach Berlin gelangten. Dort war es ihm gelungen, Arbeit zu finden, doch bald darauf waren die Russen gekommen und hatten die Fabrik demontiert, in der er arbeitete. Nun mußten sie erneut auf Wanderschaft gehen und waren in Siegen gelandet. Zum drittenmal stand der alte Grobschmied also vor dem Nichts, gerade dann, als er erwartet hatte, den Rest seines Lebens in Frieden zubringen zu können.

Die Bartens waren im Vergleich zu den Webers in verschiedener Beziehung besser dran. In Frankfurt stellte ich später fest, daß sie eine bessere Möglichkeit hatten, ihre Fabrik zu retten. Der einzige Sohn der Bartens, ein schlanker, hübscher junger Mann mit einem fröhlichen Temperament, war heil aus dem Kriege zurückgekehrt und hatte vor kurzem ein hübsches Mädchen von der Saar geheiratet. Der junge Barten hatte wie so viele andere Männer, mit denen ich in Siegen gesprochen hatte, an der russischen Front viel erleiden müssen; er war aber nicht wie Erhardt Weber in russische Kriegsgefangenschaft geraten, und über dem Heim der Bartens lagen nicht die Schatten des Todes und des Schreckens wie über dem der Webers. Eines Tages fragte ich den jungen Barten und seine Frau, wie sie es fertigbrächten, trotz des Ruins, der sie bedrohte, so glücklich zu sein. Er antwortete : "Wir jungen Deutschen, die wir den Krieg überlebten, haben gelernt, in Gefahren zu leben. Wir wissen nun, wie schön es ist zu leben, ganz gleich, was die Zukunft bringt."

Der alte Barten war ein untersetzter, freundlicher Mann mit einem roten Gesicht; er glich den Deutschen, die von Karikaturisten dargestellt werden, wie sie in irgendeinem Sommerrestaurant am Rhein Bier in sich hineinschütten, war aber energisch, intelligent und gutherzig. Seine Frau, eine Berlinerin, sah fast so jung aus, als sei sie seine Tochter. Hübsch, elegant und geistreich, mit einer lieblichen Singstimme, hatte sie das gleiche glückliche Temperament wie ihr Sohn. Es machte ihr nicht sehr viel aus, daß die Briten die Bartensche Wohnung beschlagnahmt hatten und daß nun zwei Junggesellen diese zwölf Räume benutzten, sie sehnte sich aber danach, ihr Klavier zurückzubekommen. Als ich von den beiden britischen Beamten, die das Bartensche Haus bewohnten, zu einem Drink eingeladen wurde, fragte ich sie, ob sie nicht Frau Barten das Klavier benutzen lassen könnten, das ihr so viel bedeutete. Sie protestierten; sie könnten zwar nicht

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selbst darauf spielen, doch werde es zu ihrer Unterhaltung benutzt; ich sollte mich daran erinnern, daß die Briten in Siegen wenig Amüsement hätten. Das war sicherlich richtig. Hätte man die Regeln für die Besatzung in normaler Weise angewendet und hätte man die Sieger in den Häusern der Besiegten untergebracht, ohne diese auf unbestimmte Zeit daraus zu verdrängen, ob nun der gesamte beschlagnahmte Raum benötigt wurde oder nicht, so wären die britischen und amerikanischen Soldaten, Offiziere und Zivilisten wie auch die Deutschen wesentlich froher gewesen. Die von den Briten wie den Amerikanern angewandte Rassendiskriminierung traf die Besatzungsmächte ebenso hart wie die Besiegten. Die ursprünglichen Anordnungen für die Nonfraternization waren zwar gemäßigt worden, doch in beiden Zonen trennte Sieger und Besiegte noch eine breite Kluft.

In Siegen bedeutete diese Rassenschranke, daß die Handvoll Briten in ihren Mußestunden kaum eine Entspannung hatten, vor allem wenn sie als verheiratete Männer nicht willens waren, die einzig möglichen Verbindungen zu suchen — die mit leichtlebigen Damen. In einer kleinen Gemeinschaft wie hier in Siegen, wo nahezu jeder jeden kannte und wo die sehr puritanischen protestantischen Moralbegriffe von den Nationalsozialisten kaum aufgeweicht und auch von der Niederlage und dem Hunger nicht zerstört worden waren, gab es wenige Fräuleins, wie sie im Sprachgebrauch der Besatzer genannt wurden, und es fiel schwer, an sie heranzukommen. Auf der anderen Seite waren natürlich die britischen Reparationsbeamten bei den Deutschen sehr unbeliebt, und der britische Gouverneur war, wie ich bereits erwähnte, außerordentlich verhaßt, weil man behauptete, er habe Frauen unter Druck verführt und sei den Kommunisten freundlich gesinnt.

Im Siegerland standen keine britischen Truppen, denn dieser Teil des Landes war von der belgischen Armee besetzt. Deren Soldaten hatten einen großen Teil des kostbaren Wohnraumes beschlagnahmt und beschäftigten sich mit sehr einträglichen Schwarzmarktgeschäften. Gleich den Franzosen wurden sie von den Anordnungen und Zollkontrollen, die die Einfuhr und den Verkauf von Zigaretten, Schnäpsen, Kaffee und anderen Luxuswaren sowie die Ausfuhr von deutschen Waren und Geld für die Amerikaner und Briten riskant machten, nicht behindert. Die Belgier standen sich mit den Deutschen besser als die Briten und Amerikaner, weil es zwischen beiden kaum eine Sprachgrenze

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und auch keine Anordnungen gab, die ihr Benehmen als Herrenrasse regelten. Die Deutschen betrachteten sie als geringeres Übel; sie beklagten sich zwar über ihre Unsauberkeit und Trunkenheit, doch befaßten sie sich nicht mit Demontagen, und ihr Schwarzmarkthandel mit Zigaretten und Kaffee ließ die Preise fallen. Verglichen mit den Belgiern sahen sogar die französischen Soldaten in Deutschland sehr proper aus — was einiges besagen wollte. Die Franzosen, was immer für Laster sie sonst haben mochten, tranken niemals zuviel, doch die Belgier, die ich in Siegen sah, waren ebenso betrunken wie schmutzig und unmilitärisch im Auftreten. Sie gaben auch niemals vor, daß es ihre Absicht sei zu kämpfen. Sie erzählten den Deutschen ganz offen, daß sie ganz einfach davonlaufen würden, falls ein neuer Krieg komme.

Nachdem ich mit Erhardt Weber aus Detmold zurückgekehrt war, blieb ich noch ein paar Tage im Siegerland. Ich besuchte viele Fabriken, sprach mit den Arbeitern und besuchte sie in ihren Wohnungen. Ich verbrachte ein paar Stunden in dem Museum im Schloß, wo sehr eindrucksvolle Bilder ausgestellt waren, die aus Rußland zurückgekehrte Kriegsgefangene gemalt hatten. Ich suchte René und Margarita in ihrem Heim auf, das ein paar Meilen entfernt in der französischen Zone lag, und hielt mich einen weiteren Tag mit Otto und Helmuth in der französischen Zone auf. Mir war jetzt so, als hätte ich alle diese Leute mein Leben lang gekannt; es wurde mir gestattet, Anteil an ihren Familienzwistigkeiten zu nehmen, und ich vermochte die guten oder schlechten Eigenschaften jedes Mitgliedes der Familie zu erkennen. Die Unterschiede in ihren Charakteren und ihrem Aussehen waren ebenso groß wie ihr Zusammenhalt als Familie. Die arme Frau Weber sehnte sich nach ihrem Mann, der gewußt hatte, wie man die Differenzen zwischen den Söhnen bereinigen konnte, während sie sie nur beklagen und den Tod Günthers beweinen konnte, der alle Tugenden, doch keine der schlechten Eigenschaften ihrer anderen Söhne gehabt hatte. Es war merkwürdig, daß in der Weberschen Familie nur die Männer im Streit lagen, Margarita und Frau Weber aber sich sehr zugetan waren.

Ich kehrte nach Frankfurt mit dem Entschluß zurück, alles zu tun, was ich für die Leute in diesen Städten und Walddörfern tun konnte, deren Schwierigkeiten ich als die eigenen zu betrachten gelernt hatte. Ich war der Meinung, daß entweder die britischen und amerikanischen Beamten, deren Aufgabe es war, den Wiederaufbau der Eisenbahnen und die Erhöhung der Kohlenproduktion

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voranzutreiben oder die Marshall-Plan-Behörden daran interessiert sein mußten, die Zerstörung einiger der Siegener Fabriken zu verhindern.

Früh am nächsten Morgen verließ ich hoffnungsvoll gestimmt das Pressezentrum, um die Handels- und Industrieabteilung der vereinigten britisch-amerikanischen Verwaltung beider Besatzungszonen aufzusuchen. Frankfurt war damals de facto die Hauptstadt der Bizone, deren Behörden in dem riesigen Verwaltungsgebäude der IG-Farbenindustrie untergebracht waren, das wir während der Bombenangriffe ausgespart hatten. Es ist nicht sehr viel kleiner als das Pentagon, und da die verschiedenen Abteilungen ständig wechselt das Bäumchen spielten, mußte man dort schon angestellt sein, um herauszufinden, wo welche Abteilung an welchem Tag der Woche arbeitete. Es gelang mir endlich doch, den Brigadegeneral zu finden, von dem man annehmen konnte, daß er der Leiter der britischen Sektion der Bizonen-Handels- und Industrieabteilung war. Diese Leistung gelang mir auch nur, weil ich eine amerikanische Journalistin war und in den Korridoren herumwandern konnte wie ich wollte. Nur wenigen Deutschen wurde der Zutritt zu dem Gebäude gestattet und das nur, wenn sie einen Paß erhielten; nur, wenn sie genau wußten, wen sie aufzusuchen hatten, gelang es ihnen, ihre Beschwerden oder Bitten vor den richtigen Leuten vorzubringen. Um es ihnen noch schwerer zu machen, hatte man die Schreibtische der Auskunft in das Gebäude hineingestellt, so daß sie nicht herausfinden konnten, wen sie zu sehen wünschten und wo sie ihn finden konnten, bis sie ein Permit in Händen hatten, das es ihnen erlaubte, die Posten vor dem Eingang zu passieren. Die Mädchen an den Auskunftstischen wußten zwar für gewöhnlich gar nichts, doch konnte man immerhin die Bücher konsultieren, in denen die Namen und Lokalitäten der vielen und verschiedenartigen Abteilungen verzeichnet standen; obwohl die Zimmernummern selten stimmten, konnte man wenigstens losziehen und dann möglicherweise finden, was man suchte.

Der britische Brigadegeneral war umgänglich und recht anständig, hatte aber sichtlich überhaupt nichts zu tun; sein Raum wie sein Vorzimmer waren frei von Besuchern. Er berichtete mir, daß er soeben erst diesen Posten angetreten habe und noch kaum wußte, was seine Arbeit war. "Gehen Sie und besuchen Sie Mr. Radford, weiter diesen Korridor entlang", schlug er vor. "Er ist der Mann, der alles über die deutsche Industrie weiß."

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Ich wanderte also den Korridor entlang und fand auch Mr. Radford. Leider bekundete dieser nicht das geringste Interesse an dem, was ich ihm zu berichten hatte. Er machte mir sofort klar, daß er ein Vansittart-Mann sei, das britische Gegenstück zu den Morgenthau-Boys. Er lächelte kalt, als ich ihm von Siegen zu erzählen begann und sagte : "Ich habe zweimal gegen die Deutschen gekämpft und im Krieg meine Brüder verloren. Diesmal, das versichere ich Ihnen, werden wir die Deutschen dafür zahlen lassen."

Es war offensichtlich nutzlos, mit einem Mann wie Radford zu argumentieren, sogar über einen solch außergewöhnlichen Fall wie den der Firma Achenbach, und obwohl er als stellvertretender Leiter der britischen Abteilung der Bizonen-Handels- und Wirtschaftsabteilung eher um den Wiederaufbau bemüht sein mußte als um die Befriedigung seiner Rachegelüste. Ich verließ ihn daher und suchte seinen amerikanischen Kollegen Mr. Messler auf. Hier wurde ich ganz anders empfangen. Messler war sehr an dem Fall interessiert, obwohl er mir berichtete, daß die Entscheidungen der Reparationsbehörde bei der Militärregierung in Berlin von den Behörden in Frankfurt nicht angefochten werden könnten. Hier stand ich zum erstenmal vor dem unglückseligen Dualismus der amerikanischen Besatzungspolitik. Die mit dem Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft betrauten Beamten hatten nichts gemein mit den Reparationsbehörden, deren Auftrag lautete, die deutsche Fähigkeit zur Selbsterhaltung zum Erliegen zu bringen.

Messler ließ einen Mr. Yule holen, dessen Aufgabe es unter anderem war, die deutschen Eisenbahnen wieder in Gang zu bringen. Yule erwies sich als einer der aktivsten, bestinformierten und am wenigsten von Vorurteilen belasteten amerikanischen Beamten, die ich in Deutschland antraf. Er wisse, erklärte er mir, daß die Achenbachsche Produktion für die Eisenbahnen absolut unentbehrlich sei; es sei völlig richtig, daß diese Fabrik beinahe sämtliche von den Eisenbahnen beider Zonen benötigten Kolbenringe herstelle und daß ihre Demontage verheerende Folgen haben werde. Yule nahm mich zu den beiden amerikanischen technischen Experten mit, die sich mit den Lieferungen an die Reichsbahn befaßten : Im Gegensatz zu den Büros der großen Herren mit militärischen Titeln waren die von Mr. Pumphrey und Mr. Hartlaub angefüllt mit Deutschen, und — Wunder über Wunder — beide Amerikaner sprachen sogar Deutsch. Sie verhandelten tatsächlich direkt mit den Deutschen und halfen ihnen,

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ihre Probleme und damit die unseren zu lösen. Dies war ein sehr erfreuliches Erlebnis; denn die meisten amerikanischen Beamten in Deutschland schienen mit den Deutschen nur über ihre Sekretärinnen zu verhandeln, und es fiel einem Deutschen so schwer, zu einem Amerikaner vorzudringen wie es dem sprichwörtlichen Kamel schwerfiel, durch das bewußte Nadelöhr zu gehen.

Ich berichtete diesen Amerikanern, daß ich zwar Korrespondentin von Reader's Digest sei, daß ich aber nicht gekommen sei, um als Journalistin von ihnen Informationen zu erlangen, sondern um ihnen einige Tatsachen zu berichten, von denen ich wüßte, daß sie für sie selbst wie für alle Amerikaner außerordentlich wichtig seien. Da ich kein Ingenieur sei und ihnen daher nicht alle technischen Details geben könne, schlug ich vor, sie sollten mit Dr. Barten sprechen.

Alle drei stimmten sofort zu und baten mich, mich mit Dr. Barten in Verbindung zu setzen und ihn am nächsten Tag von Siegen nach Frankfurt zu holen. Sie bedeuteten mir, ebenso wie Messler das getan hatte, daß Reparationslieferungen nicht zu ihrem Amtsbereich gehörten, sagten aber offen, daß sie bereit wären, die Morgenthau-Boys in Berlin oder die Briten daran zu hindern, Fabriken zu demontieren, die für den Wiederaufbau der Bahnen lebenswichtig waren.

Dr. Barten wird diese Zusammenkunft mit den amerikanischen Experten wohl niemals wieder vergessen haben. Sie waren die ersten Amerikaner, die er traf, und er war überwältigt — nicht nur von dem Unterschied in der Art, wie sie ihn aufnahmen und der Behandlung, die er von den Briten gewohnt war, sondern auch von dem Unterschied zwischen amerikanischen und deutschen Beamten.

Er strahlte vor Freude, als wir das IG-Farben-Gebäude verließen und sagte : "Wirklich, wir Deutschen haben von den Amerikanern noch einiges zu lernen. Das ist ja fast unglaublich ! Diese amerikanischen Herren ließen mich noch nicht einmal eine halbe Stunde warten, um mir zu zeigen, wie wichtig sie seien; das hätte jeder deutsche Bürokrat ganz bestimmt getan. Sie sprachen so freundlich mit mir, als sei ich ihr Freund, ganz ohne pompöse Aufgeblasenheit und ganz ohne irgendwelche Formalitäten. Vielleicht ist Eure amerikanische Demokratie doch etwas wert, es ist einfach nicht zu glauben, wie ich hier behandelt wurde. Ich möchte möglichst schnell nach Hause fahren und allen Leuten davon erzählen."

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Dr. Barten wünschte, mich zum Mittagessen in ein deutsches Restaurant einzuladen; Herr Zezulak, der ihn von Siegen als Dolmetscher begleitet hatte, dessen Dienste aber kaum benötigt wurden, weil Hartlaub fließend Deutsch sprach und Pumphrey wie Yule der Sprache einigermaßen mächtig waren, sollte uns begleiten. Ich bestand aber darauf, daß beide stattdessen mit mir ins PX-Restaurant mitkommen sollten, wo es keine Rassen- oder Klassenunterschiede gab und die amerikanischen Soldaten und Offiziere ihre deutschen Gäste mitnehmen konnten. Hier war Dr. Barten wieder tief angetan von den amerikanischen Sitten. "Wie vernünftig, ein Tablett zu nehmen und sich selbst zu bedienen. Wie außergewöhnlich zu sehen, daß amerikanische Offiziere in der Schlange hinter einfachen Soldaten stehen. Fast nicht zu glauben, daß Amerikaner und Deutsche am gleichen Tisch sitzen. So etwas könnte es in der britischen Zone nicht geben, wo Deutsche zu britischen Restaurants und Klubs keinen Zutritt haben. Wirklich, wir könnten von den Amerikanern viel Gutes lernen", wiederholte er, viel zu beschäftigt, das lärmerfüllte Restaurant zu beobachten, um seine belegten Brote zu essen. Er hatte eine Lektion in echter Demokratie erhalten, die tausend Unterrichtsstunden und alle Radio- und Zeitungspropaganda aufwog. Er hatte die Realität der amerikanischen Demokratie beobachtet, die sonst für gewöhnlich von den Gebräuchen einer Militärregierung verdunkelt wurde, und hatte Amerikaner getroffen, die sich benahmen, als seien sie zu Hause und nicht Eroberer, die über ein geschlagenes Volk herrschten.

Ich war keineswegs befriedigt von der Aussicht, daß nur die Achenbachsche Fabrik aller Voraussicht nach gerettet werden würde. Dr. Bartens Fabrik war offenkundig ein ganz einfach nicht zu entschuldigendes Beispiel für die Demontagen im Siegerland, doch die amerikanischen Eisenbahnfachleute, die ich so eifrig am Werk des Wiederaufbaues hatte arbeiten sehen, konnten den Webers, den Henschs oder anderen nicht helfen; die Zerstörung ihrer Fabriken war zwar eine Sabotage des Marshall-Planes, hatte aber für die Eisenbahnen keinerlei unmittelbare Bedeutung.

Ich wandte mich daher als nächstes an die ECA-Behörden. Dank Mr. Haroldson, dem Vertreter des Außenministeriums in Frankfurt, der einer der wirklich liberal gesinnten Männer war, die ich in Deutschland traf, machte ich die Bekanntschaft von Mr. Collisson, dem ECA-Vertreter in Deutschland, und Korvettenkapitän Paul F. Griffin, USNR, der soeben aus Washington

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mit den Experten des Humphrey-Komitees eingetroffen war. Diese hatte der Kongreß beauftragt zu untersuchen, welche auf der Demontageliste stehenden Fabriken besser zum Wiederaufbau Europas beitragen konnten, wenn man sie in Deutschland beließ.

Ich fragte als erstes die ECA-Vertreter, ob sie beabsichtigten, ihre Informationen direkt von den Deutschen zu erhalten oder ob sie mit diesen nur über die Militärregierung verhandeln wollten. Es wurde mir versichert, daß hier die Türen für alle die offenstanden, die uns Informationen bezüglich des ERP-Programmes geben konnten.

Ich freute mich über diese Feststellung und gab sie an die Deutschen an der Ruhr und in der französischen Zone weiter; die Folge war, daß in den ECA-Büros in Frankfurt ein Riesenstrom von Briefen eintraf und die deutschen Industriellen und Gewerkschaftsführer, die ich während meiner Reisen getroffen hatte, sich dort die Tür in die Hand gaben. Ich machte es selbstverständlich allen Leuten klar, daß Collisson und seine Kollegen nicht von jedem bestürmt werden konnten, der eine Beschwerde vorzubringen hatte, und daß sich ihre Kompetenz nur auf solche Fälle erstreckte, die den Wiederaufbau Europas betrafen.

Im Augenblick war ich vor allem bemüht, das Interesse der ECA-Behörden auf die Tragödie im Siegerland zu richten. Nachdem er sich meinen Bericht mit großer Geduld und großem Interesse angehört hatte, willigte Collisson ein, eine Deputation aus dem Siegerland zu empfangen.

Eine oder zwei Wochen später, nachdem ich Frankfurt verlassen hatte, um ins Ruhrgebiet zu fahren, wurden fünf Vertreter der Industrien des Siegerlandes von Collisson empfangen; er hörte sich ihre Darstellung des Falles an und versprach, daß die technischen Experten der ECA-Behörde bald Siegen besuchen würden.

Tatsächlich haben diese Siegen zweimal besucht. Beim ersten Male verweigerten die Briten den Siegenern, ihren eigenen Dolmetscher mitzubringen, und diejenigen Fabrikbesitzer, die nicht Englisch sprechen konnten, waren daher sehr benachteiligt. Leute wie Erhardt Weber, die die Sprache einigermaßen gut verstanden, mußten hören, wie der britische Dolmetscher der Delegation falsche Auskünfte gab; Erhardt wußte aber nicht, ob seine in gebrochenem Englisch vorgebrachten Proteste verstanden worden waren oder nicht. Mr. Lewis, der ECA-Fachmann, hinterließ in Siegen jedoch einen tiefen Eindruck; denn er traf früh am Morgen

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ein und arbeitete ohne Pause den ganzen Tag über, machte sich überall Notizen und weigerte sich, gastfreundliche Angebote der Briten anzunehmen. Er war, wie es schien, ein Mann, der eine gewaltige und schwierige Arbeit zu leisten hatte, der zehn und zwölf Stunden am Tag am Werk war, der niemanden begünstigte, ein unparteiischer, hochqualifizierter Fachmann, der die ihm übertragenen detaillierten Untersuchungen ausführte und sich um nichts anderes als um seine Arbeit kümmerte.

Nach meiner Rückkehr in die USA erhielt ich einen Brief von Herrn Zezulak, der mich darüber informierte, daß die Mitglieder des Humphrey-Komitees am 3. und 4. Dezember Siegen besucht und 14 der auf der Demontageliste stehenden Fabriken inspiziert hatten. Wieder war Mr. Lewis mit dabei, diesmal aber begleitet von Frederick V. Geier von der Cincinnati-Walzwerkmaschinenfabrik, von dem man sagte, er sei ein Schwager Albert Einsteins. Geier schien sehr gut über jedes Detail im Bilde zu sein; er hatte einen ihm von der britischen Militärregierung angebotenen Dolmetscher mit der Begründung abgewiesen, daß er fließend Deutsch spreche. Das war schlimm für die Briten, die während Mr. Lewis' erstem Besuch den Deutschen einen eigenen Dolmetscher verweigert hatten. Zezulak schrieb mir : "Die Briten mußten also ihren Dolmetscher zurücklassen, alle Fabrikbesitzer sprachen Deutsch mit Mr. Geier, die Briten konnten den Gesprächen nicht folgen und die Leute konnten frei sagen, was sie zu sagen hatten. Das war wirklich ein großer Tag."

Ob nun Paul Hoffman oder Washington den geeigneten Gebrauch davon machen wollten oder nicht : das Beispiel Siegen muß Mr. Geier und Mr. Lewis instandgesetzt haben, Washington die Unterlagen für eine kluge und realistische Entscheidung hinsichtlich der Demontagen an die Hand zu geben.

Nach meinem Besuch im Ruhrgebiet kam ich im Oktober wieder nach Siegen und wurde dort für eine Woche von einer Lungenentzündung ans Bett gefesselt — zweifellos eine Folge meiner zu anstrengenden Untersuchungen über die Demontagen in Düsseldorf, Dortmund und Essen. Als ich im Hause der Webers das Bett hüten mußte, wurde mir diese Familie vertrauter als manche guten alten Freunde; die beiden Bartens, der alte und der junge, besuchten mich sehr häufig. Auch Mr. Paisley, der britische Reparationsoffizier, fand sich ein und wurde sichtlich freundlicher zu den Webers, sobald er feststellte, daß sie ihn persönlich für die Demontagen nicht verantwortlich machten. Er meinte, daß ich

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ihn mit meinem Eintreten für Siegen wahrscheinlich arbeitslos machen werde, war aber nicht unglücklich darüber und sehnte sich nach dem Tag, an dem er wieder arbeiten konnte, um etwas zu schaffen, statt zu zerstören. Eines Abends erzählten mir die Webers in seiner Anwesenheit, daß viele Siegener sich fragten, ob man etwas tun könne, um mir für meine Versuche zur Rettung ihrer Stadt zu danken. Lachend erwiderte ich, daß sie mir meines Erachtens nach ein goldenes Standbild auf dem Marktplatz errichten sollten, falls es sich erweisen solle, daß ich das Siegerland vor der Zerstörung bewahrt habe. Paisley warf ein, daß in diesem Falle die Statue mich zeigen sollte, wie ich einen Fuß auf seinen Leichnam setzte.

Dieser Scherz hatte ein Nachspiel, das mich zutiefst rührte. Kurz bevor ich Deutschland verließ, kamen die beiden Bartens, Erhardt Weber und Zezulak nach Frankfurt mit einer kleinen Bronzenachbildung der riesigen, aus dem Mittelalter stammenden Statue eines Eisenarbeiters, die für gewöhnlich an der Brücke über die Sieg stand. Auf den Fuß der Statuette hatten sie geschrieben : "Zur freundlichen Erinnerung an den Besuch von Mrs. Freda Utley im Siegerland und an ihre erfolgreichen Bemühungen, die Existenz der Industrien in diesem Gebiet zu retten."

Sie sagten mir, daß dies nicht nur ihre eigene Gabe sei, sondern daß diese die Dankbarkeit vieler anderer Leute zum Ausdruck bringen solle. Die Statue wog mindestens an die 100 Pfund, und da ich in die Vereinigten Staaten zurückflog, mußte ich sie zurücklassen; sie sollte mir später nachgeschickt werden. Ich konnte nur hoffen, daß ich wirklich geholfen hatte, die Existenzgrundlage der Bevölkerung des Siegerlandes zu retten und daß ich nicht nur den Tag ihres endgültigen Ruins hinausgeschoben hatte.

Erhardt Weber war nun noch hagerer geworden als je zuvor. Sein Bruder lag im Krankenhaus und war von den Ärzten aufgegeben worden. Otto, das unausgeglichene, aber bezaubernde und fröhliche Mitglied der Familie Weber, hatte sich dem Trunk ergeben und arbeitete überhaupt nichts mehr. Er sah keinen Sinn darin, denn den Deutschen war offensichtlich bestimmt, Bettler zu werden. Warum überhaupt noch kämpfen ? Er jedenfalls wollte so viele Blumen pflücken, wie sie an seinem Wege wuchsen, und seine eigenen Sorgen wie die anderer im Alkohol ertränken.

Erhardt war aus einem härteren Holz geschnitzt. Ob nun die Webersche Fabrik demontiert wurde oder nicht, er jedenfalls

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wollte sie auf jeden Fall wieder aufbauen. Eine weitere Mauer aus roten Ziegeln stand bereits, drei Gebäude waren bald wiederhergestellt. Trotz Ottos Protesten, daß es sinnlos sei wiederaufzubauen, da ja alle Maschinen weggenommen worden seien, trotz Helmuths Überzeugung, daß es zur Zeit nur einen Weg in Deutschland gebe, um zu Geld zu kommen, nämlich auf dem Schwarzmarkt zu kaufen und zu verkaufen, bestand Erhardt, das Oberhaupt der Familie (oder deren Diktator, wie seine Brüder meinten), darauf, zu arbeiten und noch mehr zu arbeiten. Mochten die Briten alle Früchte seines eigenen Tuns und dessen seiner Arbeiter wegnehmen, er jedenfalls hatte nicht die Absicht aufzugeben. Grimmig und schweigsam bestand er darauf, daß die Arbeit weitergehen müsse; er schonte weder sich selbst noch andere und weigerte sich zuzugeben, daß alles aus sei. Er verkörperte den besten Teil deutschen Geistes, der unüberwindlich erscheint, vielleicht darum, weil er niemals durch leichte Eroberungen und leichtes Leben korrumpiert worden ist. Erhardt war niemals ein Nazi gewesen und hatte in der deutschen Armee jede Beförderung abgelehnt, war aber ein Patriot im besten Sinne des Wortes. Kein anderer Mensch, den ich in Deutschland traf, ließ mich so deutlich das bittere Leid erkennen, das die Zerstörung und Versklavung ihres Landes über die Deutschen brachte.

Über seine Jahre hinaus gealtert, nicht verheiratet und ohne eine freie Minute für die Frauen, die von seiner Kühle und seinem guten Aussehen angezogen wurden, liebte er Musik und Dichtkunst und verbarg unter seiner Zurückhaltung einen echten Sinn für Humor; von seiner Mutter weniger geliebt als deren schwächere Söhne, nicht fähig, seine Zuneigung mit großen Worten auszudrücken, aber empfindsam und intelligent, war Erhardt von einem Geist beseelt, den nichts überwinden konnte. Er mochte an Überarbeitung sterben, doch vor dem Giganten Verzweiflung kroch er niemals zu Kreuze.

Deutsche gleich Erhardt Weber und viele andere Siegerländer, denen man die Chance gab, ihre Fähigkeiten und Talente für die Werke des Friedens zu nutzen, statt für Kriege, die sie nicht zu führen wünschen, waren imstande, Deutschland wiederaufzubauen und Westeuropa zu lehren, wie man vom Werk der eigenen Hände leben konnte, statt sich auf die Gewinne aus den dahinschwindenden Kolonialreichen oder die amerikanischen Subsidien zu verlassen, die nun deren Platz einnahmen.

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