Kapitel V

Die deutsche Demokratie zwischen Scylla und Charybdis

Der Marshall-Plan gründete sich auf der Auffassung, daß Armut und Verzweiflung die Völker dazu führen könnten, die Demokratie abzulehnen und dem Beispiel der Kommunisten zu folgen. Um die westliche Welt vor der totalitären Tyrannei zu retten, mußte daher Amerika den europäischen Nationen, die auf unserer Seite des Eisernen Vorhanges lebten, genug Dollars geben, damit diese ihre Wirtschaft wiederaufbauen und ihren Völkern die Möglichkeit bieten konnten, ein anständiges Leben zu führen.

Diese Theorie wurde jedoch auf Deutschland nicht angewandt. Wir weigerten uns zuzugeben, daß Armut, Arbeitslosigkeit und Verzweiflung die Nationalsozialisten zur Macht gebracht hatten und nun wiederum das deutsche Volk bewegen konnten, das politische Konzept und die moralischen Werte des Westens zurückzuweisen. Stattdessen betrachteten wir die Deutschen als ein von Natur angriffslustiges Volk mit einer Vorliebe für eine autoritäre Herrschaft und behandelten sie, als seien sie von einem Teufel besessen, den man dadurch austrieb, daß man sie züchtigte.

Man hatte bereits vergessen, daß die Nationalsozialisten keineswegs dadurch die Macht errangen, daß sie den Krieg predigten. Sie appellierten zuallererst an die Sehnsucht des deutschen Volkes, von unerträglicher Unordnung und wirtschaftlichem Chaos befreit zu werden. Ihr wichtigstes Schlagwort war Brot und Arbeit. Hitler begann erst dann über die Notwendigkeit zu sprechen, Lebensraum durch Anwendung von Gewalt zu erobern, als er zur Macht gekommen war. Viele Deutsche wandten sich der NSDAP zu, weil diese antikommunistisch war, andere unterstützten sie, weil die demokratischen Parteien bei der Lösung des Arbeitslosenproblems versagt oder es nicht verstanden hatten, die Demokratien zu den Konzessionen zu überreden, die für die Existenz des deutschen Volkes von ausschlaggebender Bedeutung waren.

Da viele Ausländer Hitlers Lügen für Wahrheit hielten, ist es kaum überraschend, daß so viele Deutsche das gleiche taten. Sie alle der Schuld an Hitlers Verbrechen zu zeihen, nachdem es für sie zu spät geworden war, seiner Tyrannei zu entkommen, heißt das Wesen einer totalitären Herrschaft verkennen. Es ist sehr zu

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bezweifeln, ob irgend eine andere Nation, hätte sie an Deutschlands Stelle gestanden, den Verführungskünsten der Nazi-Propaganda hätte Widerstand leisten können. Es hätte nach dem Zweiten Weltkrieg unser Ziel sein müssen, das deutsche Volk davon zu überzeugen, daß Hitler nicht nur versagt hatte, sondern daß er auch im Unrecht gewesen war und daß die Demokratie neues Leben und neue Hoffnung versprach.

Stattdessen war zum zweiten Mal innerhalb 30 Jahren das Wort Demokratie für die Deutschen gleichbedeutend mit der Unterwerfung unter unerträgliche Lebensbedingungen, der Verweigerung der Freiheit sowie der Sicherheit und der Selbstachtung für das deutsche Volk.

Es war ein Paradox unserer Tage, daß in einer Zeit, in der Psychologie bereits in den Oberschulen gelehrt wird und psychologische Kriegführung ein Zweig der Militärwissenschaften wurde, wir unsere Außenpolitik mit weit geringerem Verständnis fremder Völker führten als unsere Vorfahren, deren Wissen auf Geschichte und Philosophie begrenzt war. Die Lehren der Psychologie schienen offensichtlich für die Deutschen keine Gültigkeit zu besitzen. Obwohl die meisten Amerikaner der Überzeugung huldigen, daß kriminelle Tendenzen auf Umwelteinflüsse zurückzuführen sind und die Jugendkriminalität durch eine psychologische Behandlung bekämpft werden kann, glaubten sie, daß der einzige Weg, die Deutschen zu verändern, der war, sie als hartnäckige Kriminelle zu behandeln und sie alle zu bestrafen — einschließlich der Kinder, die noch gar nicht geboren waren, als Hitler an die Macht kam.

Ein Deutscher sagte mir : "Wenn Sie ein Kind oft genug einen Dieb nennen, dann wird es möglicherweise einer werden. Auf die gleiche Weise habt ihr, indem ihr alle Deutschen als Naziverbrecher behandelt habt, mehr Leute zu Nazis gemacht, als das Hitler jemals gelungen ist." Man kann die Menschen nicht zur Reue prügeln, sie müssen ihre Selbstachtung behalten, um ihre Schuld eingestehen zu können. Viele Deutsche machten sich während der nationalsozialistischen Herrschaft niemals klar, was sie taten oder welchen Taten sie Vorschub leisteten, als aber nach der Niederlage Deutschlands die von den Nazis in den besetzten Ländern begangenen Grausamkeiten ans Tageslicht kamen, hätte das Entsetzen darüber sie reumütig machen können, wenn sie selbst nicht Opfer ähnlicher Verbrechen wider die Menschlichkeit geworden wären. Alles, was wir getan haben, war, sie davon zu

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überzeugen, daß alle Menschen Bösewichte und grausam sind. Wie konnten wir von den Deutschen ein Eingeständnis ihrer Schuld erwarten, wenn wir selbst oder unsere Verbündeten mit ihnen ebenso verfuhren wie die Nationalsozialisten es mit denen taten, die sie besiegt hatten ? Jetzt betrachteten die Deutschen, weit davon entfernt, Reue zu bekunden, sich selbst als das am schlimmsten unterdrückte aller Völker und sahen keinen Unterschied zwischen der Herrschaft der Nationalsozialisten und der der westlichen Militärregierungen.

Dr. Helmuth Becker, der Sohn des weltbekannten Pädagogen und preußischen Kultusministers vor 1932, sagte zu mir in Nürnberg : "Falls die Konzeption der Militärregierung vom Wesen der Demokratie noch längere Zeit beibehalten wird, dann hat die Demokratie für die nächsten hundert Jahre in Deutschland keinerlei Chancen." Er fuhr fort : "Nur wenige Amerikaner machen sich klar, daß Deutschland Hitler nachlief, weil die demokratischen Parteien Bankerott gemacht hatten. Sie sehen auch nicht, daß die Militärregierung sehr viel Ähnlichkeit mit der Herrschaft der Nationalsozialisten hat. Die Nazis und die Leute von der Militärregierung wären sehr gut miteinander ausgekommen. Sie haben denselben Glauben an die Überlegenheit autoritärer Herrschaft und sie werden deshalb von den Deutschen im gleichen Licht betrachtet. Wir glauben eurer Propaganda ebenso wenig, wie wir der der Nationalsozialisten nach dem ersten oder zweiten Jahr ihrer Herrschaft glaubten. Wir beurteilen euch nach dem, was ihr tut, nicht nach dem, was ihr sagt, und das, was ihr tut, gleicht dem, was die Nazis taten, aufs Haar."

Es ergab sich ein unausweichlicher Widerspruch zwischen dem Wesen der Demokratie, was Regierung unter Zustimmung der Regierten bedeutet, und einer Militärregierung, die sich auf Gewalt gründet und auf die Macht der Sieger, den Besiegten ihren eigenen Willen aufzuzwingen. Dieser Widerspruch wurde noch durch die Haltung und das den Besatzungsgruppen in Deutschland vorgeschriebene Verhalten unterstrichen, er hätte aber auf jeden Fall das Heranwachsen einer lebendigen demokratischen Bewegung in Deutschland verhindert.

Es war unvermeidlich, daß die deutschen Demokraten in den westlichen Besatzungszonen den meisten ihrer Landsleute als Quislinge erschienen, die lediglich die Befehle der Sieger ausführten. Da aber diese Befehle die hungernden Deutschen dazu verdammten, im Bombenschutt ihrer Städte weiterzuleben, ohne daß

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es ihnen erlaubt wurde, sie wiederaufzubauen und da die Demontagen den Arbeitern ihren Lebensunterhalt und dem gesamten Volke die Freiheit raubten, wurde Demokratie erneut gleichbedeutend mit Niederlage, Elend, Ungerechtigkeit und Knechtschaft. Wiederum, genau wie in den Tagen der Weimarer Republik, nun aber in weit umfassenderem Maße, verweigerten wir den deutschen Demokraten jegliche Möglichkeit, ihren Landsleuten zu beweisen, daß Gerechtigkeit, Recht auf Arbeit und anständige Entlohnung sowie Gleichberechtigung unter den Nationen ohne Anwendung von Gewalt errungen werden können.

Die Situation, in die die deutschen Sozialdemokraten außerhalb Berlins geraten waren, illustrierte die betrüblichen Folgen unserer undemokratischen Haltung gegenüber den Deutschen. Als ich im Ruhrgebiet mit deutschen Gewerkschaftsführern sprach, fühlte ich mich in die Tage der Weimarer Republik zurückversetzt, in jene Zeit, in der ich Deutschland so oft besucht hatte. Die alten Sozialisten, die die Verfolgungen der Nazis und den Krieg überlebt hatten, standen wieder dort, wo sie vor zwanzig Jahren gestanden hatten, es fiel ihnen jetzt aber sehr viel schwerer, dem deutschen Volk die Demokratie mundgerecht zu machen. Sie setzten trotzdem immer noch ihren Glauben in friedliche Methoden und vernünftige Argumente. Sie scheuten davor zurück, sich direkter Aktionen oder revolutionärer Methoden zu bedienen, um gerechte Forderungen durchzudrücken. Sie glaubten noch immer an die Möglichkeit der Vereinigung aller Arbeiter der Erde und setzten noch immer ihr Vertrauen in die britischen und französischen Sozialisten; sie waren unter der Herrschaft der britischen Militärregierung noch immer so gesetzesfromm wie unter den früheren deutschen Regierungen; es fehlte ihnen nicht an Mut, doch schienen sie in Krisenzeiten zu kühnen und entscheidenden Aktionen unfähig zu sein.

Sie waren in der tragischen Situation, aus den Erfahrungen der Vergangenheit nichts lernen zu können, weil dies bedeutet hätte, daß sie den demokratischen Grundlagen ihres Glaubens hätten abschwören müssen. Da aber die Situation, der sie nun gegenüberstanden, derjenigen nach dem Ersten Weltkrieg glich, gerieten sie wiederum in die Gefahr, des Beistandes der deutschen Arbeiter verlustig zu gehen und damit den Demagogen und den Aposteln der Gewaltherrschaft den Weg freizugeben — den extremen Nationalisten auf der Rechten und den Kommunisten auf der Linken, die schon einmal die Demokratie zerstört hatten.

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Die Deutschen scheinen dazu zu neigen, stets aufs Ganze zu gehen. Entweder sind sie extreme Nationalisten und zu gewaltsamen Angriffen geneigt oder sie sind pazifistischer und internationalistischer gesinnt als die Sozialisten und Liberalen jedes anderen Landes. Ein junger deutscher Gewerkschaftsfunktionär erklärte mir in Düsseldorf : "Da unser Land im Herzen Europas liegt, treffen in Deutschland Einflüsse von allen Seiten in schärfster Weise aufeinander. Bei uns erhalten alle Entscheidungen eine weit schärfere Ausdeutung als anderswo. Die Deutschen neigen dazu, aus jedem Fall eine philosophische Streitfrage zu machen. In Deutschland waren die Religionskriege weit verheerender als anderswo, weil wir uns jedem Glauben aus ganzem Herzen hingeben und Kompromisse nicht als Tugenden betrachten. Aus diesem Grund gehen wir heutzutage in der Politik ins andere Extrem : vom Ultranationalismus zur Verneinung aller nationalen Gefühle. Wir erfüllen unsere Politik mit religiöser Hingabe und betrachten jeden, der anders denkt, als unseren Feind. So, wie positive und negative Komponenten in der Elektrizität Kraft erzeugen, sind im deutschen Charakter noch immer die stärksten Antriebe gleichermaßen zum Guten wie zum Bösen lebendig."

Ist der Nationalismus im Anwachsen, findet man die Deutschen unter den gewalttätigsten und bedenkenlosesten Völkern; wenden sie sich dem Pazifismus, dem Internationalismus und dem reinen Vernunftsdenken zu, reichen sie trotz aller Provokationen, Ungerechtigkeiten und allen Leides, das man ihnen antut, die andere Wange zum Schlage hin, was wenige andere Völker täten. Diese Tendenz zum Extremen und zur Verneinung des Kompromisses ist auch die Ursache für die harten Parteikämpfe, die die Weimarer Republik zerstört haben. Unähnlich den Briten, die aus Instinkt heraus das Interesse der Nation über das der Parteien stellen, gehen die Deutschen in ihren politischen Streitigkeiten so weit, daß, außer wenn eine autoritäre Herrschaft sie zur Führung eines Krieges zusammenschmiedet, innere Konflikte die Nation in sich erbittert befehdende Gruppen aufspalten. Dies war der Grund, warum jetzt sogar Deutsche liberaler Observanz erklärten, daß Deutschland eine Monarchie brauche, weil nur eine festbegründete und von allen Parteien anerkannte Autorität die Zerrissenheit Deutschlands in verschiedene Lager überwinden könne.

Deutschland steht in dieser Beziehung vielleicht nicht allein da.

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Die Franzosen zeigen eine ähnliche Unfähigkeit, die Demokratie wirklich mit Leben zu erfüllen und auch die Briten hatten in der Vergangenheit ihre Bürgerkriege. Es ist die vergleichsweise Jugendlichkeit des deutschen Staates, die dieses ständige Schwanken vom übersteigerten Nationalismus zum politischen Kampf aller gegen alle im Inneren ohne Rücksicht auf die Interessen der Nation und von dort wieder zurück zum extremen Nationalismus gebar.

Die Absage, die die deutschen Sozialdemokraten den nationalen Empfindungen und Zielsetzungen erteilt haben, spielte den extremen Nationalisten wie den Kommunisten in die Hände, die ja deutsche nationale Gefühle für die Zwecke der Russen ausbeuteten.

Die Haltung mancher deutscher Sozialisten in den westlichen Besatzungszonen verstärkte den Eindruck, daß sie Puppen seien, die nur die Ansichten der Sieger wiederholten, welche forderten, daß die Deutschen — ungleich anderen Nationen — ein Nationalgefühl nicht kennen sollten.

Patriotismus wurde, wenn ihn die Sieger bekundeten, als Tugend betrachtet, wenn ihm aber die Deutschen huldigen wollten, war er ein Zeichen für eine negative Haltung. Jedes Anzeichen für eine Wiederbelebung des deutschen Nationalismus wurde zum Vorwand genommen, um die Unterdrückungsmaßnahmen zu erneuern. Wir behandelten die Deutschen wie Sexualverbrecher, die man entmannen, in Gefängnissen halten oder denen man normale sexuelle Handlungen verbieten mußte, während ihre Gefängniswärter sich ihren natürlichen menschlichen Trieben in vollem Ausmaße hingeben durften.

Gestern waren es die Nationalsozialisten, heute waren es ihre einstigen Verbündeten und Brüder im Geiste, die Kommunisten, die Vorteil aus der Behandlung Deutschlands durch die Alliierten und der Schwäche der deutschen Demokratie zogen. Die Kommunisten appellierten an dieselben Leidenschaften, Haßgefühle und dieselbe extrem nationalistische Gesinnung wie die Nationalsozialisten. Sie waren führend im Kampf gegen die Demontagen und die sogenannte Internationalisierung des Ruhrgebietes; sie erklärten, daß die deutschen Demokraten nicht fähig und die demokratischen Mächte nicht willens seien, dem deutschen Volk die ihm zustehenden Grundrechte zu gewähren.

Obwohl die Erfahrungen, die die Deutschen mit dem kommunistischen Terror in der Sowjetzone und Berlin gemacht hatten

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und die Eindrücke aus erster Hand, die die Angehörigen der deutschen Armee als Soldaten und Kriegsgefangene in der Sowjetunion gewonnen hatten, bisher das Wiedererstehen einer starken deutschen kommunistischen Bewegung verhinderten, gab es doch im Ruhrgebiet eine ansehnliche Minderheit von Kommunisten, die bisher nur von den Sozialdemokraten und Christdemokraten in Schach gehalten wurde. Diese hofften immer noch, daß die Westmächte im Angesicht der sowjetischen Bedrohung Vernunft annehmen und dem deutschen Volk gestatten würden, zu leben und zu arbeiten. Man sagte, daß etwa ein Drittel der Gewerkschaftsmitglieder der Kohlen- und Eisenindustrie an der Ruhr Kommunisten seien oder der kommunistischen Führung folgten. Diese beträchtliche Minderheit konnte durchaus an Zahl zunehmen, falls es so aussah, als würden nur die Kommunisten die Demontagen bekämpfen. Sie mußte auch wachsen, falls die Besatzungsbehörden zwar weiter danach strebten, das freie Unternehmertum in Deutschland wiederzubegründen, gleichzeitig sich aber weigerten, Deutschland von der Last der Reparationszahlungen zu befreien und die harten Kontrollen nicht aufzuheben, die zugunsten der britischen und französischen Konkurrenten Deutschlands auf dem Weltmarkt verhängt worden waren und damit Kargheit und Inflation nicht minderten, die die deutschen Arbeiter aller Lebensgewohnheiten beraubten.

Falls die deutschen Sozialisten, die die Gewerkschaften des Ruhrgebietes kontrollierten, einsehen mußten, daß sie trotz aller Zusammenarbeit von den Briten nicht gerecht behandelt würden, falls sie fortfuhren, ihre Gefolgsleute von organisierten Streiks gegen die Demontagen zurückzuhalten, falls es ihnen auf keinen Fall gelang, diejenigen deutschen Arbeiter zu unterstützen, die ins Gefängnis mußten, weil sie sich weigerten, britischen Befehlen zur Zerstörung oder zum Abtransport der Maschinen nachzukommen, von denen der Lebensunterhalt anderer Deutscher abhing, mußten die Kommunisten unvermeidlich die Führung der deutschen Arbeiterschaft an sich reißen, obwohl die Deutschen die Sowjetunion fürchteten und haßten.

Die Briten hatten bisher aus der vertrauensvollen Haltung der deutschen Gewerkschaftsführer mannigfache Vorteile gezogen, doch auf lange Sicht mußte dieser Gewinn, der ihnen aus dem Glauben der deutschen Sozialisten an die britische Labour-Regierung zufloss, sich in einen Gewinn für die Kommunisten verwandeln. Die Briten erzielten damals beträchtliche Vorteile dadurch,

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daß sie der Sowjetunion und deren Satelliten Waffen und Flugzeuge sowie Material und Maschinen zu deren Herstellung verkauften; wahrscheinlich mußten sie es später bitter bereuen, daß sie ausschließlich damit beschäftigt waren, zum Schaden ihrer eigenen Verteidigung Dollarguthaben anzusammeln. Auch in Deutschland konnte es so weit kommen, daß sie den Tag bereuten, an dem sie aus händlerischen Beweggründen den guten Willen derjenigen geopfert hatten, die ihnen vertrauten und die ihre stärksten Verbündeten hätten werden können.

Mein Besuch an der Ruhr im Herbst 1948 zeigte mir nicht nur die Ähnlichkeit der Art und Weise, in der die Sieger heute und nach dem Ersten Weltkrieg mit der deutschen Demokratie umsprangen, sie ließ mich auch die Schwächen der deutschen Sozialdemokratie gewahr werden. Bevor Hitler an die Macht kam und die deutsche Sozialdemokratie noch der Treue der Mehrheit der deutschen Arbeiterbevölkerung sicher sein konnte, glaubten die deutschen Demokraten, daß die westlichen Demokratien niemals in ihren Untergang einwilligen würden, indem sie ihnen jene Konzessionen verweigerten, die dem deutschen Volk eine friedlich gesinnte Führung erhalten mußten. Im Jahr 1948 stellte ich im Ruhrgebiet fest, daß die deutschen Gewerkschaftler davon überzeugt waren, daß die britische Labourregierung das Demontageprogramm, das das deutsche Volk wiederum dazu zwingen mußte, sich der Demokratie zu versagen, keinesfalls auszuführen bereit war. Andere waren offenkundig zur Annahme der Demontagen durch ein britisches Versprechen gewonnen worden, daß man die Sozialisierung der Kohlengruben und der Stahlindustrie gegen die Amerikaner, die die Privatinitiative begünstigten, unterstützen werde; dieses Versprechen war für den Fall gegeben worden, daß die Gewerkschaftsführer mit der britischen Militärregierung zusammenarbeiteten oder zumindestens nicht mit entschlossenen Aktionen den Abtransport der Maschinen aus den deutschen Fabriken verhinderten. Dies war offensichtlich die Erklärung dafür, daß Hans Böckler und andere alte deutsche Gewerkschaftsführer den Forderungen ihrer Gefolgsleute nach einem Generalstreik gegen die Demontagen nicht nachkamen. Gleich dem geschorenen Samson hatte die deutsche Arbeiterbewegung ihre Stärke verloren; die Verführerin war die sozialistische Idee gewesen. In der Hoffnung, zur Zusammenarbeit mit den britischen Eroberern zu gelangen, hatten die deutschen Gewerkschaftsführer die arbeitende Klasse ihrer Waffen beraubt.

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Ob nun tatsächlich zwischen den britischen und deutschen Sozialisten ein Abkommen erzielt worden war oder nicht, meine Gespräche mit den Gewerkschaftsführern an der Ruhr zeigten mir, daß diese vor nichts so sehr Angst hatten als davor, die britische Labour-Regierung zu verärgern. Auf der anderen Seite mußte ich mir auch klarmachen, daß die deutschen Gewerkschaftsführer kaum eine andere Wahl hatten, als mit den Briten zusammenzuarbeiten. Die Abhängigkeit der Deutschen von den Lebensmittelzufuhren ihrer Besieger war eine schreckliche Waffe in den Händen der britischen und amerikanischen Militärregierung — und sie wurde ohne jegliche Skrupel angewendet. Niemand hatte vergessen, daß die Westmächte im Jahre 1947 gedroht hatten, die Lebensmittelzufuhren zu stoppen, falls die deutschen Arbeiter streiken sollten.

Als Außenseiter vermochte ich nicht zu beurteilen, ob die Mohrrübe oder der Stecken mehr dazu tat, die deutschen Gewerkschaftsführer zu veranlassen, mit der britischen Militärregierung zusammenzuarbeiten. Aller Wahrscheinlichkeit nach war der Stecken — also der Hunger — stärker als die sozialistische Verlockung. Aushungerung als Methode des Zwanges wurde von den britischen und amerikanischen Besatzungsbehörden weniger ungeniert angewendet als von den Sowjets, hatte aber eine kaum geringere Wirkung. Diese Abhängigkeit Westdeutschlands von den Lebensmittelzufuhren hatte den deutschen Demokraten den Boden unter den Füßen weggezogen und die deutsche Arbeiterbewegung in eine noch weit schwächere Position als unter den Nationalsozialisten gebracht. Es war für die NS-Regierung von ausschlaggebender Bedeutung, die deutschen Arbeiter dazu zu ermutigen, bis an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit zu arbeiten, da mit Zwang allein ein Höchststand der Produktion nicht zu erreichen war. Die britische Militärregierung war daran überhaupt nicht interessiert. Den Briten war es — um ihren Lieblingsausdruck zu gebrauchen — völlig Wurst, ob die deutschen Arbeiter streikten und damit den Hungertod wählten. Die Einstellung der Produktion in den deutschen Fabriken war den britischen Eroberern, die ja auch Deutschlands Konkurrenten waren, vielleicht sogar sehr willkommen. Auf diese Weise wurde in der Tat den deutschen Arbeitern an der Ruhr ihre einzige Waffe gegen die Zerstörung ihrer Existenzgrundlage aus der Hand geschlagen.

Da jede deutsche Arbeiterfamilie zu jener Zeit am Rande der

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echten Not lebte und nun für ihre unzureichende Ernährung vom guten Willen der Sieger abhängig war, konnte kein deutscher Arbeiterführer leichten Herzens die Besatzungsbehörden bekämpfen. Einer von ihnen sagte mir : "Eine Woche ohne Arbeit und Löhne bedeutet Tausende von tuberkulösen Kindern und Tausende von Invaliden mehr; wir sind so unterernährt und schwach, daß wir uns gerade noch am Leben erhalten können, aber keinerlei Reserven mehr haben. Noch ein kleiner Stoß kann bereits den völligen Zusammenbruch bedeuten. Wie können wir uns der organisierten Gewalt unserer Besieger widersetzen, die unser Leben in Händen halten und uns wie Verbrecher oder zumindest wie Gefangene behandeln, die man auf Zeit entlassen hat ?"

Trotzdem fiel es mir schwer, die Haltung von Männern wie Hans Böckler zu verstehen. Er war eben von London zurückgekehrt, wo er mit Ernest Bevin gesprochen hatte. Als ich ihn fragte, wie Bevin seine Argumente gegen die Demontagen beantwortet habe, fand Böckler Entschuldigungen für den britischen Außenminister. Er sagte : "Bevin ist so überlastet mit anderen Sorgen, so sehr mit den Schwierigkeiten der Außenpolitik befaßt — Palästina, Rußland und all das andere —, daß er ganz einfach nicht die Zeit findet, sich unseren deutschen Problemen zu widmen." Nach dieser Unterhaltung war ich kaum überrascht, als einer der Minister in Nordrhein-Westfalen, der selbst ein Sozialdemokrat war, mir bedeutete, daß Böckler allzu sehr auf Großbritannien ausgerichtet sei. Die mittleren Führungskräfte der Gewerkschaft, so erzählte mir derselbe Minister, waren sich darüber im klaren, daß die deutschen Arbeiter von den Briten aufgeopfert würden; die Arbeiter selbst seien zum Streik gegen die Demontagen entschlossen, doch Böckler habe jede volle Aktion verhindert. Böckler war sowohl Führer der Metallarbeitergewerkschaft als auch Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Arnold Schmidt, der damalige Führer der deutschen Grubenarbeiter, hatte die gleiche probritische Einstellung. Bevor ich ihn in seinem Hause bei Bochum interviewte, hatte ich ihn am 2. Oktober zu den in Essen versammelten britischen und amerikanischen Beamten der Militärregierungen sprechen hören und vergeblich auf seinen Protest gegen die Demontagen gewartet. Ich war daher kaum überrascht, als er mir erzählte, daß die deutschen Arbeiter voller Bewunderung für die sozialistischen Errungenschaften der britischen Arbeiterregierung seien. Mag es Taktgefühl oder Überzeugung gewesen sein — er selbst hatte jeden-

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falls gegen die derzeitige britische Politik nichts einzuwenden.

So sehr ich auch die Gewerkschaftsführer alter Prägung, mit denen ich im Ruhrgebiet zusammentraf, bewunderte, ihr rührender Glaube an die britische Labour-Regierung schien mir doch ein wenig übertrieben. Trotz der herablassenden Behandlung, die ihnen wie allen anderen Deutschen von den Beamten der britischen Militärregierung zuteil wurde und trotz der unzähligen Beweise dafür, daß die Briten entschlossen waren, die deutsche Konkurrenz durch rücksichtslose Demontagen zu vernichten, weigerten sie sich zu glauben, daß ihnen eine britische Arbeiter-Regierung nicht freundlich gesinnt sei. Statt die von ihrer Gefolgschaft geforderten Streiks und Demonstrationen anzuführen, warteten sie geduldig und unterwürfig darauf, ob die Briten und Franzosen nicht doch zur Vernunft kommen und aufhören würden, den deutschen Arbeitern das Brot aus dem Munde zu stehlen.

Während meines Besuches im Ruhrgebiet begleitete mich ein Deutscher aus dem Sozialministerium, den mir Richard Stokes empfohlen hatte, jenes Mitglied des englischen Parlamentes, der am entschiedensten für einen Demontagestopp gefochten hatte. Obwohl ich Deutsch spreche, kenne ich die Sprache doch nicht so gut, daß ich jedes Wort verstehe, wenn es um technische Fragen geht. Stokes Freund Zilliken, der fließend Englisch sprach, war daher bei meinen Untersuchungen der Demontagen an der Ruhr eine große Hilfe für mich. Er war zudem ein intelligenter, mutiger und gut informierter junger Mann.

Als ich mein Erstaunen über das sichtlich schrankenlose Vertrauen der deutschen Gewerkschaftsführer in die britische Labour-Regierung ausdrückte, bemerkte Zilliken : "Ja, das Verhältnis, das die britische Labour-Regierung zu den Sozialdemokraten im Ruhrgebiet herstellen konnte, gleicht dem der englischen Aristokratie zu der britischen Arbeiterklasse." Dieser Vergleich dürfte nicht so sehr auf heute, als auf die Zeit vor 50 Jahren zugetroffen haben. Man könnte wohl zutreffender sagen, daß das Verhältnis der Sozialdemokraten Westdeutschlands zur britischen Labour-Regierung eher dem der SED der Sowjetzone zu Moskau glich. Beide sind hinsichtlich der Einflüsse, die sie ausüben können, von den Besatzungsbehörden abhängig. Sicherlich genießen die Sozialdemokraten eine nachhaltigere Unterstützung beim Volke als die SED, waren sich aber wohl bewußt, daß sie nach einem Abzug der Besatzungstruppen aus ihren Ämtern gefegt würden. Mit dieser Feststellung wurde nicht etwa die Integrität der deut-

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schen Sozialisten bezweifelt, dies ist vielmehr die Folge davon, daß in deutschen Augen Demokratie mit der Unterwerfung unter den Willen der Sieger gleichgesetzt wurde.

Trotz ihrer schwachen Position mangelte es der deutschen Sozialdemokratie nicht an Führern, die einen kühneren Kurs befürworteten als den, den Leute wie Böckler und Schmidt eingeschlagen hatten. Es gab in der Partei eine militante Opposition, die behauptete, daß eine wirkungsvolle direkte Aktion gegen die Demontagen wie gegen die Verwandlung des Ruhrgebietes in eine angelsächsisch-französische Kolonie möglich sei und daß die Kommunisten die Führung übernehmen würden, falls es den Sozialisten nicht gelänge, für die Rechte der deutschen Arbeiterschaft und des deutschen Volkes zu kämpfen. Dieser kämpferische Flügel der deutschen Sozialdemokratie und der Gewerkschaften befürwortete Massenstreiks und Demonstrationen gegen die Demontagen, weil er glaubte, daß die Briten es in diesem Stadium nicht wagen würden, die deutsche Arbeiterklasse mit nackter Gewalt zu unterdrücken; sie mußten je sehen, daß die einzigen Nutznießer dann die Kommunisten sein würden. In den ersten Monaten des Jahres 1949 schien es, als ob diese Leute im Ruhrgebiet die Führung übernehmen würden, zweifellos wohl darum, weil die Kommunisten begonnen hatten, die Führung im Kampf gegen die Demontagen an sich zu reißen und weil die Zahl der registrierten Arbeitslosen in der vereinigten britisch-amerikanischen Zone auf über eine Million gestiegen war.

In Dortmund besuchte ich eine der außergewöhnlichsten Persönlichkeiten unter diesen kämpferischen sozialistischen Gewerkschaftsführern; er lag, nachdem er ein paar Tage zuvor bei einem Verkehrsunfall seine rechte Hand verloren hatte, im Krankenhaus. Herr Meyer hatte als Bergarbeiter begonnen, war Gewerkschaftsorganisator gewesen, bevor Hitler an die Macht kam und hatte sich dann seinen Lebensunterhalt in den verschiedensten Berufen wie dem eines Werbeleiters einer Filmgesellschaft, eines Glühbirnenverkäufers und eines Hotelmanagers verdient; während des Krieges war er zuerst Soldat gewesen und dann in eine Glasfabrik zwangsverpflichtet worden. Er sah aus wie Beethoven. Sein massiver Körper, das bleiche Gesicht, die Adlernase, der kräftige Mund und die breite Stirn, das von grauen Strähnen durchzogene schwarze Haar und die brennenden schwarzen Augen hinterließen einen tiefen Eindruck. Seine freimütige und furchtlose Haltung und der Unterschied zwischen seinen Ansichten und

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der engherzigen sektiererisch-sozialistischen Einstellung von Männern wie Böckler und Schmidt schlugen mich ebenso sehr in ihren Bann.

Meyer berichtete mir, daß er in den letzten, verzweifelten Wochen des Krieges trotz seines Alters wieder zur Armee eingezogen worden und von den Amerikanern gefangen worden war, daß er aber das Glück gehabt hatte, von einem früheren Gewerkschaftskollegen verhört zu werden, der in die USA ausgewandert und amerikanischer Bürger geworden war. Dieser Freund aus den Tagen der Weimarer Republik hatte ihn sofort aus der Gefangenschaft entlassen lassen und er war daraufhin sogleich zu seinem früheren Gewerkschaftsführer Böckler gestoßen, der eben daran ging, die deutsche Gewerkschaftsbewegung wiederaufzubauen.

Meyer stimmte mit der jetzt von Böckler angewandten Taktik nicht überein. Als im Sommer 1948 in der britischen Zone die Demontagen großen Ausmaßes begonnen hatten, hatte er vorgeschlagen, daß die deutschen Gewerkschaften, die Handels- und Handwerkerkammern, die Angestellten und Besitzer der deutschen Fabriken zusammen mit der protestantischen und katholischen Geistlichkeit gleichzeitig in den Streik treten und jegliche Zusammenarbeit mit der britischen Militärregierung verweigern sollten. Meyers Vorschlag war, wie er mir berichtete, von den Mitarbeitern Böcklers zurückgewiesen worden; sie hatten erklärt, Böckler wünsche nicht, daß Unruhen oder Drohungen die guten Ergebnisse zunichte machten, die er von seinen Verhandlungen in London und Paris erwartete. Möglicherweise war Böckler auch jeder Aktion abgeneigt, die die Bildung einer Einheitsfront mit den Kapitalisten und den Kirchen zur Verteidigung des gesamten deutschen Volkes zur Voraussetzung hatte.

Fritz Hentzler, der sozialdemokratische Oberbürgermeister von Dortmund, mit dem ich am gleichen Tage sprach, war, obwohl kein junger Mann mehr, ein ebenso kämpferisch und unvoreingenommen eingestellter Mann. Gleich Ernst Reuter in Berlin vertrat er die Interessen aller seiner Mitbürger und widmete sich mehr den menschlichen Sorgen, der Erringung von Freiheit und Gerechtigkeit als der Verstaatlichung von Produktion und Verteilung. Er teilte keine der Illusionen Böcklers und Schmidts, die wie Träumer in einer verwandelten Welt immer noch daran glaubten, daß die Sozialisten anderer Länder ebenso internationalistisch dächten wie sie selbst. Hentzler berichtete mir, daß die deutschen Gewerkschaftsführer sich zuerst geweigert hätten zu

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glauben, daß eine britische Arbeiter-Regierung jemals darauf ausgehen werde, den deutschen Arbeitern ihre Existenzgrundlagen zu rauben; die Mehrheit der deutschen Arbeiter hatte daher niemals damit gerechnet, daß wirklich Demontagen großen Ausmaßes angeordnet würden. Sie hatten die Warnrufe der Industriellen und ihrer Angestellten lediglich als kapitalistische oder nationalistische Reaktion gegen die Methoden der Entwaffnung betrachtet. Die Gewerkschaften im Ruhrgebiet gelobten daher, sich ihren speziellen Aufgaben zu widmen und weigerten sich, der britischen Besatzungsmacht Schwierigkeiten zu bereiten. Als dann später die Wirkungen der geplanten Demontagen voll zu Tage traten, vertrauten die deutschen Arbeiter darauf, daß der Marshall-Plan den Demontagen Einhalt gebieten und Deutschland eine höhere Industriekapazität zugesprochen werde. Diese Arbeiterführer, die zuerst vergeblich ihr Vertrauen in die britische Labour-Regierung gesetzt hatten, suchten nun vom kapitalistischen Amerika Gerechtigkeit zu erlangen.

Hentzler und ein paar andere Leute hatten sich vom Anfang an klargemacht, daß die Demontagen eine schwerwiegende Bedrohung darstellten und daß wenig Hoffnung bestand, daß die Amerikaner ihnen Einhalt gebieten würden. Seiner Ansicht nach waren die umfassenden Demontagen von den USA und Großbritannien geplant worden, um zu einem Einverständnis mit den Franzosen zu gelangen; er glaubte, daß sie im Jahre 1948 versprochen hatten, die Demontagen unter allen Kosten und ohne Rücksicht auf die verheerenden Folgen für die deutschen Arbeiter und die deutschen Demokraten zu Ende zu führen. Hentzler erzählte mir auch, daß General Robertson, als er zuerst mit ihm über die finanziellen Konsequenzen der Demontagen gesprochen hatte, sehr günstig gesinnt gewesen, jetzt aber eiskalt geworden sei. Offenkundig gab es eine feste britisch-französisch-amerikanische Abmachung über die Stahlproduktion, die dazu bestimmt war, die deutsche Produktion zu vernichten und die der Franzosen und Belgier zu verdoppeln.

"Da antidemokratisch und destruktiv gleichartige Begriffe sind, wird das Endergebnis der Demontagen die Demontage der Demokratie sein", sagte Hentzler. Er fuhr fort : "Jede wirtschaftliche Schwierigkeit hat ihre Rückwirkung auf die Demokratie und wird daher von den Nazis und anderen extremen Nationalisten in Deutschland ebenso willkommen geheißen wie von den Kommunisten."

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Das Ruhrgebiet war das Zentrum des kommunistischen Einflusses in Deutschland und die Kommunisten nahmen jeden Vorteil wahr, der sich für ihre Propaganda durch den Ruin bot, den die Demontagen brachten. Sie spielten auf der Klaviatur nationalistischer Gefühle ebenso wirkungsvoll, wie das die Nationalsozialisten getan hatten. Sie behaupteten, daß die Demontagen und die britisch-französisch-amerikanische Übereinkunft über die Kontrolle des Ruhrgebietes von Anfang an geplant gewesen seien, um Deutschland in eine Sklavenkolonie zu verwandeln, die für den Profit der angelsächsischen und französischen Imperialisten arbeitete. Ihre Propaganda hatte genug Wahrheitsgehalt, um ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Wenn sie sahen, daß es ihren sozialdemokratischen Führern nicht gelang, ihre Existenz und die entscheidenden Interessen Deutschlands zu schützen, mußten die deutschen Arbeiter ganz naturgemäß den Kommunisten folgen, hätten sie selbst nicht den Terror der Russen als erste am eigenen Leibe verspürt.

Als ich Hentzler fragte, wie es möglich sei, daß auch nur ein einziger Deutscher sich von der kommunistischen Propaganda täuschen lassen könne, da ja jedermann die schreckliche Behandlung kannte oder von ihr gehört hatte, die den Deutschen in Rußland und der Sowjetzone zuteil wurde, lächelte er traurig und sagte : "Sie unterschätzen die Dummheit der Massen. Roosevelt wie Churchill sind beide von Stalin betrogen worden, warum sollte es beim deutschen Volk anders sein ?" Er berichtete mir auch, daß einige deutsche Nationalisten glaubten, sie könnten Deutschland mit dem Beistand der Sowjets wiederbewaffnen. "Sie sind bereit, jetzt Söldner der Russen zu werden, weil sie hoffen, auf diese Weise in späterer Zukunft ein unabhängiges Deutschland schaffen zu können", meinte Hentzler und verwies auf den Fall des Grafen Einsiedel, eines Enkels Bismarcks, der zu dieser Zeit in dem von den Russen geschaffenen Komitee Freies Deutschland eine wichtige Rolle spielte, weil er zu der Rußland freundschaftlich gesinnten Politik seines Großvaters zurückzukehren wünschte. Ich wollte von Hentzler wissen, ob diese deutschen Nationalisten wirklich daran glauben, daß Deutschland mit Hilfe einer Zusammenarbeit mit Rußland gegen den West en seine Unabhängigkeit zurückgewinnen könnte oder ob sie es darauf abstellen, die Russen zu betrügen, wenn sich ihnen ihre Chance bot. Er erwiderte : "Leute, die auf der den Fortschritt verneinenden Seite stehen, sind viel eher bereit, sich zu einigen als

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diejenigen, die den Fortschritt bejahen." Ich fragte Hentzler auch, ob seiner Meinung nach viele ehemalige Nationalsozialisten jetzt mit den Kommunisten zusammenarbeiteten. Er antwortete : "Sehr wenige mit der Absicht, Deutschland für die Russen gewinnen zu können, viele von ihnen aber im Glauben, daß sie Rußlands Beistand gewinnen müßten, um Deutschland wiederaufbauen und es von der Herrschaft der Westmächte befreien zu können. Die ehemaligen hochgestellten Nationalsozialisten und viele ehemalige Offiziere der Wehrmacht werden sich niemals mit untergeordneten Stellungen zufriedengeben. Sie streben so vor allem ein System an, in dem sie wieder Macht ausüben können."

Ministerpräsident Arnold von Nordrhein-Westfalen, den ich in Düsseldorf interviewte, lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Hilfe, die den deutschen Kommunisten durch eine angebliche Äußerung Bevins gegenüber General Marshall geleistet wurde; Bevin hatte verlangt, daß die Demontagen im Ruhrgebiet aus Gründen der Sicherheit fortgesetzt werden müßten, da sonst den Sowjets intakte Fabriken in die Hände fallen könnten, die sie dann für sich nutzen könnten. Wenn man erwarten dürfe, daß ein unbewaffnetes Deutschland nicht verteidigt, sondern im Falle eines Krieges den Russen ausgeliefert würde, müßten viele Deutsche zu dem Schluß gelangen, daß es keine andere Chance gäbe, als sich mit den Kommunisten gutzustellen. Arnold sagte : "Die antikommunistische Einstellung der Deutschen ist tief gegründet und stark." Falls England und Amerika ein Besatzungsstatut ausarbeiten würden, das den Deutschen die Freiheit, eine eigene Regierung und Verantwortung gäbe, wäre eine solide Grundlage für eine Entwicklung zur Demokratie gegeben. Arnold fuhr fort : "Dann könnten wir mit einer Stimme sprechen, die in der Sowjetzone sicherlich gehört würde." Eine Erklärung, daß die Demontagen sofort eingestellt würden, mußte eine sehr ermunternde Wirkung auf die Deutschen haben. Arnold meinte : "Die Deutschen sind so sehr bereit, an der Wiederaufrichtung Europas mitzuarbeiten, daß in ihren Herzen das Europa über alles das Deutschland über alles ersetzen würde."

Es ist leicht, solche Feststellungen als unglaubwürdig hinzustellen und zu behaupten, daß die Deutschen nur vorgäben, gute Europäer sein zu wollen, um Europa desto besser beherrschen zu können. Ein solches Mißtrauen ignoriert die dem deutschen Charakter innewohnende Haltung des Alles oder Nichts. Da die Deutschen dazu neigen, eine politische Linie bis in ihre letzten

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Konsequenzen zu verfolgen, ist es — vorausgesetzt man gibt ihnen die Chance, ihren Verstand, ihre Tüchtigkeit und ihre Fähigkeit zu harter Arbeit auf friedliche Weise zu nutzen — durchaus wahrscheinlich, daß sie bessere Europäer als andere Völker werden, die nicht so sehr einem einzigen Ziel nachstreben.

Die Kriegspropaganda hat die harten Tatsachen der Geschichte verschleiert, sonst müßten die Amerikaner wissen, daß die Deutschen — wenn überhaupt — keineswegs angriffslustiger sind als die Franzosen, Briten und Niederländer, die in Asien und Afrika Riesenreiche eroberten, während die Deutschen zu Hause blieben, Musik komponierten, Philosophie studierten und ihren Dichtern lauschten. Vor gar nicht so langer Zeit gehörten die Deutschen noch zu den friedfertigsten Völkern dieser Erde; sie könnten es wieder werden, wenn man ihnen eine Welt gäbe, in der es erlaubt wäre, im Frieden zu leben. Die Böcklers in Deutschland waren zwar im Irrtum, wenn sie glaubten, daß man von den Westmächten Zugeständnisse auf dem Verhandlungswege erringen könne, ihre Haltung beweist aber die Bereitschaft vieler Deutscher, sich bei der Verfolgung ihrer Ziele friedfertiger Methoden zu bedienen. Leider sah es gar nicht so aus, als ob sie imstande sein würden, das auch zu tun. Wieder — wie in den Tagen vor Hitler — standen die deutschen Sozialdemokraten zwischen zwei Feuern. Vor 20 Jahren hatten sie gegen die Nationalsozialisten auf der einen, die Kommunisten auf der anderen Seite kämpfen müssen. Heute wurden sie in ihrem Kampf gegen die Kommunisten von der britischen und amerikanischen Militärregierung behindert.

Man sagte mir : "Wir sind im Ruhrgebiet zu einem vorsichtigen Vorgehen gezwungen, weil es unter den deutschen Arbeitern starke kommunistische Gruppen gibt, die jede Aktion, die wir gegen die Demontagen unternehmen, als Opposition gegenüber den westlichen Demokratien ausdeuten." Das Gewicht dieser Feststellung hatte sich mir bereits bei der Lektüre der von den Russen lizensierten Presse Berlins eingeprägt, die gegen die Demontagen im Ruhrgebiet (selbstverständlich aber nicht gegen die in der Sowjetzone) und gegen die Behandlung Deutschlands als Kolonie durch die Westmächte vom Leder zogen. Es wollte mir aber scheinen, als ob die deutschen Sozialdemokraten kaum hoffen durften, Führer der Arbeiterschaft bleiben zu können, wenn sie sich so sehr davor fürchteten, dem äußeren Anschein nach auf Seiten der Kommunisten zu stehen, daß sie es nicht fertigbrach-

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ten, sich an die Spitze des Kampfes um Deutschlands nationale Freiheit und das Recht auf Arbeit zu setzen. Dies zeigte sich besonders deutlich im Falle der sogenannten Internationalisierung des Ruhrgebietes, über die sich die Briten, Franzosen und Amerikaner Anfang 1949 geeinigt hatten. Diese Übereinkunft sah vor, daß die Besieger Deutschlands auf die Dauer oder sehr lange Zeit die Kontrolle über die Ruhrindustrie behalten sollten und daß die Deutschen über die Verwertung ihrer Produktion nur sehr wenig zu bestimmen hatten. Es war gar keine Frage, daß dieses Statut das Ruhrgebiet in eine britische Kronkolonie unter einer Dreimächtekontrolle verwandeln mußte. Die deutschen Arbeiterführer im Ruhrgebiet schienen jedoch mehr Interesse daran zu haben, die Männer ihrer Wahl in die Betriebsräte der Zechen und der Eisen- und Stahlindustrie an der Ruhr zu bringen, als sich der Herauslösung des Ruhrgebietes aus dem deutschen Wirtschaftskörper zu widersetzen.

So nahmen im Januar 1949 die Kommunisten die großartige Gelegenheit wahr, die sich ihnen bot, hier als Vorkämpfer des besiegten und gedrückten deutschen Volkes aufzutreten. Max Reimann, der Führer der Kommunisten im Ruhrgebiet, errang einen großen Sieg für die kommunistische Sache, als er in einer öffentlichen Kundgebung erklärte : "Deutsche Politiker, die heute unter dem internationalen Ruhr-Statut mit den Besatzungsmächten zusammenarbeiten, dürfen nicht überrascht sein, wenn die deutsche Nation sie als Quislinge betrachtet. Eines Tages werden sie die Quittung für diese Haltung vorgelegt bekommen." Die Briten halfen ihren Sozialdemokraten kaum damit, daß sie Max Reimann für seine Feststellungen ins Gefängnis brachten und ihn damit zu einem Helden des deutschen Widerstandes machten. Die Kommunisten verwandelten die Gerichtsverhandlung gegen ihn in eine Demonstration gegen die Umwandlung des Ruhrgebietes in eine britisch-französisch-amerikanische Kolonie. Die von den Kommunisten zusammengetrommelte Menge sang während der Verhandlung gegen Reimann die Internationale so laut, daß die Sitzung unterbrochen werden mußte. Der britische Sicherheitsoffizier war gezwungen, den Kommunistenführer zu ersuchen, die Menge zu beruhigen und ihr zu sagen, daß sie sich zerstreuen solle. Max Reimann soll daraufhin herzlich gelacht und erklärt haben : "Ich habe die Leute nicht hierher gerufen." Schließlich trieb die deutsche Polizei die Menge auseinander, doch als Reimann den Sitzungssaal verließ, wurde er auf einem kilometer-

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langen Weg von der ihm zujubelnden Menge auf den Schultern getragen. Ein hoher britischer Beamter soll reumütig eingestanden haben : "Es sieht so aus, als ob dieser Schuß in die verkehrte Richtung losgegangen ist. Wir haben die Kommunisten zu Vorkämpfern aller Deutschen gemacht, die sich den Kontrollen widersetzen, welche der Internationalen Ruhrbehörde über die deutsche Kohle, den Koks und den Stahl in die Hand gegeben worden sind." Reimann wurde trotzdem von dem britischen Gerichtshof ins Gefängnis geschickt und zwar unter der Beschuldigung, ein Gesetz der Militärregierung gebrochen zu haben, das verbot, die Arbeit derjenigen Personen zu stören, die den Besatzungsbehörden Beistand und Unterstützung leisten, der Personen also, die mit den Eroberern zusammenarbeiteten. Nichts hätte den Kommunisten besser in ihr Konzept passen können. Reimann konnte sich nun als Verteidiger der unterdrückten deutschen Nation gerieren und antikommunistisch eingestellte deutsche Politiker waren gezwungen, ihm zu Hilfe zu kommen. Kurt Schumacher, der Führer der deutschen Sozialdemokraten, stellte fest, daß das Prinzip des Gehorsams gegenüber der Militärregierung den Kommunisten nützen werde, falls deutsche Politiker sich dahinter verstecken konnten. Heinrich Hellwege, der Führer der rechtsgerichteten Deutschen Partei erklärte, daß Reimanns Einkerkerung die Behauptung der Kommunisten bestärke, daß nichtkommunistische deutsche Politiker die Vollstrecker des Willens der Besatzungsmächte seien und daß diejenigen, die die Handlungen der Westmächte offen kritisierten, mit Strafen zu rechnen hatten. Die Folge davon war, daß Beamte der Militärregierung vertraulich berichteten, sie hätten jetzt wieder Schwierigkeiten, Deutsche dazu zu bringen, verantwortliche Posten in der Verwaltung zu übernehmen.

Es war ein Unglück für die Sache der Demokratie, daß deutsche Arbeiter, die in Essen von den Briten verhaftet wurden, weil sie sich geweigert hatten, die Bochumer Eisen- und Stahlwerke zu demontieren oder diese Demontagen zu gestatten, keineswegs eine solch nachhaltige Unterstützung erhielten wie die, die die Kommunisten für ihren Führer Reimann organisiert hatten. Diese Arbeiter gingen ins Gefängnis, ohne daß sie jemand begleitete oder daß ihr Loblied gesungen wurde. Die sozialdemokratischen Gewerkschaftsführer taten auch nichts Entscheidendes, um den Einsatz britischer Truppen gegen die Bochumer Arbeiter zu verhindern. Die Briten hatten am 5. Januar 1949 angekündigt, daß

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"genug britische Truppen verfügbar sein werden, um den Beginn der Demontagen sicherzustellen und daß jeder Einmischungsversuch der Arbeiter des Bochumer Vereins mit Gegenmaßnahmen beantwortet werden wird." Ein Jahr zuvor, im Januar 1948, wurden die sozialdemokratischen Führer in der britischen Zone durch die Doppeldrohung mit dem Hunger und den britischen Tanks dazu gebracht, den von ihrer Gefolgschaft geforderten Generalstreik abzuwürgen.

Die Ruhrarbeiter waren in diesem Winter 1947/48 buchstäblich dem Hungertode nahe; denn für lange Zeit waren die Tagesrationen auf 800 bis 900 Kalorien zusammengeschrumpft, weniger also, als die Nationalsozialisten den Insassen ihrer Konzentrationslager gegeben hatten. Die Gewerkschaftsführer wurden damals vom Ernährungsminister von Nordrhein-Westfalen zu einer Konferenz zusammengerufen, in deren Verlauf ihnen gesagt wurde, daß im gesamten Ruhrgebiet nur noch 3000 Tonnen Fett vorhanden waren. Es stellte sich die Frage, ob man diesen Vorrat so aufteilen solle, daß die Bergarbeiter, von deren Anstrengungen die gesamte Industrie abhängig war, eine Vierwochenration Fett erhalten sollten, oder ob man jedem Arbeiter einmal im Monat auf die Dauer von zwei Monaten 30 Gramm Fett geben sollte. Die Gewerkschaftsführer hatten sich geweigert, diese furchtbare Entscheidung zu treffen. Als dann der Ernährungsminister die Entscheidung dem Wirtschaftsrat in Frankfurt überließ, wurde ihm mitgeteilt, daß nicht einmal diese 3000 Tonnen vorhanden waren. Im gesamten Land Nordrhein-Westfalen gab es nur noch 460 Tonnen Fett — eine einzige Wochenration für die Bergarbeiter, aber nur dann, wenn alle anderen Deutschen überhaupt kein Fett erhielten. In dieser verzweifelten Lage richtete man einen Hilferuf an Bayern, das dann einiges Fett lieferte. Ein Gewerkschaftsbeamter berichtete mir : "Hätten wir den von einem Drittel der Ruhrarbeiter geforderten Generalstreik zugelassen, wären wir der letzten Möglichkeit verlustig gegangen, Fett heranzuholen, weil dann ja auch das Transportwesen zu arbeiten aufgehört hätte. Wir sagten damals den Arbeitern die Wahrheit und baten sie, ohne Fettrationen weiterzuarbeiten. Wir verhüteten Aufstände, weil wir glaubten, daß in einem solchen Falle die Briten Tanks einsetzen würden; es bestand die echte Gefahr, daß die Russen dann als Befreier von der britisch-amerikanischen Tyrannei uns zur Hilfe gekommen wären. Alles andere war dem vorzuziehen."

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In diesem schrecklichen Januar 1948 hatte Böckler den britischen und amerikanischen Behörden bedeutet, sie sollten ihre Truppen besser dazu verwenden, Nahrungsmittel bei den deutschen Bauern zu holen als ihre Tanks gegen die Ruhrarbeiter loszuschicken.

Es fiel im Ruhrgebiet schwer, der Folgerung zu widerstehen, daß die deutschen Sozialdemokraten wegen ihrer friedfertigen Gesinnung, ihrem Pazifismus und ihrer aus Respekt, Vertrauen und Furcht gemischten Einstellung gegenüber der britischen Labour-Regierung sich selbst den Anschein gegeben hatten, Quislinge zu sein. Wie in den späten zwanziger Jahren verloren sie an Popularität und bereiteten sich selbst den Weg zur eigenen Niederlage.

Wenn die meisten Führer der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie im Ruhrgebiet ebenso wenig wie die Besatzungsmächte aus der tragischen Geschichte der letzten 30 Jahre gelernt zu haben schienen, so konnte man dies von anderen deutschen Sozialistenführern nicht behaupten. In einem vorangegangenen Kapitel habe ich von den klardenkenden und mutigen Sozialdemokraten Berlins gesprochen. Carlo Schmid, der Führer der Sozialdemokraten in der französischen Zone, dachte genauso.

Carlo Schmid sagte mir in Bonn : "Wenn die Alliierten sich schon entschlossen haben, uns am Leben zu lassen, dann müssen sie auch vernünftig sein und uns die Möglichkeit geben, uns unser Brot zu verdienen. Wenn dem nicht so ist, sollten sie uns erklären, daß sie uns verhungern lassen wollen. Wenn sie dann noch einen Funken Mitleid haben, sollten sie genug Gaskammern bereitstellen, damit wir möglichst schmerzlos ausgelöscht werden können." Den geringsten Schaden richteten seiner Ansicht nach die Amerikaner an, die immerhin die wirtschaftlichen Gegebenheiten in Rechnung stellten. Die Briten aber waren seiner Meinung nach entschlossen, ohne Rücksicht auf die politischen und moralischen Folgen die deutsche Konkurrenz zu vernichten; in der französischen Zone hatte die Zerstörung ein solches Ausmaß erreicht, daß die wichtigsten Industriezweige nichts mehr exportieren konnten und keine Möglichkeit mehr bestand, daß die Deutschen sich selbst helfen konnten. Carlo Schmids Meinung nach war es ein Irrtum zu glauben, daß die kommunistische Propaganda in Deutschland zu dieser Zeit auf taube Ohren treffe. Er sagte zu mir : "Werden die Deutschen jetzt in die Verzweiflung getrieben, so werden sie den Kommunisten folgen, schon allein

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in der Hoffnung, daß die anderen dann auch wie Hunde verrecken werden."

Einige Zeit darauf berichtete man mir in einer Fabrik in der französischen Zone, daß die Arbeiter bereits sagten : "Laßt doch die Russen kommen. Was sie uns auch antun werden, auf jeden Fall werden sie dazu fähig sein, zuerst einmal den Franzosen die Hälse abzuschneiden."

Ich hatte keine Veranlassung, Carlo Schmids Warnung zu bezweifeln, daß der Tag kommen werde, an dem die Massen außer Kontrolle geraten würden. Gleich anderen deutschen Demokraten berichtete auch er mir, daß am Tage nach dem Siege die westlichen Alliierten mit den Deutschen nach ihrem Belieben hätten verfahren können. Er sagte : "Amerika glich in diesen Tagen einem allmächtigen Gott. Hätten die Amerikaner gewußt, was sie wollten und das auch ausgesprochen, so hätten sie Deutschland und Europa nach ihrem Willen formen können. Heute ist das nicht mehr der Fall, nicht nur wegen der Sowjetunion, sondern auch, weil die Deutschen angesichts der weiten Kluft zwischen demokratischer Theorie und Praxis und den Schwankungen, Schwächen und Widersprüchen der amerikanischen Politik alle Illusionen verloren haben." Als ich im Verlaufe unseres Gespräches auf den Kontrast zwischen dem Heroismus der Berliner Sozialdemokraten und der schwächlichen Haltung ihrer Kollegen in Westdeutschland gegenüber der britischen und amerikanischen Militärregierung hinwies, meinte Carlo Schmid, daß der Grund dafür nicht in der Feigheit der westdeutschen Sozialdemokraten zu suchen sei, sondern in den bitteren Erfahrungen, die diese gemacht hätten. In Berlin konnten die Deutschen sich auf den Beistand der Amerikaner verlassen, in Westdeutschland aber waren sie allein und hilflos. Außerdem brachte sie der Umstand, daß nach ihren Erfahrungen jede offene und harte Kritik der Militärregierung den Kommunisten in die Hände spielte, in eine außerordentlich schwierige Lage.

In Berlin hatten die deutschen Demokraten die Demokratien des Westens auf ihrer Seite, in den westlichen Besatzungszonen hatten sie diese Bundesgenossen nicht, da sie sich weigerten, die Kommunisten als Verbündete anzuerkennen oder Rußland gegen den Westen auszuspielen. Die deutschen Demokraten in Westdeutschland konnten auch nicht damit rechnen, daß Übelstände und Ungerechtigkeiten durch eine Flucht in die Öffentlichkeit oder durch Appelle an den amerikanischen Kongreß oder das

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britische Parlament gelindert werden konnten. Die Deutschen besaßen keine Regierung, die für sie sprechen konnte. Sie hatten keinerlei Rechte und lebten in einem Etwas, das man in vieler Hinsicht als riesiges Internierungslager bezeichnen konnte. Nur sehr wenige Deutsche erhielten die Erlaubnis, ins Ausland zu reisen, ausländische Zeitungen und Bücher waren kaum erhältlich, Kontakte mit Ausländern außerhalb der Kreise der Militärregierungen selten; die Deutschen wurden noch nicht einmal über die Deutschland-Debatten im Kongreß informiert oder erhielten Kenntnis von den sie unmittelbar betreffenden offiziellen Texten und Dokumenten, wie denen über den Marshall-Plan. Nach 15 Jahren einer halben Isolierung unter Hitler waren die Deutschen unter der Herrschaft der Militärregierungen noch immer von der freien Welt vor ihren Türen abgeschnitten.

Während einer Zusammenkunft der Generäle Clay und Robertson mit deutschen Industriellen, Beamten und Gewerkschaftsführern in Essen am 2. Oktober 1948, der ich beiwohnte, stellte ich zu meinem Erstaunen fest, daß weder Hans Böckler noch Arnold Schmidt scharfe Proteste gegen die Demontagen erhoben. Dies war eine Zusammenkunft, an der die Weltpresse teilnahm und wo sich daher den Deutschen die seltene Gelegenheit bot, ihr Elend hinauszuschreien und auch gehört zu werden. Nur Kost, der Vertreter der Grubenbesitzer, gab mehr von sich als höfliche Plattheiten. Als ich wenige Tage später in Düsseldorf einen Beamten der Metallarbeitergewerkschaft um eine Erklärung bat, sagte er mir : "Böckler und die anderen haben so lange ausschließlich mit der Militärregierung verhandelt, daß sie die einmalige Gelegenheit gar nicht bemerkten, zur Welt da draußen sprechen zu können. Wir gleichen nur allzu sehr Gefangenen, die plötzlich ans Tageslicht gebracht wurden, nun mit den Augen zwinkern und nicht glauben können, daß sie frei sind."

Die Deutschen waren aber keineswegs frei. Zwar hatte man ihnen jetzt eine viel größere Redefreiheit zugestanden als in den ersten Jahren der Besetzung, doch die Presse stand noch immer unter Kontrolle, und Zeitungsverlegern, die Berichte veröffentlichten, die die wahre Meinung der Deutschen darstellten, konnte es widerfahren, daß sie eine über den Mund bekamen und daß man ihnen vorwarf, sie ermutigten die Nationalisten. Auch Amerikaner wurden von dieser Beschuldigung nicht ausgenommen, wie sich das am Fall Kendall Foss erwies, eines ehemaligen Korrespondenten der New York Post, den man zum Herausgeber der

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Neuen Zeitung der amerikanischen Militärregierung gemacht hatte. Er erhielt im Januar 1949 einen scharfen Tadel und wurde der Oberaufsicht dreier Vertreter der Informationsabteilung unterstellt. Diese Aktion wurde von Oberst Textor unternommen, um durch einen starken amerikanischen Stab die redaktionellen Veröffentlichungen dieses Blattes kontrollieren zu lassen.

Foss, ein echter Liberaler und daher eine Seltenheit, hatte irrtümlicherweise angenommen, Freiheit der Presse bedeute, daß eine Zeitung ein Forum für die Veröffentlichung der deutschen Meinung sei. Er mußte, viel später noch als die meisten Deutschen, erfahren, daß diese Freiheit nach Auffassung der amerikanischen Militärregierung bedeutete, daß nur Meinungen wiedergegeben werden durften, die sie selbst in einem günstigen Licht erscheinen ließen. Die Neue Zeitung, die bei der Papierzuteilung, der Versorgung mit Nachrichten und dem Vertrieb bevorzugt wurde, hatte eine weit höhere Auflage als die anderen Zeitungen in deutscher Sprache. Aus diesem Grunde war die Beschneidung der Freiheit dieses Blattes besonders schwerwiegend und die deutschen Redakteure traten aus Protest zurück.

Erkannte man das Recht auf Freiheit der Sprache und Meinung an, dann war es ehrlicher und weniger schädlich für die Prinzipien der Demokratie, wenn man offen verkündete, daß den Deutschen diese Freiheit nicht zugestanden sei, statt das Gegenteil vorzutäuschen. Ein Deutscher erklärte mir : "Wir hätten mehr Respekt vor den Amerikanern, wenn sie endlich damit aufhören würden zu predigen, was sie nicht praktizieren, da wir nicht mehr länger darauf hoffen können, daß sie praktizieren, was sie predigen."

Den Deutschen ging es nun ein wenig besser als in den ersten Besatzungsjahren, aber nur darum, weil ihre Besieger sich in den Haaren lagen. Die von den Russen lizenzierte Presse stellte uns bloß, wir beschuldigten die Russen und die Gegensätze zwischen Briten, Franzosen und Amerikanern machten es möglich, daß britisch lizenzierte Zeitungen die amerikanische Militärregierung kritisierten, amerikanisch lizenzierte Blätter die Briten und französisch lizenzierte alle beide. Hatte man den Deutschen wegen der Streitigkeiten unter ihren Bezwingern wieder erlaubt, die Köpfe ein wenig höher zu tragen, so blieb dieses Recht nicht unbestritten. Jedesmal, wenn die Deutschen gegen ihre unerträgliche Lage zu protestieren und die Rechte zu fordern wagten, die freien Menschen zustehen, schwoll die Flut der Artikel in der Presse

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der USA an, die sich mit solch gefährlichen Bekunden nationalistischer Gesinnung befaßten.

Die deutsche Presse wurde von der Militärregierung nicht nur immer noch in einer Zwangsjacke gehalten — den Deutschen wurde auch jede direkte Verbindung mit der Welt vor ihrer Türe und jegliche Vertretung ihrer Presse im Ausland verboten. Aus diesem Grunde waren sie völlig davon abhängig, daß amerikanische, britische und französische Zeitungskorrespondenten von ihren Kümmernissen berichteten; diese erregten daher nur selten die Aufmerksamkeit ihrer Beherrscher. Offiziell war den Deutschen keinerlei Verbindung mit irgendwelchen Amtsgewalten außerhalb und über den Militärregierungen zugestanden.

Dies erklärte mir ein deutscher Sozialdemokrat : "Das amerikanische Volk ist weit weg, aber General Clay ist sehr nahe. Wir haben nur einen geringen Glauben daran, daß sich die Prinzipien und der gute Willen des amerikanischen Volkes gegen die Macht General Clays durchsetzen werden. Da General Clay sehr schlechte Ratgeber hat, vor allem in wirtschaftlichen Fragen, haben wir mehr Grund, ihn zu fürchten als auf den guten Willen des amerikanischen Volkes zu vertrauen."

Als während einer Zusammenkunft aller Ministerpräsidenten der deutschen Bundesstaaten ein wagemutiger Deutscher den Vorschlag machte, in der Demontagefrage einen direkten Appell an den amerikanischen Kongreß zu richten und diesen um Hilfe zu bitten, stimmte die Mehrheit diesen Vorschlag nieder, da ihrer Meinung nach der Ausgang ungewiß sei und die amerikanischen Besatzungsbehörden ärgerlich würden.

"Hoffman existiert für uns nicht. Die Marshall-Plan-Leute werden zu uns kommen müssen, denn uns ist es nicht erlaubt, mit ihnen in Verbindung zu treten", sagte Carlo Schmid.

Die Verstimmung wurde noch stärker, als sich herausstellte, daß die Militärregierung die Lage der Berliner dazu benutzte, die westdeutschen Demokraten zu erpressen. Tatsächlich wurde den Deutschen bei mehr als einer Gelegenheit bedeutet, daß Proteste gegen die Demontagen zur Aushungerung der Berliner führen könnten. Diese Drohungen waren allerdings in ziemlich verschleierten Worten gehalten. Den deutschen Behörden in den westlichen Zonen wurde erklärt, daß es der Militärregierung vielleicht unmöglich sein werde, Berlin zu versorgen und zu halten, falls das amerikanische, britische und französische Volk durch eine aktive Opposition gegen die Demontagen verstimmt werde.

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Dies erschien den Deutschen nicht nur als Verleugnung der gemeinsamen Interessen der Westmächte und der deutschen Demokraten im Angesicht der sowjetischen Aggression und der von den Kommunisten begangenen Verbrechen wider die Menschlichkeit. Es rief auch die Erinnerung an die erste Zeit der Besatzung wieder wach, als die Amerikaner keine Skrupel gehabt hatten, manche Deutsche dadurch unter Druck zu setzen, daß sie ihnen drohten, sie auf Gnade und Ungnade den Russen auszuliefern. Der Hinweis, daß man möglicherweise Berlin dem kommunistischen Terror ausliefern werde, falls die Deutschen in den westlichen Besatzungszonen sich weigern sollten, den Verlust ihrer Existenzgrundlagen durch die Demontagen ruhig hinzunehmen, war gleichermaßen unehrenhaft wie politisch gesehen töricht.

Während meines Aufenthaltes in Deutschland wurde ich oft an eine Anekdote erinnert, die der Botschafter eines südamerikanischen Staates in New York erzählt hatte. Ich kann nicht schwören, ob das darin Erzählte sich wirklich zugetragen hat, sie illustriert aber sehr gut, was ich sagen will. Der Außenminister von San Marino, so erzählte der Südamerikaner, kam nach Washington, um eine Anleihe zu erhalten. Die erste Frage, die man ihm im Außenministerium stellte, lautete : Wieviele Kommunisten gibt es in San Marino ? Der Diplomat antwortete, daß San Marino ein sehr kleiner Staat sei und daß es dort keine Kommunisten gebe. "Sehr schön", sagte das Außenministerium, "aber in diesem Falle können wir Ihnen keine Anleihe geben." Der Außenminister von San Marino fuhr daraufhin nach Paris und sagte zu Monsieur Bidault, dem damaligen französischen Außenminister : "Frankreich und San Marino sind immer gute Freunde gewesen, seien Sie doch bitte so gut und leihen sie uns ein paar ihrer Kommunisten, damit wir von den Amerikanern eine Anleihe erhalten." Monsieur Bidault antwortete : "Ich bedaure außerordentlich. Ich wäre überglücklich, dem guten Volk von San Marino helfen zu können, aber ich kann Ihnen nicht einen einzigen Kommunisten leihen, da wir sie alle für den gleichen Zweck benötigen." Das Nachspiel zu dieser Geschichte liefert deren Moral : Jetzt hatte die Republik von San Marino eine Regierung, in der die Kommunisten dominierten.

Hätte es in Deutschland eine ebenso starke kommunistische Partei gegeben wie in Italien, wären die Deutschen wohl von uns weit besser behandelt worden. Die große Mehrheit der Deutschen ist den Kommunisten feindlich gesinnt : diese Menschen haben

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dem Kommunismus in Rußland von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden, sie haben unter ihm nach Deutschlands Niederlage gelitten, sie haben Verwandte in sowjetischen Konzentrationslagern, sie hatten die lebenden Skelette früherer Soldaten aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückkehren sehen oder waren gegen die kommunistischen Sirenengesänge taub geworden, weil sie unter dem sehr ähnlichen Regime Hitlers ihre Erfahrungen gesammelt hatten. Dieser Umstand hatte die britischen, französischen und amerikanischen Zwingherren zu dem Glauben verleitet, daß die Deutschen auf unserer Seite stehen würden, auch wenn wir sie noch so schlecht behandelten. Wir schienen nach der Theorie zu handeln, daß wir diejenigen bestechen sollten, von denen wir fürchteten, daß sie unsere Feinde werden könnten und daß wir ohne Schaden diejenigen mißhandeln dürften, die unsere treuesten Freunde werden könnten. So mußten die Deutschen, die im Guten oder Bösen ein beständiges und geradedenkendes Volk sind, leiden, weil wir glaubten, daß sie sich niemals auf die Seite unserer kommunistischen Feinde schlagen würden, so ruppig wir sie auch behandelten.

Wir versuchten zwar mit Hilfe eines endlosen Stromes von Subsidien, die schwachen Kräfte der französischen Demokratie am Leben zu erhalten, auf der anderen Seite aber beleidigten und tyrannisierten wir die deutschen Demokraten und rissen ihnen den Boden unter den Füßen weg, indem wir Frankreich so umschmeichelten, wie wir das zuvor mit Sowjetrußland getan hatten. Es war daher kaum überraschend, daß der Einfluß der Kommunisten in den westlichen Besatzungszonen keineswegs unerheblich war. Obwohl nur sehr wenige Deutsche sich Illusionen über den Kommunismus hingaben, begann doch eine beträchtliche Zahl von ihnen zu glauben, daß es unter den Russen wohl kaum schlechter werden könne und daß es auf lange Sicht gesehen sogar möglicherweise besser werde. Ein noch stärkerer Antrieb, sich mit der Sowjetregierung zu verständigen, war die Weigerung des Westens, entweder zu garantieren, daß er Deutschland verteidigen werde oder diesem zu gestatten, sich selbst zu verteidigen.

Ein ehemaliger hoher deutscher Verwaltungsbeamter der amerikanischen Militärregierung sagte in München zu mir : "Wenn man den Deutschen immer wieder erklärt, daß die USA sich lediglich um die Verteidigung Frankreichs, Englands und der Niederlande kümmern und keinen Deut darum geben, was mit

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Deutschland geschieht, dann könnte Westdeutschland gezwungen sein, sich Sowjetrußland anzuschließen." Ein junger deutscher Angestellter der amerikanischen Militärregierung in München berichtete mir, daß mehr und mehr Bayern sagten : "Nachdem wir von den USA entwaffnet worden sind und nun im Falle eines Krieges aufgegeben werden sollen, täten wir besser daran, Rußland nicht herauszufordern." Derselbe junge Mann erzählte mir, daß er von allen Leuten, auch solchen, die immer Gegner der Nationalsozialisten gewesen waren, getadelt wurde, weil er für die Militärregierung arbeitete — so groß war die Enttäuschung über Amerika in liberalgesinnten Kreisen, die uns zuerst als Befreier begrüßt hatten. Zudem hielt man es für sehr riskant, jetzt für die Militärregierung zu arbeiten, da zu erwarten war, daß jeder, der dies tat, liquidiert würde, wenn die Russen kämen. Der junge Mann berichtete, daß jedermann sich jetzt nach einem kommunistischen Freund zu seinem Schutz umsehe und jedermann sich wünschte, den Russen sagen zu können : " Ich habe niemals mit den Amerikanern zusammengearbeitet." Fabrikbesitzer, die sich weigerten, anderen Parteien Geld zu geben, gaben es der Kommunistischen Partei als eine Art Lebensversicherungsprämie.

Das Gefühl, daß man von keiner Seite echte Hilfe zu erwarten habe, erweckte wieder den Glauben, daß nur ein starker Mann uns retten kann. Als der Krieg zu Ende ging, hatten die Nationalsozialisten jeglichen Kredit verloren, doch jetzt waren schon wieder viele Deutsche der Meinung, daß Hitler doch im Recht gewesen sei. Nachdem ich einige Wochen in Bayern verbracht hatte, verstand ich nur zu gut, was Carlo Schmid in einer Versammlung der Sozialdemokraten am 27. November 1948 in Berlin, an der ich teilgenommen hatte, hatte ausdrücken wollen. Er hatte damals erklärt, daß der Kommunistischen Partei Bayerns Tausende von Mark von Leuten gespendet worden seien, die für die nächste Säuberung Persilscheine benötigten. Leute, die sich auf jede Eventualität vorbereiteten, versuchten sich insgeheim gegen einen Sieg der Kommunisten zu versichern, indem sie für die Reaktion stimmten, womit die CDU gemeint war. Carlo Schmid hatte weiter gesagt : "Ich wünschte, ich könnte etwas von der Stärke Berlins mit mir in den Westen nehmen. In den westlichen Besatzungszonen — wo wir im Vergleich zum Osten uns einiger Freiheit und des Friedens erfreuen — herrscht Defaitismus. Die Zukunft scheint uns nichts als Leiden zu bringen und unsere

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Hoffnungen sind beinahe gestorben. Sie aber hier in Berlin zeigen, daß wir Deutsche immer noch Geschichte machen und sie nicht nur erleiden können — hier bei Ihnen wird ein glorreiches Kapitel in der Geschichte des Kampfes der Menschheit um Freiheit geschrieben. Die Berliner zeigen der Welt, wie sich ein tapferes Volk inmitten der Niederlage und unter fremder Herrschaft verhalten kann." Er fuhr fort : "Der deutsche Name ist in Berlin wieder zu Ehren gekommen. Nur Berlin ist es zu verdanken, daß es heutzutage so etwas wie Sympathie mit dem deutschen Volke gibt. Wir drüben im Westen schicken euch ein paar Kalorien, doch wir erhalten dafür von euch etwas viel Kostbareres : aus Berlin kommen unsere moralischen Kalorien. Euch haben wir es zuzuschreiben, wenn Deutschland seine Selbstachtung wiedergewonnen hat und daß wir darauf hoffen können, daß die Deutschen endlich wieder in ihrem eigenen Lande zu Hause sind."

Die Halle, in der er sprach, war eiskalt, ungeheizt, es sei denn von der Körperwärme der Tausende, die sich hier versammelt hatten. Carlo Schmids Rede hatte sie befeuert; Ernst Reuter, der als nächster sprach, wurde eine Zuneigung von einer Wärme entgegengebracht, wie sie nur wenige demokratische Führer der Welt dieser Tage entfachen konnten. Reuter, der aussah wie ein trauriger Seelöwe, im Mantel, mit einem Schal um den Hals, heiser und von einer schweren Erkältung gequält, sprach zu der Menge nicht als Führer der Sozialdemokraten, sondern vielmehr als der frei gewählte Bürgermeister der Berliner. Schmid hatte die CDU in Westdeutschland angegriffen, hatte aber sorgfältig zwischen den Berliner Christdemokraten, die gemeinsam mit den Sozialdemokraten für die Freiheit fochten, und den bayrischen CSU-Führern unterschieden; diese hatte er Männer mit harten Gesichtern genannt, die Geld meinten, wenn sie von Gott sprachen. Der einzige Teil der Rede Reuters, den man als sozialistischen Appell bezeichnen konnte, war ebenfalls ein Aufruf zur Einigkeit. Er sagte : "Adenauer fühlt sich in Berlin, das er niemals besucht, als Fremder. Er lebt am schönen Rhein, doch er sollte daran denken, daß auch Berlin deutsch ist und daß der Rhein auch uns gehört." Er fuhr fort : "Die Kommunisten werden niemals die Macht erringen, wenn die Deutschen Hand in Hand gegen sie zusammenstehen."

Carlo Schmid hatte die Berliner aufgerufen, uns im Westen von der Herrschaft der Reaktionäre zu befreien, die den Massen das Recht verweigern, Subjekt statt Objekt des Wirtschaftspro-

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zesses zu sein. Das Volk, so hatte er gesagt, sehe keine Werte in der Demokratie, wenn diese bedeute, daß sie sechs Tage in der Woche in der Fabrik despotisch behandelt werden und freie Menschen nur einmal alle vier Jahre werden, wenn sie ein Stück Papier in eine Wahlurne stecken.

Im Gegensatz zu ihm sprach Reuter zu dieser sozialdemokratischen Versammlung in fast genau denselben Redewendungen, mit denen ich ihn zu den Hunderttausenden von Deutschen hatte sprechen hören, die sich im September vor dem Reichstagsgebäude versammelt hatten. Reuter sagte : "Wir sind das einzige Volk in Europa, das noch gezwungen ist, unter den Bedingungen des Krieges zu leben. Wir können unsere belagerte Stadt nicht wiederaufbauen; wir leben noch immer in Furcht und sind der Möglichkeit beraubt, zu arbeiten und unsere verwüsteten Heimstätten wieder zu errichten." Wiederum, wie jedesmal, wenn ich ihn hatte sprechen hören, stellte Reuter fest : "Wir sind keine Feinde des russischen Volkes, wir kämpfen gegen die Politik der sowjetischen Besatzungsmacht. Wir können es nicht ändern, daß unsere Frauen niemals vergessen werden, was russische Soldaten ihnen angetan haben, aber wir hassen kein Volk, keine Rasse, keine Nation."

Beide Redner bestanden darauf, daß Berlin die Hauptstadt Deutschlands sei und Schmid versicherte den Berlinern, die Deutschen in den westlichen Besatzungszonen würden darauf beharren, daß Berlin im westdeutschen Parlament vertreten sein werde.

Bei meinem Aufenthalt in Deutschland traf ich nicht mit Kurt Schumacher, dem Führer der Sozialdemokraten, zusammen; er lag im Krankenhaus und erholte sich dort von der Amputation eines Beines. Daher waren Ernst Reuter und Carlo Schmid die beiden einzigen überragenden Führer der Sozialdemokratie, die ich kennenlernte. Ich konnte nicht entscheiden, welcher von beiden Männern der Bedeutendere war, da ihre Erfahrungen und Aufgaben zu verschiedenartig waren. Reuter verbrachte die Kriegsjahre im türkischen Exil; Schmid war Offizier der deutschen Armee, auf keinen Fall aber ein Nazi gewesen. Reuter war der Führer des deutschen Widerstandes in Berlin gegen den Kommunismus und wurde dabei in einiger Beziehung von den Briten und Amerikanern unterstützt. Schmid kämpfte einen Kampf nach zwei Seiten : gegen den Kommunismus und gegen die westlichen Militärregierungen, die die Deutschen noch immer als Leute behandelten, die der Rechte freier Menschen unwert waren.

Der Verlag verweist in Zusammenhang mit diesem Kapitel, soweit es Carlo Schmid betrifft, auf die Seiten 317 ff.

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Beide Männer waren tapfer, ehrlich und wurden in der Verteidigung der Demokratie niemals wankend. Beide waren dynamische Persönlichkeiten. Reuter, der Preuße, der Professor gewesen war, und Schmid, der Dichter, der Soldat gewesen war, waren sich einig in ihrer Ablehnung des engherzigen, doktrinären Sozialismus vergangener Zeiten. Die Grundhaltung beider Männer war zuerst und vor allem anderen die von Liberalen. Sie hatten beide die Erfahrungen der verflossenen Jahrzehnte in sich aufgenommen und verstanden weit besser als die meisten Gewerkschafts- und Sozialistenführer im Westen, daß die wirtschaftliche Organisation einer Gesellschaft zweitrangig war gegenüber der Erhaltung von Freiheit und Gerechtigkeit, der Achtung vor der Würde des Menschen, Ehrgefühl, Wahrheitsliebe und einer anständigen Behandlung von Menschen, Gruppen und Nationen. Sie waren auch Realisten, die sich weigerten, Worte anstatt Taten anzunehmen, und wußten, daß alle die wunderschönen Deklarationen der Vereinten Nationen nichts bedeuteten, wenn ihnen Aktionen entgegenstanden, die den von den Demokratien verkündeten Prinzipien widersprachen.

Als ich, neben seiner Frau sitzend, Reuters Worten lauschte, fühlte ich ihre Furcht ebensosehr wie ihre Liebe und ihren Stolz auf diesen Mann. Wenige andere haben aus solch unmittelbarer Nähe dem sowjetischen Terror widerstanden und sind dabei dem Tode entronnen. Frau Reuter lebte in ständiger Angst davor, daß die Russen ihren tapferen Mann ermorden oder entführen und dann an die Wand stellen würden. Sie hatte auch allen Grund, sich davor zu fürchten, daß er gesundheitlich zusammenbrechen würde, weil er sich niemals schonte und Tag und Nacht ohne ausreichende und kräftige Ernährung arbeitete; die westlichen Besatzungsmächte gaben ja, ungleich den Sowjets, denen keinerlei materielle Hilfe, die unsere Schlachten schlugen.

Drei Monate zuvor war ich mit den Reuters in dem kleinen Garten ihres Hauses in Zehlendorf beisammengesessen, wo Reuter in seiner Freizeit sein Gemüse pflanzte, gleich anderen Berlinern, die so glücklich waren, ein kleines Stück Land zu besitzen, auf dem sie einiges anbauen konnten, um ihre kümmerlichen Rationen aufzubessern.

Wir hatten über die Chancen einer dauernden Unterstützung der deutschen Demokratie durch die Amerikaner gesprochen und ich hatte mein Erschrecken und mein Mißvergnügen über die Sieger-contra-Besiegter-Attitüde der Briten und Amerikaner in

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Berlin ausgedrückt und erklärt, es erinnere mich an das Benehmen der Weißen gegenüber asiatischen und afrikanischen Völkern. Reuter hatte erwidert, daß das eure Angelegenheit sei, nicht die seine. Er ließ mich verstehen, ohne es allzu deutlich zu sagen, daß er zwar gleich allen anderen Deutschen unter den Folgen der Nazi-Verbrechen zu leiden habe, daß aber wir Bewohner des Westens gleichermaßen für die von unseren Regierungen im besiegten Deutschland begangenen Verbrechen wider die Menschlichkeit vor der Geschichte verantwortlich gemacht würden. Das war wiederum unsere Angelegenheit, nicht die seine, meinte er. Ihn ging nur der jetzige Kampf Deutschlands gegen die totalitäre Tyrannei des Kommunismus an, die an die Stelle von Hitlers Tyrannei zu treten drohte.

Reuter berichtete mir, daß er es gewesen sei, der als erster das Wort Berlin ist nicht Prag ! ausgesprochen habe. Er machte sich auch zum Sprecher der Gefühle der Berliner. Sie hofften, daß sie, wenn sie trotz Hunger, Kälte und kommunistischem Terror ausharren würden, vielleicht die Freiheit gewinnen und es dem Westen unmöglich machen könnten, die Deutschen noch länger wie Eingeborene zu behandeln. Die Welt, die erleben mußte, wie die Tschechoslowakei ohne Kampf unterlegen war, hatte diesem Schauspiel untätig zugesehen und dann gefragt : "Wer wird das nächste Opfer der kommunistischen Aggressionen sein ?" Berlin aber hatte gezeigt, daß sogar ein unbewaffnetes Volk, wenn es den Willen und den Mut zum Widerstand besitzt, einem kommunistischen Angriff widerstehen kann.

Reuter amüsierte sich über die Briten, statt ihnen bittere Gefühle entgegenzubringen. Zwar waren nicht alle seine Bemerkungen über die amerikanischen Besatzungsbehörden sehr schmeichelhaft, er meinte aber, daß die Amerikaner weniger selbstgerecht seien, mehr auf Neues aus wären und sich in vieler Beziehung menschlicher gegenüber den Deutschen benähmen als die Briten, die wahre Herrenrasse. Gespräche mit den Amerikanern waren in Berlin möglich; obwohl er und andere Deutsche noch immer als Untergebene behandelt wurden, konnte man mit den Amerikanern wenigstens über die aus der Blockade entstandenen Situation sprechen, die Briten aber benahmen sich weiterhin unnahbar. Sie kannten ihr Geschäft und machten weniger Fehler als die Amerikaner, diese aber benahmen sich wenigstens als menschliche Wesen. Im Gegensatz dazu glich das Auftreten der britischen Offiziere dem steifnackiger deutscher Beamter, denen einzig

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und allein Macht imponierte. Reuter berichtete, daß er eines Tages ziemlich wütend über die Briten geworden sei und ihnen erklärt hatte, er werde ihren Befehlen nicht mehr nachkommen, falls sie nicht eine andere Haltung einnähmen. "Berichten Sie ihrem General", hatte er zu ihnen gesagt, "daß er sich auf ein völliges Auseinanderfallen des Verwaltungsapparates gefaßt machen muß." Das Resultat dieser Herausforderung war das Ersuchen, den britischen kommandierenden General aufzusuchen. Dieser fragte Reuter : "Stimmt es, daß Sie gesagt haben, Sie würden uns nicht mehr länger gehorchen ?" Reuter hatte erwidert : "Wenn die Situation so bleibt wie jetzt, kann ich nicht mehr gehorchen." Der britische General lächelte und beendete das Gespräch. Er hatte deutlich zu machen gewünscht, daß die Deutschen unter allen Umständen zu gehorchen hatten. Als er eine glatte Absage erhalten hatte, war er von seinem hohen Postament herabgestiegen.

Die kommunistische Bedrohung hatte die Westmächte gezwungen, die Deutschen jetzt etwas höflicher zu behandeln. Nachdem die Blockade Berlins durch die Sowjets begonnen hatte, waren die britischen und amerikanischen Vertreter in der alliierten Kommandantur sogar aufgestanden, wenn die deutschen Vertreter eintraten.

Reuter war davon überzeugt, daß die Sozialdemokraten ihre Majorität in Berlin der Zuversicht zu verdanken hatten, die sein Verhalten ausgelöst hatte. Vielleicht konnte diese Zuversicht sie instandsetzen, die stärkste Partei in ganz Deutschland zu werden und ihnen die Möglichkeit bieten, ihr Wirtschafts- und Sozialprogramm auszuführen. Reuter erklärte jedoch : "Wir werden niemals versuchen, eine sozialistische Wirtschaft mit Gewalt einzuführen. Wir werden versuchen, Deutschland zum Sozialismus zu führen, ihn unserem Volke aber nicht aufzwingen. Wir denken über wirtschaftliche Probleme nicht mehr in den Begriffen der Vergangenheit. So vieles von dem, was man früher für unmöglich hielt, hat sich nun als möglich erwiesen und so viele scheinbar einfache Lösungen als falsch. Wir sind nicht mehr länger doktrinäre Sozialisten; denn wenn man nach den theoretischen Schriften ginge, müßten wir alle längst tot sein. Aus unseren schrecklichen Erfahrungen wissen wir, daß das Vertrauen auf die reine Theorie in den Untergang führen kann. Wir müssen experimentieren und mit Hilfe von Versuchen und Irrtümern herauszubekommen versuchen, welches die besten Formen wirt-

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schaftlicher Organisation sind; wir müssen dabei aber stets davon ausgehen, daß Freiheit und Achtung vor den Rechten des Einzelnen, Gerechtigkeit und menschliche Würde die Kriterien des Fortschrittes sind."

Reuter hatte mir in seinem Garten mit seinem gelassenen und tiefen Glauben daran, daß am Ende Recht, Anstand und Vernunft siegen würden, die Angst genommen, daß die Zivilisation des Westens zum Untergang verurteilt sei. In Westdeutschland war es später viel schwerer gewesen als in Berlin, an den Sieg der Demokratie zu glauben. Dort hörte man nicht das Brummen der amerikanischen Flugzeuge, die Nachschub zur Verteidigung der Demokratie nach Berlin brachten, man sah dort Fabriken, die niedergerissen wurden, um die Demokratie zu diskreditieren.

Wie lange konnte die Furcht der Deutschen vor dem kommunistischen Terror sie daran hindern, sich mit den Russen zu verständigen, wenn wir fortfuhren, ihnen zu demonstrieren, daß es für ein Deutschland, das auf unserer Seite stand, keine Hoffnung gab ? In Berlin vergaß niemand die Morde, Vergewaltigungen und Plünderungen der russischen Besatzer in der Zeit, als diese die ganze Stadt in ihrer Gewalt hatten. Jedermann wußte auch, was nun in der Sowjetzone geschah. Die Deutschen in den westlichen Besatzungszonen waren im Gegensatz dazu vor allem mit den Kränkungen beschäftigt, die sie von den westlichen Besatzern hinzunehmen hatten.

Einer der deutschen Verteidiger in Nürnberg, der eine Französin zur Frau hat und am Bodensee in der französischen Besatzungszone lebte, sagte zu mir : "Rußland könnte in wenigen Wochen in Deutschland eine machtvolle, rußlandfreundliche Bewegung ins Leben rufen, wenn es einen auch noch so kleinen praktischen Beweis seines guten Willens in Taten, statt in Worten gäbe. Es hätte uns lediglich das Angebot zu machen, daß es unsere verlorenen Provinzen zurückgeben und uns eine eigene Regierung zugestehen werde. Die Russen haben die Möglichkeit, sich des deutschen Patriotismus zu bedienen, die Amerikaner haben sie nicht. Noch dazu haben die Amerikaner ja den Wunsch, daß wir überhaupt keine Patrioten mehr sein sollen. Fast alle Deutschen sind zwar Gegner der Kommunisten und leben in Angst vor dem, was die Kommunisten ihnen antun würden; wenn aber die Russen mit patriotischen Parolen kämen und aufhören würden, sich der deutschen Kommunisten zu bedienen,

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würden sie einen gewaltigen Erfolg erringen. Die meisten Deutschen wurden es sich zweimal überlegen, Soldaten für Amerika zu werden. Nach all dem, was ihr uns angetan habt, ist nicht nur sehr wenig von dem Glauben an eure demokratischen Bekundungen übrig geblieben. Schon die bloße Tatsache, daß wir euch als humanere und zivilisiertere Wesen als die Russen betrachten, spielt diesen in die Hände. Da man wenig Vertrauen darauf hat, daß die Amerikaner Deutschland verteidigen und den Krieg schnell gewinnen werden, scheint es sicherer zu sein, sich mit den Russen gut zu stellen, die alle ihre Gegner töten werden, falls sie Deutschland besetzen. Auf der einen Seite wissen wir, daß diejenigen unter uns, die für die Russen gekämpft haben, nach einem Sieg der Amerikaner nicht getötet werden. Da der Westen uns nichts bietet, für das es sich zu kämpfen lohnt und uns keinerlei Illusionen über irgendjemand oder irgendein politisches Glaubensbekenntnis geblieben sind, dürfen Sie nicht erwarten, daß wir jetzt uns um etwas anderes kümmern als um unsere persönliche Sicherheit. Da wir mit derselben Mißachtung für Recht und Ehrgefühl nazifiziert und denazifiziert wurden und gesehen haben, daß die Amerikaner die Kommunisten wohlwollend behandelten, so lange dies ihren Interessen dienlich war, sind wir Deutschen jetzt durchaus abgeneigt, an etwas zu glauben oder für irgendjemand zu kämpfen."

Dieser junge deutsche Rechtsanwalt war zwar ein Gegner der Kommunisten, hatte sich aber, als er in der ersten Zeit des Krieges an der russischen Front stand, eine große Zuneigung und einen hohen Respekt für das russische Volk erworben. Er war von Polen bis ans Asowsche Meer marschiert und zutiefst von der Herzenshöflichkeit dieses Volkes und der Tugendhaftigkeit seiner Frauen berührt worden. Kamen die deutschen Soldaten am Ende eines langen Tagesmarsches mit wunden Füßen, hungrig und todmüde in ein Dorf, dann brachten dessen Bewohner Milch und versuchten es ihnen so behaglich als möglich zu machen. "Sie versuchten instinktiv, leidenden Menschen zu helfen, weil sie selbst ihr ganzes Leben hindurch gelitten hatten. Die Frauen aber, die sich unser annahmen, waren außerordentlich tugendhaft. Sie waren freundlich zu uns, wiesen aber alle Annäherungsversuche zurück. Sie waren menschliche Wesen, die anderen menschlichen Wesen halfen. Haß zwischen Völkern und nationale Leidenschaften kannten sie nicht. Ich kam aus einem Deutschland, in dem alles Aktion war und es machte einen unauslösch-

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lichen Eindruck auf mich, nach Rußland zu kommen, wo das Leiden niemals ein Ende nahm und mit passiver Tapferkeit ertragen wurde. Viele von uns, die als Soldaten in Rußland gewesen sind, fühlen jetzt, daß wir von Rußland mehr zu lernen haben als vom Westen. Weil wir so rastlos tätig und solche harten Arbeiter gewesen sind, haben wir Deutschen die ganze Welt unglücklich gemacht. Am wichtigsten ist es jetzt, daß wir unsere Fähigkeiten zur Kontemplation entwickeln und gerade hier können wir vom russischen Volk viel lernen. Wir Deutschen sind stets entweder einem anderen Volk zu feindselig oder zu freundlich gesinnt, während die Russen die Menschen als Einzelwesen betrachten und wissen, daß Grundsätze nichts weiter als Grundsätze sind, und daß nur eines zählt : wie jemand sich als menschliches Wesen benimmt. Wir fragen : Was hat er getan ?, doch die Russen fragen : Was für eine Art Mensch ist er ?" — Dies war eine romantische Art, die Dinge zu sehen, es gab aber keinen Zweifel darüber, daß viele Deutsche tiefe Sympathien für das russische Volk empfanden, das ebenso elend, unterdrückt und arm war wie ihr eigenes.

Einige der aus der Sowjetunion zurückgekehrten Kriegsgefangenen, mit denen ich in Deutschland sprach, sahen die Dinge zwar nicht in solch philosophischer Sicht, waren aber dem russischen Volk, das so viel, wenn nicht noch mehr als ihr eigenes erduldet hatte, freundlich gesinnt. In München, wo ich mit einer Gruppe von Russen zusammentraf, die Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter in Deutschland gewesen waren, fand ich bei diesen eine ebensolch freundschaftliche Einstellung gegenüber dem deutschen Volk. Die Maxime, daß Leiden alle Menschen zu Brüdern macht, konnte immer noch Deutsche und Russen gegen den reichen, im Wohlleben verharrenden und selbstgefälligen Westen zusammenführen. Zwischen Deutschen und Russen stand lediglich die Grausamkeit und die Torheit der Sowjetregierung. War diese fähig oder willens, ihre Politik zu ändern, dann mußte Rußland einen außerordentlich starken Einfluß auf Deutschland ausüben. Zum Glück für den Westen waren die Verbrechen und Narreteien der Sowjetdiktatoren noch schlimmer als die unseren. Trotzdem war unser Glauben, daß die Deutschen auf unserer Seite blieben, ganz gleich wie niederträchtig wir sie behandelten, eine gefährliche Illusion.

Der Umstand, daß das Hauptquartier der amerikanischen Militärregierung sich in Berlin befand, führte möglicherweise zu allzu

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optimistischen Ansichten über die Empfindungen der Deutschen. Es war so, wie ein bekannter deutscher Politiker in Bayern zu mir sagte : "Die Gefühle der Bevölkerung Berlins unterscheiden sich sehr weitgehend von denen der Deutschen in den westlichen Besatzungszonen. Die Berliner wissen nicht nur besser, was man von Rußland zu erwarten hat, sie sind auch zutiefst bedrückt über die mögliche Rache, die die Sowjetregierung üben würde, falls der Westen Berlin aufgäbe. Hier in Westdeutschland haben die Leute lediglich die Ungerechtigkeiten kennengelernt, deren sich Amerika, Großbritannien und Frankreich schuldig gemacht haben; wo es keine so starke Opposition gegen den Kommunismus gegeben hat wie in Berlin, haben die Leute weniger Angst vor den Russen."

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