Kapitel VII

Unsere Verbrechen wider die Menschlichkeit

Verglichen mit den Vergewaltigungen, Morden und Plünderungen der russischen Armeen am Ende des Krieges, dem Terror, der Sklaverei, dem Hunger und den Räubereien in der Sowjetzone und dem von den Polen und Tschechen praktizierten Völkermord, erschienen die von den in Nürnberg zum Tode oder zu lebenslänglicher Haft verurteilten Deutschen begangenen Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit unbedeutender im Ausmaß, wenn auch nicht im Grad.

Es war unmöglich, durch die verwüsteten Städte in den westlichen Besatzungszonen zu fahren, ohne es als seltsam und schrecklich zu empfinden, daß wir nun über jene Deutschen zu Gericht sitzen sollten, denen es niemals gelungen war, so viele Zivilisten zu töten wie wir das getan hatten, und die keine schlimmeren Grausamkeiten als wir mit der Vernichtung ganzer Städte durch Bombenangriffe begangen hatten. Waren die Gaskammern der Deutschen wirklich ein schlimmeres Verbrechen wider die Menschlichkeit als unsere Angriffe auf nichtmilitärische Ziele wie etwa Dresden, wo wir in einer einzigen Nacht den schlimmsten nur erdenkbaren Tod über eine Viertelmillion Menschen verhängten, indem wir Phosphorbomben auf dieses unverteidigte Kulturzentrum abwarfen, eine Stadt, die angefüllt war mit Menschen, die vor dem russischen Vormarsch in den Westen flüchteten ? Dieses scheußliche Verbrechen gehört zu den schlimmsten, die wir im Kriege begangen haben, weil es bewies, daß unser Ziel der Mord an Zivilisten war. Wir haben sogar die aus der brennenden Stadt ins Land hinaus fliehenden Frauen und Kinder mit Maschinengewehren beschossen. Dresden war aber nicht das einzige Beispiel dafür, daß wir die Bevölkerung von Städten, die weder Industrien noch irgend einen militärischen Wert besaßen, einem schrecklichen Tod überantworteten. Die Geschichte von Hiroshima wurde in amerikanischen Zeitschriften und Büchern aufgezeichnet, wer aber hat die Geschichte von Dresden oder die von Köln erzählt, wo der Dom inmitten einer gewaltigen Trümmerwüste stand und vor Augen führte, daß wir wußten, wie man die Zerstörung nichtmilitärischer Ziele vermeiden konnte, wenn wir das wollten ?

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Ein besorgter amerikanischer Professor, mit dem ich in Heidelberg zusammentraf, gab der Meinung Ausdruck, daß die amerikanischen Militärs, als sie Deutschland betraten und die durch unsere Vernichtungsbomben angerichteten gespenstischen Zerstörungen sahen, fürchteten, die Kenntnis davon werde einen Umschwung in der amerikanischen öffentlichen Meinung bewirken und die Anwendung der von Washington für Deutschland geplanten Politik behindern, weil sie Mitleid mit den Besiegten erwecken und zeigen würden, welche Kriegsverbrechen wir selbst begangen hatten. Dies war seiner Meinung nach der Grund, warum General Eisenhower eine ganze Flotte von Flugzeugen dazu benutzte, um Journalisten, Mitglieder des Kongresses und Geistliche zu den Konzentrationslagern zu bringen; man nahm an, daß der Anblick von Hitlers zu Skeletten abgemagerten Opfern verhindern werde, daß wir uns unserer eigenen Schuld bewußt wurden. Das ist ja auch gelungen. Nicht eine einzige amerikanische Zeitung mit großer Auflage hat zu dieser Zeit die Schrecknisse unserer Bombenangriffe oder die entsetzlichen Bedingungen beschrieben, unter denen die Überlebenden in mit Leichen angefüllten Ruinen leben mußten. Die Zeitungsleser in Amerika bekamen nur Beschreibungen der deutschen Grausamkeiten zu lesen, sonst nichts.

Ob die meisten in Deutschland lebenden Amerikaner eine Art von Schutzmechanismus in ihrem Gehirn entwickelt hatten oder tatsächlich glaubten, daß eine Grausamkeit aufhört eine zu sein, wenn sie für eine gute Sache — in diesem Falle die unsere — begangen wurde, das weiß ich nicht. Ich habe aber viele Beamte der Militärregierung getroffen, die es als Zeichen für schlechten Geschmack, wenn nicht gar als Gemeinheit betrachteten, wenn jemand unsere Kriegsverbrechen oder die unserer Verbündeten erwähnte.

In Berlin merkte ich, daß ich in Ungnade gefallen war, nachdem ich während einer Cocktailparty im Harnack-Haus bemerkt hatte, es sei meiner Meinung nach hoch an der Zeit aufzuhören, über die deutsche Schuld zu reden, da es kein von den Nationalsozialisten verübtes Verbrechen gäbe, das wir oder unsere Verbündeten nicht ebenfalls begangen hätten. Ich hatte mich dabei auf unsere Flächen-Bombardierungen, die Massenenteignungen und die aus rassischen Gründen verfügte Austreibung von 12 Millionen Deutschen aus ihrer Heimat, die Aushungerung der Deutschen in den ersten Besatzungsjahren, die Benutzung von Kriegs-

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gefangenen als Zwangsarbeiter, die russischen Konzentrationslager sowie die von den Amerikanern wie von den Russen verübten Plünderungen berufen. Meine Hinweise, die mir als ganz einfache Feststellung von Tatsachen erschienen, hatten zuerst ein empörtes Stillschweigen und dann einen Strom reichlich alberner Bemerkungen zur Folge, wie etwa die eines Hauptmanns vom Nachrichtendienst, der mich fragte : "Meinen Sie damit, Sie wünschten, daß wir den Krieg nicht gewonnen hätten ?" Am nächsten Tag bekam ich die Quittung. Eine Dame, welche die Bibliotheken leitete, die die Informationsabteilung der Militärregierung in den Amerika-Häusern verschiedener Städte als Teil des Programmes zur Erziehung der Deutschen zur Demokratie eingerichtet hatte, war über meine Bemerkungen besonders wütend gewesen. Ich war daher gar nicht überrascht, als ich feststellte, daß sie von einem von General Clays Sonderberatern, einem sehr anständigen und intelligenten Mann verlangt hatte, daß ich meinen Vortrag über Rußland im Berliner Amerika-Haus nicht halten dürfe. Am nächsten Tag wurde mir mitgeteilt, daß das Auto, das mir die Militärregierung bei meiner Ankunft in Berlin zur Verfügung gestellt hatte, nun von jemand anderem benötigt werde; außerdem wurde ich gebeten, das Harnack-Haus zu verlassen, wo ich ursprünglich als Gast General Clays wohnen sollte. Um es sehr deutlich zu machen, daß ich nicht mehr länger eine wichtige Persönlichkeit war, sondern daß hier von Anfang an ein Fehler begangen worden war, präsentierte man mir eine Rechnung über 2.50 Dollar pro Tag für die Zeit meines Aufenthaltes als Gast General Clays im Harnack-Haus.

Ich hatte sicherlich keinen Anspruch, als wichtige Persönlichkeit behandelt zu werden und es war für mich sehr viel vorteilhafter, in den Presse-Club umzuziehen, wo ich von gesellschaftlichen und anderen Verpflichtungen frei war; meine Befürchtung, daß die oben erwähnte Dame, der Hauptmann vom Nachrichtendienst und andere Leute die Verlängerung meines militärischen Passierscheines verhindern würden, erwies sich als unbegründet. General Clay, den ich ein paar Tage später traf und mit dem ich ein langes Gespräch hatte, hieß mich herzlich willkommen und empfahl, den mir zuerst auf nur drei Wochen ausgestellten Passierschein zu verlängern. Entweder wußte General Clay nicht, welch gefährlichen Gedanken ich ausgesprochen hatte oder er teilte die kleinlichen Ansichten untergeordneter Beamter der Militärregierung nicht.

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Meine in Berlin gesammelten Erfahrungen gehörten zu den vielen, die mich lehrten, daß Hinweise auf unsere Verbrechen wider die Menschlichkeit als unschicklich galten. Es schien mir aber, als ob wir, wenn wir den Deutschen jemals Demokratie beibringen wollten, damit beginnen mußten, unsere eigenen Handlungen nach den Normen zu beurteilen, die wir an die ihren anlegten. Im anderen Fall mußten wir als Heuchler erscheinen und das deutsche Volk davon überzeugen, daß Hitlers Überzeugung richtig sei, Macht schaffe Recht und die Demokratie sei ein Wahn und ein Trug.

Die schlimmen Wirkungen der unterschiedlichen sittlichen Normen, die Siegern und Besiegten vorgeschrieben waren, sowie der in Nürnberg getroffenen Feststellung, wir hätten das Recht, in Deutschland zu tun, was wir wollten, weil wir Deutschland als Nichtkriegführende besetzt hielten, zeigte sich bei den Dachauer Prozessen.

Dies waren die Prozesse vom Armeegerichtshof der Vereinigten Staaten (zu unterscheiden von den zivilen und angeblich internationalen Gerichtshöfen in Nürnberg), die gegen die in den Malmedy-Fall verwickelten Soldaten, Unteroffiziere, Feldwebel und jüngeren Offiziere geführt wurden. Angeklagt waren ferner Zivilisten, bei Bombenangriffen abgeschossene amerikanische Flieger gelyncht zu haben und diejenigen Deutschen, die für die in den Nazi-Konzentrationslagern verübten Grausamkeiten verantwortlich gemacht wurden.

Die in diesen Fällen von den Untersuchern und Anklägern angewandten Methoden waren denen der GPU, der Gestapo und der SS durchaus ebenbürtig. Die Angeklagten waren jeder Form von physischer und psychischer Tortur unterworfen, die sie zwingen sollte, die ihnen diktierten Geständnisse zu unterschreiben. Zeugen wurden gemartert und bestochen und die Prozeduren dieser amerikanischen Gerichte waren sogar noch schlimmer als die der ungarischen und bulgarischen, die zur gleichen Zeit katholische und protestantische Geistliche verurteilten, die dem kommunistischen Terror Widerstand geleistet hatten.

Auf der anderen Seite ist dem Umstand, daß Amerika noch immer eine Demokratie ist, zu verdanken, daß die von Vertretern der US-Armee angewandten scheußlichen Methoden aufgedeckt wurden, mit denen die Geständnisse Hunderter von Männern erlangt werden sollten, die in Landsberg bereits hingerichtet worden waren oder in nächster Zeit hingerichtet werden sollten.

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Oberstleutnant Willis N. Everett, ein amerikanischer Rechtsanwalt, der die 74 im Malmedy-Prozeß angeklagten Deutschen verteidigte, überreichte dem Obersten Gerichtshof der USA eine Petition, in der er die Anklage erhob, daß den Deutschen kein rechtlich einwandfreier Prozeß gemacht worden sei. Der Oberste Gerichtshof wies die Petition mit der Erklärung zurück, daß er keine Jurisdiktion über die von der Armee der USA in Deutschland begangenen Handlungen ausübe; diese Feststellung bedeutete, daß die amerikanische Militärregierung über dem Gesetz stand und die von uns beanspruchte Souveränität über Deutschland die eines gesetzlosen Despoten war.

Oberstleutnant Everetts Vorgehen zwang die Armee jedoch, davon Notiz zu nehmen und Minister Royall setzte eine Kommission ein, die Everetts Anschuldigungen prüfen sollte. Diese 1948 nach Deutschland entsandte Kommission bestand aus den Richtern Leroy van Roden und Gordon Simpson. Der Bericht, den die beiden Richter aufgrund ihrer Untersuchungen abfaßten, ist — wie viele andere Berichte über deutsche Angelegenheiten — der amerikanischen Öffentlichkeit vorenthalten worden. Richter van Roden hielt jedoch nach seiner Rückkehr in die USA eine Reihe von Vorträgen, in denen er feststellte, daß folgende Methoden dritten Grades angewandt worden waren, um die Geständnisse der zum Tode verurteilten Deutschen, von denen viele bereits hingerichtet worden waren, zu erzwingen : Schläge und brutale Stöße, Ausschlagen von Zähnen und Zerbrechen der Kinnladen, Scheinverhandlungen, Einzelhaft, Torturen mit brennenden Holzspänen, Verwendung von Untersuchern, die vorgaben, Priester zu sein, Hunger und das Versprechen, freigesprochen zu werden. Richter van Roden berichtete am 14. Dezember 1948 vor dem Chester Pike Rotary-Klub : "Alle außer zwei Deutschen der 139 von uns untersuchten Fälle hatten Schläge auf die Hoden erhalten, deren Folgen unheilbar waren. Dies war eine von unseren amerikanischen Untersuchern ständig angewandte Prozedur."

Er berichtete, daß die amerikanischen Untersucher einem Deutschen brennende Streichhölzer unter die Fingernägel getrieben hatten, um ein Geständnis zu erpressen; dieser Mann erschien zu seinem Prozeß mit immer noch bandagierten Fingern.

Ein anderer von diesem amerikanischen Richter erwähnter Fall betraf den eines 18 Jahre alten Jugendlichen, der, nachdem er ein paarmal verprügelt worden war, einwilligte, eine ihm von dem amerikanischen Untersuchungsbeamten diktierte Aussage

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zu unterschreiben. Nachdem 16 Seiten davon fertig waren, wurde der junge Mann für die Nacht eingesperrt. Während dieser Nacht hörten ihn die in den benachbarten Zellen liegenden Gefangenen ausrufen : Ich werde keine Lüge mehr unterzeichnen; als seine Gefängniswärter am nächsten Morgen kamen, hatte er sich am Gitter seines Zellenfensters erhängt. Trotzdem wurde sein unvollständiges und nicht unterzeichnetes Geständnis als Beweismittel im Prozeß gegen einen anderen Angeklagten angeboten.

Van Roden berichtete weiter : "Manchmal wurde ein Gefangener, der sich geweigert hatte, eine Aussage zu unterschreiben in einen schwach beleuchteten Raum geführt, wo eine Gruppe von in Uniformen gekleideter amerikanischer ziviler Untersuchungsbeamter rund um einen schwarz verhängten Tisch saß, auf dem ein Kruzifix zwischen zwei brennenden Kerzen stand. Dem Angeklagten wurde erklärt : 'Sie werden jetzt Ihren amerikanischen Prozeß haben.' Der Scheingerichtshof sprach ein Scheintodesurteil aus, dann wurde dem Angeklagten gesagt : 'Sie werden in ein paar Tagen, wenn der General das Urteil gebilligt hat, gehängt werden. Wenn sie in der Zwischenzeit dieses Geständnis unterzeichnen, werden wir erreichen, daß man sie freispricht.' Einige Angeklagte haben trotzdem nicht unterzeichnet. Wir waren entsetzt darüber, daß das Kruzifix für einen solchen schandbaren Zweck benutzt wurde. In einem anderen Falle betrat ein als katholischer Priester verkleideter Untersuchungsbeamter die Zelle eines der Angeklagten, hörte dessen Beichte an, erteilte ihm die Absolution und gab ihm dann einen freundlich gemeinten Rat : 'Unterzeichnen sie alles; was die Leute sie zu unterzeichnen ersuchen. Das wird ihnen die Freiheit bringen. Auch wenn es falsch sein sollte, kann ich ihnen im voraus Absolution für eine Lüge geben, die sie erst erzählen werden.' In manchen Fällen genügte schon Einzelhaft oder die Drohung mit Repressalien gegen die Familie des Gefangenen oder Zeugen, um diesen dazu zu bringen, eine vorbereitete Aussage zu unterschreiben, die andere belastete. In anderen Fällen zogen die Untersuchungsbeamten dem Angeklagten eine schwarze Kapuze über den Kopf und hieben ihm dann mit Schlagringen ins Gesicht oder droschen mit Gummiknüppeln auf ihn ein."

Richter van Roden berichtete auch, daß Oberstleutnant Ellis und Leutnant Perl von der amerikanischen Anklagebehörde als Beschönigung für die ihnen zur Last gelegten Grausamkeiten angegeben hatten, daß auf andere Art Beweise nicht zu erhalten

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gewesen seien. Perl erklärte : "Wir hatten harte Nüsse zu knacken und mußten uns dazu überzeugender Methoden bedienen"; Perl gab auch zu, daß zu diesen überzeugenden Methoden Gewaltanwendung und Scheingerichtsverfahren gehörten und daß die Malmedy-Fälle aufgrund von Geständnissen behandelt wurden, die mit Hilfe derartiger Methoden beschafft worden waren.

Van Roden zog folgende Schlüsse : "Es gab keine Geschworenen. Der Gerichtshof bestand aus zehn Offizieren, die gleichzeitig als Richter und Geschworene fungierten und einem einzigen rechtskundigen Richter, dessen Entscheidung über die Zulässigkeit von Beweismaterial bindend war. Die als Beweismittel zugelassenen Aussagen waren von Männern gekommen, die zuerst drei, vier und fünf Monate in Einzelhaft gehalten worden waren, eingesperrt hinter vier Mauern ohne Fenster und ohne Möglichkeit, sich Bewegung zu machen. Durch einen Schlitz in der Türe wurde ihnen zweimal am Tag eine Mahlzeit hineingeschoben. Es war den Gefangenen nicht erlaubt, miteinander zu sprechen. Während dieser ganzen Zeit hatten sie keinerlei Verbindung mit ihren Familien oder einem Geistlichen."

"Es ist eine Tragödie", sagte van Roden, "daß so viele Amerikaner, die im Krieg unter solch unsäglichen Mühen gekämpft, so viel Blut vergossen und schließlich den Feind besiegt haben, jetzt sagen : Alle Deutschen gehören aufgehängt ! Wir haben den Krieg gewonnen, aber einige unserer Landsleute wollen weiter töten. Das hat mit Kämpfen nichts mehr zu tun, das ist unsittlich. . . Die Tatsache, daß während des Krieges Grausamkeiten von Deutschen gegen Amerikaner und von Amerikanern gegen Deutsche begangen wurden, können auf keinen Fall die Schande mindern, die unserem Vaterland angetan würde, wenn solche Grausamkeiten in Friedenszeiten ungesühnt blieben. . . Sie würden auf ewige Zeiten ein dunkler Fleck auf dem Gewissen der amerikanischen Nation bleiben."

Leider bereiteten die Untersuchungen der Richter van Roden und Simpson und deren Enthüllungen über diese beschämenden Vorfälle den Hinrichtungen derjenigen Deutschen kein Ende, die aufgrund unter Folterungen erpreßter Beweise zum Tode verurteilt worden waren. General Clay hatte zwar bereits die über einige der Verurteilten verhängten Strafen gemildert, es hatte aber den Anschein, als habe ihn das Geschrei der amerikanischen Presse gezwungen, die Hinrichtungen weitergehen zu lassen, statt eine Prüfung aller Verurteilten anzuordnen.

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Im November 1948 wurden am Freitag jeder Woche jeweils 15 Männer, statt 7 wie in den vorhergegangenen Wochen, gehängt; vermutlich war man der Ansicht, daß, je mehr Opfer dieser fehlerhaften Justiz von der Bildfläche verschwanden, desto weniger Beweise für das begangene Unrecht übrigbleiben würden. Unter der ersten Gruppe derer, die nach den Untersuchungen van Rodens und Simpsons hingerichtet wurden, befanden sich 5 Männer, die nach den Feststellungen beider Richter aufgrund fragwürdiger Beweise verurteilt worden waren.

Betty Knox, die ich bereits erwähnte, und Jose von der United Press hatten, kurz nachdem ich in Nürnberg mit ihnen zusammengetroffen war, die Hinrichtungen der vorausgegangenen Woche miterlebt. Beide werden dieses entsetzliche Erlebnis wohl nie mehr vergessen. Sowohl der protestantische wie der katholische Geistliche des Landsberger Zuchthauses, in dem die Hinrichtungen stattfanden, waren davon überzeugt, daß einige der hingerichteten Männer unschuldig waren. Sie waren verzweifelt darüber, daß sie nicht die Macht besaßen, irgend etwas zu tun, daß diesem Verbrechen Einhalt geboten wurde; einige dieser Männer hatten sie von ihrer Unschuld überzeugt, alle diese Männer waren mit Hilfe von unter Folterungen erpreßten Geständnissen oder der Aussagen von Zeugen verurteilt worden, die man des Meineides überführt hatte.

Einem der Männer, die Betty Knox sah, hatte man am vorangegangenen Dienstag mitgeteilt, daß seine Hinrichtung aufgeschoben sei, weil sein Fall erneut verhandelt werde; am Freitag hatte man ihn dann aus seiner Zelle zur Hinrichtung gezerrt. Einem anderen hatte man versprochen, daß er vor seinem Tode noch einmal seine Frau sehen durfte, die zu sehen man ihm drei Jahre lang verboten hatte. Als sie zur festgesetzten Zeit im Zuchthaus erschien, hatte man ihr mitgeteilt : "Es tut uns leid, er ist bereits tot, er wurde infolge eines Irrtums als erster statt als letzter gehängt."

In den Malmedy-Prozessen scheint es das Ziel der Untersuchungsbehörde gewesen zu sein, die jungen deutschen Kriegsgefangenen zu zwingen, ihre Kommandeure zu belasten. Falls sie sich weigerten, sollten sie selbst gehängt werden. Die Konzentrationslager-Prozesse waren noch schlimmer, weil hier die amerikanische Anklage nach dem Prinzip der Nazis und Kommunisten handelte, eine hinreichend große Zahl von Leuten an den Galgen zu bringen, jedoch die wirklichen Verbrecher nicht zur

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Verantwortung zu ziehen. Die Hauptzeugen der Anklage waren die ehemaligen Kriminellen und Kommunisten aus den Konzentrationslagern, die von der Gestapo als Kapos angestellt worden waren, nachdem die meisten SS-Soldaten aus der Bewachung der Lager herausgezogen und an die Front geworfen worden waren. So boten die Dachauer Prozesse gegen die wegen Grausamkeiten in Nazi-Konzentrationslagern Angeklagten das widerliche Schauspiel, daß ehemalige politische Gefangene aufgrund der Aussagen der Kriminellen, die jene haßten, oder der Kommunisten, denen Gelegenheit gegeben wurde, ihre politischen Gegner an den Galgen zu bringen, angeklagt und verurteilt wurden.

Man kam um die Feststellung nicht herum, daß einige der in diesen Prozessen zum Tode oder zu lebenslänglicher Haft verurteilten Männer sich keines Verbrechens oder keiner Grausamkeit schuldig gemacht hatten. Sie wurden verurteilt, weil sie als Insassen von Hitlers Gefängnissen sich dort die Feindschaft der Kriminellen oder der Kommunisten zugezogen hatten. Die Unschuldigen hatten wenig Hoffnung, freigesprochen zu werden, weil die amerikanischen Untersucher den Hauptschuldigen Straflosigkeit versprachen, falls sie andere zu belasten bereit waren; Zeugen wurde gedroht, daß ihre Familien Repressalien ausgesetzt sein würden, falls sie sich weigerten, die ihnen diktierten Aussagen zu unterzeichnen. Der Teufelskreis des Schreckens und der Ungerechtigkeit, den die Nationalsozialisten zu ziehen begonnen hatten, wurde geschlossen, als ihre Opfer von den Amerikanern gezwungen wurden, selbst meineidig zu werden, um dem Tode zu entrinnen oder aufgrund von Aussagen verurteilt zu werden, die gefolterte Zeugen geliefert hatten.

Die Anwendung von Zwang zur Erlangung von Beweisen wurde von den Beauftragten der amerikanischen Armee ausdrücklich zugelassen. Oberst A. H. Rosenfeld wurde, als er 1948 seinen Posten als Chef der Abteilung Dachau für Kriegsverbrecher verließ, in einer Pressekonferenz gefragt, ob etwas Wahres an den Gerüchten über Scheinprozesse in Dachau sei. Er antwortete : "Ja, selbstverständlich. Auf andere Weise hätten wir diese Vögel ja nicht zum Singen gebracht." Oberst Rosenfeld betrachtete solche Methoden nicht als Zwang; denn schließlich waren die Opfer ja Deutsche. Er war sichtlich stolz auf seine Gewitztheit und meinte : "Das war ein Trick, der wirkte wie ein Zauber."

Folterungen, Scheinprozesse, Erpressungen, falsche Beweise und alles andere dürften allerdings wie ein Zauber gewirkt haben,

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doch der üble Geruch, den sie der amerikanischen Rechtsprechung in Deutschland verliehen, war alles andere als zauberhaft. Die Folge war, daß die meisten Deutschen davon überzeugt waren, es gebe zwischen demokratischer und nationalsozialistischer oder kommunistischer Justiz kaum einen Unterschied.

Die Mehrzahl der in den Dachauer Prozessen Angeklagten wurden gefoltert; als sie schließlich, durch Prügel und Hunger geschwächt, in den Verhandlungssaal gebracht wurden, verweigerte man ihnen für gewöhnlich jede Möglichkeit zur Verteidigung. Sie wurden erst ein paar Stunden oder — im günstigsten Falle — ein paar Tage vor Beginn ihres Prozesses über die gegen sie erhobenen Anklagen ins Bild gesetzt und hatten nicht die Möglichkeit, Zeugen zu ihrer Verteidigung zu stellen. Mit seltenen Ausnahmen hatten sie keinen deutschen Verteidiger, entweder weil sie ihn nicht bezahlen konnten oder weil die amerikanischen Behörden ihnen einen solchen verweigerten. Wenn ein deutscher Verteidiger zugelassen war, mußte er sich nach den Anordnungen des für die Verteidigung eingeteilten amerikanischen Offiziers richten; es wurde ihm nicht gestattet, sich mit seinem Klienten abzusprechen, es sei denn in den kurzen Verhandlungspausen.

Im Fall des KZ-Prozesses vermochte die Anklage es nicht einmal, das spezielle Verbrechen zu beschreiben, dessen der betreffende Angeklagte beschuldigt wurde, noch Zeit und Ort anzugeben, wo es begangen wurde. In einem von ihm am 30. Juli 1948 an General Clay gerichteten Appell erklärte der deutsche Verteidiger Dr. Georg Fröschmann : "In der überwiegenden Zahl der KZ-Prozesse begnügte sich die Anklagebehörde damit, in einem einzigen Satz mit 24 Schreibmaschinenzeilen die Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit generell aufzuzählen, als da waren Tötungen, Prügel, Folterungen, Hunger, Gewalttätigkeiten, Demütigungen, deren sich die Angeklagten gegen Angehörige von 15 verschiedenen Nationen als Täter, Mittäter, Anstifter, Helfershelfer oder anderswie Beteiligte schuldig gemacht haben sollten."

Die Angaben über den Zeitpunkt, an dem diese Verbrechen begangen wurden, wurden ähnlich vage mit zwischen Januar 1942 und 5. Mai 1945 angegeben.

Die amerikanischen Offiziere, die als Verteidiger eingeteilt waren, hatten für gewöhnlich keine juristische Ausbildung genossen, konnten nicht Deutsch und machten sich auch keineswegs

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die Arbeit, den betreffenden Fall mit den Angeklagten durchzusprechen. Diese waren nicht imstande, die gegen sie aufgebotenen Zeugen zu befragen, da die Verhandlungen in einer Sprache geführt wurden, die sie nicht verstanden und weil fähige Übersetzer nicht vorhanden waren.

Alle diese Verhandlungen glichen den bekannten Moskauer Schauprozessen.

Nach Dr. Fröschmann "konnten sich viele Angeklagte nicht des Eindruckes erwehren, als ob der ihnen von ihrem Verteidiger gegebene Rat dem Wunsch entsprang, dem Streben des Gerichtshofes nach einer beschleunigten Abwicklung dieser Prozesse nachzukommen. Viele amerikanische Verteidiger standen in engem Kontakt mit der Anklage und ließen sich auf seltsame Kompromisse mit dieser ein. Sie versäumten es, rechtzeitig Anträge auf Vertagung eines Prozesses zu stellen, um der Verteidigung Gelegenheit zur Vorbereitung zu geben . . . Ihre Anträge schienen in Übereinstimmung mit der Anklage gestellt zu sein und in manchen Fällen schienen sie selbst die Ankläger zu sein".

Die Anklagebehörde hatte reichlich Zeit und Gelegenheit, Zeugen aus ganz Europa zu laden und deutsche Zeugen so lange zu foltern, bis diese die gewünschten Aussagen machten; die Angeklagten, in Dunkelzellen eingekerkert und jedes Kontaktes mit der Außenwelt beraubt, waren selbstverständlich nicht imstande, irgend jemanden zu ihrer Verteidigung herbeizurufen. Überdies hatte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes über Presse und Radio allen ehemaligen KZ-Häftlingen verboten, als Zeugen für die Verteidigung aufzutreten.

Obwohl die Anklage den ehemaligen politischen Häftlingen freie Fahrt, gute Ernährung, beträchtliche Tagesgelder und eine ansehnliche Menge von Zigaretten für den Verkauf auf dem Schwarzmarkt versprach, kamen nur wenige von ihnen nach Dachau, um gegen die Angeklagten auszusagen. Die Tatsache, daß die Anklage sich vor allem auf Leute stützen mußte, die wegen krimineller Vergehen in die Konzentrationslager gebracht worden waren, ließ bereits die Vermutung zu, daß einige der in Dachau zum Tode Verurteilten unschuldig waren. Die Heranziehung von professionellen Zeugen, die zu Dutzenden in den Prozessen auftraten und deren von anderen Beweisen nicht untermauerte Aussagen bereits für ein Todesurteil ausreichten, mußte jeden abstoßen, der sich sein elementares Rechtsempfinden bewahrt hatte.

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Es fällt schwer, sich der Folgerung zu entziehen, daß die Anklage nicht im mindesten daran interessiert war, diejenigen verurteilt zu sehen, die sich tatsächlich Grausamkeiten hatten zuschulden kommen lassen, sondern daß sie einzig und allein darauf ausging, eine Höchstzahl von Verurteilten zu erreichen, um die Kollektivschuld des deutschen Volkes zu beweisen. Die natürliche Folge war, daß viele Deutsche, die wußten, wie diese Prozesse geführt wurden, nun sagten, daß es überhaupt keine solchen Grausamkeiten gegeben habe und daß alle Geschichten über die Konzentrationslager amerikanische Erfindungen seien. So führte die Anwendung von Nazi-Methoden zum Zwecke, die Schuld der Nazis zu beweisen, dazu, daß die Realität der Nazi-Verbrechen verdunkelt wurde.

Dies galt besonders für den Fall der Ilse Koch. Die Deutschen wußten, daß die amerikanische Anklage keinerlei Beweise für ihre Behauptung hatte beibringen können, daß die in Amerika gern geglaubte Geschichte von den Lampenschirmen aus Menschenhaut in Ilse Kochs Wohnung wahr sei. Ilse Koch war genau das, als was sie General Clay in seiner Abwandlung des gegen sie gefällten Todesurteiles bezeichnete : eine Hure und eine Perverse verworfenster Art, aber keine Kriegsverbrecherin. Die von den Nazis begangenen Grausamkeiten waren zu schlimm, als daß es noch notwendig gewesen wäre, Märchen über Lampenschirme aus Menschenhaut zu erfinden. Als wir den Versuch unternahmen, Lügen als Wahrheit hinzustellen, verschleierten wir die Wirklichkeit der Gaskammern; es schien möglich, daß in wenigen Jahren die Wahrheit als ein Greuelmärchen abgetan würde, das die Sieger verbreitet hatten, um die unmenschliche Behandlung der Besiegten zu rechtfertigen.

Der Schaden, der hier angerichtet wurde, war nicht mehr zu reparieren, doch das Ansehen der Vereinigten Staaten konnte wiederhergestellt werden, wenn die Exekutionen ausgesetzt, eine richtiggehende und unabhängige Untersuchung angeordnet und die der Folterung von Gefangenen und des Rechtsbruches schuldigen Amerikaner in Deutschland unter der Anklage, Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben, vor Gericht gestellt wurden. Obwohl der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten erklärte, an der Verfolgung von Verbrechen, die amerikanische Staatsbürger in Deutschland begangen hatten, nicht interessiert zu sein, bekundete der Senat im März 1949 seine Besorgnis, indem er für eine Untersuchung stimmte.

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Es dürfte leichter fallen, die bösen Erinnerungen an die Dachauer Prozesse auszulöschen, als das deutsche Volk die brutale und ungerechte Behandlung vergessen zu lassen, der es in den ersten Jahren der Besetzung ausgesetzt war. Junge Männer und Frauen, die Hitler aus einer irrigen, aber ehrlichen Überzeugung, daß kein vaterlandsliebender Deutscher sich weigern dürfe, seiner Führung zu folgen, Gehorsam geleistet hatten; Arbeiter, die sich der NSDAP angeschlossen hatten, weil sie glaubten, daß diese ihnen Arbeit und Brot geben werde; die besiegten Soldaten der deutschen Armee, die für die von der SS und der Gestapo begangenen Grausamkeiten nicht verantwortlich waren, die aber tapfer bis zum letzten Tag gefochten hatten, um ihr Land vor dem kommunistischen Terror zu retten — ja sogar die aus ihren Verstecken aufgetauchten oder aus den Konzentrationslagern entlassenen Opfer der Nationalsozialisten : sie alle wurden von den siegreichen Demokraten bestraft. Einige von ihnen wurden jahrelang eingekerkert, ohne daß ihnen der Prozeß gemacht wurde; einigen wurde ihr gesamtes Eigentum oder das ihrer Familie weggenommen; anderen wieder wurden die ihnen als Kriegsgefangenen zustehenden Rechte verweigert und sie mußten Zwangsarbeit leisten. Vier Jahre nach Kriegsende noch war das Kontrollratsgesetz Nr. 3 in Kraft, nach dem jeder Deutsche zur Zwangsarbeit herangezogen werden konnte — eine offenkundige Verletzung der amerikanischen Verfassung, die Zwangsarbeit in allen der Jurisdiktion der Vereinigten Staaten unterstehenden Gebieten untersagt.

Die Kriegsgefangenen und Zivilisten, denen man in Dachau den Prozeß machte, waren keineswegs die einzigen Deutschen, die physischen Folterungen unterworfen wurden. Nach Kriegsende verhafteten wir Generäle, SS-Männer, Regierungsbeamte und Nazi-Führer in großer Zahl und setzten sie Mißhandlungen unterschiedlicher Art aus, ohne abzuwarten, wer von ihnen als schuldig oder als unschuldig zu gelten hatte.

Ein Deutscher aus meinem Bekanntenkreis, der früher dem Auswärtigen Amt angehörte, erzählte mir, daß er in einen Güterwagen hineingestoßen wurde, der so vollgepfercht war, daß sich niemand setzen konnte und der darin ohne Nahrung und Wasser 36 Stunden ausharren mußte. Einer der Männer in dem Waggon war ein 82jähriger General, der lange vor dem Krieg in den Ruhestand getreten war, aber wegen seines Ranges verhaftet worden war. Die Insassen des Waggons, Offiziere und Zivilisten, die

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von den Amerikanern nach den Methoden behandelt wurden, mit denen die Sowjetunion ihre Feinde ausmerzt, hatten es fertiggebracht, sich noch mehr zusammenzudrängen, damit sich der alte Mann setzen konnte. Viele der Gefangenen waren krank, einige waren verwundet, aber es wurde ihnen während der ganzen Fahrt nicht gestattet, den Wagen zu verlassen. Im Gefängnis wurden die deutschen Generäle später gezwungen, die Stiefel ihrer Wachtposten zu putzen und mit bloßen Händen die Latrinen zu reinigen; man behandelte sie durch die Bank so, wie die Häftlinge in den nationalsozialistischen oder kommunistischen Konzentrationslagern behandelt wurden.

Überall, wohin man in Deutschland kam, wurden einem Geschichten dieser Art erzählt. Zweifellos waren einige übertrieben, aber es ist kaum ein Zweifel erlaubt, daß man ein perverses Vergnügen darin fand, die Offiziere der besiegten feindlichen Armee jeder nur erdenkbaren Erniedrigung auszusetzen. In jeder Armee gibt es einige Sadisten oder Rohlinge. Das Entsetzliche in diesem Falle war aber, daß die der amerikanischen Armee in der ersten Zeit der Besatzung erteilten Befehle die brutale und unritterliche Minderheit ermutigten und die Anwendung von Nazi-Methoden bei der Behandlung der Besiegten vorschrieben. Der Schock, den die Deutschen dadurch erlitten, war umso größer, als sie zwar von den Russen Gesetzlosigkeiten und Brutalitäten erwartet, jedoch geglaubt hatten, daß die Amerikaner sie anständig behandeln würden. Viele hatten das Ende des Krieges begrüßt, weil sie glaubten — welche Art von Strafen es auch über sie bringen möge —, daß es die Gesetzlosigkeit und Tyrannei der Nazis auslöschen und eine Herrschaft des Gesetzes aufrichten werde. Jetzt aber war der Glaube an eine demokratische Gerechtigkeit beinahe gestorben.

Die schlimmsten Taten, deren wir selbst uns in Deutschland schuldig gemacht haben, werden nicht die einzigen bleiben, für die die Nachwelt uns die Verantwortung aufbürden wird.

Präsident Roosevelt in Jalta und Präsident Truman in Potsdam haben im Namen des amerikanischen Volkes einem der barbarischsten Akte in der langen Geschichte der Unmenschlichkeiten, die Menschen gegen Menschen begingen, zugestimmt. Aufgrund dieser Übereinkünfte wurden zwölf Millionen Menschen ihrer Habe beraubt und aus ihren Häusern getrieben, einzig und allein, weil sie das Verbrechen begangen hatten, Deutsche zu sein.

Wenn in vergangenen Zeiten der Sieger einen Landstrich

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annektierte, wurden keineswegs alle, die dort lebten, ausgeplündert, und es wurde ihnen gestattet, in den Häusern ihrer Vorfahren weiterzuleben. Amerika und England jedoch waren nicht nur einverstanden, daß Deutschland ein Gebiet entrissen wurde, in dem die Deutschen seit Hunderten von Jahren lebten, sie gaben den Russen, Polen, Tschechen, Jugoslawen und anderen Völkern auch das Recht, alle Menschen deutscher Abstammung zu enteignen und sie aus dem Lande zu treiben. Der Vorbehalt, daß diese Austreibungen auf humane Art und Weise vonstatten gehen sollten, umgab dieses Verbrechen wider die Menschlichkeit zudem mit einer abstoßenden Aura von Heuchelei.

Die Polen, denen das Gebiet östlich der Oder-Neiße-Linie überantwortet wurde, vertrieben dessen Bewohner mit äußerster Brutalität. Wenige Stunden nach der Ankündigung bereits wurden Frauen und Kinder, Alte und Kranke aus ihren Häusern geworfen und selbst diejenigen, die in Krankenhäusern oder Waisenhäusern lebten, blieben nicht verschont. Die Tschechen trieben, nicht weniger brutal, die Deutschen in Fußmärschen über das Gebirge und nahmen ihnen an der Grenze die letzte spärliche Habe weg, die sie noch hatten tragen können. Die Tschechen waren auf die Befriedigung ihrer Rache- ebenso wie auf die ihrer Profitgelüste bedacht und behielten Tausende von deutschen Männern als Sklavenarbeiter zurück, während sie deren Frauen und Kinder aus dem Land trieben. Viele der Alten, Jungen und Kranken gingen auf den langen Märschen in den Rest Deutschlands an Hunger, Kälte oder Erschöpfung zugrunde oder starben, verdurstet, verhungert oder Krankheiten erlegen, in den überfüllten Viehwaggons, in denen ein Teil von ihnen weggebracht wurde. Diejenigen, die diese Reisen überlebten, konnten von nichts anderem leben, als von dem wenigen, was im besetzten Deutschland für sie noch übrigblieb. Nicht einem einzigen Menschen deutscher Abstammung wurde die Hilfe der Vereinten Nationen zuteil. Die DP-Lager waren ihnen verschlossen, der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) und dann auch der IRO (International Refugee Organisation) war es untersagt, ihnen beizustehen. Diese Parias neuer Art wurden nach Deutschland gejagt, um dort zu sterben oder als Bettler in den elenden Unterkünften zu vegetieren, die die ausgebombten deutschen Städte diesen Menschen geben konnten, die noch schlimmer daran waren als diejenigen, welche dort seit jeher gelebt hatten.

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Wieviele Menschen während der Austreibung ermordet wurden oder starben, wird niemals bekannt werden. Von den zehn oder zwölf Millionen Menschen, die das Verbrechen begangen hatten, Deutsche zu sein, bleiben vier oder fünf Millionen verschollen. Niemand weiß aber, wieviele davon tot und wieviele Zwangsarbeiter sind. Nur eines ist wahr : Hitlers barbarische Ausrottung der Juden wurde von der Liquidation der Deutschen durch die demokratischen, friedliebenden Mächte der Vereinten Nationen in den Schatten gestellt. Der walisische Geistliche Dr. Elfan Rees hat in einer Predigt an der Genfer Universität am 13. März 1949 völlig zu Recht gesagt : "Der Frieden, den die Alliierten brachten, hat mehr Menschen heimatlos gemacht als der Krieg der Nationalsozialisten."

Die Zahl der in Rumpfdeutschland lebenden Flüchtlinge wurde 1948 auf acht bis neun Millionen geschätzt. Die IRO kümmerte sich nicht um sie; ein Erlaß des Kongresses verbat es ihr ausdrücklich, ihnen irgendwelche Hilfe zu leisten. Es war dem übervölkerten Westdeutschland offensichtlich unmöglich, sich ihrer anzunehmen. Ein paar wenige arbeiteten in der Industrie oder auf Bauernhöfen, doch die meisten lebten unter unmenschlichen Bedingungen, ohne Hoffnung, jemals Arbeit und Unterkunft zu bekommen.

In Bayern, wo die Besatzer Tausende von Hotels, Schlössern, Kasernen und Privathäusern ausschließlich für sich beschlagnahmt hatten und die immer geringer werdende Zahl der von der IRO betreuten DPs in komfortablen Wohnungen lebte, waren die deutschen DPs in zugigen Verschlägen zusammengepfercht und erhielten von den internationalen Organisationen weder Lebensmittel noch Bekleidung. Die Vereinigten Staaten hatten zugelassen, daß sie enteignet und ausgetrieben wurden und waren jetzt an ihrem Schicksal uninteressiert. Die Militärregierung bedeutete den deutschen Länderverwaltungen, daß die deutschen Flüchtlinge eine ausschließlich deutsche Angelegenheit seien.

Wir erklärten den Deutschen, daß jedes Opfer der Naziverbrecher zu unterstützen war, daß aber diejenigen, deren Leiden wir selbst auf dem Gewissen hatten, ruhig verderben und sterben konnten. Wir unterschieden auch sehr genau zwischen den verschiedenen Kategorien der von den Kommunisten Verfolgten. Ein Tscheche, der dem kommunistischen Terror entkam, erhielt das Recht, in ein DP-Lager zu ziehen und amerikanische Lebensmittel zu erhalten. Ein Russe, Rumäne, Ungar oder Jugoslawe, dem es

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gelungen war, über die Grenze nach Bayern zu entkommen, fiel jedoch der deutschen Wirtschaft zur Last. Mitglieder dieser Nationen durften nur dann in den DP-Lagern wohnen, wenn sie vor Kriegsende in Deutschland gewesen waren. Wie die Dinge lagen, hatten also — mit Ausnahme der Tschechen — nur Opfer der Nationalsozialisten ein Anrecht auf Hilfe, aber nicht die Opfer der Kommunisten. Deutschland hatte sich also nicht nur der ehemaligen Opfer Hitlers anzunehmen, seine Wirtschaft war auch gezwungen, Hunderttausenden der Opfer Stalins beizustehen. Das war noch nicht alles. Deutschland spielte die Rolle eines Aufnahmezentrums und Durchgangslagers für viele Tausende von Juden, die Polen, Rumänien, Ungarn und die Tschechoslowakei verlassen hatten, nachdem dort die Kommunisten die Macht übernommen hatten. In einem jüdischen DP-Lager in der Nähe Münchens war jeder Mensch, mit dem ich sprach, nach 1945 nach Deutschland gekommen, in der Hoffnung, von dort nach Palästina zu gelangen.

Obwohl die Zahl der in Deutschland lebenden DPs immer weiter zurückging und viele der Lager halb leer standen, wurde den Deutschen nicht erlaubt, die vielen Häuser, Kasernen und andere von den DPs bewohnten Gebäude zurückzunehmen oder ihre eigenen Flüchtlinge dort unterzubringen. Genaue Informationen waren nicht zu erlangen, weil es den deutschen Behörden untersagt war, die DP-Lager zu betreten; der bayerische Vertriebenenminister schätzte jedoch, daß zwischen 24000 und 28000 Betten nicht belegt waren. Während also mit diesen Unterkünften verschwenderisch umgegangen wurde, blieben die deutschen Flüchtlinge in ungesunden Hütten und anderen Behausungen ohne alle Bequemlichkeiten und ohne die primitivsten sanitären Einrichtungen zusammengepfercht; häufig mußten die Menschen dort auf dem Fußboden schlafen.

Bevor ich nach Nürnberg fuhr, besuchte ich verschiedene bayrische Flüchtlingslager. Der Kontrast zwischen den Lebensbedingungen dort und denen in der Mehrzahl der Lager für nichtdeutsche DPs bewies, wie glücklich die früheren Opfer der Nationalsozialisten im Vergleich zu jenen waren, die die Folgen der von den siegreichen Demokratien begangenen Verbrechen wider die Menschlichkeit auszukosten hatten.

Es konnte nicht überraschen, daß die Kommunisten in dem riesigen Lager Dachau, wo die Menschen unter den niederziehendsten Bedingungen leben mußten, einen beträchtlichen Einfluß aus-

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übten. Der inoffizielle Führer der Flüchtlinge war ein Kommunist, der Hungerstreiks und Massenversammlungen organisiert und damit die bayrische Verwaltung gezwungen hatte, die Lebensbedingungen in diesem Lager zu verbessern, indem sie die hölzernen Baracken winterfest machte und etwas mehr Nahrung herbeischaffte. Die bayrischen Behörden, die man für die unzureichenden Unterkünfte und die unzulängliche Ernährung in diesen Lagern verantwortlich machte, waren aber nicht die eigentlichen Schuldigen. Bayern war gezwungen worden, weit mehr deutsche Flüchtlinge als alle anderen westdeutschen Länder aufzunehmen, und da so viele Häuser für die DPs und die Besatzungsarmee beschlagnahmt worden waren, war dieses Problem unlösbar.

Aufgrund der Schätzungen der Militärregierung waren 1948 ein Viertel der über neun Millionen Bewohner Bayerns keine Bayern. Es gab dort über eine Million Vertriebene aus der Tschechoslowakei, 606000 aus den Gebieten östlich der Oder und Neiße, 51500 aus Ungarn und 170000 aus anderen Gebieten. Überdies lebten in Bayern an die 300000 Deutsche aus den anderen Besatzungszonen oder den anderen Staaten Westeuropas sowie 164000 Ausländer. Diesen Zahlen waren Tausende von unregistrierten Personen zuzurechnen, die illegal nach Bayern eingewandert waren. In dieser Hinsicht stand Bayern, verglichen mit den anderen Ländern Westdeutschlands, vor dem schwersten Problem : es hatte eine sehr lange Grenze, die im Schutz der Nacht von unzähligen Menschen überschritten wurde, die aus der Tschechoslowakei, aus Rumänien, Ungarn und Jugoslawien wie aus der deutschen Sowjetzone kamen. Was man auch anstellen konnte, um den Flüchtlingen Arbeit und angemessene Unterkünfte zu verschaffen, es kamen immer wieder so viel neue ins Land, daß Bayern dem Sisyphus glich, welcher einen Stein den Berg hinaufstieß, der dann immer wieder talwärts rollte.

Lediglich die Hälfte des gesamten Bevölkerungszuwachses in Bayern bestand aus Flüchtlingen, die legal aufgrund des Potsdamer Abkommens ins Land gekommen waren. Am 1. Januar 1948 war die Bevölkerung Bayerns, wo 1939 etwa sieben Millionen Menschen gezählt wurden, auf neuneinviertel Millionen angewachsen; 1,8 Millionen davon waren Flüchtlinge, 292000 Evakuierte aus anderen Teilen Deutschlands. In Jahren 1945 bis 1946 kamen 70000 Ausländer, um die sich die UNRRA nicht kümmerte, nach Bayern. 1947 wurden in den bayrischen Lagern für Deutsche weitere 75000 Menschen registriert, die illegal die

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Grenze überschritten hatten. Die Währungsreform von 1948, bei der jedermann 40 neue D-Mark erhielt, führte in Bayern zur Entdeckung zusätzlicher 100000 illegaler Einwanderer, die niemals registriert worden waren, niemals Lebensmittelkarten erhalten und wahrscheinlich vom Schwarzen Markt gelebt hatten.

Eine Zunahme der bayrischen Bevölkerung um zweieinviertel Millionen Menschen machte es der deutschen Verwaltung ganz einfach unmöglich, angemessene Unterkünfte zu beschaffen; es gab da ja noch 330000 Menschen, die entweder durch die Bombenangriffe oder die Beschlagnahmungen der Militärregierung wohnungslos geworden waren. Eine Million Wohnräume waren ganz, weitere 1,7 Millionen teilweise bei den Bombenangriffen während des Krieges zerstört worden. Die amerikanische Militärregierung hatte weitere 115000 Räume beschlagnahmt. Zog man den vergleichsweise beträchtlichen Wohnraum für DPs und den mehr als hinreichenden Wohnraum ab, der von der Militärregierung für die Unterbringung und Erholung der Amerikaner und ihrer Gäste beschlagnahmt worden war, dann war Bayern in diesen Tagen so übervölkert, daß im Durchschnitt ein Raum für zwei Personen zur Verfügung stand. In Nürnberg, Regensburg und anderen schwer zerstörten Städten waren es sogar zweieinhalb Menschen pro Raum.

Zu diesen Unterkünften gehörten Baracken, hölzerne Sommerhäuser, die im Winter unbewohnbar waren, die kerkerähnlichen Bunker mit ihren feuchten Betonwänden, in denen Tausende lebten sowie Ställe und andere als Wohnungen für Menschen nicht geeignete Bauten.

Die Mehrzahl der deutschen Flüchtlinge bestand aus Frauen und Kindern, doch war es noch nicht einmal möglich, Arbeit für die Männer und die anderen zu finden, die arbeitsfähig waren. Von den 1,9 Millionen deutschen Flüchtlingen in Bayern lebten 1,2 Millionen in Landgemeinden mit weniger als 4000 Einwohnern, in denen nur in sehr begrenztem Ausmaß Arbeit für die Flüchtlinge zu finden war.

Die Kosten, die dem bayrischen Staat für die Ernährung der Flüchtlinge und deren Ausstattung mit Betten, Decken, Kleidung und Haushaltungsgegenständen entstanden, überstiegen bei weitem die ihm zur Verfügung stehenden Geldquellen. 1948 brachte er jeden Monat dreieinhalb Millionen D-Mark für die Unterhaltung der Lager auf; die zu Beginn gelieferten Kleidungsstücke und Betten sind dabei nicht eingerechnet.

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Im Jahre 1948 bat der bayrische Vertriebenenminister Jänicke, selbst ein Flüchtling aus Schlesien, die Vereinten Nationen um Hilfe und erklärte, es sei Deutschland unmöglich, die deutschen und diejenigen nichtdeutschen Flüchtlinge unterzubringen und zu ernähren, denen die IRO jede Hilfe verweigerte. Er ersuchte um die Freigabe der von der IRO nicht mehr benötigten Wohnungen, um eine beschleunigte Repatriierung oder Auswanderung der DPs und die Ausweitung der IRO-Fürsorge auf die große Zahl ausländischer Flüchtlinge, die jetzt aus dem sowjetischen Bereich nach Deutschland entkamen und für die die deutsche Wirtschaft aufkommen mußte. Außerdem stellte er Überlegungen an über die Notwendigkeit, Arbeitsmöglichkeiten für deutsche und andere europäische Flüchtlinge durch die Zuteilung von Marshall-Plan-Geldern zu schaffen.

Bayern war das Land der Zuflucht für alle die, denen es gelang, aus den von den Kommunisten beherrschten Ländern zu entkommen. Wenn aber die Deutschen um Hilfe baten, um diesen gewaltigen Zustrom von Flüchtlingen vor dem kommunistischen Terror zu bewältigen, wurde ihnen erklärt, diese Sache gehe die Militärregierung nichts an und sei einzig und allein ihre eigene Angelegenheit. Es war nicht komisch, sondern ganz einfach lächerlich, daß die Militärregierung zwar darauf bestand, daß Vertriebene und Flüchtlinge unter deutsche Verantwortlichkeit fielen, daß sie aber anordnete, angemessene Aufnahme- und Weiterleitungseinrichtungen müßten bereitgestellt werden. Sie wußte ja schließlich ebensogut wie die Deutschen, daß das unmöglich war.

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