Kapitel VIII

Unsere unamerikanische Handlungsweise in Deutschland

Wäre die Regierung der USA von Kommunisten beherrscht worden, sie hätte kaum besser den Weg für den Sieg des Kommunismus in Deutschland vorbereiten können, als dies die Militärregierung während der ersten beiden Besatzungsjahre tat. Die Entnazifizierungsgesetze wurden dazu benutzt, die Kapitalisten zu enteignen, den Mittelstand an den Bettelstab zu bringen und die demokratische Justiz in Verruf zu bringen. Kommunisten erhielten leitende Posten in der Verwaltung und kontrollierten Zeitungen und Rundfunkstationen; Deutschland wurde in eine wirtschaftliche Zwangsjacke gesteckt, die das Wiederaufleben des freien Unternehmertums von vornherein ausschloß. Chaos, Elend und Verzweiflung drohten. Alles schien darauf angelegt zu sein, die Deutschen ins Lager der Kommunisten zu treiben.

Die Prozesse von Nürnberg und Dachau berührten direkt nur eine kleine Zahl von Personen, doch die dort verkündeten Grundsätze im Verein mit der der Militärregierung von Washington erteilten Weisung JCS 1067/6 nahmen der Mehrzahl der Deutschen in der amerikanischen Besatzungszone Freiheit, Eigentum und andere Bürgerrechte. Die Weisung JCS 1067/6 hob die Habeaskorpusakte für unbestimmte Zeit auf und gestattete der Militärregierung, jeden zu verhaften, und ohne Gerichtsverfahren gefangen zu halten, der möglicherweise die Pläne der Alliierten — selbstverständlich einschließlich der der Sowjetunion — gefährden konnte. (Die 1679 erlassene Habeaskorpusakte befahl, daß niemand ohne Anordnung eines Richters verhaftet werden durfte. Anmerkung des Übersetzers.) Die Militärregierung hatte auch die Anweisung erhalten, nicht nur Nationalsozialisten, sondern alle anderen, den Plänen der Alliierten feindlich gesinnten Personen aus öffentlichen Ämtern wie aus wichtigen Stellungen in der Privatwirtschaft zu entfernen. Hätte man diese Anordnung in ihrer ganzen Schärfe ausgeführt, so hätte kein Deutscher — es sei denn, er war Kommunist — in der Verwaltung oder in leitender Stellung tätig sein können. Zu dieser Zeit konnte man ja von nur wenigen Deutschen erwarten, daß sie nicht Gegner der Politik der Alliierten waren.

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Das Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus, wie man das Entnazifizierungsgesetz spaßeshalber- oder zynischerweise — nannte, betraf an die 12 Millionen Menschen von insgesamt 17 Millionen in der amerikanischen Zone. Es bestrafte ja nicht nur alle Mitglieder der NSDAP, sondern auch deren Familien und die Mitglieder der der NSDAP angeschlossenen Organisationen. Seine Grundlage war das Dokument JCS 1067/6, das der Militärregierung befahl, unter anderem alle jene Personen zu verhaften, die wichtige Posten in der Reichs-, Landes-, Kommunal- und Wirtschaftsverwaltung bis hinunter zu den Dorfbürgermeistern, sowie in Industrie, Handel, Landwirtschaft und Finanzwesen innegehabt hatten. In dieser Anweisung aus Washington hieß es : "Es kann im allgemeinen angenommen werden, daß, soweit nicht der Beweis für das Gegenteil beigebracht werden kann, jede Person, die eine solche Position innehatte, ein Mitglied der NSDAP war oder mit dieser sympathisierte."

Die USA machten sich also praktisch die kommunistische Theorie zu eigen, daß alle Kapitalisten von vornherein bereits Nationalsozialisten waren; noch im Herbst 1947 hielt die Militärregierung Männer ohne geordnetes Verfahren gefangen, deren einziges Verbrechen darin bestand, daß sie Eigentümer industrieller Unternehmungen oder Leiter großer wirtschaftlicher Verbände waren.

So bedeutend war damals der Einfluß der Kommunisten in Washington und so genau folgten die Vereinigten Staaten den von Moskau erteilten Anweisungen für den Klassenkampf, daß der amerikanische Oberbefehlshaber in Deutschland den Befehl erhielt, alle Immobilien oder jedes persönliche Eigentum zu beschlagnahmen, das Personen gehörte oder von diesen kontrolliert wurde, die unter den Arrestbefehl fielen.

Da einige Jahre vergehen mußten, bevor man der riesigen Zahl der vom Entnazifizierungsgesetz betroffenen Personen den Prozeß machen konnte, bedeutete dies, daß das Eigentum der Angeklagten und ihrer Familien auf unbestimmte Zeit konfisziert war, ob sie nun schuldig waren oder nicht.

In Bayern ging die amerikanische Militärregierung so weit, einen bekannten Kommunisten zum Entnazifizierungsminister zu machen. Viele Spruchkammern wurden von den Kommunisten beherrscht, die ihre Stellung dazu benutzten, sich ihrer politischen Gegner zu entledigen. Das Schlimme an der Entnazifizierung in der amerikanischen Zone war, daß ein als Nazi Denunzierter

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Stellung und Vermögen verlor, bis man seine Unschuld beweisen konnte. Viele Leute mußten jahrelang im Kerker oder, falls sie frei waren, ohne Verdienstmöglichkeit warten, bis sie Gelegenheit erhielten, ihre Schuldlosigkeit darzutun.

Da die Worte Antikommunist und Nationalsozialist im kommunistischen Wörterbuch die gleiche Bedeutung hatten, verloren viele Nicht-Nationalsozialisten und sogar Gegner der Nationalsozialisten ihre Stellungen oder wurden auf andere Weise von den kommunistisch beherrschten Spruchkammern bestraft. Die Studenten der Münchner Universität berichteten mir, daß Professor Adolf Weber, einer der bekanntesten deutschen Nationalökonomen, der niemals Nationalsozialist gewesen war, verfolgt und für lange Zeit an der Ausübung seines Lehramtes von den Spruchkammerbehörden gehindert wurde, weil er ein Gegner der Kommunisten war.

Selbstverständlich zogen nicht nur die Kommunisten Vorteile aus dem von den USA gegebenen uneingeschränkten Recht, unschuldige Menschen zu ruinieren, indem man sie ohne den Schatten eines Beweises denunzierte. Jeder, der gegen irgendjemanden einen persönlich oder politisch begründeten Groll hegte, konnte seinem Gegner Schlimmes antun, indem er irgend etwas gegen diesen vorbrachte, wobei er diese Beschuldigung aber nicht beweisen mußte. Selbst wenn das Opfer dieser Denunziation möglicherweise seine Unschuld dartun konnte, hatte es doch seine Stellung verloren, sein Vermögen war beschlagnahmt und er selbst stand für lange Zeit unter dem Druck schwerster seelischer Belastungen. Dies war die unvermeidliche Folge davon, daß die Amerikaner die Fundamente der demokratischen Gesetzgebung dadurch zerstört hatten, daß auf ihre Weisung in Deutschland die Unschuld, nicht die Schuld eines Mannes bewiesen werden mußte.

Ein anderer bemerkenswerter Fall, auf den mich die Münchner Studenten hinwiesen, betraf Professor Vorhölzer, einen sehr bekannten Architekten, der 1933 von den Nationalsozialisten zur Auswanderung in die Türkei gezwungen worden war. Als er 1946 Rektor der Münchner Technischen Hochschule und Vorsitzender der Wiederaufbaukommission war, beschuldigte ihn ein etwas zwielichtiger Architekt, während des Krieges für die Türkei Spionage getrieben zu haben. Vorhölzer verlor seinen Posten und war ein ganzes Jahr lang allen möglichen Zurücksetzungen und Erniedrigungen ausgesetzt. Während dieser Zeit kam der Wiederaufbau Münchens zum Erliegen.

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Nationalsozialisten wie Kommunisten konnten das Entnazifizierungsgesetz dazu benutzen, sich ihrer Gegner zu entledigen. Tatsächlich hatten beide ein gemeinsames Interesse daran, mit Hilfe dieses Gesetzes jeden liberal oder konservativ gesinnten Menschen zu bestrafen. Als man in der Sowjetzone die Entnazifizierung einstellte und statt dessen die Nationalsozialisten hofierte und sie ermutigte, der Kommunistischen Partei beizutreten, zogen sich die Kommunisten in den westlichen Besatzungszonen aus den Spruchkammern zurück und hielten große Versammlungen für die kleinen Nazis, um diesen darzutun, wie schmählich sie von den amerikanischen Behörden behandelt würden. Nach dieser Kehrtwendung der Kommunisten waren nur noch wenige Deutsche daran interessiert, das Entnazifizierungsgesetz in vollem Umfang zur Geltung zu bringen; es hatte nicht nur den Nationalsozialismus mit der Feindschaft gegen den Kommunismus gleichgesetzt, sondern auch Unehrenhaftigkeit belohnt. Die meisten Deutschen betrachteten es lediglich als Methode, Deutschlands Bildungsschicht, die Kapitalisten sowie qualifizierte Verwaltungsbeamte und Techniker auszuschalten.

Inzwischen war die amerikanische Militärregierung gezwungen worden zuzugeben, daß sie mehr geschluckt hatte, als sie verdauen konnte, indem sie versucht hatte, etwa 12 Millionen Menschen den Prozeß zu machen. Es begann ihr auch langsam zu dämmern, daß mit Hilfe der ursprünglich gegebenen Anordnungen ein demokratisches Deutschland niemals geschaffen werden konnte und daß auch eine lebensfähige Wirtschaft in Deutschland niemals wieder entstehen konnte, wenn man jedem, der einmal ein Nazi gewesen war, nur gestattete, als einfacher Handarbeiter sein Leben zu fristen. Die Tatsache, daß das Nazi-Regime darauf bestanden hatte, daß Verwaltungsbeamte, Techniker in wichtigen Stellungen und Leiter von industriellen oder Handelsfirmen der NSDAP beitraten, um ihre Stellungen behalten zu können, machte ein Funktionieren der deutschen Wirtschaft so lange unmöglich, wie allen ehemaligen Nationalsozialisten das Recht auf Arbeit verweigert wurde, es sei denn als Holzfäller oder Wasserträger.

Unfähig oder nicht willens, die Absurdität und Nutzlosigkeit des ursprünglichen Entnazifizierungsgesetzes einzugestehen, versuchte sich die amerikanische Militärregierung dieser mißlichen Lage zu entziehen, indem sie eine ganze Reihe von Amnestien proklamierte. Als erstes kam eine Amnestie für Junge und Arme, es folgte eine Schwerbeschädigtenamnestie für Kriegs- und Zivil-

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verletzte, die zu 50 und mehr Prozent erwerbsunfähig waren. Des weiteren wurde ein Unterschied gemacht zwischen jenen, die der NSDAP im Jahre 1933 oder zuvor beigetreten waren, als deren wahres Wesen noch nicht erkannt wurde — alle diese Menschen wurden für schuldig befunden — und denen, die ihr später beigetreten waren. Diese Menschen wurden für weniger schuldig befunden. Als trotz all ihrer Bemühungen, der peinlichen Situation zu entrinnen, in die sie ihre ersten Anordnungen gebracht hatten, die Militärregierung immer noch mit 3,7 Millionen Naziverbrechern, denen noch kein Prozeß gemacht worden war, zu tun hatte, schrieb sie kurzerhand 1,5 Millionen davon als nominelle Nazis ab. Sie entließ auch die meisten der Männer und Frauen, die jahrelang ohne Prozeß gefangengehalten worden waren und gestattete vielen anderen, die verurteilt worden waren, aber Berufung eingelegt hatten, nach Hause zu gehen. Als schließlich die Militärregierung sich dieser mißlichen Situation vollends entledigen wollte, wurde erklärt, daß die Entnazifizierung nun Angelegenheit der Deutschen sei. Man übte allerdings wieder einen versteckten Druck aus, um sicherzugehen, daß die Entnazifizierungsgesetze gegen die angewendet wurden, die in Nürnberg trotz aller Bemühungen der Anklage freigesprochen worden waren und gegen jene Zeugen, die nicht so hatten aussagen wollen, wie die Anklage dies gewünscht hatte.

Die Militärregierung war ursprünglich der Meinung gewesen, daß die kleinen Leute zuerst entnazifiziert werden sollten; das Endresultat der amerikanischen Versuche, beinahe die Hälfte der Bevölkerung vor Gericht zu ziehen und die spätere Aufgabe dieses Vorhabens hatte zur Folge, daß die weniger Schuldigen, die in den ersten Besatzungsjahren vor Gericht gestellt wurden, sehr harte Strafen hinnehmen mußten. Im Gegensatz dazu kamen weit schwerer Belastete mit leichten Strafen oder sogar Freisprüchen davon, weil ihre Fälle erst viel später von deutschen lokalen Spruchkammern verhandelt wurden. Die Leute, die am wenigsten für Hitlers Verbrechen verantwortlich waren, verloren alles, während die Hauptschuldigen und diejenigen, die zuletzt vor Gericht kamen, nach Zahlung einer kleinen Buße entnazifiziert wurden. Es war Glückssache, wie ein früherer Nationalsozialist eingestuft wurde und welche Strafen verhängt wurden. Wenn Leute, die glaubten, daß der deutsche Name durch die Verhängung harter Strafen gereinigt werden könne, die Spruchkammer leiteten, dann wurden frühere Nazis ganz gehörig verdonnert. Anderswo kamen

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sie mit einer kleinen Geldbuße billig weg oder wurden gar freigesprochen. Das Schicksal eines Mannes hing weitgehend von dem Einfluß ab, den er auszuüben vermochte oder der Örtlichkeit, wo seine Verhandlung anstand.

Zwar waren viele frühere Gauleiter, Gestapochefs und andere führende Nationalsozialisten entlastet oder als Minderbelastete eingestuft worden, doch fand ich, als ich im November 1948 das Gefängnis Langwasser bei Nürnberg besuchte, dort ein bedauernswertes Häuflein von Industriearbeitern, Handwerkern, Bauern und untergeordneten Parteifunktionären. Hier saßen die letzten in Bayern übriggebliebenen Nazis immer noch im Gefängnis und warteten auf ihren Prozeß; manche, die verurteilt waren, aber nicht wie andere hatten heimgehen dürfen, warteten auf das Ergebnis ihrer Berufung.

Von den 240 in Langwasser Internierten waren 70 Handarbeiter, 15 Bauern oder Landarbeiter, 40 einfache Behördenangestellte und 35 Angehörige freier Berufe. Zu diesen Häftlingen gehörten 41 Männer, die niemals der NSDAP angehört hatten und sogar drei frühere Insassen nationalsozialistischer Konzentrationslager. Die Mehrzahl von ihnen saß seit Jahren im Gefängnis, ohne daß ihnen der Prozeß gemacht wurde; viele dieser Männer waren alt oder krank. Sie waren in ihrer Mehrzahl bedauernswerte, vergessene Männer, die kein Geld und keinerlei Einfluß besaßen und alle Hoffnung verloren hatten. Die Ausnahme bildeten Männer, die einmal sehr viel zu sagen gehabt hatten, wie etwa Herr von Papen, der nach seinem Freispruch in Nürnberg von den bayrischen Entnazifizierungsbehörden ins Gefängnis gesteckt wurde, obwohl er gar kein Bayer war, oder Fritzsche aus dem Propagandaministerium, der zwar vom Internationalen Militärtribunal freigesprochen, von einer Spruchkammer aber zu neun Jahren Gefängnis verurteilt worden war.

Die Entnazifizierung hat eine lang anhaltende Verbitterung und ein Mißtrauen in jegliche demokratische Rechtsprechung hinterlassen. Menschen für ihre Meinung oder ihre politische Einstellung und nicht für tatsächlich begangene Verbrechen zu bestrafen, war schon schlimm genug. Noch schlimmer aber war, daß die großen Herren und Säulen des Dritten Reiches straflos ausgingen weil sie Einfluß besaßen, der Militärregierung von Nutzen waren oder weil sie vorgaben, niemals Nazis gewesen zu sein, dafür aber Tausende kleinerer Leute bestraft wurden, weil ihnen zu früh der Prozeß gemacht wurde, weil sie zu ehrlich waren,

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ihre frühere Einstellung zu verleugnen, weil sie sich weigerten, sich den Eroberern zu unterwerfen oder weil sie nicht die Macht hatten, ihre Richter zu beeinflussen.

Fritz Hentzler, der sozialdemokratische Bürgermeister von Dortmund, der sein Leben lang ein Gegner der Nazis gewesen war, erklärte, daß die Entnazifizierung ein fundamentales Unrecht sei und eine der schrecklichsten Sachen, die jemals passiert seien. Er erklärte mir, daß eine der Grundfesten des demokratischen Staates die Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und juristische Erfahrung derjenigen sei, die das Recht anwenden. Dem Mann von der Straße gehe die Fähigkeit ab, als Richter tätig zu sein, und ihn in dieser Eigenschaft in einer Spruchkammer zu beschäftigen, sei eine Nachahmung der volksdemokratischen Rechtsprechung der Kommunisten.

Nach Fritz Hentzler war das britische Entnazifizierungsverfahren schlimmer als das amerikanische. Jeder, der den Briten von Nutzen war, wurde, seinem Bericht zufolge, toleriert; Verrätereien wurden belohnt wie etwa im Fall Diehls, des ersten Chefs von Görings preußischer Gestapo, der als Entlasteter eingestuft wurde, weil er am Schluß die Nazis betrogen hatte, wie er zuvor den preußischen Innenminister in der Weimarer Republik betrogen hatte, dem er vor Hitlers Machtergreifung gedient hatte. In der britischen Zone wurde zu den Vernehmungen der Spruchkammern die Öffentlichkeit nicht zugelassen und die Angeklagten wurden nicht einmal gehört. Ehemalige Nazis, die über gute Verbindungen verfügten oder in der Lage waren, Schwarzmarktwaren zu liefern, konnten sich Entlastungsdokumente verschaffen, die sie den Spruchkammern vorlegen durften. Zu Beginn gab es keinen Öffentlichen Ankläger, der Zeugen laden und die Verurteilung der Schuldigen sicherstellen konnte; auch eine Berufungskammer für die Personen, die wegen ihres Mangels an Einfluß verurteilt worden waren, fehlte.

Nach Meinung anderer Leute war das britische Entnazifizierungsverfahren wesentlich gerechter als das amerikanische. Die Briten holten nur solche Nazis vor die Schranken des Gerichtes, die nach der Rechtsprechung der Zeit vor Hitler oder nach dem angelsächsischen Recht als Verbrecher galten. Mit anderen Worten : sie machten den Leuten den Prozeß nur für die von diesen begangenen Verbrechen, nicht für ihre politische Meinung oder ihre Mitgliedschaft in der NSDAP. Sie setzten nur 25000 Menschen unter Verfolgung und ließen viele davon wieder frei. Fritz

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Hentzler hatte aber wohl recht, wenn er annahm, daß einige prominente Nazis nur deswegen freigelassen wurden, weil sie den Briten von Nutzen waren.

Die Franzosen betrachteten — wie die Russen — die ehemaligen Nazis als ihre verläßlichsten Helfer, weil diese auf Gnade und Ungnade von ihnen abhängig waren; in weit geringerem Maße dürfte dies auch für die Briten zugetroffen haben. Der Punkt, auf den es ankam, war aber wohl, daß das gesamte Entnazifizierungsverfahren Unehrenhaftigkeit, Unterwürfigkeit und Verrat belohnte, ehrenwerte Männer verdammte, die Leute jedoch, die auf beiden Schultern Wasser trugen, die Feiglinge und die Gewitzten ungeschoren ließ, jene Leute, die jetzt ihre wahren Gefühle verbargen und sich auf den Tag vorbereiteten, da sie sich an ihren Besiegern, denen sie nun Knechtsdienste leisteten, rächen konnten.

Damals sagte man in Westdeutschland : "In der britischen Zone entnazifizieren die Nazis und in der amerikanischen Zone die Kommunisten."

Der kommunistische Entnazifizierungsminister in der amerikanischen Zone wurde wegen mangelnder Eignung, neun Monate nachdem er den Posten übernommen hatte, davongejagt. Dies änderte aber nichts an der Tatsache, daß das totalitäre Konzept der Kommunisten die Grundlage für das amerikanische Entnazifizierungsverfahren abgab. Dieses Entnazifizierungsgesetz gründete sich, wie deutsche Juristen deutlich gemacht haben, auf die gleichen Grundsätze wie das Recht der Nazis und Kommunisten. Es bestrafte Menschen für ihre politischen Ansichten und verlangte keine Beweise für eine schuldhafte Handlung; es bestrafte Familien der Angeklagten und verletzte den Grundsatz der richterlichen Unabhängigkeit, indem es dem Entnazifizierungsministerium gestattete, jeden Urteilsspruch zu prüfen und aufzuheben. Es hielt Männer jahrelang im Gefängnis, ohne daß ihnen der Prozeß gemacht wurde und bestrafte sie auch dann noch, wenn sie bereits abgeurteilt und entnazifiziert waren.

Die von der amerikanischen Militärregierung verkündeten Amnestien waren weit davon entfernt, den Mißbrauch abzustellen, der mit dem Entnazifizierungsgesetz getrieben wurde, sondern zeigten vielmehr dessen Willkürcharakter und dessen Ungesetzlichkeit. Bei der Amnestierung von Menschen wegen ihres Alters oder ihres Einkommens kam der Gleichheitsgrundsatz nicht zur Anwendung. Was die Jugendamnestie betraf, so war es absurd, einen Mann schuldig zu sprechen, der als Achtzehnjähri-

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ger mit völlig unausgereiften politischen Ansichten 1933 Parteimitglied wurde, einen jüngeren Mann aber, der 1942 in die Partei eintrat, als unschuldig zu bezeichnen. Auch bei der Amnestie wegen erwiesener Armut wurde das Gleichheitsprinzip nicht angewandt, es sei denn, man machte sich die kommunistische Auffassung zu eigen, daß ein Kapitalist oder ein Mann mit Eigentum und ein Nazi ein und dasselbe seien.

Eine Amnestie vom Alter eines Menschen oder dessen Vermögen abhängig zu machen, hieß das Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz leugnen, das die Grundlage jeglicher demokratischer Rechtsprechung ist. Sowohl in seiner Anwendung als auch in den davon gemachten Ausnahmen verleugnete also das Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus die erste Grundlage jeglicher Freiheit und brachte die gesamte demokratische Rechtsprechung in Verruf. Politisch wie moralisch gesehen hatte dieses Gesetz verheerende Folgen : wer mochte schon seine wahre Meinung frei dartun, wenn er morgen bereits wieder für seine politischen Ansichten verfolgt wurde — entweder von den Kommunisten oder den Demokratien des Westens ?

Dr. Ludwig Hagenauer, der sozialdemokratische Entnazifizierungsminister in Bayern, der den Kommunisten Schmidt ablöste, verwies 1947 auf die schädlichen Folgen des Entnazifizierungsgesetzes, indem er erklärte, daß die Inkriminierung Hunderttausender aus formellen Gründen viele Leute, die zuvor den Nationalsozialismus abgelehnt hatten, in eine gleichgestimmte Gemeinschaft mit den echten Nationalsozialisten brachte, weil ja beide völlig gleich behandelt wurden.

Damals lief ein böses Wort von Mund zu Mund : "Seitdem die demokratische Sonne uns bescheint, werden wir jeden Tag brauner." Bevor jemand braun wird, wird er rot. Es besteht kaum ein Zweifel daran, daß der Einfluß der Kommunisten und der Amerikaner, die bewußt oder aus Dummheit sich deren Theorien zu eigen machten, zur Verleugnung der amerikanischen Grundauffassungen über Politik und Recht in Deutschland führte. Amerikaner saßen nicht nur gemeinsam mit den Vertretern der Sowjettyrannei im Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg und brachten damit das gesamte Verfahren in Verruf, die amerikanische Militärregierung brachte auch Kommunisten und totalitäre Liberale in Stellungen, in denen sie die Demokratie diskreditieren und den Weg für die Eroberung Deutschlands durch die Kommunisten von innen her freimachen konnten.

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Die 1945 erfolgte Bestallung eines Kommunisten zum bayrischen Entnazifizierungsminister ist nur eines von vielen Beispielen für die freundliche Einstellung der Militärregierung zum Kommunismus und dafür, daß sie sich in den ersten Jahren der Besatzung dessen Definition der Demokratie zu eigen machte. Der damals allgemein übliche Brauch, Kommunisten den Deutschen Demokratie beibringen zu lassen, war der einwandfreie Beweis für ein unamerikanisches Verhalten sondergleichen, das half, die Demokratie in den Augen der Deutschen zu diskreditieren und jeden Unterschied zwischen ihr und der totalitären Herrschaft der Nazis zu verwischen.

Der ehemalige politische Nachrichtenoffizier der amerikanischen Militärregierung in Bayern für deren Verbindung mit den Deutschen war ein gewisser Martin, ein früherer DP österreichischer Abstammung und Mitglied der Kommunistischen Partei, dem ein Visum für die Einreise in die USA verweigert wurde. Trotzdem blieb er weiter auf seinem Posten als Vertreter der Militärregierung und lieferte den deutschen Nachrichtenagenturen Material. Martin wurde von der Militärregierung auch auf eine Vortragsreise geschickt, bei der er den Dokumentarfilm Volksgerichtshof zeigte, der von der Hinrichtung der deutschen Widerstandskämpfer berichtete, die im Juli 1944 Hitler zu ermorden versucht hatten. General Telford Taylor, der Martin auf diese Reise schickte, war offensichtlich der Auffassung, daß dieser Film den Deutschen zeigen werde, wie anständig die Nürnberger Prozesse im Vergleich zu der entsetzlichen Behandlung waren, die den Verschwörern gegen Hitler zuteil wurde. Taylor war, wie es schien, zu beschränkt, um zu begreifen, welche Wirkung es haben mußte, wenn ein Kommunist in Deutschland diesen Film zeigte und Kommentare dazu gab. Selbstverständlich reagierten die Deutschen auf diesen Film, indem sie sagten : "Diese deutschen Aristokraten waren doch tapfere Kerle; wie schrecklich ist es, daß wir von Leuten, die mit den Kommunisten sympathisieren, unter dem Schutz der amerikanischen Flagge regiert werden."

Der gleiche Martin war dafür verantwortlich, daß nach dem kommunistischen Staatsstreich in der Tschechoslowakei die tschechische Kurzwellen-Rundfunkstation in Schloß Stein bei Nürnberg, dem ehemaligen Presse-Lager, weiterarbeiten durfte. Während Tausende von Tschechen dem kommunistischen Terror zu entrinnen versuchten, war es einer Radiostation in der amerikanisch besetzten Zone also gestattet, weiter tschechisch-kommu-

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nistische Propaganda zu treiben ! Der Kommunist Martin, in amerikanischer Uniform, mit amerikanischen Transportmitteln und Nachrichtenwegen zu seiner Verfügung, vermochte also unter dem Schutz General Telford Taylors Stalin Hilfsdienste zu leisten und wurde gleichzeitig von dem General dazu verwendet, die deutsche Presse über das zu instruieren, was sie sagen durfte und was nicht.

Ein ehemaliger politischer Nachrichtenoffizier der US-Armee in Deutschland, Blake, bewies in einem im Sommer 1948 in der Zeitschrift Politics erschienenen Artikel, daß nicht die Haltung der Armee, sondern die liberalistische Geisteshaltung die amerikanische Zone Deutschlands reif für den Stalinismus gemacht hat. Dieser Artikel Blakes zeigte bis ins Detail, welch seltsame Kollektion amerikanischer Liberaler, Stalinanhänger und Rußland-zuerst-Leute in der Information Control und der Political Affairs Division der Militärregierung versammelt war, um der US-Armee bei der Umerziehung der Deutschen zu helfen. In der Information Control Division (ICD) fand man bekannte Kommunistenfreunde und Verteidiger der Sowjets und eine prächtige Auswahl ehemaliger Angehöriger des amerikanischen Abwehrdienstes aus dem Kriege, die ähnliche politische Ansichten hatten. Einer von ihnen, Cedric Belfrage, machte deutsche Kommunisten zu Lizenzträgern der damals bedeutendsten deutschen Zeitung in der amerikanischen Zone, der Frankfurter Rundschau. Einige Zeit später wurde einer der von Belfrage Ernannten, Emil Carlebach, der im KZ Buchenwald gewesen war, als Helfershelfer der SS bei der Ermordung von Insassen dieses Lagers entlarvt. Ein anderer der von Belfrage auserwählten Männer, die den Deutschen als Herausgeber der Frankfurter Rundschau Demokratie beibringen sollten, war Wilhelm Gerst, der später sehr aktiv am Aufbau der SED beteiligt war. Der ICD wies die Dienste erprobter antitotalitärer deutscher Liberaler wie der früheren Redakteure der Frankfurter Zeitung zurück und sprang mit diesen so übel um, daß einige von ihnen in die französische Zone gingen und dort die Gegenwart gründeten, die sich zu einer der besten europäischen Zeitschriften entwickelte.

Dr. Joseph Dunner, der früher Nachrichtenchef der amerikanischen Abwehr in Europa, aber trotzdem weder ein Kommunistenfreund noch ein naiver Mann war, berichtete im New Leader vom 8. Juni 1946, daß er als Abwehrbeamter in Deutschland von deutschen Kommunisten aufgesucht wurde, die offensichtlich von

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ihm erwarteten, er werde gleich seinem Kollegen Belfrage seine Pflicht gegenüber Stalin erfüllen. In einer anderen Ausgabe des New Leader (25. Mai 1946) berichtete Dr. Dunner, wie die deutsch-amerikanische Nachrichtenagentur DENA unter die Kontrolle der Kommunisten gebracht wurde : "Nachdem die Kommunisten und ihre Mitläufer sich im Juni 1945 in der hessischen Abteilung der Information Control Division festgesetzt hatten, beorderte Brigadegeneral Robert McClure, der Leiter des ICD, sieben Zivilbeamte der Abwehr sowie zwei Leutnants und vier Mann nach Bad Nauheim . . . wo sie die DENA aufbauen sollten . . . Leiter der Gruppe war ein Leutnant Edel, ein ehemaliger Korrespondent von PM. Blake berichtete in Politics auch, daß der ICD sich den Beistand eines gewissen Dr. Hans Meyer, eines Deutsch-Schweizers sicherte, der den zum Kommunismus tendierenden Schutzverband deutscher Schriftsteller leitete und Blake erklärt hatte, daß er Gott für die Existenz der Sowjetunion danke. Wie nicht anders zu erwarten, erwies sich auch, daß der Hauptlizenzträger der DENA, Dr. Rudolf Agricola, Mitglied der KP seit 1933 war. Der Stalinist Dr. Hans Meyer wurde später Leiter der politischen Redaktion von Radio Frankfurt, doch nach Blake "fand sogar der ICD, daß Meyers Beschuldigungen gegen Churchill und andere Leute, sie seien Kriegstreiber, schwerlich hinzunehmen" seien. Sogar die Militärregierung begriff langsam, daß ein kommunistischer politischer Kommentator, der dreimal in der Woche über einen der wichtigsten westdeutschen Sender sprechen konnte, nicht eben der beste Propagandist demokratischen Wesens war, den sich die USA wählen konnten. Aus diesem Grund erhielt Dr. Meyer in den ersten Monaten des Jahres 1948 die Erlaubnis zum Rücktritt. Auch der Sender München wurde der Leitung eines Kommunisten unterstellt : der von Herrn Bentschen.

Heute, ein offizielles amerikanisches Nachrichtenmagazin in deutscher Sprache, wurde einem Captain Heinz Norden anvertraut, der ein fanatischer Deutschenhasser und Mitglied kommunistenfreundlicher Organisationen wie etwa der Amerikanischen Liga gegen Krieg und Faschismus und des Amerikanischen Jugendkongresses war. Norden räumte selbstverständlich den Artikeln Ilja Ehrenburgs und phantasievollen Berichten über das glückliche Leben der Deutschen und Polen in der Sowjetzone in Heute einen breiten Raum ein.

Immerhin hat sich in den darauffolgenden Jahren hier vieles und ganz beträchtlich geändert; die Kommunisten verloren bald

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den Einfluß, den sie bis dahin im ICD und anderen Abteilungen der Militärregierung ausgeübt hatten. Das Unheil, das sie angerichtet haben, hat sie aber bedauerlicherweise überlebt. Viele Deutsche glaubten nicht mehr so recht an die amerikanische Demokratie, nachdem die amerikanische Militärregierung sie gezwungen hatte, so lange die Propaganda der Kommunisten zu schlucken. Die Deutschen konnten nicht vergessen, daß während der ersten Besatzungsjahre der ICD jede Kritik an der Sowjetunion oder ihren Satelliten in den amerikanisch lizensierten Zeitungen, Zeitschriften und Sendern verboten hatte. Der Bann, den die Amerikaner über die für die Sowjetunion und ihre Satelliten nachteiligen Berichte verhängt hatten, erstreckte sich auch auf Themen wie das der grausamen Austreibung von Frauen und Kindern aus Schlesien, die Rüstungsproduktion der Sowjetrussen in der Sowjetzone und die Zusammenarbeit früherer Nazis und Generalstabsoffiziere mit der Roten Armee. Die Anweisungen der Militärregierung schützten nicht nur die Sowjetunion vor einer ihr schädlichen Kritik, sie verhinderten auch, daß über ihre gegen den Westen gerichtete Politik in den deutschen Zeitungen berichtet wurde. Mit dem, was sie taten, wie mit dem, was sie nicht taten, haben die Vertreter des amerikanischen Volkes in Deutschland sowohl die Demokratie des Westens diskreditiert als auch den Glauben in unsere Integrität zerstört.

Die Militärregierung beschränkte sich in ihrer unamerikanischen Haltung nicht darauf, die Kommunisten unbeschränkt Propaganda treiben zu lassen, sie bestand auch darauf, daß deutsche Kommunisten in Staats- und Stadtverwaltungen aufgenommen wurden. In ihrem Eifer, eine Volksdemokratie ins Leben zu rufen, forderte sie Koalitionsregierungen und zwang die Deutschen, Kommunisten in die Verwaltung der Länder Bayern und Hessen hineinzunehmen. In München war zum Beispiel noch im April 1948 eine Kommunistin Leiterin des Wirtschaftsamtes, die selbstverständlich die Produktion sabotierte, statt sie zu erhöhen und damit die Lebensbedingungen zu verbessern. Erst 1947 wurde den Deutschen gestattet, sich dieser Kommunisten zu entledigen, doch noch im Sommer 1948 waren Kommunisten in Arbeits-, Ernährungs- und Gesundheitsämtern der Berliner Bezirke Zehlendorf, Steglitz, Schöneberg, Tempelhof und Neukölln —also in den Westsektoren der Stadt — beschäftigt.

In München befragte ich Hermann Jordan, einen intelligenten und gutunterrichteten jungen Mathematik-Dozenten an der Uni-

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versität nach dem Ausmaß des Einflusses der Kommunisten in Bayern. Jordans Antwort war ein recht aufschlußreicher Kommentar zu der früher bekundeten unamerikanischen Handlungsweise der Militärregierung. Er sagte : "In den ersten Tagen der Besatzung übten die Kommunisten einen sehr großen Einfluß aus, weil sie in den westlichen Zonen in den Schlüsselpositionen saßen, weil sie hervorragend organisiert und zuvor in der Sowjetunion sehr gründlich ausgebildet worden waren, bevor sie von der Militärregierung in ihre Ämter gebracht wurden. Jetzt ist das anders geworden. Seitdem Amerika die Kommunistische Partei nicht mehr unterstützt, ist diese in den westlichen Besatzungszonen kein politischer Faktor mehr." Jordan war Halbjude und entging deswegen dem Militärdienst; er war zum Leiter der Organisation gewählt worden, die den Studenten der Universität, die sich fast alle während des Studiums ihren Unterhalt selbst verdienen mußten und von denen die meisten Kriegsversehrte waren, Arbeit verschaffen sollte. Auf Veranlassung Jordans wurde ich zu einer großen Studentenversammlung eingeladen, in der der bayrische Ministerpräsident Dr. Hans Ehard sprach. Er bemühte sich, die Studenten davon zu überzeugen, daß sie jetzt, da man hoffen konnte, daß ein westdeutscher Staat gebildet wurde, nicht an der Demokratie verzweifeln durften. Den stärksten Beifall erhielt er aber, als er erklärte : "Wenn man jetzt die Worte Demokratie oder demokratisch erwähnt, vor allem vor jugendlichen Zuhörern, dann schlägt einem im Deutschland dieser Tage eine Welle des Mißtrauens entgegen." Ehard erklärte weiter, dies bedeute keineswegs, daß die demokratische Idee schon im Ansatz als schlecht erachtet werde oder daß die Jahre der Diktatur die Deutschen der Freiheit so entwöhnt hätten, daß sie sich den Prinzipien der Demokratie verschlössen. Ehard meinte : "Die Erklärung dafür liegt auf einem anderen Gebiet. Unsere Zweifel entstammen dem Widerspruch zwischen den demokratischen Illusionen und den tatsächlichen Machtverhältnissen in der Welt unserer Tage."

Als ich die Fragen vernahm, die die Studenten Dr. Ehard stellten, und als ich später mit einigen von ihnen sprach, begann ich langsam die Haltung dieser deutschen Jugend zu begreifen. Die meisten dieser jungen Leute hielten sich von der Politik fern und hatten weder Respekt noch Zutrauen in eine der Parteien. Veteranen der Schlachtfelder ganz Europas, in der Gedankenwelt der Nationalsozialisten erzogen, die Deutschland in eine zerschmet-

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ternde Niederlage geführt hatte und jetzt auch ohne alle Illusionen über die Demokratie, glaubten sie aber auch nicht an den Kommunismus. Einige berichteten mir allerdings, daß sie 1945 Neigung für den Kommunismus bekundet oder zumindest geglaubt hätten, daß eine Zusammenarbeit mit ihm möglich oder wünschenswert sei. Sie hatten ein oder zwei Jahre gebraucht, um den Unterschied zwischen kommunistischer Theorie und Praxis zu verstehen, wie sie anfangs auch die Kluft nicht sahen, die zwischen den Lippenbekenntnissen der Westmächte und deren Taten lag. Überdies fiel zu Beginn der Besatzungszeit die Unterscheidung zwischen Demokratie und Kommunismus schwer, weil die Amerikaner beide Begriffe gleichgesetzt und in ihrer Zone vielen Kommunisten Gewalt über die Deutschen gegeben hatten.

Als ich fragte, ob ihrer Meinung nach noch viele junge Deutsche im Grunde ihres Herzens Nationalsozialisten seien, erwiderte Jordan : "Die Rückkehr zu den Ideen der Nationalsozialisten ist vor allem die Folge der Entnazifizierung." Wie konnte das auch anders sein, wenn der einzige Unterschied zwischen demokratischer und totalitärer Justiz der war, der zwischen den für eine Kollektivbestrafung ausersehenen Bevölkerungsgruppen gemacht wurde ? Die amerikanische Auffassung, daß die Mitläufer der NSDAP harmlose Leute seien, daß deren frühere überzeugte Anhänger aber für den Rest ihres Lebens bestraft werden müßten, erwies sich als ebenso unrealistisch wie schädlich für die Sache der Demokratie in Deutschland. Charaktervolle und intelligente Männer konnte man davon überzeugen, daß sie einem Irrglauben gehuldigt hatten und man konnte sie zu unserer Denkart bekehren, die Masse aber, die stets dem Erfolg nachläuft, war auch imstande, heute den Kommunisten nachzurennen, wie sie gestern Hitler nachgerannt war.

Nach Deutschlands Niederlage haben sich tatsächlich viele kleine Nazis der Kommunistischen Partei angeschlossen. Alles, was dazu vonnöten war, so erzählte mir ein ehemaliger Nazi in Berlin, war, das Hakenkreuz aus der Roten Fahne herauszunehmen. Auf der anderen Seite waren die Nationalsozialisten, die Hitlers Politik kritisierten und sich ihr unter Gefahr für ihr Leben widersetzten, genau der Typ, der sich weigerte, vor der Macht der Militärregierung zu Kreuz zu kriechen und sich damit zu entschuldigen, niemals ein echter Nazi gewesen zu sein. Ihre früheren Zweifel an Hitlers Politik führten sie nicht etwa ins Lager der Demokratie, sondern überzeugten sie davon, daß Hitler

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letztlich doch recht gehabt hatte, da ja auch die Demokratien glaubten, daß das Recht lediglich nach dem Willen der Starken gesprochen werde und daß für Schwächlinge nichts zu erhoffen sei.

Viele Nationalsozialisten, die niemals irgendwelche Verbrechen begangen hatten, die aber zu stolz waren, ihre frühere Überzeugung zu verleugnen und die glaubten, daß sie nur als deutsche Patrioten ihre Pflicht getan hatten, wurden in diesen Jahren wie Parias behandelt; diejenigen aber, die Wasser auf zwei Schultern trugen, die Lügner, die Egoisten und Menschen ohne Prinzipien, die der NSDAP wegen materieller Vorteile oder einer rascheren Karriere beigetreten waren, wurden entlastet und erhielten von der Militärregierung die Erlaubnis, Ämter zu bekleiden oder ihren früheren Berufen nachzugehen.

Ebenso falsch haben wir die ehemaligen deutschen Offiziere behandelt. Kein früherer Wehrmachtsoffizier über dem Rang eines Hauptmannes erhielt die Erlaubnis, einen Posten in einer Staats- oder Kommunalverwaltung zu übernehmen und an Universitäten und in freien Berufen tätig zu sein. Allen Offizieren wurde die Zahlung ihrer Pension verweigert, auch wenn sie so alt waren, daß sie in keinem der beiden Weltkriege mehr mitgekämpft hatten. Auf Weisung der amerikanischen Militärregierung wurde den Witwen und Waisen derjenigen Offiziere, die im Kampf für ihr Land gefallen waren, die Pension entzogen. Kein Sieger hat jemals seinen besiegten Feind weniger ritterlich und unmenschlicher behandelt als die Vereinigten Staaten die Offiziere der besiegten deutschen Armee.

Als Feldmarschall von Leeb an General Clay schrieb und diesen bat, daß den deutschen Ländern gestattet werden möge, den Witwen und Waisen der im Kampf gefallenen deutschen Offiziere eine kleine Pension zu zahlen, würdigte General Clay den alten Marschall, der nicht für sich, sondern für die Hinterbliebenen der Gefallenen gebeten hatte, keiner Antwort. Stattdessen ging am 18. März 1947 ein von einem amerikanischen Oberstleutnant unterzeichneter kurzer Brief an ihn ab, in dem stand : "Im August 1946 hat der Alliierte Kontrollrat das Gesetz Nr. 34 erlassen, das sämtliche Gesetze und Verordnungen aufhob, die früheren Militärpersonen oder deren Hinterbliebenen Sonderrechte und besondere Vergünstigungen einräumten. Das Ziel der obenerwähnten Anordnung war, den Militarismus sowie das Prestige und die Sonderstellung der deutschen Militärkaste zu

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bekämpfen." So wie einst Stalin die Kinder der Kulaken und anderer Kapitalisten zum Hungertod verurteilt hatte, so verurteilte nun die amerikanische Militärregierung die Kinder der erschlagenen Feinde dazu, Bettler zu werden. Das Seltsame daran war, daß die Militärregierung tatsächlich gedacht zu haben scheint, sie könnte den Militarismus in Deutschland dadurch ausrotten, daß sie die Familien derjenigen, die im Kampf für ihr Land fielen, zu Märtyrern machte.

Einige der Frauen und Kinder Gefallener vermochten sich mit Hilfe ihrer Ersparnisse bis zur Währungsreform über Wasser zu halten, doch diese nahm ihnen dann den letzten Rückhalt und überantwortete sie mit den Offizieren, die zwar den Krieg überlebt hatten, denen aber verboten worden war, sich ihren Lebensunterhalt zu erarbeiten, dem Elend.

Als die ehemaligen Wehrmachtsoffiziere in Hessen im Herbst 1948 eine Wirtschaftsvereinigung früherer Wehrmachtsangehöriger zur Sicherung ihrer Pensionen und bürgerlichen Rechte gründen wollten, wurde dies von der amerikanischen Militärregierung verboten. Zur gleichen Zeit aber boten die Russen jedem ehemaligen Wehrmachtsoffizier, der bereit war, sich ihnen im Kampf gegen uns anzuschließen, gute Bezahlung und Sonderrechte.

So groß ihre Feindschaft gegen den Kommunismus und früher gegen den Nationalsozialismus auch war, diese deutschen Offiziere erinnerten sich jetzt daran, daß Preußen nach seiner Niederlage und seiner Demütigung durch Napoleon durch ein Bündnis mit Rußland die Freiheit zurückgegeben wurde, ein Bündnis, das Frankreichs Macht zerbrach. Deutschlands jetzige Situation war dieser so ähnlich, daß die Propaganda der Russen einen Widerhall finden konnte — trotz der Furcht der Deutschen vor dem Kommunismus und der schrecklichen Lage der von den Russen in der Sowjetzone geknechteten Deutschen. Der Umstand, daß ehemalige deutsche Offiziere ebenso wie frühere hochgestellte Nazis von der Sowjetregierung wesentlich besser behandelt wurden als einfache Deutsche, war aber nicht imstande, die Abneigung der ehemaligen Offiziere gegen den Kommunismus zu überwinden.

Die Weigerung der Westmächte, den Deutschen das Recht zur eigenen Verteidigung zuzugestehen, gepaart mit unserer Weigerung, selbst diese Verteidigung zu garantieren, und die Tatsache, daß einzig und allein Rußland Deutschland dessen verlorene Provinzen zurückgeben konnte, spielten den Russen in die Hände.

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