Das Rudolf Gutachten auf http://www.vho.org/D/rga/rga.html


1.6. Das Entwässerungssystem in Birkenau


Birkenau liegt in unmittelbarer Nähe der Mündung der Sola in die Weichsel. Es ist ein sumpfiges Gebiet mit einem Grundwasserspiegel direkt unter der Erdoberfläche. Wenige hundert Meter entfernt vom Lager läuft man selbst im Hochsommer durch sumpfige Feuchtwiesen.
Das von den Deutschen angelegte Entwässerungssystem des Lagers Birkenau umfaßt eine Vielzahl von Abzugsgräben[104]. Es funktioniert bis zum heutigen Tage. Der Grundwasserspiegel wird dadurch auf 60 bis 70 cm unter der Oberfläche abgesenkt, ersichtlich zum Beispiel aus der Abbildung 28. Das Foto zeigt einen Baugraben vor der Front der im Westen des Lagers gelegenen Zentralsauna vom 15.8.1991, während einer langen Trockenperiode.

Abbildung 28: Damals wie heute unveränderter Grundwasserstand im Lager Birkenau, hier im Hochsommer 1991, in einem Baugraben vor der Zentralsauna: Etwa 70 cm. Leichenverbrennungen in mehrere Meter tiefen Gruben, den Zeugenaussagen entsprechend, waren nicht möglich.

Auch der Wasserstand des bekannten kleinen Tümpels in der Nähe des Krematoriums IV, der genauso schon damals existiert haben soll, beweist den unveränderten Wasserstand damals wie heute. Die unterirdische Lage der Leichenkeller der Krematorien II und III wie einiger Gebäudeteile der Zentralsauna war somit nur möglich durch die Anbringung der wassersperrenden Teerzwischenschicht. Hätte das Entwässerungssystem den Wasserstand viele Meter tief abgesenkt, so wäre der Tümpel neben dem Krematorium IV entgegen vieler Zeugenaussagen trocken gelegt worden. Weiterhin wäre dann eine Isolation der Kellerwände der Krematorien II und III sowie der Zentralsauna im ausgeführten Maße nicht nötig gewesen. Da die Entwässerungsgräben im Lager nur 1 bis 1,5 m tief sind, können sie den Wasserstand unmöglich unter 1 m abgesenkt haben. Dieser Maximalwert wiederum kann nur in unmittelbarer Nähe zu den Gräben erreicht werden. Die großen Leichenverbrennungsgruben bei den Bauernhäusern außerhalb des Lagers jedoch sollen in einem Gebiet gelegen haben, das nie in das Bewässerungssystem des Lagers einbezogen war, somit also einen Grundwasserstand wenige Dezimeter unter der Oberfläche gehabt haben muß. Dieser Befund verdeutlicht, daß das bezeugte Verbrennen von Leichen in mehrere Meter tiefen Gruben unter solchen Bedingungen unmöglich war, da diese Gruben mit der Zeit mit Grundwasser vollgelaufen wären. Diese Feststellungen werden inzwischen voll von einem bautechnischen Gutachten gestützt[105].
Außerdem käme kein intelligenter Mensch auf die Idee, Menschen in mit Frischluft nur schlecht zu versorgenden Gruben zu verbrennen. Das erste, was die SS-Männer bei ihrer paramilitärischen Ausbildung gelernt haben werden, ist, daß man ein Feuer dadurch klein und sparsam betreiben kann, daß man es in einer Grube entfacht (auch zur Tarnung wegen des Lichtscheins wichtig, siehe Grundausbildung bei der Bundeswehr). Das bedeutet aber: Wegen der schlechten Sauerstoffversorgung geht die Verbrennung nur langsam und unvollständig vor sich, da die Temperatur des Feuers relativ niedrig ist. Jeder halbwegs praktisch denkende Mensch, den man nach der Art befragt, wie man Leichen im Freien verbrennt, würde sofort antworten: auf einem Scheiterhaufen, also genauso, wie seit Jahrtausenden praktiziert. Der technische Grund dafür ist recht einfach: Das, was u.a. in Dresden beim Terrorangriff am 13./14.2.1945 der Feuersturm bewirkt hat, wird im Kleinen bei jedem Scheiterhaufen bewirkt: Die nach oben lodernden Flammgase erzeugen von unten einen intensiven Luftzug in die Glut, was die Brenntemperatur enorm steigert (siehe auch das Gebläse in der Esse des Schmiedes). Genau dies ist bei Verbrennungen in tiefen Gruben nicht möglich.
Es ist bekannt, daß in Birkenau die während der Typhus-Epidemie des Sommers 1942 angefallenen Leichen zuerst in Massengräbern begraben wurden. Wegen der Gefahr der Grundwasserverseuchung mußten sie jedoch im Frühjahr 1943 wieder exhumiert werden. Da zu dieser Zeit die neuen Kremierungsanlagen noch nicht funktionstüchtig waren, ist es möglich, daß zumindest ein Teil der Leichen auf Scheiterhaufen verbrannt wurde. Zu diesem Zweck nimmt man in der Regel die Grasnarbe und die oberste Schicht des Mutterbodens ab, um diese vor Schaden zu bewahren und um die Asche des Holzes und der Leichen aufzunehmen. Man gräbt zu diesem Zwecke aber keine viele Meter tiefen Löcher.
In der Tat kann man bei Grabungen westlich des Lagers Birkenau in einigen Dezimeter Tiefe Asche und Knochensplitter zutage fördern, intensiv vermischt mit allem möglichen Unrat (Glas- und Porzellanscherben, Schlacke, Eisenteile usw.). Wahrscheinlich diente dieser Platz dem Lager unter deutscher und/ oder nach dem Krieg unter polnischer Verwaltung als Müllhalde.
Mittlerweile haben zwei Studien über die von den Alliierten angefertigten Luftbilder ergeben, daß zu keinem Zeitpunkt während der Aufnahmen im Sommer und Herbst 1944 auf dem Gebiet des Lagers oder um es herum große Verbrennungsgruben und die dafür notwendigen Brennstofflager, geschweige denn Flammen- und Rauchentwicklung zu erkennen sind, wie sie vielfach bezeugt sind[80,99].


Anmerkungen

  1. J.-C. Pressac, Auschwitz: Technique…, aaO. (Anm. 28), S. 209, Vorflutplan KGL Birkenau.
  2. M. Gärtner und W. Rademacher, »Grundwasser im Gelände des KGL Birkenau (Auschwitz)«, Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung, 1998, 2(1), S. 2-12.


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