Das Rudolf Gutachten auf http://www.vho.org/D/rga/rga.html

3. Verfahrensweise der HCN-Begasungen

3.1. Toxikologische Wirkung von HCN


Der biochemische Wirkungsmechanismus von Blausäure beruht auf der reversiblen Anlagerung des Cyanids an das Fe3+ des Atmungsenzyms Cytochromoxidase in den Zellen des Körpers. Dadurch wird die Sauerstoffzufuhr der Zelle unterbrochen, wodurch die für die Zelle lebenswichtigen Oxidationsprozesse unterbunden werden. Der Mensch erstickt quasi durch die Erstickung der lebenswichtigen Zellfunktionen.
Die Aufnahme von Cyanid kann sowohl oral, durch Atmung als auch durch die Haut in tödlichen Dosen erfolgen. Orale Vergiftungen mit hohen Konzentrationen (z.B. durch Zyankali, KCN) sind durch Erstickungskrämpfe der Muskulatur sehr schmerzhaft. Obwohl das Opfer bei Inhalation hoher Blausäurekonzentrationen schneller in Ohnmacht fällt als bei oraler Aufnahme, treten auch hier schmerzhafte Erstickungskrämpfe auf. Aus diesem Grunde ist die Anwendung von Blausäuregas-Exekutionen zur Vollstreckung der Todesstrafe, wie sei in einigen Staaten der USA bisher angewendet wurde, inzwischen äußerst umstritten[175
]. Tödlich gilt allgemein eine Dosis von 1 mg CN- pro kg Körpergewicht. Nicht tödliche Mengen an Cyanid werden im Körper durch Bindung an Schwefel (zum Rhodanid) rasch unschädlich gemacht und ausgeschieden. Als Leichenbefund gilt allgemein u.a. die hellrote Färbung des Blutes wie der Totenflecken, bedingt durch die Sauerstoffübersättigung des Blutes, das den Sauerstoff nicht mehr an die Zellen abgeben kann[176,177,178,179]. Bezeugungen von qualvollen Todeskämpfen bei rasch verlaufenden Hinrichtungen und blau angelaufenen Opfern können somit nicht der Wirklichkeit entsprechen.
Die Aufnahme über die Haut wird besonders gefördert, wenn die Haut z.B. durch Arbeit feucht geschwitzt ist. Allgemein rät man, bei Umgang mit Blausäure darauf zu achten, daß man nicht schwitzt. Hier werden Konzentrationen ab 6000 ppm (0,6 Vol.%) gesundheitsschädlich, bei 10000 ppm (1 Vol.%) kann nach wenigen Minuten ernste Lebensgefahr bestehen[180
]. (ppm steht für englisch 'parts per million', Teilezahl pro Million Bezugsteile; hier entspricht ein ppm HCN 1 ml HCN pro m3 (1000000 ml) Luft.)

Die Wirkungen verschiedener Blausäurekonzentrationen in der Luft werden in der Literatur wie folgt beschrieben[105]:

2 bis 5 ppm

merklicher Geruch

10 ppm

maximal zulässige Arbeitsplatzkonzentration (MAK)

20 bis 40 ppm

leichte Symptome nach einigen Stunden

45 bis 54 ppm

tolerierbar für ½ bis 1 Stunde ohne signifikante unmittelbare oder verzögerte Effekte

100 bis 200 ppm

tödlich innerhalb ½ bis 1 Stunde

300 ppm

schnell tödlich


F. Flury und F. Zernik geben an, 200 ppm seien innerhalb 5 bis 10 Minuten, 270 ppm seien sofort tödlich[180]. Naturgemäß handelt es sich hier nicht um die Ergebnisse von Versuchen am Menschen, sondern um Hochrechnungen, bei denen aus Sicherheitsgründen die untere Risikoschwelle angesetzt wurde. Nachfolgend soll dies nachvollzogen werden. Zur Tötung eines beleibten Menschen mit 100 kg Körpermasse muß dieser ca. 100 mg Blausäure aufnehmen (1 mg pro kg Körpergewicht). Die Ruheatmung eines Menschen beträgt etwa 15 Liter Luft pro Minute[181]. Bei einem Blausäuregehalt von 0,02% (ca. 0,24 mg pro Liter) muß das Opfer etwa 416 Liter einatmen, bevor es die tödliche Menge an Blausäure aufgenommen hat. Bei 15 Litern pro Minute dauert dies eine knappe halbe Stunde. Wenn es sich um eine robuste Natur handelt, kann er selbst diesen Zeitraum noch überleben. Setzt man dagegen einen empfindlichen Menschen von 50 kg Körpergewicht an, der durch körperliche Anstrengung oder Aufregung eine beschleunigte Atmung von 40 Litern pro Minute hat, so hat er seine tödlichen 208 Liter Luft innerhalb von 5 Minuten eingeatmet. Man erkennt aus diesen Rechenbeispielen, daß die Angaben in Sicherheitsanweisungen immer darauf ausgerichtet sind, auch die kleinsten und schwächsten Menschen unter den ungünstigsten Umständen vor Schäden zu bewahren. Die in dieser Literatur gemachten Angaben »sofort« und »schnell tödlich« sind außerdem so unbestimmt, daß sie uns nicht befriedigen können.
Ganz anders sehen unsere Grenzwerte aus, wenn wir fordern, daß auch der robusteste unter den vorstellbaren Opfern nach wenigen Minuten tot sein muß. (Unter Toxikologen bekannt als letale Dosis für 100% alle Opfer, LD100.)
Die dafür nötige Konzentration liegt naturgemäß um ein Vielfaches über den oben angegebenen Werten. Sie wäre nur durch Reihenuntersuchungen festzustellen, was sich naturgemäß beim Menschen verbietet. Die einzigen uns hier zur Verfügung stehenden Daten sind einerseits jene, die bei den in den USA stattfindenden Exekutionen mit Blausäure gesammelt wurden. Leuchter berichtet von den in den USA bei Exekutionen angewandten Blausäurekonzentrationen in der Größenordnung von 3200 ppm. Dabei tritt der Tod je nach Konstitution des Opfers nach 4 bis 10 Minuten ein[182
]. Presseberichten aus den USA ist zu entnehmen, daß Hinrichtungszeiten von 10 bis 17 Minuten eher die Regel als die Ausnahme sind[183,184,185,186].
Bezüglich der Anwendungsmenge wird z.B. über die Gaskammer von Raleigh (North Carolina) berichtet, daß dort 454 g KCN in halbkonzentrierte Schwefelsäure gegeben wird, was zu einer schlagartigen Gasbildung führe, die für einen kurzen Augenblick sogar für die Zeugen im Zuschauerraum sichtbar sei und das Opfer in sekundenschnelle erreiche[183
]. Rein rechnerisch entwickeln sich dabei etwa 180 g Blausäure, was 150 Litern Gas entspricht. Da allerdings ein erheblicher Teil davon in der halbkonzentrierten Schwefelsäure gelöst bleiben dürfte (etwa 50%, vgl. Abschnitt 4.3.3.4.), gehen wir nachfolgend von etwa 90 g bzw. 75 Litern freigesetzter Blausäure aus. Diese entstehen in North Carolinas Gaskammer unmittelbar unter dem Opfer, so daß das Opfer wenige Sekunden nach Beginn der Exekution Konzentrationen ausgesetzt sein dürfte, die kurzzeitig wahrscheinlich sogar über 10 Vol.-% liegen dürften, dann aber durch die Verteilung der Blausäure in der Kammer stetig abfallen. (Bei einem angenommenen Kammervolumen von 10 m³ entsprechen 75 Liter HCN 0,75 Vol.-%, also etwas mehr als dem Doppeltem des von Leuchter genannten Endwertes.)

Bei einem normalen Atemvolumen von ca. 15 - 20 Litern pro Minute und bei einer angenommenen mittleren Konzentration während der Exekution von nur 0,75 Vol.-%, sind in 10 Minuten (150-200 l geatmete Luft) etwa 1,35 bis 1,8 Gramm HCN aufgenommen worden, was in etwa der zehn- bis zwanzigfachen Menge der tödlichen Dosis entspricht. Bei nachfolgenden Kalkulationen werden wir nur von einer zehnfachen Überdosis ausgehen, um Menschen innerhalb von 10 Minuten mit Sicherheit zu töten. Da man aus Vergiftungsunfällen weiß, daß auch mit hohen Überdosen Vergiftete erst nach einer erstaunlich langen Phase der Bewußtlosigkeit und des sich anschließenden Atemstillstandes tot sind [187], gehen wir nachfolgend davon aus, daß Menschen, die nach 10 Minuten tot sind, nach 5 Minuten bereits einen Atemstillstand erleiden (vgl. Abschnitt 3.4.2.2.).


Anmerkungen

  1. Newsweek, 8.11.1993, S. 75; The New York Times, 6.10.1994, S. A20.

  2. W. Wirth, C. Gloxhuber, Toxikologie, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1985, S. 159f.

  3. W. Forth, D. Henschler, W. Rummel, Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, Wissenschaftsverlag, Mannheim 1987, S. 751f.

  4. S. Moeschlin, Klinik und Therapie der Vergiftung, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1986, S. 300.

  5. H.-H. Wellhöner, Allgemeine und systematische Pharmakologie und Toxikologie, Springer Verlag, Berlin 1988, S. 445f.

  6. F. Flury, F. Zernik, Schädliche Gase, Dämpfe, Nebel, Rauch- und Staubarten, Berlin 1931, S. 405; vgl. auch M. Daunderer, Klinische Toxikologie, 30. Erg.-Lfg. 10/87, ecomed, Landsberg 1987, S. 4ff.

  7. Robert F. Schmidt, Biomaschine Mensch, Piper, München 1979, S. 124.

  8. F. A. Leuchter, Boston, FAX an H. Herrmann vom 20.4.1992 sowie mündliche Mitteilung von Herrn Leuchter.

  9. Bill Krueger, »Lawson's Final Moments«, The News & Observer, Raleigh (NC), 19.6.1994, S. A1 (17 min.); ebenda, 11.6.1994, S. 14A (Nach Angabe der Gefängniswärter in der Regel 10 - 14 min.).

  10. Stephen Trombley, The Execution Protocol, Crown Publishers, New York 1992, S. 13 (um bzw. mehr als 10 min.).

  11. Amnesty International, Botched Executions, Fact Sheet December 1996, distributed by Amnesty International USA, 322 Eighth Avenue, New York, NY 10001-4808 (gut mehr als 7 Minuten).

  12. C.T. Duffy, 88 Men and 2 Women, Doubleday, New York 1962, S. 101 (13 - 15 min.); C.T. Duffy war fast 12 Jahre lang Direktor des Gefängnis' von San Quentin und hat dort die Hinrichtung von 88 Männern und 2 Frauen angeordnet, darunter viele in der dortigen Gaskammer.

  13. M. Daunderer, aaO. (Anm. 180), S. 15.



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