Das Rudolf Gutachten auf http://www.vho.org/D/rga/rga.html


3.2. Verdampfungscharakteristik von Zyklon B


Blausäure in flüssiger Form ist nicht sehr langzeitresistent und wegen ihrer schlechten Handhabbarkeit sehr gefährlich. Schon am Ende des 1. Weltkrieges brachte man die Blausäure in leichter zu handhabenderer und sichererer Form auf den Markt: Man tränkte poröse Materialien mit Blausäure unter Zusatz eines Stabilisators und eines Reizstoffes, der die Menschen schon bei geringen Konzentrationen vor dem nur schwach riechenden Giftgas warnt, und verpackte dieses Produkt sicher in Blechbüchsen, die nur mit einem speziellen Werkzeug geöffnet werden konnten. Das von der in Frankfurt ansässigen Firma DEGESCH produzierte und lizensierte Präparat »Zyklon B« stellte diese leicht handhabbare Form der Blausäure dar. Es spielte bis zum Ende des 2. Weltkrieges eine außerordentlich wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Insekten und Nagern[188,189,190] in Lebensmittellagern, Großraumtransportmitteln (Züge, Schiffe), öffentlichen Gebäuden, Kasernen, Kriegsgefangenenlagern, Konzentrationslagern[191,192,193] und natürlich allgemein bei der Hygiene und Seuchenbekämpfung[166,194,195,196,197] in vielen Ländern der Erde. Freilich gab es neben Zyklon B noch etliche andere gasförmige Rottizide[198,199]. Auch nach dem Kriege spielte Zyklon B noch eine Zeit lang eine bedeutende Rolle, bevor es vom DDT und dessen Nachfolgern verdrängt wurde[200,201]. Zyklon B gibt bzw. gab es zeitweise mit drei verschiedenen Trägermaterialien: Kieselgur in gekörnter Form, Korndurchmesser kleiner als 1 cm (Diagrieß), einem in körniger oder würfelartiger Form lieferbaren Trägermaterial aus Gips (Erco) oder Pappscheiben aus porösem Fasermaterial (Discoids), ähnlich Bierdeckeln mit Lochung in der Mitte.
Zu Beginn der Entwicklung von Zyklon B bestand das Trägermaterial nur aus Diagrieß [202]. Ende der zwanziger Jahre ließ die DEGESCH durch die Chemisch-Technische Reichsanstalt untersuchen, ob sich das Diagrieß als Trägermaterial durch Gips ablösen ließ[203]. Die Untersuchungen zeigten Vorteile von Gips gegenüber Diagrieß, so daß zu vermuten ist, daß in den nachfolgenden Jahren das Diagrieß Stück für Stück durch gipshaltige Träger ersetzt wurden. Weitere interessante Berichte zu diesem Thema können in den Jahrgängen 1931-1944 der Reichsanstalt vermutete werden, die jedoch in Deutschland nicht zu finden sind. Möglicherweise wurden diese Unterlagen nach dem Kriege in ein alliiertes Archiv verbracht. R. Irmscher von der DEGESCH berichtet in einem Beitrag des Jahres 1942, daß zu jener Zeit die Verwendung von Pappscheiben (Discoids) und Gips (Erco) als Trägermaterial meistüblich war[204]. Der Direktor der DEGESCH Dr. G. Peters berichtete nach Kriegsende, daß das in den Dessauer Zuckerwerken produzierte Zyklon B auf einem stärkehaltigen Gipsträger aufgebracht worden sei[205]. Aus einem anderen Zusammenhang ist ersichtlich, daß später das papierartiger Trägermaterial bevorzugt wurde[206].

Wir gehen daher nachfolgend davon aus, daß in Auschwitz der Jahre 1942 bis 1944 nicht mehr das in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren verwendete Diagrieß-, sondern das zu dieser Zeit bevorzugt verwendete Erco-Produkt eingesetzt wurde[207]. Beim heutigen Produkt, dessen Namen vor einigen Jahren in »Cyanosil®« umgeändert wurde, entfällt ungefähr 60% der Masse des Produktes auf die Trägermasse [208].

Grafik 12: Verdampfungsgeschwindigkeit von Blausäure vom Trägermaterial Erco (Gips mit Stärkeranteil) bei 15°C und feiner Verteilung, nach R. Irmscher/DEGESCH 1942 [204].

Die Verdunstung des Giftgases vom Träger erfolgt je nach Trägermaterial recht unterschiedlich. Mitte der zwanziger Jahre bestand das Trägermaterial von Zyklon B fast komplett aus Kieselgur, das der Patentanmeldung zur Folge die Blausäure innerhalb von zehn Minuten fast ganz abgab [202]. G. Peters gab Anfang der dreißiger Jahre für eine Freisetzung des größten Teils der adsorbierten Blausäure eine halbe Stunde an, bei einer Verteilung des Präparates von 0,5 bis 1 cm Schichtdicke[209], wobei nicht klar ist, aus welchem Material genau der Träger besteht.
Größere Abdampfzeiten als die 1933 von Peters genannten wurden offensichtlich in den Jahren danach erreicht, wahrscheinlich  durch beständige Erhöhung des Gipsanteiles am Trägermaterial zur Erhöhung der Lagerstabilität (und - nebenbei bemerkt - auch zur Preissenkung des Trägermaterials), da das Hydratwasser des Gipses die Blausäure fester bindet als das Diagrieß-Produkt. Für das Erco-Produkt des Jahre 1942 gibt R. Irmscher für 15°C und niedrige Luftfeuchtigkeit eine Verdampfungsgraphik an, die in Grafik 12 wiedergegeben ist. Bei hohen Luftfeuchtigkeiten kann sich diese Verdunstung erheblich verzögern, da die verdunstende Blausäure der Umgebungsluft erhebliche Mengen Wärme entzieht und somit Luftfeuchtigkeit am Träger auskondensiert, die wiederum die Blausäure bindet[204].
Ähnliche, allerdings etwas ungenauere Informationen kann man über heutige Produkte erhalten. Nach Informationen der Linzer Schädlingsbekämpfungsfirma ARED dauert die Abgabe der von ihr verwendeten, auf Pappscheiben adsorbierten Blausäure je nach Temperatur zwischen 1 bis 6 Stunden [210]. Eine andere Information stammt von der Detia Freyberg GmbH, einer Nachfolgegesellschaft der DEGESCH, die bis Kriegsende der Hauptlieferant für Blausäure-Produkte war[208]. Da die Gasfreisetzung von Temperatur und Luftbewegung abhängig ist, gibt die Detia Freyberg GmbH nur eine Faustregel an. Danach gibt der nicht näher spezifizierte Träger bei einer Temperatur von mehr als 20°C und gleichmäßiger Verteilung des Präparates innerhalb von 120 min. 80 bis 90 % der Blausäure ab. Nach 48 Stunden sind im Träger keine oder nur vernachlässigbare Blausäurereste nachzuweisen. Bei niedrigeren Temperaturen soll sich dieser Vorgang entsprechend dem fallenden Dampfdruck von Blausäure verlangsamen. (Bei einer Erniedrigung der Temperatur vom Siedepunkt der Blausäure auf 0°C würde sich die Verdampfungdauer etwa verdreifachen (siehe Grafik 1). Die Abdampfung der Blausäure vom Träger auch bei Minustemperaturen wird durch Adsorbtionseffekte allerdings weniger verzögert als es für freie Blausäure erwartet würde [211].)

Grafik 13: Verdampfungsgeschwindigkeit von Blausäure vom Trägermaterial bei mehr als 20°C und feiner Verteilung des Präparates, nach Detia Freyberg GmbH 1991 [208].

Aus diesen Angaben wurde unter Annahme einer exponentiellen Abnahme der Blausäure im Träger die in Grafik 13 wiedergegebene Charakteristik abgeleitet. Danach ist mit 50% Blausäure-Abgabe nach 40 bis 45 Minuten zu rechnen (120/3 min).

Aus diesen Informationen läßt sich zunächst ableiten, daß sich in den Jahrzehnten seit Erfindung des Zyklon B eine Entwicklung hin zu längeren Abdampfzeiten abzeichnet (1925: 10 min.; 1933: 30 min; 1942: 120 min; 1993: >120 min).

(Eine andere Quelle zur Abdampfgeschwindigkeit von Blausäure stammt von den US-Army Chemical Corps und wurde in der ersten Auflage dieses Gutachtens in Grafik 12 wiedergegeben [212]. Leider wird in der Quelle nichts ausgesagt über die Art des Trägermaterials und die Anhäufung des Präparats bei der Anwendung. Bei einer Raumtemperatur von etwa 26°C, der Siedetemperatur der Blausäure, dauert danach der Vorgang bis zur Abdampfung von 80 bis 90% der Blausäure rund 9 Stunden (!). Zwischen der amerikanischen und den erhältlichen deutschen Quellen liegt also etwa ein Faktor 4. Da die deutschen Entlausungsprozeduren in der Regel im Bereich einiger weniger Stunden liegen (siehe weiter unten), ist der letzten Quelle eher zu trauen, zumal hier auch die Verteilung des Präparates angegeben ist. Ich verzichte daher hier auf die nähere Besprechung dieser etwas suspekten Quelle.)

Diese Verlängerung der Abdampfzeit, einhergehend mit einer stabileren Bindung des Blausäure an den Träger, war abgesehen zur Erreichung langer Lagerzeiten des Zyklon B offenbar auch deshalb erwünscht, da bei Raumbegasungen das Personal, mit Gasmasken ausgestattet, das Präparat in den Räumen verteilen mußte. Da ein Schutzfilter ab einer bestimmten Konzentration unsicher wird (siehe Abschnitt 3.4.2.3.) und auch eine Vergiftung durch die Haut erfolgen kann, ist die langsame Freisetzung des Gases Voraussetzung für den sicheren Rückzug des Personals nach Auslegung des Präparates.
Für spätere Feststellungen gehen wir davon aus, daß bei 15°C und niedriger Luftfeuchtigkeit während der ersten fünf Minuten der Präparatauslegung etwa 10% der Blausäure den in Auschwitz verwendeten Trägerstoff verlassen haben und nach einer halben Stunde etwa 50 %. Bei kühlen Kellerräumen mit naturgemäß hoher Luftfeuchtigkeit würde sich die Verdampfungszeit entsprechend erhöht haben.

Etwas problematisch ist die Frage, wie sich am Boden liegendes Zyklon B in mit Menschen angefüllte Räumlichkeiten verhalten würde. Beschleunigend auf die Abdampfung wirken hier die Abwärme der Körper mit einer wenn auch nur mäßigen Temperaturerhöhung in Bodennähe, eine eventuelle Zerkleinerung der Trägerkörner durch darauftretende bzw. fallende Menschen sowie der damit verbundene direkte Körperkontakt. Stark hemmend auf die Abdampfungen wirken die erhebliche Erhöhung der Luftfeuchtigkeit durch die Körperausdünstungen, besonders in den ohnehin stark feuchten Keller der Krematorien II und III, sowie eventuelle durch Panik entstandene flüssige Ausscheidungen der Opfer am Boden, die bereits bei Torschluß, also vor Zugabe des Zyklon B, auftreten sein können. Es wird nachfolgend davon ausgegangen, daß sich beide Effekte gegenseitig aufheben.

(Wird das Präparat nicht gleichmäßig verteilt, wie in den hier zugrundeliegenden Untersuchungen angenommen wird, sondern gehäuft ausgelegt, so kommt es naturgemäß zu einer Verzögerung der Abdampfung. Dabei sind zwei Effekte zu beachten: Während das Volumen der zu verdampfenden Blausäure in einer Präparateanhäufung mit der 3. Potenz der Größe wächst, wächst die Oberfläche des Haufens, über die die Verdampfung abläuft, nur quadratisch. Damit hat man mit einem zu der Anhäufung proportionalen Wachstum der Verdampfungszeit zu rechnen. Weiterhin wird sich bei größeren Anhäufungen durch den starken lokalen Wärmeentzug die Temperatur in und um das Präparat verstärkt erniedrigen und damit die Verdampfung zusätzlich bremsen. Eine leicht überproportionale Zeitdehnung mit der Größe der Anhäufung des Präparates ist also gegeben.)


Anmerkungen

  1. O. Hecht, »Blausäuredurchgasungen zur Schädlingsbekämpfung«, Die Naturwissenschaften, 1928, 16 (2), S. 17-23.
  2. G. Peters, Blausäure zur Schädlingsbekämpfung, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1933.
  3. G. Peters, W. Ganter, »Zur Frage der Abtötung des Kornkäfers mit Blausäure«, Zeitschrift für angewandte Entomologie, 1935, 21 (4), S. 547-559.
  4. F.E. Haag, Lagerhygiene, Taschenbuch des Truppenarztes, Band VI, F. Lehmanns Verlag, München 1943.
  5. W. Dötzer, »Entkeimung, Entwesung und Entseuchung«, in: J. Mrugowsky (Hg.), Arbeitsanweisungen für Klinik und Laboratorium des Hygiene-Institutes der Waffen-SS, Heft 3, Urban & Schwarzenberg, Berlin 1944.
  6. F. Puntigam, »Die Durchgangslager der Arbeitseinsatzverwaltung als Einrichtungen der Gesundheitsvorsorge«, Gesundheitsingenieur, 1944, 67 (2), S. 47-56.
  7. O. von Schjerning, Handbuch der Ärztlichen Erfahrungen im Weltkrieg 1914/1918, Band VII Hygiene, J. A. Barth Verlag, Leipzig 1922, besonders S. 266ff: Sanierungsanstalten an der Reichsgrenze.
  8. R. Wohlrab, »Flecktyphusbekämpfung im Generalgouvernement«, Münchner Medizinische Wochenschrift, 1942, 89 (22), S. 483-488.
  9. W. Hagen, »Krieg, Hunger und Pestilenz in Warschau 1939-1943«, Gesundheitswesen und Desinfektion, 1973, 65 (8), S. 115-127; ebenda, 1973, 65 (9), S. 129-143.
  10. Neuere Behandlung des Themas: F.P. Berg, »Typhus and the Jews«, J. Hist. Rev., Winter 88/89, 8 (4), S. 433-481.
  11. G. Peters, Die hochwirksamen Gase und Dämpfe in der Schädlingsbekämpfung, F. Enke Verlag, Stuttgart 1942.
  12. DEGESCH, Acht Vorträge aus dem Arbeitsgebiet der DEGESCH, 1942, S. 47; Dokument NI-9098 im Nürnberger Prozeß, Eigenschaftstabelle der von der DEGESCH verwendeten gasförmigen Insektizide/Rottizide.
  13. H. Kruse, Leitfaden für die Ausbildung in der Desinfektion und Schädlingsbekämpfung, Muster-Schmidt, Göttingen 1948.
  14. H. Kliewe, Leitfaden der Entseuchung und Entwesung, F. Enke Verlag, Stuttgart 1951.
  15. Patentschrift Nr. 438818 (D 41941 IV/451, 27.12.1926), dankenswerterweise von C. Mattogno zur Verfügung gestellt. Danach gab damals das Präparat innerhalb von 10 Minuten praktisch alle Blausäure ab.
  16. Jahresbericht VIII der Chemisch-Technischen Reichsanstalt, Verlag Chemie, Berlin 1930, S. 77f.
  17. R. Irmscher, »Nochmals: "Die Einsatzfähigkeit der Blausäure bei tiefen Temperaturen"«, Zeitschrift für hygienische Zoologie und Schädlingsbekämpfung, 1942, S. 36.
  18. F.I.A.T. Final report, Fumigants distributed by DEGESCH, A.G., Weissfrauenstrasse 9, Frankfurt, British Intelligence Objectives Sub-Committee, Her Majesty Stationery Office, London 1.10.1945, S. 1.
  19. B.I.O.S. Final report, The storage of grain in Germany with special reference to the control of insect pests, British Intelligence Objectives Sub-Committee, Her Majesty Stationery Office, London Oct.-Nov. 1945, S. 30.
  20. Siehe Abbildungen in J.-C. Pressac, Auschwitz: Technique… aaO. (Anm. 28), S. 17, F.A. Leuchter (Anm. 4), S. 148, jeweils aus Produktinformationen der DEGESCH (Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung); vgl. auch G. Peters, aaO. (Anm. 189), S. 80; Anzeiger für Schädlingskunde, 13 (1937), S. 36; während die Discoid-Form als solche auf dem Etikett ausgewiesen war, ist auf diesen Abbildungen nicht ersichtlich, ob auch die Erco- und Diagrieß-Form als solche ausgewiesen waren. Bezüglich einer Zyklon B-Dose aus den Werken Kolin vgl. J. Borkin, The Crime and Punishment of I.G. Farben, The Free Press, New York 1978, S. 114.
  21. A. Moog, W. Kapp, Schreiben der Detia Freyberg GmbH an den Autor, Laudenbach 11.9.1991. Nach Aussage der Herren der Firma Detia Freyberg führt diese Gesellschaft die Geschäfte der DEGESCH fort, die nach dem Krieg in amerikanischen Besitz gelangte. Zum Massenanteil des Trägers am Gesamtprodukt: Ferngespräch mit W. Kapp vom 10.1.1992. Leider sind alle physikalische Angaben der Hersteller zum Produkt Zyklon B/Cyanosil merkwürdig unscharf.
  22. G. Peters, aaO. (Anm. 189), S. 64f.
  23. Schreiben der ARED GmbH an den Autor, Linz, Az. 1991-12-30/Mag.AS-hj.
  24. G. Peters, W. Rasch, »Die Einsatzfähigkeit der Blausäure-Durchgasung bei tiefen Temperaturen«, Zeitschrift für hygienische Zoologie und Schädlingsbekämpfung, 1941, S. 133f.
  25. S. Pinter, Mauthausen-Bericht, Beilage 3/US-Army Chemical Corps, 5.8.48.


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