1. Vorspiel

1.1. Der langsame Tod in den US-Gaskammern

Am 15. Juni 1994 spielten sich in North Carolina (USA) dramatische Szenen während der Vollstreckung einer Todesstrafe ab. Der zum Tode verurteilte Kapitalverbrecher David Lawson sollte in einer Blausäuregaskammer des Gefängnisses von Raleigh getötet werden: Der Delinquent weigerte sich jedoch, seinen Henkern zu helfen.[1] Lawson hielt einfach wiederholt den Atem so lange wie möglich an und nahm zwischendurch nur kurze Atemzüge.[2] Er demonstrierte eine ungeheure Willenskraft, brachte er es doch fertig, während seiner Hinrichtung seinen Henkern und den Zeugen immer wieder zuzurufen:

Abbildung 1: Schemadarstellung über US-Gaskammer-Exekutionen im Staat North Carolina:[4] (Zum Vergrößern anklicken.)

Wie es funktioniert: Augenblicke, nachdem der Schlüssel umgedreht wurde, öffnet sich eine Falltüre unter der Sitzfläche. Ein Giftbehälter fällt in einen Säurebehälter. Ein Pfund Kaliumcyanid, verpackt in einer Strumpfhose; 26 Unzen (ca. 3/4 Liter) Wasser und 12,6 Unzen (etwa 350 g) konzentrierte Schwefelsäure; die entstehenden Dämpfe werden für wenige Sekunden sichtbar sein. Die Gefängnisbeamten sagen, daß Lawson innerhalb von 10 bis 14 Minuten tot sein wird. Nachdem Lawsons Herz fünf Minuten stillstand, gibt der Wärter das Zeichen, um die Kammer zu entgiften. Ammoniak, das das Gift unschädlich macht, wird 15 Minuten lang in den Raum eingeblasen. Die Gefängniswärter werden den Raum erst 30 Minuten danach betreten, und selbst dann werden sie Atemgeräte tragen.

»Ich bin ein Mensch!«

Anfangs waren seine Rufe deutlich hörbar, doch als die Minuten verstrichen, wurde er immer weniger verständlich, und schließlich zehn Minuten nach Beginn der Hinrichtung atmete er nicht mehr. Erst nach 18 Minuten wurde er für tot erklärt. Die Hinrichtungszeugen waren entsetzt. Der Gefängnisaufseher, der die Exekution ebenfalls beaufsichtigte, war so erschüttert, daß er kündigte. Unter anderem wegen dieses Hinrichtungsfiaskos wurden Hinrichtungen mit Giftgas in den USA für kurze Zeit aufgegeben und durch tödliche Injektionen ersetzt.

Anfang März 1999 jedoch war das alles wieder vergessen. Nun traf es einen Deutschen: Trotz Intervention der deutschen Bundesregierung wurde Walter LaGrand im Staatsgefängnis von Florence in Arizona (USA) hingerichtet: 18 Minuten dauerte sein Todeskampf mit dem Giftgas Blausäure. 30 Zeugen schauten dabei durch Panzerglas zu, wie der überführte und geständige Mörder hinter einer hermetisch verriegelten Panzertür grausam hingerichtet wurde.[3]

Seit einigen Jahren ist sowohl den Experten wie auch jenen, die noch in den Todeszellen auf ihre Hinrichtung warten, klar, daß eine schnelle und schmerzlose Hinrichtung mit Giftgas der Kooperation des Delinquenten bedarf. Zu vergasende Gefangene wurden gewöhnlich ermuntert, tief einzuatmen, sobald das Blausäuregas (HCN) freigesetzt worden war, um einen einfachen und schnellen Tod sicherzustellen. Wenn ein Delinquent allerdings unkooperativ war, konnte die Hinrichtung leicht in einem Fiasko enden. Die einfache Weigerung, tief einzuatmen, wodurch die tödliche Dosis schnell aufgenommen werden soll, konnte die Agonie des Opfers - selbst unter den günstigsten Voraussetzungen - mehr als 18 Minuten hinziehen. Publikationen aus den USA ist zu entnehmen, daß Hinrichtungszeiten von 10 bis 14 Minuten eher die Regel als die Ausnahme sind. Amnesty International spricht in diesem Zusammenhang von »verpfuschten Hinrichtungen«.[4][5][6][7]

Bei den US-amerikanischen Hinrichtungsgaskammern handelt es sich um eine seit dem Jahr 1924 angewandte, zur technischen Perfektion gereiften Tötungsmethode. Der Aufwand für die Hinrichtung einer einzelnen Person ist ungemein groß, muß doch jede Gefährdung der Zeugen, des Gefängnispersonals und der Umwelt durch das freigesetzte Giftgas unter allen Umständen verhindert werden. Panzerglasfenster, massive, hermetisch schließende schwere Stahltüren, starke Lüftungsanlagen mit einer Verbrennung der giftgashaltigen Abgase sowie eine chemische Behandlung des Innenraums zur Neutralisierung der restlichen Giftspuren nach der Hinrichtung machen diese Art der Hinrichtung zu dem umständlichsten Verfahren überhaupt.[8]

Zur Zeit gibt es nur einen Techniker in den USA, der sich auf die Errichtung und Wartung dieser Anlagen versteht: Frederick A. Leuchter Jr., in den Medien bisweilen auch makaber »Mr. Death« genannt,[9] denn sein Beruf ist der Entwurf, Bau und die Wartung aller möglicher Hinrichtungsapparaturen.[10]

Ein Beitrag in der US-Zeitschrift The Atlantic Monthly (Februar 1990) beschrieb Leuchter beispielhaft wie folgt:

»der einzige kommerzielle Lieferant von Hinrichtungstechnologien der Nation [...] Ein geschulter und vielseitig gebildeter Ingenieur, der in allen Hinrichtungsarten versiert ist. Er macht Todesinjektionsmaschinen, Gaskammern, Galgen sowie elektrische Stühle. [...]«

Ähnlich äußerte sich ein langer Artikel in der New York Times vom 13.10.1990, worin sogar ein Foto Leuchters auf der ersten Seite erschien. Leuchter wird darin »der führende Berater der Nation für Todesstrafen « genannt.

In seinem Buch über die "US-Hinrichtungsindustrie" bestätigt Stephen Trombley, daß Leuchter:[11]

»Amerikas erster und bester Lieferant von Hinrichtungstechnologien ist. Seine Erzeugnisse schließen elektrische Stühle, Gaskammern, Galgen und Todesinjektionsmaschinen ein. Er bietet Entwurf, Konstruktion, Installation, Personalschulung und Wartung an.«

Gaskammer-Hinrichtungen sind für diejenigen, die sie durchzuführen haben, vor allem deshalb besonders gefährlich, weil der tote Körper des Gefangenen mit dem tödlichen Gift gesättigt ist. Nach der Hinrichtung, erklärt Leuchter, muß daher folgendes geschehen:[12]

»Sie gehen rein. Der Gefangene muß komplett mit Chlorbleiche oder Ammoniak gewaschen werden. Das Gift strömt regelrecht aus seiner Haut aus. Und wenn sie den Leichnam so einem Leichenbestatter übergäben, würden sie den Leichenbestatter töten. Sie müssen also reingehen, und sie müssen den Körper vollständig waschen.«

Bill Armontrout, Wärter des Missouri Staatsgefängnisses in Jefferson City, bestätigt die Gefahr:[13]

»Eines der Dinge, die Blausäure tut, ist, daß sie in die Poren der Haut geht. Sie spritzen den Körper ab, sehen sie? Sie müssen Gummihandschuhe verwenden, und sie spritzen den Körper ab, um ihn zu entgiften, bevor sie irgend etwas anderes machen.«

Nach Auffassung von Leuchter sollten die Gaskammern nicht nur wegen der Grausamkeit dieser Hinrichtungsart überhaupt nicht mehr benutzt werden, denn die Gaskammern als solche, meint er:[14]

»[...] sind gefährlich. Sie sind gefährlich für die Leute, die sie benutzen müssen, und sie sind gefährlich für die Zeugen. Sie sollten sie alle nehmen, sie mit einer Kettensäge in zwei Hälften zerlegen und sie so loswerden.«

Mit einer Karriere aufgebaut auf dem Motto »Todesstrafe, nicht Todesfolter« ist Leuchter stolz auf seine Arbeit. Er ist froh darüber, sicherstellen zu können, daß verurteilte Personen schmerzfrei sterben können, daß das Personal, das die Hinrichtung ausführt, nicht gefährdet wird und daß die Dollars der Steuerzahler gespart werden.

1.2. Blausäure - ein gefährliches Gift

Abbildung 2: Wie man Termiten los wird: Oben: vorher; unten: nachher.

Blausäure wird freilich nicht nur zur Menschentötung in US-Gaskammern verwendet, sondern auch zu weitaus konstruktiveren Dingen. Etwa seit Ende des Ersten Weltkrieges verwendet man Blausäure zur Tötung aller möglichen Schädlinge, wie Wanzen, Läuse, Kornkäfer, Termiten, Kakerlacken und andere Plagegeiste. Freilich muß man bei der Anwendung der Blausäure aufpassen, daß man kein Unglück anrichtet, denn die Blausäure ist in vielerlei Hinsicht ein tückisches Gift.

Dies mußten zum Beispiel die Bewohner eines Wohnhauses in Los Angeles kurz vor Weihnachten 1947 auf äußerst schmerzhafte Weise lernen. Sie hatten die Kammerjäger von Guarantee Fumigation Co. angeheuert, um den Termiten ein Ende zu bereiten, die ihr aus Holz gebautes Haus aufzufressen drohten. Die Kammerjäger indess erwiesen sich als offenbar nicht sachkundig genug, denn sie müssen aus ihrer Blausäure-Druckflasche zu viel des Giftes in das wie ein Weihnachtsgeschenk verpackte Haus gepumpt haben (in Abbildung 2 groß, rechts halb verdeckt vom kleinen Bild).[15] Durch nicht geklärte Umstände kam es während der Begasung des Hauses zu einer Entzündung des unter Umständen hochexplosiven Blausäure-Luft-Gemisches. Die dadurch verursachte Explosion zerstörte das gesamte Haus.[16]

Die Blausäure hat aber noch eine andere tückische Eigenschaft, nämlich ihre hohe Mobilität. Diese Eigenschaft ist hochwillkommen, wenn es um die Schädlingsbekämpfung geht: In welcher Ritze sich auch immer die Flöhe und Wanzen zu verstecken versuchen, das Gift erreicht sie doch! Leider beschränkt sich die Blausäure aber nicht darauf, Schädlinge aufzusuchen. Sie dringt vielmehr wahllos in die kleinsten Ritze ein, ja durchdringt sogar Filzdichtungen und dünne Wände und entweicht somit leider auch in Bereiche, wo sie nicht erwünscht ist. Was passieren kann, wenn der Kammerjäger einen begasten Raum nicht sicher abdichtet, wird in der toxikologischen Literatur beschrieben:[17]

»Fallbeispiel. J. M., 21jährige Tapeziererin. Die Frau arbeitete im Keller des Hauses, in dem gerade im 2. Stock eine Wohnung wegen Ungeziefer mit Cyangas desinfiziert wurde, wobei durch ungenügenden Abschluß Gas in den Korridor drang, dort den Desinfektor vergiftete, und dann durch einen Schacht auch in den Keller gelangte. Frau M. spürte bei der Arbeit plötzlich ein auffallendes Kratzen im Hals und bekam Kopfweh und Schwindel. Zwei Mitarbeiterinnen bemerkten ebenfalls die gleichen Erscheinungen und verließen deshalb mit ihr den Keller. Nach einer halben Stunde kehrte sie wieder in den Keller zurück und stürzte jetzt plötzlich bewußtlos zusammen. Wird zusammen mit dem bewußtlosen Desinfektor in das Spital eingeliefert. Die Patientin erwacht schon im Lift des Spitals, fühlt sich wieder vollkommen wohl und zeigt bei der Untersuchung keine Vergiftungserscheinungen mehr. Der Desinfektor dagegen stirbt im Moment der Einlieferung.«

Die Gefährung durch derartige Giftgase ist aber beileibe nicht auf Personen beschränkt, die sich im gleichen Haus aufhalten, in dem gerade eine Begasung durchgeführt wird. Wenn die Lecks im begasten Raum zu groß sind, können große Mengen des Gases ins Freie gelangen und dort die ganze Nachbarschaft bedrohen, wie ein Unfall im Herbst 1995 in einer kroatischen Touristenstadt beweist: [18]

»Das ging gründlich daneben. Drei vergiftete Ortsbewohner und eine Reihe überlebender Holzwürmer waren das Fazit einer gründlich verpatzten Aktion gegen die Schädlinge in einer Kirche im kroatischen Urlaubsort Lovran bei Rijeka. Wegen der unsachgemäßen Arbeit der Kammerjäger mußten mehrere hundert Einwohner des Ortes sicherheitshalber evakuiert werden.

Die Kammerjäger wollten in der Nacht mit hochgiftigem Gas gegen die Holzwürmer in der Kirche des Heiligen Juraj in Lovran vorgehen. Da sie das Gebäude jedoch nicht fachgerecht versiegelt hatten, entwich das Gas in die umliegenden Häuser, in denen die Menschen bereits schliefen. "Wegen der plötzlich einsetzenden Übelkeit sind die Menschen zum Glück gleich aufgewacht, das hat sie vor dem sicheren Tod gerettet", schrieb die Zeitung "Vecernji List". Dennoch erlitten drei Bewohner schwere Vergiftungen. Der Bürgermeister entschloß sich zur Evakuierung des Ortskerns. Die Kammerjäger wurden festgenommen. Die Holzwürmer überlebten. dpa«

Doch damit nicht genug. Blausäure ist ein hartnäckiges Gift. Wo auch immer es eingesetzt wird, setzt es sich fest, insbesondere wenn die Umgebung feucht ist. Über Stunden und Tage verdampft die Blausäure langsam von diesen feuchten Gegenständen, was eine permanente Gefährdung der Umwelt bedeutet, wenn keine ausreichende Lüftung gewährt werden kann. Ein besonders dramatischer und zugleich makabrer Zwischenfall in den USA im Herbst 1998 unterstreicht dies:

15.10.1998

Selbstmorddämpfe machen
neun Iowa-Schüler krank

GRINNELL, Iowa (CPX) Ein Schüler des Grinnell Colleges schluckte bei seinem Selbstmord derart viel Kaliumcyanid, daß neun Leute von den Dämpfen aus seinem Körper krank wurden.

Zwei Angestellte des Colleges, drei Schüler und vier Sanitäter wurden von den Dämpfen geschwächt oder betäubt, nachdem sie am Montag mit dem toten Körper des Studenten in Berührung kamen. Sie wurden im örtlichen Krankenhaus behandelt und dann entlassen.

Carl T. Grimm, 20, ein Oberschüler in Placentia, Calif., schluckte eine kristalline Form des Kaliumcyanids, das verhindert, daß Sauerstoff in die Zellen gelangen kann. Laut Aussagen eines Sprechers des Colleges hatte der Schüler einen Zimmerkameraden sofort gebeten, Hilfe zu holen, jedoch erst, als das Wasser in seinem Körper begann, Blausäuregas zu bilden.

Der Flur von Grimms Zimmer im privaten, liberalen Kunst-College, etwa 80 km östlich von Des Moines gelegen, war wegen der Dämpfe evakuiert worden. Das Grinnell Regional Medical Center, wohin Grimms Körper gebracht wurde, mußte auch gelüftet werden.

Das College versucht immer noch herauszufinden, wie Grimm an das Kaliumcyanid gelangte und warum er sich umbringen wollte.[19]

In einem etwas anders gelagerten Fall kam es zu einem nicht weniger dramatischen Unfall. Bei der Aufarbeitung von Edelmetallen wird zur Trennung von Gold und Silber mit Salzen der Blausäure gearbeitet (Cyanide), die bei Vorhandensein von Feuchtigkeit Blausäure abgeben. In dem hier behandelten Fall beschäftigte sich eine Firma damit, die in Tanks enthaltenen cyanidreichen Überreste dieses chemischen Prozesses aufzuarbeiten, eine nicht unriskante Tätigkeit. Daß der US-Arbeitgeber seine Angestellte ohne Gasmasken und Schutzanzüge in diese Tanks schickte, in denen sich fortlaufend Blausäuregase entwickelten, hatte fatale Folgen:

Nationale Presseerklärung des US-Justizministeriums

MONTAG, 10. MAI 1999

Am 7. Mai befanden die Geschworenen von Pocatello, Idaho, daß Allan Elias seine Angestellten von Evergreen Resources, eine ihm gehörende Düngemittelfabrik, beauftragt hatte, einen 95 000-Liter Vorratstank zu betreten und von Cyanidresten zu reinigen, ohne die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, um seine Angestellten zu schützen. Die Inspektoren des Umwelt- und Gesundheitsamtes hatten Elias bezüglich der Gefahren des Cyanids wiederholt gewarnt und ihm die Vorsichtsmaßnahmen erklärte, die er ergreifen muß, bevor er seine Angestellten in den Tank schickt, wie etwa das Prüfen auf gefährliche Substanzen und die Ausrüstung der Arbeiter mit Schutzanzügen.

Scott Dominguez, Angestellter von Evergreen Resources, wurde während seiner Reinigungsarbeiten von Blausäuregas überwältigt und erlitt als Folge der Cyanidvergiftung einen dauerhaften Hirnschaden. [...]

Im August 1996, über einen Zeitraum von zwei Tagen, wies Elias seine Angestellten, die nur Jeans und T-Shirts trugen, an, den 3,35 m hohen und 11 m langen Vorratstank von Cyanidabfällen aus einem ihm ebenfalls gehörenden Bergbauunternehmen zu reinigen. Weder untersuchte Elias das Material in dem Tank auf seine Giftigkeit, noch stellte er den Gehalt giftiger Gase im Tank fest. Nach dem ersten Arbeitstag im Innern des Tanks trafen sich einige Angestellte mit Elias und berichteten ihm, daß sie durch die Arbeiten im Tank einen gereizten Rachen bekommen hatten, was ein frühes Anzeichen bei der Einwirkung von Blausäure ist.

Die Angestellten baten Elias, die Luft im Tank auf giftige Gase zu testen und Schutzkleidung zu bringen, wie sie von der Gesundheitsbehörde vorgeschrieben ist, und die den Angestellten in diesem Fall kostenlos zustanden. Elias gab ihnen keine solche Schutzanzüge, sondern wies die Angestellten an, in den Tank zurückzukehren, nachdem er fälschlicherweise versichert hatte, ihnen die gewünschte Ausrüstung zu bringen. Dominguez brach dann am Vormittag im Tank zusammen, und weil Elias seinen Angestellten auch das notwendige Rettungsgerät nicht zur Verfügung gestellt hatte, konnte er fast eine Stunde lang nicht gerettet werden.[20]

Freilich ist auch damit noch nicht die ganze Heimtücke dieses Giftgases aufgezeigt, denn Blausäure tötet nicht nur dadurch, daß man sie einatmet. Selbst eine Gasmaske kann sich unter Umständen als unzureichend erweisen, insbesondere wenn man stark schwitzt. Denn Blausäure löst sich bevorzugt auf feuchten Oberflächen, und sie durchdringt die Haut mit Leichtigkeit. Dies bewies im Jahr 1995 ein dramatischer Unfall in einer Höhle nahe der französischen Stadt Montérolier:[21]

»Der Tod von neun Personen am 21. Juni 1995 in der Grotte von Montérolier (Seine-Maritime) sei durch die Freisetzung von Blausäure hervorgerufen worden, das von einem Giftgas aus dem Ersten Weltkrieg stamme, dem Vincennite. Dies versicherte am Mittwoch der ehemalige Professor für physikalische Chemie, Louis Soulié. [...] In einer Pressekonferenz in Buchy sagte er, "weder die Kinder noch die zur Rettung geeilten Feuerwehrleute, von denen einer eine Gasmaske trug, starben an einer Kohlenmonoxidvergiftung."

Abbildung 3: Tintenblauer Fleck auf dem Verputz einer mit Blausäure begasten Kirche.

Abbildung 4: Im August 1976 wurde diese evangelischen Kirchen von D-96484 Meeder-Wiesenfeld (oben) mit Zyklon B begast. Anschließend verfärbte sich der Putz überall fleckig blau (vgl. Abbildung 3).

[...] "Noch sechs Tage nach deren Tod konnte im Blut der Opfer eine Blausäurekonzentration festgestellt werden, die doppelt so hoch war wie die tödliche Dosis."

Nach den Ausführungen des Professors hätten die drei Kinder in der Grotte ein Feuer angezündet und einen Bombe mit Vincennite, die sie in der Grotte fanden, hineingeworfen. Diese Bombe sei explodiert und das Gas habe den Tod von drei Kindern, vier Feuerwehrleuten, eines Vaters der Kinder sowie eines Amateur-Höhlenforschers verursacht.

Prof. Soulié zufolge sei der Tod der Feuerwehrleute, die die Kinder in der Grotte suchten - einschließlich jener, die eine Gasmaske trugen - dadurch verursacht worden, daß "sich die Blausäure im Schweiß löst und durch die Haut in den Körper eindringt, wo sie eine Vergiftung verursacht".«

1.3. Die blau machende Säure

Helle Aufregung herrschte im Frühjahr und Sommer 1977 in der evangelischen Kirche zu Wiesenfeld in Niederbayern. Da hatte die Gemeinde im Jahr zuvor für viel Geld die im Zerfall begriffene Kirche renovieren lassen, und nun stand man vor einem Desaster: Riesige blaue Flecken bildeten sich überall auf dem Innernverputz der Kirche. Die zu Rate gezogenen Fachleute, die die Kirche renoviert hatten, standen vor einem Rätsel. Erst eine chemische Untersuchung der verfärbten Wandstellen löste das Rätsel: Der gesamte Innenputz der Kirche war geschwängert mit Eisenblau. Eine Erklärung dafür konnte man in der Literatur nicht finden. Man konnte jedoch rekonstruieren, was passiert war:

Wenige Wochen, nachdem die Kirche mit einem wasserresistenten Zementmörtel frisch verputzt worden war, wurde die gesamte Kirche mit Zyklon B (Blausäure) begast, um den Holzwürmern im Chorgestühl den Garaus zu machen. Die vom Zyklon B freigesetzte Blausäure tötete aber nicht nur die Holzwürmer, sondern reagierte zudem chemisch mit dem Verputz. Bei dieser Reaktion setzt sich die Blausäure mit den in allen Verputzen in Mengen um die 1-2% enthaltenen Eisenoxiden zu dem seit Jahrhunderten bekannten, sehr stabilen Farbstoff Eisenblau um.[22]

Berichte über blau angelaufene Wände nach Blausäurebegasungen zur Schädlingsbekämpfung in Räumen mit feuchten, eisenhaltigen Verputzen sind in der Fachliteratur alles andere als unbekannt, wie ein jüngster Literaturüberblick gezeigt hat.[23] Voraussetzung für eine derartige Reaktion scheint zu sein, daß der begaste Verputz noch recht neu ist und eine recht hohe Feuchtigkeit aufweist. In anderen Fällen kam es ebenfalls zu Schäden an Bauwerken und Inneneinrichtungen, jedoch nicht zu Blaufärbungen, etwa weil der Putz alt und abgebunden war.[24]


Anmerkungen

[1]Eine detaillierte Beschreibung dieser Hinrichtung ist zu finden in Bill Krueger, »Lawson's Final Moments«, The News & Observer, Raleigh, North Carolina, 19.6.1994, S. A1.
[2]Newsweek, 8.11.1993, S. 75; The New York Times, 6.10.1994, S. A20; Ebenda, 16.6.1994, S. A23.
[3]Bettina Freitag, »Henker warten nicht«, New Yorker Staats-Zeitung, 13.3-19.3.1999, S. 3; Mannheimer Morgen, 5.3.1999.
[4]The News & Observer, Raleigh (NC), 11.6.1994, S. 14A (nach dem Gefängniswärter normalerweise 10-14 min.).
[5]C.T. Duffy, 88 Men and 2 Women, Doubleday, New York 1962, S. 101 (13-15 min.); C.T. Duffy war fast 14 jahre lang Direktor des Gefängnisses von San Quentin. In dieser Zeit hat er die Hinrichtung von 88 Männern und 2 Frauen angeordnet. Die meisten davon wurden in der dort befindlichen Gaskammer hingerichtet.
[6]Stephen Trombley, The Execution Protocol, Crown Publishers, New York 1992, S. 13 (etwa 10 min. oder mehr); Amnesty International, Botched Executions, Fact Sheet December 1996, vertrieben von Amnesty International USA, 322 Eighth Avenue, New York, NY 10001-4808 (mehr als 7 min).
[7]Diese Absätze basieren auf einem Beitrag von Conrad Grieb, »Der selbstassistierte Holocaust-Schwindel«, Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung, 1(1) (1997), S. 6ff (online: vho.org/VffG/1997/1/Grieb1.html) (nachfolgend als VffG abgekürzt).
[8]Bez. der technischen Vorgänge vgl.: F. A. Leuchter, The Third Leuchter Report, Samisdat Publishers Ltd., Toronto 1989 (online: www.zundelsite.org/english/leuchter/report3/leuchter3.toc.html).
[9]So der Titel eines Dokumentarfilmes von Errol Morris über Fred Leuchter, uraufgeführt im Januar 1999 während des Sundance Film Festivals in Park City (Utah, USA): »Mr. Death: The Rise and Fall of Fred A. Leuchter, Jr.«
[10]Die folgenden Absätze wurden entnommen dem Beitrag von Mark Weber, »Ein prüfender Blick in Amerikas "Todesstrafen-Industrie" bestätigt das Leuchter-Gutachten«, VffG, 2(3) (1998), S. 226ff. (online: vho.org/VffG/1998/3/Buecher3.html).
[11]Stephen Trombley, aaO. (Anm. 6), S. 8.
[12]Ebenda, S. 98.
[13]Ebenda, S. 102.
[14]Ebenda, S. 13.
[15]Zur Vergasung reichen 1-2 Vol.%, zur Explosion aber bedarf es 6 Vol.% und mehr, siehe dazu in Kapitel 5.3. mehr.
[16]»How to get rid of termites«, Life, 22.12.1947, S. 31; vgl. Liberty Bell, 12/1994, S. 36f.
[17]S. Moeschlin, Klinik und Therapie der Vergiftung, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1986, S. 300.
[18]dpa, »Dilettantische Kammerjäger«, Kreiszeitung, Böblinger Bote, 16.11.1995, S. 7. Trotz Recherchen war bisher nicht zu eruieren, um welches Giftgas es sich dabei handelte. Da Blausäure aber mit das giftigste und sich am schnellsten ausbreitende Gas ist, das bei Entwesungen zur Anwendung kommt, wäre der berichtete Schaden, selbst wenn es in diesem Fall nicht Blausäure war, mit Blausäure wahrscheinlich mindestens genauso groß gewesen. Eine Reihe weiterer Bespiele wurde von K. Naumann beschrieben: »Die Blausäurevergiftung bei der Schädlingsbekämpfung«, Zeitschrift für hygienische Zoologie und Schädlingsbekämpfung, 1941, S. 36-45.
[19]www.mankato.msus.edu/depts/reporter/reparchive/10_15_98/campuscope.html.
[20]www.osha.gov/media/oshnews/may99/national-19990510.html; vgl. The Plain Dealer, 19.12.1999, S. 30A; Nation - The Orange County Register, 9.1.2000, News 11; Allan Elias wurde am 28.4.2000 zu 17 Jahren Haft verurteilt, APBnews.com, 29.4.2000, www.apbnews.com/safetycenter/business/2000/04/29/safetycrime0429_01.html und .../safetycrime0429_doc.html: Der Cyanid-haltige Schlamm im Tank enthielt Phosphorsäure, was die Entwicklung von Blausäuredämpfen fördert.
[21]»Un expert évoque la présence de gaz mortel dans la grotte«, Le Quotidien de la Réunion, 25.6.1998.
[22]G. Zimmermann (Hg.), Bauschäden Sammlung, Band 4, Forum-Verlag, Stuttgart 1981, S. 120f., bezüglich des im August 1976 in der evangelischen Kirchen von D-96484 Meeder-Wiesenfeld aufgetretenen Schadensfalles. Dank gebührt Herrn W. Lüftl, Wien, der diesen Fund machte, sowie Herrn K. Fischer, Hochstadt a.M., der den Bauschadensfall als leitender Architekt ausbaden durfte und mir nähere Details schilderte. Nachdruck: E. Gauss (alias Germar Rudolf), »"Holzschutz durch Blausäure-Begasung. Blaufärbung von Kalkzement-Innenputz"«, in: ders. (Hg.), Grundlagen zur Zeitgeschichte, Grabert, Tübingen 1994, S. 401-404 (online: vho.org/D/gzz/17.html).
[23]E. Emmerling, in: M. Petzet (Hg.), Holzschädlingsbekämpfung durch Begasung, Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Bd. 75, Lipp-Verlag, München 1995, S. 43-56. Ob die in dem Beitrag zitierten Beispiele möglicherweise alle über Umwege nur auf den oben zitierten Fall verweisen, muß zunächst offen bleiben. Carl Hermann Christmann berichtete von einem Fall eines Wirtschaftsgebäudes eines Klosters aus dem 18. Jahrhundert, das nach der Säkularisierung an einen Landwirt verkauft wurde, der es als Scheune nutzte. Vor etwa 20 Jahren baute ein Investor das schöne barocke Gebäude zu einem Ausflugs-Nobelrestaurant um. Der vorhandene Innenputz wurde repariert und weiß gestrichen. Nach einiger Zeit traten blaue Flecken im weißen Anstrich auf, die von dem herbeigerufenen Gutachter als Eisenblau identifiziert wurden. Der Gutachter vermutete, daß der frühere Eigentümer irgendwann zwischen 1920 und 1940 die Scheune mit Blausäure hatte begasen lassen, die dann 40-50 Jahre später die Flecken verursachte. Persönliche Mitteilung C.H. Christmann nach seiner Erinnerung, 13.7.1999, der leider die Quelle bisher nicht ausfindig machen konnte. Für Hinweise auf Literaturstellen zu diesem Fall wäre ich sehr dankbar.
[24]In einem Fall führte die Begasung einer mit eisenfreier Kalkfarbe frisch gestrichenen Kirche zu dunklen Verfärbungen durch polymerisierende Blausäure (Azulminsäure): D. Grosser, E. Roßmann, »Blausäuregas als bekämpfendes Holzschutzmittel für Kunstobjekte«, Holz als Roh- und Werkstoff, 32 (1974), S. 108-114.

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