2. KAPITEL

Herrenlose Gelder auf Schweizer Banken und das Raubgold

Seit Jahr und Monaten hört man Schreie von jüdischen Organisationen, weltweit und laut. So laut, dass längst die Schweizer Banken von sich aus hätten reagieren müssen. Und weil sie nichts taten und glaubten, dass diese Gerüchteküche irgendeinmal versiegen würde, wurden die Stimmen immer lauter. Auch die Eidgenossenschaft mit dem Bundesrat hätte gut daran getan, schon in früheren Jahren, also bereits seit 1962, sich mit der Suche um die Holocaust-Vermögen zu beschäftigen. Es wurde verschlampt.

Inzwischen ist weltweit der Ruf der Schweizer Banken und teilweise der der Eidgenossenschaft verpestet worden. Unsensibel für die Not der Holocaust-Überlebenden, sich streng an die juristischen Gepflogenheiten haltend und hinter das altbewährte Schweizer Bankgeheimnis verschanzt, statt sich ernsthaft mit den Menschen zu befassen, das war die Taktik damals der Schweizer Banken. An sich nichts Un-rechtes, aber auch nichts Schönes und schon gar nichts Menschliches.

Die Gelder kamen nicht allein von den Juden; sie kamen auch von anderen, inzwischen Verschollenen. Zu den Kunden der Schweizer Banken zählten auch dubiose Gestalten, Staatsoberhäupter und Diktatoren, wie Bokassa, der iranische Kaiser Pachlewi, Marcos aus den Philippinen und so weiter. Und es kamen auch Gelder aus dem Süden, aus Italien, wo die Mafia herrscht, und von Drogenbossen. Auch diese Gelder wurden in Empfang genommen. Man mag

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sich fragen, wann das alles begonnen hat und wann die Schweizer Banken erstmals Hand zu kriminellen Geldern und Kapitalanlagen geboten haben. Es wurde kritisch und muffig um die schönen, reichen Schweizer Banken. Sie hörten das Rauschen nicht mehr, die drohenden Gebärden vom einfachen kleinen Mann, oder von grösseren, einfluss-reichen jüdischen Organisationen. Es war ein entscheidender Fehler, nichts zu tun und so weiter zu machen als ob.

Dann wurden Zahlen genannt, Milliarden von Holocaust-Vermögen, die in Schliessfächern und als Bankguthaben bei den Schweizer Grossbanken liegen sollen. Die Verantwortlichen der Banken schüttelten verdrossen ihre Häupter. Die Geschäfte gingen gut, selbst wenn mal hin und wieder eine Betroffene aufschrie, wie ungerecht es sei, dass sie nicht an das Vermögen ihres Vaters, Mutter oder Verwandten komme, weil die Schalterbeamten bedauernd die Köpfe schüttelten, dass diese Ausweise oder Nachweise nicht ausreichten.

Die gesamte jüdische Welt geriet in Aufruhr, jahrzehntelang wurden sie beschwichtigt. Nichts ging. Das Schweizer Bankgeheimnis stand ihnen im Wege. Dann hörte man weitere Zahlen, Milliarden von Dollars in Noten und in Gold, die in Schweizer Tresor-Kellern geäufnet seien, oder noch schlimmer, aufgebraucht oder gar geraubt. Von Schweizer Bankiers. Die ständigen Anschuldigungen und Unterstellungen wurden ins Unermessliche gesteigert. Und dann endlich fanden die Juden eine wirksame Methode. Es gab da die kleine Nuance zwischen Show in Amerika und etwas, was die Europäer zutiefst verletzen konnte. Es ist dies das «Medien-Pressing», der Versuch, über die Medien die schwierigsten, leidvollen geschichtlichen Zusammenhänge im Schnellverfahren präjudiziert und pauschalisiert dem Schweizer Volk, den Schweizer Banken und der Schweizer

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Regierung zur Last zu legen. Nun, ich denke, dass jeder rufschädigende Angriff auf einen Staat jeden Bürger verletzen wird, der zu seinem Staat steht.

Es gab Krieg in Israel. Amerika wollte den Frieden, der ganze arabische Raum möchte endlich Frieden, möchte leben dürfen, wie andere Länder auch. Möchte den kargen Boden bepflanzen - und Israel? - Die Israelis wollten die Golan-Höhen bebauen, selbst, wenn diese von den Vereinten Nationen als besetztes Territorium abgegrenzt wurden. Es gab hässliche Auseinandersetzungen, und der Krieg drohte sich über den ganzen arabischen Raum auszudehnen. Zudem standen die Wahlen in den USA bevor. Clinton wollte wieder kandidieren, für weitere vier Jahre. Dazu brauchte er die Juden, allein New York beherbergt zwei Millionen, die ein enormes Stimmenpotential geben. Ausserdem sind dort die reichsten Juden zuhause. Also versprach der Präsident etwas für den Frieden einzutauschen. Da kamen die Bedingungen, dass die Schweiz mit ihren Grossbanken und der Regierung herhalten müsse - mit allen Mitteln. Die Juden fanden in einem dubiosen Senator, der keine Skrupel kennt und ungeniert andere Länder und Völker zu beleidigen weiss, einen idealen «Fürsprecher». Das war die Zeit vom New Yorker Senator Alfonse D'Amato mit dem unkontrollierbaren Löwengebrüll.

Auch Avraham Burg, von der Jewish Agency aus Israel wollte mit dabei sein. Er gehörte nämlich schon zu den politischen Absteigern. Jetzt konnte er sich mit D'Amato profilieren. Je härter und gewaltiger beide zuschlugen, desto eher sollte man es weltweit hören, dass die Schweizer Gauner, Diebe, Halunken und gemeine Verbrecher sind, die mit dem Nazi-Terror gemeinsame Sache gemacht haben sollen. Wer weiss, wurde sogar behauptet, ob nicht die Schweizer mitschuldig seien am Krieg in Europa. Dies alles

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wolle man klären und beweisen. Solches und mehr an Ammenmärchen wurden verbreitet. Die Schweizer, völlig verstört und hypnotisiert, konnten es nicht fassen, was da über sie verbreitet wurde. Immer bedrohlicher wurden die Laute, unüberhörbar verbreiten sich um den ganzen Erdball diese Anschuldigungen. Wer von aussen konnte noch relativieren, was stimmt und was nicht. Denn die amerikanische Presse druckte nie eine Rechtfertigung aus der Schweiz. Der Kongress, ja sogar das State Departement drohte mit Boykott der Schweizer Banken, ihnen sogar die Lizenzen zu entziehen, sollten sie nicht endlich einige hundert Millionen - und zwar sofort - locker machen.

Endlich erwachte die Schweiz, und die Banken begannen mit der Suche nach den angeblichen Holocaust-Vermögen. Nach einigen Wochen kamen zaghaft die Zahlen von dreis-sig und dann vierzig Millionen Franken. Also alles eine Finte der Amerikaner und der ausländischen Juden?

Man glaubte es nicht, nein, das konnte doch nicht sein, schrien diese, das gehe nicht mit rechten Dingen zu. Es müssen Milliarden sein, also ändern sie die Taktik und drohen handfest und bedingungslos. Jetzt oder nie! - und sofort muss es sein!

Die Zahlen änderten an den Drohungen nichts und man fragte sich langsam, lügen die Schweizer Grossbanken oder die Juden und Amerikaner? - Nein, man kann sich als Schweizer bei allem Respekt einfach nicht vorstellen, dass eine Grossbank es nötig haben sollte, sich an Holocaust-Vermögen zu bereichern, wenn sie mit ihren Börsengeschäften und anderen Kapitalanlagen Milliardensummen im Jahr verdienen konnten. Ausserdem kennt man doch diese Banken, die grosszügig als Sponsoren nicht nur beim Sport, sondern auch für humane Zwecke, für die Unicef, die Kunst und andere Spenden vergeben. Denn der Schweizer hat ein gutes Herz. Schliesslich sind auch die Bankers

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Schweizer. Der Schweizer will Frieden um sich haben und solchen weitergeben. Er will dankbar sein, dass es ihm noch gut geht, auch wenn wieder ringsumher Arbeitslosigkeit in zweistelliger Zahl sich steigert. Zwar ist inzwischen auch die Schweiz davon betroffen, aber 5, 7 oder 14 Prozent wie in Deutschland, das ist schon noch ein Unterschied! Also müssen wir Schweizer noch nicht so pessimistisch sein und vielleicht auch ein Auge auf einen Bedürftigen haben am Wegrand oder eine alleinstehende Mutter mit einem Kind, die es sich nicht leisten kann ein Wochenende in einem Bergdorf zu verbringen, um aus den tristen Mauern der Einsamkeit und der Not zu entfliehen.

Aber wie war das denn mit den Flüchtlingen? - Ach ja, sagt man, da waren wir noch nicht geboren, oder wir hatten dazu nichts zu sagen. Zudem haben wir geholfen, viel geholfen. Wir haben innert Wochen über 1, 5 Millionen Franken während des Krieges für Flüchtlinge gesammelt. Das sind heute gut und gern zwanzig bis fünfundzwanzig mal mehr. Und wer rings um die Schweiz - Amerika miteinbezogen -hätte solche Mittel bereitgestellt?

Nur da gibt es einen hässlichen Schönheitsfleck. Es sind die rund dreissigtausend Menschen, die an der Grenze abgewiesen und in den sicheren Tod geführt wurden. Da haben wir Schweizer - mindestens unser Bundesrat Eduard von Steiger und Dr. Heinrich Rothmund, Chef der Eidgenössischen Polizeiabteilung - Dreck am Stecken. Das tut weh, wenn man an das Elend denkt, was damals geschehen ist, was man versäumte zu tun, nur weil es einige gab, die uns weismachen wollten, «das Boot sei voll». Dennoch gab es viele Bürger, die den Flüchtlingen halfen, sie aufnahmen, von der einfachen Bauersfrau bis zum Pfarrer und Direktor. Einige sind uns wohlbekannt, andere taten alles ganz selbstverständlich im Stillen.

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Es gab zwar auch eine Reihe «Brauner» in der Schweiz und sie wurden nicht behelligt. Ja, sie trumpften sogar immer frecher auf, wann immer sie wollten und verbreiteten mit ihren Drohungen, dass wenn sie einmal ans Ruder kommen sollten, einige Köpfe rollten. Waren wir Schweizer wirklich die Anpasser?

Professor Edgar Bonjour hat zwar in den sechziger und siebziger Jahren ein umfangreiches Werk in neun Bänden geschaffen im Auftrag der Eidgenossenschaft. Man kann also mit Fug und Recht nicht mehr sagen, wir wüssten nichts über das Fehlverhalten der Schweizer Regierung und von einzelnen Schweizern in braunen Hemden. Dass die Schweiz völlig umzingelt war von Kriegsgegnern machte es auch nicht leichter, Hand den Unterdrückern zu bieten, damit die Schweiz die nötigen Lebensmittel, Kohle und Stahl und was sie alles noch brauchte, erhalten konnte. Es war damals knallhart und es wurde gepokert wie heute, wo die Schweiz wieder bedroht wird, diesmal von den Juden und den «befreundeten» Amerikanern.

Weil die Schweiz im Krieg nicht bluten musste, weil sie Vermögen von der Naziherrschaft angenommen hatte, von dem sie wissen musste, weil es trotz der Pressezensur dennoch bekannt geworden ist, was alles in Deutschland geschah, dass es zu Unrecht in ihre Hände gekommen ist.

Jetzt war die Zeit gekommen gegen die Schweiz pauschal vorzugehen. Sie wurde beleidigt, gedemütigt, getreten, genötigt und bedroht.

Weil die Sache für die Schweizer Banken bedrohlich zu werden schien, sprangen sie spontan ein, nachdem sie feststellten, dass der Bundesrat und das Parlament nur mühsam einen Schritt voran machen konnte. So packte der Grosswesir der Credit Suisse Group, E. Gut, die Sache beim Schöpf und einigte sich mit den anderen beiden Schweizer Grossbanken, dem Schweizerischen Bankverein and der

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Schweizerischen Bankgesellschaft, hundert Millionen für humanitäre Zwecke bereit zu stellen. Der Bann aber war noch nicht gebrochen. Jetzt kamen die Juden und D'Amato erst recht und glaubten, dass dieses Geld ihnen sowieso gehöre, dass die Schweizer sich nicht so aufplustern sollten, es wäre noch viel mehr da, was ihnen abzuliefern sei. Also immer drauflos und weiter mit den Boykottdrohungen. -Die Schweizer fragten sich, weil die meisten den Grossbanken Glauben schenkten, dass es nicht mehr als 40 Millionen Franken an herrenlosen Geldern auf Schweizer Bankkonten geben musste, ob die Juden jetzt so geldgierig geworden sind, um über die toten Glaubensbrüder auch noch zu feilschen? Ach ja, da war doch der Krieg in Israel; sie brauchten Waffen und die Regierung hatte ein riesiges Haushaltsdefizit und zudem sollte weiter gebaut werden auf den Golan-Höhen, obwohl dies ja verboten ist.

War nicht darum die Empörung so gross, als die Juden und D'Amato hören mussten, dass der Bundesrat die Hand über dem Geldsäckel halten will? Ja, sehr genau wissen will, wer und was den Hilfebedürftigen - gleich welcher Religion, Rasse und Herkunft - zugeteilt werden soll? Schwimmen den Akteuren die Felle weg, weil sie glaubten, dass ihnen einige hundert Millionen Franken irgendwie in den Schoss fallen sollten? Jetzt wollten sie bis ganz hinauf, und bei der Entscheidung und Ausgestaltung des Fonds mit dabei sein, damit sie die Kontrolle hätten.

Da werden die Schweizer hellhörig. Genau das möchten sie nicht. Die Beleidigungen, Demütigungen und alles, was sie ertragen mussten, was über sie von den jüdischen Organisationen über den ganzen Erdball an Lügen verbreitet wurde, vergessen sie nicht so leicht. Jetzt haben die Schweizer Bürger wieder das Zepter in der Hand und können durch ein Referendum alles blockieren. Jetzt wird sich zeigen, ob die Schweiz all das schlucken will und dann vielleicht dem

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Hohn ausgesetzt wird, dass man sie klein gemacht habe, dass sie ihre Schuld an den Verbrechen, die vollumfänglich ihr zur Last gelegt wurden, alle die Beleidigungen, keine Lügen, sondern zu recht gewesen sind, weil sie sonst niemals nachgegeben hätten.

Wie dem auch sei; wir hoffen, dass die verschiedenen Historikerkommissionen - sowohl aus den USA als auch aus der Schweiz - alles zutage fördern werden. Und wehe, wenn dann dies nur jüdische Lügen sind. Vieles ist wahr, wie zum Beispiel die abgewiesenen 30 000 Flüchtlinge und die Gelder, die die Juden für ihre Flüchtlinge zu bezahlen hatten. Auch das «J» im Reisepass stimmte, das von Heinrich Rothmund eingeführt, und von den Deutschen übernommen wurde. Neu ist das allerdings nicht. Also sich schadenfreudig zu zeigen, wenn die von den Schweizer Banken gemachten Angaben und Zahlen auch stimmen sollten, dazu haben wir dennoch keinen Grund.

Es scheint auch wichtig für die Zukunft, dass die Schweizer Banken von keiner Regierungsperson mehr, in dessen Land nicht die Demokratie herrscht, Gelder entgegennehmen werden. Sonst läuft eines Tages die Schweiz wieder Gefahr, im gleichen Fahrwasser zu landen. Wenn nicht, müssen solche Gesetze erlassen werden.

Jetzt suchen die Juden weltweit nach ihren Vermögen aus der Kriegszeit. Auch Schweden ist nicht verschont^ sowenig wie die Franzosen, die Amerikaner, Engländer, Holländer und die Portugiesen. Aber das Exempel wollten die Juden an der Schweiz statuieren. Sie ist reich, nicht nur an Banken, sondern auch an grossherzigen Bürgern, die zwar heute so verdrossen sind, dass für die persönlichen Sammlungen aus dem Volk nur wenige Menschen, kirchliche Organisationen, daran teilnehmen werden. Vielleicht noch Kinder, denen man in der Schule alles mögliche aufschwatzen kann, wie ein Werbespot im Fernsehen. Dann

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rennen sie los und sammeln wütig mit ihren Büchsen von Haus zu Haus. Nur eben, man hat jetzt die Schweizer vergällt. Es wird viele lange Gesichter geben und vielleicht wird eine Frau den treuherzigen Kinderaugen doch noch nachgeben und einen Franken spenden - wer weiss? Dennoch sollten wir eines nicht; wir sollten uns von Hassgefühlen nicht verleiten lassen. Nehmen wir die Faust aus dem Sack. Wir können es uns leisten, grosszügig zu sein. Wenn nicht gerade jetzt, dann vielleicht in einem Jahr, wenn der Rauch sich verzogen hat.

Aber niemals sollte man einem jüdischen Eidgenossen Antipathie entgegenbringen. Sie haben sich trotz allem für unsere Sache bei ihren Glaubensbrüdern in Amerika eingesetzt, haben für uns gekämpft. Besonders Rolf Block, der Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, machte seine Sache vortrefflich. Wir wollen doch keine Duckmäuser heranziehen, die, weil sie hier leben, nichts zu sagen haben. Servilität ist nebst der Feigheit das Hässlichste und Demütigendste, was man sich vorstellen kann. Derartiges haben unsere jüdischen Landsleute und Eidgenossen nicht verdient. Zeigen wir Ihnen nach wie vor unsere gebührende Achtung und unseren Respekt.

Das Gesetz zur Durchleuchtung der Rolle des Finanzplatzes Schweiz in der Nazizeit soll nach dem Willen der Rechtskommission des Ständerates möglichst rasch in Kraft gesetzt werden. Sie verabschiedete die Vorlage einstimmig. Die Beratungen waren vom Bestreben geprägt, nicht ohne Not vom Beschluss des Nationalrates von Ende September 1996 abzuweichen. Im Einverständnis mit dem Bundesrat will die Kommission den Bundesbeschluss für dringlich erklären, so dass die Aufarbeitung ohne Abwarten der dreimonatigen Referendumsfrist Anfang 1997 beginnen kann.

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Die Untersuchungen werden in zwei Etappen erfolgen. In einer ersten rund sechsmonatigen Phase sollen gründliche Vorbereitungen getroffen und in einer Reihe noch nicht festgelegter Banken Testläufe, sogenannte «pilot audits», durchgeführt werden. Auf dieser Grundlage will dann die Volcker-Kommission das endgültige Mandat für die zweite, die eigentliche Untersuchung betreffende Phase festlegen. Nach der heutigen Einschätzung des Gremiums wird diese Etappe im Juni 1997 beginnen und 1998 abgeschlossen sein.

Die Vorwürfe aus den USA, dass das Deutsche Reich über Informanten in Schweizer Bankenkreisen verfügte, sind leider mehr als nur wahrscheinlich. Es gab ja im schweizerischen Frontisten-Umfeld zwar relativ wenige, aber zu solchen Akten bereite fanatische Nazi-Anhänger, darunter sicher auch den einen oder anderen, der gar nicht erst in eine Bank eingeschleust werden musste. Lecks gab es, wegen des geringeren Interesses in wohl kleinerem Ausmass, aber auch gegenüber den Westmächten. Sonst hätte nicht derselbe D' Amato vor einigen Wochen eine «geheime» amerikanische Liste mit angeblich während des Kriegs bei Schweizer Banken deponierten deutschen Guthaben vorlegen können. Selbst wenn der Inhalt jener Liste einigermassen fragwürdig ist, musste er mindestens teilweise auf Quellen ähnlicher Qualität beruhen.

Allerdings muss angenommen werden, dass ein Teil der Eigentümer dieser Art von «Fluchtgeld» solche Delikte ebenfalls in ihr Kalkül einbezogen und ihre Vermögenswerte nicht der Bank als solcher, sondern einer Vertrauensperson dort übergaben. Im Falle nachrichtenloser Vermögen wäre letztere dann bei den Nachforschungen von 1962 einer starken Versuchung ausgesetzt gewesen - und ihr wie einzelne andere Treuhänder (in der Schweiz und analog auch

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anderswo) in Einzelfällen erlegen -, sich die Gelder selber anzueignen, statt sie in einen anonymen Fonds einzuzahlen.

Die NZZ brachte am 16./17 November 1996 einen Beitrag über die verschlungenen Wege des Raubgoldes. Man findet in dieser Zusammenstellung wichtige Einzelinformationen, die zur Erhellung verschiedener Hintergründe beitragen. Unter anderem heisst es:

«Obwohl das Dritte Reich stark um wirtschaftliche Autarkie bemüht war, musste es gewisse Rohstoffe in verbündeten oder neutralen Staaten einkaufen, insbesondere Rohöl aus Rumänien, Wolfram aus Portugal, Mangan aus Spanien, hochwertiges Eisenerz aus Schweden und Chrom aus der Türkei. Für deren Bezahlung gab es während des Krieges nur zwei Alternativen: Gold und die einzige faktisch konvertible Währung, den Schweizer Franken. Die Nachfrage nach Franken stieg ab 1942 stark, seitdem die westlichen Alliierten den Neutralen immer deutlicher machten, dass sie allfälliges Raubgold in deutschen Zahlungen später zurückfordern würden. Deshalb erwarb die Reichsbank bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB) Franken, mit denen sie die Importe beglich; die Nationalbanken der Exportländer kauften damit in Bern dasselbe Gold, mit dem die Deutschen die Franken gekauft hatten. Dank solcher Dreieckgeschäfte war das Gold «gewaschen», die Herkunft aus Deutschland verschleiert. Der Devisenverkauf gegen Gold war der wichtigste Schweizer Beitrag an die deutsche Kriegswirtschaft. Der Präsident der Reichsbank, Walther Funk, erklärte, das Reich hätte keine zwei Monate ohne Devisenzufuhr aus der Schweiz auskommen können. Die Goldreserven der Reichsbank waren spätestens 1943 aufgebraucht; vom Gold, das sie insgesamt umsetzte, waren rund drei Viertel gestohlen. Besonders betroffen waren Belgien, Holland sowie - vor dem Krieg - Österreich und die

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Tschechoslowakei, während die skandinavischen Staaten, Frankreich und Polen ihr Währungsgold nach Übersee oder Dakar retten konnten.

Wo es möglich war, bemühte sich die Besatzungsmacht bei ihren Konfiskationen um Scheinlegalität, wofür sich vier Möglichkeiten anboten:

Nach entsprechendem Druck wurden bei der Reichsbank Golddepots anderer Nationalbanken angelegt; in solche wurden beispielsweise - mit Hilfe der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) - die tschechische Währung transferiert.

Das Gold (von Nationalbanken und und Privaten) musste zwangsmässig verkauft werden. In Österreich wurde am 23. März 1938, gleich nach dem Anschluss, die «Anbotpflicht» für Gold verkündet; ebenfalls unter Druck wurde das Luxemburger Währungsgold gegen Reichsmark verkauft.

Das Gold wurde für «Okupationskosten» abgebucht oder als «freiwillige Kontribution» für den Feldzug im Osten eingefordert; dies war insbesondere in den Niederlanden der Fall.

Die Haager Landkriegsordnung (§ 52) erlaubt der Siegermacht, über das Eigentum eines besiegten Staates zu verfügen - nicht aber über dasjenige von Privaten. Obwohl Zentralbanken formal meistens als private Aktiengesellschaften konstituiert waren, wurde das belgische Währungsgold unter Berufung auf § 52 requiriert, weil die Nationalbank sich weigerte, Reichsmark dafür zu akzeptieren. Die Schwäche solcher Legitimierung zeigte sich im deutschen Umgang mit dem belgischen Gold: Es wurde eingeschmolzen und mit deutschen Vorkriegsstempeln neu geprägt.

Das Dritte Reich eignete sich nach dem Anschluss Österreichs für etwa 625 Mio. Dollar (2 625 Mio. Franken) Gold

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aus anderen Ländern an. Das Raubgut diente teilweise direkt als Zahlungsmittel: So erhielt Rumänien für Erdöllieferungen rund 54 Mio. Dollar an Gold (227 Mio. Franken) geliefert, und 1942/43 ging Gold für 105 Mio. Kronen (etwa 100 Mio. Franken) nach Schweden. Viel häufiger war der geschilderte Umweg über die Schweiz: Dorthin gelangte während des Krieges Gold im Wert von von 1, 716 Milliarden Franken, und zwar zuerst in das Depot der Reichsbank bei der Schweizerischen Nationalbank. Von dort wurden 428 Millionen direkt an die BIZ und an die SNB-Depots anderer Nationalbanken weitergeleitet. Für solche Transaktionen erhielt die SNB insgesamt 0, 92 Promille des Goldwertes; aus dem «Verkehr mit Gold und Devisen» wies sie 1940-1944 einen Ertrag von etwa 35 Mio. Franken aus. Ihrerseits erwarb die Nationalbank deutsches Gold für 1, 21 Milliarden Franken, wovon 827 Mio. wieder gegen Schweizer Franken verkauft wurden.

In den letzten Wochen des Krieges fiel durch verschiedene Zufälle fast alles Gold der Reichsbank, das noch in Deutschland lag, in die Hände der Amerikaner; sein Wert betrug 252, 5 Mio. Dollar (1,06 Milliarden Franken). Den grössten Fang machten schliesslich General Pattons Truppen am 7. April 1945 im thüringischen Merkers: In einem Kalibergwerk lagerte neben anderen Wertgegenständen für 238, 5 Mio. Dollar Gold (l Milliarde Franken). Auch die Goldvorräte von Hitlers Satelliten fielen den Amerikanern in die Hände: bei Salzburg knappe 5 Mio. Dollar des österreichischen Staatsschatzes; rund 100 km weiter östlich, in Spital am Pyhrn, die ungarische Goldreserve im Wert von 35 Mio. Dollar und in der Alpenfestung La Fortezza 25 Mio. Dollar der Banca d'Italia. Letzteren beiden wurden die Nationalbankreserven schon bald wieder zurückerstattet.

Was aber sollte mit dem übrigen Gold geschehen? Von den rund 625 Mio. Dollar deutschen Raubgolds waren gut

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250 sichergestellt; etwa 375 Mio. Dollar waren also weiterverkauft worden, vor allem über die Schweiz. Mit der «Gold Declaration» vom 22, Februar 1944 hatten es die Alliierten zurückgefordert. Nachdem Stalin an der Potsdamer Konferenz auf Goldreparationen verzichtet hatte, wurde die Verteilung des «Goldtopfes» Sache der Westmächte. An der Pariser Konferenz von 1945 wurde unter anderem zu diesem Zweck die «Inter-Allied Reparation Agency» (IARA) aus der Taufe gehoben. Ihre Mitglieder waren Albanien, Australien, Belgien, Kanada, Dänemark, Ägypten, die USA, Frankreich, Grossbritannien, Griechenland, Indien, Luxemburg, Norwegen, Neuseeland, die Niederlande, die Tschechoslowakei, Südafrika und Jugoslawien.

Der «Goldtopf» sollte den Verlusten entsprechend auf die geplünderten Zentralbanken aufgeteilt werden. Damit war klar, dass die Alliierten unter Raubgold ausschliesslich die Zentralbankreserven verstanden, dies aus praktischen Gründen: Der Anteil privaten Goldes an der gesamten Menge war verhältnismässig klein, und die Ansprüche Einzelner waren viel schwieriger zu überprüfen als diejenigen der Staatsbanken. Für die in Konzentrationslagern geraubten Wertsachen erklärte sich die IARA ausdrücklich nicht zuständig; soweit sichergestellt, wurden sie versteigert und dem Intergouvernementalen Flüchtlingskommitee übergeben.

Im Auftrag der IARA führten die drei Westmächte ab 1946 Verhandlungen mit den Neutralen. Dabei ging es einerseits um die Liquidierung deutscher Vermögenswerte in den jeweiligen Staaten und andererseits um das Raubgold. Der erste Verhandlungspartner war die Schweiz, die im Washingtoner Abkommen 250 Mio. Franken für die IARA zusagte; formal als Wiederaufbauhilfe, faktisch als Ablösesumme für das Raubgold. Ebenfalls in Washington

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wurde am 18. Juli 1946 der Vertrag mit Schweden unterzeichnet. Einhundertfünfzig Millionen schwedische Kronen (126 Mio. Franken) vom Liquidationserlös deutscher Guthaben sollten für humanitäre Hilfe verwendet werden; 50 Mio. schwedische Kronen wurden zugunsten von jüdischen Flüchtlingen zur Verfügung gestellt. Das Raubgold wurde auf 7 Tonnen geschätzt, im Wert von 35 Mio. schwedische Kronen (gut 29 Mio. Franken); es sollte zurückerstattet werden.

Der Vertrag mit Spanien wurde am 10. Mai 1948 geschlossen. Die Liquidation deutscher Guthaben wurde ähnlich geregelt wie mit Schweden und der Schweiz. Eine Tonne Gold aus der deutschen Botschaft in Madrid wurde dem Goldtopf der IARA zugeschlagen. Soweit von Spanien erworbenes Raubgold bis zum 30. April 1949 identifiziert werden konnte, sollte es zurückerstattet werden. Offenbar versprach Spanien eine Zahlung von 525 Mio. Pesetas (etwa 175 Mio. Franken) an die IARA; davon waren 1950 einhundertdreissig Millionen überwiesen.

Mit Portugal begannen die Verhandlungen 1946, und im Februar 1947 einigte man sich in der Frage der deutschen Guthaben. Beim Raubgold gelang es nicht, obwohl die alliierten Unterlagen präzis waren: Allein an umgeschmolzenem belgischen Gold hatte Portugal 962 Barren aus der Schweiz erhalten (im Wert von 57 Millionen Franken). Insgesamt forderten die Westmächte fast viermal mehr zurück, etwa 43 Tonnen Gold. Präsident Salazar beharrte dagegen auf volle Kompensation: Portugal habe Deutschland Waren im Wert von 55 Mio. Dollar geliefert, damit sei das Gold sein legaler Besitz. Im August 1948 wurden die portugiesischen Guthaben in den USA freigegeben, noch bevor man eine Lösung gefunden hätte; dafür hatte die amerikanische Luftwaffe Landerechte auf den Azoren erhalten. Vermutlich versandeten die Verhandlungen endgül-

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tig, nachdem Portugal 1959 ein Abkommen mit der Bundesrepublik Deutschland getroffen hatte, in dem eine Abgeltung an die Westmächte für die deutschen Vermögenswerte in Portugal festgelegt wurde.

Wie im Fall Portugals ist es wohl auch mit Rumänien zu keiner Einigung über das Raubgold gekommen. Auch hier dürfte der Kalte Krieg eine Rolle gespielt haben: Der Eiserne Vorhang schirmte politischen Druck des Westens ab, nachdem sich die rumänische Nationalbank anfangs sehr kooperativ gezeigt und im März 1946 33, 8 Mio. Dollar (142 Mio. Franken) an eingeführtem Raubgold ausgewiesen hatte. Trotz Protesten der Alliierten wurde es jedoch schon wenig später als Garantie für einen 50-Mio.-Dollar-Kredit eines schweizerisch-amerikanischen Bankenkonsortiums verwendet.

Mit den in Deutschland konfiszierten 220 Tonnen, 7 Tonnen aus Schweden und 50 aus der Schweiz verfügte die IARA 1946 über Gold im Wert von 311 Mio. Dollar (1, 3 Milliarden Franken); insgesamt wurden es 337 Millionen Dollar. Angemeldet wurden Ansprüche in der Höhe von 800 Mio. Dollar, wovon 514 Mio. Dollar als begründet anerkannt wurden; sie stammten von Holland, Albanien, der Tschechoslowakei, Griechenland, Jugoslawien sowie Frankreich, das Belgien und Luxemburg mit eigenem Gold entschädigt und dafür deren Ansprüche geerbt hatte. Dazu kamen die nicht der IARA angehörigen Staaten Polen, Italien und Österreich. Polen beanspruchte die Danziger Goldreserve und reklamierte ausserdem das seinen Bürgern gestohlene Edelmetall, insgesamt 138 Tonnen Gold. Die Forderungen Österreichs und Italiens an das in Deutschland gefundene Gold wurden zugelassen, nicht aber an die 250 Mio. Franken aus der Schweiz; die westlichen Alliierten hatten in Washington für die Mitglieder der IARA verhandelt, nicht für die Angehörigen der Achsenmächte. Dies be-

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deutete auch - in der gegenwärtigen Situation nicht unwichtig -, dass etwaige Ansprüche Italiens und Österreichs an die Schweiz durch das Washingtoner Abkommen offenbar nicht erledigt wurden.

Die Ende 1947 erfolgte Gleichstellung der Geburtsländer Hitlers und Mussolinis mit den lARA-Gründungs-mitgliedern und die Abfindung eines Teils ihrer Goldforderungen wurden möglich, weil die Zuteilung des Goldes nicht durch die IARA selbst erfolgte, sondern durch die «Tripartite Commission for the Restitution of Monetary Gold» der drei Westmächte. Diese richtete ihre Reparationspolitik zusehends nach den Erfordernissen des Kalten Kriegs aus: 1947 erhielt ausser Holland und Frankreich auch Österreich eine erste Lieferung (34 Tonnen). Nach dem kommunistischen Umsturz von 1948 musste dagegen die Tschechoslowakei bis 1981 warten, ehe sie 18, 4 Tonnen Gold (inzwischen in einem Wert von 230 Mio. Dollar) wieder in ihren Besitz bekam. Auch Polens Anspruch auf das Danziger Gold wurde erst 1976 gutgeheissen. Die Verhandlungen über das albanische Gold (1, 5 Tonnen) wurde 1996 abgeschlossen; mit der Verteilung von restlichen 5, 5 Tonnen an die übrigen Anspruchsberechtigten wird die IARA ihre Tätigkeit bald beenden.

Inzwischen wurde jedoch beschlossen, dass diese Gelder den Holocaust-Vermögen zugeschlagen und für humanitäre Zwecke eingesetzt werden sollten.

Den Niederlanden waren insgesamt 145 Tonnen Gold (110 der Zentralbank, 35 von Privaten) im Wert von 685 Mio. Franken geraubt worden; davon gelangten vermutlich 562 Mio. Franken - vorübergehend - in die Schweiz, was sich allerdings erst 1947, nach dem Washingtoner Abkommen, belegen liess. Mit den 71 Tonnen (337 Mio. Franken), die sie später über die IARA zurückerstattet erhielten, wa-

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ren die Holländer keineswegs zufrieden. 1948 verhandelten sie mit Spanien über geraubtes Zentralbankgold.

In der Schweiz lehnte der Bundesrat Verhandlungen im selben Jahr mit der Begründung ab: die «von der Nationalbank aus dem Besitz der Deutschen Reichsbank übernommenen Goldbarren» trügen nur zu einem «verschwindend kleinen Bruchteil holländische Prägestempel»; im übrigen sei auch das holländische Gold im Washingtoner Abkommen eingeschlossen. Mit einer ähnlichen Antwort wurde 1951 der niederländische Vorschlag eines Schiedsgerichts bedacht, worauf die holländische Regierung die Angelegenheit mit Bedauern für erledigt erklärte. Aus gegebenem Anlass prüft sie allerdings gegenwärtig erneut, ob Ansprüche an die Schweiz geltend gemacht werden können.

Bei den erwähnten polnischen Ansprüchen stellt sich bei jüdischem Goldbesitz generell das Problem privater Verluste. Artikel 8 der Pariser Konferenz besagte, dass 25 Mio. Dollar aus deutschen Guthaben und alles Gold, das nicht von Zentralbanken stammte, den «staatenlosen und nicht repatriierbaren Opfern des Nazismus» zur Verfügung gestellt werden sollten. Auch später wurde ungemünztes Gold zu diesem Zweck verwendet, das, etwa in der «Operation Sparkler» von 1946, in deutschen Verstecken zum Vorschein kam. Gleichwohl ist festzuhalten, dass die deutschen Raubzüge gegen private Goldbesitzer weder durch die IARA noch durch die in ihrem Namen abgeschlossenen Verträge erledigt wurden.

Die Geschichte der IARA und der «Tripartite Commis-sion» kann hoffentlich sehr bald geschrieben werden. Während des Kalten Kriegs blieben die Archive auch nach Anrufung der «Freedom of Information Act» geschlossen, wie Arthur L. Smith bei der Recherche für sein 1989 erschienenes Buch «Hitlers Gold» feststellen musste. Für die

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notwendige Aufbereitung der Raubgoldproblematik müssen noch etliche (Zentralbank-)Archive der Forschung zugänglich gemacht werden - nicht nur in der Schweiz.

Dennoch wird in der Schweiz die grundsätzliche Frage weiter diskutiert werden müssen, ob ihre Interessen im Krieg bei der SNB gut aufgehoben waren. Die Schweizerische Nationalbank-Direktoren haben bei ihrem hartnäckig als rein technisch interpretierten Wirken, das zu eigentlicher Kumpanei mit der Reichsbanfc führte, verkannt und verkennen wollen, wie politisch der Goldhandel mit Hitlerdeutschland war. Damit haben sie nicht nur die Schweizer Interessen bei den Siegermächten arg kompromittiert, sondern in der schwierigsten Zeit der deutschen Umklammerung auch darauf verzichtet, mit ihrem Pfunde zu wuchern. Der Zugang zu den konvertiblen Währung war das wichtigste wirtschaftliche Argument, das Hitler von der Eroberung der Schweiz abhielt. Dem damaligen SNB-Direktori-um kann seine politische Fahrlässigkeit im Goldhandel vorgehalten werden, die - ganz abgesehen von den moralischen Implikationen - noch viel grösseren aussenpoliti-schen Schaden hätte anrichten können, als sie tat - und tut.»

Die französische Zeitung «Nouvel Observateur» berichtete ihrerseits am 13. November 1996 und warnte davor, den beinahe täglich in der Presse zu lesenden «Geheimberichten» allzu viel Glauben zu schenken.

Auch in diesem Fall ist die Enthüllung keine und die Verteilung der 337 Tonnen Gold ist überhaupt nicht anrüchig, wie die Meldung in gewissen Medien den Eindruck erweckte. Die «Tripartite Commission for the Restitution of Monetary Gold» verteilte das in Deutschland beschlagnahmte sowie das von neutralen Staaten (einschliesslich der Schweiz) zurückerstattete Gold an die Nationalbanken, die von Deutschland beraubt worden waren. Diese Tätigkeit

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wurde erst dieses Jahr beendet, da die Verhandlungen mit Albanien (und anderen Staaten) durch den Kalten Krieg verzögert wurden. Die Informationspraxis der «Tripartite Commission» liess bisher tatsächlich sehr zu wünschen übrig. Aber über die - durchaus rechtmässige - Entschädigung der verschiedenen Nationalbanken konnte man jedoch in der Tagespresse oder in Büchern (z. B. Arthur Smith «Hitlers Gold», Oxford 1989) schon seit langem ein recht genaues Bild gewinnen.

Völlig falsch ist die Formulierung, der grösste Teil des Goldes stamme von Privatpersonen. Davon steht auch nichts im Artikel des «Nouvel Observateur», der bloss die Frage stellt, wie hoch der Anteil privaten Golds gewesen sei. Es bestehen keine Zweifel, dass der weit überwiegende Teil des Goldes aus Zentralbanken stammte. Die «Tripartite Commission» verteilte in der Tat auch nur gemünztes oder Barrengold (das teilweise von den Nazis umgeprägt worden war); das übrige Gold, besonders dasjenige aus den KZ (Zahngold, Schmuck), wurde für Hilfe an nicht repatriierbare Flüchtlinge eingesetzt und kam auf diese Art vorwiegend Juden zugute.

Unter dem Titel «Wieviel Shoa-Gelder hat die Schweiz?» schrieb der Wirtschaftsredaktor Beat Brenner in der NZZ vom 13.11.1996:

«Vor einem beachtlichen und sich nicht immer durch sonderlich fundierte Fachkenntnisse auszeichnenden in- und ausländischen Medienaufgebot haben am Dienstag nachmittag im Zürcher World Trade Center Alt-Bundesrat Leon Schlumpf, der Präsident der Stiftung Schweizerischer Bankenombudsmann, und Hanspeter Häni, Bankenom-budsmann, einen ersten Zwischenbericht in Sachen nachrichtenloser Gelder vorgelegt. Der seit 1993 existierende

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Bankenombudsmann firmiert seit dem 1. Januar 1996 auch als zentrale Anlaufstelle für die Suche von nachrichtenlosen Vermögenswerten bei Schweizer Banken. In seinen einführenden Worten machte ScA/w/np/deutlich, dass sich aus den nun für die ersten neun Monate präsentierten Abklärungen noch keine abschliessenden und gültigen Ergebnisse und Erkenntnisse ableiten liessen. Bis es soweit sei, könne es noch Jahre dauern. Schlumpf rief daneben noch-, mals das Pflichtenheft der Anlaufstelle in Erinnerung: Gegen eine Gebühr hilft die Anlaufstelle Rechtsnachfolgern früherer Bankkunden bei der Suche nach individuellen Ansprüchen. Die Gesuchsteller müssen ihr Interesse nicht beweisen, sondern lediglich glaubhaft machen. Suchobjekt sind Vermögenswerte bei rund 400 Banken, die seit mehr als 10 Jahren nachrichtenlos sind. Mit einer solchen Anlaufstelle wurde nach Auffassung Schlumpfs wohl weltweit Neuland betreten.

Wer nun der Ansicht ist, er habe Anspruch auf nachrichtenlose Vermögenswerte bei einer Schweizer Bank, der wendet sich - leider erst seit Jahresbeginn - an die Anlaufstelle. Bis zum 30. September unternahmen 2229 Anfrager diesen Schritt. Umgehend wurde ihnen laut Häni ein Fragebogen samt Merkblatt und Gebrauchsanweisung zugestellt. Der ausgefüllte Fragebogen ist, zusammen mit einem Bankscheck von 100 Franken dem Ombudsmann wieder zuzustellen. (Diese Gebühr soll Missbräuche verhindern; sie kann allerdings in besonderen Fällen erlassen werden, was bereits über hundertmal der Fall gewesen war). Bis Ende September sei weniger als die Hälfte der Fragebogen retourniert worden. Laut Ombudsmann Häni stammten bisher rund 70 Prozent der Anfragen von Angehörigen der Opfer des Nazi-Regimes. Bei 594 der 1055 Frageboden konnte auf Anhieb das Suchverfahren eingeleitet werden. Bei weiteren 298 waren Rückfragen nötig. 892

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Fragebogen konnten somit in diese Suche miteinbezogen werden, 159 waren Ende September bei der derzeit vier und ab Neujahr acht Personen beschäftigenden Anlaufstelle in Abklärung. Abgelehnt wurden drei Gesuche, weil der ursprüngliche Eigentümer in den letzten zehn Jahren offenbar doch Kontakt mit seiner Bank gehabt hat; ein weiteres Gesuch wurde zurückgezogen.»

Das «Wallstreet Journal», das vor Jahresfrist in Sachen Holocaust-Gelder in der Schweiz mit einer üblen Falschmeldung geglänzt hatte, umschrieb treffend die ungemütliche Situation der Schweiz:

Finden die Banken nicht genügend Geld von Nazi-Opfern in ihren Kellergewölben, so werde ihnen von US-Senator D'Amato und den Vertretern der jüdischen Familien vorgeworfen, sie forschten nicht energisch genug nach. Entdeckten sie indessen substantielle Summen, so würden sie dafür verdammt, die Nachforschungen nicht bereits früher zum Abschluss gebracht zu haben. Was substantielle Summen sind, steht für einige seit langem fest: 7 Milliarden Franken sollen es schon sein. Gehört damit die Schweiz an den Pranger, und wie verhält sich dieser Wert zu den rund 38 Millionen Franken an nachrichtenlosen Geldern, welche die Schweizer Banken in einer eigenen Untersuchung isoliert haben und diese auch eruierten?

Die Fragen sind differenziert zu beantworten. Die «Gnomen» haben Vermögenswerte eruiert, die vor 1945 bestanden hatten und bei denen spätestens seit 1985 Nachrichten-losigkeit besteht. Der Ombudsmann fahndet nach Werten, die vor mindestens zehn Jahren bei den Banken deponiert wurden und deren Eigentümer seither nichts mehr von sich hören liessen. Diese wesentlich breiter angelegte Untersuchung hat bis anhin im Zusammenhang mit Shoa-Geldern

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lediglich drei Anspruchsberechtigte hervorgebracht. Zu einem erheblichen Teil mag dies ein provisorisches Ergebnis sein. Bedenkt man aber die Sensibilisierung der jüdischen Opfer für dieses Thema, so hätte man eigentlich noch mehr erfolgreiche Anfragen und damit spektakulärere Ergebnisse erwartet.

Wird nun eine schludrige Arbeit des Ombudsmannes und der Banken ausgeschlossen - zumal jüdische Organisationen und Vertreter der Bankiervereinigung unter Führung des früheren Präsidenten der US-Notenbank, Paul Volcker, die Arbeit von Banken und Ombudsmann unter Beizug von Revisionsstellen und daneben die Behörden ebenfalls mit Argusaugen wachen -, so verbleibt nur eine Erklärung: Bei den isolierten 38 Mio. Franken scheint es mehrheitlich keine Rechtsnachfolger mehr zu geben. Früher oder später wird sich die Frage der Verteilung stellen. Naheliegend ist es, diese Gelder den Menschen aus der näheren Umgebung der Opfer zu geben. Der Nazi-Opfer sind viele, vorab Juden, aber auch Zigeuner, Kommunisten, Homosexuelle, geistig Behinderte und bekennende Christen - Menschen also, die aus heute kaum mehr vorstellbaren Gründen ihr lieben lassen mussten. In diesem Umfeld und vor diesem Hintergrund muss - neben der unerlässlichen geschichtlichen Aufarbeitung - ein Entscheid (unter Beizug von wem?) gefunden werden. Dies scheint momentan noch ein Nebenaspekt zu sein. Er rückt aber ins Blickfeld. Zu fordern ist eine würdige Lösung, die sich deutlich vom Geist der seit Monaten zu verzeichnenden Verleumdungen und unberechtigten Anwürfe gegen die Schweiz abhebt.», so die NZZ.

Den Schweizer Banken steht eine detaillierte Überprüfung ihrer Aktivitäten im Umgang mit nachrichtenlosen Vermögen aus der Nazi Zeit bevor; der Volcker-Ausschuss will dabei über die Kontrolle der bisherigen Abklärungen

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hinausgehen. Der vom ehemaligen Präsidenten der US-Notenbank, Paul Volcker, präsidierte Ausschuss jüdischer und schweizerischer Persönlichkeiten umreisst in einem zehnseitigen, überarbeiteten Entwurf das Mandat an die demnächst zu bestimmenden Treuhandfirmen. Einleitend wird an die Einsetzung des Ausschusses durch jüdische Organisationen und die Schweizerische Bankiervereinigung sowie an die bisherigen Abklärungen in der Schweiz über die nachrichtenlosen Vermögen erinnert. Was die von der Bankiervereinigung im vergangenen Jahr veranlasste Umfrage angeht, so weist das Papier darauf hin, dass sich das im Januar 1996 vom Bankendachverband veröffentlichte Zwischenresultat von 38, 7 Mio. Franken nachrichtenloser Gelder auf 775 Konten etwas erhöht habe. Einige Banken hätten weitere Konten und Vermögenswerte entdeckt, die nach Schätzungen der Bankiervereinigung den Gesamtbetrag der identifizierten nachrichtenlosen Vermögen um 10 Prozent erhöhen könnten.

Ziel des Ausschusses ist es, die aufgeworfenen Fragen um die auf Schweizer Banken deponierten Gelder von Nazi-Opfern so klar zu beantworten, wie es auf Grund der heute noch vorhandenen Unterlagen möglich ist, und zwar durch eine intensive Untersuchung, gestützt auf den uneingeschränkten Zugang zu den relevanten Schweizer Bankunterlagen und zum Personal. Auf die gleiche Art soll die bisherige Arbeit der Bankiervereinigung und der zentralen Anlaufstelle beim Bankenombudsmann unter die Lupe genommen werden. Zur Arbeit der Revisoren - gemäss der am 2. Mai in New York abgeschlossenen Grundsatzvereinbarung wird es sich um international tätige, von der Eidgenössischen Bankenkommission anerkannte Revisionsfirmen handeln - heisst es im Papier, es gehe nicht nur darum, bisher nicht bekannte nachrichtenlose Vermögenswerte zu

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bestimmen. Es sei auch zu untersuchen, ob es auf Schweizer Banken Konten gebe, die heute als nachrichtenlos erscheinen müssten, dies aber als Resultat von gesetzeswidrigen Handlungen nicht mehr seien. (Mit anderen Worten: Die Juden und die Amerikaner wollen uns freien Schweizern diktieren, wieviel Geld man - von woher es auch immer stammen möge - ihnen zur Verfügung stellen müsse!). Die Revisoren sollen sich deshalb von der Sorgfalt und Integrität der Aufbewahrung der Kontenunterlagen überzeugen, die Praktiken der Verzinsung und der Gebührenbelastung der nachrichtenlosen Konten überprüfen und umfassendes Datenmaterial über die Konten zusammentragen und eine Schätzung machen, wie hoch der Betrag gewesen sein könnte, den Personen, die von den Nazis verfolgt wurden, von 1934 bis 1946 auf Schweizer Banken deponiert hatten (offensichtlich genügen den jüdischen Organisationen die glaubhaften Angaben nicht. Sie wollen eine eigene, freie oder besser gesagt, willkürliche Schätzung anstellen, um möglichst noch mehr von den Schweizer Banken und der Eidgenossenschaft herauszupressen sic.). Zum Auftrag der Revisoren wird es weiter gehören, den Verdacht von vorsätzlichen oder fahrlässigen Verstössen bei der Aufbewahrung der Kontenunterlagen zu klären sowie allfällige Beweise für Unterschlagungen nachrichtenloser Vermögenswerte beizubringen.

Was bis jetzt vor allem aus der Küche des New Yorker Senators Alfonso D'Amato kam, ist eine Fülle von Anschuldigungen, die meist in der einen oder ändern Form schon früher erhoben worden sind. Trotzdem sind gerade in der Raubgold-Angelegenheit, ungeachtet der permanenten Anklagen, bisher einige Probleme ausgespart geblieben. Zum Beispiel half die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel (BIZ) nach dem Überfall auf Prag schon

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im Frühjahr 1939 den Deutschen, sich das in London liegende tschechische Gold anzueignen. Bei Kriegsanfang wurde die BIZ zur Drehscheibe, über welche die Deutschen das in den eroberten Ländern zusammengeraubte Gold in Devisen umtauschten. Hochkonjunktur hatten solche Geschäfte vor allem in der ersten Kriegsphase, als die Deutschen die Bank als Geschäftskanal nach Amerika benutzten.

Durch das Einfrieren der in den USA liegenden Guthaben der deutsch besetzten Länder 1940, sowie den Kriegseintritt Amerikas, ferner die vom Bundesrat 1942 erlassene generelle Bewilligungspflicht für den Goldhandel und nicht zuletzt durch die von den Alliierten ausgesprochene Warnung, sie würden nach ihrem Sieg all das von Deutschen geraubte Gold zurückfordern, kam dieser schwungvolle Handel praktisch zum Erliegen. Gian Trepp, der in einem 1993 erschienenen Buch den Aktivitäten der BIZ während des Krieges nachgegangen ist, wurde bei seinen Studien der Zugang zum Archiv der BIZ verweigert. Auf die dubiose Rolle der BIZ, die damals unter der Leitung des Amerikaners und Wall-Street-Strategen Thomas H. McKitterik stand, hat bis jetzt nur die Zeitschrift «Newsweek» hingewiesen.

Überraschen muss auch, dass gerade von amerikanischer Seite der Vorwurf erhoben wird, die Quellen in der Schweiz seien nicht oder nur sehr schwer zugänglich. Das mag in manchen Fällen stimmen. Aber auch die verantwortlichen Stellen der US-Administration zeigten bis vor kurzem keine Neigung zu einer toleranteren Praxis. Beispielsweise wurde der Zugang zum Document Center in Berlin von den bis zum Mauerfall die Bestände verwaltenden Amerikanern strikt abgelehnt, wenn es sich bei einem Gesuchsteller um einen Journalisten handelte.

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Ähnlich reagierten die Behörden in den USA, wo weitere Bestände mit Nazi-Dokumenten liegen. Wer nicht sein rein wissenschaftliches Interesse an der Einsicht in die Dokumentationen begründen konnte, kam kaum an der Bürokratie vorbei. Es mutet deshalb eigenartig (und heuchlerisch) an, dass jetzt von Amerika aus der Vorwurf erhoben wird, die Schweizer versperrten den Zugang zu den Quellen. Wenn es wirklich interessante neue Hinweise geben sollte, lagern sie, so ist zu vermuten, viel eher in den Vereinigten Staaten als in der Schweiz. Jahrelang sassen die Kongressabgeordneten und ihre Mitarbeiter auf den Akten, ohne sich um Abklärung zu kümmern.

Die Schweiz hat auf die gegen sie erhobenen Vorwürfe schon vor Wochen reagiert und beschlossen, eine Untersu-chungskommission mit besonderen Vollmachten einzusetzen, die nach der für den Dezember vorgesehenen Verabschiedung durch den Ständerat ihre Tätigkeit aufnehmen kann. Parallel dazu werden Untersuchungen auch von einer durch Paul Volcker, den ehemaligen Vorsitzenden des US Federal Reserve Board, geführten Gruppe vorgenommen, in der Vertreter der Banken und jüdischer Organisationen sitzen. Zudem ist von der Schweiz zur Untersuchung der Entschädigungsabkommen mit den Oststaaten zusätzlich eine Task Force ernannt worden. Zumindest an der schweizerischen Bereitschaft zur Aufklärung kann man nicht zweifeln.

Trotzdem geht die Kampagne gegen die Schweiz fast pausenlos weiter, zum Teil mit immer abstruseren Ansinnen. Nachdem die erhobenen Anschuldigungen am Anfang lediglich zur Kenntnis genommen worden sind, weil man richtigerweise den Untersuchungen nicht vorgreifen wollte, vermehren sich jetzt Stimmen des Unmutes und der Verär-

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gerung. Es ist bedauerlich, dass Senator D'Amato nicht ein-zusehen scheint, dass er mit einem Weitertreiben seiner mehr und mehr agitatorische Züge annehmenden ständigen Verunglimpfung der Schweiz der Sache, die er zu verfechten vorgibt, mehr schadet als nützt. Eine weitere Verhärtung der Positionen muss vermieden werden. Die Schweiz selber hat ein grosses Interesse daran, dass nun in die umstrittene Frage des Raubgoldes wie auch der ändern Vorwürfe, die erhoben worden sind, nach 50 Jahren endlich Klarheit gebracht wird.

Um jedoch zu eindeutigen Ergebnissen zu gelangen, braucht es Zeit. Das zu untersuchende Geschehen liegt fast zwei Generationen zurück. Wer sich je mit Archivarbeit befasst hat, weiss um die Schwierigkeiten einer solchen Untersuchung. Akten und Dokumente müssen überprüft, Augenzeugen von damals befragt und die Aussagen in einen Gesamtzusammenhang eingeordnet werden. Es sei hier nur erinnert an das von Linus von Castelmur 1992 publizierte Buch über die schweizerisch-alliierten Finanzbeziehungen, das als Vorbild für eine solche Untersuchung angesehen werden kann. Auf über 400 Seiten wird das komplexe Thema - die Behandlung des Raubgoldes, die von der Schweiz den Alliierten nach langem Ringen bezahlte Summe von 250 Mio. Franken, Zusammenhänge mit der von der Schweiz den Deutschen abverlangten Clearing-Milliarde für gestundete Lieferungen während des Krieges und vieles andere mehr - eingehend dargestellt.

Es lässt sich voraussehen, dass es in jedem Falle - auch wenn man einen Zwischenbericht einschalten sollte - eine langwierige Arbeit werden wird. Mit einer Untersuchung im Eiltempo, wie sie anfänglich von verschiedenen Seiten kategorisch verlangt wurde, ist niemandem gedient. Auf diese Weise riskiert man nur, dass die Sache weiter mottet

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Und in der nächsten oder übernächsten Generation wieder auftaucht.

. Klärend wäre auch ein Wort des gesamten Bundesrates in dieser Frage. Bisher haben sich bereits einzelne Mitglieder der Landesregierung kritisch zu der ausufernden Kampagne geäussert, die im Augenblick von D'Amato gegen die Schweiz betrieben wird. Von mehr Gewicht wäre eine gemeinsame Erklärung des Bundesrates. Die Agitation hat ein nur noch schwer erträgliches Ausmass angenommen. Es geht nahe an die Grenze, der Schweiz eine «Kollektivschuld» aufzubürden. Das sei eine Ungeheuerlichkeit angesichts der ungezählten Schweizerinnen und Schweizer, die sich im letzten Kriege, ungeachtet aller Schwierigkeiten, selbstlos in den Dienst der Menschlichkeit gestellt haben, stellte Alfred Cattani von der NZZ fest.

«Jetzt ist es etwas stiller geworden um das Raubgold in der Schweiz» - ein unerwarteter Satz am Schluss eines Dokumentarfilms, der doch einige Aktualität beanspruchen darf. Thomas Boumberger hatte den Film «Lockruf des Goldes» jedoch bereits 1989 gedreht, als Beitrag zur Reihe «Spuren der Zeit». Die Spuren, 1985 vor allem durch Werner Rings freigelegt, waren bereits wieder stark verwischt, und auch dieser Film konnte nicht verhindern, dass eine schnellebige Medienwelt 1996 reagierte, als hätte es sie nie gegeben. Das Interessante an dieser Neuausstrahlung auf 3sat ist nun gerade, dass der Film seine Aktualität behalten hat - die Fakten sind weitgehend dieselben, die seit Wochen «aufgedeckt» werden. Stark verändert hat sich jedoch das Umfeld: Aus einer schweizerischen Geschichts-debatte ist ein internationaler Skandal geworden, zumal «Raubgold» nun mit «nachrichtenlosen Vermögen» assoziiert wird. So verschieden die zwei Komplexe rein sachlich sind, sie fordern beide die schmerzvolle und hilfreiche

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Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, mit dem eigenen Selbstverständnis.

Dabei hat es in der Vergangenheit nicht an derartigen Versuchen gefehlt: Buombergers Film stellte im Jahre 1989 die wesentlichen Fragen und beklagte, dass die Nationalbank dem Lockruf des Goldes so leichtfertig erlegen sei. Bewusst überhört wurden die Warnungen, die aus Schweden, Frankreich, den USA und der Schweiz selbst erklangen. Schon Bundesrat Nobs, der seit 1943 Vorsteher des Finanzdepartements war, ahnte dass das Gewissen der Nationalbankdirektoren so rein nicht sein konnte und verlangte 1944 eine Aufstellung ihrer Transaktionen, er hat sie nie erhalten. Ist Gold von KZ-Opfern in die Schweiz gelangt? Das lässt sich schwer belegen, aber ebensowenig ausschliessen. Der Kommandant von Auschwitz Rudolf Hess, zitiert Eichmann, wonach die Schweiz als «Pretiosenmarkt» diente. Weshalb liess sich die Schweiz auf diese riskanten, moralisch fragwürdigen Goldgeschäfte ein, die 90 Prozent der Devisenbedürfnisse Hitlerdeutschlands deckten? Der Film liefert verschiedene Antworten: Die Nationalbank verdiente nach Schätzungen von Nobs 50 Millionen Franken durch die Transaktionen: die Exportindustrie, weitgehend auf Deutschland ausgerichtet, betrachtete das Gold als einzige Garantie für Arbeitsplätze, Aufträge und Zahlungen, Keineswegs sekundär waren die freundschaftlichen Beziehungen der Schweizer Bankiers zu Exponenten der Reichsbank wie Vizepräsident Egon Puhl.

Persönliche Erinnerungen und einzelne Dokumente ergänzen denn auch die anonymen Zahlen und politischen Fakten zu einem anschaulichen Bild. Amerikanische Protokolle beschreiben, wie der Schweizer Gesandte in Tränen ausbricht, als seiner Heimat die Wirtschaftsblockade angedroht wird - schon damals standen sich moralischer Anspruch und mit Not und Bedrängnis begründete Pragmatik

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verständnislos gegenüber. Ebenfalls gezeigt werden Auszüge aus dem Disziplinarverfahren, das gegen Nationalbankdirektor Alfred Hirs erwogen wird, den Unglücksraben der Washingtoner Konferenz. Nachdem dessen Lügen die Schweizer Position arg kompromittiert hatten, verhandelte Delegationsleiter Stucki im Alleingang mit den Alliierten. Der ehemalige Diplomat Schneeberger erinnert sich, wie die anderen Delegierten währenddessen ihre Zeit totschlugen: Professor Rappard besuchte Kalifornien, sein Kollege Schindler hielt Vorträge an der Ostküste und die übrigen, gut schweizerisch, jassen.

Die 250 Millionen Franken welche Stucki schliesslich den Alliierten als Entschädigung für das Raubgold zugestand, werden heute als kleinliche Abspeisung kritisiert. Damals wurde die Summe vor allem von bürgerlicher Seite als schmählicher, widerrechtlicher Ausverkauf beklagt. Den Zeitgeist erhellen die im Originalton wiedergegebenen Argumente Stuckis, mit denen er für das Washingtoner Abkommen warb. Bei einem Scheitern habe man einen Prozess vor amerikanischen Gerichten zu befürchten und eine Pressekampagne gegen die Raubgold-Hehler, welche den guten Ruf der Schweiz demolieren würde. Auch sollten die befreundeten Staaten Holland, Frankreich, Norwegen und Dänemark nicht den Eindruck gewinnen, die Schweiz habe von dem Gold profitiert, das ihnen die Deutschen gestohlen hatten. Heute, nach fünfzig Jähren sind Stuckis Worte wiedör hochaktuell», so die Rezension der NZZ.

Am 19. Dezember 1996 nahm der Bundesrat einen zweiten Anlauf nach der Suche nach Raubgold und Fluchtgeldern. In einer Presseerklärung benannte der Bundesrat einen Präsidenten für die Expertenkommission, welche die Problematik der wegen der Naziherrschaft in die Schweiz gelangten jüdischen und anderen Vermögenswerte abklären soll. Das von Jean-Fran9ois Bergier präsidierte Gremium

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zählt acht Männer und eine Frau, fünf Schweizer und vier Ausländer. Acht der Experten sind Fachhistoriker, und der neunte ist Jurist.

Bundespräsident Jean-Pascal Delamuraz persönlich hat die Namen der Experten bekanntgegeben, was der Sache durchaus angemessen ist und zudem den für das Geschäft direkt Verantwortlichen, Ruth Dreifiiss und Flavio Cotti, die Peinlichkeit ersparte, vor den Medien die Gründe für den Fehlstart am Vortag plausibel erklären zu müssen. Das Geschäft hatte kurzfristig verschoben werden müssen, weil kein Präsident zur Verfügung stand. Wegen der suboptimalen Kommunikation zwischen EDA und EDI wurde der Widerstand der Innenministerin gegen den im Aussenmi-nisterium favorisierten Freiburger Historiker Urs Altermatt im EDA entweder unterschätzt oder aber im EDI zu lange zu wenig deutlich artikuliert. Weil er zu Recht die ungeteilte Unterstützung durch den Bundesrat zur Bedingung einer allfälligen Wahl machte, meldete sich Altermatt als Kandidat für das Präsidium ab und liess sich auch nicht durch die eher von der Panik als der Vernunft diktierten Telefonanrufe aus der Bundesratssitzung umstimmen.

Über Nacht gelang es dann, den Wirtschafts- und Sozialhistoriker Jean-Frangois Bergier für dieses schwierige Amt zu gewinnen, und der Bundesrat konnte nach einer kurzen Zusammenkunft die Mitglieder der Expertenkommission bekanntgeben. Delamuraz dankte den neun einstimmig gewählten Persönlichkeiten, dass sie ihre Zeit und ihr Wissen für diese wichtige Mission zur Verfügung stellten. Der Bundespräsident sprach von einer komplexen Aufgabe, zu deren Erfüllung es auch viel Einfühlungsvermögen brauche. Das Gremium werde in völliger Unabhängigkeit sein Mandat ausführen und die Organisation und Delegation der Arbeit in eigener Kompetenz vornehmen. Die Schweiz sei

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an der Wahrheit über ihre Vergangenheit interessiert. Die Experten und die von ihnen beigezogenen wissenschaftlichen Mitarbeiter sollen in längstens fünf Jahren Umfang und Schicksal der nachrichtenlosen Vermögen, Raubgüter aller Art und Fluchtgelder abklären, die während der Nazizeit in und durch die Schweiz gelangten. Abgeklärt werden soll auch, ob es allenfalls Zusammenhänge gibt zwischen dieser Wirtschafts- und Finanzthematik und der damaligen Flüchtlingspolitik.

Rechtsgrundlage für diesen weit gefassten Forschungsauftrag ist der «Bundesbeschluss betreffend die historische und rechtliche Untersuchung des Schicksals der infolge der nationalsozialistischen Herrschaft in die Schweiz gelangten Vermögenswerte», den das Parlament in der Wintersession verabschiedet und als dringlich erklärt hatte, womit er sofort rechtskräftig wurde. Die Kommission erhält Zugang zu allen Akten, und sie kann auch Zeitzeugen befragen. Die Pflicht zur Gewährung von Akteneinsicht geht jeder gesetzlichen und vertraglichen Geheimhaltung vor. Die mit der Untersuchung betrauten Personen unterstehen aber dem Amtsgeheimnis. Das Parlament schränkte auch den Persönlichkeitsschutz ein, indem im Unterschied zu Streitigkeiten bei der Aktenaufbewahrung und der Akteneinsicht solche über die Veröffentlichung von Personendaten vor Gericht nicht angefochten werden können. Dadurch soll die integrale Publikation der Untersuchungsergebnisse sichergestellt werden. '

Jean-Franfois Bergier ist Professor für Geschichte und Direktor des Instituts für Geschichte an der ETH Zürich. Der 1931 geborene Waadtländer war nach Studien in Lausanne, Paris und Genf sowie weiteren Aufenthalten an ausländischen Universitäten von 1963 bis 1969 Professor in Genf, bevor er an der ETH den Lehrstuhl Jean-Rudolf von

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Salis übernahm. Gemäss der ursprünglichen Umschreibung dieser Professur liest er in französischer Sprache.

Das Gebiet von Bergiers Lehre und Forschung ist weit, doch liegen Schwerpunkte in der Wirtschaftsgeschichte der Schweiz. In seiner Dissertation hatte er die Genfer Märkte und die Handelsbeziehungen der Renaissance untersucht. Weitere Werke waren dann eine Geschichte der Industrialisierung der Schweiz, eine Geschichte des Salzes, eine von den Anfängen bis zur Gegenwart reichende Wirtschaftsgeschichte der Schweiz, aber auch eine Monographie über Realität und Mythos von Wilhelm Teil. Speziell mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs befasste sich der weit bewanderte Historiker als Hauptbearbeiter des Bandes 1939/1940 der «Diplomatischen Dokumente der Schweiz». Für den im Jubiläumsjahr 1991 erschienenen Repräsentativband «Die schweizerische Wirtschaft» wirkte er als Redaktionsleiter.

Die drei weiteren schweizerischen Historiker in der Kommission waren im Vorfeld der Wahl alle im Gespräch gewesen. Die nun erfolgte Ansammlung ihrer zeitgeschichtlichen Kompetenz lässt höchstens die Frage aufkommen, ob eine gewisse Trennung zwischen Aufsicht und Durchführung - wenn erwünscht - noch konsequent realisierbar wäre.

Georg Kreis ist seit 1986 ausserordentlicher Professor für Geschichte und seit 1993 Direktor des neu gegründeten Europa-Instituts an der Universität Basel. Er wurde 1943 geboren, schloss sein Studium mit einer Dissertation über die Pressepolitik im Zweiten Weltkrieg ab und hat seither zahlreiche weitere Arbeiten zur neueren und jüngsten Schweizer Geschichte publiziert. Zu den Themen gehören der militär- und neutralitätspolitische Komplex des Akten-

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funds von La Charite, die Entwicklung der Universität Basel, «kulturelle Vielfalt und nationale Identität» - er leitete das betreffende Nationale Forschungsprogramm - wie auch der Staatsschutz, den er nach der Fichenaffäre in öffentlichem Auftrag untersuchte. Im Jahre 1995 wurde Kreis Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus.

Der 1952 in Basel geborene Jacques Picard ist Dozent an der Ingenieurschule Biel. Er ist bekannt geworden durch seine umfangreiche Berner Dissertation «Die Schweiz und die Juden 1933-45». Kürzlich erschien die deutsche Fassung eines Gutachtens für einen englischen Auftraggeber über das Schicksal der Vermögen Verfolgter in der Schweiz. Willkommen war dem Wahlorgan gewiss auch Picards jüdische Herkunft.

Jakob Tanner, 1950 geboren, wirkt seit letztem Jahr als Professor in Bielefeld, ist Sozial- und Wirtschaftshistoriker. In seiner Zürcher Dissertation über die Finanz- und Wirtschaftspolitik zwischen 1938 und 1953 behandelte er unter anderem das Verhalten der Nationalbank. Unter dem Titel «Fabrikmahlzeit» soll 1997 eine arbeits- und ernährungswissenschaftliche Studie erscheinen. Tanner war als Assistent und Privatdozent vor allem in Basel tätig, die Universität Zürich hat ihn für die Nachfolge seines Lehrers Professor Rudolf Braun angefragt.

Der Zeithistoriker Saul Friedlaender wurde 1932 in der Tschechoslowakei geboren und ist heute israelischer Staatsbürger. Er ist ein Spezialist für internationale Beziehungen und für Fragen des Zweiten Weltkrieges. Als Geschichts-professor wirkte und wirkt er in den Vereinigten Staaten, in der Schweiz und in Israel. Friedlaender veröffentlichte

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zahlreiche zeitgeschichtliche Werke. Bekannt sind unter anderem «Pius XII» und «Hitler and the USA».

Der 1956 geborene Brite Harold James gehört zu den führenden Wirtschaftshistorikern, die sich mit der Wirtschafts- und Bankengeschichte Deutschlands vorab in der Zwischenkriegszeit befasst haben. James wirkt derzeit als Professor für Geschichte an der renommierten amerikanischen Universität Princeton (New Jersey). 1996 lehrte er auch noch als Gastdozent am Genfer Institut Universitaire des Hautes Etudes internationales. Sein Grundstudium absolvierte James in seinem Heimatland an der Cambridge University; dazu kamen Forschungsaufenthalte am Institut für europäische Geschichte in Mainz und am Wiener Institut für die Wissenschaft vom Menschen. James verfas-ste u. a. die Bücher «The Reichsbank and Public Finance in Germany 1924-1933: A Study of the Politics of Economics during the Great Depression» (Frankfurt/Main, 1985) und «The German Slump: Politics and Economics 1924-1936» (Oxford, 1986). Zudem war er auch als Autor an dem 1995 erschienenen und vielbeachteten Buch «Deutsche Bank 1870-1995» beteiligt.

Die 1941 in New York geborene und an der amerikanischen Stanford University ausgebildete Historikerin Sybil Milton ist seit 1991 als «Senior Resident Historian» beim United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. tätig. Frau Milton, die bereits in Stanford moderne deutsche Geschichte studiert hatte, hat sich bei ihrer intensiven Arbeit als Forscherin und Archivarin auf die Dokumentation der Verfolgung der Juden und Zigeuner sowie des Schicksals anderer Opfer des Naziterrors befasst. Dabei setzte sie sich auch mit der Flüchtlingspolitik der Schweiz auseinander. Milton ist Autorin, Mitverfasserin und

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Herausgeberin zahlreicher Publikationen, wie auch das vom Wiesenthal Center herausgegebene Annuals.

Der Schriftsteller, Historiker und Diplomat Wladyslaw Bartoszewski geniesst in Polen hohe fachliche und moralische Autorität. In seiner bewegten Lebensgeschichte verbrachte er, 1922 geboren, als Achzehnjähriger zwei Jahre als politischer Häftling in Auschwitz und diente 1942-45 in der polnischen Heimatarmee. Mit zahlreichen wissenschaftlichen und literarischen Arbeiten, darunter für die angesehene katholische Wochenzeitung «Tygodnik Pow-szechny», aber auch mit internationalen Publikationen, erwarb er sich durch seinen engagierten Einsatz für humanistische Ideale einen Ruf, der weit über die Landesgrenzen hinausreicht.

Einziger Nicht-Historiker in der neunköpfigen Expertenkommission ist der 73jährige Jurist Joseph Voyame. Voyame war von 1973-1988 Direktor des Bundesamtes für Justiz. Er verfügt über Erfahrung auf internationaler Ebene. So stand er etwa von 1987 bis 1993 der Uno-Kommission gegen Folter vor und engagierte sich ausserdem in den Uno-Menschenrechten. Er war als Sonderberichterstatter in Rumänien tätig und wirkte als Exekutivdirektor des Men-schenrechtsinstituts in Bukarest. Er ist ferner Mitglied der Kommission gegen Rassismus und Intoleranz des Europarates.

Der Jüdische Weltkongress (WJC) hat auf die Ernennung der neunköpfigen Expertenkommission zu den nachrichtenlosen Vermögen kühl reagiert. Die Kommission sei ohne Konsultation des WJC eingesetzt worden, eines ihrer Mitglieder, der Brite James, gar befangen, hiess es (Welche arrogante Einmischung und Überheblichkeit einem fremden

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und souveränen Land gegenüber). Zur Ernennung ohne Konsultation anderer Institutionen habe der Bundesrat ein gutes Recht, fuhr jedoch WJC-Geschäftsleiter Elan Steinberg auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda fort.

Von den neun Kommissionsmitgliedern, meinte Steinberg, betrachte der WJC Sybil Milton, den israelischen Historiker Saul Friedlaender und den Schweizer Historiker Jacques Picard als ausgezeichnete Ernennungen. Der britische Geschichtsforscher Harold James indessen sei «völlig unakzeptabel, weil er bereits viele Aspekte im voraus und vorschnell beurteilt habe.» Gemeint sind wohl die oft den Juden nicht angenehmen Forschungsergebnisse des Briten.

Innert Monatsfrist haben die beiden Historiker Peter Hug und Marc Perrenoud im Auftrag der EDA-Task Force «Vermögenswerte Naziopfer» den Fragenkomplex Vermögen von Nazi-Opfern und Entschädigungsabkommen mit Oststaaten aufgearbeitet. In ihrem detaillierten, 145 Seiten starken Bericht stützen sie sich ausschliesslich auf die Akten des Schweizerischen Bundesarchivs. Die Autoren verweisen denn auch ausdrücklich darauf, dass ihr Bericht ergänzt werden müsse, dass sich die soeben bestimmte Expertenkommission erneut mit diesem Aspekt der nachrichtenlos gebliebenen Vermögen von Shoa-Opfern auseinanderzusetzen habe.

Der Bericht rollt auf, wie die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg die Forderung der Westalliierten ablehnte, nachrichtenlose Vermögen seien ihnen auszuhändigen für Hilfs-zahlungen am Shoa-Überlebende. Die Schweiz verwies auf das internationale Privatrecht, wonach der letzte Wohnsitzstaat einen Heimfallanspruch auf die erbenlose Hinterlassenschaft eines verschollenen Erblassers hat. Die historische Analyse zeichnet nach, wie es zu den Abkommen mit

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Polen (1949), mit Ungarn (1950) und Rumänien (1951) gekommen war. In diesen Abkommen verpflichteten sich die Oststaaten, Entschädigungen auszurichten für Schweizer, deren Vermögen enteignet und verstaatlicht worden war. Die Schweiz ihrerseits sicherte diesen Staaten zu - den Normen des internationalen Privatrechts folgend -, deren Ansprüche auf nachrichtenlose Vermögen von Personen, die ihren Wohnsitz im jeweiligen Staat hatten, zu respektieren. Die Regierungen aller drei Staaten anerkannten ihre Haftung, für den Fall, dass doch noch Berechtigte auftauchen sollten.

Gestützt auf das Polen-Abkommen liess der Bundesrat 1960 Gelder aus nachrichtenlosen Vermögen in der Höhe von 16 000 Franken auf das Konto «N» der Polnischen Nationalbank bei der Schweizerischen Nationalbank überweisen. 1962 erging dann in der Schweiz - u. a. ausgelöst durch weitere diplomatische Demarchen von osteuropäischen Staaten - der Bundesbeschluss über die in der Schweiz befindlichen Vermögen rassisch, religiös oder politisch verfolgter Ausländer oder Staatenloser. Dieser sogenannte Meldebeschluss führte eine Meldepflicht für die Verwahrer von Vermögenswerten ein, von denen seit 1945 zuverlässige Nachrichten fehlten.

In der Folge meldeten die schweizerischen Vermögensverwalter der Meldestelle im Justizdepartement vakante Vemögen in der Höhe von nahezu 10 Millionen Franken. Etwas mehr als die Hälfte davon (5, 4 Millionen) verblieb allerdings bei den Vermögensverwaltern, da sie von der Meldestelle als ausserhalb des Meldebeschlusses liegend eingestuft wurden. Ein unbekannter Teil dieser 5, 4 Millionen - hier wird die Expertenkommission noch nachzuforschen haben - wurde von den Vermögensverwaltern direkt

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an Berechtigte ausbezahlt. Knappe 1, 5 Millionen des Fonds konnten durch die Meldestelle an Berechtigte vermittelt werden. 3, 18 Millionen gingen zu zwei Dritteln an den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund und zu einem Drittel an die Zentralstelle für Flüchtlingshilfe.

Aus dem Fonds «erblose Vermögen» wurden aber auch Transferzahlungen an Polen (464 000 Franken) und Ungarn (325 000 Franken) getätigt - gestützt auf die genannten Abkommen, aber ohne ausreichende Rechtsgrundlagen in der Schweiz, wie der Historikerbericht moniert. Kritisch verzeichnet der Bericht auch die Schweizer Praxis, den Oststaaten auf keinen Fall Auskunft über die ursprünglichen Kontoinhaber zu gewähren. Der Grund für diese Haltung lag darin, dass man in der Schweiz befürchtete, jenseits des «Eisernen Vorhangs» könnten allfällige Berechtigte sonst gefährdet sein. Ohne ausreichende Rechtsgrundlage, so der Bericht, wurde schliesslich durch Präsidialverfügung des Bundespräsidenten entschieden, bei nachrichtenlosen Vermögen von Einlegern aus Oststaaten (Albanien, Bulgarien, Ungarn, Polen, DDR, Rumänien, Sowjetunion, Tschechoslowakei, Jugoslawien) auf einen Erbenruf zu verzichten und die Gelder direkt in den Fonds «erblose Vermögen» zu leiten.

Man muss dazu anmerken, dass, hätte die Schweizer Regierung die damaligen, in den Oststaaten lebenden Konteninhaber mit ihren Guthaben preisgegeben, die Gelder damals von den Diktatoren konfisziert worden wären. Bestimmt aber wären jene Begünstigten so lange und so arg unter Druck gesetzt worden, bis sie die Einwilligung eines Zahlungstransfers an ein Ostbankinstitut geleistet hätten.

Bei der Präsentation des Berichts betonte Peter Hug als Co-Autor indessen, dass die getätigten Finanztransfers an Polen und Ungarn an den Rechten der ursprünglichen

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Eigentümer nichts ändern. Wenn sich also heute Berechtigte finden, müssen diese jedenfalls ausbezahlt werden. Laut Hug haftet im Fall der polnischen Gelder die polnische Regierung. Im Fall Ungarn und für alle anderen Gelder, die in den Fonds «erblose Vermögen» geflossen sind, haftet die Schweiz. Für die vakanten Vermögenswerte, die durch das Meldeverfahren nicht erfasst wurden, haften die Vermögensverwalter.

Anhand konkreter Fallbeispiele, die sich auf Akten des Bundesarchivs stützen, führt der Bericht die Schwierigkeiten vor Augen, mit denen die Geltendmachung von (mut-masslichen) Ansprüchen verbunden war. Geschildert wird u. a. ein Fall, der die Problematik zeigt, wenn ein Vermögen ohne Kundenkontakt in den Reservefonds einer Bank einverleibt wird. Der Bericht empfiehlt, nun systematisch nach weiteren Kündigungen von Bankeinlagen zu suchen, die ohne Kundenkontakt geblieben sind. Weiter empfehlen die Autoren, «die,im Schweizerischen Bundesarchiv integral erhaltenen und wohlgeordneten Dossiers der gemeldeten vakanten Vermögen von Einlegern aus Oststaaten zu überprüfen und unverzüglich nach allenfalls überlebenden Ansprechern zu suchen». Angesichts der jahrzehntelangen Versäumnisse, formulieren die Autoren in ihren Empfehlungen etwas breitspurig, seien weitere Schritte zu prüfen, «die dem heutigen Gerechtigkeitsempfinden Rechnung tragen». Dazu gehörten weitere historische Forschungen und konkrete «Wiedergutmachungsmassnahmen».

Weiter führen die beiden Historiker aus, es bestehe die starke Vermutung, dass für die oben genannten Akte der Schweizer Regierung keine ausreichende Rechtsgrundlage bestand und dass die Vermögensverwalter strafrechtlich relevante Unterlassungen begangen haben könnten. Daraus müssten Schlussfolgerungen für eine effizientere Ausge-

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staltung der Verwaltungskontrolle und der Bankenaufsicht gezogen werden, meinten die Berichtsverfasser.

Mitte Dezemberl996 kommentierte die Schweizerische Nationalbank (SNB), dass sie als Motive für den Goldhandel während des Weltkriegs stabilitätspolitische Überlegungen des damaligen Direktoriums und dessen Willen sieht, einen intakten Finanzplatz als Beitrag zur Landesverteidigung zu erhalten. Es gebe keine Hinweise dafür, dass Gold aus Konzentrationslagern angekauft wurde.

Vizepräsident Jean-Pierre Roth gab einen kürzen Überblick über die Goldgeschäfte der Schweizerischen Nationalbank (SNB) im Krieg. Er wies darauf hin, dass die SNB in sehr schwierigen Zeiten einen Beitrag zur Landesverteidigung geleistet habe, indem sie das Vertrauen in den Franken aufrechterhielt. Einerseits konnte eine Inflation verhindert werden, die wie im Ersten Weltkrieg vor allem Kreise mit schlechteren Einkommensverhältnissen getroffen hätte; anderseits lag ein intakter Finanzplatz im Interesse aller Kriegsparteien und wirkte insofern dissuasiv gegen Hitler.

Die SNB betrieb während des Krieges mit verschiedenen anderen «Nationalbanken» Goldhandel, um der Nachfrage aller Kriegsparteien nach Schweizerfranken nachzukommen. Aus diesen Geschäften wies die SNB einen Gold-überschuss in Höhe von 2619 Mio. Franken aus, davon wurde Gold im Wert von 883 Mio. Franken an Bund und Geschäftsbanken weiterverkauft. Insgesamt erhöhte sich der Goldbestand der Nationalbank während des Krieges also um 1736 Mio. Franken. Die Geschäfte mit dem Dritten Reich und den USA unterschieden sich in einem währungspolitisch zentralen Punkt: Die Lieferungen aus Deutschland gelangten physisch in die Schweiz, während das Goldgut-

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haben in Amerika blockiert blieb; somit stand es nicht zur Verfügung, um Importe oder Liquiditätsüberschüsse auf dem Schweizer Markt durch Goldverkäufe zu begleichen.

Roth betonte, dass es keinerlei Hinweise dafür gebe, dass sich bei den Lieferungen aus Deutschland Gold aus KZ befunden habe. Nachforschungen hätten auch gezeigt, dass sich keine Goldbarren mit deutschen Stempeln mehr im Besitz der SNB befinden; ebensowenig besitze die SNB noch Goldbarren anderer Länder, die, von Deutschland geraubt, in die Schweiz gelangten. Der grösste Teil des aus Deutschland eingeführten Goldes wurde schon im Krieg oder danach im Rahmen der üblichen Goldtransaktionen an ausländische Zentralbanken weiterverkauft, der Rest diente nach dem Krieg, wie Barren anderer Herkunft auch, für die Prägung von Münzen, durch deren Verkauf auf dem freien Markt Schweizerfranken aus dem Verkehr gezogen wurden.

Ausdrücklich festgehalten wurde ebenfalls, dass die SNB nur die üblichen Zentralbankgeschäfte betrieb: Goldkäufe gegen Schweizerfranken und Goldtransaktionen zwischen den Depots anderer Zentralbanken bei der SNB. Sie nahm also keine Golddepots von Privaten an. Wie Roth weiter erläuterte, betrug der Gewinn aus den Goldoperationen, welche die SNB mit der Reichsbank zwischen 1933 und 1945 tätigte, nach neuen Schätzungen der SNB höchstens 20 Mio. Franken.

Die Höhe dieser Summe ist insofern von Bedeutung, als die SNB-Gewinne aus dem Goldhandel in letzter Zeit als Grundstock eines - wie auch immer zu benennenden -Entschädigungsfonds gehandelt werden. Dabei ging man bisher entsprechend einer Äusserung des ehemaligen Bundesrats Nobs von 50 Mio. Franken aus. Bei dieser Summe

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dürfte es sich allerdings um die Erträge aus dem gesamten Goldhandel im Krieg handeln, also auch aus demjenigen mit den Alliierten. Bei den Überlegungen um einen allfälligen Fonds müsste aber bedacht werden, dass nicht nur die Goldtransaktionen der SNB mit der Reichsbank umstritten sind, sondern auch diejenigen mit Drittstaaten wie Portugal, Spanien und Rumänien mitberücksichtigt werden sollten.

Diskutabel ist der Standpunkt der SNB, ihr damaliger Goldhandel sei als Teil der Landesverteidigung aufgefasst worden und aus stabilitätspolitischen Überlegungen unumgänglich gewesen. Natürlich muss dann die Frage gestellt werden, weshalb denn dann der Bundesrat von der SNB über das dissuasive Potential der Transaktionen nicht aufgeklärt und dieses wichtige Verhandlungsargument den Unterhändlern vorenthalten wurde, die mit den Deutschen um das wirtschaftliche Überleben rangen? Und ist eine Goldpolitik stabilitätsorientiert, die das für die Inflationsbekämpfung offenbar so notwendige Gold wenige Wochen nachdem es aus dem Reich eingeführt worden war, wieder in Drittländer ausführt gegen dieselben Schweizerfranken, die man eben erst nach Deutschland geliefert hatte? Oder entspricht dieses Bild der «Goldwäsche», wie es Werner Rings gezeichnet hat, nicht mehr den Tatsachen?

So bleiben noch einige Fragen zum Charakter der SNB-Goldgeschäfte offen. Wie der Präsident des Direktoriums, Hans Meyer, meinte, fällt es auch den heutigen Verantwortlichen nicht leicht, die Handlungen ihrer Vorgänger nachzu-vollziehen, diese hätten die politischen Implikationen ihres Wirkens klar unterschätzt. Die der Öffentlichkeit mitgeteilten Informationen zeugen jedenfalls vom guten Willen der SNB, zu der Aufklärungsarbeit der Historiker-Kommission beizutragen. Meyer drückte die Hoffnung aus, dass diese ihre Resultate schon relativ bald, nach gut zwei Jahren, vorlegen könne. Angesichts dessen und nach schwieriger Güter-

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abwägung sprach er sich gegen sofortige Zahlungen zu einem Fonds zugunsten von Nazi-Opfern aus, solange die umfassenden historischen Abklärungen durch Fachleute noch nicht beendet seien.

Dann wieder eine Reaktion aus New York, wo sich der Task-Force Botschafter, Thomas Borer vor dem Bankenausschusses des US-Repräsentantenhauses erklärte. Nachdem die entsprechenden Anhörungen des Bankenausschusses des amerikanischen Senats bisher mehr der Sensationsmache als der Wahrheitsfindung gedient hatten, begannen vor dem Ausschuss des Repräsentantenhauses unter der Leitung des Abgeordneten James Leach ebenfalls Hearings zum Thema der Rolle der Schweizerbanken im Zweiten Weltkrieg. Zu deren Eröffnung wurden unter anderen sowohl ein Vertreter des Bundesrates, Botschafter Thomas Borer, wie der Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, Rolf Block, eingeladen. Im folgenden ist der Wortlaut der Eröffnungserklärung von Botschafter Borer wiedergegeben sowie jene des Spitzenvertreters des Schweizer Judentums, die Rolf Block der NZZ auf Anfrage zur Verfügung gestellt hat.

Die Eröffnungserklärung von Botschafter Thomas Borer hat folgenden Wortlaut:

«Mein Name ist Thomas Borer. Ich erscheine vor diesem Ausschuss als Abgesandter der Schweizer Regierung. Das ist eine Ehre für mich. Ich bin dankbar dafür, dass der Kongress der Vereinigten Staaten der Schweiz eine zur rechten Zeit kommende Gelegenheit bietet, zu einem Thema gehört zu werden, das unsere beiden Völker und interessierte Leute überall beschäftigt. Diese Anhörung ist ein willkommener Präzedenzfall in unseren langjährigen,

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von Vertrauen und gegenseitiger Anerkennung geprägten Beziehungen. Herr Vorsitzender, ich bitte um die Erlaubnis, eine schriftliche Stellungnahme mit einigen begleitenden Dokumenten zu Protokoll zu geben. (War diese Einleitung noch als diplomatisches Ritual zu verstehen, oder sind solche Formulierungen nicht unterwürfig, zu servil, nachdem diese Regierung und die von ihr mitunterstützten Organisatoren die Schweiz monatelang beleidigt und ihr Ansehen weltweit in den Schmutz gezogen hat?).

Die schweizerische Regierung hat mich Ende Oktober als Leiter der Arbeitsgruppe eingesetzt, welche ihre Bemühungen koordiniert, die Rolle und Verantwortlichkeiten schweizerischer Behörden vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg zu untersuchen. Sie wird einen Schwerpunkt beim Schicksal der Vermögenswerte setzen, die als Folge der Nazi-Tyrannei den Weg ins Land fanden. Lassen Sie mich etwas zum voraus klar sagen: Nichts ist dem Volk und der Regierung der Schweiz wichtiger, als in dieser Frage die vollständige Wahrheit so rasch und so menschlich einfühlsam wie möglich zu ergründen. Wir sind uns bewusst, dass es hier um nichts weniger als um unseren Ruf als den eines ehrenwerten Landes und zuverlässigen Freundes geht. Wenn ich heute hier auftrete, ist das eine Willensdemonstration der Schweizer Regierung, die Wahrheit zu finden.

Sie werden ja wissen, dass die Schweizer im Rufe eines «No Nonsense»-Volkes stehen, den Werten harter Arbeit und genauester Präzision verpflichtet. Zu unserem nationalen Charakter gehört eine starke Präferenz für Realismus gegen Phantasie, für Kompromiss eher als Ideologie. Das festgestellt, muss doch auch gesagt werden, dass es im Land des Roten Kreuzes, der Genfer Konventionen und des europäischen Sitzes der Vereinten Nationen nie an Idealismus gemangelt hat. Diese Beispiele mögen als Hinweis auf die Toleranz und das gegenseitige Verständnis dienen, wel-

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ehe bereits seit langem zum Kitt der schweizerischen Gesellschaftsstruktur gehören. Ein weiteres Beispiel ist die Tatsache, dass vor fast einem Jahrhundert Theodor Herd den ersten Zionistenkongress auf schweizerisches Territorium einberief, nach Basel.

Die Untersuchungen in unserem Land werden speditiv durchgeführt. Regierung und Parlament haben wiederholt betont, dass nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ihrem Willen zur Gerechtigkeit Genüge tun können. Mit Recht ist argumentiert worden, dass eine umfassende Betrachtung der Geschehnisse rund um den Zweiten Weltkrieg schon lange überfällig war. Frühere Untersuchungen und Neubeurteilungen - so ernsthaft und sorgfältig sie auch waren - waren Einzelunternehmen ohne die nötige Perspektive. Es war diese Erkenntnis, welche 1995 den schweizerischen Bundespräsidenten veranlasste, sich öffentlich für die Mängel unserer Flüchtlingspolitik in jener dunklen Zeit zu entschuldigen. Der politische Wille und das staatsbürgerliche Verantwortungsgefühl münden in eine gemeinsame Antwort für alle jene, die während des Krieges verfolgt wurden oder umkamen. Wir erkennen, dass die Rechenschaft für die Vergangenheit der Schlüssel zur Zukunft ist. Das gilt besonders für den Holocaust, ein Geschehen von unvorstellbarem Grauen, das uns alle berührt und das nie vergessen gehen darf.

Wissend um diese Zusammenhänge lassen Sie mich jetzt jedermann an die fundamentalen Vorkehren erinnern, die wir unternehmen, um dieses überaus ernste Problem anzugehen.

Die Instrumente

Zuallererst, um so rasch wie möglich die Fakten zu klären, hat die schweizerische Regierung eine neue, präze-

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denzlose Gesetzgebung vorgeschlagen, die in einem Eilverfahren und einstimmig beide Häuser des Parlaments passierte. Für übermorgen erwarten wir die Schlussabstimmung. Das neue Gesetz richtet eine unabhängige Expertenkommission ein. Diese wird eine umfassende Untersuchung aller Aspekte der schweizerischen Rolle als Finanzzentrum während und um die Kriegsjahre und seiner Beziehungen zu Nazi-Deutschland durchführen. Es ist das Mandat dieser Kommission, dem Schicksal von Vermögenswerten aller Art nachzugehen, die hier deponiert, investiert oder von privaten Finanzinstitutionen, Mittelsmännern oder der Schweizerischen Nationalbank erworben wurden und die eine Beziehung zu Opfern der Nazi-Verfolgung hatten. Mit einbezogen werden auch Güter, die von Angehörigen oder Partnern dieses scheusslichen Regimes stammen. Wenn es auch nur die geringsten Hinweise gibt, dass entsprechende Behauptungen zu Recht bestehen, wird die Schweizer Regierung sofort benachrichtigt. Ich versichere Ihnen, dass meine Regierung bei Vermögenswerten, von denen festgestellt wird, dass sie Opfern des Holocaust gehörten und immer noch unrechtmässig in der Schweiz zurückbehalten werden, jede Anstrengung unternehmen wird, sie ihren rechtmässigen Eigentümern zurückzugeben. Wenn diese nicht auffindbar sind, werden wir die Gelder einschlägigen Wohlfahrtsunternehmen zukommen lassen.

Es ist unsere Absicht und Erwartung, dass wir unsere Untersuchungen innerhalb von zwei bis drei Jahren durchgeführt haben werden. Sie haben wahrscheinlich ungenau informierende Berichte gehört, dass es fünf Jahre brauchen werde Resultate zu erhalten. Das ist ungenau und verzerrt sowohl den Buchstaben wie den Geist des Gesetzes. Tatsache ist, dass das Gesetz den kühnen und präzedenzlosen Schritt macht, das Bank- und weitere Berufsgeheimnisse

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für eine Maximaldauer von fünf Jahren zu lüften. Eine kürzere Periode ist vorgeschlagen worden, aber die Regierung argumentierte, dass eine solche das Risiko bärge, ihr eine einmalige Gelegenheit vorzuenthalten, die ganze Wahrheit zu finden. Sie mögen auch gehört haben, dass dieses Verfahren von Schweizern dominiert sein werde. Auch das ist unbegründet. Es war immer die feste Absicht der Regierung, eine substantielle Zahl von nichtschweizerischen und jüdischen Experten in der Kommission zu integrieren.

Koordination mit Volcker-Kommission

Damit die Arbeit reibungslos und effektiv gemacht werden kann, wird die Aufgabe der Unabhängigen Kommission eng auf die Tätigkeit der sogenannten Volcker-Kommission abgestimmt, und sie wird auch ohne Verzug über alle ändern relevanten Untersuchungen informiert werden. Wie Sie wissen und von Herrn Volcker im Detail erfahren haben, hat die von ihm präsidierte Kommission das Mandat, die von den Schweizer Banken unternommene Suche nach nachrichtenlosen Konten zu kontrollieren. Für diese Überprüfung sind drei grössere internationale Treuhandfirmen eingesetzt worden.

Die schweizerische Regierung ist überzeugt, dass mit diesen Bemühungen und Untersuchungen die Werkzeuge bereitgestellt worden sind, welche ihr erlauben, frühere Handlungen kompromisslos und ohne Selbstzufriedenheit zu überprüfen. Ich bin überzeugt, dass bereits schon die Reichweite dieser Massnahmen, die ohne Parallele sind, unseren Willen unterstreichen, den engen legalistischen Pfad zugunsten einer höheren Moral und Legitimität zu verlassen.

Die Schweiz ist sich des Schmerzes, des Misstrauens und der Konfusion um dieses Thema herum sehr wohl bewusst. Sie können aber sicher sein, dass Dir Ausschuss bei allen

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Dienststellen meiner Regierung volle und ungehinderte Zusammenarbeit finden wird. Wir haben keine Angst vor der Wahrheit. Tatsächlich betrachten wir es als unabdingbar, diese so rasch wie möglich zu ergründen. Um ein solches Ziel aber zu erreichen, müssen wir uns über alle Spekulationen, vorschnellen Schlussfolgerungen und unbelegten Forderungen erheben, die dem Verfahren nur weiterhin das Mitgefühl, den Takt und das Einfühlungsvermögen rauben können, deren es so notwendig bedarf.

Was die Vereinbarungen angeht, welche die Schweiz mit früheren kommunistischen Ländern Zentraleuropas abgeschlossen hatte, haben wir gehofft, den Bericht Anfang Dezember fertiggestellt zu haben. Angesichts der Komplexität der Materie und unseres Willens, ein vollständiges Bild vorzulegen, dauerte die Untersuchung länger als erwartet. Wir gehen aber davon aus, den Schlussbericht noch vor Ende dieses Monats fertig und abgabebereit zu haben.

Ohne Stolz und Vorurteile

Herr Vorsitzender und Mitglieder dieses geschätzten Ausschusses: Ich bin in die Vereinigten Staaten auf Grund der freundlichen Einladung gekommen, die Sie mir gross-zügigerweise haben zukommen lassen. Wenn wir nun diese Anhörung beginnen und zusammen einen herausfordernden Weg gehen, fühle ich mich ermutigt durch die Geschichte, die Freundschaft und den gegenseitigen Respekt, welche unsere beiden Demokratien eint. Im Moment, da wir uns bemühen, Licht zu werfen auf die verbleibenden dunklen Berichte um Ereignisse, die vor über zwei Generationen geschahen, betrachten wir es als unerlässlich, dass alle Parteien für dieses delikate und unerlässliche Unternehmen sowohl Stolz, als Vorurteile beiseite lassen.

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Ich bin überzeugt, dass wir diese Aufgabe lösen werden, und ich habe den vollen Glauben daran, dass wir in gemeinsamer Arbeit eine umfassende Partnerschaft für Wahrheit und Gerechtigkeit, in einem Geist der Sympathie und des Verständnisses erreichen können.»

Und der Präsident des Schweizerische Israelitischen Gemeindebundes (SIG), Rolf Block sagte vor dem Bankenaus-schuss des amerikanischen Repräsentantenhauses:

«Der Holocaust des jüdischen Volkes hat eine tiefe Spur im Gedächtnis und in der Seele der Juden und wahrscheinlich der ganzen Menschheit hinterlassen. Diese Erinnerung und die uralte jüdische Ethik fordert von jedem Juden, dass er gegen Unrecht und Diskrimination jeder Art aufstehe.

Ich selber wurde 1930 in der Schweiz geboren und hatte so, ohne eigenes Verdienst, das Glück, verschont zu werden. Bei mir führte das zu einer starken moralischen Verpflichtung und zum Willen, dafür zu stehen, dass den Opfern des Holocaust und ihren Nachfahren Gerechtigkeit geschehe.

Als ich zusammen mit den ändern 18 000 Juden der Schweiz und etwa 29 500 jüdischen Flüchtlingen im Land - deren Zahl allerdings höher hätte sein können -, den Zweiten Weltkrieg überlebt hatte, war ich dankbar dafür, dass die Schweiz, inmitten des Nazi-Imperiums, hatte unabhängig bleiben können und dass die grosse Mehrheit des Schweizervolkes mit Überzeugung gegen die Nazi-Ideologie einstand, weil diese weder mit der Schweizer Demokratie noch mit der schweizerischen Lebensart vereinbar war. Das heisst jedoch nicht, dass die Schweizer deswegen den Juden mit Sympathie begegneten. Aber wir fühlten uns in diesem Antinazi-Umfeld immerhin sicher.

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Der Standpunkt eines Schweizer Juden

All das mag erklären, wieso die jüdischen Schweizer zugleich Gerechtigkeit für die Juden und Fairness für die Schweiz fordern. Wir stehen hinter dem Memorandum, das die jüdischen Organisationen und die Schweizerische Bankiervereinigung abgeschlossen haben. Wir werten es als eine positive Leistung. Wir verstehen auch die gerade erst beschlossene Bildung einer schweizerischen Bundeskommission unabhängiger Experten zur Untersuchung der wirtschaftlichen und finanziellen Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, wie sie auch im genannten Memorandum angeregt wurde als ein Zeichen des ehrlichen guten Willens der Schweizer Regierung und des Schweizer Parlaments ausgedrückt in einem Rechtstext des Landes.

Wo stehen wir heute?

Man muss diese Kommission nun arbeiten lassen! Die Behandlung individueller Ansprüche hingegen wird von der Kommission eminenter Personen überwacht, unter der erfahrenen Führung von Paul Volcker, einer angesehenen und Persönlichkeit. Diese Kommission wird auch den Umfang aller in Schweizer Banken befindlichen erbenlosen und bis heute nicht eingeforderten Werte erforschen. Ich bin zuversichtlich, dass die Kommission in den Banken das meiste von dem finden wird, was nach über 50 Jahren überhaupt noch gefunden werden kann. Das ist wahrscheinlich nicht alles, was dort eingelegt wurde oder was erwartet wird.

Die Expertenkommission des Bundes wird ihre Arbeit im kommenden Frühjahr aufnehmen. Es ist meine Überzeugung, dass wir für diese Arbeit gute Voraussetzungen und eine positive Atmosphäre schaffen sollten. Die Untersu-

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chung muss systematisch sein mit Prioritäten natürlich. Sie darf aber nicht voreilige Schlüsse ziehen oder von aussen zu solchen gedrängt werden.

Fairness gegenüber der Schweiz heisst: für diese Arbeit Zeit einzuräumen, keine Vorverurteilungen auszusprechen, keine Einzeldokumente ausserhalb ihres Kontexts zu produzieren und nicht zu generalisieren. Dann, wenn die Schweiz einlöst, was ihr guter Wille heute verspricht, dann, wird den jüdischen Opfern des Holocaust und ihren Nachkommen tatsächlich Gerechtigkeit widerfahren. Die Schweizer Juden vereinigen sich mit allen jüdischen Organisationen der Welt, um darauf zu achten, dass das geschehe.

RolfBloch

Präsident Schweizerischer

Israelitischer Gemeindebund

So sehr sich der Schweizer Botschafter demütig, ja fast servil zeigte, es nützte alles nichts! Kaum hatte er dem Erzfeind den Rücken gekehrt, hackte dieser erneut provozierend auf die Schweizer Adresse ein.

Am 10. Dezember 1996 begrüsste US-Senator Alfonse D'Amato die Idee der raschen Öffnung eines Holocaust-Geld-Fonds durch die Schweizer Banken. An einer Veranstaltung in New York sagte der Vorsitzende des Bankenausschusses im Senat aber zugleich, es genüge nicht, wenn die Schweizer Banken die bisher von ihnen gefundenen rund 40 Millionen Franken an nachrichtenlosen Geldern in einen solchen Fonds einbrächten. «Sie wären glücklich, wenn sie uns so auskaufen könnten», sagte D'Amato und fügte hinzu: «Die Schweizer würden nicht 31 Millionen Dollar offerieren, wenn nicht viel mehr als das vorhanden wäre.»

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Die Idee der raschen Äufnung eines Fonds mit den bisher gefundenen nachrichtenlosen Geldern war unter anderem von der FDP unterstützt worden. Die Schweizerische Bankiervereinigung hat bisher noch keinen Entscheid über die Verwendung der Gelder gefällt.

Dass die Fonds-Idee, zusammen mit der Nennung einer Summe, nicht die erhoffte Beschwichtigung, sondern den Geldpoker erst richtig in Schwung bringen würde, war vorauszusehen und wurde vorausgesehen, nur nicht von der FDP. Es ist in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, um eine weitere Konfusion zu vermeiden, dass der Urheber der Idee, der Historiker Klaus Umer, den Fonds für die sogenannten Raubgoldgewinne der Nationalbank einrichten wollte und nicht für nachrichtenlose Vermögen. Letztere sind auch für den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund Gegenstand von noch ausstehenden Verhandlungen.

Überlegenswert wäre allenfalls die gesetzliche Schaffung eines staatlichen Fonds - analog der amerikanischen Regelung -, in welchen alle langjährig nachrichtenlosen Vermögen bei Banken, Versicherungen und Treuhändern unter Wahrung der ursprünglichen Rechte eingelegt und die Kontenführer damit aus dem Obligo entlassen würden.

Max Frenkel analysierte in der Inland-Spalte der NZZ ausführlich Bedeutung und Funktion der Anhörung und unterstrich ihren amerikanischen Kontext:

«Die Eröffnungsvoten vor dem Bankenausschuss des US-Repräsentantenhauses sind für ein amerikanisches Publikum bestimmt, und sie haben auch - was besonders bei Borer deutlich wird - taktischen Überlegungen zu folgen, die aus der Ferne schwieriger zu beurteilen sind oder erst in Kenntnis der Wirkungen beurteilt werden können.

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Der Vertreter des Bundesrates bringt den schweizerischen Standpunkt klar zum Ausdruck, vermeidet dabei aber offensichtlich alles, was irgendwie bei seinen direkten Zuhörern Anstoss erregen könnte. Diese Taktik ist nachvollziehbar. Im Unterschied zum entsprechenden Aus-schuss des Senats kann von dem des Repräsentantenhauses immerhin noch erwartet werden, dass es ihm tatsächlich um Wahrheitsfindung gehe. Der Landesregierung liegt deshalb daran, nicht durch missverständliche oder falsch interpretierbare Bemerkungen negative Reaktionen zu provozieren.

Das dürfte erklären, wieso kein Versuch unternommen wird, den Ball auch ins andere Spielfeld zu tragen. Man hätte ja darauf hinweisen können, dass die Erkenntnisse - nicht nur für die Schweiz, sondern auch für andere, etwa die USA - schmerzhaft sein werden. Und man hätte, im Zusammenhang mit den Untersuchungen der sechziger Jahre unterstreichen dürfen, dass noch kein Land bisher entsprechende Untersuchungen unternommen hat, damals nicht und heute nicht. Auch an die Abermilliarden nachrichtenloser Vermögen hätte erinnert werden können, die bei den amerikanischen Gliedstaaten lagern, ohne dass je jemand deren Auszahlung via einen entsprechenden Fonds verlangt hätte.

Klar falsch ist die Erklärung Borers zu den nachrichtenlosen Geldern, die «unrechtmässig» (wrongfully) in der Schweiz zurückbehalten werden. Das könnte als Ausweichmanöver interpretiert werden. Es geht aber gerade um «normale» Guthaben.

Von besonderem Interesse ist die Erklärung Blocks. Sie zeigt sehr deutlich, dass der SIG in der Schweiz zwar sehr verständlich, wenn auch manchmal etwas irritierend, vor allem den Standpunkt des Judentums vertritt, im Ausland hingegen diesen zwar auch aber primär den eines Schweizer Judentums. Die ausgewogenen Worte Blocks machen

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auch deutlich, wieso der Präsident des Jüdischen Weltkongresses über dessen nachträgliche Einladung nach Washington wenig erbaut war.»

Der Jüdische Weltkongress, der weitere Archive auf der Suche nach Nazigold durchforstet, fand auch einen Brief des damaligen Finanzministers Henry Morgenthau, der im Februar 1945 warnend darauf hinwies, dass die Nazis die argentinische Wirtschaft unterminiert hätten. Laut dem Brief Morgenthaus war Argentinien nicht nur eine Zufluchtstätte für viele nationalsozialistische Kriegsverbrecher aus Deutschland, sondern auch Ziel von Finanz- und Wirtschaftsaktivitäten.

Die argentinische Zentralbank hatte kürzlich dem Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles fünf Bände mit Unterlagen über Transfers von Banken in der Schweiz, Spanien und Portugal in den Jahren 1939-1945 übergeben. Die jüdische Gemeinde in Argentinien - übrigens eine der grössten der Welt - ist der Ansicht, dass im Krieg Naziopfern geraubtes Vermögen nach Argentinien geleitet worden ist. In Argentinien hatten unter anderem Nazigrössen wie Adolf Eichmann oder der SS-Mann Erich Priebke Zuflucht gefunden.

Der Historiker Thomas Maissen veröffentlichte daraufhin in der NZZ folgenden Bericht:

«Schweizer Zahlungen an Opfer des Nationalsozialismus und ihre Nachkommen werden gegenwärtig erwogen. Irrig ist die verbreitete Vorstellung, es gehe nur darum, in der Schweiz liegende Guthaben ihren rechtmässigen Eigentümern zurückzugeben. Die Frage, wofür bezahlt werden soll, wirft darüber hinausgehende, grundsätzliche Probleme auf: Ist die Schweiz für den Holocaust mitverantwortlich?

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Die Idee eines «Wiedergutmachungsfonds» für Opfer des Holocausts oder die Anregung des Historikers Klaus Urner für eine «Schweizerische Holocaust-Stiftung» sind auch von einigen Exponenten der bürgerlichen Parteien mit Interesse aufgenommen worden. Der Bundesrat und seine «Task Force» haben diese Vorschläge erörtert, von einer sofortigen Umsetzung vorerst jedoch abgesehen. Dieser Standpunkt ist in den vergangenen Tagen von einigen Landesvätern in offenbar unvermeidlicher Mehrstimmigkeit und zum Teil mit peinlicher Unprofessionalität verkündet worden. Gleichzeitig überlegen auch Bankenkreise, ob nicht eine grosszügige finanzielle Geste angebracht ist, nicht nur, aber auch, um die gefährdeten Geschäfte vor allem in den USA zu sichern und den guten Ruf der Banken und die humanitäre Reputation der Schweiz wiederherzustellen. Insbesondere von jüdischen Organisationen und Klägern vor Gericht sind in dieser Hinsicht auch schon - ausgesprochen hohe - Summen in die Debatte eingebracht worden. Auf welcher Berechnungsgrundlage sie beruhen, ist noch reichlich unklar. Auf schweizerischer Seite genannt werden oft die 38, 7 Mio. Franken, welche die Mitglieder der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBV) als nachrichtenlose Gelder aufbewahren und im vergangenen Februar als solche ausgewiesen haben; ausser-dem der unterschiedlich hoch eingeschätzte Gewinn, den die Schweizerische Nationalbank (SNB) aus dem (Raub-) Goldhandel im Krieg gezogen hat.

Manche Votanten übersehen, dass die 38, 7 Mio. Franken (und allfällige weitere Gelder, die etwa durch die Revisoren des Volcker-Ausschusses noch identifiziert werden können) nur teilweise in der Kriegszeit deponiert wurden: Die im Februar 1996 veröffentlichte Umfrage der SBV bezog sich auf alle Guthaben, die seit mehr als zehn Jahren (also seit 1985) nachrichtenlos sind. Der am 12. November ver-

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öffentlichte erste Zwischenbericht des Bankenombuds-mannes lässt erwarten, dass sogar ein Grossteil der genannten Summe nicht Nachkommen von NS-Opfern zukommen wird: Solchen wurde weniger als l Prozent der nachrichtenlosen Guthaben zugesprochen, für die bisher Anspruchsberechtigte ausgemacht werden konnten. Dieser Anteil kann sich im Lauf der weiteren Nachforschungen natürlich noch ändern. Tatsache bleibt jedenfalls, dass diese 38, 7 Mio. Franken wenn immer möglich den rechtmässigen Besitzern oder Erben, Juden wie Nichtjuden, zugesprochen werden müssen, sie stehen also für einen Fonds mindestens so lange nicht zur Verfügung, als individuelle Rechtsansprüche auf sie geltend gemacht werden könnten. Die Gewinne der SNB aus dem Goldhandel während des Krieges beruhten auf den ordentlichen Gebühren für die Transaktionen; diese betrugen insgesamt knapp ein Promille des transferierten Goldwerts. Bundesrat Nobs, der sich auf Angaben der SNB stützte, ging 1940 davon aus, dass im gesamten Goldhandel während des Krieges - also mit den Achsenmächten, den Alliierten sowie Neutralen -Gewinne in der Höhe von insgesamt 50 Mio. Franken erzielt wurden. Nach neusten Berechnungen der Nationalbank wurden maximal 20 Mio. Franken davon im Handel mit dem Dritten Reich erworben, da der Goldverkehr mit den Westalliierten und vor allem mit den USA höher war als mit den Achsenmächten, ist diese Zahl plausibel. Das von Deutschland gelieferte Gold war zu rund drei Vierteln in den besetzten Ländern geraubt worden: Entsprechend hätte also der Gewinn der SNB aus dem Handel mit Raubgold damals etwa 15 Mio. Franken betragen, was heute etwa 65 Mio. Franken entsprechen würde. Als Argument gegen schweizerische Zahlungen ist vorgebracht worden, die Gewinne der SNB seien im Gefolge des Washingtoner Abkommens 1946 bereits an die Westmächte abgeliefert

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worden. Tatsächlich hat Bundesrat Nobs das widerwillige SNB-Direktorium mit dem Hinweis auf diese Gewinne unter Druck gesetzt, damit es sich an der von der Schweiz zugesagten Zahlung von 250 Mio. Franken in Gold beteilige. Nach anfangs kategorischer Weigerung steuerte die SNB schliesslich 100 Mio. Franken bei, «aus dem Gedanken der Loyalität und Solidarität heraus, ohne dass dies weder für den Bundesrat noch für die Nationalbank einen demütigenden Charakter haben soll» (Protokoll der Aussprache zwischen Nobs und Bankausschuss sowie Direktorium der SNB vom 17. Juni 1946). Die SNB bestritt konsequent jeglichen rechtlichen Zusammenhang zwischen ihrem Goldhandel und ihrer Zahlung. Einen solchen Zusammenhang festzuhalten wäre dem Eingeständnis gleichgekommen, dass die Nationalbankdirektoren mindestens fahrlässig gehandelt haben. Dass sie tatsächlich mehr als nur fahrlässig gehandelt hatten, hing - nicht zuletzt auch ihre persönliche Karriere - davon ab, ob sie die Öffentlichkeit hinsichtlich ihrer Verantwortung täuschen konnten.

Wie die SNB gegenüber dem Bundesrat, so verhielt sich die offizielle Schweiz gegenüber den Alliierten: Deren Argumentation, die Schweiz müsse für ihre Willfährigkeit im Goldhandel bezahlen, wurde nicht akzeptiert. Die 250 Mio. Franken werden entsprechend als «freiwilliger Beitrag» an den Wiederaufbau in Europa deklariert; im Washingtoner Abkommen fehlt jeder Hinweis auf die Gewinne im Goldhandel oder darauf, dass die SNB unkorrekt gehandelt haben könnte. Da die SNB in der inländischen Konfrontation und die bundesrätliche Verhandlungsdelegation in derjenigen mit dem Ausland jeglichen Kausalzusammenhang zwischen ihren Zahlungen und dem Goldhandel von sich wiesen, lässt sich heute formaljuri-stisch nicht behaupten, die NSB habe ihre (Raub-)Gold-gewinne bereits abgeliefert.

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Gegner wie Befürworter einer schweizerischen Zahlung, die sich an den erwähnten konkreten Zahlen orientieren, verfehlen jedoch ohnehin die Problemlage. Es geht nur zu einem kleinen Teil darum, physisch in der Schweiz vorhandene Vermögenswerte zurückzuerstatten. Dies ist bei den nachrichtenlosen Vermögen der Fall; es handelt es sich dabei um die erwähnte, verhältnismässig kleine Summe von höchstens einigen Dutzend Millionen Franken - es sei denn, die Banken und andere Vermögensverwalter hätten -was wir nicht unterstellen wollen - entgegen ihren eigenen Versicherungen systematisch gelogen. Was die SNB betrifft, so besteht ihre Schuld nicht darin, dass sie allenfalls noch Gold aus deutschen Kriegslieferungen in ihren Beständen halten könnte (was ohnehin nicht der Fall zu sein scheint) oder aus diesen Transaktionen im üblichen Umfang Gewinn gezogen hat, sondern darin, dass sie sich für Hehlerdienste zugunsten der Reichsbank hergab und Hitlers Kriegswirtschaft - aus welchen Motiven auch immer -durch den Verkauf von konvertiblen Schweizerfranken stützte.

Die Debatte um einen Fonds oder eine Stiftung ist also kein buchhalterisches Problem; und ebensowenig ein histo-riographisches oder juristisches, sondern ein politisches. Der buchhalterische Aspekt wird von Bankenombuds-mann und Volcker-Kommission abgeklärt: Wieviel Geld von NS-Opfern ist bei einzelnen Schweizer Banken noch vorhanden, und wem soll es zukommen? Im Unterschied dazu wäre ein Fonds die Antwort auf eine ganz andere Frage: Inwiefern trägt die Schweiz als ganze Mitverantwortung für Krieg und Holocaust, und kann sie diese mit Zahlungen am Überlebende und deren Erben abgelten? Es ist vielleicht sinnvoll, erste Ergebnisse der Historikerkommission abzuwarten, ehe diese Frage beantwortet wird; aber die Antwort wird stets eine politische sein - und keine wis-

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senschaftliche. Die Experten können Fakten aufarbeiten und Entscheidungsgrundlagen liefern, aber sie können und sollen auch nicht darüber entscheiden, inwieweit die heutige Generation für Unterlassungen und Fehler geradestehen will, die zur Zeit der nationalsozialistischen Bedrohung begangen wurden.

Bereits beim heutigen Kenntnisstand ist klar, dass es Fehler, Zonen des Versagens gab, insbesondere in der Flüchtlingspolitik. Es hat viel zu lange gedauert, bis dafür von offizieller Seite richtige Worte gefunden wurden, und nicht zuletzt in dieser Verdrängung gründet ein gewisses Malaise in der Öffentlichkeit, was die Rolle der Schweiz im Krieg betrifft. Allerdings steht unser Land damit nicht allein da: Mitterrands auch biographisch begründete Windungen sind noch in schlechtester Erinnerung, in den westeuropäischen Staaten, die von Hitler besetzt wurden, ist der Umfang der Kollaboration gerade bei der Judenverfolgung erst seit kurzem Gegenstand offener und öffentlicher Debatten, und die meisten mittel- und osteuropäischen Staaten sind auch davon noch weit entfernt.

Dabei geht es um ganz andere Dimensionen: Die Juden in der Schweiz, einheimische, ausländische und geflüchtete (so man sie ins Land liess), haben überlebt - und hierzulande haben auch keine Kollaborateure und Sympathisanten am deutschen Vernichtungswerk aktiv teilgenommen. Es gibt wenige europäische Länder, auf die diese Tatsache zutrifft; sie ist nicht ausschliessliches Verdienst der Aktivdienstgeneration - aber sie ist es auch. Insbesondere in den USA ist in letzter Zeit der Eindruck geweckt worden, die Schweiz sei der Financier von Krieg und Holocaust gewesen. Auch die Forderung nach einem «Wiedergutmachungsfonds» impliziert diese Betrachtungsweise. Ganz abgesehen davon, dass sich Völkermord nicht wiedergutmachen lässt - der Fall der Schweiz ist ganz wesentlich an-

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ders gelagert: Es geht um unterlassene Hilfeleistung, nicht um Mord oder Beihilfe dazu. Wenn sich sogar die DDR, unter Berufung auf eine für den grössten Teil ihrer Einwohner völlig fiktive «antifaschistische Tradition», und Österreich, angeblich das erste Opfer Hitlerscher Expansionspolitik, weitgehend aus ihrer Verantwortung für den Holocaust haben stehlen können - ist es dann an der Schweiz, ausgerechnet diese Lücken zu füllen? Sowohl beim Problem der nachrichtenlosen Vermögen als auch bei Raubgold und anderen Raubgütern geht es nicht um eine aktive Ver-strickung von Schweizern, geschweige denn des ganzen Landes, in den Holocaust, sondern - traurig genug - um eine (weltweite sic.) Gleichgültigkeit gegenüber dessen Opfern.

Hier die Proportionen wieder klarzustellen ist eine wichtige Aufgabe der schweizerischen Aussenpolitik: durch präzise Aufklärungsarbeit, nicht defensiv hinterherhinkend, ebensowenig Leistungen wie Fehler übergehend. Auch im eigenen Interesse muss die Schweiz sich fragen, worin sie versagt hat, inwiefern dies zu vermeiden gewesen wäre, vor allem aber, ob dieses Versagen typisch schweizerisch war. Die gegenwärtige Debatte wirft gerade deshalb so viele Wellen, weil sie Fragen nicht nur zu unserer Vergangenheit, sondern auch zur Gegenwart stellt. Ihr Auslöser war nicht die Rolle des Landes im Krieg, sondern die jahrzehntelange Kühlheit oder Indifferenz der Banken gegenüber dem Schicksal und dem Vermögen von Menschen mit schlecht dokumentierten und dokumentierbaren Ansprüchen. Deren Abweisung zeigt allerdings auch die Ambivalenz des «typisch Schweizerischen»: Was jahrelang als korrekter Dienst am Anleger galt, wird heute als pedantische Übervorteilung von Erbberechtigten verurteilt.

Das Gebaren der Banken, die Flüchtlingspolitik, staatliche Neutralität und wirtschaftliche Kooperation im Umgang mit einem Unrechtsregime, Bankgeschäfte mit An-

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lagen dubioser Herkunft, ausgebliebene personelle Konsequenzen für deren Protagonisten - dies alles sind Reizworte, die durchaus auch mit Blick auf heute diskutiert werden sollten, zumal die 50 Jahre lang gültigen Antworten und Abwehrreflexe in der seit 1989 veränderten globalen Lage offensichtlich nicht mehr überall überzeugen. Die rasche Bereitschaft, einen «Wiedergutmachungsfonds» zu äufnen, erweckt manchmal gerade den Eindruck, als sollten ein quälendes Problem und solche grundsätzlichen Fragen mit einem Check aus der Welt geschafft werden.

Es gibt unbestritten auch gute und ehrbare Gründe für einen Fonds, der beispielsweise heute mittellosen Opfern der Nazis oder deren Nachkommen Hilfe leisten würde und einem Bild der Schweiz als Kriegsgewinnlerin entgegenwirken, vielmehr ihre Tradition der Hilfsbereitschaft stärken könnte. Das wäre nicht Wiedergutmachung, sondern eine humanitäre Tat - was nicht ausschliessen würde, dass die heute Verantwortlichen damit ausdrücken, dass diejenigen, die es damals waren, in wichtigen Fragen nicht richtig handelten; manchmal, weil sie nicht anders konnten, manchmal, weil sie nicht anders wollten.

Der Zeitpunkt für eine spontane, freiwillige Stiftung scheint allerdings verpasst; deshalb wird einem Fonds unvermeidlich der Makel anhaften, dass viele ihn als Ergebnis eines Erpressungsmanövers von Senator D'Amato ansehen werden. Damit muss und kann man leben, auch die Zusagen des Washingtoner Abkommens wurden 1946 in der Schweiz weithin als Nachgiebigkeit gegenüber alliierter Machtpolitik empfunden und heftig kritisiert. Unabdingbar ist jedoch, dass die Schweiz klarstellt, wofür sie bezahlt - und wofür nicht. Das ist, wie gesagt, weder ein buchhalterischer noch ein wissenschaftlicher Vorbehalt, sondern ein politisch-mo-ralischer. Anders als 1946 kann sich unser Land nicht auf den Standpunkt stellen, Zahlungen hätten nichts mit seinem

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Verhalten im Krieg zu tun. Ein Fonds würde zum Ausdruck des offiziellen schweizerischen Geschichtsverständnisses: Dies ist unser Teilversagen, und dazu stehen wir. Damit wird kein pauschaler Ablass eingehandelt, sondern Verantwortung übernommen; damit wird, auch für die Zukunft, die Messlatte angegeben, an der schweizerische Politik gemessen werden will.»

Auffallend ist, dass zu diesem Zeitpunkt ein amerikanisches Geheimdokument über umgeprägtes Nazigold gefunden wurde. In diesem amerikanischen Dokument wird behauptet, die Schweiz wollte während des Zweiten Weltkrieges die Herkunft von Naziraubgold verbergen und ver-anlasste eine Änderung der Barrenprägung. Die Schweizerische Nationalbank hat jedoch keine Informationen über derartige Initiativen.

Der Jüdische Weltkongress liess dieses Dokument des amerikanischen Geheimdienstes OSS (Vorläufer des CIA) vom 20. Mai 1946 über die Gold-Transfers der Nazis veröffentlichen. Nazideutschland verschob Gold, das es in besetzten Gebieten beschlagnahmt hatte, in die Schweiz und via die Schweiz in andere Länder, um mit den Einnahmen kriegswichtige Güter kaufen zu können. Die Schweiz fürchtete offenbar, dass das von Deutschland gelieferte Raubgold nach dem Kriege für die Begleichung von Kriegsschäden beschlagnahmt werden könnte. Sie habe daher die Herkunft dieser Goldbarren verbergen wollen und Deutschland ersucht, den Prägestempel entsprechend zu ändern - die Barren sollten ein Vorkriegs-Prägedatum tragen, heisst es in dem Dokument. Da man mit diesem Vorgehen aber die Alliierten nicht habe täuschen können, hätten verschiedene Schweizer Banken Naziraubgold an Firmen verkauft, die Goldmünzen herstellten, vor allem für südamerikanische Länder.

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Beim näheren Betrachten des Dokuments deutet jedoch alles auf eine plumpe Lüge. Das Dokument scheint in den Zusammenhang der politischen Pressionen der Westalliierten zu gehören. Es wurde natürlich auch von den Alliierten immer wieder versucht, die Schweiz unter Druck zu setzen und Einfluss auf ihre Politik zu nehmen.

Der Schweizerischen Nationalbank liegen keinerlei Informationen vor, dass sie während des Krieges eine solche Initiative gegenüber Deutschland, d. h. der Reichsbank, ergriffen habe. Ein SNB-Sprecher erklärte, laut historischen Untersuchungen habe die Deutsche Reichsbank umgeschmolzene Goldbarren an die Schweizerische Nationalbank verkauft. Diese Umschmelzung sei aber nicht auf Initiative der SNB hin erfolgt. Die SNB hält die Quellenlage des Dokuments für unklar. Man wisse nicht, ob die Nationalbank oder Privatbanken gemeint seien.

Einen Schritt zur Regulierung in der Frage der herrenlosen Gelder unternahm die Schweiz auf der Grundlage des mit der damaligen kommunistischen Regierung Polens geschlossenen Vertrags. Die Schweiz will Polen ermöglichen, die ihm 1975 ausbezahlten 464 000 Franken herrenloses Geld den Eigentümern zurückzugeben. Das Schweizerische Bundesarchiv und die Task Force im Aussenministe-rium seien daran, Namenslisten vorzubereiten, teilte das EDA mit. Die polnische Regierung habe vor einer Woche beschlossen, den Naziopfern oder ihren Erben das Geld zurückzuzahlen, das auf Grund des schweizerischen Meldebeschlusses von 1962 auf rund 60 Konten von Schweizer Banken gefunden und 1975 ausbezahlt worden war. Warschau bat in der Folge um die Liste der Kontoinhaber. Task-Force-Chef Borer hat inzwischen gegenüber dem polnischen Botschafter in der Schweiz die Bereitschaft bekundet, die Namensliste rasch herauszugeben.

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Unterdessen erhob der amerikanische Senator Alfonse D'Amato gegenüber der Schweiz weitere Vorwürfe über deren Rolle im Zweiten Weltkrieg. Die Schweiz soll 280 Lastwagen voll Nazigold nach Portugal und Spanien geschickt haben. D'Amato berief sich auf Dokumente, die zum Teil aus den Jahren 1945 und 1946 stammen sollen. Ein Dokument über die Lastwagentransporte stamme von Agenten des damaligen amerikanischen Geheimdienstes OSS; es beziehe sich auf eine «hochrangige» Schweizer Quelle, ohne einen Namen zu nennen.

Der Direktor des Jüdischen Weltkongresses, Elan Steinberg, sagte an der Pressekonferenz, die Dokumente zerschlügen die Vorstellung, dass die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs neutral gewesen sei; sie habe vielmehr mit Hitler-Deutschland «voll kollaboriert». D'Amato bezeichnete die Behauptung, die Schweiz sei neutral gewesen, als «puren Nonsens».

Die jüngste «Enthüllung» D'Atnatos nähert sich dem Kern der zweifellos sehr fragwürdigen Rolle der Schweizerischen Nationalbank (SNB), ohne deswegen eine Neuigkeit darzustellen. Tatsächlich ist die Verstrickung der SNB noch gravierender, als D'Amato verkündet: Es geht nicht um Transporte von deutschem Gold, selbst wenn diese wirklich mit schweizerischen Lastwagen erfolgt sein sollten, sondern um Goldwäscherei zugunsten der Reichsbank. Die SNB kaufte deutsches Gold mit Schweizerfranken; Deutschland kaufte mit diesen Rohstoffe in Spanien und Portugal, diese zwei (und andere) 11 Staaten tauschten dieselben Franken wieder gegen das Gold der SNB ein, das ursprünglich von Deutschland gestohlen worden war. Die Herkunft des Goldes sollte auf diese Weise den argwöhnischen Alliierten vorenthalten werden. Der Charakter dieser Transaktionen ist seit gut zehn Jahren bekannt. Vermutlich wird diesbezüglich eine Meldung - entsprechend dem bis-

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herigen Rhythmus - in etwa drei Wochen als neueste Erkenntnis an alle Agenturen verschickt werden.

Eine neue Bombe platzte im Lichtgewitter der Reporter nun in Washington, nachdem jetzt auch die amerikanische Regierung den Vorwürfen nachgehen will, sie habe nach dem Krieg die Hand auf Gelder in New Yorker Banken gelegt, die nicht von den Nazis, sondern von den jüdischen Opfern stammten. Die USA und die Schweiz, die zu einer raschen Lösung in der Frage der nachrichtenlosen Vermögen auf Schweizer Banken gedrängt hatten, würden nun ihrerseits bei ihren eigenen Banken Untersuchungen durchführen, sagte Stuart Eizenstadt. In einem Monat würden die Schlussfolgerungen in einem Bericht zusammengefasst.

Vor Ostern hatte noch der frühere Diplomat Seymour Rubin, der bei den Verhandlungen über das Abkommen zwischen der Schweiz und den Westalliierten von 1946 dabeigewesen war, den Vorwurf erhoben, das offizielle Amerika habe keinen Unterschied zwischen den Guthaben der Nazis und jenen ihrer Opfer gemacht.

Professor Christoph Graf, Direktor des Bundesarchivs und historischer Experte der Nazizeit, liess keinen Zweifel daran, dass er die sofortige Einrichtung eines Fonds zugunsten der Holocaust-Opfer für notwendig erachtet. Damit könnte die Tagespolitik letztlich entlastet und das erforderliche ruhige Umfeld für eine systematische und professionelle wissenschaftliche Arbeit der Historikerkommission geschaffen werden. Graf hält eine solche symbolische Geste des guten Willens hie et nunc auch aus historischer Evidenz für angezeigt. Die Schweiz - Private wie der Staat -habe von ihrem Umgang mit dem Dritten Reich profitiert und auch als politisches System durch die Abweisung von rund 30 000 Flüchtlingen schwere Schuld auf sich geladen.

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In Anlehnung an ein Wort von Simon Wiesenthal, wonach die Menschheit nur hoffen darf, wenn sie sich erinnern kann, sieht Graf die Aufarbeitung der durch Mythen verklärten Vergangenheit eher als Chance denn als Belastung für die Schweiz. Allerdings müsse es um eine ernsthafte und vor allem ganzheitliche Aufarbeitung gehen, denn jedes der vor den Medien breitgewalzten und angeblich neuen Dokumente sei nur ein Tropfen im Ozean und allein im grösseren Kontext verständlich. Für Graf geht es denn auch nicht einfach um Raubgold oder andere Einzelaspekte, sondern umfassender um den Profit, den der Finanzplatz Schweiz und die schweizerische Politik aus dem Umgang mit Unrechtsstaaten zogen und noch immer ziehen.

Das Unterfangen ist allerdings ungeheuer aufwendig und sprengt die personellen und finanziellen Ressourcen des Bundesarchivs, das als eigentliches Gedächtnis der Nation Schnittstelle und Zentrum der Forschungsarbeiten sein wird. Rund 6 500 Archivschachteln sind zu bearbeiten, was etwa 50 Personenjahren entspricht. Die Spurensuche nach bestimmten Unterlagen erfordert gehörigen detektivischen Spürsinn. Die Zahlungen der Schweiz an Polen beispielsweise waren unter dem Stichwort «Kassen- und Rechnungsbelege» auffindbar. Die Meldungen von Banken zu Überweisungen an Privatkunden in Polen kamen in einem schlichten Büroordner zum Vorschein, allerdings ohne konkrete Namen, sondern bloss mit Nummerncodes, die mit Bleistift eingetragen waren. Die Namenliste selber wurde dieser Tage gefunden. Im Lesesaal des Bundesarchivs hat jeder Bürger und jede Bürgerin Gelegenheit, unentgeltlich einen Blick in die Geschichte zu werfen. Ohne beratende Hilfe wird man aber kaum an die gesuchte Information herankommen. Vom Bundesarchiv als Dienstleistungszentrum profitiert übrigens auch der amerikanische Senator Alfonse D'Amato, dem die gewünschten Dokumente auf Mikrofilm

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zugestellt werden. Das Spannungsfeld von wissenschaftlicher Aufarbeitung, die eigentlich aller Ruhe bedürfte, und dem Drang nach schnellen Resultaten und medialer Aufbereitung, kennzeichnet gegenwärtig die Atmosphäre im ehrwürdigen Lesesaal.

In einer Podiumsdiskussion verwies der Direktor des Bundesarchivs darauf, dass kein einziges Land der Welt je eine derartige Archivöffnung beschlossen hat wie die Schweiz. In diesem Zusammenhang hob er auch die vielen Zeichen des guten Willens von Seiten der Banken hervor und betonte, dass nur eine vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit auch mit privaten Archiven letztlich zum Ziel fuhren könne. Heinrich Schneider von der Schweizerischen Bankiervereinigung meinte, der Leistungsausweis der Banken als Erstgenannte in der gesamten Vergangenheitsaufarbeitung könne sich durchaus sehen lassen. Er warnte vor einem überstürzten Vorgehen bei der Errichtung irgendwelcher Fonds und plädierte für sorgfältige Abklärungen auch auf Grund der Erfahrungen in anderen Ländern.

Diese Abklärungen werden nach Überzeugung der Zürcher Nationalrätin Lili Nabholz die zeitraubendste und heikelste Phase bei der Einrichtung eines öffentlichrechtlichen Fonds sein, wie ihn die FDP-Fraktion mit einer Motion verlangt. Das Schlimmste, was in dieser hochsensiblen Angelegenheit passieren könnte, wäre, wenn ein Basar um dieses Vorhaben losginge. Persönlich bezweifelt die Politikerin, dass es viel bringt, wenn jetzt noch kostspielige Treuhandfirmen nach nachrichtenlosen Werten fahnden. Vielleicht wäre es sinnvoller, die belegbaren rund 40 Millionen einfach auf einen substantiellen Betrag aufzurunden.

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Schliesslich wurde auch die Frage des sich wieder offener manifestierenden Antisemitismus gestreift. Der Vertreter der Bankiervereinigung würdigte den von Beginn an konstruktiven Dialog mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund und meinte, die bisweilen schrillen Töne aus den USA dürften kein Grund sein, sich in diese Geisteshaltung drängen zu lassen. Botschafter Thomas Borer, Leiter der Task Force des EDA, sagte dazu: «Es sind die Führer, die den Ton setzen.» Bundesrat und Parlamentarier seien deshalb besonders gefordert, damit gefährlichen Tendenzen nicht Vorschub geleistet werde.

In einem Leitartikel schrieb der Inlandredaktor, Max Frenkel in der NZZ vom 18./19. Januar 1996:

«Allmählich scheint sich in politischen und wirtschaftlichen Kreisen die Meinung durchzusetzen, dass die Schweiz in irgendeiner Form eine Geste tun sollte. Doch die Verwirrung über die Rahmenbedingungen ist gross. Wie könnte eine solche Geste aussehen? Wer würde sie finanzieren? Was soll damit erreicht werden?

Wenn die Schweiz etwas zugunsten noch lebender Shoa-Opfer tun will, dann tut sie es nicht, weil sie ein grösseres Mass an Schuld am Geschehen im Dritten Reich trüge als die ändern vom Hitler-Regime bedrohten oder in den Strudel des Weltkrieges gestürzten Länder. Gewisse Diskussionen dazu im Ausland oder sogar in einzelnen Schweizer Kreisen lassen ob der Umkehr der Fakten nur staunen. Es wird hier eine revisionistische Geschichtsschreibung ganz eigener Art betrieben.

Wenn die Schweiz etwas tut, dann tut sie es, weil sie vom Wahnwitz des Zweiten Weltkriegs verschont geblieben ist und weil sie erkennt, dass sie im Kampf ums Überleben nicht immer nur Mittel eingesetzt hat, auf die sie stolz

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sein kann - wie etwa die Verteidigungsbereitschaft und damit zusammenhängend die materiellen Opfer einer ganzen Generation sowie die Unbeugsamkeit von Bevölkerung und Presse -, sondern auch solche, die man zwar zum Teil kannte, zum Teil ahnte, kollektiv aber gerne verdrängte, wie eine nicht über jeden neutralitätspolitischen Zweifel erhabene Aussenwirtschaftspraxis und eine kleinmütige, teilweise unmenschliche Flüchtlingspolitik. Zwar gibt es dazu eine Aussage eines unverdächtigen Zeitzeugen, Winston S. Churchills, der 1944 die Ambivalenz sehr wohl erkannte und zu eine positiven Gesamtwertung gelangte.

Aber im sozusagen biblischen Sinn, und nicht mit dem Rechenschieber messbar hat die Schweiz Schuld auf sich geladen, und diese ist noch nicht gesühnt. Es handelt sich dabei nicht um den sogenannten Blutzoll, den die Alliierten entrichtet hatten (und der seinerzeit von den schweizerischen Unterhändlern des Washingtoner Abkommens als Begründung für den aus ihrer Sicht für die Schweiz nachteiligen Vertrag verwendet wurde). Es handel sich um die Anerkennung der Tatsache, dass das Land zwar auch aus eigenem Verdienst verschont geblieben ist, sich dabei aber moralische Makel aufgeladen hat.

Was könnte als eine solche Geste gesehen werden? Im Vordergrund der Überlegungen steht offenbar die Errichtung eines Fonds zum Beispiel in Form einer Stiftung, mit welchem Hilfeleistungen für jene nicht nur jüdischen Überlebenden der Shoa finanziert werden können, die solcher Hilfe heute tatsächlich bedürfen. Es handelt sich dabei in erster Linie um heute in Ländern des ehemaligen Ostblock lebende Menschen. Diese sind bisher bei Hilfen und westlichen Wiedergutmachungen weitgehend leer ausgegangen. Einer solchen Zielsetzung könnte man zustimmen. Zu überlegen wäre, ob der Stiftungszweck, falls man die Stiftungs-

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form wählt, so weit gefasst werden sollte, dass eine analoge Aktivität auch noch nach dem voraussehbaren Wegfall der primären Zielsetzung weitergeführt werden kann. Von einer Verknüpfung mit den gegenwärtigen landesinternen Problemen der Migrationspolitik wäre jedoch abzusehen. Und nicht unbedingt ratsam wäre auch eine Ausdehnung auf Forschungs- und ähnliche Zwecke. Letzteres wäre nicht Sühne, sondern Subventionierung einer landesinternen, bereits bestehenden Forschungsinfrastruktur. Ob es hingegen auch im Lande selber Opfer mit vergleichbarem Schicksal gegeben haben könnte, an die zu denken wäre, müsste erst noch geprüft werden.

Zu verwalten wäre ein solcher Fonds von einer schweizerischen, für diesen Zweck aus angesehenen schweizerischen und ausländischen Persönlichkeiten zu bildenden Trägerschaft. Es könnte nicht angehen, diese Aufgabe an ein ausländisches Gremium zu delegieren, auch wenn dieses das aus durchsichtigen Gründen noch so wortstark ie-klamierte. Man kann natürlich, soweit es um den Einbezug ausländischer jüdischer Kreise geht, entsprechende Gespräche führen, wobei allerdings der Staat Schweiz nicht übersehen sollte, dass sein Gesprächspartner eher der Staat Israel ist als der World Jewish Congress, eine private Organisation. Primär, soweit es um jüdische Belange geht, dürfte jedoch der Schweizerische Israelitische Gemeindebund Ansprechstelle sein.

Bei der Finanzierung stehen wir vor delikaten, vor allem innenpolitischen Problemen. Auf der einen Seite wäre es wünschbar, ein Gerüst bereits im Frühsommer bereitgestellt zu haben. Das einmal aus Gründen, die in der Sache selbst liegen, aber auch zur Entlastung der öffentlichen schweizerischen und internationalen Diskussion im Zusammenhang mit dem Jubiläum des ersten Zionistenkongresses vom 29.

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August 1897, das dieses Jahr in Basel gefeiert wird. Zu diesem Anlass wird ja auch der israelische Staatspräsident in der Schweiz erwartet. Auf der ändern Seite wäre es unvernünftig, einen Parlamentsbeschluss im gleichen Schnellverfahren durchpeitschen zu wollen wie jenen zur historischen Aufarbeitung vom Dezember. Die Sache, das hat die Diskussion um das Delamuraz-lnterview gezeigt, ist kontrovers, und ein «Backslash» im Parlament und in der Bevölkerung ist zu verhindern.

Unter keinen Umständen dürfen für einen solchen Zweck die bei den Banken liegenden sogenannten nachrichtenlosen Vermögen herangezogen werden. Erstens sind Umfang und Schicksal dieser Mittel Gegenstand der internationalen Untersuchung des Volcker-Komitees, dem mit einer voreiligen Disposition der Boden unter den Füssen entzogen würde, und dies gar nicht zum Vorteil der Schweiz. Und zweitens ist wahrscheinlich nur ein geringer Teil dieser Summen ehemals jüdisches Vermögen. Ob man später, wenn es um die Bereinigung des Schicksals der nachrich-tenlosen Vermögen geht, Teile des Geldes ebenfalls in diesen Topf einbringen will, wäre dannzumal zu klären.

Nein, wenn man unbedingt eine Anknüpfung an irgendeinen realen Vorfall sucht, dann bietet sich eher die den Juden des In- und Auslandes während des Zweiten Weltkrieges zugemutete Übernahme der Beherbergungs- und Weiterreisekosten für jüdische Flüchtlinge in der Höhe von damals etwa 56 Millionen Franken an. Aber mit dem Rechenschieber macht man keine Gesten.

Nehmen wir einerseits die Tatsache, dass im Eilverfahren vom Bundesrat keine namhaften Summen zur Verfügung gestellt werden können, und andererseits den konkreten Zeitdruck für eine optimale Lösung, so ergibt sich als mögliche Lösung die Schaffung der Rechtsträgerschaft (oder

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wenigstens deren konkreter Vorschlag) durch den Bundesrat. Dieser könnte zugleich eine in seiner Kompetenz stehende Summe einwerfen - im Vorgriff auf eine vom Parlament noch zu schaffende Rechtsgrundlage für einen grösseren Betrag. Der Bundesrat sollte dann aber auch die schweizerische Wirtschaft einladen, sich an diesem Fonds oder dieser Stiftung mit namhaften Beträgen zu beteiligen, nicht nur, aber nicht zuletzt natürlich die Finanzinstitute inklusive Nationalbank. Auch hier ginge es wieder nicht um Aufrechnungen sondern eigentlich um Solidaritätsleistungen zur Stützung des guten Rufes der Schweiz. Eines guten Rufes, von dem die Wirtschaft und damit auch der einzelne Schweizer ja ebenfalls profitiert oder, was für manche vielleicht wichtiger ist, dessen Schädigung das eigene Auslandsgeschäft belastet.

Was wäre mit einer solchen Geste erreicht? Wenn sie klar als nicht mit den nachrichtenlosen Konten in Verbindung stehend deklariert wird, wird sie im Ausland von Menschen guten Willens als positiv gewertet werden und da und dort vielleicht analoge Initiativen im eigenen Land auslösen. Es dürfte auch ein grosser Teil der Gehässigkeit in ausländischen Medien verschwinden und damit wiederum die davon ausgehende ruf- und wirtschaftsschädigende Wirkung. Man darf aber nicht erwarten, dass jene jubeln werden, die das Geld am liebsten selber verwalten möchten. Angriffe auf die Schweiz werden weitergehen, im In- wie im Ausland jedoch weniger Wirkung haben. Für die Arbeit sowohl der Historiker- wie der Volcker-Kommission und für die Wertung der entsprechenden Ergebnisse wird ein ent-spannteres Klima geschaffen.

Aber letztlich stünde für die Schweiz bei derjichaffung eines solchen Werkes der Gedanke eines späten Sühneopfers für dunklere Aspekte ihres erfolgreichen Widerstandes gegen den Faschismus Pate - nicht einer Wieder-

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gutmachung für weder Wiedergutzumachendes noch Wie-dergutmachbares. Es ginge um ein eigenes Anliegen. Dass damit auch eine Antwort auf massiven und in der Begründung teilweise absurden äusseren Druck gegeben würde, kann nicht wegdiskutiert werden. Dies dürfte aber weder den Entschluss beeinflussen, noch könnte es ein Bedürfnis nach Applaus rechtfertigen.»

Wie die Schweizer Nationalbank hat auch Schwedens Reichsbank im Zweiten Weltkrieg einen Goldhandel mit dem Hitler-Regime betrieben. Gemäss Berichten der Tageszeitungen «Dagens Nyheter» und «Frankfurter Rundschau» übernahm die Bank zwischen 1939 und 1944 fast 35 Tonnen Raubgold. Damit seien einerseits schwedische Erzexporte nach Deutschland finanziert worden, andererseits hätten die Nazis auch Gold verkauft, um an die schwedische Währung zu kommen, berichten die Zeitungen. Die Geschäfte seien auch fortgesetzt worden, nachdem die Alliierten Anfang 1943 die neutralen Länder dringend vor dem Umgang mit Raubgold aus Deutschland gewarnt hatten. Die schwedische Regierung habe die Reichsbank gar dazu angehalten, nicht zu viele Fragen zur Herkunft des deutschen Goldes zu stellen. Historiker gehen heute davon aus, dass ein Grossteil des Goldes von Juden und aus besetzten Ländern stammte. Die Zeitungsberichte basieren auf einer Untersuchung des ehemaligen Botschafters Hedin und des Historikers Elgemyr. Die schwedische Reichsbank hatte den beiden nach der jüngsten Kritik an den Schweizer Banken die Türen ihres Archivs geöffnet.

Die schwedische Reichsbank bekräftige, dass der Goldhandel mit Nazi Deutschland restlos aufgeklärt werde. Ein Sprecher reagierte damit auf Presseberichte und verwies dabei auf seit Dezember laufende interne Ermittlungen. Archivdokumente belegen, dass die schwedische Reichs-

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bank von 1939 bis 1944 der deutschen Reichsbank 34 564 Kilogramm Gold abgenommen hatte.

Die jüdischen Organisationen verlangen nun detaillierte Informationen. So haben die World Jewish Organization und die Jewish Agency for Israel von der schwedischen Regierung die Aufklärung der jüngst bekanntgewordenen Goldtransaktionen zwischen Schweden und Nazi-Deutschland gefordert. In einem Brief an den schwedischen Botschafter in Israel forderte der Vorsitzende der zionistischen Weltorganisation, Burg, die schwedische Regierung auf, «uns alle relevanten Informationen und Dokumente so bald wie möglich zukommen zu lassen». Die in den Archiven der schwedischen Nationalbank gefundenen Dokumente, die beweisen, dass Schweden von Nazi-Deutschland geraubtes Gold zur Bezahlung schwedischer Erzlieferungen entgegennahm, könnten weitere Aufklärungen ankündigen.

Auch Argentinien ist wieder zum Ziel der weltweiten jüdischen Aufklärungskampagne geworden. Das Sirnon-Wiesenthal-Zentrum hat von Argentinien Aufklärung über Berichte gefordert, nach denen das Land nach dem Zweiten Weltkrieg Tausende von Blankoausweisen an Nazis geliefert hat. Der Europa- und Lateinamerika-Sprecher der Organisation, Samuels, gab in Los Angeles eine Erklärung ab, dass er an Argentiniens Aussenminister Guido Di Telia schriftlich die Aufforderung gerichtet habe, eine sofortige Untersuchung der Angelegenheit in die Wege zu leiten. Der argentinische Anwalt des früheren SS-Offiziers Erich Priebke hatte seinerseits erklärt, die Regierung in Buenos Aires habe auf Weisung von Präsident Peron zwischen 1945 und 1947 zweitausend Blankoausweispapiere und 8 000 andere Personalpapiere an Nazis gegeben, die aus Deutschland geflohen waren.

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Seit neuestem suchen in den USA und in Kanada Anwaltsfinnen im Internet nach Personen, die im Streit um die Holocaust-Vermögen Ansprüche gegen die Schweizer Banken geltend machen wollen. Ihre Dienste für allfällige Interessenten boten auf diesem Wege die Anwaltsfirmen Karas Associates in Toronto (Kanada) und die Kanzlei von Diane Leigh Davison in Baltimore im amerikanischen Bundesstaat Maryland an. Zudem bieten beide Anwaltsfinnen die Möglichkeiten, ein «unverbindliches» Interesse an einer Klage durch Ausfüllen eines elektronischen Formulars zu bekunden. In solchen Fällen pflegt dann das Büro von Diane Leigh Davison per Post einen «vorläufigen Fragebogen zu Forderungen von Holocaust-Überlebenden/ Erben» sowie ein «Retainer Agreement» zu verschicken, das dem Anwalt 31, 33 Prozent der in einem Prozess, Vergleich oder sonst zurückgewonnenen (recovered) Gelder zusichert.

Die zwei Anwaltskanzleien erklärten, dass sie nach Personen Ausschau halten, die sich der ersten der zwei 1996 in New York gegen die Schweizer Grossbanken eingereichten Sammelklagen anschliessen wollen (Gizella Weisshaus et al. versus Union Bank of Switzerland et al.). In dieser Klage wird ein Schadenersatzanspruch von 20 Mrd. Dollar erhoben. Eigenartigerweise erklärte nun aber der Hauptinitiant dieser Sammelklage, der New Yorker Anwalt Edward Fagan, auf Anfrage, dass er von den anderen Anwaltsfirmen über ihre Suche nach Klägern im Internet nicht ins Bild gesetzt worden sei. Und Fagan kannte auch nur die Anwaltskanzlei etwas näher. Neben der von Fagan geführten Sammelklage war 1996 noch eine zweite «Class-action suit» von einer anderen Gruppe von Anwälten im Namen von fünf Klägern ohne genaue Schadenersatzforderung eingereicht worden. Es wird vermutet, dass beide Klagen zusammengelegt werden.

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Auch Paris macht die Akten zugänglich. So liess der französische Premierminister Juppe am Jahresessen des Dachverbandes der jüdischen Organisationen Frankreichs (CRIF) die Bildung einer Kommission bekanntgeben, welche die Beschlagnahmung von judischem Eigentum durch französische und deutsche Behörden während des Zweiten Weltkrieges behandeln soll. Sie hat auch dem Verbleib der Güter im In- und Ausland nachzuforschen und Vorschläge über ihre Rückerstattung zu machen. Juppe reagierte damit auf eine Forderung des Vorsitzenden des CRIF Henri Hajdenberg, der bereits Ende November eine solche Kommission vorgeschlagen hatte. Hajdenberg hatte damit auf die Ankündigung des Bürgermeisters von Paris, Tiberi, reagiert, der nach einer Verzögerungstaktik Nachforschungen nach jüdischen Immobilien in der Hauptstadt, die sich heute noch im Besitz der Stadt befinden könnten, angeordnet hatte. Hajdenberg verwies zugleich auch auf das Beispiel der norwegischen Regierung.

Die französische Regierung hat mit dieser einvernehmlichen Einwilligung zunächst einen Konflikt mit den jüdischen Organisationen verhindern können, was ein Jahr vor den Parlamentswahlen insofern nicht unwichtig ist, als der CRIF die Nahostpolitik von Präsident Chirac mit Misstrauen verfolgt, ihm aber Lob zollte für seine Erklärung vom 16. Juli 1995, in der er die Mitverantwortung Frankreichs an der «Endlösung» anerkannte. Hajdenberg erklärte denn auch, dass es sich in erster Linie um eine moralische Pflicht zur Aufdeckung einer immer noch im trüben gehaltenen Vergangenheit handle und nicht um materielle Entschädigungsforderungen. Ob nicht auch die Franzosen erleben werden, dass die jüdischen Kreise mit den gleichen Mitteln gegen sie vorgehen, wie bei den Schweizern, die nicht in dem Krieg involviert waren, bleibt abzuwarten. Der Prozess gegen den Vichy-Funktionär Papon dient dem glei-

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eben Ziel. Die Anerkennung der historischen Wahrheit über die französische Mitverantwortung stand, wie der jüdische Rechtsanwalt und Holocaust-Forscher Klarsfeld erklärte, im Vordergrund der jahrelangen Bemühungen der Nachfahren der jüdischen Nazi-Opfer. Der materielle Aspekt ihrer Tragödie rangierte an zweiter Stelle, nicht zuletzt auch, weil der Nachweis entweder schwierig zu erbringen war oder aber von den französischen Behörden nach dem Krieg kaum anerkannt wurde.

Das Ausmass der «spoliation» (Beraubung, Plünderung) der Juden in Frankreich ist allerdings beträchtlich. Von den 300 000 Juden, die zu Kriegsbeginn in Frankreich lebten, wurden 74 000 deportiert, während praktisch alle anderen ihren gesamten Besitz verloren. Die durch das Regime von Vichy erlassenen landesweiten Gesetze erlaubten eine systematische und meist entschädigungslose Konfiskation von jüdischem Eigentum: Geschäfte, Häuser, Wohnungen, Möbel, Schmuck, Kunstwerke. Das Gesetz vom 21. Juli 1941, das keineswegs auf Anordnung der deutschen Besatzungsmacht erlassen worden war, sah die Eliminierung jeglichen jüdischen Einflusses in der Volkswirtschaft vor, so wie auch ein Berufsverbot für Juden in der Administration und in den Medien eingeführt wurde.

Durchführendes Organ war das berüchtigte Generalkom-missariat für Judenfragen, ein eigentliches Kollaborationsbüro. Dieses setzte im ganzen Land «Verwalter» für fast alle jüdischen Geschäfte und Handwerksbetriebe ein, welche die «Arisierung» oder Liquidierung zu betreiben und die Bankkonten zu blockieren hatten, wobei der jüdische Besitz in vielen Fällen kurzerhand usurpiert oder unterschlagen wurde. Die offiziell gedeckten Machenschaften wurden festgehalten und sind in über S 000 Schachteln enthalten, die sich heute im nicht leicht zugänglichen Staatsarchiv in Paris befinden.

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Nur wenige Überlebende oder Nachfahren der KZ-Opfer konnten nach dem Krieg wieder einen Teil des früheren Besitzes, der oft kurzerhand als «erblos» erklärt worden war, zurückerhalten. 1948 gab die französische Regierung auf eine Anfrage aus Washington hingegen zur Antwort, es gebe keine solchen Erblosigkeitserklärungen. Eine historische Arbeit über drei Pariser Vorortsgemeinden schätzt, dass nur etwa 20 bis 25 Prozent von überlebenden Erben wieder einen Teil des konfiszierten Eigentums zurückerhalten konnten.

Zahlreiche Immobilien, aber auch der Schmuck der im Auslieferungslager von Drancy registrierten Juden ging nach Kriegsende oft in Staatsbesitz über. Möbel aus beschlagnahmten jüdischen Wohnungen wurden in einem Lager beim Bahnhof Austerlitz, wo heute die neue Nationalbibliothek steht, gelagert, um dann nach Deutschland verfrachtet zu werden mit Endbestimmung für deutsche Siedler in Osteuropa. Ein eigentlicher Raubmarkt wurde mit Kunstwerken aus zweihundert jüdischen sowie anderen Sammlungen betrieben, die von den Deutschen in neutrale oder befreundete Länder verkauft wurden.

Der französische Rechnungshof hat in einem sehr kritischen Bericht Ende 1995 festgestellt, dass seit Kriegsende über 60 000 Kunstwerke nach Frankreich zurückgekommen waren und und davon 45 000 wieder an ihre privaten Besitzer übergeben wurden. In den französischen Museen befinden sich aber heute noch l 955 «besitzerlose» Objekte - die Grosszahl im Louvre -, und der Rechnungshof wirft den Museumsdirektionen vor, keinerlei Eifer gezeigt zu haben, um die rechtmässigen Besitzer der zum Teil wertvollen Werke zu finden. Einige Werke können heute, allerdings über Internet gesucht werden. Die Rückgabe eines einzelnen Bildes ist vor kurzem im Aussenministerium von Minister de Charette höchst zeremoniell in Szene gesetzt

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worden, nachdem Bundeskanzler Kohl die Rückgabe mehrerer Bilder an Frankreich veranlasst hatte.

Generell haben sich die französischen Regierungen nach dem Krieg wenig kooperativ gezeigt, das Unrecht an den Juden wiedergutzumachen. Die Diskrepanz zwischen dem Resistance-Mythos und der Vichy-Kollaboration war zu gross, der Wunsch nach «nationaler Versöhnung» manchmal zu sehr ein parteipolitischer Imperativ und das Archivr geheimnis und bürokratische Vorbehalte waren zudem ein bequemer Vorwand, um die schwierigen Nachforschungen und juristischen Abklärungen zu behindern.

Der Vorsitzende der Jewish Agency Burg, hat Frankreich noch eine «schwierige Selbstkritik» über die Vichy-Epoche vorausgesagt, aber auch erklärt, dass seine Agentur bereits mit neunzehn Regierungen über das Problem des jüdischen Besitzes verhandle. Der Jüdische Weltkongress hat auch die Frage des Verbleibs von Raubgold in Frankreich angeschnitten, das auf Grund des Mandats der nach dem Krieg geschaffenen Dreierkommission (USA, Grossbritannien, Frankreich) bisher nur an Staaten, nicht aber an private Besitzer zurückgegeben worden ist.

Anfangs Februar 1997 warf die Presse die Frage auf, ob die Alliierten nun mit dem restlichen, noch nicht verteilten Raubgold einen eigenen Hilfsfond einrichten wollen.

Die Administtation Clinton hat einen Bericht der «New York Times» bestätigt, laut dem sich die USA, Grossbritannien und Frankreich darauf geeinigt haben, die weitere Verteilung des von ihnen nach dem Zweiten Weltkrieg eingezogenen Nazi-Raubgoldes einzustellen; bei der Federal Reserve Bank in New York und bei der Bank of England befinden sich gegenwärtig noch insgesamt 5, 6 Tonnen solchen Goldes mit einem derzeitigen Wert von 78 Millionen Dollar. Nach Angaben von Beamten der amerikanischen

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Regierung soll nun weiter abgeklärt und darüber verhandelt werden, ob mit diesen restlichen Goldbeständen ein neuer Kompensationsfonds für Holocaustopfer geschaffen werden könnte. Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Edgar Bronfman, hatte Präsident Clinton bereits am 26. September 1996 in einem Brief gebeten, darauf hinzuwirken, dass das restliche Nazigold zugunsten von Überlebenden des Holocaust und von Opfern des Naziterrors der World Jewish Restitution Organisation zur Verfügung gestellt werde. Leider scheint sich auch hier die Befürchtung zu bestätitgen, dass die Juden sich nicht um andere als jüdische Nazi-Opfer kümmern und im Grunde alles für sich beanspruchen wollen.

Die USA, Grossbritannien und Frankreich sind die Mitglieder der im September 1946 gegründeten Tripartite Commission; dieses Gremium wurde im Rahmen des Pariser Reparationsabkommens mit der Verteilung des sogenannten «monetären Goldes» beauftragt, das die Nazis bei den Notenbanken der von ihnen besetzten Länder geplündert hatten. Unter diesem Titel wurden an die Kommission annähernd 337 Tonnen Gold (im heutigen Wert von rund 4 Milliarden Dollar) überwiesen; dies schloss nicht nur das von den Alliierten direkt eingezogene Gold ein; hinzu kamen vielmehr auch die mit der Schweiz und den drei anderen neutralen Staaten Schweden, Spanien und Portugal vereinbarten Überweisungen; so hatte sich ja etwa die Schweiz im Washingtoner Abkommen zur Regelung der Raubgoldfrage verpflichtet, Gold im Wert von 250 Millionen Franken abzutreten.

Dieses «monetäre Gold» wurde nun grösstenteils bereits in den vierziger und fünfziger Jahren in Form «quasi endgültiger» Zahlungen an jene Länder verteilt, die wegen der Ausplünderung ihrer Notenbanken Ansprüche gestellt hat-

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ten. Als später Nachzügler und als letzter der insgesamt 10 anspruchsberechtigten Staaten erhielt am 29. Oktober 1996 auch noch Albanien eine Zahlung. Bis zur jüngsten Kontroverse um die Holocaust-Vermögen war eigentlich vorgesehen, dass die verbliebenen 5, 6 Tonnen Gold, die bloss noch knapp 17 Prozent des ursprünglichen an die Kommission abgelieferten Goldes ausmachen, ebenfalls gemäss dem nach dem Krieg festgelegten Verteilungsschlüssel ausbezahlt werden. Die Administration will nun aber neue Hinweise erhalten haben, dass (angeblich?) ein Teil des von der Tripartite Commission eingezogenen Nazi-Raubgoldes Privatpersonen und vorab Juden gehört hatte. Im Urteil von Historikern ist dies aber keineswegs eine sehr neue Erkenntnis, die insbesondere auf das von den Nazis in Holland und Österreich geplünderte Gold zutreffen dürfte.

Laut Vertretern der amerikanischen Regierung ist nun allerdings umstritten und nach 50 Jahren erst recht kaum mehr genau eruierbar, inwieweit das «monetäre Gold» auch privates Eigentum umfasste. Die Mitglieder der Tripartite Commission und die bisher als anspruchsberechtigt geltenden europäischen Staaten werden nun nach Angaben von Diplomaten die neuen Erkenntnisse prüfen und abwägen, ob die Schaffung eines Kompensationsfonds für Opfer des Naziterrors gerechtfertigt sei.

Und nicht ganz unumstritten dürfte sodann sein, wem beziehungsweise welcher Organisation diese Mittel anvertraut werden sollen. Gegen eine Einfrierung des restlichen Nazi-Raubgoldes hatten sich in den letzten Monaten insbesondere noch die Franzosen gesträubt; ihnen würde nach dem alten Verteilungsschlüssel noch rund ein Drittel der Bestände zustehen, da Frankreich die Ansprüche Belgiens und Luxemburgs getilgt und dafür die Rechtsnachfolge übernommen hatte.

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Der Kanada-Schweizer und Universitätsprofessor in Ed-monton, Armin Arnold, veröffentlichte in der NZZ vom 10. Februar 1997 folgende Zuschrift, die die historische Szene unter konkreten Gesichtspunkten beleuchtet:

«Der ehemalige Sekretär des Jüdischen Weltkongresses fordert jene Schweizer auf, die Auskunft über jüdische Fluchtgelder geben können, an die Öffentlichkeit zu treten. Ich tue das anstelle meines Vaters (Franz Arnold, 1896-1986), der sich in den Jahren 1933-1939 vor allem mit dem Transfer jüdischer Vermögenswerte von Deutschland über die Schweiz nach den USA beschäftigt hatte. Während des Krieges war er Revisor der jüdischen Intemiertenlager in der Schweiz. Im folgenden setze ich Namen nur dort ein, wo ich sicher bin, dass die Genannten nicht mehr am Leben sind. Ich bin aber gerne bereit, Interessierten genauere Auskunft zu erteilen.

Mein Vater, Sohn eines Schweizers und einer Italienerin, absolvierte eine kaufmännische Lehre bei der SKA (heute Credit Suisse) in Zug und erwarb im Anschluss das Buchhalterdiplom mit einer Arbeit über die Bewertung von Edelsteinen. Nachdem er einige Jahre als Bänkler in Paris gearbeitet hatte, wurde er Buchhalter einer jüdischen Firma in Zürich, die mit Diamanten und Juwelen handelte und eine Filiale in München betrieb. In den Jahren 1933-1939 pendelte mein Vater zwischen München und Zürich hin und her, schmuggelte Steine und Papiere in die Schweiz und sorgte für ihren Transfer in die USA. Er verkaufte auch - im Auftrag - Vermögenswerte deutscher Juden in die Schweiz und verschob das Geld nach Frankreich, England, Kanada - das meiste aber nach New York.

Warum liess man damals das Geld nicht auf Schweizer Banken liegen? Dazu muss man den geschichtlichen Hintergrund betrachten: Während es in Deutschland nach 1933

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ökonomisch aufwärtsging, serbelte die Schweizer Wirtschaft weiter dahin, so dass man 1936 den Franken um 20 Prozent abwerten musste. Der Schweizerfranken war nicht die Währung, in die man Vertrauen hatte. Aber noch wichtiger: Am 9. Februar 1936 wurde der für die Schweiz zuständige Landesgruppenleiter Wilhelm Gustloff (er verwaltete 130 000 Deutsche in der Schweiz) in Davos ermordet. Er erhielt in Deutschland das Begräbnis eines Staatsoberhaupts. Man wusste jetzt: Hitler betrachtete zumindest die deutschsprachige Schweiz als künftigen Teil des Deutschen Reiches. Nachdem darauf 1938 Österreich ins Reich «heimgeholt» worden war, war jedermann klar, was der Schweiz in naher Zukunft blühen würde. Wohlhabende Schweizer begannen, Teile ihres Vermögens nach Süd- oder Nordamerika zu transferieren.

Wer in Deutschland und Österreich gefährdet war, würde es in der Schweiz - nach dem erwarteten «Anschluss» -nicht weniger sein. Wer es sich leisten konnte (darunter auch Nichtjuden), machte sich auf den Weg nach Frankreich, England, den USA, nach Kanada, Neuseeland, Australien Mexiko, Brasilien, Argentinien. In der Schweiz blieben vor allem diejenigen zurück, die Gott nicht mit Reichtümern gesegnet hatte: Viele Juden arbeiteten an unseren Theatern, publizierten unter Pseudonym, arbeiteten in allen möglichen Berufen oder lebten von der Wohltätigkeit ihrer Schweizer Freunde. Tausende wurden interniert; viele meldeten sich freiwillig und liessen sich in ein Lager einweisen. Die meisten waren arm.

Es versteht sich, dass viele Juden, die über die Schweiz «ausreisten», meinen Vater auf der Durchreise besuchten. Einer - er hiess Färber - wohnte eine Weile bei uns. Er verkaufte alles, was er besass, als letztes eine Altölraffinerie in Zürich Altstetten an eine Aktiengesellschaft, die mein Vater leitete. Die bedeutendsten Summen wurden in Dollar nach

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New York transferiert. Färber reiste nach Deutschland zurück, um seine Familie zu holen - und blieb verschwunden. Später wurde klar, dass er mit Frau und Kindern ermordet worden war. Sein Geld wartet wohl immer noch auf ihn - in New York.

In den Jahren 1965-1972 schrieb ich zwei Bücher über Schriftsteller des Expressionismus, von denen viele ins Exil gegangen waren. Mir ist nicht bekannt, dass es einem von ihnen eingefallen wäre, sein Geld auf einem Schweizer Konto zu belassen. Auch Alfred Döblin hob sein Geld noch rechtzeitig ab. Hingegen machte sich ein berühmter expressionistischer Dramatiker einen Sport daraus, Schweizern ihr Geld abzunehmen, indem er versprach, es zu hohen Zinsen in Dollars anzulegen. Als er 1945 starb, hatten einige Schweizer zusammen eine halbe Million verloren. Mein Vater, der nach 1945 als Steuereinschätzer arbeitete, erzählte von ähnlichen Fällen.

Einmal, als mein Vater die jüdischen Interniertenlager in Lugano inspizierte, durfte ich mit. Wir erhielten ein Zimmer in der «Villa Ida» in Castagnola, die von internierten Juden bewohnt war. Es waren freundliche Leute, die mir das einzige anboten, was sie hatten: Zigaretten. Einer - er hiess Puderbeutel - nahm sich meiner an, ging mit mir spazieren und weihte mich in ihr Emigrantendasein ein: Alle langweilten sich gewaltig und lebten in ständiger Angst vor dem deutschen Einmarsch. Ärger gab es beim Essen: Die einen assen koscher, die ändern nicht. War das koschere Essen besser, ärgerten sich die ändern - und umgekehrt. Ich wurde auch in die Fluchtwege eingeweiht, die man sich ausgedacht hatte: Einige hielten ein Boot unten in Cassarate in Bereitschaft, mit dem sie in der Nacht nach Caprino rudern wollten, um sich in den Wäldern unterhalb des Monte

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Sighignuola zu verstecken. Alle waren froh, im Tessin zu sein; sie rechneten sich aus, in Italien eine gute Überlebenschance zu haben.

Von den Internierten, die wir kannten, kehrte keiner nach Deutschland zurück. Die meisten wanderten aus - nach Israel, einige nach Kanada und in die USA. Es ist natürlich traurig, dass die Schweiz tausende von Flüchtlingen abgewiesen hat. Hätte sie es nicht getan, hätte Hitler allerdings einen Grund mehr zum Einmarsch gehabt. Und die Banken und die Industrie? Was wäre geschehen, wenn sie Hitler vor den Kopf gestossen hätten? Natürlich wäre es ehrenhaft gewesen, wenn die Schweiz die Neutralität aufgegeben und in den Krieg eingegriffen hätte - das hätte wohl auch den 300 000 Flüchtlingen, die sich in der Schweiz aufgehalten haben, das Leben gekostet. Pragmatisch gesehen, hat die Schweizer Regierung klug und überlegen gehandelt.

Wenn ich dem amerikanischen Senator Alfonse D'Amato zuhöre, habe ich das Gefühl, er weiss es besser, er ruft ganz bewusst: «Haltet den Dieb!» - um die Aufmerksamkeit der Welt von der Wirklichkeit abzulenken. Wenn jüdische Vermögen nicht abgeholt worden sind, dann liegen sie bei amerikanischen Banken, nicht in der Schweiz. Und wenn ich ein Nazi gewesen wäre, hätte ich in den Jahren 1944 oder 1945 das Gold vergraben oder nach Argentinien geschickt, wo ich einer freundlichen Aufnahme sicher gewesen wäre - ganz sicher nicht in die Schweiz».

Gemäss einem Dokument, das am 9. Februar 1997 vom World Jewish Congress (WJC) veröffentlicht worden ist, hat das neutrale Schweden in der Zeit des Zweiten Weltkriegs mit Deutschland nicht nur einen zivilen Güterhandel getrieben, sondern dem kriegführenden Land auch militärisches Material zukommen lassen. Das neu publizierte Schriftstück scheint darauf hinzuweisen, dass Schweden

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Nazi-Deutschland feinmechanische Bestandteile geliefert hat, welche bei der Konstruktion der sogenannten «Vergeltungswaffen» V-2 zur Anwendung kamen; diese fürchterlichen Projektile waren ab 1944 vor allem auf britische und belgische Ziele gerichtet worden und hatten unter der Zivilbevölkerung Angst und Schrecken verbreitet.

Besagtes Schriftstück ist ein Brief, den ein Beamter der New Yorker Hafenbehörden an das amerikanische Aussen-ministerium gerichtet hatte. Der Verfasser des Schreibens berichtet 1946, also ein Jahr nach dem Ende des Krieges, davon, dass das amerikanische Schiff «William Dean Howells» im Januar 1945 in dem von den Westmächten kontrollierten Hafen von Antwerpen mit einer V-2 beschossen worden sei, der Mannschaft sei es in der Folge gelungen, in den Trümmern der Rakete Teile sicherzustellen, welche deutlich sichtbar mit dem Aufdruck «Made in Sweden» versehen gewesen seien. Es habe sich um fein gearbeitete Antriebsräder und Wellen gehandelt, heisst es in dem Brief. Der rapportierende Beamte forderte das Aussen-ministerium auf, in Stockholm mit einer Protestnote zu intervenieren.

Dass Schweden in der Zeit des Krieges kommerziell mit Deutschland eng liiert war, ist jedoch nichts Neues; nach Schätzung von Historikern wickelte das neutrale Land in der fraglichen Periode zwischen 90 und 95 Prozent seines Aussenhandels mit den kriegsführenden Nachbarn ab. Besonders bedeutsam waren die schwedischen Lieferungen von Eisenerz und Kugellagern, letztere hergestellt von der Svenska Kugellagerfabriken (SKF), einem in der Branche heute noch führenden Weltunternehmen. Die SKF unterhielt auch eigene Fabriken in Deutschland, die gegen Ende des Krieges von den Westmächten bombardiert wurden. Dass nun in den V-2-Raketen offenbar Komponenten

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schwedischer Herkunft eingebaut waren, mag zwar neu sein, hat hiesige Historiker aber nicht überrascht. Leif Leifland, ein schwedischer Historiker und ehemaliger Diplomat, äusserte gegenüber einer Tageszeitung die Meinung, man habe davon ausgehen müssen, dass bei der Herstellung der deutschen «Vergeltungswaffen» schwedisches Material zur Anwendung gekommen sei; eigentliche Beweise dafür hätten bis heute allerdings gefehlt.

Zusätzlich zu den V-2-Dokumenten hat der WJC auch einen Bericht des amerikanischen Geheimdienstes aus dem Jahr 1946 publiziert, der schwedische Mitglieder des Roten Kreuzes in einem dubiosen Licht erscheinen lässt. Im Rapport, der sich auf «zuverlässige Quellen» abstützt, wird geltend gemacht, die schwedischen Delegierten hätten nach dem Krieg gegen Bezahlung als Mittler zwischen alten Nazis in Deutschland und Sympathisanten in Schweden gewirkt. Die gleichen Angestellten der Hilfsorganisation hätten ihre häufigen Reisen zwischen Deutschland und ihrem Land auch dazu genutzt, um einen florierenden Schwarzhandel mit Silberwaren und Kunstgegenständen aufzuziehen.

Aber nicht nur der WJC ist derzeit damit beschäftigt, Material zutage zu fördern, welches das bisher eher ungetrübte Selbstverständnis der Skandinavier ramponiert, sondern auch die schwedischen Medien. Unlängst publizierte die Morgenzeitung «Dagens Nyheter» eine Geschichte, welche ein Schlaglicht wirft auf die Verbindungen, welche die Schwedischen Staatsbahnen, die Statens järnvägar (SJ), während des Kriegs mit Deutschland unterhielten. Die Tageszeitung präsentierte Schriftstücke, die zeigen, dass die SJ 1940 - also ein Jahr nach Ausbruch des Kriegs - der deutschen Reichsbahn 500 Güterwagen auslieh, um - wie

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es offiziell hiess - den Transport von deutscher Kohle nach Schweden zu erleichtern. Die Nordländer erhielten in den folgenden Jahren zwar regelmässig die vereinbarte Miete für ihre ausgeliehenen Waggons - l Reichsmark pro Tag und Anhänger - überwiesen, sahen den grössten Teil des Rollmaterials aber nie wieder. Nach dem Krieg konnten gerade noch 42 Wagen, meist schwer beschädigt restituiert werden. Die Autoren des Berichts äussern nun den Verdacht, dass die schwedischen Eisenbahnwagen nicht nur für den friedlichen Kohlentransport verwendet worden waren, sondern auch für sehr viel martialischere Zwecke.

Die schwedische Regierung hat daraufhin erklärt, die vom WJC veröffentlichten Dokumente würden sehr ernst genommen und die Angelegenheit sei zu erörtern. Bereits Ende Januar hatte das Aussenministerium beschlossen, eine Kommission zu bilden, welche Schwedens Rolle in der Zeit des Zweiten Weltkriegs näher untersuchen soll. Der genaue Auftrag und die personelle Besetzung dieses Ausschusses ist zur Zeit noch unbestimmt. Fest steht indessen, dass auch das private Archiv der Industriellenfamilie Wellenberg, deren Mitglieder zum Teil zwielichtige Geschäfte mit Nazi-Deutschland getrieben hatten, geöffnet werden soll.

Am 17. Februar 1997 machten der britische Labour-Abgeordnete Janner und zwei Kollegen in einem Gespräch mit Bundesrat Cotti den Vorschlag, eine internationale Konferenz zum Thema Nazi-Raubgold einzuberufen. Sie lobten die von der Schweiz getroffenen Massnahmen zur Klärung ihrer Fälle während der Nazizeit und zur Einrichtung eines humanitären Fonds. Janner meldete sein Interesse an der Identität der von der Schweiz abgewiesenen jüdischen Flüchtlinge an und thematisierte das Kompensationsabkommen zwischen der Schweiz und Polen.

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Jänner, sein konservativer Kollege David Hunt und der britische Europaparlamentarier Glyn Ford diskutierten mit Bundesrat Flavio Cotti, Botschafter Thomas Borer von der Task Force, Jean-Pierre Roth vom Direktorium der Schweizerischen Nationalbank und Nationalrat Francois Loeb das Thema der nachrichtenlosen Vermögen, die Einrichtung eines humanitären Fonds und weitere Aspekte dieses Fragenkomplexes. Janner und Hunt waren bereits im vergangen November in der Schweiz gewesen. Beide stellten dankbar fest, dass die damals bei ihren schweizerischen Gesprächspartnern festgestellte Zurückhaltung gegenüber diesen Fragen überwunden sei und einer aktiven Politik der historischen Aufarbeitung und der Bereitschaft zu humanitären Leistungen Platz gemacht habe. Hunt betonte, nicht nur die Schweiz sei aufgerufen, sondern auch andere Länder und deren Bankinstitute müssten sich an der Suche nach der Wahrheit beteiligen (Bei den Juden scheint das Wort Wahrheit ein Synonym für Geld zu sein! sic.)

Der britische Abgeordnete drängte auf eine rasche Freigabe von Geldern aus dem mit 100 Millionen der drei Grossbanken begründeten Spezialfonds, weil sehr viele der möglichen Begünstigten bereits ein hohes Alter erreicht hätten. Die drei Briten betonten ferner ihre Erwartung, dass sich auch der Bund und die Schweizerische Nationalbank mit Beiträgen beteiligten. Janner schlug im Gespräch mit Cotti die Einberufung einer internationalen Konferenz zum Thema Nazi-Raubgold vor, damit dieses breit und international koordiniert aufgearbeitet werden könne.

Man sollte sich an dieser Stelle einmal kurz vor Augen führen, welche verschlungenen Wege von den Juden und ihren internationalen Vertretern eingeschlagen werden.

Zuerst spielt man auf dem Klavier der Drohungen, Verleumdungen und Beleidigungen und versucht mit Pressio-

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nen, die an Erpressung grenzen, soviel wie möglich als «moralische Wiedergutmachung» für die im Krieg noch verschonten Flüchtlingen herauszuholen. Und jetzt soll sich die Schweiz auch noch als Helfershelfer für eine internationale Sache zur Verfügung stellen, von der sehr unklar ist, ob und wieviel Gold von den Holocaust-Opfern irgendwie «verschollen» oder längst in amerikanischem Besitz sind. Solange vom Ausland, vorwiegend aus den jüdischen und amerikanischen Kreisen, die schändlichsten Lügen über die Eidgenossenschaft verbreitet werden, werden der WJC, D'Amato und Konsorten es recht schwer haben, noch irgendwelche Sympathien weltweit für ihre Sache zu finden. Und die Leidtragenden sind ja gerade jene Ärmsten im Ostblock. Aber soviele Milliardäre und ungeheure jüdische Vermögen in den USA auch versammelt sind - die Juden dort helfen ganz offensichtlich denen im Ostblock auch nicht. Sie wollen das Elend und das Schreckbildnis uns, Unbeteiligten, vor Augen führen, damit sie ihre riesigen Vermögen nicht auszugeben brauchen. Verwundern sich da die jüdischen Kreise, wenn durch ihre weltweite Aktivität erneut der Antisemitismus zu neuer Hochblüte getrieben wird? Ihnen wird das auch in Amerika nicht weiterhelfen können, wenn sie die ganze Welt gegen sich aufbringen.

Die Idee einer internationalen Konferenz, so der britische Jude Janner, werde der Interparlamentarische Rat gegen Antisemitismus, dem Abgeordnete aus 87 Ländern angehören, der britischen Regierung unterbreiten mit der Empfehlung, die Initiative zu ergreifen und diese Staaten einzuladen.

Cotti habe den Vorschlag uneingeschränkt begrüsst, versicherte Janner. Thomas Borer von der Task Force ergänzte, neben den Staaten könnten vielleicht auch internationale

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Institutionen wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) mit Sitz in Basel einbezogen werden. Die Teilnahme an einer solchen Konferenz, fügte Borer hinzu, bedeute für die Schweiz allerdings nicht, dass deswegen das von ihr mit den Alliierten 1946 abgeschlossene Washingtoner Abkommen in Frage gestellt werde. Janner hingegen liess keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit aufkommen, mit Hilfe von Rechtsgutachten abzuklären, ob dieses Abkommen wegen neuer Fakten oder weil sich die Schweiz möglicherweise nicht an den Vertrag gehalten habe, nicht doch revidiert werden müsse.

Janner will auch der Identität der von der Schweiz abgewiesenen jüdischen Flüchtlinge nachgehen. In Genf gebe es bereits eine Liste mit 13 000 Namen von Zurückgewiesenen, die er einsehen könne. Sehr gereizt verneinte Janner die Frage, ob diese Nachforschungen auf andere Länder ausgedehnt würden, (und warum nicht? Befürchtet Janner, dass dort grössere Vergehen gesichtet würden?), die ebenfalls, wie auch Grossbritannien und die USA, jüdische Flüchtlinge abgewiesen und ihrem Schicksal überlassen hatten. Grossbritannien habe schliesslich allein den Widerstand gegen Nazideutschland aufgenommen, rechtfertigte Janner sein schroffes Nein und er drohte, mit solchen Fragen werde bloss die Missstimmung gegenüber der Schweiz wieder angeheizt.

Angesprochen wurde auch das Kompensationsabkommen der Schweiz mit Polen von 1949 und Janner stellte eine Liste mit Namen von polnischen Naziopfern in Aussicht, deren in der Schweiz deponierte Vermögen bis jetzt als nachrichtenlos galten. Dieses Abkommen jedoch - wie der Historikerbericht Hug/Perrenoud bestätigt - ändert nichts an den Rechten der verschollenen ursprünglichen Eigentümer oder ihrer Erben. Finden sich heute Berech-

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tigte, sind sie von Polen oder der Schweiz zu entschädigen. Als Vertreter des Interparlamentarischen Rates gegen Antisemitismus betonten die drei Gäste die Notwendigkeit des gemeinsam geführten Kampfes gegen den Antisemitismus. Janner beharrte bei dieser Gelegenheit auf seinem Vorwurf, eine in der Lausanner Zeitung «24 heures» publizierte Karikatur des Bundesrates sei in ihrer Aussage krass antisemitisch, und er wünschte die erklärenden Argumente des Bundeshauskorrespondenten dieser Zeitung unter den Tisch. Will neuerdings Janner in der Schweiz auch noch die Zeitungszensur wiedereinführen? Was masst dieser Mann sich eigentlich an, uns Schweizern Vorschriften machen zu wollen!

Das Simon-Wiesenthal-Center in Los Angeles hat unterdessen die Suche nach Vermögenswerten führender deutscher Nationalsozialisten auf weitere Länder ausgedehnt. Wie der Dekan des Zentrums, Rabbi Marvin Heir, bekanntgab, wurde die Liste mit 344 Namen von Nazis an eine Reihe von weiteren Ländern in Europa und Südamerika verschickt.

Diese Liste war bereits an den Schweizer Bundespräsidenten Koller gesandt worden, verbunden mit der Aufforderung, nach etwaigen Vermögenswerten dieser Nazis auf Schweizer Banken zu forschen. Die Idee sei, diese Aktion weltweit auf all jene Länder auszudehnen, in die Nazis nach dem Krieg geflüchtet seien oder in die Gelder verschoben worden sein könnten, sagte Heir. In einer zweiten Serie seien deshalb die Präsidenten Portugals, Spaniens, Schwedens sowie Argentiniens angeschrieben worden. Weitere Vorstösse seien in Frankreich, Norwegen, Brasilien und Paraguay geplant.

Rabbi Marvin Heir sagte in Los Angeles, das Simon-Wiesenthal-Center habe während zweier Monate Unter-

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lagen der SS, die Akten der Nürnberger Prozesse sowie weitere Dokumente über die Kriegsverbrechen der Nazis nach Namen durchforstet, die Zugang zu gestohlenen Vermögenswerten gehabt haben könnten. Das Resultat sei die Liste mit 344 Namen, darunter zum Beispiel Adolf Eichmann, die an Bundespräsident Arnold Koller geschickt worden sei. Das Wiesenthal-Center will, laut Heir, so sicherstellen, dass in der Schweiz auch gezielt nach Vermögenswerten von Tätern des Nazi-Regimes gesucht wird. Denn danach sei seines Wissens bisher noch nicht geforscht worden, sagte der Rabbi und forderte die Schweiz auf, ihre Untersuchung auszuweiten.

Hierzu ist anzumerken, dass solche Vermögenswerte sicherlich niemals von einer Schweizer Grossbank gehalten würden. Soviel sollte auch das Wiesenmal-Center in Los Angeles wissen!

Unterdessen hat auch Polen beschlossen, den jüdischen Gemeinden ihr Eigentum zurückzugeben. Ein entsprechendes Gesetz wurde vom Parlament mit einer grossen Mehrheit von 339 gegen 34 Stimmen bei 30 Enthaltungen verabschiedet. Die Vorlage bezieht sich allerdings auf Friedhöfe, Synagogen und andere Gebäude, die während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg und von kommunistischen polnischen Regierungen enteignet worden waren. Recht-massige Besitzer des religiösen Erbes sollen nun jüdische Gemeinden werden, denen derzeit rund 2 000 der 8 000 in Polen lebenden Juden angehören.

In Brooklyn USA haben jüdische Anwälte, darunter der Staranwalt Hausman, der mit Erfolg die Exxon Valdez wegen eines im Jahre 1994 verunglückten Tankers zu 5, 1 Milliarden Dollar Bussgeld an rund 34 000 betroffene Fischer verklagte und den Prozess gewann, die Schweizer Banken

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in einer Sammelklage in Milliardenhöhe verklagt. In Sachen «Holocaust-Vermögen» richten sich somit zur Zeit drei Sammelklagen gegen die Schweizer Banken.

Kollektivklagen sind jedoch in den USA zunehmend umstritten, da sie oft von den Klägern und manchmal auch von den Unternehmen - etwa zur Abwehr künftiger Klagen -missbraucht werden.

Die Schweizer Banken werden zunächst einmal die Zuständigkeit dieses Gerichts anfechten. Man nimmt an, dass ein solcher Prozess - wenn er auch wirklich durchgeführt werden sollte - mindestens zwei Jahre in Anspruch nehmen dürfte.

Man sieht hieraus den Zustand, in dem sich die Welt befindet, und der ohnehin immer noch beklagenswerte Zustand des internationen Rechts wird nicht dadurch verbessert, dass einzelne Grossstaaten glauben, Diktate einem kleineren Land aufzwingen zu dürfen. Es wird sich zeigen, ob auf kurz oder lang Europa sich vollständig von den USA abspalten wird, wenn sie ihre Praxis auf diese Weise weiterzieht. Denn als Weltpolizist ist Amerika weder moralisch noch faktisch berechtigt, irgendwelche Mandate Dritter zu übernehmen. Solange ein Staat, wie die USA bis heute die menschenunwürdigen Kapitel seiner eigenen Geschichte nicht aufgearbeitet hat, kann er keinen glaubwürdigen Beweis für das Recht erbringen, andere Staaten zu vertreten. Ausserdem ist der Entwicklung der Welt nicht damit gedient, dass ein einziges Land eine derartige dominierende Rolle spielt - im Gegenteil, je länger die Zeit fortschreitet, desto negativer für die Welt wird das gegenwärtige, völlig einseitige globale Machtsystem.

Am 24. Februar 1997 haben Bundesrat Flavio Cotti und der Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses (JWC), Israel Singer, in Bern die Verwaltung und Zweckbestim-

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mung des Spezialfonds für Holocaust-Opfer diskutiert. Dem Vernehmen nach zog sich die Diskussion in die Länge, weil in der Delegation von Singer nicht alle Mitglieder den gleichen Wissenstand hatten und deshalb mehr Zeit als vorgesehen für die Darstellung und Begründung der von der Schweiz eingeleiteten Massnahmen aufgewendet werden musste. Botschafter Borer wiederholte an der Zwischen-information vor den Medien den bekannten Standpunkt des Bundesrates, wonach das Geld des Spezialfonds rasch überwiesen werden soll.

Wenn Singer nun so jovial grinsend sich äusserte, dass er die Schweiz liebe und seine Frau ja auch Schweizerin sei, so kauft ihm das wohl keiner hierzulande ab. Denn just sagte er noch vehement und mit Protest, dass die jüdischen Organisationen alleine und ohne jede Einflussnahme der Schweiz über die Gelder verfügen wollen. Bekanntlich haben sowohl die Grossbanken als auch private und kirchliche Kreise grosse Spenden eingebracht in den Spezialfonds für alle notleidenden Hinterbliebenen und Überlebenden des Holocaust. Es steht den jüdischen Organisationen gar nicht zu, uns Schweizern ein Diktat aufzwingen zu wollen, für wen wir - oder gar wem wir kontrolliert - solche Summen zur Verfügung stellen.

Nach einer von der Westschweizer Tageszeitung «Le Matin» veröffentlichten Umfrage ist die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer für die Schaffung eines von den Banken und Wirtschaft finanzierten Spezialfonds. Über die Hälfte der Befragten sind jedoch gegen einen Finanzbeitrag durch den Bund (Steuerzahler). Vierundfünfzig Prozent der in der deutschen und französischen Schweiz befragten Personen äusserten sich zustimmend zur Kreation eines Sonderfonds, 25, 8 Prozent betrachten es als eine schlechte Massnahme. Vierunddreissigkommazwei Prozent sind für eine finanzielle Beteiligung des Bundes, und 50, 5

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Prozent sind dagegen. Die Vorwürfe gegen die Schweiz im Zweiten Weltkrieg werden von bloss 17, 2 Prozent als gerechtfertigt betrachtet, während 47, 3 Prozent diese als teilweise und 18, 3 sogar als unbegründet zurückwiesen.

Dreiundvierzigkommafünf Prozent sind der Ansicht, dass die Schweiz nach Kriegsende nicht genug für die Opfer des Holocaust getan habe. Fünfundzwanzigkommaacht Prozent finden, sie habe genug getan, und 4, 6 Prozent meinen, es sei zuviel gemacht worden. Schliesslich glauben 40, 2 Prozent der Befragten, dass der Antisemitismus gegenwärtig in der Schweiz ein Problem darstelle. Sechsundvierzigkommadrei Prozent indessen halten es für ein kleines Problem.

Am 25. Februar 1997 einigten sich schliesslich die jüdischen Vertreter, darunter der Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, Israel Singer, sowie Vertreter des israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu, der World Jewish Restitution Organization, der SIG, vertreten durch Rolf Block, Vertreter der Fahrenden sowie der Schweizer Banken und der Industrie. In der Vereinbarung wird festgehalten, dass die Mehrheit der Verfügungsberechtigten in Schweizer Hand liege. Die jüdischen Organisationen lassen ihre Vertreter jeweils zu Gesprächen einladen. Ebenso die Fahrenden und der vom Bundesrat beschlossene Ausschuss.

An einer Pressekonferenz gleichentags rief der Präsident des Schweizerischen Bankiervereins, Georg Krayer, alle Mitglieder auf, rigoros reinemachen zu wollen und Fondsgelder bereit zu stellen. Ebenfalls wünschte er, dass sowohl die Industrie, als auch die Nationalbank und der Bund Beiträge leisten sollen.

Eigentlich müsste es ja Krayer heute hinlänglich bekannt sein, was dem Bundesrat und der Schweizerischen Nationalbank zugemutet werden kann. Eine lautstarke Wiederholung trägt nicht zum Klima der Beruhigung bei. Der Bun-

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desrat will vorerst die Aktenlage kennen, bevor er materielle Entscheide treffen kann.

Nachdem nun auch die Schweizerische Maschinenindustrie verlauten liess, dass sie sich namhaft an diesem Fonds beteiligen werde, kamen postwendend von US-Senator Alfonse D'Amato die nicht mehr überraschende Erklärung und erneute Vorwürfe, «dass die Schweiz sich damit zu ihrer Schuld bekenne und diese mit den Zahlungen eingestehe».

Womit D'Amato jedoch nicht gerechnet hatte, war die Reaktion des aufrechten Schweizer Politikers, Christoph Blöcken Grossunternehmer und Präsident der Schweizerischen Volkspartei Sektion Zürich (SVP). Seine Stimme hat nicht nur Gewicht; wenn er einen Aufruf gegen ein Referendum erhebt, verweigert es ihm auch kein heute so von den USA beschämt gewordener Schweizer und Schweizerin. Jetzt nahm dieser Mann endlich die Faust aus dem Sack und konterte dem mit Skandalen von Wahlspenden überschatteten New Yorker Senator D'Amato, dass jetzt der Bundesrat genau aufpassen müsse, was er tue. Wehe, wenn er auf diese Reaktion D'Amatos hin dem Fonds beitreten würde, wieviel und wozu, bzw. worüber die Gelder zu sein haben, würde er sofort den Aufruf zu einem Referendum erlassen. Das wäre dann das Aus für den Bund und für die Nationalbank, irgendwelche Beiträge leisten zu können. Zudem könnte der Fonds auf Jahre hinaus blockiert bleiben, bis die Wahlen durchgezogen worden sind. Damit haben sich die Juden mit ihren Organisationen und vor allem dem vorgeschobenen Kämpfer D'Amato, selbst ins Fleisch geschnitten.

Zwar legte auch ich ein «Ja» in die EWR-Urne. Heute bin ich froh, dass die Gegenseite gewonnen hatte und habe es mir zur Aufgabe gemacht - auch ohne einer Partei anzugehören -, auf das zu horchen, was dieser wackere und ein

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flussreiche Christoph Blocher zu sagen hat, ehe ich mich für oder wider entscheide. Immerhin hat der Unternehmer und Politiker Blocher uns Schweizern Milliarden von Franken, die heute in den bodenlosen Geldsäckel der EU geflossen wäre, erspart. Und heute steht die Schweiz, wie damals im Zweiten Weltkrieg umzingelt wieder alleine da. Niemand steht uns Schweizern bei. Wie zu den Urzeiten - und wie wir uns schon dannzumal alleine auf uns verlassen mussten - ist es heute. Das hat uns Schweizer zu dem gemacht, was wir heute sind. Und da können wir dem lieben Gott danken, dass wir einen Mann wie Christoph Blocher haben, der Zivilcourage genug hat, um für die Rechte des Schweizers zu kämpfen. Aber wir sollten es nicht ihm alleine überlassen, sondern ihm auch beistehen, wenn er unsere Hilfe, unsere Stimme braucht! Die EU-Mitglieder können zwar schadenfroh lächeln. Aber wie lange? - Denn eines ist gewiss: jetzt wo die Juden Geld gerochen haben in der reichen Schweiz, von der sie genau wissen, dass sie sich nichts zu schulden kommen liess im letzten Weltkrieg. Wie erst werden sie sie sich auf jene stürzen, die wirklich eine Schuld tragen?

Das Barometer für die Freundschaft gegenüber den Juden sinkt. Nicht nur in der Schweiz, auch in anderen Ländern. Und die Brandstifter sind weit entfernt.

Dennoch weiss der Schweizer die Dinge genau zu trennen, und der «Gute Willen» im Schweizervolk nimmt keinen Schaden, noch werden sich die Menschen durch miese Politik gegeneinander aufhetzen lassen. So haben drei privat gestartete Geldsammlungen zugunsten von Holocaust-Opfern gemäss ihren Angaben fast dreihunderttausend Franken ergeben. Die vor Wochen aufgenommene Sammelaktion von Schülern des Berner Gymnasiums Neufeld hat bisher 30 000 Franken eingebracht. Der Ertrag dieser

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Sammlung soll einer in Israel tätigen Organisation zuflies-sen, die sozial und psychisch geschädigte Opfer des Holocausts betreut. Die von den Freikirchen am 8. Februar 1997 auf dem Bundesplatz in Bern lancierte und von reformierten Landeskirchen unterstützte Sammlung hat von der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft (CJA) bisher rund 200 000 Franken erbracht. Dieses Geld wurde dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund übergeben, welcher die Begünstigten der Spenden bestimmen soll. Erst im Anlaufen ist die Sammeltätigkeit des vor knapp einigen Wochen lancierten Fonds für Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Bisher sind auch dafür spontan zehntausend Franken gespendet worden.

Wie man auch zu diesen Sammelaktionen stehen mag, die Schweiz gilt ja als spendenfreudigstes Land der Welt (730 Mio. Franken im Jahr, gegenüber den mehr als 25mal grös-seren USA, die 600 Mio. Dollar im Jahr spenden!), es wäre sicherlich sinnvoll, nicht irgend jemandem Spenden zu übergeben, sondern vorerst genau zu überprüfen, was mit diesen Geldern geschieht, wer wem was verteilt. Zuviele sind dabei leer ausgegangen und die gutgläubigen Spender können auch nicht hinter die Kulissen der Akteure schauen.

Wieder kommt das Simon-Wiesenthal-Centrum in Los Angeles und verbreitet über Internet eine Liste, die der Schweizerische Bankverein (SBV) 1941 dem amerikanischen Finanzministerium übergeben hatte. Sie enthält Namen und Adressen von l 500 Kontoinhabern, deren Konten die Bank blockierte, weil sie die Besitzer nicht mehr hatte ausfindig machen können. Die Liste wurde bisher nie veröffentlicht. Laut einem Sprecher des Schweizerischen Bankenvereins (SBV) hatte das US-Finanzministerium 1941 diese Liste angefordert. Die Gesamtsumme der blockierten

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Konten betrug 1941 laut der Bankverein-Liste 13, 4 Mio. Franken. Das würde heute, mit einer 4-prozentigen Verzinsung gerechnet, 116 Millionen Franken ausmachen, erklärte der Präsident des Wiesenthal-Zentrums, Rabbi Marvin Hier. (Aber solche Zinsspekulationen sind irrelevant, weil viele Jahre nach dem Krieg keine so hohe Zinsen bezahlt worden sind. Auch heute ist mit keinen hohen Festzinsen zu rechnen.) Es sei nicht anzunehmen, so Hier weiter, dass alle l 500 Inhaber Holocaust-Opfer gewesen seien, aber sicher gebe es solche darunter. Man wisse auch nicht, ob von den l 500 Kontoinhabern jemand nach dem Krieg mit dem Bankverein in Verbindung getreten sei und ob die Bank den Betreffenden Geld ausbezahlt habe.

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