4. KAPITEL

Unverarbeitete Geschichte der Amerikaner

Wenn man die 200jährige Geschichte der US-Amerikaner liest, fällt einem auf, dass bei ihnen die grossen Errungenschaften in Technik, Sport und so weiter einen sehr grossen Platz einnehmen. Politisch wollten die Amerikaner aufgrund ihrer technologischen Überlegenheit seit jeher die Weltpolizisten spielen und als einer der mächtigsten Staaten der Welt füllen die USA auch diese Rolle aus, indem sie Druck auf all jene Länder ausüben, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen. Wir bezeichnen die USA aufgrund dieser dominierenden Position gern als «westliche Führungsmacht» - dies klingt positiver in den Ohren der Menschen und klingt nicht so nach «Weltherrschaft», die man den Kommunisten nachsagte, auch wenn diese nie die Welt in dem Masse beherrscht haben, wie es die Amerikaner tun. Denn schliesslich verteidigen die USA ja die «Demokratie» und andere hohe moralische Werte und bringen ja in jedes Land, wohin sie kommen, Wohlstand und Fortschritt - das jedenfalls behaupten sie.

Dabei ist es ein Land mit einem rücksichtslosen Selbststreben. Die Amerikaner werfen gerne und schnell ihren «Feinden» ihre Schwächen oder Verfehlungen vor. Bis heute hat noch kein westlicher Staat den Amerikanern die Stirn geboten für «Verbrechen an ihrer Menschlichkeit». Sie waren nach den Spaniern die grössten Räuber und Mörder an den Indianern. Millionen über Millionen von Menschen, Frauen, Kinder, Greise wurden im Namen Amerikas dahin-geschlachtet.

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Die letzte und verwerflichste Schlacht fand in Wounded Knee statt. Es war eines der traurigsten Kapitel in der Geschichte der Amerikaner, denn in Wounded Knee wurden Frauen, Kinder und Männer alle zusammen erbarmungslos niedergemacht. Nein, Amerika ist nicht das, wofür wir es halten sollen! Die berühmten Pioniere sind skrupellos vorgegangen, haben den Indianern das Land weggestohlen, die Erde geplündert, verwüstet und die restlichen Indianer in Reservate gesteckt, damit sie dort elendiglich zugrunde gehen. Amerika wird im Westen gern als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten gepriesen. Dieser Mythos hat fast überall in der Welt seinen Glanz ein-gebüsst.

Bis heute sind die Zeichen der Gewalt an dem freiheitsliebenden Volk der Ur-Amerikaner zu sehen. Nicht nur die Erde und die Heimat wurde ihnen geraubt, sondern auch ihre Seelen. Schliesslich war es auch ein amerikanischer General, der den Ausspruch tat: «Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer!»

Aber dabei blieb es nicht. Die Amerikaner versklavten auch Schwarze. Jahrhundertelang wurden sie menschenunwürdig behandelt. Jeder Besitzer konnte mit seinen Sklaven tun, was er wollte. Wenn ihm sein Gesicht nicht passte, prügelte oder schoss er ihn tot. Bis heute ist Amerika von dieser Schandtat nicht weggekommen.

Der letzte grosse schwarze Bürgerrechtler, Dr. Martin Luther King wurde vor 29 Jahren von Weissen ermordet. Nach neuesten Meldungen soll die Untersuchung jetzt wieder aufgegriffen werden, weil die vermeintliche Tatwaffe erneut überprüft werden muss.

Ein Gericht in Memphis im amerikanischen Gliedstaat Tennessee entschied dies laut Pressemeldung. Der Richter Joseph Brown gab einem Antrag des Anwalts von James Earl Ray statt, der als mutmasslicher Mörder zu 99 Jahren

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Haft verurteilt worden war. Brown begründete seinen Entscheid damit, dass inzwischen moderne ballistische Tests verfügbar seien, die es am Ende der 60er Jahre noch nicht gegeben habe. Martin Luther King war am 4. April 1968 auf dem Balkon eines Motels in Memphis erschossen worden, als er mit einer Rede den Streik von Arbeitern und Müllabfuhr unterstützte. Ray hofft, in einem neuen Prozess seine Unschuld beweisen zu können.

Im übrigen hatte Martin Luther King diese Mordtat vorausgesehen und sie öffentlich bekannt gemacht. Es war die Tat Amerikas - «des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten».

Die Amerikaner waren das erste und einzige Land, das die ungeheuerliche Atomwaffe rücksichtslos gegen unschuldige Menschen einsetzte: In Nagasaki und Hiroshima. Obwohl die Amerikaner wussten, dass das japanische Kaiserreich die Waffen niederlegen wollte, taten sie dies als Exempel für die ganze Menschheit und gegen den Kommunismus.

Eines müsste den Amerikanern aufgefallen sein; sie hatten zwar den Krieg gegen den Fernen Osten - Japan - gewonnen. Aber dieses tüchtige kleine Volk hat ihnen Jahre später das Fürchten gelehrt. Und zwar im Kampf im Wettbewerb der Wirtschaft. Und es sind ja nicht die Japaner allein, auch andere asiatische Staaten können enorme wirtschaftliche Erfolge vorweisen.

Die ersten Nazis der Neuzeit waren de facto die Amerikaner selbst, weil sie ebenso skrupellos wie perfid Menschen umbrachten. Später waren der Ferne Osten, Indochi-na und vor allem Vietnam an der Reihe. Wir kennen alle die grausamen Bilder vom Krieg gegen die Zivilbevölkerung, wo jeder einzelne Soldat, wann auch immer er die Möglichkeit hatte, seine Gegner, ob Frau, Kind oder Greis, grau-

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sam niedergemetzelt hat. Man kann sich fragen, ob der Vietnam-Krieg noch als «normaler Krieg» bezeichnet werden kann, oder ob hier nicht schon ein grausiger Verfolgungswahn die Kriegsführung beherrschte.

Wir fragen uns in Europa - und heute ganz besonders in der Schweiz - wann endlich Amerika gegenüber all den Indianern, Schwarzen und Farbigen ein «Sühneopfer» leistet? Wann erhalten diese Menschen - die restlichen noch Überlebenden von diesem Holocaust - materielle Leistungen, geeignetes Land, das ihnen die Chance gibt, in ihrer Freiheit zu leben?

Ein Prophet möchte vielleicht ausrufen: Amerika, Amerika, du bist der Welt grösster Schandfleck auf Erden. Niemals hat es jemals soviel Entgleisungen, Lügen und falsche Moral gegeben. Da sind tausende von Sekten und Gruppen, die sich «Kirche» nennen, dabei sind sie lediglich Kapital- und Finanzgesellschaften, die auf heimtückische Art und Weise den labilen Bürgern das Geld aus der Tasche ziehen und sie erneut versklaven. Ich denke dabei gerade an die Scientologen. Aber es gibt wie gesagt noch viele solcher Gruppierungen. Sie haben ein fabelhaftes System; sie bringen mit ihrer Gehirnwäsche jeden «Kunden» soweit, die geheimsten Gedanken zu erklären, die auf Tonband mitgeschnitten werden. Später, wenn sich der Betreffende von dieser Sekte loslösen will, wird ihm knallhart dargelegt, dass alle diese Geheimnisse keine Geheimnisse mehr bleiben, wenn er es wagen sollte, etwas gegen die Sekte zu unternehmen.

Ein Bekannter von mir hatte sehr reiche Eltern. Als er durch seine Ehescheidung in ein Tief gesunken war, nahmen ihn die Scientologen auf, machten ihm eine Gehirnwäsche, bis sie alles wussten. Dann begannen sie ihn von

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der Umwelt und der Familie abzuschneiden, bis sie ihn soweit hatten, dass er alle jene kostspieligen Kurse, die Hunderttausende verschlangen, aus seiner Erbschaft bezahlte. Aber dabei blieb es nicht; die Scientologen verhalfen ihm zu einer Frau aus ihren Reihen und drängten die Eltern des Bekannten erneut Geld aufzutreiben. Schliesslich hatten diese noch ein Haus in der reichen Gemeinde Zollikon. Der Vater gab mit Ach und Krach nochmals einige Hunderttausend und nahm sich dann das Leben. Er warf sich unter den Zug.

Wenn in Deutschland diese Organisation - und nun auch in der Schweiz - nicht als gemeinnützige Institution angesehen wird und schon gar nicht als «Kirche», dann beschimpfen die Gegner Deutschland mit Nazis, SS und anderen diffamierenden Ausdrücken. Und das US-State Departement wird sogar noch vorstellig bei der deutschen Regierung. Das ist Amerika! Europa sollte sich geistig gänzlich von einem solchen Staate lösen und sich besser mit anderen Ländern zusammenschliessen. Im übrigen was heisst eigentlich «Kirche»? Kirche heisst Haus Gottes. Wenn die Amerikaner beim Ertönen ihrer Nationalhymne die Hand aufs Herz legen, so ist dies lediglich eine fadenscheinige Geste.

In Deutschland jedenfalls möchte man von solchen «Kirchen» nichts wissen und die von der Scientology-Sekte erhobenen Vorwürfe, die die staatlichen Abwehrmassnah-men gegen die Gemeinschaft mit den Judenverfolgungen während der Nazi-Zeit vergleichen, einhellig als indiskutabel zurückgewiesen worden. Allerdings gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, wie im einzelnen die Umtriebe der Sekte eingeschränkt werden sollen. Man muss hier der öffentlichen Diskussion in Deutschland Anerkennung zollen. Dort wird keine Stimmungsmache betrieben, man versucht, der Bevölkerung Informationen und Einsichten zu den

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Verhaltensweisen dieser Sekte zu verschaffen. Bei aller verständlichen Ablehnung beschränkt man sich nicht auf pauschale Verteufelung und Vorverurteilungen.

Der offene Brief amerikanischer Künstler und Schriftsteller an Bundeskanzler Kohl, den die «International He-rald Tribüne» als Anzeige veröffentlicht hatte und in dem die kritische Haltung deutscher Politiker gegenüber der Scientology-Sekte mit den Judenverfolgungen der Nazis verglichen wurde, hat heftige Kontroversen ausgelöst. Scientology selbst erklärte in Los Angeles, die Weigerung des Bonner Regierungschefs, auf das Schrei-ben der Künstler zu antworten, sei typisch für den Umgang mit der Organisation, die sich selbst als Religionsgemein-schaft ausgibt. Auf Vorwürfe der Diskriminierung werde mit Verachtung und Gleichgültigkeit reagiert. Bundes-kanzler Kohl, dem die Sekte Arroganz anlastete, hatte an seiner ersten Pressekonferenz im neuen Jahr jede Replik kategorisch verweigert und den Autoren in den USA vorgehalten, «keine Ahnung von Deutschland» zu haben und auch nicht haben zu wollen. Ist es nicht erstaunlich, dass der deutsche Bundeskanzler zu ähnlichen Einsichten gelangt, wenn es um die realistische Bewertung gewisser Medienkampagnen aus gewissen Kreisen in den USA geht?

Kohl traf mit seiner Antwort auf eine Journalistenfrage denselben Ton, der auch die Reaktionen von Vertretern nachgerade aller Parteien bestimmte. Sie verwahrten sich übereinstimmend gegen den Vergleich der Bundesrepublik mit dem Dritten Reich. Wen wundert's, wenn man bedenkt, wieviel Schindluder mit all diesen Dingen getrieben worden ist und immer noch getrieben werden kann.

Meinungsverschiedenheiten gab es nur über den Umgang mit der amerikanischen Organisation. Während Guido Westerwelle, der Generalsekretär der Freien Demokraten,

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Scientology in Deutschland den Anspruch auf Anerkennung als eingetragener Verein streitig machte, weil «diese dubiose Organisation» mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht vereinbar sei, erwiderte der politische Sprecher der Deutschen Grünen, Volker Beck, Vereinsverbote seien erfahrungsgemäss kontraproduktiv. Sie böten Scientology nur einen Vorwand, sich als Opfer darzustellen, und trieben ihr Sympathisanten zu. Beck hält es vor allem für die Aufgabe der Finanzbehörden, den zweifelhaften wirtschaftlichen Aktivitäten der Organisation auf die Spur zu kommen und die Einnahmen zu versteuern. Ähnlich äus-serte sich auch der Oppositionsführer im rheinland-pfälzischen Landtag, Johannes Gerster, der im vorigen Sommer als erster deutscher Politiker den Ausschluss von Sciento-logy-Mitgliedern vom öffentlichen Dienst gefordert hatte.

Nur das Bundesland Bayern hat diese Anregung bis heute aufgegriffen. Die Experten des Verfassungsausschusses waren bislang unterschiedlicher Meinung und vertraten zum Teil wie Beck die Auffassung, verbiete man die Vereine der Scientologen, so falle eine Kontrolle ihrer Aktivitäten um so schwerer. Gerster, der den Scientologen in einem Radio-Interview anlastete, ein totalitäres Menschenbild zu vertreten und Menschen zu unterdrücken, lud im Gegenzug die Unterzeichner des offenen Briefes an Kohl zu einem Besuch nach Deutschland ein. Sie seien von Scientology aufgehetzt und falsch informiert worden. An Ort und Stelle könnten sie sich vielmehr davon überzeugen, dass die Grundordnung der Bundesrepublik auf Menschen- und Freiheitsrechten aufbaue und sich gegen die Feinde der Freiheit wehre. Von den Unterzeichnern des Briefes können allenfalls die Schauspieler Dustin Hoffman und Goldie Hawn sowie der Regisseur Oliver Stone für sich in Anspruch nehmen, einem breiteren Publikum in Deutschland bekannt zu sein.

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Die Schweiz besass nie eine Kolonie noch hat sie fremdes Land an sich genommen. Die Schweizer waren ihrem Gehorsam treu geblieben, den sie Niklaus von Flüeh gegeben hatte, der sagte «Macht eure Zäune nit zu wiit». Zudem gab es - ausser dem Bürgermeister von Zürich, Hans Waldmann, der des Landesverrats von seinem Rivalen von Brun beschuldigt und zum Tode verurteilt wurde - noch nie einen Meuchelmord an einem Bundesrat oder Politiker, wie dies in den USA und Israel gang und gäbe ist. Die Schweiz hat auch keine Todesstrafe, aber Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, hat diese immer noch. Man kann das Wort «unbegrenzte Möglichkeiten» füglich handhaben, wie man will.

In Amerika gibt es immer noch den Ku-Klux-Klan, eine geheime Organisation, die vorwiegend in den südlichen Staaten ihr menschenverachtendes Unwesen treibt. Dort sind nicht nur die Farbigen nach wie vor unbeliebt, sondern auch die Juden. Aus diesem Grunde verirrt sich dorthin kaum jemals einer.

Aus Amerika kommen nicht nur Mord und Totschlag, sondern auch die krankhaftesten und perversesten Filme. Sie wollen uns Europäer seit eh und je klarmachen, welche «Helden» sie im Kampf gegen die völlig kläglich bewaffneten Indianern gewesen sein sollen. Mich graust ob den Filmen «Rocky» mit dem machoaufgeputschten Silvester Stallone. Und wenn man erst noch hörte, dass er vor Angst nicht einmal nach Cannes an die Filmfestspiele ging, weil die irakische Regierung Saddam Husseins ihn mit einem Mord bedroht haben soll, dann sagt uns das schon alles, was an Heldenmut solche Leute nocjh verkörpern. Und dann all diese idiotischen Lacher, die eingeblendet werden. Die Amerikaner wissen nicht einmal, was eine Pointe ist und

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wo sie zu lachen haben. Aus diesem Grunde müssen sie die Lacher einbauen. Und Europa macht in jüngster Zeit diesen Unsinn noch mit.

Dass in den letzten Jahrzehnten Amerika jedoch immer grössere Katastrophen und Umweltschäden mit ungeheuerlichen Zerstörungen erfolgten möchte man fast als eine Strafe Gottes bezeichnen. Vielleicht wehrt sich auch die Natur gegen die Masslosigkeit und Hybris der Menschen.

Ach ja, die Amerikaner werfen den Schweizern vor, Kapital aus dem Zweiten Weltkrieg geschlagen zu haben. Was haben die Amerikaner im Nahen Osten getan, als Saddam Hussein in den Golf einzog? Sie hatten sich die angebliche Verteidigung unserer freiheitlichen Ideale sehr teuer bezahlen lassen. Milliarden von Dollar und eine Vorrangstellung mit einer ständigen militärischer Machtpräsenz haben sie ausgehandelt, sehr zum Ärger der arabischen Umweltländer, deren Menschen schockiert sind von dem «american way of live» der dort stationierten amerikanischen Soldaten. Länder wie Thailand oder Vietnam haben sich moralisch bis heute noch nicht erholt vom zerstörerischen Einfluss der Amerikaner auf ihre Kultur, ihre Identität, ihre Selbstachtung und Seele. In Hunderten von Kriegen direkt oder indirekt mit dem CIA und wie diese alle schmutzigen Organisationen heissen, haben die Amerikaner seit dem letzten Weltkrieg die Finger im Spiel gehabt und immer noch.

Haben nicht Amerikaner die Goldreserven aus Deutschland beschlagnahmt? Waren sie nicht auch mit Kunstwerken und anderen wertvollen Gütern ab nach Amerika gehauen? Es wäre endlich an der Zeit, wenn die Amerikaner selbst einmal über ihre Vergangenheit nachdächten, statt anderen Ländern, die seit über 150 Jahren in keinen Krieg

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verwickelt waren, wie die Schweiz, Vorwürfe zu machen. Schliesslich war die Schweiz umzingelt von den Achsenmächten. Wir hatten keine Konzentrationslager und haben keine Menschen umgebracht, auch wenn man zugeben muss, dass es ein schrecklicher Fehlschlag von Bundesrat von Steiger und dem zuständigen Polizeichef Dr. Heinrich Rothmund war, den Befehl zu geben, 30 000 jüdische Flüchtlinge an der Grenze abzuweisen oder auszuschaffen. Es gab aber eine grosse Anzahl von Bürgern, die dennoch solche Flüchtlinge versteckten und ihnen über den Krieg halfen.

Das Missverhältnis zwischen moralischem Anspruch und blanker Grossmachtpolitik lässt sich auch immer wieder dann erkennen, wenn Geheimdienst-Affären an die Öffentlichkeit dringen. In solchen Fällen wird den Menschen plötzlich wieder bewusst, dass Amerika versucht, die ganze Welt Tag und Nacht auszuspionieren. Es ist ja auch kein Zufall, dass immer mehr militärische Nachrichtensatelliten in eine Erdumlaufbahn gebracht werden. Und niemand wird glauben, dass es sich um schlichte Kommunikationssatelliten handelt.

Kürzlich war es wieder so weit, als nämlich ein hoher Beamter der Central Intelligence Agency (CIA) verhaftet und der Spionage für Russland angeklagt wurde. Der Mann, Harold Nicholson, ist der höchste CIA-Beamte, der je der Spionage beschuldigt wurde. Er soll wichtige Geheimdokumente an Russland weitergeleitet, anders als vor ihm der Spion Ames, jedoch niemanden direkt ans Messer geliefert haben. Wie krankhaft die Amerikaner in den Russen stets noch ihren «Feind» sehen wollen, zeigt die nachstehende Pressemeldung aus Washington.

Auf dem Flughafen Dulles bei Washington ist Harold Nicholson, der Leiter des Anti-Terrorzentrums der CIA, von

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Beamten des Federal Bureau of Investigation (FBI) verhaftet worden. Wie der Direktor der CIA, John Deutch, und der Chef des FBI, Louis Freeh an einer Medienkonferenz bekanntgaben, soll Nicholson im Laufe der letzten beiden Jahre Staatsgeheimnisse an Russland weitergegeben und dafür Zahlungen in der Gesamthöhe von rund 120 000 Dollar entgegengenommen haben. Der 46jährige Nicholson reichte unter anderem anscheinend Angaben über junge CIA-Beamte, die er zwischen 1994 und 1996 ausbildete, an Moskau weiter. Dank den Informationen Nicholsons kennt Moskau zudem heute vermutlich auch die Namen der amerikanischen Geschäftsleute, die regelmässig nach Russland reisen und der CIA über ihre Eindrücke berichten. Sie dürften mit Strafmassnahmen Moskaus zu rechnen haben. Auch geheime CIA-Dokumente über Tschetschenien soll der Agent weitergegeben haben. Nicholson wurde vor einer Reise in die Schweiz verhaftet, wo er laut Angaben Deutchs seine russischen Kontaktleute hätte treffen sollen.

Anders als Aldrich Ames, der 1994 wegen Spionage verhaftet worden war, scheint Nicholson indessen keine amerikanischen Spione verraten zu haben. Ames' Verrat, der schwerwiegendste der letzten Jahrzehnte in den USA, wird in Geheimdienstkreisen mit dem Tod von mindestens zehn für Washington wirkenden Agenten in Verbindung gebracht. Auch scheint Nicholson, wiederum im Gegensatz zu Ames, die Zahlungen Moskaus nicht für auffallende Luxusgüter ausgegeben zu haben. Der geschiedene Beamte brauchte das Geld, um eine Hypothek auf sein Haus sowie Kreditkartenschulden abzutragen, um seinem Sohn einen neuen Wagen zu kaufen und um eine Reise nach Thailand zu bezahlen. Nicholson ist allerdings der höchste CIA-Beamte, der je der Spionage angeklagt wurde und laut Deutch befürchtet man im Geheimdienst, dass sich der Schaden, den er angerichtet hat, als beträchtlich erweisen

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wird. Über die Gründe des Verrats Nicholsons ist vorläufig nichts Sicheres bekannt, da der Verhaftete die Aussage verweigert. Die Staatsanwältin Heien Fahey, die den Fall bearbeitet, sagte, vorläufig weise alles darauf hin, dass Nichol-son sein Land nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus Geldgier verriet.

Die Untersuchungen gegen Nicholson liefen schon seit über einem Jahr. Er war aufgefallen, als er im Oktober 1995 bei einem routinemässigen Test mit einem Lügendetektor auf Fragen nach nicht bewilligten Kontakten und Verbindungen zu ausländischen Geheimdiensten auffällig reagierte. Im April vergangenen Jahres beschaffte er sich bei der CIA-Abteilung über Tschetschenien Material für einen Lehrgang, den es nicht gab. Während eines Ferienaufenthalts in Singapur im Juni wurde Nicholson bei einem Treffen mit zwei bekannten Beamten der russischen Auslandspionage beobachtet. Das FBI nimmt an, dass Nicholson erstmals im Sommer 1994 in Kuala Lumpur in den bezahlten Dienst Moskaus trat.

Dass der Fall Nicholson das Verhältnis zwischen Washington und Moskau stark trüben wird, wie verschiedene amerikanische Zeitungen vermuteten, ist nicht anzunehmen. Sicher wird die Administration die Möglichkeit in Erwägung ziehen, Moskau auf die eine oder andere Weise zu «bestrafen», doch deswegen wird Russland auf die knapp 150 Milliarden Dollar an wirtschaftlicher und militärischer Hilfe aus den USA, die vorgesehen sind, wohl nicht verzichten müssen. Dass Moskau heute nicht weniger aktiv gegen die USA spioniert als zu sowjetischen Zeiten, wie Deutch betonte, ist seit langem bekannt, und anzunehmen, dass die Vereinigten Staaten sich anders verhalten, hiesse die Naivität etwas gar weit treiben. Die Erkenntnis, dass die andere Seite spioniert, versetzt heute weder in

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Washington noch in Moskau irgend jemanden ernstlich in Rage. Der Fall Nicholson beweist lediglich, dass die Grossmächte auch in Zeiten politischer Entspannung argwöhnisch geblieben sind und versuchen, sich für alle Eventualitäten zu wappnen.

Auch zum Thema der Wohltätigkeit müssen in der heutigen Zeit einige kritische Feststellungen getroffen werden. Für den einzelnen Spender, der tatsächlich einem Bedürftigen eine Wohltat erweisen möchte, ist kaum noch Transparenz gegeben. Dies betrifft sowohl die USA als auch die Schweiz.

Folgendes Beispiel zeigt wohl am besten, in welches Dickicht aus Organisationen der einzelne Spender sich begibt:

Ein älterer Mann kommt gleich persönlich mit einer prall gefüllten Tragtasche bei der Zentralstelle für Wohlfahrtsunternehmen (Zewo) in Zürich vorbei. Er bittet die Geschäftsleiterin Edith Adler, aus dem Wust von Spendenaufrufen, die innerhalb des letzten Monats in seinem Briefkasten landeten, drei «seriöse« auszuwählen. Denen will er dann seinen Weihnachtsbatzen zukommen lassen. Nicht nur der edle Spender hat den Überblick verloren. Immer neue Institutionen bieten immer mehr Wohltaten an, so dass zur Zeit niemand mehr genau weiss, wer wem Gutes tut und ob das Gute tatsächlich gut oder vielleicht doch nur gut gemeint ist.

Seit genau sechzig Jahren wacht die Zewo über die Seriosität gemeinnütziger Arbeit. Wer sich den periodisch an die neuen Bedürfnisse angepassten Auflagen und unabhängigen Kontrollen unterzieht, wird mit einem Gütesiegel ausgezeichnet. Zur Zeit verfügen rund 300 mehr oder weniger bekannte Organisationen über die Qualitätsmarke. Die Zewo setzt sich überdies für die «Aufrechterhaltung geord-

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neter Verhältnisse im schweizerischen Spendenwesen» ein. Mit einem jährlich erscheinenden Sammlungskalender werden die landesweiten Spendenaufrufe möglichst gerecht über die Jahreszeiten verteilt, damit sich wenigstens die gesamtschweizerischen Organisationen nicht übermässig ins Gehege kommen. Diese ausgeklügelte Kanalisation des Spendenwesens ist - wen wundert's - ein schweizerisches Unikum, das man beispielsweise in Österreich erfolglos nachzuahmen versuchte.

Das Spendenvolumen privater Haushalte in der Schweiz wird auf 750 Millionen Franken pro Jahr geschätzt, und das von einem Sieben-Millionen-Volk. Um diesen Kuchen, der sich angesichts der Wirtschaftslage kaum vergrössern dürfte, ist der Konkurrenzkampf voll entbrannt, was sich vor Weihnachten hauptsächlich im Briefkasten niederschlägt. Professionelle Gesellschaften nehmen den Hilfswerken gegen prozentuale Beteiligung am Spendeneingang die Sammlung ab und schlachten die einzelnen Spenderadressen über Adressenpools aus: Wer einmal zahlt, wird für ein Dutzend weitere Zwecke angesprochen, wer nie etwas lockermacht, kommt auf die «schwarze Liste»; sie umfasst inzwischen knapp ein Fünftel der Wohnbevölkerung. Daneben kommen auch modernere Methoden zum Einsatz. Die «Fundraiser» haben sich bereits in einem Berufsverband zusammengeschlossen, gewisse Organisationen versuchen mit teurem Telefonmarketing zu Spenden zu kommen, und Sponsoring ist inzwischen auch den wohltätigen Organisationen ein Begriff. Mit ihren bescheidenen Mitteln versucht die Zewo über Richtlinien und Empfehlungen zu verhindern, dass diese neuen Wege in die Irre führen. Der gemeinsame Gang von Kommerz und Gemeinnützigkeit stecke voller Fussangeln, gibt man zu bedenken: «Während für Kinder und Blindenhunde fast beliebig viel Geld zu holen

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wäre, gehen Flüchtlinge oder Gefangene zunehmend leer aus.» Zu derartigen Präferenzen, die mit dem gegenwärtigen System gefördert und nachgerade gezüchtet werden, gäbe es sehr viel zu sagen: Elend, das sich besonders gut «verkaufen» oder «theatralisieren» lässt, wird gelindert. Ein bedenkliches Kriterium!

Auch mit den hehren «Menschenrechten» nimmt es Amerika immer nur dann genau, wenn es gerade gut ins machtpolitische Kalkül passt.

So haben die USA die Europäische Union gemahnt, die Türkei als Vollmitglied aufzunehmen und die Lage der Menschenrechte dabei nicht zum Hindernis zu machen. Der Sprecher des amerikanischen Aussenministeriums erklärte, es gebe strategische Gründe dafür, die Stellung der Türkei innerhalb Europas zu stärken. Die USA seien dagegen, künstliche oder neue Bedingungen aufzustellen, die die Türkei hinderten, voll in Europa mitzuarbeiten. Aussenmi-nisterin Albright habe dies in Washington in Gesprächen mit den Vertretern der EU deutlich gemacht.

Strategische Gründe gibt es nur für die Amerikaner. Europa hat mit der NATO genügend Balance.

Neuerdings hat die US-Regierung eine neue Aussenmi-nisterin, Madeleine Albright. Angeblich soll sie nicht einmal gewusst haben, dass sie jüdischer Abstammung sein soll. Überhaupt ist die amerikanische Regierung vollständig umgarnt von jüdischen Helfern, wie dies seit Jahren nicht mehr der Fall war. Deren Einfluss dürfte auch dementsprechend sein, und man muss mit Fug und Recht annehmen, dass die zwei Millionen Stimmen der New Yorker Juden auch ein Pfand an den wiedergewählten Präsidenten Clinton waren, dass er politische Schützenhilfe bei ihren Attacken gegen die Schweiz und deren Banken geben würde.

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Wie «freizügig» die Einreise in die USA auch heute noch gehandhabt wird, mag ein Zürcher Rechtsanwalt berichten, der regelmässig in die USA fliegt und von den Tücken amerikanischer Einreiseformulare erzählen kann:

«Wer sich - aus welchen Gründen auch immer - veran-lasst sieht, aus einem nicht Visumspflichtigen Land (wie z. B. der Schweiz) in die USA zu reisen, wird im Flugzeug konfrontiert mit einem bemerkenswerten Stück Realsatire in Form eines grünen Formulars (OMB No. 1115 - 0148), das es auszufüllen gilt. Ich amüsiere mich darüber schon seit Jahrzehnten; ernsthaft geärgert habe ich mich jedoch erst anlässlich meines letzten Fluges. Ich weiss nicht, ob das Formular in der Zwischenzeit «verfeinert» wurde oder ob ich mit zunehmendem Alter dünnhäutiger werde. Dass Name Adresse und Passnummer usw. in kleine Kästchen eingetragen werden müssen, ist zwar immer wieder eine Zumutung, aber nichts Neues. Dass jedoch ein Formular, dessen Titel «Willkommen in den Vereinigten Staaten» lautet, einem unvermittelt befiehlt, Use English («Verwende Englisch»), befremdet doch eher. Sollten wir es uns nicht auch überlegen, die Einreise in die Schweiz von der Kenntnis einer der vier Landessprachen abhängig zu machen?

Auf die Personalien folgt eine Reihe von Fragen, die unter verschiedensten Aspekten zu denken geben. Es mag ja noch angehen, einen Einreisewilligen zu fragen, ob er unter ansteckenden Krankheiten leide oder drogensüchtig sei. Ob er aber unter einer (irgendeiner!) «körperlichen oder geistigen Störung» leide? Wie steht es mit einem Plattfuss oder mit chronischer Schlaflosigkeit? Es mag auch angehen, jemanden zu fragen, ob er schon zweimal oder mehr zu Freiheitsstrafen von mehr als fünf Jahren verurteilt worden sei. Was fängt der wahrheitsliebende Einreisewillige jedoch mit der Frage an, ob er jemals wegen einer Straftat verurteilt worden sei, die «moralische Schlechtigkeit» einschliesse

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(Übertretung eines Halteverbots?), oder ob er in den USA «kriminelle oder unmoralische Aktivitäten» (Rauchen) zu begehen gedenke?

Noch schwieriger wird es, wenn man vor 1945 geboren ist. Dann ist eine historische Gesamtschau gefordert. Der Normalreisende wird guten Gewissens bestätigen können, er habe sich weder der «Spionage» noch der «Sabotage» noch «terroristischer Aktivitäten» oder gar des «Völkermordes» schuldig gemacht. Ob man aber (z. B. mit Geburtsjahr 1940) niemals «auf irgendeine Weise» in Verfolgungen durch Nazi-Deutschland oder dessen Alliierte impliziert gewesen sei, ist schon schwieriger zu beantworten. Aktiv oder passiv? Immerhin stand mein Vater damals gute fünf Jahre an der Grenze, und ich musste mir die Reden Hitlers am Radio anhören. Anschliessend wird man - im Flugzeug sitzend - belehrt, man hätte sich vor der Abreise an eine amerikanische Botschaft wenden sollen, falls man eine der obigen (und vieler anderer) Fragen mit «ja» beantworte. Dafür ist es nun ja leider zu spät. Darauf folgt ein Passus, der den Juristen auf den Plan ruft: Der Unterzeichner muss auf sämtliche Rechte verzichten, den Entscheid des Einwanderungsbeamten anzufechten. Wie war das nun gleich mit der Freiheitsstatue?

Aber wie jede gute Tragödie entbehrt auch dieses Formular nicht des absurd-komischen Aspekts: Nach dem Hürdenlauf durch die unsinnigen Fragen wird dem geneigten Formularleser erklärt, er habe zwei Minuten zur Verfügung, um dasselbe zu begreifen. Ich weiss nicht, wie es sich mit den der Weltsprache Englisch nicht mächtigen Einreisenden verhält; ich habe vier Minuten gebraucht, den Unsinn durchzulesen (von Verstehen konnte, wie dieser Beitrag bestätigt, keine Rede sein). Danach wird das Formular noch weit kryptischer: Es verspricht, man könne es in vier Minuten ausfüllen, wenn man im Durchschnitt sechs

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Minuten für die sieben Fragen (ohne Personalangaben) aufwende. Rechne!

Das Formular endet jedoch nicht ohne Trost. Falls man Vorschläge hat, wie es vereinfacht werden könnte, darf man sich an das «Paperwork Reduction Project» in Washington wenden. Ich glaube an die Aussichtslosigkeit eines solchen Vorgehens. Aber vielleicht schickt ein Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft in der Schweiz eine Kopie dieses Beitrags nach Washington. Sollte dies geschehen, wird wohl eine neue Frage hinzugefügt werden. «Haben Sie sich je irgendwie gegen dieses Formular ausgesprochen?»

Und immer wieder mischen sich die Amerikaner in die Belange fremder Länder ein. Oft kann man die Aktionen nicht mehr als die feine diplomatische Art des politischen Umgangs der Länder miteinander bezeichnen.

So erschien kürzlich ein Bericht in der konservativen amerikanischen Zeitung «Washington Times» über einen angeblichen Raketenverkauf der Ukraine an Libyen.

Daraufhin äusserte sich der ukrainische Vizeaussenmini-ster Konstantin Hryschtschenko, der zugleich dem ukrainischen Abrüstungskomitee vorsitzt, besorgt über diese Meldungen. Seine Regierung sei beunruhigt, dass sich die Zeitung auf geheime Materialien des Geheimdienstes CIA stütze, und könne sich nicht erklären, wie diese Berichte in die Hände von Journalisten geraten konnten. Der Vizeaus-senminister vermisste eine offizielle Gegendarstellung Washingtons. Wenn es tatsächlich Bedenken der amerikanischen Regierung gegenüber der Ukraine gebe, würde Kiew gerne direkt davon erfahren. Er bezeichnete den Bericht als lanciert, um die Ukraine in der Frage der Exportkontrollen für Güter «doppelten Verwendungszwecks» (ziviler und militärischer Art) unter Druck zu setzen. Bereits im Sommer hatte er mit fast denselben Argumenten ebenfalls einen

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Bericht der «Washington Times» über die Gründung eines ukrainisch-libyschen Kooperationsrats dementiert. Damals wurde auch erwähnt, die Publikation solle eine Kürzung der amerikanischen Hilfe für die Ukraine bewirken. Ferner solle die Ukraine von ihrer geplanten Teilnahme an einem «Eisenbahn-Tender» in Libyen abgehalten werden.

Die «Washington Times», die ukrainische Firmen übrigens nicht zum erstenmal der Kooperation mit Libyen bezichtigte, berichtete nicht etwa, dass die Ukraine selbst Kurzstreckenraketen und U-Boot-Dienstleistungen an Libyen verkaufe. Vielmehr heisst es in dem Beitrag, der auf einen mit «Top secret» versehenen Bericht des CIA vom 2. Oktober Bezug nimmt, dass «zwei ukrainische Einheiten» getrennte Vereinbarungen mit dem Regime des libyschen Führers Ghadhafi geschlossen hätten, deren Wert auf insgesamt rund 510 Millionen Dollar geschätzt wird. Dann aber wird behauptet, im Juli hätten «ukrainische Beamte»

- ohne Angabe, welcher Institution sie angehören - einen Vorschuss Libyens in Höhe von 3 Millionen Dollar auf den Erwerb von SS-21-Raketen (oder Scud B) erhalten. Die Zahl der Raketen wurde indessen nicht genannt. Die Raketen sollten zerlegt und nach Libyen gebracht werden. Aus dem Bericht geht nicht hervor, ob die Lieferung bereits vollzogen wurde.

Bei einer zweiten Vereinbarung, welche die Zeitung ebenfalls aus dem CIA-Bericht zitiert, handelt es sich um Serviceleistungen und Ersatzteile für libysche Foxtrott-U-Boote sowjetischer Bauart im Werte von 10 Millionen Dollar. Diese Vereinbarung sei im Mai während eines

- tatsächlich absolvierten - Besuchs einer ukrainischen Delegation in Tripolis unterzeichnet worden. Laut der Zeitung kommt dazu noch eine dritte Vereinbarung, auf die Kiew interessanterweise gar nicht einging: ein Vertrag über

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eine Waffenlieferung an Libyen, und zwar per Schiff. Das Schiff habe im August zunächst Iran angelaufen - angeblich mit der Absicht, die Fracht dann über Sudan nach Libyen weiter zu liefern, so die Zeitung.

Der ukrainische Staatspräsident Kutschma hatte bei seinem jüngsten Besuch in Israel und der Türkei erklärt, die Ukraine liefere keine Rüstungsgüter an Iran; zu Libyen dagegen äusserte er sich nicht. Die ukrainische Botschaft, die von der «Washington Times» mit den Vorwürfen konfrontiert worden war, erklärte allerdings, Kiew unterhalte «keine militärtechnische Kooperation mit Libyen». Zuwiderlautenden Fakten würden die ukrainischen Ermittlungsbehörden sofort nachgehen. Die ukrainische Regierung habe alle ihre Organe darauf hingewiesen, das Uno-Embargo gegen Libyen strikt einzuhalten. Das Embargo war verhängt worden, nachdem Libyen sich geweigert hatte, zwei seiner Agenten auszuliefern, die von den USA der Beteiligung an dem Bombenanschlag auf den Panam-Flug 103 über Lockerbie verdächtigt werden. Laut «Washington Times» würden die ukrainischen Geschäfte mit Libyen sowohl das Uno-Embargo verletzen als auch Sperrverträge bezüglich Raketen- und Rüstungslieferungen. Dies könnte nach Richtlinien des amerikanischen Kongresses die Ein-frierung von Finanzhilfen an die Ukraine zur Folge haben. Im Falle der Ukraine würde dies, so die Zeitung unter Berufung auf ein Kongressmitglied, sowohl die bereits bewilligten 900 Millionen Dollar Hilfsgelder als auch die in Aussicht gestellten weiteren 225 Millionen Dollar betreffen.

Das ukrainische Parlament hat nun am Donnerstag entgegen den ursprünglichen Absichten der Regierung die Gründung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu den Berichten über angeblich illegale Waffen-

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exporte beschlossen. Für die Schaffung eines solchen Ausschusses sprach sich auch der Chef des militärischen Abschirmdienstes beim Verteidigungsministerium, Skypalsky, aus. Nur so könne die Ukraine den seiner Ansicht nach unbegründeten Verdacht westlicher Quellen widerlegen.

Ein Beispiel zum Umgang der Amerikaner mit ihrer Rolle in der Geschichte. In Tokio wurde der «Atombomben-Dom» in Hiroshima in die Unesco-Liste des Welterbes aufgenommen. Die Entscheidung der gegenwärtig in mexikanischen Merida stattfindenden Welterbe-Konferenz der Unesco wurde vom japanischen Aussenministerium in Tokio mitgeteilt. Gegen die Aufnahme des Mahnmals gegen den Krieg hatten sich die USA ausgesprochen. Auf diese Weise wird den Amerikanern stets ihr menschliches Verbrechen vor Augen geführt. Ein Sprecher des Aussen-ministeriums in Washington hatte zur Begründung erklärt, Kriegsschauplätze (ein ganz neues Lexikon hat sich dieser Sprecher zurechtgelegt) seien stets umstrittene Stätten und sollten deshalb nicht in die Liste des Welterbes aufgenommen werden. Der Bürgermeister von Hiroshima Takeshi Hiraoika, begrüsste dagegen die Entscheidung der Uno-Organisation für Erziehung und Kultur. Das Mahnmal war einst die Kuppel der alten Handelskammer Hiroshimas, die bei dem Atombombenangriff der USA ausbrannte.

Es ist das lebendige Mahnmal für hunderttausende von den US-Atombomben getöteten Zivilisten. Dies erklärt natürlich auch, warum die Amerikaner ein solches Denkmal nicht als schützenswert betrachten. Denn solange die Amerikaner sich nicht selbst kritisch mit all diesen greuelhaften Geschichten und Morden auseinandersetzen und ihren Bürgern dies verschweigen, oder die Getöteten als «Feinde» hinstellen, die mit allen Mitteln bekämpft werden müssen, werden sie ihren Ballast auf immer und ewig mit

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sich weiter tragen. Dies dauert jetzt schon 200 Jahre. Wann wird Amerika einsehen, dass «Mauern», wie sie und die jüdischen Organisationen es den Schweizern vorwerfen, nutzlos ist? Solange dies nicht geschehen sein wird, wird nicht nur bei uns Europäern ein tiefer Zweifel bestehen bleiben: Ein Volk, eine Regierung, ein Staat, der sich selbst dazu verurteilt, alle Akte seiner Geschichte als grundsätzlich richtig und gerecht aufzufassen, läuft Gefahr, zu einer Gefahr für alle anderen zu werden.

Auch das von der US-Regierung zusammen mit dem CIA beherrschte Lateinamerika zählt eine erschreckende Men-schenrechtsbilanz. Die meisten Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika bleiben nach Angaben der Menschen-rechtsorganisation Human Rights Watch ungestraft. In ihrem vorgelegten Jahresbericht kritisiert die Organisation insbesondere die Regierungen Brasiliens, Kolumbiens, Mexikos, Haitis und Guatemalas. In vielen Ländern werde die Kriminalität als Vorwand genutzt, um die Brutalität der Sicherheitskräfte zu rechtfertigen. So wies beispielsweise der kolumbianische Präsident Samper die Kritik am Vorgehen der Sicherheitskräfte mit dem Hinweis auf Anarchie und Gewalt zurück, die in seinem Land herrschten. In Brasilien, Mexiko, Peru, Kolumbien und Venezuela würden «routinemässig» Gefangene und Verdächtige gefoltert, hiess es in dem Bericht weiter. Die kubanische Regierung verletze die Rechtsansprüche auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit, Privatleben und gerechte Gerichtsverfahren. Grundlage dafür seien Gesetze, die auf die Unterdrückung der Regimegegner abzielten.

Man muss sich gerade das Beispiel Lateinamerika vor Augen halten. Diesen «Hinterhof» der USA gibt es mittlerweile so lange wie die USA selbst existieren. 200 Jahre haben die USA Zeit gehabt, gleich in ihrer unmittelbaren geo-

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graphischen Nachbarschaft zu beweisen, dass ihre wirtschaftlichen und politischen Ideen und Leistungen tatsächlich so universal und dem Fortschritt der Menschheit förderlich sind, wie sie es gern vorgeben. 200 Jahre lang hätte sich die Nachbarschaft zu den USA als Segen für diese Länder erweisen müssen (nach den allseits bekannten ideologischen Vorgaben). Doch jeder weiss, dass diese Länder wahre Müllkippen sind und die Menschen dort dazu verurteilt sind, vor sich hin zu vegetieren, weil ihre Länder Opfer des amerikanischen Systems sind, und dies seit Anbeginn.

Und wie sieht es mit den Menschrechten, ja wenigstens mit der Menschenwürde der Armen, der Schwarzen und anderer Minderheiten in den USA aus? Hat Amerika sie nicht längst abgeschrieben? Gilt im «Land der unbegrenzten Möglichkeiten» nicht das grausame Gesetz des Stärkeren? Wer arm und schwach ist, ist selber schuld! In welcher Bibel wurde dieses Gesetz verkündet?

Immer wieder kommt es zu Ausschreitungen, zu Revolten in den Ghettos der grossen Städte und in den Gefängnissen. Wieder waren es kürzlich weisse Polizisten mit menschenverachtenden Methoden, die im US-Staat Florida Ausschreitungen auslösten.

Anlass war, dass die Justiz sich nicht bequemen wollte, einen verdächtigen weissen Polizisten unter Anklage zu stellen. Der Verzicht auf eine Anklageerhebung löste daraufhin in St. Petersburg, Florida, neue Unruhen aus, bei denen mindestens neun Personen verletzt wurden. Die Ausschreitungen begannen, nachdem eine Anklagekammer es abgelehnt hatte, den Prozess gegen den Beamten zu eröffnen, der im Oktober einen schwarzen Autofahrer erschossen hatte. Der Polizeichef der Stadt, die im letzten Monat Schauplatz ähnlicher Unruhen war, sprach von ge-

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planten Aktionen. Die Anklagekammer (Grand Jury) entschied, der Polizeibeamte Jim Knight müsse für die Erschiessung eines Autofahrers nicht vor Gericht gestellt werden. Die Tat des Beamten sei zumindest teilweise gerechtfertigt gewesen, weil das spätere Opfer mit einem gestohlenen Auto viermal den Streifenwagen Knights gerammt habe und den Anweisungen des Polizisten nicht Folge geleistet habe. Die Geschworenen betonten, die Tat habe keinerlei rassistischen Hintergrund gehabt.

Nachdem die Entscheidung der Anklagekammer bekanntgeworden war, zogen vor allem Jugendliche durch den vorwiegend von Schwarzen bewohnten Süden der Stadt, bewarfen Autos mit Steinen und anderen Gegenständen und legten Brände. Es fielen auch Schüsse. Dabei wurde ein Polizist am Bein verletzt, und der Pilot eines Hubschraubers des Sheriffs musste notlanden, nachdem ihn eine Kugel am Arm getroffen hatte. Nach ersten Berichten erlitten weitere sieben Personen Verletzungen. Über 200 Polizisten waren im Einsatz und gingen teilweise mit Tränengas gegen die Bürger vor. Der Polizeichef Darrel Stephens machte am Abend an einer Pressekonferenz die radikale Schwarzenorganisation «Nationale Demokratische Volksbewegung Uhuru» für die Unruhen verantwortlich.

Es ist ein trauriges Beispiel für die alltägliche Spirale des Hasses und der Gewalt in diesem Land, das der Welt die grosse Freiheit verkündet. Die Behörden scheinen sich schon längst darauf eingestellt zu haben: in ihren Augen sind es halt «kriminelle Untermenschen» und entsprechend hart muss man mit ihnen umgehen. Wie soll in einem solchen Ghetto-Land noch ein menschenwürdiges Miteinander der verschiedenen Gruppen möglich sein?

Wenig Verständnis fanden die Amerikaner auch für ihr schroffes Veto gegen Boutros Ghali. Durch ihr Vorgehen

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isolierte sich die amerikanische Administration, weil sie sich weder vor noch hinter den Kulissen ernsthaft darum bemühte, eine überzeugende Alternative zum vormaligen Generalsekretär zu präsentieren. Nähere Konsultationen mit den übrigen Ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates scheinen in dieser wichtigen Frage nicht stattgefunden zu haben. Diese Haltung ist nicht nur von den meisten Uno-Mitgliedern, sondern auch von engen Alliierten Amerikas als instinktlose Arroganz empfunden worden. So wenig diplomatisches Fingerspitzengefühl und Sinn für Konsensbildung seitens einer reifen und demokratischen Supermacht, die nach dem Ende des sowjetischen Herrschaftssystems einst die «neue Weltordnung» verkündete, hat die Uno nicht verdient. Dass die Weltorganisation trotz ihrer vielen Mängel auch den USA als politische Plattform für riskante Operationen wie die Interventionen im Koreakrieg, am Persischen Golf oder in Haiti gute Dienste geleistet hat, sollte man in Washington nicht vergessen.

Und schliesslich erweist sich die offensichtliche amerikanische Bevorzugung Israels als immer wieder irritierend. Zwar musste sich das israelische Kabinett mit den getrübten Beziehungen zur amerikanischen Regierung befassen. Ministerpräsident Netanyahu meinte jedoch anschliessend, Israels umstrittene Siedlungspolitik stimme mit dem überein, was er nach seinem Amtsantritt Präsident Clinton erklärt habe. Im Klartext heisst das, dass in bestehenden Siedlungen weiter gebaut wird, dass Israel dafür aber keinen privaten palästinensischen Boden enteignet und dass über die Errichtung neuer Siedlungen nur das Regierungsplenum entscheiden darf. Daraufhin registriert man eine eigentliche Eskalation der Verstimmung zwischen Washington und Jerusalem. So spielen die USA offenbar mit dem Gedanken, die Israel gewährten Kreditgarantien zu

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streichen, sollte Jerusalem an seiner Siedlungspolitik festhalten. Das zumindest berichtete die Zeitung »Jediot Achnarnot« und berief sich dabei auf offizielle Kreise in Washington. Aber die Verantwortlichen in Israel wissen die Zeichen aus Washington schon richtig zu deuten. Die Signale der Amerikaner prallten bei Israels Entscheidungsträgern wirkunglos ab. Der Minister für Tourismus, Moshe Katzav etwa verbittet sich «Moralpredigten, auch von Freunden» ausdrücklich und warnt die USA vor einem schwerwiegenden Irrtum. Der Abgeordnete Yossi Beilin von der oppositionellen Arbeitspartei hingegen warnte, Israel riskiere den Verlust des besonderen Verhältnisses zu Washington. Eher auf die leichte Schulter nimmt demgegenüber der Likud-Parlamentarier Zalman Shoval die Situation. Die Beziehungen zu den USA hätten schon vor ernsthafteren Problemen gestanden, ohne dass die Freundschaft erschüttert worden wäre. Man muss einen solchen Satz mal genau lesen, um zu verstehen, auf welches «abgekartete Spiel» zwischen Israel und den USA sich hier bezogen wird: machtpolitisch haben die Palästinenser zur Zeit nichts zu bieten, Israel jedoch viel. Das Wort «Freundschaft» in der gegenwärtigen Weltpolitik ist wirklich perfid.

Gerade am Beispiel Israels zeigt sich immer wieder, dass die Israelis sehr genau wissen, welche Schlüsselrolle sie auf dem regionalen Schachbrett des Vorderen Orients in der globalen Machtpolitik der Amerikaner innehaben.

Die Israelis spielen perfekt die ihnen zugedachte Bollwerkrolle und nutzen sie auf ihre Weise weidlich aus. Der Schaden, den sie dem Friedensprozess zufügen, ist für sie vor dem Hintergrund der globalen Rollenverteilung allemal zweitrangig, und darin wissen sie sich mit den Machtpolitikern in Washington - egal welcher Couleur - einig.

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