Die Gespensterkrankheit

Von Dr. med. Otto Humm

In der umfangreichen Zeugenliteratur über die Konzentrations- und vermeintlichen Vernichtungslager des Dritten Reiches stößt man immer wieder auf Berichte, in denen damalige Häftlinge von Greueltaten der SS berichten, als jene Augenzeugen gerade mit einer schweren Fleckfieber- oder Typhuserkrankung im Krankenbau des KZ lagen. Eines der bekanntesten Beispiele dürfte das von Jakob Freimark sein, der mehrere Morde eines SS-Mannes gesehen haben will, während er eine Fleckfiebererkrankung im Krankenbau des KZ Auschwitz-Birkenau auskurierte.[1] Es dürfte zudem unbestritten sein, daß in einigen Konzentrationslagern des Dritten Reiches Typhus- und Fleckfieberepidemien immer wieder für eine große Zahl von Opfern sorgten, wobei die Lager Bergen-Belsen und Auschwitz als bekannteste Beispiele an erster Stelle zu nennen sind, in denen jeweils Zigtausende von Häftlingen, aber auch viele Bewacher, an dieser Infektion erkrankten und ihr schließlich viele erlagen.

Als Mediziner mit Erfahrungen in Diagnose und Therapie solcher Krankheiten fiel mir das zeitliche Zusammentreffen einer schweren Erkrankung mit dem angeblichen Erleben ungeheuerlicher Greueltaten der SS auf, so daß die Symptome der Krankheit etwas eingehender dargestellt werden sollen.

Durch Typhus, Fleckfieber (auch Flecktyphus genannt) und Ruhr starben bei Kriegen bis zur letzten Jahrhundertwende in allen Heeren oft mehr Menschen als an Verwundungen. Seit 1914 konnte man Typhus durch jährliche Schutzimpfungen bei der Wehrmacht weitgehend beherrschen.

Charakteristisch für Typhus abdominalis ist, daß der Patient sich bei Vollausbildung der Krankheit äußerst psychotisch verhält. Er befindet sich in einer Art Dilirium.[2] Der Name Typhus leitet sich aus dem Griechischen tujos ab, was soviel wie blind heißt, womit die Wahnideen gemeint sind, die der Erkrankte erleidet.

Als Internist begegneten mir in der inneren Abteilung des Kriegslazarett 2/529 in Rußland nur einige, durch die Impfung abgemilderte Typhus-Fälle. Fälle von Fleckfieber behandelte ich öfter. Durch Gespräche konnten die Genesenden von ihren Täuschungen befreit werden. Auch nach dem Kriege habe ich des öfteren Typhusfälle behandelt, allerdings gab es zu diesem Zeitpunkt bereits recht wirksame Antibiotika, die eine Vollausbildung der Krankheit unterbanden, so daß das früher übliche Delirium nicht zur Entwicklung kam.

Mir ist nicht bekannt, ob auch KZ-Häftlinge eine Typhus- und/oder Fleckfieber-Schutzimpfung erhielten. Wenn dies nicht der Fall war, wird in den Konzentrationslagern bei Ausbruch der Krankheit wahrscheinlich überwiegend die schwere, deliröse Form aufgetreten sein. Die dabei auftretenden Delirien sind von besonderer Charakteristik und für die geschichtliche Erforschung bezüglich des Zustandekommens gewisser Zeugenaussagen bestimmt von Interesse, zumal die unter Umständen zu Hunderten oder gar Tausenden darniederliegenden Insassen der Konzentrationslager sicher nicht mit der gleichen Zuwendung seitens der Ärzte rechnen konnten wie die Patienten, denen meine Kollegen und ich uns damals widmen konnten. Es soll daher hier eine längere Passage aus dem Bericht eines Artzes wiedergegeben werden, der im Zweiten Weltkrieg in einem Sonderlazarett im Osten schwere Fleckfieber-Fälle behandelte und die Symptome recht plastisch beschrieb:[3]

Prof. Dr. Hans Kilian, Die Gespensterkrankheit

17. März. Heute habe ich etwas Besonderes vor, eine Fahrt nach Chilowo, um mir dort Flecktyphusfälle anzusehen, die in ein Sonderlazarett zusammengelegt worden sind. Ich muß das Krankheitsbild unbedingt näher kennenlernen, denn bei dem Flecktyphus kommen eine Reihe schwerer chirurgischer Komplikationen vor.

Chilowo liegt nördlich der Straße nach Pleskau. Mit dem Wagen ist schwer durchzukommen, mächtige, zum Teil vereiste Schneewehen, sperren immer wieder den Weg, besonders als wir von der Hauptstraße abbiegen müssen. Trotzdem erreichen wir in relativ kurzer Zeit das Lazarett in Chilowo. Auf meine Bitte hin bringt der Chefarzt, ein Internist, mich auf seine Flecktyphusstation:

Eine Ahnung beschleicht mich, daß mir Schlimmes bevorsteht. Ich bleibe einen Augenblick zögernd vor der Tür. Der Internist flüstert mir zu: »Erschrecken Sie nicht, Professor, die Männer sind sehr unruhig, einige geistern herum!«

Was er damit meint, wird mir im ersten Augenblick nicht recht klar. Gleich soll ich es erleben. Er drückt die Klinke der gesprungenen und windschiefen Tür herab. Die Angeln knarren. Wir treten in einen schlecht beleuchteten Raum, in dem etwa zwanzig Mann untergebracht sind. Eine schmale Türe führt in Nebenräume, wo die schwersten Flecktyphusfälle liegen, die man ihrer Komplikationen wegen hat isolieren müssen, und ... die Sterbenden.


Fotos wie diese wurden von den alliierten Besatzungstruppen zu Tausenden in den eroberten Konzentrationslagern des Dritten Reiches gemacht. Die immer wieder anzutreffende Interpretation solcher Bilder ausgemergelter Leichen als Opfer des NS-Rassenwahnes ist allerdings nicht richtig - hier zwei Bilder aus Markus Tiedemann, »In Auschwitz wurde niemand vergast.«, Verlag an der Ruhr, S. 131f., mit ebensolchen irreführenden Untertiteln.
Verursacht wurden diese Todesfälle vor allem durch mangelnde Versorgung der Lager mit Lebensmitteln und medizinischer Hilfe am Kriegsende, als die Infrastruktur des Dritten Reiches zusammengebrochen war. Derartige Leichenberge fand man damals überall in Deutschland: Millionen lagen auf den Schlachtfeldern, in den zerbombten Städten und erfroren, erschlagen und verhungert auf den Fluchtwegen der 18 Millionen Ost- und Volksdeutschen.

Der erste Eindruck ist geradezu gespenstisch. In dem dämmrigen Raum geistern tatsächlich drei Männer herum. Einer tappt gestikulierend, vor sich hinredend von Bett zu Bett. Er weiß nicht, was er tut und was er redet, auch weiß er nicht, wo er ist. Ein anderer rüttelt am Fenster, er will offenbar hinaus. Ein Sanitäter hält ihn fest und spricht begütigend auf ihn ein, aber er versteht sichtlich kein Wort. Er gibt keine Antwort, er wehrt sich auch nicht und folgt nur unbeirrbar seinem inneren Drang, von dem er sich, gleich einem störrischen Tier, nicht abbringen läßt. Der Dritte schließlich läuft mit hochrotem, verschwollenem Gesicht und geröteten Augen in drohender Erregung, aber mit völlig abwesendem Blick, schwankend geradewegs auf uns zu. Vor sich hinbrüllend kommt er immer näher und näher. Man hat den Eindruck, daß er uns für Russen hält. Rasch packen wir ihn an den Armen, wollen ihn beruhigen, versuchen ihn umzudrehen und zu seinem Bett zurückzubringen. Er brüllt in tierischer Angst, schlägt um sich und wehrt sich so heftig, daß zwei Sanitäter uns zu Hilfe kommen müssen, um den irren Mann zu bändigen. Schließlich gelingt es, den armen, völlig desorientierten Kranken hinzulegen und zuzudecken. Ein Sani muß ständig an seinem Bett bleiben.

Daneben liegt ein anderer Soldat mit nassen Kompressen auf der Stirn. Er habe rasende Kopfschmerzen, sagt eine Schwester zu mir. Auch sein Gesicht ist hochrot und verschwollen. Auffallend ist die starke Bindehautentzündung der Augen, ein typisches Zeichen des Flecktyphus in der ersten Woche. Auch dieser abgemagerte Mensch liegt nicht ruhig in seinem Bett. Er leidet an einem merkwürdigen Zittern der Hände und Arme, einzelne Muskeln zucken, er macht seltsame unkoordinierte Bewegungen mit den Gliedern. Manchmal krampft sein Nacken so stark, daß der Kopf sich tief nach hinten in das Kopfkissen bohrt. Dann knirscht er mit den Zähnen, daß es uns durch Mark und Bein geht. Es sind beinahe die Symptome einer Hirnhautreizung, bei der ja auch solche Krampfungen der Muskeln und Nackenstarre vorkommen. Der Zustand erinnert mich auch an den Starrkrampf. In den Pausen erscheint mir das Gesicht des Mannes auffallend bewegungslos, stur, maskenhaft und mimisch völlig leer. Dann, von Zeit zu Zeit, kommt es wieder zu unfreiwilligen Grimassierungen, aber von ungeordneter Art, womit ich sagen möchte, daß kein erkennbarer mimischer Gesichtsausdruck zustande kommt. Das gibt diesem Antlitz etwas überaus Krankhaftes und Unheimliches. Die geistige Störung drückt sich unmittelbar aus. Unmöglich kann er bei sich sein. Er gibt auch keine richtigen Antworten, wenn man ihn fragt, und weiß nicht, wo er sich befindet. Seine tiefliegenden Augen glänzen fiebrig.

Wir streifen sein Hemd hoch, um die Haut zu betrachten. Zum erstenmal sehe ich den atypischen Flecktyphusausschlag, das Exanthem und kleine Blutungen in die Haut. Der Mann ist, wie fast alle Flecktyphuskranken abgemagert, völlig ausgezehrt. Infolge des hohen Fiebers hat er eine vertrocknete Haut, ausgetrocknete und aufgesprungene Lippen, eine belegte, trockene Zunge. Er hüstelt viel und spricht mit heiserer Stimme. Die Schwester erklärt, er habe auch Schluckbeschwerden, er verschlucke sich oft. Das ist natürlich gefährlich. Auch seine Sprache ist nicht mehr in Ordnung, der Beweis für eine Störung der älteren Hirnbezirke. Seine Worte sind völlig unverständlich. In merkwürdiger Erregung bringt er nur ein Kauderwelsch zwischen den Zähnen hervor.

Es verstärkt sich immer mehr mein Eindruck, daß die Behauptung, der Flecktyphus sei vornehmlich eine Gehirnentzündung, eine Enzephalitis, durchaus zu Recht besteht, denn die auffallendsten Erscheinungen sind eben die Veränderungen der Gehirnfunktionen. So erklärt sich auch das Herumgeistern, die völlige Desorientierung der Erkrankten, das irre und gestörte Reden, schließlich auch die tiefe Benommenheit.

Auf allen Fieberkurven sehen wir einheitlich einen rhythmischen Verlauf und sehr niedrige Blutdruckwerte eingetragen. Das kann nur als ein Versagen der zentralen Kreislaufregulation gedeutet werden. Die Gefäße weiten sich, sie erschlaffen und der Durchblutungsdruck der Gewebe wird viel zu niedrig. Alle Kranken haben eine geschwollene Milz.

Der verständige interne Kollege sagt nicht viel. Er läßt mich selbst beobachten, sehen, fühlen, arbeiten. So bleibe ich am Krankenbett völlig unbeeinflußt. Er merkt, wie sehr alle meine Sinne auf Empfang eingestellt sind, und er will mich im Lernen nicht stören. Für sein Verhalten bin ich ihm sehr dankbar.

Nach all diesen Eindrücken scheint mir das Hauptmerkmal dieser eigenartigen Krankheit darin zu liegen, daß sich durch die vielerlei Gefäßschäden in allen Gebieten unzählige Krankheitsbilder und Funktionsstörungen der verschiedensten Gewebe und Organe überschneiden. Alles kann der Flecktyphus auf dieser Grundlage nachmachen oder hervorrufen: Erscheinungen einer Darmlähmung, einer Hirnhautentzündung, einer Gehirn- oder Rückenmarkserkrankung. Wieviele Rätsel gibt uns diese Infektionskrankheit auf, wie schwer wird manchmal die Diagnose und die Abgrenzung gegen andere Krankheiten.

Wir gehen weiter und kommen zu einem Fall, der mein besonderes Interesse dadurch erregt, das die Endglieder der Finger und Zehen mit den Nägeln und Fingerkuppen dunkelblaugrau verfärbt sind, als seien sie im Absterben begriffen. Unzweifelhaft Durchblutungsstörungen. Erstaunt frage ich meinen Kollegen, ob seiner Erfahrung nach diese Glieder verloren gehen, es sehe beinahe so aus wie eine Erfrierung dritten Grades. Er schüttelt verneinend den Kopf und meint, in der Regel komme es nicht zum Absterben der Endglieder, sie würden sich im Zuge der Heilung wieder erholen, man brauche also nicht zu amputieren.

Nun ist es klar, warum es so leicht zu Fehldiagnosen kommen kann.

Wir sind noch bei der Betrachtung der Finger, Hände und Gelenke dieses Kranken, als plötzlich in einem der hinteren Räume Unruhe entsteht. Ein Wärter stürzt zu uns herein, schon von weitem ruft er aufgeregt: »Herr Stabsarzt, Herr Stabsarzt, es erstickt einer!«

Wir rennen sofort hinüber und finden den total ausgekehrten Mann in einem schweren Erstickungsanfall. Sein Gesicht ist schon dunkelgraublau verfärbt, der Puls eben noch tastbar, aber unregelmäßig, jagend. Er krampft und ringt nach Atem, aber es geht nichts durch, die Luftröhre muß verlegt sein. Blitzschnell fahre ich ihm mit dem Finger tief in den Mund bis zum Zungengrund und taste eine weiche Masse, die den Rachen tief unten völlig verschließt. Künstliche Atmung durch Zusammenpressen des Brustkorbes hat in diesem Fall nicht den geringsten Sinn und Erfolg. Wenn nicht sofort Entscheidendes geschieht, stirbt er uns unter den Händen. So packen wir rasch zu, tragen ihn in den Nebenraum, eine Art Verbandszimmer, und legen ihn auf den Tisch. Die Sanitäter halten ihn fest.

»Ein Messer«, schreie ich, »rasch ein Messer her!«

Man reicht mir eine Schale, in der in Alkohol einige Instrumente liegen, darunter glücklicherweise auch ein Skalpell. Das muß genügen. Rasch reiße ich mir den Waffenrock herunter, streife die Hemdärmel hoch, lasse den Kopf des Erstickenden zurückbiegen und schneide in dieser höchsten Not ohne jede Vorbereitung durch die Gewebe des Halses in die Luftröhre ein, ich mache eine Tracheotomie. Das ist möglich, weil der Mann schon tief bewußtlos und erschlafft ist. Seltsam, wie wenig es blutet. Als das Skalpell die Luftröhre eröffnet hat, der Spalt weit genug ist, schiebe ich rasch eine Schere nach und spreize sie. Der Mann atmet nicht mehr. Der Kollege muß zufassen und den Brustkorb rhythmisch zusammenpressen, während ein Sani Sauerstoff über die Öffnung fließen läßt. Intravenös wird sofort eine höhere Dosis Coramin langsam eingespritzt.

Wir haben Erfolg. Nach einigen Minuten setzen zunächst ein paar krampfhafte Atemzüge ein, dann wird es besser. Das Coramin wirkt Wunder. Aber der Mann bleibt tief bewußtlos. Große Verlegenheit, denn es fehlt uns eine Trachealkanüle. Mit der gespreizten Schere kann ich nicht stundenlang stehenbleiben. Auf dieser inneren Station hat man mit derartigen ernsten Zwischenfällen bisher offensichtlich nicht gerechnet. Ein Glück, daß wenigstens ein Messer und eine Schere zur Hand waren. Auf irgendeine Weise müssen wir die Luftröhre dauernd offenhalten.

»Haben wir einen starken Gummischlauch, einen Wasserschlauch?« frage ich, »den könnten wir als provisorische Kanüle verwenden.«

Die Sanis laufen weg und zaubern ein Stück Gummischlauch herbei. Ein kleiner Teil wird zurecht geschnitten, eine Sicherheitsnadel durch das obere Ende geführt, dann der Schlauch nach Desinfektion durch die Wunde in die Luftröhre geschoben und am Hals befestigt. Kontinuierlich fließt Sauerstoff durch die provisorische Kanüle. Schon glauben wir, den Mann gerettet zu haben, aber bei diesem schwerkranken, widerstandslosen Flecktyphuspatienten kann man seines Erfolges nie sicher sein.

In den Abendstunden stirbt der Landser trotz aller unserer Bemühungen, das Herz steht still. Todeskälte ergreift seinen ausgezehrten Leib, Dunkelheit erfüllt den Raum.

Wir sitzen noch zusammen, als uns diese traurige Nachricht erreicht. Sogleich bitte ich um eine Sektion.

»Wir müssen wissen, wodurch der Erstickungsanfall zustande kam, denn solche Fälle können sich wiederholen.«

Man bringt die Leiche in einen kühlen Raum des Kellers und benachrichtigt Professor Schmidt. Er will am nächsten Morgen nach Chilowo kommen und die Sektion durchführen.

Wir sehen alle zu. Er findet im Schlund nicht nur Schleimhautläsionen, die offenbar durch die völlige Austrocknung des Rachens und der Luftwege entstanden sind, sondern auch tiefergreifende Geschwüre im Rachen und im Kehlkopf. Durch Infektion dieser Geschwüre ist es dann plötzlich zum Anschwellen des Kehldeckels und Kehlkopfeinganges und einer mächtigen Schwellung im Schlund gekommen, zu dem gefürchteten Glottisödem, das die Atemwege verschlossen und den fast tödlichen Erstickungsanfall ausgelöst hat. Schmidt zeigt uns aber auch, daß der Infektionsprozeß in die Umgebung vorgedrungen ist. Eine Zerstörung des Kehlkopfes ist schon im Gang. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, eine Austrocknung der Schleimhäute des Mundes und des Nasenrachenraumes bei Flecktyphus zu verhindern. Wir überlegen hin und her, welche Maßnahmen man ergreifen könnte. Die Sektion hat äußerst wichtige Aufschlüsse ergeben.

Nach Beendigung seiner traurigen Arbeit fahre ich mit Schmidt zurück nach Porchow. Wir sprechen kaum, jeder hängt seinen Gedanken nach. Auch Schmidt fragt sich wohl: Was steht uns noch bevor?

Es ist sehr wahrscheinlich, daß in den verschiedenen Konzentrationslagern des Dritten Reiches, insbesondere im KZ Auschwitz, ein nicht unerheblicher Teil der Häftlinge die schwere Form des Fleckfiebers durchlief. Die Erkenntnisse, die man daher aus diesem Bericht über die Symptome des Fleckfiebers für die Holocaust-Forschung ziehen kann, sind meines Erachtens dreierlei:

  1. Die während dieser Zeit auftretenden wahnhaften Vorstellungen der Schwerkranken können partiell als Erklärung für manche offenbar bis ins Absurde und Irreale, das heißt naturwissenschaftlich und technisch Unmögliche reichende Aussagen dienen. Was konnte zum Beispiel ein fleckfiebriger Patient tun, wenn er in seinen Wahnvorstellungen SS-Männer sah, die Kinder in offene Flammen warfen, oder Häftlinge des Sonderkommandos, die kochendes Leichenfett auf die brennenden Leiber der getöteten Mithäftlinge schütteten? Niemand würde sich dieses Genesenden angenommen haben. Die Erzählungen solcher Fleckfieber-Patienten dienten möglicherweise den sich in Lagerpsychose befindlichen Mithäftlingen als Ausgangspunkt zur Spinnung phantastischer Gerüchte und Greuelmärchen.
  2. Das vielfach dokumentierte Auftreten extrem abgemagerter Menschen in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches (sogenannte "Muselmanen"), insbesondere in Zeiten wütender Fleckfieberepidemien, sind als damals noch unabwendbare Symptome des Fleckfiebers zu deuten und beweisen insofern keine vorsätzlich durchgeführte Unterernährung der Internierten.
  3. Die Medizin war in den späten dreißiger und frühen vierziger Jahren unseres Jahrhunderts weder in der Lage, die Symptome des Fleckfiebers voll zu beschreiben, noch kannte man sichere Methoden zur Bekämpfung dieser Krankheit. Man befand sich damals vielmehr in einem Lernprozeß. Das massenhafte Sterben von Häftlingen in den Lagern des Dritten Reiches ist insofern nicht einem schuldhaften Unterlassen von Hilfeleistungen zuzuschreiben. Es ist vielmehr bewiesen, daß man insbesondere in Auschwitz große Anstrengungen zur Bekämpfung und Heilung der Krankheit unternahm. Eine juristische Schuld ist höchstens im Vorfeld der Internierung als solcher zu suchen, also in den Gründen, die zur Internierung führten.

Es hat in der Vergangenheit viele Erklärungsansätze gegeben, mit denen man die Entstehung von offenbar falschen und übertriebenen Zeugenaussagen insbesondere auch bezüglich der angeblichen Vernichtung der Juden durch das Dritte Reich zu erklären versucht, wenn man die sicherlich auch vorkommende bewußte Lüge einmal ausschließt. Einer der ersten Versuche war sicherlich der von Samuel Gringauz.[4] Er beschreibt die jüdische Erlebnisliteratur zum Holocaust als judeo-, loco- und egozentrisch, in der sich die Überlebenden gegenüber ihrer jüdischen wie nichtjüdischen Umwelt zu profilieren suchten. Diese Gattung der Literatur sei daher angefüllt mit absurdem Wortreichtum, wüsten Übertreibungen, dramatischen Effekten, mit Selbstüberschätzungen, dilletantischem Philosophieren, Möchtegern-Lyrik, unkontrollierten Gerüchten, Verzerrungen und anderem mehr.

Die besondere soziopsychologische Wirkung der traumatisierenden Holocaust-Erinnerungskultur auf das Wahrnehmungs- und Erinnerungsvermögen der Holocaust-Überlebenden selbst wird seit vielen Jahren als sogenanntes Holocaust-Überlebenden-Syndrom (Holocaust Survivor Syndrom HSS) beschrieben. Danach werden die tatsächlichen Erlebnisse der Überlebenden durch das ständige Aufnehmen von Erzählungen und Berichten anderer überformt. Dabei bildeten die Überlebenden eine soziale Gruppe für sich, die durch ständige gegenseitige Beeinflussung eine Psychologie der Gruppenphantasie des Märtyrertums aufbauten.[5]

Die US-amerikanische Expertin für Zeugenaussagenkritik Prof. Dr. Elisabeth Loftus hat in ihrem jüngst erschienenen Werk einen weiteren Ansatz aufgezeigt, mit dem sich realitätsferne oder schlicht falsche Zeugenaussagen erklären lassen.[6] Sie beschreibt darin, unter welchen Umständen Menschen nicht in der Lage sind, zwischen eigenem Erleben und nur Berichtetem zu unterscheiden. Demnach wird besonders bei emotionaler Anspannung die innere Glaubhaftigkeitskontrolle überwältigt.

Der hier beschriebene vierte Erklärungsansatz von den deliröse Phantasien der Fleckfieberkranken soll keinen der zuvor beschriebenen Ansätze ersetzen oder erweitern. Er soll ausschließlich als zusätzliche Möglichkeit dienen, die Entstehung mancher phantastisch irreal klingender Erzählung nachvollziehbar zu machen.


Anmerkungen
[1]Vgl. Claus Jordan, »Politik und Rechtsprechung - Ein Fallbeispiel«, in: Ernst Gauss (Hg.), Grundlagen zur Zeitgeschichte, Grabert, Tübingen 1994, erhältlich bei VHO.
[2]Heggelin, Differential-Diagnose innerer Krankheiten, Thieme Verlag, Zürich 1951.
[3]Hans Kilian, Im Schatten der Siege, Ehrenwirth, München 1964, S. 220-225.
[4]Samuel Gringauz, »Some Methodological Problems in the Study of the Ghetto«, in: Salo W. Baron, Koppel S. Pinson (Hg.), Jewish Social Studies, Vol. XII, New York 1950, S. 65-72.
[5]Polish Historical Society, News release, January 25, 1993, 91 Strawberry Hill Ave., Suite 1038, Stamford, CT 06902, USA; vgl. Paul Chodoff, »Post-traumatic disorder and the Holocaust«, American Journal of Psychology - Academy Forum, Spring 1990, S. 3.
[6]Elizabeth Loftus, The Myth of Repressed Memory, New York, 1994; vgl. auch E. Loftus, K. Ketcham, Witness for the Defense, St. Martin's Press, New York 1991.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 1(2) (1997), S. 75-78.
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