Wieviele Juden überlebten den Holocaust?

Von Dipl.-Chem. Germar Rudolf

 

‘Amcha’ nennt sich eine Stiftung, die in Israel die "psychosoziale Betreuung von Holocaust-Überlebenden" übernimmt. Ihre gleichnamige deutsche Stiftung bat in einem Schreiben vom 22.8.1996 alle deutschen Bürgermeister, im Etat des Jahres 1997 einen, zwei oder gar drei Pfennig pro Einwohner als Spende für diese Stiftung vorzusehen, auch wenn die Gemeinden hoch verschuldet seien. Dem Ehrenrat dieser Stiftung gehören u.a. an: Rita Süssmuth, Hans-Jochen Vogel, Ignatz Bubis und der EKD-Vorsitzende Klaus Engelhardt. Laut ‘Amcha’ leiden viele der 300.000 Holocaust-Überlebenden Israels, darunter allein 104.000 "Kind-Überlebende", u.a. an Schlafproblemen, Depressionen und psychosomatischen Erkrankungen. Die Zahl von 300.000 in Israel lebenden Holocaust-Überlebenden wurde am 4.5.97 auch vom Chefpsychologen von Amcha Israel, Dr. Elnatan Kellerman, bestätigt (Arutz Sheva News Service, 4.5.1997).

Amcha Deutschland hatte kurz nach ihrer Gründung in einer Beilage zur Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung vom 15.5.1990 in einem Schreiben an die Leser zu Spenden aufgerufen. Damals aber bezog sie sich auf lediglich »über 200.000 in Israel lebende Überlebende des Holocaust«. Es ist nicht ganz klar, ob dieser Zuwachs der Überlebenden auf ihre bessere Erfassung, auf eine Einwanderung vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion oder aber auf rein "spendentaktische" Gründe zurückzuführen ist.

Amcha

Das Bettelschreiben von Amcha, unten: Ausschnitt von S. 3. Zur Vollgößenansicht (42 bzw. 14 KB) anklicken!

Amcha-Ausschnitt

Am 28.12.1994 berichtete die Stuttgarter Zeitung in einem Beitrag von Ingrid Kölle unter dem Titel »Archiv der Überlebenden«, daß Steven Spielberg plane, die Aussagen der heute noch lebenden 300.000 Holocaust-Überlebenden filmisch festzuhalten. Da die Mehrzahl dieser Menschen heute zwischen 70 und 80 Jahre alt sei, dränge die Zeit. Eine ähnliche Meldung mit der gleichen Zahl der Überlebenden erfolgt in der gleichen Zeitung am 20.2.1996. In der US-amerikanischen Presse schwankt diese Zahl recht stark. Während Newsweek (21.11.1994, S. 98: 325.00) und People Weekly (11.4.1994, S. 37: 350.000) im Zusammenhang mit Spielbergs Zeugenarchiv ähnliche Zahlen wiedergeben wie die deutsche Presse, erwähnt die New York Times zwei Jahre später (7.1.1996, Sec.12, S. 59) eine halbe Million Überlebende, obwohl die Zahl aufgrund der hohen Sterblichkeit der betroffenen Menschen doch eigentlich abgenommen haben sollte. Die gleiche Zeitung erwähnt am 16.4.1996, S. B1, von allein 50.000 Holocaust-Überlebenden im Großraum New York.

Nun stellt sich die interessante Frage, ob sich aus diesen recht vagen Angaben abschätzen läßt, wie hoch die Zahl der Holocaust-Überlebenden 1945 war.

Bevor eine solche Frage beantwortet werden kann, muß man die Frage stellen, was einen Holocaust-Überlebenden überhaupt ausmacht. Unterstellt man wie allgemein üblich, daß das Dritte Reich beabsichtigt habe, alle Juden in seinem Machtbereich zu vernichten, so wäre ein Jude, der den Holocaust überlebt hat, eine Person, die dem Zugriff des NS-Machtapparates zumindest zeitweise ausgesetzt war, diesen Zugriff jedoch überlebte. Offen bleibt dabei, wie die Juden in den Machtsphären von Hitlers Verbündeten behandelt werden, die zwar denkmöglich als Opfer in Frage gekommen wären, jedoch teilweise mangels extrem antijüdischer Maßnahmen nie in Lebensgefahr kamen, wie z.B. die überwiegende Mehrzahl der Juden Frankreichs, Italiens, Rumäniens oder Bulgariens. Die Behandlung der von Deportationen gänzlich verschonten Juden der ungarischen Hauptstadt Budapest ist ebenso unklar wie die derjenigen Juden, die zwischen die deutsch-sowjetische Front kamen und von Stalin in Arbeitslager jenseits des Urals deportiert wurden. Diese Fälle machen in Summe mindestens eine Millionen Menschen aus, wenn nicht gar weitaus mehr.

Aus der von der ‘Amcha’ Stiftung genannten Zahl von 300.000 allein in Israel lebenden Holocaust-Überlebenden ließe sich zurückschließen, daß es weltweit wohl mindestens die doppelte Menge an Überlebenden gibt, da Israel in der Nachkriegszeit immer nur einen Bruchteil der Auswanderer aus Europa und der Sowjetunion aufnahm. Nach den von W.N. Sanning (Die Auflösung des osteuropäischen Judentums, Grabert Tübingen 1983, S. 231) eruierten Zahlen z.B. sind in der Zeit zwischen Ende des Krieges und dem Jahr 1970 etwa 650.000 Menschen vom europäischen Kontinent und der UdSSR nach Israel ausgewandert, jedoch mindestens weitere etwa 900.000 nach Übersee (Nord- und Südamerika, Australien, Afrika). Da in der Zeit nach 1970 die Anziehungskraft Israels aufgrund der ständigen wirtschaftlichen Probleme und dem Verlust der Anziehungskraft des Zionismus mit einer verstärkten Auswanderung nach Israel kaum gerechnet werden kann – die Zahl der Juden in Israel stagniert eher – gehen wir nachfolgend davon aus, daß sich den Zahlen Sannings entsprechend etwa 40% aller Überlebenden in Israel befinden. Dann entsprächen die von der Amcha genannten 300.000 sich in Israel aufhaltenden Überlebenden weltweit etwa 750.000. Laut ‘Amcha’ waren etwa ein Drittel dieser Überlebenden in den Jahren des Holocaust (1941-45) im Kindesalter, wobei nicht klar ist, welches Alter damit gemeint ist. Jedenfalls würde dies bedeuten, daß es weltweit noch etwa 250.000 "Kind-Überlebende" gibt.

 

Tabelle 1: Deutsche Sterbetafel 1871-1949 (gekürzt)

Von 100.000 Lebendgeborenen erreichten untenstehendes Alter:
(Absterbeordnung)

Männer

Frauen

Alter:

Jahre 

1871 bis 1880

1891 bis 1900

1924 bis 1926

1946 bis 1947

1949 bis 1951

1871 bis 1880

1891 bis 1900

1924 bis 1926

1946 bis 1947

1949 bis 1951

0

100000

100000

100000

100000

100000

100000

100000

100000

100000

100000

1

74727

76614

88462

89840

93823

78260

80138

90608

91938

95091

2

69876

72631

87030

88919

93433

73280

76137

89255

91059

94749

5

64871

69194

85855

87770

92880

68126

72623

88169

90087

94270

10

62089

67369

85070

87001

92444

65237

70646

87452

89519

93937

15

60892

66462

84469

86391

92097

63878

69562

86877

89093

93701

20

59287

65049

83268

85266

91466

62324

68201

85808

88308

93295

25

56892

63168

81429

83270

90531

60174

66467

84275

87210

92711

30

54454

61274

79726

81460

89518

57566

64385

82597

86060

92039

35

51815

59111

78111

79638

88428

54685

62047

80847

84885

91221

40

48775

56402

76313

77655

87102

51576

59567

78917

83634

90225

45

45272

53037

74032

75396

85342

48481

56751

76704

82071

88901

50

41228

49002

71006

72455

82648

45245

53768

73943

79979

86991

55

36544

44133

66818

68586

78562

41308

49938

70236

77038

84225

60

31124

38308

60883

63276

72852

36293

44814

65076

72945

80166

65

24802

31294

52715

55844

64999

29703

37828

57671

66813

73875

70

17750

23195

41906

45901

54394

21901

28917

47255

57563

63994

75

10743

14730

28998

33039

40700

13677

18900

34028

44147

49605

80

5035

7330

16066

18294

25106

6570

9773

19711

27509

31787

85

1635

2497

6371

6622

11321

2232

3568

8372

12193

15225

90

330

492

1599

1202

3175

471

821

2356

3180

4815

 

Nachfolgend soll anhand der deutschen Sterbetafel (Tabelle 1, aus: Lexikon Institut Bertelsmann (Hg.), Ich sag dir alles, Bertelsmann, Gütersloh 1968) ermittelt werden, wieviele Menschen 1945 insgesamt haben leben müssen, damit 50 Jahre später noch 750.000 Menschen davon wohlauf sind. Hierbei wird vorausgesetzt, daß die Lebensbedingungen, denen die deutsche Bevölkerung zwischen der Geburt des betrachteten Jahrgangs und dem Jahr 1995 annähernd gleich war wie die der überlebenden Juden. Auf jeden Fall dürfte die Meinung verbreitet sein, daß letztere nicht besser lebten als die von zwei Weltkriegen und einer Massenvertreibung gebeutelten Deutschen.

Geht man davon aus, daß das durchschnittliche Alter der "Kind-Überlebenden" 1945 10 Jahre war (Alter 1945 zwischen 0 und 15 Jahre; Jahrgang 1930-1945, Alter 1995: 50-65), so würden heute nach der angegebenen Sterbetafel extrapoliert etwa noch 62% dieser Menschen leben. Das bedeutet, daß den heutigen 250.000 "Kinds-Überlebenden" damals etwa 410.000 überlebende Kinder entsprechen. Geht man von der etablierten These aus, daß die Nationalsozialisten arbeitsunfähige Juden, also insbesondere auch Kinder, mehr oder weniger sofort in den Tod schickten, darf dieses Ergebnis überraschen.

Tabelle 2: Abschätzung der Anzahl der jüdischen Holocaust-Überlebenden 1945

Altersgruppe 1945

Anteil [%] 1945

Sterbefaktor 1945- 1995

Altersgruppe 1995

Anteil [%] 1995

Überlebende 1995

Überlebende 1945

0-5

2,5

30 %

50-55

8,0

59.663

85.233

6-10

3,5

36 %

56-60

10,2

76.369

119.326

11-15

6

42 %

61-65

15,8

118.644

204.560

16-20

13

54 %

66-70

27,2

203.877

443.212

21-30

28

75 %

71-80

31,8

238.653

954.610

31-40

25

94 %

81-90

6,8

51.140

852.331

41-50

16

99,7 %

91-100

0,2

1.636

545.492

51-60

5

99,99 %

101-110

0,0

17

170.466

61-70

1

99,9999 %

111-120

0,0

0

34.093

71-90

0

99,99999999 %

121-130

0

0

0

Summe

100

   

100

750.000

3.409.323

 Die Angabe, daß etwa ein Drittel aller Überlebenden 1945 Kinder unter 15 Jahren waren, diente mir als Randbedingung für eine Abschätzung der damaligen Gesamtzahl der Überlebenden. In der nachfolgenden Tabelle 2 ist in der ersten Spalte die Altersgruppe der Überlebenden 1945 angegeben, in Spalte 2 deren Anteil an den Gesamtüberlebenden. Spalte 3 enthält den Prozentsatz der jeweiligen Altersgruppe, der in den Jahren 1945 bis 1995 starb, ausgehend von den Daten von Tabelle 1 (extrapoliert). Spalte 4 enthält das Alter der entsprechenden Altersgruppe 1995, Spalte 5 den jeweiligen Prozentsatz an den Gesamtüberlebenden 1995. Spalte 6 enthält die absolute Menge der Überlebenden 1995, und Spalte 7 die zurückberechnete Menge der 1945 noch lebenden Überlebenden.

Ausgangspunkt war die Annahme, daß die Altersgruppen von 1995 zwischen 50 und 65 Jahren (0 bis 15 Jahren 1945) etwa ein Drittel aller Überlebenden ausmachen müssen. Hierfür ist es notwendig, den Anteil dieser Altersgruppe im Jahr 1945 recht niedrig und den der jungen Erwachsenen 1945 recht hoch anzusetzen. Dies entspricht der herkömmlichen Ansicht, daß nur relativ wenige Kinder und alte Menschen jüdischen Glaubens die Zeit des Dritten Reiches überlebt hätten.

Als Ergebnis erhält man bei diesem Ansatz eine Anzahl von etwa 3,4 Millionen Holocaust-Überlebenden im Jahre 1945. Würde man analog der zuvor zitierten AP-Meldung von lediglich 300.000 heute noch lebenden Überlebenden ausgehen, so würde dies auf etwa 1,3 Millionen Überlebende im Jahre 1945 hinauslaufen.

Mit genaueren Kenntnissen über die Anzahl und Alterszusammensetzung der heutigen Überlebenden und einer differenzierteren Sterbetafel dürften noch genauere Rückrechnungen möglich sein.

Nach W.N. Sanning (aaO.) gelangten etwa vier bis fünf Millionen Juden in den NS-Machtbereich, von denen allerdings etwa eine Million nie bedroht war. Nach neuesten Pressemeldungen sind insgesamt etwa sieben Millionen Juden im Holocaust umgekommen (Frankfurter Rundschau 13.11.1995), während etwa 3,4 Millionen den Holocaust überlebten.

Dies macht laut Kaballa: 4,5 Mio - 1 Mio. - 7 Mio. = 3,4 Mio.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 1(2) (1997), S. 69ff.


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