VERHÖRPROTOKOLLE FRITZ SANDERS

Federalnaja Sluschba Besopasnosti Rossiiskoj Federatsii, Moskau (Föderaler Sicherheitsdienst der Russischen Föderation) Dokumentenmappe N-19262

Alle im folgenden zitierten Dokumente befinden sich in diesem Aktenbündel.

Protokoll des Verhörs vom 7. März 1946

7. März 1946. Wir, der Leiter der 2. Abteilung der Organisation Smersch [Smert Schpionam, "Tod den Spionen"] der achten Garde-Armee, Hauptmann Schatanowski, sowie der stellvertretende Leiter der 2. Abteilung der Garde, Major Moruschenko, verhörten den Inhaftierten

Sander Fritz, Sohn des Karl Paul, geboren 1876 in Leipzig, Angehöriger einer Angestelltenfamilie, Angestellter, mit mittlerer technischer Ausbildung, Deutscher, Bürger des deutschen Staates, Bewohner der Stadt Erfurt, Beaumontstrasse 21.

Der Befragte wurde auf die Konsequenzen falscher Aussagen hingewiesen. Der Dolmetscher wurde auf seine Pflicht zur korrekten Übersetzung hingewiesen.

Frage: Gehörten Sie der nationalsozialistischen Partei an?

Antwort: Ich war niemals Mitglied der nationalsozialistischen Partei und bin es auch heute nicht.

Frage: Seit wann und in welcher Position arbeiten Sie bei der Firma Topf?

Antwort: Ich arbeite seit Oktober 1910 bei der Firma Topf im Betrieb zu Erfurt als führender Ingenieur sowie Prokurist des Unternehmens.

Frage: Erzählen Sie über ihre Erfindung des Krematoriums für Massenverbrennung!

Antwort: Als führender Ingenieur der Firma Topf leitete ich die Abteilung Krematorienbau, an deren Spitze Prüfer stand. Letzterer sagte mir gegenüber im Jahre 1942, an den genauen Zeitpunkt erinnere ich mich nicht, bei einem Gespräch über die Kapazität der Krematorien [Plural], die im KL Auschwitz errichtet worden waren, sie könnten die Anzahl der zu verbrennenden Leichname nicht bewältigen. Dabei führte er als Beispiel an, dass man dort zwei oder drei Leichen in die Einführungsöffnungen einschiebe, das Krematorium [Singular] aber dennoch mit der in den Konzentrationslagern [Plural] anfallenden Arbeitslast nicht fertigwerden könne.

Damals beschloss ich als Spezialist auf dem Gebiet der Heizung aus eigener Initiative, ein Krematorium zu bauen, welches eine höhere Kapazität bei der Leichenverbrennung aufwies.

Im November 1942 war ich mit meinem Projekt eines Krematoriums zur Massenverbrennung von Leichen fertig und unterbreitete dieses Projekt dem staatlichen Patentamt in Berlin.

Das Krematorium zur Massenverbrennung sollte nach dem Grundsatz des Fliessbandsystems entworfen werden, und in den Ofen sollten auf mechanischem Wege unaufhörlich Leichen zur Einäscherung eingeschoben werden.

Die Leichen sollten unter der Last ihres eigenen Gewichts in den Ofen gelangen, indem sie auf einer feuerfesten Fläche, die eine Neigung von 40 Grad aufwies, von selbst auf den Rost fielen und unter der Einwirkung des Feuers verbrannten. Dabei sollten die Leichen selbst als zusätzliche Brennstoffquelle dienen.

Dieses Patent konnte nicht offiziell beim staatlichen Patentamt registriert werden, da es wegen des Kriegs geheimen Charakter aufwies, doch meine Erfindung wurde in die Praxis umgesetzt, und mir wurde die

[Patent-]Nummer mitgeteilt.

Frage: Wer entwarf und genehmigte den Bau der Krematorien für die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald?

Antwort: Mit dem Entwurf und Bau der Krematorien befasste sich Prüfer, mit den Lüftungseinrichtungen für die Krematorien Schultze. Ich habe diese Projekte überprüft, und nachdem ich dies getan hatte, genehmigte die Firma Topf sie.

Frage: Was war die von Ihnen angestrebte Kapazität des Krematoriums für die Massenverbrennung von Leichen?

Antwort: Meine Idee bei der Konstruktion des Krematoriums für die Massenverbrennung von Leichen besteht darin, dass die Leichen ununterbrochen in den Ofen gelangen. Die Anzahl der Leichname, die man in einer Stunde verbrennen kann, ist in dem von mir entworfenen Krematorium bedeutend höher als jene, die in einem [herkömmlichen] Krematoriumsofen verbrannt wurde.

Frage: Was erzählten Ihnen Prüfer und Schultze nach ihrer Dienstreise ins Konzentrationslager Auschwitz?

Antwort: Im Sommer 1942 berichteten mir Prüfer und Schultze, in den Konzentrationslagern [Plural] von Auschwitz vernichte man in Gaskammern viele Menschen und verbrenne ihre Leichen in Krematorien [Plural], wobei die Belastung der Krematorien so gross sei, dass man in eine Ofenöffnung drei Leichen [zugleich] einführe.

Frage: Dies heisst, Sie wussten darüber Bescheid, dass man in den Konzentrationslagern [Plural] in Auschwitz vollkommen unschuldige Menschen vernichtete?

Antwort: Ja, ab Sommer 1942 wusste ich darüber Bescheid, dass man in den Konzentrationslagern in Auschwitz in Gaskammern ganz unschuldige Menschen vernichtete und darauf ihre Leichen in Krematorien [Plural] verbrannte. Prüfer hat mir von kolossalen Transporten von Menschen berichtet, die aus Polen, Griechenland und anderen Ländern in die Konzentrationslager in Auschwitz gelangten und dort vernichtet wurden.

Frage: Wie kam es, dass Sie, obschon Sie wussten, dass die Krematorien in den Konzentrationslagern zur Vernichtung unschuldiger Menschen dienten, sich trotzdem auf eigene Initiative an die Planung eines Krematoriums für eine noch grössere Massenverbrennung machten?

Antwort: Ich als deutscher Ingenieur und Angestellter der Firma Topf hielt es für meine Pflicht, mein ganzes Wissen aufzuwenden, um zum Sieg Hitlerdeutschlands beizutragen, genau wie dies jeder beliebige Flugzeugkonstruktionsingenieur tut, selbst wenn dies die Vernichtung von Menschen bedeutet.

Frage: Kennen Sie Braun?

Antwort: Ja. Ich kenne Braun; er arbeitet seit 1936 als Produktionsleiter bei der Firma Topf.

Frage: Leitete Braun die Abteilung Krematorienbau?

Antwort: Als Produktionsleiter führte Braun auch jene Abteilung, die für den Bau der Krematorien sowie die Einrichtung der Gaskammern für die Konzentrationslager verantwortlich war.

Meine Aussagen sind richtig aufgeschrieben worden; sie wurden mir in deutscher Übersetzung vorgelesen, und ich unterschreibe in deutscher Sprache.

(Unterschriften)


Protokoll des Verhörs vom 13. März.

Befragter: Fritz Sander

Befrager: Hauptmann Morskoi

Dolmetscher: Dazjuk

Frage: Ihr Beruf?

Antwort: Ich bin von Beruf Ingenieur.

Frage: Wo arbeiteten Sie in diesem Beruf?

Antwort: Als Ingenieur arbeitete ich seit 1910 im Betrieb der Firma Topf, und von 1920 bis in jüngste Vergangenheit war ich dort als Hauptingenieur tätig.

Frage: In welchen politischen Parteien Deutschlands waren sie Mitglied"

Antwort: Ich gehörte keiner Partei an, war aber Mitglied der nationalsozialistischen Organisationen Arbeitsfront und NSVAU .

Frage: Ab wann waren Sie Mitglied der genannten faschistischen Organisationen, und welche führenden Positionen bekleideten Sie dort?

Antwort: In die nationalsozialistischen Organisationen Arbeitsfront und NSVAU trat ich 1936 ein, bekleidete jedoch in besagten Organisationen keine führenden Positionen.

Frage: Wer war bei der Firma Topf für den Krematorienbau verantwortlich?

Antwort: Die Abteilung Krematorienbau im Betrieb der Firma Topf leitete der Hauptingenieur dieser Abteilung, Prüfer.

Frage: Ab wann began die Firma Topf Krematorien für Konzentrationslager herzustellen?

Antwort: Krematorien für die Konzentrationslager begann die Firma Topf ungefähr in den Jahren 1937/1938 herzustellen.

Frage: Von wem trafen die Bestellungen zum Bau von Krematorien für die Konzentrationslager ein?

Antwort: Die Befehle zum Bau von Krematorien für die Konzentrationslager trafen von der Führung der SS ein.

Frage: Wer war bei der Firma Topf Konstrukteur von Krematorien?

Antwort: Konstrukteur aller Arten von Krematorien bei der Firma Topf, sowohl der stationären als auch der mobilen, war Ingenieur Prüfer. Bei Projektierung und Bau half ihm Ingenieur Schultze.

Frage: Was war ihr Anteil beim Entwurf und Bau der Krematorien für die Konzentrationslager?

Antwort: Ich als erster Ingenieur der Firma Topf leitete die Abteilung Krematorienbau, überprüfte die Projekte der Krematorien, die von Ingenieur Prüfer sowie von Schultze errichtet worden waren, billigte diese Projekte persönlich und unterbreitete sie anschliessend dem Besitzer der Firma, Ludwig Topf, zur Genehmigung.

Frage: War ihnen, als Sie am Entwurf und Bau der Krematorien für die Konzentrationslager teilnahmen, bekannt, dass in diesen Krematorien unschuldige Menschen verbrannt wurden?

Antwort: Ja, dass in den unter meiner Beteiligung von den Ingenieuren Prüfer und Schultze erbauten Krematorien in den Konzentrationslagern unschuldige Menschen verbrannt wurden, war mir bekannt.

Frage: Wann wurde dies Ihnen bekannt?

Antwort: 1942, an den Monat erinnere ich mich nicht mehr, erfuhr ich in einem Gespräch mit Ingenieur Prüfer nach dessen Heimkehr von einer Geschäftsreise aus Auschwitz, dass in den entworfenen und erbauten Krematorien in den Konzentrationslagern unschuldige Menschen verbrannt wurden.

Frage: Zu welchem Zweck fuhr Prüfer ins Konzentrationslager Auschwitz?

Antwort: Dies hing damit zusammen, dass die Firma Topf nach dem Bau der Krematorien ihre Leute zur Montage der Krematorien in die Konzentrationslager schickte, und Ingenieur Prüfer als Bauleiter und Konstruktion der Krematorien fuhr ins Konzentrationslager [Singular], um zu inspizieren, wie die Montagearbeit verlief; er war auch bei der praktischen Erprobung der Krematorien zugegen.

Prüfer teilte mir nach seiner Rückkehr aus dem Konzentrationslager Auschwitz mit, er sei bei der Erprobung der dort errichteten Krematorien anwesend gewesen und sei zum Schluss gelangt, sie seien wenig leistungsfähig und könnten jene Anzahl von Leichen nicht bewältigen, die dort zu verbrennen war. Damals führte Prüfer mir gegenüber als Beispiel, man habe in seiner Anwesenheit jeweils zwei Leichname in die Öffnung der Krematorien eingeführt, doch seien letztere der Arbeitslast nicht gewachsen gewesen, weil es im Konzentrationslager sehr viele Leichen zu verbrennen gab.

Frage: Als Ihnen Prüfer erzählte, die Krematorien hätten die Verbrennung der Leichen nicht geschafft, waren Sie da interessiert und haben Sie ihn gefragt, woher soviele Leichen kämen?

Antwort: Ja, ich fragte Prüfer, weswegen es im Konzentrationslager soviele Leichen gebe, und er entgegnete mir, man ermorde dort in Gaskammern Menschen und überführe ihre Leichen zur Einäscherung ins Krematorium [Singular].

Frage: Welche anderen Konzentrationslager hat Prüfer noch aufgesucht?

Antwort: Ich weiss, dass Prüfer ausser ins KL Auschwitz auch ins Konzentrationslager Buchenwald gefahren ist. Ob er noch in anderen Lagern war, ist mir nicht bekannt.

Frage: Fuhr Ingenieur Schultze in Konzentrationslager?

Antwort: Ja, Ingenieur Schultze fuhr wie Prüfer aus denselben Gründen in die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald; ob er noch andere Lager aufgesucht hat, weiss ich nicht.


Protokoll des Verhörs vom 21. März 1946

Befragter: Fritz Sander.

Befrager: Hauptmann Morskoi

Dolmetscher: Dazjuk.

Frage: Legen Sie genauer dar, wann Sie mit Ingenieur Prüfer darüber sprachen, dass man wegen der zu geringen Kapazität der von Ihnen errichteten Krematoriumsöfen die in den Konzentrationslagern anfallenden Leichen nicht verbrennen konnte!

Antwort: Ich erinnere mich gut, dass dieses Gespräch zwischen mir und Ingenieur Prüfer im Frühling 1942 - an den genauen Monat kann ich mich nicht entsinnen – stattfand, nachdem Ingenieur Prüfer von einer Geschäftsreise aus dem Konzentrationslager Auschwitz zurückgekehrt war, wo er die Öfen im neu erbauten Krematorium überprüft hatte.

Frage: Worüber sprachen Sie mit Ingenieur Prüfer, nachdem er Ihnen das hier Dargelegte mitgeteilt hatte?

Antwort: Nachdem Ingenieur Prüfer mich unterrichtet hatte, dass als Folge der zu niedrigen Kapazität der Krematoriumsöfen, die wir in Auschwitz erbaut hatten, man die dort anfallenden Leichen nicht zu verbrennen vermöge, sagte ich ihm, es sei unerlässlich, Krematoriumsöfen nach dem Fliessbandsystem zur Massenverbrennung von Leichen in den Konzentrationslagern zu entwerfen.

Frage: Wurde von Ihnen ein neues System der Krematoriumsöfen entworfen?

Antwort: Ja, nach dem betreffenden Gespräch zwischen mir und Ingenieur Prüfer kam mir der Gedanke, Krematoriumsöfen nach dem Fliessbandsystem zu entwerfen, und ich machte mich an die Verwirklichung dieses Projekts zur Massenverbrennung von Leichen in den Konzentrationslagern.

Frage: Was war das Funktionsprinzip des von Ihnen entworfenen neuen Krematoriumtyps?

Antwort: Das Arbeitsprinzip des von mir entworfenen neuen Typs zur Massenverbrennung von Leichen lief darauf hinaus, dass das neue System eines Krematoriums im Gegensatz zu den alten die Leichen auf mechanisiertem Weg zur Verbrennung in den Ofen einführen sollte, wobei die Leichen dorthin unter der Last ihres eigenen Gewichts gelangen sollten, durch Abrutschen auf einer feuerfesten Fläche, die eine Neigung von vierzig Grad aufwies; die Leichname fielen auf den Rost und verbrannten unter der Einwirkung des Feuers. Dabei sollten die Leichen selbst als zusätzlicher Brennstoff dienen.

Frage: Wann gingen Sie zur massenweisen Herstellung des neuen Krematoriumssystems über?

Antwort: Die Firma Topf ging nicht zur Herstellung des von mir entworfenen neuen Krematoriums über, denn im November 1942 legte ich mein Projekt dem Patentamt in Berlin vor, wo es nicht offiziell registriert wurde, und meine Erfindung wurde erst dort in die Praxis umgesetzt, doch unter welcher

[Patent-]Nummer weiss ich nicht, denn das hat man mir nicht mitgeteilt.

Dokument vom 27. März 1946:

"Ins Amt der Antispionageorganisation ‘Smersch’ in Deutschland wurde am 25. März 1946 der Inhaftierte Sander Fritz in kritischem Gesundheitszustand eingeliefert, mit Anzeichen schwindender Herztätigkeit und Symptomen einer Anschwellung der Lungen sowie der unteren Extremitäten als Folge starker Erschöpfung. Dem Kranken wurde ärztliche Hilfe zuteil, doch ungeachtet der ergriffenen Massnahmen verstarb der Inhaftierte Sander Fritz am 26. März 1946 um 15 Uhr […]

Aufgrund des hier Ausgeführten wird nach Artikel 4 Absatz 1 des Strafgesetzes der Russischen Föderativen Sowjetrepublik beschlossen, die Ermittlungen gegen den Inhaftierten Sander Fritz, Sohn des Karl, wegen des Ablebens des Inhaftierten einzustellen."


Kurt Prüfer | Karl Schultze | Gustav Braun

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