KAPITEL II:
Stutthof als »Vernichtungslager«: Die offizielle Version

In der Einleitung haben wir erwähnt, daß Stutthof der offiziellen Geschichtsschreibung zufolge zeitweilig die Funktion eines »behelfsmäßigen Vernichtungslagers« erfüllte. In diesem Kapitel wollen wir nun die Aussagen der wichtigsten diesbezüglichen Schriften zum Thema der behaupteten Massentötungen und insbesondere der Menschenvergasungen in Stutthof in chronologischer Reihenfolge wiedergeben.

Als erstes ist hier die bereits fünf Tage nach der Befreiung des Lagers, am 14. Mai 1945, entstandene sowjetische Expertise zu erwähnen, die wir im folgenden vollständig zitieren:[78]

»Protokoll der technischen Expertise über das SS-Konzentrationslager Stutthof, 14. Mai 1945.

Wir, Ingenieur Major Iwan Alexandrowitsch Fjodorow, stellvertretender Stabsschef der 57. Gomelsker Ingenieur- und Pionierbrigade Rotes Banner, und Hauptmann Georgi Sergejewitsch Kapustin, Adjutant des Befehlshabers der Ersten Abteilung des Brigadestabs, haben im Auftrag des Kriegsrats der 48. Armee eine Untersuchung des SS-Lagers Stutthof durchgeführt, bei der wir folgendes ermittelt haben:

Die Deutschen begannen im Jahre 1939 mit dem Aufbau des Konzentrationslagers Stutthof. Bis 1941 gab es im Lager insgesamt etwa 15 Holzbaracken des Standardtyps sowie die erforderlichen kleinen Gebäude für die Wachmannschaft.

Anfangs war das erwähnte Lager für politische Gefangene bestimmt.

Mitte 1942 begann man das Lager in scharfem Tempo zu erweitern, und Ende 1944 wies dieses bereits folgende Gebäude auf:

Holzbaracken: 60 Stück;

Ziegelbaracken: 12 Stück;

Baracken für Wach- und Dienstpersonal: 17 Stück;

Magazine: 11 Stück;

Werkstätten: 5 Stück;

Fabrikgebäude: 7 Stück.

Jede Wohnbaracke des Standardtyps kann normalerweise 450 Personen aufnehmen, was bedeutet, daß die Häftlingsbaracken bei normaler Belegung 450 x 72 = 32.400 Menschen fassen konnten. In Wirklichkeit wurden nach Angaben des ehemaligen Häftlings Woźniak, eines Polen, in den Baracken jeweils 800 bis 1000 Menschen zusammengepfercht. Folglich betrug die ungefähre Anzahl der im Lager Internierten 60 + 12 x 800 = 62.000 bis 72.000 [sic] .

In den Wohnbaracken waren drei Stockwerke hölzerner Pritschen errichtet worden; es gab getrennte Zimmer für die Wachmannschaft sowie gemeinsame Waschräume und Toiletten. Die Waschräume und Toiletten in den Baracken funktionierten nicht, da der Bau des Kanalisationsnetzes noch nicht abgeschlossen war.

Aus einem Modell, das in der Kanzlei des SS-Lagers Stutthof vorgefunden wurde, läßt sich schließen, daß das Lager zu einem erheblichen Teil noch unvollendet war; es war nämlich vorgesehen, die Anzahl der Wohnbaracken auf 180 zu erhöhen, wobei der neue Lagerteil im Gegensatz zum alten aus Ziegeln gebaut werden sollte.

Der Aufbau und die Erweiterung des Lagers sowie der Bau der Fabrikgebäude wurden von Häftlingen verrichtet.

Auf dem Gelände des alten Lagers waren zwei Fabrikgebäude fertig errichtet und in Betrieb genommen, während drei weitere noch unvollendet waren; auf dem Gelände des neuen Lagers waren zwei Fabrikgebäude fertiggestellt, jedoch noch nicht in Betrieb.

Zum Zeitpunkt unserer Besichtigung gab es in den Fabrikgebäuden keinerlei Geräte zur Produktion. Laut der Aussage des ehemaligen polnischen Lagerhäftlings Woźniak wurde die Einrichtung im Januar 1945 abmontiert und weggeschafft.

Das ganze Lagergelände war von einem Stacheldrahtzaun umgeben. Um den Wohnbezirk des Lagers herum gab es einen getrennten Stacheldrahtverhau, der auf Isolatoren aus Porzellan angebracht war; der Draht stand unter Starkstrom. Auf der Barackenseite befand sich vor diesem ein zusätzlicher, drei Meter hoher Stacheldraht.

Bei der Planung und Errichtung des Lagers, insbesondere des Wohnbezirks, wurden überhaupt keine Einrichtungen zum Schutz vor Feuersbrünsten und keine sanitären Installationen errichten, die sonst bei allen Gebäuden obligatorisch sind. Offene Latrinen ohne Wände und Dach, alle in nur zwei bis drei Meter Entfernung von den Baracken, verbreiteten über das gesamte Lagergelände einen durchdringenden Gestank. Der Abstand zwischen den Baracken betrug 10 bis 15 Meter.

Zum Zeitpunkt der Inspektion des Lagers waren von den 72 bestehenden Wohnbaracken 30 niedergebrannt.

Beim Konzentrationslager gab es eine Gaskammer von 8,5 x 3,5 x 2,5 m Größe, welche die Form einer einfachen, aus Ziegeln errichteten Kiste hatte und zwei hermetisch abschließbare Türen sowie eine Decke aus Eisenbeton besaß; letztere wies eine runde Öffnung von 20 cm Durchmesser auf, die zum Einwurf des Giftstoffs „Zyklon" diente. Außerhalb der Gaskammer war ein kleiner, primitiver, aus Ziegeln bestehender Ofen von 1,5 x 1,2 x 0, 8 m Größe angebaut worden, der mit Kohle geheizt wurde. Von diesem Ofen aus mündete eine metallene Röhre von 20 cm Durchmesser ins Innere der Gaskammer und verlief längs ihrer Wände. Sie war in ein mit Zementmörtel verkleidetes Gemäuer gebettet, welches Öffnungen von 2,5 cm Größe aufwies. Durch einen außerhalb der Gaskammer auf der Seite der Eingangstür speziell angebauten, aus Ziegeln bestehenden Kamin konnte das CO ausströmen. So trat der Erstickungstod der Menschen in der eben beschriebenen Gaskammer nicht durch CO ein, sondern durch eine andere giftige Substanz, ein „Gasgift"[79] namens „Zyklon", das bei der Westseite der Gaskammer vorgefunden wurde.

Die Gaskammer funktionierte wie folgt:

Die Menschen wurden in die Gaskammer geführt, worauf man die Türen hermetisch abschloß. Durch die runde Öffnung in der Decke wurde der giftige Stoff „Zyklon" eingeschüttet, welcher die Form von unregelmäßigen Rechtecken weißer Farbe besaß und sich unter dem Einfluß der Atmosphäre sowie der mittels des beschriebenen Ofens erreichten Temperaturerhöhung der Luft, aber auch als Ergebnis der dicht zusammengedrängten Menschenmasse, in eine gasförmige giftige Substanz verwandelte.

Die Vergasungsprozedur war primitiv und sollte später offenbar vervollkommnet werden.

Unter Berücksichtigung der 8 x 3 m2 betragenden Fläche der Gaskammer sowie der dichten Zusammendrängung der zur Vernichtung durch Gas verurteilten Menschen war es möglich, auf jedem Quadratmeter 4 bis 5 Personen unterzubringen. Auf diese Weise konnte die Gaskammer 24 x 4 = 96 stehende Menschen fassen.

Die Aussage eines längere Zeit im Krematorium bei der Leichenverbrennung eingesetzten ehemaligen Lagerinsassen, des Polen Zbignew Krawczyk, wonach die Gaskammer 90 stehende Menschen aufnehmen konnte, entspricht der Realität.

Laut der Aussage desselben Krawczyk dauerte der Erstickungsprozeß 45 Minuten.

Bei der Besichtigung des Lagers entdeckten wir zwei im Jahre 1943 gebaute Krematoriumsöfen, die mit Koks betrieben wurden, sowie einen mit flüssigem Brennstoff geheizten dritten Ofen, insgesamt also drei Öfen. Einen vierten Ofen fanden wir nicht, doch war etwas Ähnliches wie ein Ofenfundament übriggeblieben. Es besteht Grund zur Vermutung, daß der vierte Ofen von den Deutschen gesprengt wurde.

Die wichtigsten technischen Daten bezüglich dieser Öfen sind den beiliegenden Skizzen zu entnehmen.

Der Ofen besteht aus feuerfestem Ziegelwerk und besitzt an der Vorderseite eine Öffnung zur Einführung der Leichen; weiter unten, gleichfalls an der Vorderseite, befindet sich eine Öffnung zur Entnahme der Asche, der Aschenraum; an der linken Ofenseite sind zwei Feuerungen angebracht. An der Vorderseite gab es auch eine kleine runde Öffnung von 20 cm Durchmesser, die mit einem Türchen geschlossen werden konnte und zur Regulierung der Luftzufuhr diente. Sämtliche Öffnungen hatten 7 bis 9 mm dicke Eisentüren[80].

Das Innenvolumen eines Krematoriumofens beträgt 0,5 x 0, 6 x 3,2 = 0,96 m3. Berücksichtigt man die extreme Auszehrung der Leichen, die dazu führte, daß eine Leiche im Schnitt ein Volumen von 0,25 x 0,2 x 1,56 = 0,08 m3 einnahm, bedeutet dies, daß der Ofen 0,96 : 0,08 = 12 Leichen fassen konnte. Bei Ausschöpfung seiner vollen Kapazität konnte man dementsprechend im Ofen zwölf der Länge nach eingeführte Leichen in zwei Schichten unterbringen.

Die Konstruktionsweise des Ofens ermöglicht es, bei intensiver Koksbeheizung eine Temperatur von 900 bis 1000 Grad Celsius zu erreichen, und bei dieser Temperatur dauert der Verbrennungsprozeß 50 bis 60 Minuten.

Die Öfen wurden zusammen mit einem für Hinrichtungen durch Erschießen und Erhängen dienenden Raum errichtet, der 18 x 10 x 2 m maß, wobei diese Fläche auch den Ofenraum einschloß.

Schlußfolgerungen:

1. Das normale Fassungsvermögen des Lagers belief sich, wenn man von der Unterbringung von 2,7 Menschen auf einem Quadratmeter ausgeht, auf 32.400 Personen, doch faktisch war es von 62.000 bis 70.000 Personen bewohnt, was dazu führte, daß die Häftlinge außergewöhnlich dicht zusammengedrängt waren. Die unerträglich unhygienischen Zustände, denen sie ausgesetzt waren, die fehlende Heizung der Baracken zur kalten Jahreszeit, die ganz unzureichende, kümmerliche Ernährung, die 16 bis 17 Stunden pro Tag dauernde zermürbende Schwerarbeit[81], der Mangel an angemessener Bekleidung und angemessenem Schuhwerk, besonders im Winter - all dies führte zur gänzlichen Erschöpfung der Menschen und zur raschen Ausbreitung verschiedener ansteckender Krankheiten, d.h. es wurden die Voraussetzungen zur massenhaften Tötung von Menschen mittels der oben geschilderten Methoden geschaffen.

2. Die durchschnittliche Kapazität der Gaskammer bei Vierundzwanzigstundenbetrieb und bei normaler Auslastung beträgt, wenn man für ihre Füllung eine Zeit von 40 Minuten, für den Vergasungsvorgang die von Krawczyk angegebene Zeit von 45 Minuten und für die Räumung eine Zeit von anderthalb Stunden ansetzt,

24 x 96 = 768 Personen in einem Zeitraum von 24 Stunden.

3

3. Im Konzentrationslager gab es drei Krematoriumsöfen. Geht man davon aus, daß, wie zuvor gesagt, zwölf Leichen aufs Mal in einen Ofen geschoben wurden, daß der Verbrennungsvorgang 50 Minuten in Anspruch nahm und daß man 10 Minuten brauchte, um den Ofen zu füllen, so betrug die Gesamtkapazität in einem Zeitraum von 24 Stunden

24 x 12 x 3 = 864 Leichen.

1

Ist die Temperatur niedriger, nämlich 450-500 Grad Celsius, so braucht der Verbrennungsprozeß selbstverständlich doppelt so viel Zeit, nämlich eine Stunde und vierzig Minuten; daraus ergibt sich eine Kapazität von

24 x 12. x 3 = 432.

2

4. Daß es im Konzentrationslager eine Gaskammer, drei Krematoriumsöfen sowie einen speziellen Raum zum Erschießen und Erhängen gab, liefert einen mehrfachen Beweis dafür, daß die im Konzentrationslager Stutthof eingesperrten Menschen zur Vernichtung bestimmt waren.

Ingenieur Major Fjodorow (Unterschrift)

Hauptmann Kapustin (Unterschrift)«

Im Jahre 1947 verfaßte Zdzisław Łukaszkiewicz einen Artikel mit dem Titel »Obóz koncentracyjny Stutthof« (Das Konzentrationslager Stutthof), der im Bulletin der »Hauptkommission zur Erforschung der deutschen Verbrechen in Polen« erschien[82].

Zur Frage der Massentötung von Menschen führte er aus:[83]

»Die Hinrichtungen waren nur ein zusätzliches Mittel der Liquidierung. Sie wurden auf vier verschiedene Arten durchgeführt: Durch Vergasen, durch Erschießen, durch tödliche Spritzen sowie durch Erhängen.

Das Gebäude, in dem sich die Gaskammer befand, war zum Zeitpunkt des Augenscheins noch erhalten, so daß man es gründlich untersuchen konnte. Es war ein gemauertes Gebäude. Die Gaskammer selbst maß 8,5 x 3,5 x 3 m. Zu ihr führten zwei Eingänge, welche mittels Haken dicht verschließbar waren. Auf der Außenseite war eine Feuerung für die Gaskammer angebaut; von ihr ging ein Rohr aus, das dazu diente, das Innere der Kammer auf ungefähr 25 Grad Celsius aufzuheizen, ehe man die Opfer hineinführte. Der Boden war zementiert, die Wände verputzt, in der Decke gab es eine runde Öffnung von 15 cm Durchmesser mit einem Schacht, durch den man die gasbildende Substanz einschüttete. Unter dieser Öffnung war auf dem Fußboden eine zweite, quadratische, 30 x 30 cm messende Öffnung angebracht, welche mit einem Deckel aus Holz bedeckt war. Zeugen haben beobachtet, wie die SS-Männer eine kornförmige Substanz von gelbbrauner Farbe aus Blechbüchsen durch die Dachöffnung schütteten. Zum Zeitpunkt des Augenscheins fand man in der Nähe des Gaskammergebäudes eine Reihe solcher Büchsen. Die Kammer diente dazu, gleichzeitig eine Gruppe von unter hundert Personen umzubringen. Der Tod trat nach Ablauf von ca. einer halben Stunde ein. Obgleich man die Kammer meist nach Verstreichen eines längeren Zeitraums öffnete, um die Leichen herauszuschaffen, kam es vor, daß einzelne Opfer noch Lebenszeichen von sich gaben. Das Morden in der Gaskammer dauerte vom Sommer 1944 bis ungefähr Dezember desselben Jahres.«

Łukaszkiewicz behauptet, die Gaskammer sei im Herbst 1943 gebaut worden[84], und fügt hinzu:[85]

»Für sämtliche Zeugen ist es offenkundig, daß es den deutschen Behörden darum ging, möglichst viele Juden auszurotten, und dies wurde voll und ganz erreicht.«

Zur Opferzahl des Lagers schreibt der Verfasser:

»Geht man von einer Höchstzahl von 110.000 Häftlingen aus, setzt man die Zahl der bei Beginn der Evakuierung noch Lebenden mit etwa 50.000 an und berücksichtigt man schließlich die nach Schätzungen von Zeugen rund 3000 freigelassenen Häftlinge sowie die ungefähr gleich hohe Zahl von in andere Lager - ohne die Nebenlager von Stutthof - Überstellten, so ergibt sich eine Zahl von ca. 50.000 Personen, die bis zum Zeitpunkt der Evakuierung den Tod gefunden haben.«

Unter Berücksichtigung der - ihm zufolge - etwa 15.000 Evakuierungsopfer gelangt Z. Łukaszkiewicz auf eine Gesamtzahl von rund 65.000 umgekommenen Häftlingen des Lagers Stutthof und seiner Nebenlager[86].

Er fügt hinzu:[87]

»Die Gaskammer war hauptsächlich im Zeitraum von August bis Dezember 1944 in Betrieb. Die Zeugen bekunden, daß während dieser Zeit ungefähr 3000 Juden vergast worden sind. Da die Kammer auch vorher benutzt worden ist, und zwar vom Augenblick ihrer Errichtung an, kann ihre tatsächliche Opferzahl auch um wenigstens eintausend höher liegen. Somit sind in der Gaskammer insgesamt 4000 Menschen ermordet worden.«

1967 griff Krzysztof Dunin-Wąsowicz, ehemaliger Stutthof-Häftling und einer der führenden polnischen Experten für dieses Lager, die These vom »behelfsmäßigen Vernichtungslager« in einem Artikel auf, aus dem wir bereits einen Auszug zitiert haben[88]. Drei Jahre später, 1970, veröffentlichte Dunin-Wąsowicz ein Buch über Stutthof, in dem er bezüglich der dortigen Judenvernichtung folgendes ausführte:[89]

»Die Juden in Stutthof wurden, ganz abgesehen von den harten Arbeits- und Lebensbedingungen im Lager, durch zweierlei Katastrophen dezimiert, nämlich durch die sogenannte Aktion S.B. - Sonderbehandlung - sowie durch die Typhusepidemie.

Die Aktion Sonderbehandlung war im Grunde eine Erscheinungsform jener Massenmorde, die sich in den Konzentrationslagern vor allem gegen die Juden richteten. In anderen Lagern ging sie in Gestalt einer Selektion vor sich. In Stutthof setzte die Sonderbehandlung im August 1944 ein und dauerte bis Anfang November desselben Jahres. Zuerst fielen ihr 70 Russen - größtenteils Invalide - zum Opfer, die eben erst aus einem Kriegsgefangenenlager in Czarny eingetroffen waren. Vor ihrem Tode hatten sie drei Tage im Freien verbracht und kein Essen bekommen. Sie waren bis zum Äußersten erschöpft. Die Reste ihrer Kleidung, die nur aus Lumpen bestand, fielen ihnen buchstäblich vom Leibe. Schließlich führten die SS-Männer sie hinters Licht, indem sie ihnen weismachten, sie kämen in ein Sanatorium für Invalide, was die Unglücklichen ungemein erfreute. Sie versuchten sich zu waschen und ihr Äußeres einigermaßen in Ordnung zu bringen. In der Nähe der Gaskammer standen zwei Waggons dritter Klasse. Man ließ die sowjetischen Kriegsgefangenen in diese einsteigen. Angeblich wartete man nur noch auf das Anhängen der Lokomotive. Die Opfer begaben sich widerstandslos in den Wartesaal, um das Abendbrot einzunehmen. „Der Wartesaal" erwies sich als Gaskammer. Man schlug die Eisentüren zu und warf das Zyklon ein.

Die spätere Aktion Sonderbehandlung betraf dann ausschließlich Juden, und zwar vor allem Frauen. Insgesamt starben auf diese Weise im August über 300 Frauen und über 100 Männer, im September über 300 Frauen, im Oktober über 600 Frauen und einige Dutzend Männer, in den ersten Novembertagen zwischen zwei- und dreihundert Frauen.

Die Todesurteile fällte der Oberscharführer [Ewald] Foth nach eigenem Gutdünken. Er war Oberhaupt über das Judenlager und ein berüchtigter Trunkenbold. Dieser Mensch fühlte sich krank, wenn er im Laufe eines Tages einmal keinen Häftling umgebracht hatte. In ihrem Eifer standen die Aufseherinnen nicht hinter ihm zurück, doch bei der Judentötungsaktion war Foth ohne Zweifel der viehischste und rücksichtsloseste Henkersknecht. Als die Gaskammer einmal nicht funktionierte, schlug dieser blutrünstige Sadist die zum Tode verurteilten Frauen eigenhändig tot. Gegen seinen Entscheid gab es keine Berufung. Tagtäglich ordnete er im Judenlager einen mehrstündigen Appell an, bei dem er die kranken und schwachen Frauen herausgriff. Ihren Gesundheitszustand beurteilte er nach den Beinen, indem er Wettrennen zwischen den Jüdinnen durchführen ließ. Diejenigen, welche nicht flink genug laufen konnten, gingen in den Tod. Es kam bei der Trennung von Familien zu tragischen Szenen. Foth suchte besonders schwangere Frauen aus, die nicht zur Arbeit taugten. Einmal geschah es, daß eine der jungen Jüdinnen, welche schwanger war, aus einer Gruppe von Todeskandidatinnen flüchten und sich auf dem Dachboden einer Baracke verstecken konnte. Foth leitete eine Suchaktion ein, spürte sie auf und brachte sie triumphierend wieder zur Gruppe der Todgeweihten zurück.

Anfänglich kannten die Jüdinnen das Ziel der Selektion nicht, doch schon bald ging ihnen ein Licht auf, und sie begannen passiven Widerstand. Sie weigerten sich, zu der ca. 800 m vom [Juden-]Lager entfernte Hinrichtungsstätte zu gehen. Sie wehrten sich, ehe sie die Gaskammer betraten. Da inszenierten die Hitlerleute eine finstere Komödie, indem sie in der vergrößerten Gaskammer ein Ärzte-Sprechzimmer einrichteten und die Frauen unter dem Vorwand dorthin führten, sie würden ärztlich untersucht. Nachdem die genasführten Frauen widerstandslos eingetreten waren, schlug man die Türen zu und ließ das Gas herein.

Die Polen entlarvten diese neue Mordmethode rasch und unterrichteten die Jüdinnen darüber. Dies führte zu abermaligem Widerstand. Da heckten die SS-Männer, Hauptscharführer [Arno] Chemnitz und Oberscharführer Foth, eine neue Komödie aus - einen Transport. Die Überstellung in ein Nebenlager galt den Juden allgemein als gleichbedeutend mit einer zeitweiligen Verlängerung des Lebens. Sie glaubten nämlich, in den Nebenlagern, wo ein größerer Bedarf an Arbeitskraft bestand, sei es leichter, zu überleben. Die neue Aktion wurde von den Hitlerleuten als „Strumpfstopfkommando" bezeichnet.«

Auf dieses Strumpfstopfkommando kommen wir noch zurück.

Ein 1979 in Warschau erschienenes Nachschlagewerk der »Kommission zur Untersuchung der Hitlerverbrechen in Polen«[90] widmet dem KL Stutthof einen sehr ausführlichen Beitrag, in dem es heißt:[91]

»Zu einer hohen Sterblichkeit führten nicht nur die Lebensbedingungen, sondern auch die direkte Ausrottung. Viele Häftlinge starben als Folge von durch die SS-Männer verabreichten Stock- oder Kolbenschlägen, sowohl während der Arbeit als auch in den Blöcken. Andere wurden auf der Flucht erschossen oder nach gescheiterten Fluchtversuchen gehängt oder füsiliert. Bei Massenhinrichtungen in den Jahren 1939/1940 fanden viele polnische Aktivisten sowie auch Juden aus Danzig den Tod.

Ab Mitte 1944 wurden Massentötungen in der Gaskammer durchgeführt. Sie war im Herbst 1943 in 20 m Entfernung vom Krematorium errichtet worden und diente anfänglich zur Kleiderentlausung. Ende Juni 1944 wurden in ihr erstmals Menschen umgebracht, und zwar durch ein Gas (Zyklon-B). Bei der ersten Gruppe von Vergasten handelte es sich um eine Gruppe von invaliden russischen Kriegsgefangenen, welche man aus einem Lager in Czarny herbeigeschafft hatte. Anschließend wurden einige Gruppen von polnischen Widerstandskämpfern aus Warschau, Plock und Pommern sowie rund 4000 Jüdinnen vergast, insbesondere Kranke, die nicht zur Arbeit zu gebrauchen waren.

Im Krankenhaus wurden oft Patienten in der Badewanne ertränkt oder mit Phenolspritzen ins Herz ermordet.

Zur Vollstreckung von Todesurteilen wurden auch Partisanen oder sowjetische Kundschafter nach Stutthof gebracht. Die letzte Gruppe sowjetischer Kundschafter wurde im März 1945 im Krematorium erschossen. [...]

Im Lager Stutthof, seinen Nebenlagern sowie bei der Evakuierung fanden ungefähr 85.000 Menschen den Tod.«

In dem bekannten, 1983 publizierten Sammelband Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas findet sich ein Artikel über Stutthof, dessen Verfasser K. Dunin-Wąsowicz ist[92]. Hier geht es spezifisch um die behaupteten Menschenvergasungen in jenem Lager. Der Beitrag ist aus zwei Gründen besonders bedeutsam: Erstens stammt er von einem der namhaftesten polnischen Stutthof-Experten, und zweitens befindet er sich in einem als Klassiker der offiziellen Geschichtsschreibung geltenden Buch. Dunin-Wąsowicz schreibt:

»Es kann nicht mehr rekonstruiert werden, wann im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig mit dem Bau einer Gaskammer begonnen wurde; die Häftlinge, die zu den Bauarbeiten eingeteilt waren, erinnern sich nicht genau an den Zeitpunkt. Die Gaskammer war nach dem Muster in anderen Lagern konstruiert, 81/2 m lang, 31/2 m breit und 3 m hoch. Durch eine runde Öffnung in der Decke mit einem Durchmesser von 15 cm wurde das Giftgas Zyklon B eingeworfen.

Die erste Vergasung in Stutthof, die nachweisbar ist, wurde am 22. Juni 1944 vorgenommen. Damals sind etwa 100 Personen - vor allem Polen und Weißrussen, gegen die ein Exekutionsbefehl des Reichssicherheitshauptamts vorlag - getötet worden. Bei der zweiten Gruppe kam es zu Zwischenfällen. [...]

Die nächste bekannt gebliebene Vergasung ist am 26. Juli 1944 durchgeführt worden. Damals wurden 12 Mitglieder einer polnischen Widerstandsbewegung getötet.

Etwa 70 aus einem Lager für sowjetische Kriegsgefangene zur Tötung nach Stutthof überstellte Invaliden waren die nächsten Opfer. [...]

Der Lagerkommandant SS-Sturmbannführer Paul Werner Hoppe erhielt in der Folge den Befehl, die in größerer Zahl in sein Lager eingelieferten Juden zu töten.«

Nach dem im Sammelband zitierten, von einem BRD-Gericht in Bochum am 16.12.1955 gefällten Urteil gegen den früheren Lagerkommandanten Paul Werner Hoppe und andere »sollten zunächst die alten, kranken und arbeitsunfähigen Juden und Jüdinnen vernichtet werden«. Der Autor fährt fort:

»Um die Täuschung aufrechtzuhalten und Widerstandsversuchen vorzubeugen, wurde zeitweise ein Personenwaggon einer Kleinbahnlinie, die ins Lager führte, als Vergasungsraum benutzt. [...]

Man schätzt, daß im August und im September 1944 jeweils 300 ungarische Jüdinnen durch Giftgas getötet worden sind. Im Oktober dürften es mehr als 600 gewesen sein, dazu auch noch eine Gruppe von Männern. Bevor die Vergasungen Anfang November 1944 eingestellt wurden, sind nochmals etwa 250 Frauen auf diese Weise ermordet worden.«

In seinem 1989 erschienenen, monumentalen Werk Auschwitz. Technique and Operation of the Gas Chambers[93] geht Jean-Claude Pressac auch auf die Stutthofer Gaskammer ein. Er schreibt dazu:[94]

»Es ist nicht bekannt, wann diese zur Entlausung der Habseligkeiten der Häftlinge dienende Kammer errichtet worden ist. Ihre Ausmaße (8 m Länge, 3 m Breite sowie 2.30 m Höhe) entsprechen weitgehend der Standardgröße der von Boos oder Degesch errichteten Kammern. Es gibt zwei gasdichte Türen, eine am südlichen und eine am nördlichen Ende. Bei den Türen scheint es sich nicht um die ursprünglichen zu handeln, denn bei der Befreiung fehlten jedwede solche, und das Mauerwerk ist so zurechtgestutzt worden, daß es zum kurvenförmigen Oberteil des Türrahmens paßt, wie der Vergleich mit einer Fotographie zeigt, die auf den Seiten 108-109 des Buchs „We have not forgotten", Polonia Verlag, Warschau 1962, abgebildet ist. Das zur Entlausung verwendete Mittel ist nicht genau bekannt, doch da außerhalb der Kammer ein Ofen angebaut wurde (links von der Tür, Foto 6), muß es sich entweder um Heißluft oder um Zyanwasserstoffgas (Zyklon B) gehandelt haben, das in einem aufgeheizten Raum eingesetzt wurde. In diesem Fall war es nicht unbedingt nötig, das Produkt durch eine Öffnung von außen her einzuführen, denn jene Person, welche die Kammer bediente, konnte die Kügelchen oder porösen Scheibchen auf den Boden legen, die Kammer verlassen und die Türe schließen. Nach Abschluß der Aktion ermöglichte das Öffnen der beiden Türen eine wirksame natürliche Lüftung.

Vom 22. Juni bis Anfang November 1944 wurde der Raum als Menschentötungsgaskammer für Gruppen von etwa 100 Personen benutzt, wobei man Zyklon B durch eine kleine, 15 cm Durchmesser aufweisende Öffnung in der Decke einwarf. Dieses System ist anscheinend auf Rat des SS-Oberstleutnants Rudolf Höß eingeführt worden, des ehemaligen Kommandanten von Auschwitz-Birkenau und damaligen Chefs der Abteilung D1 des WVHA der SS. Zwar ist die Geschichte dieser Gaskammer durch Zeugenaussagen bekannt, die von Pater Dunin-Wąsowicz wiedergegeben worden sind, doch wurde seit 1945 keine wissenschaftliche Untersuchung der „Tatwaffe" durchgeführt, was bedeutet, daß wir nicht wissen, wie der Raum als Entlausungskammer funktioniert hat, und daß wir keine Sachbeweise für seine Verwendung zu kriminellen Zwecken besitzen. Die Zahl der Opfer wird auf ein- bis zweitausend geschätzt.« (Hervorhebungen von Pressac.)

In einer 1990 auf polnisch und fünf Jahre später als Bestandteil eines Sammelbandes auch auf deutsch publizierten Schrift[95] befaßt sich Janina Grabowska des längeren mit der »unmittelbaren Vernichtung« der Häftlinge. Sie führt dazu aus:[96]

»Im 2. Halbjahr 1944 ist die Bedeutung Stutthofs in der Vernichtungsmaschinerie gewaltig gestiegen, denn das Lager wurde in das System der „Endlösung" der Judenfrage einbezogen. In dieser Zeit wurden in Stutthof über 47.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder eingeliefert. Die ersten Selektionen der zur Arbeit Untauglichen wurden sofort nach der Ankunft der Transporte aus Osteuropa unternommen. Stutthof war damals nicht darauf vorbereitet, so viele Menschen zu liquidieren. Man entschied, sie ins K.L. Auschwitz-Birkenau zu überstellen. Am 26. Juli 1944 ging ein Transport von 1423 Personen, unter ihnen Mütter mit Kindern, ab, am 10. September 1944 noch einer mit 603 Personen, unter ihnen wieder Mütter mit Kindern, schwangere Frauen, Kranke und Invaliden. Diese Menschen sind in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau umgekommen.«

Im offiziellen Lagerführer liest man:[97]

»Das kleinste Bauwerk ist die Gaskammer, deren Errichtung auf den Herbst des Jahres 1943 zurückgeht. Anfänglich wurde sie zur Kleiderentwesung benutzt, doch im Juni 1944 begann man darin Häftlinge mittels Gas - Zyklon-B - zu töten. Im Zeitraum von Juli bis November 1944 wurden hauptsächlich Jüdinnen aus den damals eingehenden großen Transporten umgebracht (vom 29. Juni bis zum 14. Oktober trafen in Stutthof über 47.000 mehrheitlich weibliche jüdische Häftlinge ein). Zur Vergasung von Gefangenen wurden auch zwei eigens dazu hergerichtete Wagen einer Kleinbahn verwendet.«

Der knappe dem Lager Stutthof gewidmete Beitrag in der 1993 erschienenen Enzyklopädie des Holocaust stellt lediglich eine Zusammenfassung der Schriften von K. Dunin-Wąsowicz dar, die der Verfasser des betreffenden Artikels jedoch offenbar nicht so richtig verstanden hat; er schreibt nämlich:[98]

»Seit Juni 1944 wurden Neuankömmlinge zum Teil sofort in den Gaskammern[99] des Lagers ermordet. Von den 50.000 Juden, die nach Stutthof gebracht wurden, kamen fast alle um.«

In der offiziellen Lagergeschichte, an deren Abfassung elf polnische Historiker beteiligt waren[100], heißt es in dem von Danuta Drywa stammenden Kapitel »Direkte Extermination« [das streckenweise holprige Deutsch geht zu Lasten der polnischen Herausgeber]:[101]

»In der zweiten Hälfte des Jahres 1944 begann ein neuer Abschnitt im Ablauf des KZ Stutthof. Seit Juli wurde das Lager in die die „Endlösung der Judenfrage" durchführenden Lager einbezogen. Vom 29. Juni 1944 an trafen in Stutthof Massentransporte mit Juden aus den östlichen Gebieten und mit Juden, die aus dem KL Auschwitz überstellt wurde ein. [...]

Die Juden wurden Selektionen unterzogen. Die ersten Selektionen wurden gleich beim Eintreffen des Transports im Lager durchgeführt. Als Ergebnis davon ging am 26. August 1944 aus Stutthof ein Transport mit 1893 Personen nach Auschwitz ab. Der Transport bestand aus Frauen, auch aus Müttern und Kindern, die nicht als Arbeitskräfte verwendet werden konnten. Ein weiterer Transport mit Müttern und Kindern sowie mit Kranken und Arbeitsunfähigen wurde am 10. September 1944 verschickt. Diese Transporte besaßen Exterminationscharakter. Bei der Ankunft am Reiseziel wurden die Juden direkt in die Gaskammer geleitet. Weitere Selektionen im Lager bezweckten die Auslese der Häftlinge für die Vergasung in Stutthof selber.

Die Gaskammer im KZ Stutthof, 1943 gebaut, diente anfangs zur Desinfizierung von Kleidung. Es kann nur schwer festgestellt werden, wann sie zum Töten von Menschen eingesetzt wurde. Im bisherigen Schrifttum über Stutthof wird angenommen, daß die erste vergaste Gruppe russische Invaliden aus dem Gefangenenlager im Czarne bildeten; das ereignete sich Ende Juni 1944, nachdem die Genehmigung des Inspektorats eingeholt worden war. Neuerdings konnte auf Grund der Forschungen von Maria Jezierska festgestellt werden, daß die Vergasung am 22. August 1944 stattgefunden hat. Die sowjetischen Kriegsgefangenen kamen im KZ Stutthof mit einem großen Transport der Sipo Riga am 15. August an und erhielten die Nummern 63224-63806. Aus dieser Gruppe wurden bei 77 invaliden Kriegsgefangenen das gleiche Todesdatum angegeben, und zwar der 22. August. Beim Datum steht weder die Nummer des Totenscheines aus dem Totenbuch noch der Buchstabe „E", der auf eine Exekution hinweisen würde. Auch auf den Personalbögen dieser Kriegsgefangenen fehlen diese Angaben.

Als körperlich nicht leistungsfähig ergaben sie für die Lagerführung keinen wirtschaftlichen Wert und wurden von vornherein zur Vernichtung durch Gas, gemäß den Richtlinien der Aktion „14 f 13" bestimmt. In der Ordnung der Konzentrationslager bedeutete „14f" den Tod des Häftlings und „13" in der Aktion „T4" die Vergasung als Form von Euthanasie. Ein angenähertes Datum der Vergasung von Kriegsinvaliden, auch vom August, gibt Aldo Coradello an, wobei er eine suggestive Beschreibung ihres Verhaltens beim Eingang in die Gaskammer hinzufügt. Er erfuhr davon von Krematoriumskapo Wilhelm Patsch und seinem Helfer Franciszek Knitter. Es kann aber nicht ganz ausgeschlossen werden, daß früher eine andere Gruppe sowjetischer Invaliden vergast worden ist, fanden doch, wie bereits erwähnt, Exekutionen von nichtregistrierten Gruppen statt. Da die Dokumente über die erste Hälfte des Jahres 1944 fehlen, können wir auch nicht die Bestätigung beziehungsweise die Verneinung dieser Tatsache in den Lagerakten suchen. Aus diesem Grunde gibt es auch Schwierigkeiten mit der Feststellung der Vergasung von zwei Polengruppen - der Partisanen aus Kreis Białystok und der Warschauer vom Warschauer Aufstand, wovon die ehemaligen Häftlinge in ihren Berichten oft schreiben. Sie geben an, daß die Vergasung von etwa 100 Partisanen Ende Juni 1944 vollzogen wurde, die Warschauer Gruppe dagegen wurde zwischen September und November ermordet. In den Berichten gibt es Divergenzen in bezug auf Datum und Verlauf der Aktion, aber in den meisten wiederholt sich die Tatsache, daß beide Gruppen zum Krematorium geführt wurden und versuchten, sich im Lager zu verstecken, weil sie vor ihrem Schicksal gewarnt wurden. Die SS-Eskorte begann zu schießen; ein Teil der Häftlinge fiel, die übrigen wurden der Gaskammer zugeführt.

Die Tötung durch Gas nahm größere Ausmaße an, als 1944 die jüdischen Häftlinge eingetroffen waren. Nach dem Aussagen des ehemaligen SS-Mannes Hans Rach dauerte die Vergasung der Jüdinnen von Juli bis November 1944, an manchen Tagen starben bisweilen mehr als zehn oder gar -zig Personen. Das Datum wurde in den Evidenzbüchern mit dem Datumstempel vermerkt, und es fehlen, wie bei den sowjetischen Kriegsgefangenen, die Nummern aus dem Totenbuch. Der Tod der ersten größeren Gruppe von weiblichen Häftlingen wurde am 24. Juli 1944 vermerkt, die weiteren Todesfälle werden den ganzen August, September und Oktober hindurch registriert. Die Jüdinnen wurden bei stundenlangen Appellen zur Vergasung ausgewählt. Die Selektionen führte die Blockälteste mit den SS-Männern, meistens mit Ewald Foth, Otto Knoth und Otto Haupt durch; manchmal beteiligte sich daran der Lagerarzt Otto Heidl, ferner Theodor Meyer und Arno Chemnitz. Zur Vernichtung wurden vor allem schwangere Frauen, Mütter mit Kindern sowie Kranke und Greise bestimmt. Der Gesundheitszustand wurde am Zustand der Beine gemessen; deswegen wurden Wettläufe der Jüdinnen veranstaltet. Wer nicht laufen konnte, wurde auf einen Wagen verladen und in die Gaskammer gebracht. War diese voll, wurde sie geschlossen, und Otto Knott, der eine spezielle Schulung in Oranienburg und in KZ Lublin (Majdanek) durchgemacht hatte, stieg auf das Dach und schüttete durch eine spezielle Öffnung „Zyklon B" in die Kammer hinein. Außer ihm taten dies auch SS-Unterscharführer Hans Rach und Ewald Foth. Anfangs gingen die Frauen, Kindern und Greise ahnungslos und ruhig in die Kammer, später, als sie dank des schnellen Umlaufs von Gerüchten im Lager wußten, was ihnen bevorstand, leisteten die zur Gaskammer geführten 25-30 Personen starken Gruppen Widerstand; aber da wurden sie mit Gewalt gezwungen, hineinzugehen. Da die Situation schwierig wurde, wurde Ende Oktober oder Anfang November die Vernichtung in der Gaskammer eingestellt. Um die Opfer irrezuführen, wurden zwei Waggons der Kleinbahn für die Vergasung eingerichtet. Im Judenlager wurde bekanntgegeben, daß Frauen, die gut Strümpfe stopfen und stricken könnten, gesucht wurden. Die Ausgewählten, vorwiegend ältere Jüdinnen, wurden mit Näh- und Stricknadeln versehen (es entstand das sog. Strumpfstopfkommando) und hinausgeführt, denn sie sollten angeblich mit dem Zug an ihren Arbeitsort gefahren werden. Die Frauen, da sie die SS-Männer in Eisenbahnuniform sahen, waren überzeugt, daß sie zur Arbeit führen und stiegen selber in den Waggon ein. Die Kleinbahn machte eine Rundfahrt um das Lager und kehrte mit den vergasten Jüdinnen vor das Krematorium zurück.

Im November 1944 wurde die Vernichtungsaktion eingestellt. Das setzte aber die Sterblichkeit im Lager nicht herab, denn es brach die Typhusepidemie aus, die vor allem das durch Arbeit und Krankheiten ausgezehrte Judenlager heimgesucht hatte.

Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Epidemie durch die Lagerführung provoziert wurde, denn es wurde nichts Besonderes unternommen, um sie zu bekämpfen.«

Im nun folgenden Kapitel wollen wir uns der Frage zuwenden, wie es um die historische Fundierung der in der offiziellen Geschichtsschreibung aufgestellten Behauptungen bestellt ist.


Anmerkungen

[78] GARF, 7021-106-2, S. 1-6.
[79] In deutscher Sprache.
[80] Druckfehler. Zweifellos sind 7 bis 9 cm gemeint; die Türen der Topf-Einäscherungsöfen von Auschwitz waren beispielsweise 10 cm dick, und zwar bestehend aus 8 cm Stampfmasse und 2 cm Gußeisen.
[81] Zu den wirklichen Arbeitszeiten siehe Kapitel IV, Abschnitt 1.
[82]

Z. Łukaszkiewicz, »Obóz koncentracyjny Stutthof«, in: Biułetyn Głównej Komisji badania zbrodni niemieckich w Polsce, Warschau 1947, III, S. 59-90.

[83] Ebenda, S. 77.
[84] Ebenda, S. 62.
[85] Ebenda. S. 79.
[86] Ebenda, S. 82.
[87] Ebenda, S. 83.
[88] Siehe Einleitung, Anmerkung 3.
[89]

Krzysztof Dunin-Wąsowicz, Stutthof, Warschau 1970, S. 83f.

[90] Mit Rücksicht auf die DDR war die ursprüngliche »Kommission zur Untersuchung der deutschen Verbrechen in Polen« inzwischen so umbenannt worden. Seitdem nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft auch bolschewistische Verbrechen untersucht werden, heißt sie »Kommission zur Untersuchung der Verbrechen gegen das polnische Volk«.
[91]

Głowna Komisja Badania Zbrodni Hitlerowskich w Polsce. Rada Ochrony Pomników Walki i Męczeństwa. Obozy hitlerowskie..., aaO. (Anm. 12), S. 500ff.

[92] E. Kogon, H. Langbein, A. Rückerl u.a. (Hg.), Nationalsozialistische Massentötungen..., aaO. (Anm. 4), S. 263-266.
[93] Erschienen bei The Beate Klarsfeld Foundation, New York 1989.
[94] Ebenda, S. 539f.
[95] Janina Grabowska, Stutthof. Informator historyczny, Danzig 1990. Die deutsche Übersetzung bildet den ersten Teil des von H. Kuhn herausgegebenen Sammelbandes Stutthof. Ein Konzentrationslager..., aaO (Anm. 35).
[96] H. Kuhn (Hg.) Stutthof..., Ebenda, S. 62, 64.
[97] Romuald Drynko, Informator wystaw stałych Muzeum Stutthof w Sztutowie. Gdingen/Stutthof 1991, S. 27.
[98]

Enzyklopädie des Holocaust, aaO. (Anm. 5), Band III, S. 1382.

[99] Man beachte den Plural!
[100] Siehe Anmerkungen 1 und 2.
[101] Ebenda, deutsche Übersetzung S. 250 und 251ff.


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