KAPITEL IV:
Die tatsächliche Funktion des Lagers im Lichte der Dokumente

1. Stutthof als Reservoir für Arbeitskräfte

Nach der Erledigung der offiziellen These, wonach Stutthof 1944 zum behelfsmäßigen Vernichtungslager für Juden geworden sein soll, gilt es nun zu ermitteln, welche Aufgabe das Lager damals tatsächlich erfüllt hat.

Die erhaltenen Dokumente ermöglichen es uns ohne weiteres, diese Frage befriedigend zu beantworten.

Mit der Fortdauer des Krieges nahm der Arbeitskräftemangel im Deutschen Reich dramatische Ausmaße an, und die wirtschaftliche Bedeutung der Häftlingsarbeit wuchs immer mehr. Am 26. Oktober 1943 stellte Oswald Pohl allen KL-Kommandanten eine Direktive über die Erhöhung der Produktivität in den Lagern zu, in der es u.a. hieß:[204]

»In früheren Jahren konnte es im Rahmen der damaligen Erziehungsaufgaben gleichgültig sein, ob ein Häftling eine nutzbringende Arbeit leisten konnte oder nicht. Jetzt aber ist die Arbeitskraft der Häftlinge von Bedeutung, und alle Maßnahmen der Kommandeure, Führer des V-Dienstes und Ärzte haben sich auf die Gesunderhaltung und Leistungsfähigkeit der Häftlinge zu erstrecken. Nicht aus falscher Gefühlsduselei, sondern weil sie dazu beitragen müssen, daß das deutsche Volk einen großen Sieg erringt; deshalb müssen wir uns das Wohlergehen der Häftlinge angelegen sein lassen.«

Um die Arbeitskraft der Häftlinge optimal zu nutzen, wurde in Stutthof eine Kartei zur Erfassung statistischer Daten angelegt. Sie wurde von vier polnischen Häftlingen - darunter dem späteren Lagerhistoriker K. Dunin-Wąsowicz - geführt und umfaßte am Schluß rund 80.000 Namen von Häftlingen mit Angaben zu Person und Beruf. Diese Kartothek ist bruchstückweise erhalten geblieben.

Ab Oktober 1944 wurde in allen Konzentrationslagern eine zentrale Verteilung der Arbeitskraft zugunsten der besonders kriegswichtigen Betriebe durchgeführt. Der betreffende Unternehmer richtete ein Gesuch um die Zuteilung von Häftlingen an das dem SS-Standartenführer Gerhard Maurer unterstellte Amt D II des SS-WVHA, das dem betreffenden Begehren nach erfolgter Prüfung stattgab oder es ablehnte; im ersten Fall ordnete das Amt eine Überstellung von einem Lager zum anderen an[205].

Am 26. April 1944 ordnete der Lagerkommandant dann die Verlängerung der täglichen Arbeitszeit an Werktagen auf elf Stunden an; sonntags mußte weiterhin nur vormittags gearbeitet werden[206].

Eine große Zahl von Häftlingen wurde in andere Konzentrationslager überstellt. Einen Überblick über die dokumentierten Transporte vermittelt folgende Tabelle[207]:

Datum

Bestimmungsort

Zahl der
überstellten Juden

21. 07. 1944:

Dachau

2.000

25 .07. 1944:

Auschwitz

1.423

13. 08. 1944:

Dachau

950

16. 08. 1944:

Buchenwald

1.350

17. 08. 1944:

Sachsenhausen

500

17. 08. 1944:

Buchenwald

500

10. 09. 1944:

Auschwitz

575

12. 09. 1944:

Neuengamme

500

29. 09. 1944:

Neuengamme

500

29. 09. 1944:

Natzweiler

1.000

18. 10. 1944:

Neuengamme

150

03. 11. 1944:

Buchenwald

800

24. 11. 1944:

Flossenbürg

500

26. 11. 1944:

Buchenwald

1.000

12. 12. 1944:

Buchenwald

800

 

Summe: 12.548

Die Überstellten wurden gelegentlich unter Umgehung des betreffenden Stammlagers direkt einem Außenkommando zugewiesen. Viele Jüdinnen wurden auch in das in steter Erweiterung begriffene Netz von Nebenlagern des KL Stutthof aufgenommen.

Diese Überstellungen wurden vom Chef der Amtstruppe D im SS-WVHA, Richard Glücks, angeordnet. Sie fügten sich in den Rahmen eines riesigen Programms zum Arbeitseinsatz der Häftlinge ein. Der polnische Historiker Mirosław Glinski faßt die wirtschaftliche Bedeutung von Stutthof wie folgt zusammen:[208]

»Ein zahlenmäßig wesentlicher Anstieg der Nebenlager fällt in den Sommer und Herbst 1944. Das Lager Stutthof konnte alle eingewiesenen Häftlinge nicht unterbringen und beschäftigen. Vor allem mangelte es an Arbeitsplätzen für die fast 43.000 aus Litauen, Lettland und Ungarn kommenden jüdischen Frauen. Das Problem wurde gelöst, indem über 22.000 Personen in andere Konzentrationslager, die übrigen 21.000 in neu gebildete Nebenlager verschickt oder bei den Bauern in Zulawy beschäftigt wurden. Von den jüdischen Frauen wurden 10.500 der Organisation Todt, die im Gebiet von Thorn und Elbing Feldbefestigungen baute, überwiesen; über 5000 Frauen wurden bei Bau und Instandhaltung der Militärflugplätze in Ostpreußen eingesetzt. Die jüdischen Frauen arbeiteten bei der Instandhaltung der Eisenbahngeleise in Bromberg, Stolp und in der Umgebung von Praust, ferner in der Schießpulverfabrik in Bromberg, in den Elektrowerken in Thorn, in der Schichau-Werft in Danzig. Außer den Nebenlagern für Juden gab es auch „arische" Nebenlager. Dorthin wurden vor allem Fachleute, vorwiegend Polen, geleitet. [...] In die neu errichteten Lager wurden im Sommer und Herbst 1944 insgesamt nahezu 30.000 Häftlinge verschickt.«

Damit ist die Frage nach der wirklichen Funktion von Stutthof im Sommer und Herbst 1944 ganz unzweideutig beantwortet: Das Lager diente keinesfalls der Menschenvernichtung, sondern stellte ein mächtiges Reservoir von Arbeitskräften für die Anstrengungen der deutschen Kriegswirtschaft dar.

2. Die Überstellung arbeitsunfähiger Juden von Stutthof nach Auschwitz und ihr Hintergrund

Wie wir eben dargelegt haben, diente Stutthof ab Mitte 1944 als Reservoir für Arbeitskräfte. Dies liefert auch eine zwanglose Erklärung für zwei Überstellungen arbeitsunfähiger Juden nach Auschwitz, die am 26. August sowie am 10. September 1944 stattgefunden haben und laut der polnischen Geschichtsschreibung »Exterminationscharakter« besessen haben sollen. J. Grabowska bemerkt dazu:[209]

»In den Transporten vom Juli 1944 aus Kowno und Riga waren Mütter mit Kleinkindern. [...] Nach einem mehrtägigen Aufenthalt in Stutthof wurde ein Teil dieser Kinder nach Auschwitz abtransportiert. Am 26. Juli 1944 ging ein Transport mit 1423 Personen ab, darunter 524 Frauen, 416 Mädchen und 483 Knaben. Die anderen wurden mit dem nächsten Transport am 10. September 1944 weggebracht. Dieser Transport zählte 575 jüdische Frauen mit Kindern sowie 8 Mütter mit 8 Kindern und 9 schwangere Frauen anderer Nationaliltäten. Beide Transporte wurden nach Auschwitz II (Birkenau), d.h. zur direkten Extermination geleitet.«

Die Überstellung arbeitsunfähiger jüdischer Häftlinge diente ganz offenkundig dazu, Platz für arbeitstaugliche Juden zu schaffen, die zu diesem Zeitpunkt in großer Zahl in Stutthof eingeliefert wurden. Daß man die Arbeitsuntauglichen nach Auschwitz sandte, und daß in D. Czechs Kalendarium nur gerade zwei - am 11. September - registrierte Neuankömmlinge aus Stutthof erwähnt werden[210], bedeutet keineswegs, daß der Zweck dieser Transporte in der Vernichtung der Überstellten bestand. 1944 war in Birkenau der Prozentsatz an arbeitsunfähigen Häftlingen die ganze Zeit über sehr hoch. D. Czech selbst informiert uns darüber, daß noch am 2. Oktober jenes Jahres von den 26.230 Insassen des Frauenlagers Birkenau 7.150, also 27,2%, krank und arbeitsuntauglich waren[211]. Im Männerlager gab es am 8. August 3.167 »nicht arbeits- und einsatzfähige Häftlinge«, was 16,58% der Gesamtstärke von 19.115 entsprach[212].

In diesem Zusammenhang liefert uns D. Czech noch weitere, hochwichtige Informationen: Im Sommer 1944 wurde in Birkenau eine sehr beträchtliche Anzahl Juden im sogenannten »Durchgangslager« untergebracht, ohne daß man sie registriert hätte. Am 22. August 1944 befanden sich in eben diesem Durchgangslager 30.000 nichtregistrierte ungarische Jüdinnen[213].

Es verwundert also in keiner Weise, daß die beiden erwähnten Transporte in der Dokumentation des KL Auschwitz nur so geringe Spuren hinterlassen haben.

Daß man Kinder aus Stutthof wegschaffte, ohne damit ihre Ermordung zu bezwecken, wird übrigens von den polnischen Historikern bestätigt. D. Drywa schreibt:[214]

»Die nächste Gruppe Minderjähriger wurde am 19. Juni 1944 nach Mauthausen abgesandt. Einige Wochen vor dem Abgang dieses Transportes wurden alle polnischen und russischen Jungen von unter 18 Jahren aus den Arbeitsgruppen weggenommen und im Block 20 untergebracht. Unter ihnen wurden 239 Arbeitsfähige ausgesucht, die durch den Lagerarzt zum Transport bestimmt wurden.

Berücksichtigt man die Tatsache, daß schon früher, nämlich am 28. März 1944, ein Transport ins Ostjugendverwahrlager Tuschingen (in der Nähe von Lodz) abgegangen war, dem 29 Kinder und ein erwachsener weiblicher Häftling angehörten, und hält man sich die späteren Transporte von Müttern mit Kindern nach Auschwitz vor Augen, so erkennt man den ausgeprägten Wunsch der Stutthofer Lagerbehörden, Kinder und Minderjährige loszuwerden.«

Wenn man die - sicher in vielen Fällen arbeitstauglichen - Mütter zusammen mit ihren Kindern überstellte, geschah dies ohne Zweifel darum, weil man Mutter und Kind nicht trennen wollte, also aus humanitären Motiven.

Daß die beiden erwähnten Transporte nach Auschwitz zur Vernichtung bestimmt gewesen sein sollen, steht natürlich in unlösbarem Widerspruch zur These, Stutthof habe als Hilfsvernichtungslager für Auschwitz gedient. Wie wir gesehen haben, wird behauptet, daß »die Vernichtung der ungarischen Juden, die bis Mitte 1944 in Auschwitz durchgeführt wurde, [...] die Kapazität dieses Lagers überschritt«, weswegen »ein Teil von ihnen, vorwiegend Frauen« nach Stutthof überstellt worden sei. Warum in aller Welt wurden dann in Stutthof befindliche Juden zur Vergasung nach Auschwitz geschickt? Die ganze Konstruktion ist um so absurder, als den - theoretisch nachvollziehbaren - Berechnungen der sowjetischen Kommission zufolge in der Stutthofer Gaskammer, hätte man sie zu verbrecherischen Zwecken mißbraucht, innerhalb von 24 Stunden 768 Personen hätten umgebracht werden können. Selbst bei einer „Betriebszeit" von bloß zwölf Stunden täglich konnte man da sämtliche 2.023 Arbeitsunfähigen binnen weniger als einer Woche liquidieren!

Der von der offiziellen Geschichtsschreibung verzapfte Unsinn von den wechselseitigen Todestransporten zwischen dem »Hauptvernichtungslager« und dem »Hilfsvernichtungslager« findet seine Fortsetzung in einem nicht minder dreisten Unfug:

Von den 48.609 zwischen dem 29. Juni und dem 28. Oktober 1944 in Stutthof eingelieferten Juden stammten mehr als die Hälfte, nämlich 25.043, aus baltischen Lagern; 10.458 waren aus Kaunas (Kowno) und weitere 14.585 aus Riga überstellt worden. Die offizielle Geschichtsschreibung hat diese Zahlen drastisch herabgesetzt, um die „verschwundenen" Juden zu Opfern deutscher Massenmorde ernennen zu können. Raul Hilberg stellt folgende Behauptung auf:[215]

»Nur wenige Monate später [nach Mai 1944] wurden die baltischen Lager endgültig geräumt. Zwischen August 1944 und Januar 1945 wurden einige tausend Juden auf Konzentrationslager im Reichsgebiet verteilt. Tausende von baltischen Lagerinsassen aber wurden noch unmittelbar vor Eintreffen der Roten Armee erschossen.« (Hervorhebung von uns.)

Aus über 25.000 Juden macht Hilberg also »einige tausend«! Die Enzyklopädie des Holocaust reduziert die Zahlen auf fast ebenso betrügerische Weise:[216]

»Etwa 4000 Kownoer Juden wurden nach Deutschland gebracht, die meisten kamen in die Konzentrationslager Kaufering[[217]] oder Stutthof. Im Oktober kamen noch die Kownoer Juden dazu, die in Lagern in Estland interniert gewesen waren.«

Wenn allein schon Stutthof über 10.000 Juden aus Kaunas aufnahm und dazu noch eine - uns unbekannte - Anzahl ins Dachauer Nebenlager Kaufering verbracht wurde, kann die Gesamtzahl ganz unmöglich »etwa 4000« betragen haben!

Vor dem Abtransport, behauptet die Enzyklopädie des Holocaust, seien die Arbeitsunfähigen ermordet worden:[218]

»Als sich im Juli 1944 die sowjetische Armee der lettischen Grenze näherte, begann die Räumung des Lagers. Zuvor wurden bei „Aktionen" Tausende von arbeitsunfähigen Juden - Kranke, Schwache und Kinder - getötet.«

Die Judentransporte aus Kaunas und Riga widerlegen diese Erdichtungen eindeutig. Unter den Überstellten befanden sich nämlich mehrere hundert Minderjährige, die mit dem Vermerk »Knabe« und »Mädchen« nach Stutthof geschickt wurden. Auf den - nur fragmentarisch erhaltenen - Namenslisten der aus Kaunas Deportierten werden diese Ausdrücke für Personen verwendet, die 1929 oder später geboren, d.h. 15 Jahre alt oder jünger waren. Beispielsweise gehören in der bruchstückhaft bewahrten Transportliste vom 12. Juli 1944, die insgesamt 3.098 Namen umfaßte, von 510 erhalten gebliebenen Namen 80 in diese Kategorie; die fast vollständige Liste vom 19. Juli - sie enthält 1.095 von 1.097 Namen - beinhaltet in 88 Fällen den Hinweis »Knabe« oder »Mädchen«[219] Folgende Tabelle vermittelt Aufschluß über den Prozentsatz an unter 16-jährigen:

Alter

Transport
vom 12.7.

Transport
vom 19. 7.

15 Jahre

3

-

14 Jahre

7

4

13 Jahre

4

28

12 Jahre

8

13

11 Jahre

2

6

10 Jahre

4

9

9 Jahre

10

2

8 Jahre

4

6

7 Jahre

5

7

6 Jahre

9

8

5 Jahre

7

-

4 Jahre

8

3

3 Jahre

8

2

2 Jahre

1

-

Summe:

80

88

Die Gesamtzahl muß weit höher gelegen haben, da ja am 25. Juli 416 Mädchen und 483 Knaben von Stutthof nach Auschwitz überstellt worden sind.

Rekapitulieren wir: Der offiziellen Geschichtsversion zufolge überlebten diese baltisch-jüdischen Kinder die von der SS in Riga und Kaunas durchgeführte Erschießung der Arbeitsunfähigen durch ein Wunder und entrannen dann der Gaskammer des »Hilfsvernichtungslagers« Stutthof, um zur Vernichtung nach Auschwitz geschickt zu werden - und dies zu einem Zeitpunkt, wo über 20.000 Juden von Auschwitz nach Stutthof überstellt wurden, »weil die Vernichtung der ungarischen Juden, die bis Mitte 1944 in Auschwitz durchgeführt wurde, die Kapazität dieses Lagers überschritt«!


Anmerkungen

[204] AMS, I-IB-8, S. 53.
[205] M. Orski, »Die Arbeit«, in: Stutthof. Das Konzentrationslager, aaO. (Anm. 34), S. 214f.
[206] Ebenda, S. 215.
[207]

K. Dunin-Wąsowicz, »Żydowscy Więźniowie...«, aaO. (Anm. 3), S. 17. Alle oben aufgezählten Transporte bis auf der vom 10.9. werden durch die Dokumentenserie »Kommandanturbefehl« (AMS, I-IB-3) bestätigt. Der Transport vom 10.9. nach Auschwitz wird durch eine Transportliste belegt, die von D. Drywa erwähnt worden ist (»Direkte Extermination«, aaO. (Anm. 103), S. 251, Fußnote 87).
Die Richtigkeit sämtlicher dort angeführter Daten wird durch die Dokumentenserie »Kommandanturbefehl« (AMS, I-IIB-3) bestätigt.

[208] M. Glinski, »Nebenlager und größere Außenkommandos des KZ Stutthof«, in: Stutthof. Das Konzentrationslager, aaO. (Anm. 2), S. 226f.
[209] Danuta Drywa, »Häftlingstransporte...«, aaO. (Anm. 154), S. 138.
[210] D. Czech, Kalendarium..., aaO. (Anm. 56), S. 874. Der Transport vom 27. Juli 1944 wird überhaupt nicht erwähnt!
[211] Ebenda, S. 893.
[212] APMO, D-AuII-3a, S. 46.
[213] D. Czech, Kalendarium..., aaO. (Anm. 56), S. 860. Zum Durchgangslager siehe auch ebenda, S. 699f.
[214] D. Drywa, »Ruch transportów...«, aaO. (Anm. 21), S. 21.
[215] R. Hilberg, Die Vernichtung..., aaO. (Anm. 6), Band II, S. 408.
[216]

Enzyklopädie des Holocaust, aaO. (Anm. 5), Band II, S. 806.

[217] Ein Nebenlager des KL Dachau.
[218] AaO. (Anm. 5), Band II, S. 728.
[219] AMS, I-IIB-10, Transportlisten.


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