IV. Fakten II

In diesem Kapitel sollen wesentliche Fakten über die Entwicklung im sowjetischen Machtbereich angeführt werden, die die vorgestellte These stützen.

A. Ungewöhnliche Entwicklungen im sowjetischen Machtbereich von 1943 bis 1953.

1. Der neue Antisemitismus

Die Sowjetunion war seit der Oktoberrevolution weitgehend ein judenfreundliches Land. Zahlreiche Diskriminierungen der Zarenzeit waren beseitigt worden, die Sowjetunion behandelte im Rahmen ihrer Nationalitätenpolitik die Juden als den anderen Völkern gleichgestellt. Zwar wurden im Rahmen der Russifizierungstendenzen zwischen 1936 und 1939 zahllose jüdische Schulen und sieben jüdische Theater geschlossen, von einem neuen Antisemitismus kann aber trotzdem nicht gesprochen werden.[257] Doch 1943, mitten im Krieg, ändert sich das. Zitat:

»Zusammen mit den anderen Völkern der UdSSR kämpften die Juden gegen den tödlichen Faschismus. Aber 1943 fegte eine neue Welle von Antisemitismus über das Land, die alles übertraf, was unter dem zaristischen Regime bekanntgeworden war. Der Ausgangspunkt des Antisemitismus waren die besetzten Gebiete; von hier aus breitete sich der Antisemitismus in die Reihen der Partisanenbewegung, der Roten Armee und der Nachhut aus. Die Diskriminierung der Juden in der Armee wurde immer spürbarer. Tausende von Juden, die im Kriege Heldentaten vollbracht hatten, blieben wegen ihrer Nationalität ohne Auszeichnung. Zur gleichen Zeit breitete sich hartnäckig das Gerücht aus, daß die Juden nicht kämpften, sondern hinter der Front herumlägen. «[258]

Sonderbarerweise beginnt der Antisemitismus in den von Deutschland besetzten Gebieten, dort, wo die Juden doch alle ermordet werden ! Wer kann das erklären?

2. Auschwitz

Am 27. Januar 1945 erreichten sowjetische Truppen das Lager Auschwitz.[259] Die Sowjetunion setzte eine »Außerordentliche Staatliche Kommission zur Feststellung und Untersuchung der Schandtaten der faschistischen deutschen Eindringlinge und ihrer Helfershelfer, ueber die ungeheuren Greueltaten und Verbrechen der deutschen Regierung in Auschwitz (Oswiezim)«[260] ein. Diese Kommission befragte und untersuchte 2819 frühere Insassen des Lagers Auschwitz und wertete deutsche Dokumente aus u.v.m.[261] Am 6. Mai 1945262 legte sie einen ausführlichen Bericht vor, in dem festgestellt wird:

»1. Durch Erschiessungen und ungeheuerliche Folterungen vernichteten die Deutschen im Lager Auschwitz ueber vier Millionen Staatsangehoerige der Sowjet-Union, Polens, Frankreichs, Belgiens, Hollands, der Tschechoslovakei, Rumaeniens, Ungarns und anderer Laender.

2. Deutsche Professoren und Aerzte fuehrten sogenannte medizinische Versuche an lebenden Menschen, Maennern, Frauen und Kindern im Lager aus...«[263]

Von Vergasungen ist hier nicht die Rede, allerdings von Erschießungen und ungeheuren Folterungen. Gaskammern werden erst im nächsten Punkt genannt und bei den Zeugenaussagen, wo es beispielsweise heißt: »...Ausgesuchte Gefangene wurden in die Gaskammern zur Vernichtung geschickt.«[264] Der Bericht ist in sich widersprüchlich, er ist aber auch der erste und unmittelbarste Bericht über Auschwitz. Doch das weitere Verhalten der Sowjetunion ist sehr seltsam:

  1. Die zahllosen Unterlagen und Protokolle, die es nach diesem Bericht geben muß, wurden nie veröffentlicht.
  2. Die Sowjetunion hat der israelischen Regierung kein einziges Dokument für den Eichmann-Prozeß zur Verfügung gestellt.[265]
  3. Das Thema Massenvernichtung der Juden wird in der Sowjetunion tabuisiert. So »erwähnte Stalin nur ein einziges Mal, daß die Nazis eine Politik betrieben, die die Auslöschung der Juden zum Ziel habe...«[266 ]

Im sowjetischen Einflußbereich sind aber auch andere Dokumente zur Massenvernichtung verschwunden oder prominente Zeugen der westlichen Öffentlichkeit entzogen worden.

Der Gerstein-Bericht, der Bericht des SS-Offiziers Kurt Gerstein über Massentötungen in den Lagern Belzec, Treblinka, Sobibor und Majdanek, der Rolf Hochhuth zu seinem Drama Der Stellvertreter veranlaßte, enthält verschiedene schwerwiegende Unstimmigkeiten. Gerstein nahm sich wahrscheinlich am 25. Juli 1945 in seiner Gefängniszelle in Paris das Leben.[267] Er kann also nicht mehr befragt werden. Um aber diesen Unstimmigkeiten auf den Grund zu gehen, wären die Vernehmungsprotokolle hilfreich. Doch die Akte Gerstein ist verschwunden. Sie wurde am 10. November 1945 von den französischen Behörden an Professor Gros an der französischen Botschaft in London gesandt, mit der Bitte, sie an den polnischen Delegierten beim Ausschuß der Vereinten Nationen weiterzuleiten. Seitdem fehlt von der Akte jede Spur.[268]

Auch bei Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz, gibt es sonderbare Abläufe. Er wurde am 11. März 1946 in der Nähe von Flensburg verhaftet. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß wurde er nur kurz als Zeuge (!) vernommen und am 25. Mai 1946 an Polen ausgeliefert. Elf Monate später wurde er am 2. April 1947 durch das polnische Oberste Volksgericht zum Tode verurteilt und 14 Tage später in Auschwitz hingerichtet.[269] Auch hier wurde eine zentrale Figur der Massenmorde der westlichen Öffentlichkeit entzogen. Seine spektakulären Aussagen machte er erst in Polen. Höß, der ein sehr williger und aussagefreudiger Gefangener gewesen sein soll,[270] wird unverständlicherweise nicht der internationalen Öffentlichkeit präsentiert. Seine Aufzeichnungen werden erst neun Jahre später vollständig und auf polnisch veröffentlicht![271]

Am 2. Mai 1945 ist Berlin von sowjetischen Truppen völlig erobert[272]. Bis zum Eintreffen der Alliierten am 3./4. Juli 1945 hatten sie die alleinige Kontrolle über Berlin[273] und somit auch über alle Aktenbestände des Dritten Reiches, die in Berlin lagerten. Eine Selektion der Akten wäre der Sowjetunion somit leicht möglich gewesen. Daß dies auch geschehen ist, berichten Zeitzeugen:

»Als die Russen Berlin 1945 besetzten, durchstöberten sie die amtlichen deutschen Archive mit mehr Kraft als Umsicht: einiges Material wurde nach Rußland verfrachtet, anderes zerstört und der Rest einfach weggeworfen und liegengelassen.«[274]

Ob es an Umsicht gefehlt hat, ist schwer zu beurteilen: man müßte wissen, was »die Russen« gesucht und inwieweit sie das Gesuchte gefunden haben. In den Tagebüchern von Goebbels, die im Hof seines Ministeriums herumlagen,[275] fehlen bei den Eintragungen am 14. Februar 1942 die Seiten 9 bis 36, und sie betreffen, so der erhaltene Kontext: zentrale Ausführungen über das Schicksal der europäischen Juden![276]

3. Die Gründung der UNO

Am 26. Juni 1945 wurde in San Franzisko die UNO von 51 Staaten gegründet.[277] Zu den Gründungsmitgliedern zählt eigentümlicherweise Weißrußland.[278]

Verständlich wäre es gewesen, wenn die baltischen Staaten, die bis 1940 selbständig waren, dazugehörten. Doch sie fehlen.

4. Partisanen in Weißrußland nach 1945

Nach der Befreiung 1944 entsteht sonderbarerweise eine neue Partisanenbewegung in Weißrußland! Oder ist es die alte? Zitat:

»In den ersten Nachkriegsjahren wurde die sowjetische Herrschaft besonders von der Bevölkerung in den Territorien übelgenommen, die von der UdSSR 1939-40 annektiert, 1941 an Deutschland verloren und mit dem Sieg zurückgewonnen wurden. Diese Gebiete - die baltischen Republiken und ehemals polnisches Land (das jetzige Bjelorußland und die westliche Ukraine) - wurden bei Kriegsende von der Sowjetunion annektiert. Ausgedehnte Deportationen der polnischen Unerwünschten folgten. Die unzufriedenen Bürger, die in diesen Gebieten in Freiheit blieben, setzten von geheimen Stützpunkten in den Wäldern ihre sporadischen Guerilla-Aktionen gegen die sowjetischen Behörden fort. Im Kampf gegen diese ›Banditen‹, der bis in die 50er Jahre anhielt, war das MWD/MGD stark beteiligt und wandte hauptsächlich jene Technik an, die die Tscheka im Bürgerkrieg eingeführt hatte: Das Einschleusen falscher MWD-Partisanen in die Partisanengruppen. Beide Seiten erlitten in der Auseinandersetzung beträchtliche Verluste.«[279]

5. Wallenberg und andere

Raoul Wallenberg war Attaché an der schwedischen Gesandtschaft in Budapest. Er hatte diese Position auf ausdrücklichen Wunsch der Regierung der USA erhalten. Sein Ziel: soviel Juden wie möglich vor der Deportation nach Auschwitz zu retten.[280] Als die Rote Armee Budapest erreichte, wurde Wallenberg am 17. Januar 1945 festgenommen. Er wurde beschuldigt, jüdisches Vermögen geraubt zu haben. Die Untersuchung ergab die Unschuld Wallenbergs und die Tatsache, daß er 30.000 Menschen vor der Deportation gerettet hatte. Die Machthaber in Moskau bestanden aber auf der Überführung in die Sowjetunion. Am 4. Februar 1945 wurde er in die Sowjetunion abtransportiert.[281] Auf Intervention des schwedischen Gesandten in Moskau versprach Stalin im Sommer 1946, sich um das Schicksal Wallenbergs zu kümmern. Im August 1947 wurde von sowjetischer Seite mitgeteilt, man könne den Offizier, der Wallenberg festgenommen habe und darüber nach Moskau berichtete, nicht finden.[282] Wallenberg bleibt verschwunden. Er soll aber noch leben, und zwar angeblich in Krasnojarsk östlich von Nowosibirsk in Sibirien unter anderem Namen.[283]

Notiz: So wie Wallenberg und sein Einsatz immer wieder beschrieben werden, hat er über das tatsächliche Schicksal der Juden in Auschwitz bestimmt Bescheid gewußt.

Wallenberg ist nicht der einzige Ausländer, der nach 1945 in der Sowjetunion verschwunden ist. So wird von 600 bis 700 Franzosen berichtet, die gegen ihren Willen in der Sowjetunion zurückgehalten werden, darunter Insassen von deutschen Konzentrationslagern! Sie wurden nach der »Befreiung« generell in Durchgangslager in der Sowjetunion gebracht. Es heißt, sie hätten zu viel gesehen![284]

Notiz: Ab Mitte 1944 wurden viele Auschwitzhäftlinge in deutsche Konzentrationslager gebracht. Höß hat Transportkommandos aus Zigeunern erwähnt. Haben die Franzosen von dieser Seite zuviel erfahren? Denn was könnten sie in einem deutschen Konzentrationslager über die Sowjetunion erfahren?

6. Das Jahr 1948

Das Jahr 1948 zeichnet sich dadurch aus, daß sehr viele der nachfolgend beschriebenen Ereignisse in diesem Jahr stattfanden oder zumindest ihren Ausgang nahmen.

a) Das Jüdische Antifaschistische Komitee. Dieses Komitee war während des Krieges in der Sowjetunion gegründet worden und hatte die Aufgabe, über jüdische Organisationen in den USA Hilfe für die Sowjetunion, die Rote Armee und die Bevölkerung zu organisieren.[285] Vorsitzender des Komitees war S. M. Michoels, ein bekannter jüdischer Schauspieler. Michoels war 1943 in den USA, um die öffentliche Meinung zu mobilisieren und Geld zu sammeln. Die Reise war sehr erfolgreich, wie es heißt. Am 13. Januar 1948 wurde Michoels auf einer Straße in Minsk von Mitarbeitern des Staatssicherheitsdienstes ermordet, danach wurde die Leiche von einem Lastwagen überfahren, um einen Unglücksfall vorzutäuschen.[286] Stalin persönlich hat dazu den Befehl per Telefon gegeben, so Stalins Tochter Swetlana, die zufällig Zeuge wurde.[287]

Im Herbst 1948 wurde das Komitee verboten[288], seine Mitglieder verhaftet, gefoltert und 1952 erschossen.[289] Welche Vorwürfe wurden gegen das Komitee erhoben? 1944 wandte sich das Komitee in einem Brief an Stalin mit der Bitte, die entvölkerte Krim für die Juden zur Verfügung zu stellen. Sie wollten eine Jüdische Autonome Republik gründen.[290] Stalin beschuldigte das Komitee, es wolle die Abtrennung der Krim von der UdSSR.[291]

Notiz: Ist es nicht sonderbar, daß 1934, als es noch Millionen von Juden mehr als 1944 in der Sowjetunion gab, nur ein Jüdisches Autonomes Gebiet gegründet wurde?[292] Jetzt, nachdem über eine Million Juden der Sowjetunion ermordet waren, sollte eine Autonome Republik gegründet werden! Und das mitten im Krieg. Bedeutsam erscheint mir das Jahr 1944, da war Weißrußland zurückerobert. Und warum sollten die sowjetischen Juden die Abtrennung dieses Gebietes von der Sowjetunion fordern? Hatte sie nicht den Juden eine Heimat geboten? Wenn Juden aus anderen europäischen Ländern eine solche Forderung erhoben hätten, wäre das verständlich.

b) Gründung des Staates Israel. Am 14. Mai 1948 wurde der Staat Israel auf Beschluß der Vereinten Nationen gegründet.[293]

c) Zerschlagung von jüdischen Einrichtungen. In der zweiten Hälfte des Jahres 1948 wurden in der Sowjetunion wichtige jüdische Einrichtungen verboten oder geschlossen:[294]

Außerdem erschienen antizionistische Artikel von Ilja Ehrenburg gegen »eine gewisse Gruppe antipatriotischer Theaterkritiker«.

d) Sperrgebiete entstehen. Nach einem Erlaß vom 30. September 1948 wurde eine Sperrliste veröffentlicht, die für ausländische Diplomaten gesperrte Gebiete aufführte.[295]

e) Gesperrte Einheiten. 1948 begannen in der Sowjetunion umfangreiche Ermittlungen gegen deutsche Kriegsgefangene, die Angehörigen bestimmter Einheiten durften vorerst nicht entlassen werden.[296]

7. Slánský und andere

Am 28. November 1951 wurde die Verhaftung von Rudolf Slánský im tschechischen Parteiorgan Rude Pravo mitgeteilt. Slánský war Generalsekretär der tschechischen KP. Genau ein Jahr später wurde er zum Tode verurteilt.[297] Der Vorwurf: Die Slánský-Gruppe sei eine zionistische Verschwörung.[298] Im Detail:

»Slánský, Geminder, Sling, Clementis usw. waren nie Kommunisten. Sie entstammen dem wohlhabenden Kleinbürgertum und waren daher von jeher für Abweichungen anfällig. Schon in ihrer Jugend neigten sie dem Trotzkismus zu. Sie waren zugleich jüdische Chauvinisten und Kosmopoliten, sie haben die zionistische Organisation zu illegalen Finanztransaktionen und zum Schmuggel benutzt, sie haben außerdem mit englischen und amerikanischen Agenten zusammengearbeitet, waren auf die Herauslösung der Tschechoslowakei aus dem sowjetischen Block bedacht, arbeiteten deshalb sowohl mit Tito wie in Polen mit Gomulka zusammen, wie sie vorher schon die wahren Vertrauensleute von Benesch und Masaryk gewesen waren. Manche ihrer hochverräterischen Beziehungen wurden durch Mitglieder der ehemaligen Internationalen Brigade in Spanien geknüpft. Sie versuchten, den Handel mit der Sowjetunion zu erschweren, und forderten für Waren, die nach Osten gingen, weit höhere Preise, als sie im Westhandel üblich waren. Bei den Handelsgeschäften mit dem Westen bedienten sie sich freimaurerischer Beziehungen, die ihnen als Juden besonders leicht zugänglich waren.«[299]

Das Schlußbild der Anklage:

»Präsident Gottwald sollte durch seinen Leibarzt beseitigt werden. Die Abwendung der Tschechoslowakei von der Sowjetunion wurde im unmittelbaren Auftrag des amerikanischen und britischen Imperialismus vorbereitet. Diesen Mächten wurden laufend militärische und politische Geheimnisse zugespielt. Ihre Agenten bedienten sich vornehmlich zionistischer Organisationen, die damit zu Agenturen des westlichen Imperialismus wurden. Alle Juden sind daher - ähnlich wie die damaligen roten Spanienkämpfer - besonders anfällig für Korruption durch den Westen. Amerikanische und britische ›fellow travellers‹ wie die Amerikaner Noel und Hermann Field und der britische Labourabgeordnete Zilliacus benutzten ihre linksgerichtete Gesinnung nur als Tarnung. Sie sind in Wirklichkeit besonders gefährliche Agenten des Secret Service und des amerikanischen Geheimdiensts. Benesch war ein Spion des Westens und ein Verräter. Tito, Gomulka und Rajk gehören ebenfalls zur Verschwörung. Bei Tito wirkt außerdem über seinen Vertrauensmann Pijade auch die zionistische Verschwörung unmittelbar ein. Im übrigen waren die Angeklagten auch antisowjetische Chauvinisten, die die Gleichschaltung der Tschechoslowakei mit der Sowjetunion bekämpften und vor allem wirtschaftlich sabotierten.«[300]

Die Angeklagten waren weitgehend geständig, ganz im Stile der Moskauer Schauprozesse. Sie und die ›Zeugen‹ waren fast alle Juden.[301] Abweichend von ähnlichen ›Reinigungswellen‹ waren sie jedoch nicht nur ›Westler‹, sondern auch ›Moskowiter‹, d. h., sie hatten länger in den westlichen Ländern oder auch in der Sowjetunion gelebt. Das Ergebnis: Im Prager Parteisekretariat und im Parteipräsidium sowie in den oberen Stellen der Armee und des Staates befinden sich keine Juden mehr.[302] Ein interessanter Aspekt: Die Planung und Vorbereitung der Entmachtung Slánskýs geht auf das Jahr 1948 (!) zurück. Ende August 1948 starb Shdanow, ein einflußreicher Theoretiker dieser Zeit. Zitat:

»Am Tage nach Shdanows Tode wurde Gottwald zu einer Konferenz auf die Krim gerufen. In Rußland hatte nun der Malenko-Flügel die Oberhand gewonnen. Die Gefolgsleute Shdanows wurden alsbald aus ihren Schlüsselpositionen entfernt. Als Gottwald nach Prag zurückkam, war er der stärkere. In einer Rede, in der noch keine Namen genannt wurden, bezeichnete er Ende 1948 seine Gegner summarisch als Trotzkisten. Von diesem Zeitpunkt ab war Slánský gezwungen, ein hinhaltendes Rückzugsgefecht zu führen.«[303]

Doch neben Slánský und seinem Anhang wurde noch eine andere jüdisch-kommunistische Machtgruppe ausgeschaltet:

»Sehr viel weniger blutig und mit einiger Verzögerung erfolgten die Säuberungen in Rumänien. Im Mai 1952 wurden der stellvertretende Ministerpräsident Vasile Luca und Innenminister Teohari Georgescu ihres Postens enthoben und Ana Pauker aus dem Sekretariat und Politbüro der Partei ausgeschlossen; im Juli mußte sie das Außenministerium aufgeben. Damit war es dem ›Nationalkommunisten‹ GheorghiuDej gelungen, die wichtigsten Repräsentanten des ›Moskoviter‹-Flügels auszuschalten. Luca, Georgescu und Ana Pauker, die alle jüdischer Herkunft waren, verschwanden in der Versenkung.«[304]

Die Aktionen innerhalb der rumänischen und tschechoslowakischen KP heben sich von anderen Säuberungen ab. Zitat:

»Die Affäre Luca-Georgescu-Pauker zeigt, wie schwierig es ist, ›eine allgemeine Theorie der Säuberungen‹ aufzustellen, wenn man alle Säuberungsaktionen auf ein simples Schema à la ›Titoismus‹ zurückführt. Die ›Verbrechen‹, die Luca, Pauker und Georgescu vom rumänischen Zentralkomitee vorgeworfen worden sind, haben nämlich nichts mit ›Titoismus‹, althergebrachtem ›Nationalismus‹ oder ›Antisowjetismus‹ zu tun. Andererseits zeigt die rumänische Krise eine frappante Ähnlichkeit mit der politischen Krise in der Tschechoslowakei, die zur Eliminierung Slánskýs und seiner Anhänger geführt hat. Ana Pauker ist, wie Slánský, jüdischer Abstammung. Indem man sie - wie den Ungarn Luca (mit richtigem Namen László Lukacs) aus Siebenbürgen-zum Sündenbock bestimmte, wollte man vielleicht die Unzufriedenheit des Volkes auf die Bahn eines geschickt verborgenen Antisemitismus oder Chauvinismus lenken. Dies ist eine Hypothese, die man nicht a priori beiseite schieben sollte, umso mehr, als die Affäre Pauker mit der Eröffnung einer antizionistischen Ausstellung zusammenfiel. Auch in der Tschechoslowakei hatte die Affäre Slánský Anlaß zur Verhaftung mehrerer Zionisten gegeben, ja sogar eines israelischen Diplomaten und eines israelischen Journalisten der extremen Linken.«[305]

Solche Aktionen sind allerdings nicht nur Stalin anzulasten. Später, als Chruschtschow an der Macht war, waren die Methoden nicht so spektakulär. Hatte man bislang jüdische Gruppen ausgeschaltet, so forderte Chruschtschow die Ausschaltung von führenden jüdischen Einzelpersönlichkeiten. Brzezinski:

»Deshalb suchte Chruschtschow Einheit und Zusammenhalt mit neuen Methoden zu sichern. Malenko hatte, indem er eine wirtschaftliche Lockerung zuließ, das politische Problem für den Augenblick ignorieren können. Chruschtschow, der einen ökonomischen ›Neostalinismus‹ forcierte, mußte jenes Problem direkt angehen. Er arbeitete sein Rezept anscheinend im Laufe des folgenden Jahres aus: zunehmend wurde der Akzent auf die wirtschaftlichen Gemeinsamkeiten gelegt, während politisch eine begrenzte, nicht näher bestimmte Autonomie gewährt wurde, was unter dem Stalinismus undenkbar gewesen wäre. Dazu gehörte auch die Begünstigung solcher kommunistischer Führer, die dem Volk eher akzeptabel erschienen. Chruschtschow gab mit schmerzhafter Deutlichkeit zu verstehen, daß jüdische Kommunisten, wie Rakosi, Berman oder Ana Pauker, seiner Meinung nach für die Parteien eine Belastung waren.«[306]

8. Der Ärzteprozeß

Am 13. Januar 1953 veröffentlichte die Prawda einen Artikel, wonach die bedeutendsten Ärzte des Kreml-Krankenhauses, die für Stalin selbst und andere hohe Partei- und Militärführer zuständig waren, Patienten mit Absicht falsch behandelt hätten.[307] Von den neun angeklagten Ärzten waren sechs Juden.[308] Unter ihnen befand sich Professor Wowsi, ein Bruder des 1948 ermordeten Michoels.[309] Die weiteren Pläne:

»Stalin befaßte sich persönlich mit der ›Ärzteverschwörung‹. Das von ihm erdachte Szenarium bestand aus mehrere Akten. Erster Akt - die Verurteilung der Ärzte und ihr volles Geständnis. Zweiter Akt - Todesstrafe durch Erhängen. Man sagt, daß die Hinrichtung wie in alten Zeiten auf dem Roten Platz (die frühere Hinrichtungsstelle) in Moskau stattfinden sollte. Dritter Akt - Judenpogrome im ganzen Land. Vierter Akt - bekannte Kulturfunktionäre jüdischer Herkunft bitten Stalin, die Juden vor Pogromen zu schützen und ihnen zu erlauben, die Großstädte zu verlassen und aufs Land zu gehen. Fünfter Akt - Massendeportationen von Juden auf deren ›eigene Bitte‹ in die Ostbezirke des Landes. Das Mitglied des ZK-Präsidiums der KPdSU, der Philosoph D. Tschesnokow, schrieb ein Buch, in dem er die Gründe für die Deportation der Juden darlegte. Das Buch war ursprünglich für die Parteifunktionäre bestimmt. Man wartete nur auf ein Signal zur Weiterverbreitung. Die Bitte der jüdischen Kulturfunktionäre war nicht nur schon formuliert worden, sie war bereits auch mit all ihren Unterschriften versehen.«[310]

Stalin starb am 5. März 1953. Dadurch wurden die Pläne gestoppt.[311]

B. Wesentliche Bereiche

1. Lage der Juden

1953, nach Stalins Tod, sind die Juden aus dem politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben ausgeschaltet.[312] Dieser Zustand wird weder unter Chruschtschow noch unter dessen Nachfolger geändert. Lediglich die Methoden wechseln. Folgende Schlagworte beschreiben sie:

Als typisch für die Tabuisierung wird die Behandlung der Juden in der Großen Sowjetischen Enzyklopädie genannt:[315]

1932 (1. Auflage) 108 Spalten
1952 (2. Auflage) 4 Spalten
1972 (3. Auflage) 2 Spalten

Man spricht von einem verordneten Schweigen über die Juden und verhindert dadurch die Wiederherstellung der von Stalin zerstörten jüdischen Organe und Institutionen.[316] 1971 gibt es keine einzige jiddische Schule oder auch nur eine einzige jiddische Klasse mehr.[317] Es gibt kein jiddisches Verlagshaus mehr, keine Agentur zum Vertrieb jüdischer Bücher.[318]

Das religiöse Leben der Juden wird stark behindert. So dürfen keine Kultgegenstände, wie Gebetsmäntel oder Gebetsriemen, hergestellt werden, die zu Verrichtung der täglichen Gebete nötig sind.[319] Die Synagogen verringern sich von:

1956: 450,
1963: 96,
1969: 62,
1971: noch eine Handvoll.[320]

Für Rabbiner oder Kulturbeamte gibt es keinen Nachwuchs, das wird durch Tricks (Verweigerung der Wohnerlaubnis am Ort der einzigen Religionsschule) erreicht.[321] Als Jude bekommt man keine Arbeit, schon gar nicht an den beiden großen Universitäten Moskau und Leningrad.[322] Zu den Hochschulen wird nur ein kleiner Prozentsatz, der zwischen zwei und fünf Prozent schwankt, zu gelassen. Zu den Hochschulen, die Personal für die Verteidigungsindustrie ausbilden, haben Juden überhaupt keinen Zugang.[323] Generell muß die Vergangenheit von Juden überprüft werden, bevor sie einen Arbeitsplatz erhalten.[324] Bei einer Auswanderung werden sehr detaillierte Angaben verlangt. Zitat:

»Ausgefüllter Fragebogen an OWIR mit allen Einzelheiten über Antragsteller, Personalien der Angehörigen, Lebenslauf, Arbeitsplatz, Einkommen usw.«[325]

Auch der mächtige KGB ist für dieses Überwachungsprogramm eingerichtet. Der KGB besteht aus Hauptverwaltungen. 1969 wird die Fünfte Hauptverwaltung gegründet. Sie soll die politische Opposition unterdrücken und die Kontrolle über die Bevölkerung verstärken.[326] Diese Hauptverwaltung hat eine auffällige Struktur:[327] vgl. nachstehend:

Fünfte Hauptverwaltung

   

Sekretariat___________

__________Parteikomitee

Jüdische Abteilung    

   

Zentrale Kontrolle
der regionalen
Niederlassungen

   

Abteilungen für die Kontrolle
der nationalen Minderheiten,
des Klerus, der Staatsverbrecher,
der Intelligenz, der Sekten etc.

Nur der Fünften Hauptverwaltung wurde auf oberster Ebene eine besondere Abteilung zugeordnet. Zitat:

»Die besondere Jüdische Abteilung wurde 1971 eingerichtet. Sie soll die russischen Juden einschüchtern, öffentliche Proteste unterbinden und Auswanderungswillige entmutigen. Da diese Abteilung noch verhältnismäßig neu ist, gibt es wenig gesicherte Erkenntnisse über ihre Organisation und ihre Arbeitsweise.«[328]

Notiz: Die Sowjetunion verfügt folglich über Instumentarien, um Juden von Kontakten mit dem Westen abzuhalten, sie kann kontrollieren, wer Zugang nach draußen hat.

Besondere Verbitterung herrscht bei vielen Juden im Ausland darüber, daß die Massentötungen durch die Nationalsozialisten von der Sowjetunion systematisch verschwiegen werden. Weiter oben wurde schon erwähnt, daß Stalin nur ein einziges Mal davon gesprochen haben soll. An den Stellen, wo es Massenerschießungen von Juden gab, gibt es keine Gedenkstätten, vor allem Babi Jar wird als Beispiel angeführt.[329] Ungewöhnlich ist auch eine Erklärung von Ilja Ehrenburg in diesem Zusammenhang:

»Mich verbinden mit den Juden die Gräber, wo die Hitleristen alte Frauen und kleine Kinder einschar(r)ten, in der Vergangenheit verbinden mich mit ihnen Ströme von Blut, später böses Unkraut, das aus dem rassistischen Samen erwuchs, die Zählebigkeit der Vorurteile und Voreingenommenheiten. Als ich an meinem siebzigsten Geburtstag im Rundfunk sprach, sagte ich meinen Zuhörern, ich würde stets wiederholen, daß ich Jude sei, solange es auf der Welt auch nur einen Antisemiten gibt.«[330]

Das ist eine eigentümlich vieldeutige Umschreibung des Schicksals der Juden, vieldeutig interpretierbar, aber kein Wort über das Lager Auschwitz. Dazu paßt, daß die Sowjetunion die Regierung in Israel beim Eichmann-Prozeß mit keinem einzigen Dokument unterstützte.[331]

Konkrete Eindrücke über die Lage der Juden in der Sowjetunion sammelte der amerikanische Jude Prof. Dr. David W. Weiss, als er 1965 in die Sowjetunion eingeladen wurde. Zitate:

»Aus meinem Bericht geht hervor, daß mein erster Kontakt mit den Juden in der Sowjetunion für mich ein Schock war. Und so beschloß ich, ihre Lage weitaus sorgsamer zu untersuchen, als ich ursprünglich vorhatte. Ich habe deshalb täglich zwischen acht und zwölf Stunden in der Sowjetunion darauf verwendet, Kontakte mit Juden oder mit den offiziell Verantwortlichen für jüdische Angelegenheiten zu suchen. Während meines Aufenthalts in der UdSSR hatte ich Gespräche - private Gespräche mit mindestens einhundertfünfzig Juden jeden Alters und aus jeder Schicht.«[332]

»In der Tat, alle Juden, mit denen ich in der UdSSR sprach - junge, solche mittleren Alters und ältere -, sie alle ließen auf irgendeine Art und Weise ihre Ängstlichkeit erkennen, die ihren einzigen Grund darin hatte, daß sie eben Juden waren.«[333]

»Wenn ich Juden fragte, warum sie so ängstlich sind, dann enthüllten ihre Antworten ein völlig einheitliches Bild: Es war die Angst, ihren Beruf, ihre Position oder sogar ihre Aufenthaltserlaubnis in bestimmten Städten zu verlieren. Es war die Angst vor der Verhaftung, vor der Deportation oder vor eher noch schlimmeren Konsequenzen der Behörden als Reaktion gegen sie: nur einfach weil sie Juden sind.«[334]

Über einen Besuch in einer Synagoge heißt es.

»Als ich das erstemal die Synagoge in Kiew am späten Nachmittag besuchte, um am Nachmittagsgebet teilzunehmen, haben einige alte Männer, die durch den Vorhof in die Synagoge gingen, meinen Gruß erwidert. Sie schienen verängstigt zu sein. Als ich in das Gebäude trat, löste sich ein Mann aus der Menge, trat forsch auf mich zu und fragte mich, was ich eigentlich hier wolle.«[335]

»Er gab zu verstehen, daß ich zwar willkommen sei, aber lediglich unter der einen Bedingung, daß ich am Gottesdienst teilnehmen wolle.

Ich sollte aber nicht versuchen, mit irgend jemandem Kontakt aufzunehmen. Dieser Mann - so erfuhr ich später - war der Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde von Kiew.«[336]

»Eines Abends, während ich in der Synagoge auf den Gottesdienst wartete, kamen zwei Mitglieder der israelischen Botschaft in Moskau, die wahrscheinlich aus offiziellen Gründen in Kiew waren, in die Synagoge. Dieser Vorstand der jüdischen Gemeinde forderte die beiden Männer auf, ihr Gespräch mit einigen älteren Juden, die sich sofort um sie geschart hatten, zu unterbrechen und ihren Platz vorne in der Synagoge neben mir einzunehmen, abseits von den anderen. Als die zwei israelischen Besucher sich widersetzten, griff der Mann sie bösartig mit einer Tirade an, die sich über eine halbe Stunde hinzog. Er hat sie persönlich beleidigt und dann noch alle Israelis überhaupt, sie seien Faschisten, Ausbeuter der Araber und des jüdischen Proletariats, sie kooperierten mit den Deutschen usw. Es gab überhaupt keinen Zweifel mehr an der Tatsache, daß dieser Mann hauptsächlich dazu da war, jeden Kontakt zwischen den Besuchern und den jüdischen Einwohnern zu verhindern «[337]

Zu Babi Jar:

»Schon kurz nach meiner Ankunft in Kiew bat ich meinen Begleiter, er solle mich nach Babi Jar bringen, die Stelle unweit Kiews, wo die Deutschen 1941 Tausende von Juden umbrachten, kurz nachdem sie die Stadt eingenommen hatten. Daraus ergab sich folgendes Hin und Her: Als ich das erste Mal diese Bitte äußerte, sagte man mir: ›Es gibt keinen Platz, der Babi Jar heißt‹.«[338]

Mit Zähigkeit gelingt es ihm doch noch, nach Babi Jar zu gelangen. Die Quintessenz:

»Ich erwähne dieses Erlebnis ganz besonders, um das außergewöhnliche Zögern aufzuzeigen, sobald ein Besucher einen Platz von spezifisch jüdischem Interesse sehen will. Meine Auffassung bestätigte sich während meiner Kontakte mit allen Offiziellen von Intourist. Wann immer und wo immer ich bat, zu einem Platz von speziell jüdischem Interesse gebracht zu werden, wurde alles versucht, mich abzulenken - entweder versuchte man mir einzureden, den Platz gebe es überhaupt nicht, oder wenn ich auf meiner Meinung beharrte, hieß es, dieser Platz sei der Öffentlichkeit nicht zugänglich oder in Reparatur oder ähnliches. «[339]

Seine wichtigste Erkenntnis:

»Ich bekam den festen Eindruck, daß sich die Juden in der Sowjetunion als abgestempelt fühlen. Auf der einen Seite übt die Regierung alle Arten von Pressionen gegen jede Form jüdisch-religiöser und jüdisch-kultureller Äußerung aus. Sie hat dabei nur ein Ziel: die erzwungene Assimilierung. Aber andererseits werden die Juden ununterbrochen als rassische und ethnische Gruppe angegriffen, was gerade die Assimilierung unmöglich macht, was sie aus jedem Gebiet herauswirft und sie in die Ecke treibt: Juden können nicht einmal mehr Zuflucht in ihrem eigenen Jude-Sein finden, weil eben alle Mittel, sein Jude-Sein auszudrücken, strengstens verboten sind.«[340]

»Die zweite allgemeine Schlußfolgerung ist folgende: Die Zivilbehörden in der UdSSR verwenden die äußerste Mühe darauf - und zu diesen Behörden gehören auch solche Juden, die die jüdischen Gemeinden offiziell vertreten -, eine Barriere zwischen den Juden der Sowjetunion und den ausländischen jüdischen Besuchern zu errichten.«[341]

Die Frage drängt sich auf: Wozu das alles?

Zum Abchluß noch ein Hinweis: Der Gebrauch des Jiddischen verringerte sich in der Sowjetunion rapide: 1926 sprachen 72 % der Juden jiddisch, 1959 waren es noch 20,8%.[342] Doch die geringe Menge an Literatur, die in der Sowjetunion auf jiddisch erscheint, wird in althebräischen Schriftzeichen gesetzt![343] Wer, so muß man fragen, beherrscht diese Zeichen überhaupt? Vielleicht mehr Juden, als man denkt. Man erinnere sich, daß im vorigen Kapitel aus einer NS-Richtlinie zitiert wurde, in der es hieß: »Neben dem Jiddischen ist das Hebräische als Sprache, die der Absonderung der Juden... dient, zu fördern.« Wurde diese Anweisung von der Sowjetunion übernommen?

2. Bevölkerungsstatistik

a) Weißrußland. In diesem Abschnitt soll die Bevölkerungsentwicklung innerhalb Weißrußlands zwischen 1939 und 1959 im allgemeinen und die der Juden in der Sowjetunion ab 1939 im besonderen untersucht werden.

Die Angaben der Sowjetunion sind, was statistische Angaben betrifft, sehr mit Vorsicht zu betrachten, da die Zahlen leicht manipuliert sein können. Das Wort von der »Parteilichkeit der Statistik«[344] wird, vor allem in der Stalinzeit, viel gebraucht. Stalin, so heißt es, habe »der sowjetischen Statistik ein riesiges Vorhängeschloß angehängt«.[345] Ein Beispiel für die Statistikfälschungen bei den Getreideernten in der Sowjetunion:[346]

Angaben aus dem Jahr 1951

1940 betrug die Getreideernte 119 Mill. t
1950 betrug die Getreideernte 124 Mill. t

Angaben aus dem Jahr 1958

1940 betrug die Getreideernte 95,5 Mill. t
1950 betrug die Getreideernte 81,2 Mill. t

Die Angaben der Volkszählung von 1939 werden von westlichen Wissenschaftlern sehr mit Vorsicht betrachtet. Dazu ein Zitat:

»Ein Teil der Differenz kann möglicherweise darauf zurückgehen, daß die für 1939/40 ermittelten Bevölkerungszahlen zu hoch liegen. Wie erinnerlich, hat 1937 in der Sowjetunion eine Volkszählung stattgefunden. Die Ergebnisse sind annulliert worden, weil sie den Erwartungen allzusehr widersprachen. Die verantwortlichen Statistiker wurden zur Rechenschaft gezogen. Es wäre verständlich, wenn die Leiter der Zählung 1939 eine überhöhte Bevölkerungszahl angestrebt hätten, etwa dadurch, daß die bei Zählungen immer vorkommenden Doppelerfassungen von Personen nicht berichtigt wurden. Wie groß das Ausmaß der 1939 möglicherweise überhöhten Bevölkerungszahl aber ist, kann nicht gesagt werden. Jedenfalls läßt sich dadurch ein Teil der Gesamtdifferenz erklären.«[347]

Über die Zahl der Menschen, die 1939 in Weißrußland gelebt haben, gibt es auch zwei unterschiedliche Angaben in sowjetischen Quellen.

1. Angabe
Bevölkerung 1939 in Weißrußland: 10,5 Millionen Menschen.[348]

2. Angabe
Bevölkerung 1939 in Weißrußland: 8,91 Millionen Menschen.[349]

Hier ist zu beachten, daß sich die zweite Angabe auf die »heutigen Grenzen« bezieht! Die Sowjetunion hat nämlich einen Teil des Gebietes um Bialystok 1945 an Polen zurückgegeben. Die Zahl von 10,5 Millionen weicht aber auch, wenn man diese Tatsache berücksichtigt, von den 8,91 Millionen noch erheblich ab. Weißrußland hatte nämlich 1939 eine Fläche von ca. 225 000 qkm[350]. Heute hat Weißrußland eine Fläche von 207600 qkm[351]. Die Differenz beträgt folglich 17400 qkm. Geht man von einer duchschnittlichen Bevölkerungsdichte der Region von Bialystok von 43 Einwohner pro qkm aus[352], so ergibt das, daß etwa 0,750 Millionen Menschen in dem an Polen gekommenen Teil gewohnt haben dürften. Diese Zahl ist plausibel, da Bialystok 1941 in etwa 1,372 Millionen Einwohner hatte und die Hälfte des Gebietes an Polen kam.[353] Daraus würde sich ergeben:

1. Angabe (korrigiert)
Bevölkerung 1939 in Weißrußland: 9,75 Millionen Menschen.

Wie man sieht, sind die Angaben über die Bevölkerungszahl von Weißrußland sehr mit Vorsicht zu betrachten. Wir wollen ein weiteres Beispiel für dubiose Angaben bringen. In der Großen Sowjet-Enzyklopädie (deutsche Ausgabe von 1955) heißt es:

»Nach der Bevölkerungszahl steht die Belorussische SSR unter den Unionsrepubliken an dritter Stelle (nach der RSFSR und der Ukrainischen SSR). 1939 wurden 10,5 Millionen Einwohner gezählt. Am dichtesten besiedelt sind die Gebiete Gomel und Grodno, am dünnsten die Gebiete Polessje und Pinsk. Den Hauptteil der Bevölkerung bilden die Belorussen. Nach der Zählung aus dem Jahre 1926 setzte sich die Bevölkerung in den östlichen Gebieten Belorußlands zu 80,6 % aus Belorussen, zu 7,7% aus Russen, zu 8,2% aus Juden, zu 2% aus Polen, zu 0,7 % aus Ukrainern und zu 0,8 % aus Angehörigen anderer Völker zusammen; in den Westgebieten sind über 80% der Bevölkerung Belorussen. Nach dem Großen Vaterländischen Krieg hat sich der Anteil der belorussischen Bevölkerung in der Republik dadurch weiter erhöht, daß die in Belorußland lebenden Polen in ihre eigentliche Heimat und umgekehrt die in Polen lebenden Belorussen nach Belorußland umgesiedelt wurden.«[354]

Diese Angaben enthalten wiederum Widersprüche. Nicht nur, daß auch hier von 10,5 Millionen Einwohnern gesprochen wird, widersprüchlich ist auch die Angabe über die Erhöhung des Bevölkerungsanteils der Belo- oder Weißrussen. Danach hatten die Belorussen 1939 etwa einen Anteil von über 80 %. Nach der Volkszählung[355] von 1959 lag aber der Anteil der Belorussen bei 81,1 %. Von einer Erhöhung kann da wohl nicht gesprochen werden. Nach westlichen Erkenntnissen wurden auch keine (oder nur eine statistisch unbedeutende Zahl) Belorussen umgesiedelt, umgesiedelt wurden aus Polen in die Sowjetunion nur Ukrainer.[356]

Die nächste Volkszählung der Sowjetunion 1959 ergab:

Bevölkerung 1959 in Weißrußland: 8,055 Millionen Menschen.

Nach den vorherigen Angaben hätte man eigentlich eine höhere Zahl erwarten sollen. Aber man kann auch zu der Ansicht gelangen, diese Zahl ist erheblich zu hoch! Dazu muß man verschiedene Besonderheiten von Weißrußland beachten. Nach dem Anschluß des früher polnischen Westteils deportierten die Sowjets große Teile der dortigen Bevölkerung nach dem Ural oder nach Sibirien. Das Ziel: die »polnische Frage« endgültig zu lösen.[357] Eine beziehungsreiche Formulierung. Über den Umfang:

»Die genaue Zahl der Deportierten lässt sich kaum feststellen. In der sowjetischen Geschichtsliteratur wird diese Frage vermieden; die schon zitierte Warschauer Quelle, aus der Feder eines der besten Militärhistoriker des heutigen Polen, schätzt die Zahl der nach dem September 1939 Deportierten auf 800000 bis 900000; die freiwillige ›Emigration der werktätigen Polen‹ nach Russland beziffert er mit rund 50000. Diese Zahl liegt wohl weit unter der tatsächlichen Zahl der Opfer der sowjetischen ›Umsiedlungspolitik‹. In der Emigrationsliteratur findet man verschiedene Zahlen: sie dürften der Wahrheit wesentlich näher liegen. Laut einem sehr ernsthaften polnischen Autor wurden nach ›vorsichtiger Berechnung‹ 1,2 Millionen Polen deportiert. Ein anderer polnischer Autor stützt sich auf die Betreuungsaktionen, welche die polnische Botschaft in Moskau vom Dezember 1941 bis April 1943 unter den verschleppten Polen in der Sowjetunion durchführte, und schätzt die Deportierten auf etwa 1,5 Millionen. Roman Buczek nimmt eine Zahl von etwa 1,5 Millionen Deportierten und Verhafteten an, von denen jedoch nur 52% polnischer Nationalität waren; 30 % waren Juden, 18 bis 20% Ukrainer und Weissrussen.«[358]

Nach 1945 gab es weitere Bevölkerungsverschiebungen, die Weißrußland betrafen:

»Kulischer schätzt, daß bis zum Dezember 1946, dem Zeitpunkt, zu dem der zwischen der Sowjetunion und Polen vereinbarte Bevölkerungsaustausch beendet sein sollte, rund 1 Million Polen aus dem annektierten ostpolnischen Gebiet nach Polen zurückkehrten, einschließlich derjenigen, die schon bei der Kontrolle und Registrierung die Grenze überschritten hatten. Von Polen nach der Sowjetunion wurden nach Angaben des Polnischen Statistischen Amtes rund 500000 Ukrainer evakuiert, so daß die Sowjetunion im Saldo bei diesem Bevölkerungsaustausch eine halbe Million verloren hätte.«[359]

Da es sich bei den Menschen, die aus Polen in die Sowjetunion evakuiert wurden, um Ukrainer handelte, ist anzunehmen, daß diese in der Ukraine angesiedelt wurden. Deshalb kann man folgende Rechnung anstellen:

Ergebnis:

6,4 Millionen

1939:

8,9 Millionen

1940/41:

./. 1,5 Millionen

1945/46:

./. 1,0 Millionen

Die Sowjetunion hat durch den Zweiten Weltkrieg viele Menschen verloren, ebenso Weißrußland. Im Zeitraum von 1939 bis 1959 hat es folgende Bevölkerungsentwicklungen in der Sowjetunion gegeben (in Tausend):[360]

Land

1939

1959

UdSSR

190.678

208.826

Ukraine

40.469

41.893

Litauen

2.880

2.713

Lettland

1.885

2.094

Estland

1.052

1.196

Die Bevölkerung der Sowjetunion nahm im Zeitraum 1939-1959 folglich um knapp 10% zu. Für die Gebiete, die vom Krieg direkt betroffen waren, blieb der Bevölkerungszuwachs erheblich darunter. Man kann danach für Weißrußland auch eine Bevölkerung von etwa:

6,5 Millionen Menschen

erwarten. Man sieht, die Bevölkerungszahl von Weißrußland ist reichlich mysteriös. Denn nach dieser Rechnung wäre die Bevölkerungszahl von Weißrußland um etwa 1,5 Millionen Menschen zu hoch. Ich kann mir schwerlich vorstellen, daß es für dieses sonderbare Verhalten der sowjetischen Regierung keine rationale Erklärung geben soll. So meine ich, daß die Behauptung der Großen Sowjetischen Enzyklopädie, daß sich die Zahl der belorussischen Bevölkerung erheblich erhöht habe, einen realen Hintergrund hat. Ich gehe davon aus, daß die Juden aus dem Einflußgebiet des Nationalsozialismus in Weißrußland konzentriert wurden. Vermutlich wollte man damals, als die Enzyklopädie erschien, bei einer zukünftigen Volkszählung die exakten Zahlen bekanntgeben, und diese Bemerkungen dienten zur Vorbereitung. Vielleicht hat man die Juden aus der Ukraine und den baltischen Staaten wieder zurückgesiedelt. Dann würde die Zahl von 8,055 Millionen nicht einmal sehr stark von den tatsächlichen Zahlen abweichen. Aber das ist Spekulation. Was bleibt, sind die Ungereimtheiten der sowjetischen Volkszählungen. Dazu noch das Urteil eines Kenners:

»Eine vorhergehende methodische Untersuchung ist besonders notwendig, wenn man die Ergebnisse der neuesten Volkszählung bewerten will. Die erste Bilanz dieser Zählung macht den Eindruck, daß der darin enthaltene Ring von Kennzahlen ein Ergebnis sorgfältiger Auswahl ist, wie das bei der ihr nach Inhalt und Umfang ähnelnden Bilanz der vorläufigen Ergebnisse der Zählung von 1939 auch der Fall war. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch die Art, wie dieses Material dargeboten ist, z.B. dadurch, daß zum Vergleich Zahlen für 1939 herangezogen werden, die um eine Million niedriger sind als die kürzlich (in Narodnoje chosjajstwo SSSR w 1956 godu, S. 18) veröffentlichten und im Falle der Ukraine und Belorußlands erheblich von diesen abweichen, während bei der RSFSR und anderen Unionsrepubliken volle Übereinstimmung besteht, ohne daß für diese Differenzen jetzt eine Erklärung geben wird.«[361]

Man beachte auch hier wieder der Verweis auf Belorußland und auf zu niedrige Zahlen. Was verbirgt sich dahinter?

b) Die Zahl der Juden in der Sowjetunion. Ebenfalls sehr kompliziert ist eine Betrachtung der Bevölkerungsentwicklung der Juden in der Sowjetunion. Eigentlich, so scheint es, ist es ganz einfach. Die Zahl der Juden betrug gemäß den entsprechenden Volkszählungen:

1926:

2.673.000 Juden

1939:

3.020.000 Juden

1959 :

2.268.000 Juden[362].

Allerdings sind die Zahlen nicht vergleichbar. So war das Gebiet der Sowjetunion 1939 kleiner als 1959. Es umfaßte nämlich nicht die baltischen Staaten und Bessarabien. In beiden Regionen lebten sehr viele Juden. Wenn man die Zahlen von 1939 an die von 1959 angleicht, so wäre dazu zu addieren:[363]

Summe:

662.079 Juden

Litauen:

269.600 Juden

Lettland:

93.479 Juden

Estland:

9.000 Juden

Bessarabien:

290.000 Juden

Danach ergibt sich als angeglichener Bestand[364]:

1939 (angegl.): 3 682 000 Juden.

Das bedeutet zunächst, daß sich die Zahl der Juden in der UdSSR nicht erhöht, sondern erheblich vermindert hat und zwar:

Fehlbestand:

1.414.000 Juden

1939 (angegl. ):

3.682.000 Juden

1959:

2.268.000 Juden

Nach Georges Wellers, auf dessen Arbeit ich mich stütze[365], muß man aber den natürlichen Bevölkerungszuwachs berücksichtigen. Modifiziert man Wellers Verfahren[366], so ergäbe sich als zu erwartende Zahl für 1959:

3.682.000 + (1 % · [3 + 14]) = 4.307.940 Juden gerundet = 4.308.000 Juden.

Der Fehlbestand wird also noch größer:

Fehlbestand:

2.040.000 Juden

1959 (erw.):

4.308.000 Juden

1959 (gez ):

2.268.000 Juden

In Wellers Rechnung ist allerdings ein prinzipieller Gesichtspunkt nicht beachtet worden, auf den jetzt eingegangen werden soll. Man kann nämlich mit diesem Verfahren auch berechnen, wie groß die Anzahl der Juden in der Sowjetunion 12 Jahre nach 1959 im Jahre 1971 wohl sein müßte.

2.268.000 + (1 % · 12) = 2.540.160 Juden

Stellt man die gerundete, erwartete und die tatsächlich bei der Volkszählung 1971 ermittelte Zahl gegenüber dann ergibt sich:

Fehlbestand:

389.000 Juden

 

1971 (erw.):

2.540.000 Juden

 

1971 (gez.):

2.151.000 Juden

[367]

Danach fehlen 1971 rechnerisch 389.000 jüdische Menschen. Wo sind diese geblieben, wie kommt das? Die Antwort ist einfach: Assimilation! Nur ab wann gab es diese Assimilation, erst seit 1959? Oder schon früher? War der Assimilationsdruck immer gleich stark?

Wie ist es um die Möglichkeit der Assimilation der Juden in der UdSSR bestellt? Ich habe sehr unterschiedliche Antworten gefunden. Zitate:

»Nach sowjetischem Recht steht es jedem Sowjetbürger bei Vollendung des 16. Lebensjahres, beim ersten Antrag auf einen Paß, frei seine nationale Zugehörigkeit selbst zu bestimmen, unabhängig von Abstammung, Familiennamen, Muttersprache oder Religion. Es könnte sich also jemand, der kein Wort Russisch spricht (weil er vielleicht aus einer usbekischen Familie stammt), als Russe (oder als Angehöriger einer beliebigen anderen Nationalität) eintragen lassen. Muttersprache und Nationalität brauchen nicht identisch zu sein. Es hängt vielmehr vom Traditionsbewußtsein (Einfluß der Familie) und dem Zugehörigkeitsgefühl jedes einzelnen ab, zu welcher Nationalität er sich bekennen will.«[368]

»Von Anfang an war die Definition der jüdischen Nationalität schwierig: ›In den sowjetischen Pässen wird als Nationalität ihrer Inhaber die Nationalität der Eltern eingetragen, unabhängig von Geburts- und Wohnort... Ist der Paßinhaber aus einer Mischehe hervorgegangen, so hat er bei der Aushändigung des Passes das Recht, die Nationalität des Vaters oder der Mutter zu wählen.‹ (Sowjetunion heute 16. Jg., Heft 3 1.2.1971, S. 33) Nun ist aber die Definition der jüdischen Nationalität keineswegs so einfach. Infolge der zaristischen Verfolgungen bestand vor allem in gebildeteren Schichten das Bestreben, die diskriminierende jüdische Nationalität zugunsten der russischen loszuwerden. Durch die Abkehr von der jüdischen Religion paßten sich weite Schichten, ohne die jüdische Nationalität zu verlieren, so der sie umgebenden russischen Bevölkerung an, daß eine Unterscheidung eben nur noch an Hand der Paßeintragung möglich ist. Diese Juden hatten und haben nicht das Bedürfnis nach einer Autonomie. Sie sind faktisch in ihren Wirtsvölkern aufgegangen.«[369]

»Die Juden in der Sowjetunion sind sowohl als nationale Gruppe wie auch als Glaubensgemeinschaft anerkannt und haben als solche einen gesetzlichen Status. Wenn sich beide Eltern als Juden deklariert haben, kann das Kind automatisch als Jude anerkannt werden. Es ist jedoch den Eltern überlassen und wird von den Sowjets im Rahmen ihrer Assimilierungspolitik im Grunde gewünscht, bei der standesamtlichen Eintragung zu überprüfen und zu bestimmen, ob sie ihr Kind als Jude deklariert haben wollen.«[370]

»Und um allem die Krone aufzusetzen, ermuntert man die Juden zur Rassenangleichung. Kinder aus gemischten Ehen sind in der Regel keine Juden. Eduard Kusnezow schildert ein Beispiel in seinen ›Tagebüchern‹. Trotz seines Verlangens, als Jude zu gelten, weil sein Vater ein Jude war, wird er ständig als Russe hingestellt.«[371]

Die Aussagen sind verwirrend und widersprüchlich. Teils, so heißt es, kann man die Nationalität frei wählen, teils nur die von Vater oder Mutter übernehmen, teils können die Eltern für ihr Kind wählen. Das Widersprüchliche ist vielleicht dadurch veranlaßt, daß die Regelung verändert wurde, daß sie regional unterschiedlich praktiziert wird. Für die unterschiedliche Praxis spricht ein Bericht von Professor Weiß über das Zusammentreffen mit einem Juden:

»Er sagte: ›Wissen Sie, daß ich Jude bin?‹ Wir antworteten: ›Ja, Ihr Name scheint jüdischen Ursprungs zu sein.‹ Er erzählte, er habe eine Frau, die Nichtjüdin sei und mehrere Kinder. Dann sagte er uns, daß seine Kinder zu einer Zeit geboren wurden, als das sowjetische Nationalitätenrecht noch vorschrieb, daß Kinder aus einer Mischehe, in denen einer der Partner Jude ist, in ihrem Paß und in anderen Dokumenten als Juden deklariert werden müßten. Sein jüngstes Kind sei aber bereits zu einer Zeit geboren, da dieses Gesetz liberalisiert wurde und daß Kinder, die einen jüdischen Elternteil haben, das Recht hätten, entweder des Vaters oder der Mutter Nationalität zu wählen, sobald sie die Volljährigkeit erreicht hätten.«[372]

Diese Beobachtung von Weiß spricht für zeitliche Veränderungen, eine andere spricht für regionale Unterschiede in der Handhabung:

»Und auf der anderen Seite werden sie von der großen Gesellschaft nicht akzeptiert, selbst wenn sie sich bereit finden, alle Bande zu lösen, die sie an ihre Traditionen binden - ganz gleich, ob sie säkular oder religiös sind. Die Juden in der Sowjetunion haben die schmerzliche Erfahrung zu machen, daß sie an einem Punkt angelangt sind, von dem aus sie nirgendwohin und nirgendwo zurückgehen können.«[373]

Die Sowjetunion praktiziert offenbar recht unterschiedliche Methoden. Teils kann ein Jude sehr leicht die Nationalität wechseln, teils gar nicht. Vielleicht hängt es von dem einzelnen Juden ab, woher er kommt, wie lange er in der Sowjetunion lebt, welche Erfahrungen er hat. Wer weiß?

Auf einen ganz anderen Aspekt sei noch eingegangen. Zitat:

»Im Jahr 1959 lebten insgesamt 309.000 Griechen in der Sowjetunion davon 10.4000 in der Ukraine, 73.000 in Georgien und 47.000 in der RSFSR (13.000 Gau Stawropol, 12.000 Krasnodar). Diese Aufschlüsselung zeigt, daß die Griechen nur in ihren angestammten Siedlungsgebieten statistisch registriert sind, in denen sie schon seit 1813 leben. Insgesamt sind 96.000 nicht erfaßt, davon 21.000 in der RSFSR und 85.000 außerhalb der vorher aufgeschlüsselten Gebiete. Andere Statistiken erwähnen noch 5.000 Griechen in Armenien (Narodnoe chozjajstvo Armjanskoj SSR v 1964 g., Erevan 1965, S. 6), so daß noch 80.000 fehlen. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um nach 1943 zwangsumgesiedelte Griechen. 1939 lebten in der UdSSR insgesamt 186.000 Griechen, davon 84.960 in Georgien. 1959 waren es insgesamt 309.000, davon 72.938 in Georgien.«[374]

Bedenkt man, daß unter den »nach dem Osten« deportierten Juden auch 13.435 Juden aus Griechenland[375] waren, so kann man diese leicht statistisch unter den anderen Griechen »verstecken«. Kann man deutsche Juden nicht als Deutsche »deklarieren«? Kann man nicht die Assimilation von alteingesessenen Juden »fördern« und die Assimilation der Nenankömmlinge verhindern? Ein Vermerk im Paß dieser Menschen gibt den Behörden die nötige Information, daß man jene nicht zur Auswanderung zulassen darf und von Beschäftigungen beispielweise in Moskau fernhalten muß. Viele der vorher beschriebenen Sonderheiten fänden hierdurch eine Erklärung.

Die Sowjetunion verfügt somit über ein umfangreiches Instrumentarium, das es ihr erlauben würde, aus Europa in die Sowjetunion umgesiedelte Juden »zu verstecken«. Man bedenke, wieviele Juden würden wohl bereit sein, nach diesem Schicksal ihr Judesein zu vergessen, und alles tun, um für immer unter ihren Mitmenschen zu verschwinden?

3. Die Partisanen

Auf die Partisanenentwicklung wurde teils schon im vorigen Kapitel eingegangen. Die sowjetischen Veröffentlichungen über die Partisanenbewegung in den einzelnen Unionsrepubliken sind Jedoch auch sehr aufschlußreich. Schaut man in ein Handbuch der UdSSR[376], so ergibt sich folgendes Bild:

Estland
Keine Angaben.

Lettland
12.000 Partisanen und Illegale[377], bei 2.365.000 Einwohnern laut Volkszählung 1970[378].

Litauen
16.000 Partisanen wurden ausgezeichnet[379], bei 2.925.000 Einwohnern laut Volkszählung 1970.[380]

Rußland
Keine Zahlenangaben. Es werden nur »mächtige Schläge der Partisaneneinheiten« in den westlichen Gebieten, den Oblasten: Brjansk, Smolensk, Leningrad, Pskow erwähnt.[381] Zahl der Einwohner 1970: 130.900.000.[382]

Ukraine
Keine Zahlenangaben. Es wird nur allgemein von einem weiten Netz von Untergrundorganisationen gesprochen, 4.300 Grundorganisationen der Partei werden erwähnt, die Aktivitäten entfaltet hätten.[383] 1970 zählte die Ukraine 47.136.000 Einwohner.[384]

Weißrußland
120.000 Partisanen und Illegale wurden Orden und Medaillen verliehen.[385] 1970 hatte Weißrußland 9.003.000 Einwohner.[386]

Hier fällt wieder die ungewöhnliche Dominanz Weißrußlands auf. Man hat den Eindruck, Partisan sein in der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg heißt letztlich Partisan sein in Weißrußland. Die völlige Enthaltsamkeit der Ukraine ist bemerkenswert. Trotz 40.000.000 Menschen hat es offenbar sehr wenig Aktivitäten gegeben. Denn solche Angaben, wie 4.300 in der Partisanenbewegung tätige Partei-Grundorganisationen, sind viel zu blutleer, sie sehen mehr nach einer der üblichen statistischen Aktivitäten aus, die jede Parteiorganisation nach dem Krieg von sich sicher behauptet hat. Ebenso fehlen konkrete Angaben über Rußland selbst. Auffällig sind die Angaben über Lettland und Litauen. Nach Riga in Lettland gingen viele Transporte mit Juden, die dort in Lager gebracht wurden.

Jedenfalls ist es ungewöhnlich, daß unter allen Völkern der Sowjetunion ausgerechnet jene einen derartig herausragenden Partisanenkampf geführt haben, die völlig oder zu einem wesentlichen Teil 1939 oder wie die baltischen Staaten 1940 gewaltsam Teil der Sowjetunion wurden. Russen und Ukrainer hielten sich offenbar so zurück, daß das Handbuch keinerlei Zahlen über die dort tätigen Partisanen veröffentlichte. Man bedenke, daß die Sowjetunion einen Großteil der Bevölkerung des westlichen Teils von Weißrußland (bis 1,5 Millionen werden genannt) deportierte. Was brachte jene Menschen, deren Angehörige, Freunde, Bekannte das doch waren, dazu, sich so für die Sowjetunion einzusetzen? Das ist und bleibt für mich unverständlich! Wenn man jedoch annähme, daß die ansässige weißruthenische Bevölkerung in beträchtlichem Umfang aus dem Ostteil nach dem Westteil Weißrutheniens umgesiedelt und ihr Platz mit deportierten Juden aufgefüllt worden wäre, dann wäre es eine Erklärung.

Daß von seiten der Sowjetunion Partisanenaktivitäten außerhalb Weißrußlands vorgesehen worden sind, soll an Hand der Planungen der sowjetischen Regierung gezeigt werden.

Am 3. Juli 1941 wurde in Moskau die Aufstellung des »Zentralen Partisanenbewegungs-Stabes« begonnen. Anfang 1942 hatte er die Zusammensetzung:[387]

Zentraler Partisanenbewegungs-Stab

  1. Marschall Woroschilow vom Politbüro, Chef-Kommandeur der Zentralen Partisanenbewegung;
  2. Generalleutnant Ponomarenko, Sekretär des Zentralkomitees von Weißrußland, Stabschef des Zentralen Partisanenbewegungs-Stabes;

Ukrainischer Partisanenbewegungs-Stab

  1. Chruschtschow vom Politbüro, Führer der Partisanenbewegung in der Ukraine;
  2. Strokatsch, Stabschef (später Generalmajor);

Weißrussischer Partisanenbewegungs-Stab,

  1. Gen.-Ltn. Ponomarenko, Sekretär des Zentralkomitees von Weißrußland, Führer der Partisanenbewegung in Weißrußland:

Kuban-Partisanenbewegungs-Stab;

  1. Iguatow, Führer des Partisanenbewegungstabes im Kuban.

Aktivitäten waren folglich nicht nur für Weißrußland, sondern auch in der Ukraine und im Kuban-Gebiet geplant. Die konkreten Unternehmungen, die Redelis anführt, spielen auch wieder in Weißrußland. Er geht vor allem auf die Tätigkeiten des Partisanenführers Federow im Gebiet von Tschernigow ein.[388] Tschernigow liegt etwa 120 km südöstlich von Gomel und damit gar nicht in Weißrußland, sondern in der Ukraine. 1943 geschieht nun etwas Sonderbares. Federow erhält den Befehl, sich nach Westen zu begeben[389], und zwar in das Gebiet der Rokitnosümpfe. Federow marschiert 400 km nach Westen und schlägt sein Hauptquartier südlich von Pinsk[390], an der Grenze zwischen Weißrußland und der Ukraine auf. Er verlagert damit seine Aktivitäten in jene Gebiete, die schon starke Partisanenbewegungen besitzen! Er schwächt die Region um Tschernigow. Dieser Marsch ist somit unverständlich. Es gibt dafür jedoch eine einfache Erklärung. Wenn man annimmt, daß die Partisanenaktivitäten in Weißrußland sich der Kontrolle der KPdSU entzogen hätten, unabhängig von ihr entstanden wären und unabhängig operierten, dann gäbe dieser Marsch einen Sinn. Federow könnte dann an seinem neuen Einsatzgebiet diese Aktivitäten zu kontrollieren versuchen.

Noch einige weitere Zahlen über den Umfang der Partisanenbewegung in Weißrußland.[391] Danach waren insgesamt 370.000 Partisanen tätig. Von diesen waren 35.000 Kommunisten, 10.000 wurden während des Krieges Mitglied. 100.000 dieser Partisanen seien Komsomolzen gewesen. Der überwiegende Teil der Partisanen stand somit nicht den Kommunisten nahe!

4. Die deutschen Kriegsgefangenen

Das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion trägt ebenfalls ungewöhnliche Züge. Unmittelbar nach Kriegsende wurden zahlreiche Urteile gegen deutsche Kriegsgefangene gefällt.[392]

1948 setzt plötzlich eine neue große Prozeßwelle gegen die deutschen Kriegsgefangenen ein. Zur Praxis der Sowjetunion ein Zitat:

»Das Mißtrauen gegenüber der Gewahrsamsmacht war nicht aus der Welt zu schaffen, nur ihr selbst wäre dies möglich gewesen, indem sie die Karten offen auf den Tisch gelegt hätte. Sie aber nannte keine Namen, nur Zahlen, und auch diese ziemlich spät, mit scheinbar amtlicher Genauigkeit erstmals auf der Moskauer Außenministerkonferenz im Frühjahr 1947, als die Repatriierung der Kriegsgefangenen bis Ende 1948 festgelegt wurde. Moskau benachrichtigte auch nicht die Familien verstorbener Kriegsgefangener und verbot heimkehrenden Lagerinsassen die Mitnahme von Aufzeichnungen jeglicher Art über lebende oder verstorbene Kameraden. Kein Wunder, daß die Öffentlichkeit in ihrer Überzeugung bestärkt wurde, der Kreml habe ›etwas zu verbergen‹. Kein Wunder auch, daß die rechtswidrige lange Zurückhaltung der Kriegsgefangenen nach Kriegsende und die sogenannten ›Kriegsverbrecherprozesse‹ 1948/50 mit ihren eigenartigen Untersuchungsmethoden, Kollektivbeschuldigungen und Kollektivurteilen (die frühere Zugehörigkeit zu einer bestimmten Wehrmachtseinheit genügte, um den Angeklagten hinter Schloß und Riegel, sprich ins ›Arbeitsbesserungslager‹ zu bringen) nicht wenig dazu beitrugen, daß der Eindruck entstand, die Sowjetunion wolle sich nicht nur auf weitere Jahre hinaus billige Arbeitskräfte verschaffen, sondern auch die deutsche Intelligenz dezimieren, wie sie es bereits mit der Einrichtung von sogenannten ›Schweigelagern‹ getan habe.«[393]

Die Wehrmachtseinheiten, deren Mitglieder die Sowjetunion pauschal verurteilte, wurden im Jargon der Kriegsgefangenen ›gesperrte Einheiten‹ genannt.[394] Eine Liste mit den Namen dieser Einheiten wurde im Westen veröffentlicht.[395] Zur Liste:

»Die Liste (ohne Einheiten der Polizei, des S. D., der Feldgendarmerie, Geh. Feldpolizei u. a., deren Angehörige grundsätzlich der Kriegsverbrechen beschuldigt wurden) beruht ausschließlich auf Heimkehreraussagen und kann daher nicht den Anspruch erheben, vollständig und fehlerfrei zu sein. So wurden über die in der Liste aufgeführten Einheiten hinaus noch weitere 22 Divisionen genannt, doch zeigte sich bei der Überprüfung, daß einige nie existiert haben, andere nie auf dem östlichen Kriegsschauplatz eingesetzt waren. Ob hier ein Irrtum der Aussagenden oder der Gewahrsamsmacht vorliegt, ist nicht auszumachen.«[396]

Die Liste enthält zumeist Angaben auf Divisionsebene. Es werden nur drei Armee-Korps und eine Armee genannt. Zudem werden viele Namens-Divisionen und Divisionen der Waffen-SS aufgeführt. In der Liste sind fast alle Heeres-Divisionen aufgeführt, die beim Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte in Weißruthenien eingesetzt waren. Sie erhielten im vorherigen Kapitel den Vermerk »gesperrt«. Da Armee-Korps aus Divisionen bestehen, ist es gut möglich, daß deren Divisionen ebenfalls zu den gesperrten Einheiten zählen. Es ist sogar wahrscheinlich, da von den 15 Divisionen, die beim Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte namentlich genannt wurden, 13 als gesperrt aufgeführt werden! Schaut man sich die normalen Divisionen in der Liste der gesperrten Einheiten an, so sieht man, daß von den 108 aufgeführten Divisionen 46 in Weißruthenien eingesetzt waren bzw. Soldaten von dort zerschlagenen Einheiten aufgenommen haben. Bedenkt man, daß sieben weitere Divisionen von den 108 überhaupt nicht an der Ostfront eingesetzt waren, so ist der Anteil der Einheiten aus Weißruthenien ungewöhnlich groß.

Bemerkenswert ist, daß viele der weiteren gesperrten Einheiten im Raum Iasi zerschlagen wurden. In diesem Großraum kann es gut weitere Lager mit rumänischen Juden gegeben haben, und zwar aus Podolien und Transnistrien.[397]

Viele Gefangene, die nachweisbar in Gefangenschaft gesehen wurden, sind verschwunden.[398] Es fehlen nach vorsichtiger Schätzung mindestens 96.000 Gefangene.[399] Nachdenklich stimmt auch, daß die Sowjetunion keine Angaben über das Schicksal dieser Menschen macht. Schon so elementare Angaben wie die Anzahl der Gefangenen werden verschwiegen.[400]

Eine weitere Gruppe von deutschen Gefangenen in der Sowjetunion bilden die sogenannten Zivilverschleppten. Zitat:

»Die Verschleppung von einigen hunderttausend deutschen Zivilisten aus den Ostgebieten ins Innere der Sowjetunion, wie sie von Flüchtlingen berichtet wurde, bot zudem eine Parallele zum Los der Kriegsgefangenen. Von ihnen, den Zivilverschleppten, drang lange Zeit kein Wort nach Deutschland, keine Karte, kein Brief, kein Lebenszeichen. Wo immer sie auch stecken mochten, ihre Aufenthaltsorte waren zweifellos ›Schweigelager‹. Sie hatten keinen Rückhalt im Völkerrecht nicht einmal in der Haager Landkriegsordnung von 1907, die wenigstens von den Kriegsgefangenen in Anspruch genommen werden konnte. Kehrten später, vor Stalins Tod 1953, Zivilverschleppte aus der Sowjetunion zurück, so sagten sie wahrheitsgemäß, sie hätten nicht schreiben dürfen.«[401]

Aus dem Jahre 1988 stammt die folgende Meldung:

"Mehr als 40 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sind noch etwa 400.000 Deutsche in der Sowjetunion vermißt, ohne daß nach ihnen bislang offiziell geforscht wurde. Von weiteren 424.000 Fällen, um die sich die Suchdienste des Deutschen und des Sowjetischen Roten Kreuzes bemühten, wurden nach Angaben des DRK-Präsidenten Prinz zu Sayn-Wittgenstein fast 15 Prozent geklärt.«[402]

In dem Buch So weit die Füße tragen wird von dem Kartenzeichner Danhorn berichtet:

»Kein Haar ist diesem Danhorn seit der Gefangennahme gekrümmt worden. Die Vernehmer haben sich mit ihm wenig Mühe gemacht. Auf Befragen hat er bereitwillig erzählt, wie die russischen Beutekarten in der Kartenstelle der Armee, bei der Danhorn den ganzen Krieg lang arbeitete, so schnell in ungezählten Kopien mit deutscher Beschriftung an die Truppe hinausgegeben werden konnten, die vordem mit Dreihunderttausenderkarten hatte arbeiten müssen.«[403]

Welches Verbrechen hatte Danhorn, der Kartenzeichner, begangen, wo er doch die ganze Zeit in einer Kartenstelle gearbeitet hatte? Warum machten sich die Vernehmer keine Mühe mit ihm? Vielleicht war sein »Fall« zu klar. Mußten alle verschwinden, die in solchen Kartenstellen gearbeitet haben? Man bedenke die zentrale Rolle, die bei meinen Beobachtungen zu Beginn dieses Buches Karten der Region Minsk gespielt haben. Diese Karten mußten doch erstellt werden.

Generell drängen sich viele Fragen auf. Warum wurden die Einheiten erst 1948 gesperrt? Warum sind so viele reguläre Einheiten darunter, die in Weißruthenien eingesetzt waren? Welche Motive hatte die Sowjetunion? Die beschriebenen Maßnahmen hätten es der Sowjetunion erlaubt, alle jene, die über Judenlager in Weißruthenien oder anderswo Bescheid wußten, ob Soldat oder Zivilist, auszusondern und in der Weite der Sowjetunion verschwinden zu lassen.

C. Reisebeschränkungen

Freies Reisen in der Sowjetunion ist so gut wie nicht möglich. Fast alle Menschen dürfen sich nur in sehr begrenztem Umfang innerhalb der Sowjetunion bewegen. Die Einschränkungen umfassen im Prinzip alle Gruppen:

Der Sowjetbürger, von wenigen Privilegierten abgesehen, kann nicht oder nur sehr schwer seinen Wohnort wechseln. Zitat:

»Die sogenannte ›Propiska‹ spielt im Leben eines Sowjetmenschen eine besondere Rolle. Gesetzt den Fall, Sie lebten in Puschkino (15 km von Moskau entfernt) und wollten nach Moskau umziehen. Das ist genauso unmöglich, wie nach Amerika zu reisen. Sie haben eine ›Propiska‹ für die Provinz, aber nicht für Moskau. Noch schwieriger ist es, aus anderen (angrenzenden) Gebieten in die Gebiete von Moskau, Leningrad, Kiew oder Odessa überzusiedeln. Alle diese Gebiete sind Sperrgebiete. Selbst von einer Stadt in die andere zu ziehen ist unglaublich schwierig, zum Beispiel von Kuibyschew nach Saratow. Es beginnt eine endlose Befragung: Warum ziehen Sie um, aus welchem Grund haben Sie Verwandte in dieser Stadt, haben Sie eine Wohnmöglichkeit usw.? Und wenn Sie keine hinreichenden Informationen geben, erhalten Sie auch keine ›Propiska‹. Für jemanden, der auf dem Lande lebt - in einer Kolchose - ist es fast unmöglich, eine ›Propiska‹ zu erhalten. Selbst in den Tagen der Leibeigenschaft gab es keine solche Festschreibung, keine solche Bindung einer Person an den Boden...«[404]

Die Propiska oder der Paß wird aber nicht nur für Umzüge, sondern auch für eine Reise von einem Ort zum anderen nötig. Bis 1974 hatten viele Bürger, vor allem die Mitglieder der Kolchosen, gar keine Pässe.[405] 1974 erschien eine neue Verordnung, und danach sollen fast alle Bürger Pässe erhalten.[406] Allerdings sind die Ausführungsbedingungen so gehalten, daß Zweifel berechtigt sind, daß dies so gehandhabt wird.[407] Wer verreisen will, kann das mit dem neuen Paß auch nicht problemlos. Er muß sich selbst bei kürzeren Reisen (unter sechs Wochen) in der Regel registrieren lassen.[408] Zusammenfassend kann man zu der neuen Verordnung sagen:

»Dies allein bedeutet aber nicht, daß das Kolchosmitglied oder überhaupt der Sowjetbürger das Recht der Freizügigkeit nicht nur de jure, sondern auch de facto besitzt. Im vorletzten Absatz der Annotation heißt es: ›Den auf dem Lande lebenden Bürgern, welchen gemäß der vorhergehenden Regelung Pässe nicht ausgehändigt wurden, werden bis zu der allgemeinen Aushändigung eines Passes neuen Typs bei der Reise in einen anderen Ort und für längere Zeit Pässe, bei Verreisen für eine Zeit von weniger als anderthalb Monaten Identitätsbescheinigungen ausgehändigt werden.‹ «[409]

Doch selbst die Paßbesitzer, so ist der Verordnung zu entnehmen, können sich nicht ohne Einschränkung bewegen:

»Bei Reisen unterliegen die Bürger der UdSSR der Anmeldepflicht, der zumeist durch Registrierung (bei einem Aufenthalt von weniger als anderthalb Monaten) oder durch Anmeldung zu einem vorübergehenden Aufenthalt entsprochen wird. Die Anmeldung zu einem dauernden Aufenthalt setzt die Abmeldung im vorhergehenden Wohnort voraus,«[410]

Diplomaten dürfen sich in den meisten Ländern der Welt frei bewegen. Nicht so in der Sowjetunion. 1948 - man beachte das Jahr! - wurde mit Erlaß vom 30.9.1948 die Bewegungsfreiheit der Diplomaten drastisch eingeschränkt.[411] Für Ausländer gesperrte Gebiete wurden großräumig eingeführt, ein Verzeichnis führt die entsprechenden Regionen an. Das heute gültige Verzeichnis enthält eine Überraschung, Weißrußland ist unter den gesperrten Gebieten gar nicht aufgeführt! Schaut man sich diese Verordnung jedoch genau an, so zeigt sich, daß Weißrußland für Diplomaten trotzdem nicht erreichbar ist. Es werden nämlich, vor allem, was Moskau betrifft, mehr die Wege und Gebiete, die für Diplomaten zugänglich sind, aufgeführt:

»Verwaltungsgebiet Moskau, offen sind:« und dann werden die zugänglichen Gebiete beschrieben. Ein Beispiel:[412]

»auf der Wolokolamsker Chaussee: Nach Istra, Wolokolamsk, zum Bahnhof Dubossekowo (über Wolokolamsk) und zum Dorf Terjajewo (über Maslennikowo);

auf der Minsker Chaussee: Nach Swermgorod (bis Golizyno und weiter auf der Swenigoroder Chaussee), Moshaisk und zur Siedlung Borodina (bis Modenowo und weiter auf der Moshaisker Chaussee);

auf der Chaussee Richtung Kaschira (Kaschirskoje schosse): Zum Flughafen Domodedowo und in die Rayons Kaschira, Osjory, Saraisk, Serebrjanye prudy;«

Offensichtlich ist es unmöglich, aus Moskau nach Weißrußland zu gelangen, wenn alle Straßen nur bis zu einem bestimmten Punkt passiert werden dürfen. Ich muß allerdings einräumen, daß ich keinerlei einschlägige Kenntnisse über das Straßenwesen der Sowjetunion besitze. Aber wenn die Minsker Chaussee nicht durchgängig befahrbar ist, fällt es mir schwer zu glauben, man könne nach Minsk mit dem Auto gelangen. Ein Auto wäre aber nötig, wenn man sich halbwegs frei in Weißrußland bewegen möchte.

Der Tourismus hat seit Stalins Tod in einem Umfang zugenommen, der früher unvorstellbar gewesen wäre.[413] Inwieweit kann sich aber ein Tourist in der Sowjetunion frei bewegen? Welche Informationen kann er überhaupt erlangen? Dabei ist zu bedenken, daß es für die meisten Touristen in der Sowjetunion folgende prinzipiellen Behinderungen gibt:

Soweit es sich um Flug- oder um Bahnreisen handelt, sind die Reisen in der Regel staatlich organisiert. Interessanter ist der Autotourismus, der in der Sowjetunion im begrenzten Umfang zugelassen ist. Doch hier gibt es besonders strenge Einschränkungen:

»Die Autotour eines ausländischen Besuchers der Sowjetunion muß hinsichtlich Dauer, Route, Besichtigungsprogramm, Übernachtungsorten, Verpflegungseinnahmen, Tanken (Benzingutscheine!) vor Reiseantritt genau durch Intourist oder durch ein anderes Reisebüro, das Intourist-Vertragspartner ist, festgelegt und dort im voraus bezahlt werden. Die Fahrt darf nur über Orte erfolgen, in denen Intourist-Zweigstellen bestehen.«[417]

»Ein Abweichen von den für Touristen freigegebenen Autostraßen ist nicht zulässig, da außerhalb dieser Routen Tanken und Reparaturen nicht gewährleistet werden können. Für die zweifellos geringe Anzahl von PKW-Reisenden, die bei Verwandten oder Bekannten wohnen und ohne Intourist-Buchung reisen wollen, werden die Visa meist nur mit Schwierigkeiten ausgestellt.«[418]

Welche Autorouten sind überhaupt zugelassen? Dazu eine Karte der Wege:[419]

Auf der Karte sticht die Route Brest-Minsk-Smolensk-Moskau hervor, die Weißrußland durchläuft. Es sollen die Methoden vorgestellt werden, mit denen die Sowjetunion diese hochinteressante Reiseroute kontrolliert.

Der Grenzübergang Brest ist nur beschränkt zwischen 7 und 21 Uhr geöffnet.[420] Die Dauer der Abfertigung an der Grenze beträgt ziemlich genau eine Stunde. Und das ist von »oben« offenbar so angeordnet.[421] Dadurch wird der Reiseverkehr über diesen Grenzübergang automatisch außerordentlich eingeschränkt. Bei einer vorhandenen Fahrspur können somit 15 Autos die Grenze pro Tag passieren. Da darunter auch sowjetische Fahrzeuge sind, ist mit weniger als 15 ausländischen Autos pro Tag zu rechnen. Die ausländischen Fahrzeuge werden auf der Strecke Brest-Smolensk peinlich genau überwacht, in einem Umfang, der für westliche Maßstäbe unglaublich ist. Ein westdeutscher Journalist, der die Strecke mit seiner Familie abgefahren ist, hat darüber berichtet:

»Wenig später erreichen wir die autobahnähnlich angelegte Stadtausfahrt in Richtung Minsk. Wir halten und fotographieren das erste Straßenschild mit Hinweis Minsk. Wir stellen fest, daß es nicht schwer ist, solche Hinweise in kyrillisch zu entziffern, rasch prägt man sich das Schriftbild ein. Als wir nach dem gelungenen Fotoschuß an einem Wachhaus zwei Kilometer weiter von Milizionären gestoppt werden, mein Paß abgenommen wird und einer der Beamten damit im Häuschen verschwindet, sind wir zunächst baff. Ich gehe hinterher. Ich beobachte den Polizisten am Telefon, der Paß ist aufgeschlagen und dient als Gesprächsgrundlage. Meine Zwischenfragen werden nicht verstanden und nicht beachtet. Nach fünfminütigem Telefonat reicht man mir den Paß zurück und sagt ›auf Widersähn‹, weist mir die Tür. Das stimmt mich nicht zufrieden, ich gehe zum Angriff über. Aus der Tasche nestle ich Marias Adresse, deute auf die Telefonnummer und verlange energisch, man möge diese Nummer wählen. Der Polizist gehorcht. Ich erkläre Maria den Vorfall und bitte um eine Erklärung. Sie spricht mit dem Beamten, der mir den Hörer wieder übergibt. Maria erklärt mir, ich hätte etwas Verbotenes getan. Arglos schildere ich ihr mein Fotomotiv, das Straßenschild. Sie sagt, daß hinter dem Schild eine Brücke die Straße überquert - und das sei ein verbotenes Motiv, deshalb der Stop.«[422]

In Minsk lernen sie Einheimische kennen. Man verabredet sich zu einem gemeinsamen Ausflug:

»Wir verspäten uns am nächsten Tag um mindestens eine Stunde. Als wir vorfahren, stehen unsere neuen Freunde schon versammelt am Straßenrand, Ehemann Jarislaw und Gattin Luda mit Kind Dimitri; der Freund und Studienkollege Pjotr ist ebenfalls dabei. Mit Ausnahme von Jarislaw steigen alle zu uns ins Wohnmobil. Jarislaw bedeutet mir, daß er etwa fünf Minuten später mit dem eigenen Auto folgen werde eine reine Vorsichtsmaßnahme, doch Freund Pjotr wisse den genauen Weg. Wir sind verdutzt. Nach etwa sieben Kilometern, an der Stadtgrenze, merken wir auf. ›Wir werden beobachtet‹, meint Beifahrer Pjotr. Tatsächlich: nach weiteren acht Kilometern, an einem Abzweig und schon in Sichtweite zur Sommersprungschanze, stoppt uns ein Milizionär. ›Passport‹, herrscht er mich an. Ich reiche ihm unsere drei Pässe. Er spricht mich weiter in russisch an. ›Sprechen Sie deutsch oder englisch, ich verstehe Sie nicht‹, sage ich betont streng - und das versteht er wiederum nicht. Alle anderen im Wagen sind stumm. So geht unser Kontrolleur zielstrebig an die rückwärtige Wohnmobiltür, reißt sie unwirsch auf und fragt - wir ahnen es - ›wer ist hier Russe?‹.«[423]

Ein weiteres Beispiel:

»Etwa 40 Kilometer hinter Minsk - wir diskutieren noch immer die abrupte Trennung von unseren neuen Freunden - liegt auf der rechten Seite der Straße ein See mit angeschüttetem Badestrand. Als wir die Teerstraße verlassen, um auf einem Querweg die etwa 200 Meter bis zum Strand zurückzulegen, steht wie aus dem Boden gestampft wieder ein Milizionär vor uns. Er stoppt den Wagen. Mit einer Schwimmbewegung und einem Fingerzeig auf den See erkläre ich ihm unser Vorhaben. ›Njet‹ ist die kurze trockene Antwort.«[424]

Diese Episoden sind nur erklärbar, wenn die Sowjetunion ein umfassendes Netz zur Überwachung der westlichen Autotouristen aufgebaut hat. Diese Überwachung der Touristen wird von der sechsten Sektion der Siebten Abteilung der Zweiten Hauptabteilung des KGB durchgeführt[425]:

»Angehörige der Sechsten Sektion stellen Beobachtungsposten in Motels, auf Campingplätzen, an Tankstellen und Autowerkstätten entlang der von Touristen bevorzugten Straßen, sie beobachten zudem alle Ausländer, die in der Sowjetunion mit Flugzeug oder Eisenbahn unterwegs sind. Diese Sektion verwaltet auch ein das ganze Land umspannendes Kommunikationssystem, mit dem die Siebte Abteilung Fotos und Angaben zur Person von Touristen sehr schnell übermitteln kann.«[426]

Zum Abschluß dieses Abschnittes sei noch auf das ausgeklügelte Grenzbewachungssystem der Sowjetunion eingegangen, welches verhindern soll, daß Menschen die Sowjetunion illegal verlassen können.

Die Sowjetunion verfügt über 200.000 Grenzsoldaten.[427] Es werden nur besonders zuverlässige Russen eingesetzt, die zudem noch bestimmten politischen Anforderungen genügen.[428] Die Grenze ist in drei Kontrollzonen gegliedert:

  1. Beschränkt zugängliche Zone. Sie ist etwa 30 km breit und unterliegt besonderen Sicherheitsbestimmungen. Wer nicht in dieser Zone wohnt, darf sie nur mit Sondererlaubnis des Sicherheitsdienstes betreten.[429]
  2. Verbotene Zone. Diese Zone gibt es entlang der eigentlichen Grenze. Ihre Breite hängt von den örtlichen Gegebenheiten ab. Ihr Aufbau:

    »Unterirdische Leitungen entlang der Grenze ermöglichen es den Grenzposten, jederzeit telefonisch mit dem Hauptquartier Verbindung aufzunehmen. Funkverbindungen werden, zumindest was die Grenzpatrouillen betrifft, auf ein Minimum reduziert. Zu den stationären Grenzvorkehrungen gehören Grenzposten, versteckte Posten, Hinterhalte, größere und kleinere Patrouillen, Beobachtungsposten, Paßkontrollposten und Manövergruppen.«[430]

  3. Eigentliche Grenzbefestigungen. Sie bestehen aus mehreren 20 bis 30 Meter breiten Spurenkontrollstreifen, auf denen jeder Flüchtling deutliche Spuren hinterläßt.[431]

Derartige Grenzbefestigungen gibt es auch an den Grenzen zu den Verbündeten der Sowjetunion, so zum Beispiel an der Grenze zu Polen.[432] Die Grenzsoldaten werden noch von dritter Seite bei ihrer Arbeit unterstützt:

»Darüber hinaus sind diese Gebiete mit KGB-Agenten und Berufs- oder Gelegenheitsspitzeln besetzt; bei letzteren handelt es sich meist um Grenzbewohner, denen man nahelegt, nicht nur tatsächliche Grenzverletzungen, sondern auch jeden verdächtigen Fremden zu melden. Daneben gibt es verschiedene Freiwilligenkommandos, meist junge Leute, Schulkinder und Pioniere, die von den lokalen Partei- und Komsomolorganisationen vermittelt werden und ganz offiziell mit den Behörden zusammen arbeiten. Sind sie erfolgreich, so werden diese Freiwilligen mit Geld, Geschenken und Urkunden belohnt. Die Bevölkerung des Grenzgebiets wird ständig zu äußerster Wachsamkeit angehalten. «[433]

D. Weißrußland

Über Weißrußland oder Belorußland, wie es auch genannt wird, und seine Entwicklung nach 1945 liegen nur wenige Erkenntnisse vor. Die geringen Informationen zeigen aber, daß das Land eine in vielerlei Hinsicht abweichende Entwicklung von den übrigen Sowjetrepubliken genommen hat.

1. Die Sonderstellung Weißrußlands

Nach den Beobachtungen westlicher Rußlandkenner ist Weißrußland eine ungewöhnlich Sowjetrepublik. 1964 erschien eine ausführliche Untersuchung der Delegierten des XXII. Parteitages in Moskau. Dieser Parteitag war deshalb für westliche Beobachter so interessant, da hier im Parteitagsbericht erstmals auch die Funktion eines jeden Delegierten aufgeführt wurde.[434] Ergebnisse aus der Untersuchung:

»Vergleicht man die Delegationen der fünfzehn verschiedenen Unionsrepubliken, so tritt die interessante Tatsache zutage, daß es erhebliche Unterschiede in der personellen Zusammensetzung gab. Die Delegation Belorußlands, insbesondere, hob sich von allen anderen durch die große Zahl von führenden Staats- und Parteifunktionären ab, die sie umfaßte. Diese an sich schon beachtliche Zahl wird noch bedeutsamer, wenn man sie zum relativen Bevölkerungsanteil Belorußlands und zur Mitgliederzahl seiner KP im Verhältnis zu der gesamtsowjetischen KP in Vergleich setzt. Denn an der Bevölkerung der Sowjetunion zum 1. Januar 1962 (219,7 Mill.) hatte Belorußland mit 8,3 Mill. Menschen einen Anteil von 3,8 Prozent, von der Mitgliederzahl der KPdSU (8872516) entfielen auf die Belorussische KP mit 202068 rund 2,3 Prozent (bei Mitgliedschaftskandidaten 2,8 Prozent), während sich in der belorussischen Delegation 24 hohe Staatsfunktionäre (von insgesamt 119, also 20 Prozent) und acht hohe Parteifunktionäre (von insgesamt 62, also 13 Prozent) befanden.

Außer Vertretern der Belorussischen Unionsrepublik und der KP Belorußlands umfaßte diese Delegation auch hohe Funktionäre der zentralen Partei- und Regierungstellen, die keine ersichtliche Verbindung zu Belorußland hatten. Auch in dieser Hinsicht unterschied sich die belorussische Delegation von der anderer Unionsrepubliken, wenngleich dieser Unterschied sich statistisch nicht so klar erfassen läßt.«[4359

Generell heißt es über die Bedeutung der Zusammensetzung solcher Parteitagsdelegationen:

»Die Zusammensetzung von Parteitagsdelegationen ist das Ergebnis sorgfältiger Auswahl - nicht etwa spontaner Delegiertenwahlen und zwar einer Auswahl, die in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der Vertretung der wichtigsten Körperschaften des Staates und der Partei getroffen wird (alle Mitglieder des ZK-Büros und -Sekretariats, alle wichtigeren Regierungsressorts, alle Provinzen, sowohl auf Partei- wie auf Behördenebene, die wichtigsten Städte usw.) Der verbleibende Spielraum für besondere, persönliche Qualifikationen als Delegierter ist gering.«[436]

Aus der Zusammensetzung der Delegation zieht der Verfasser den Schloß:

»Jedenfalls tritt in diesen Personalien eine wachsende Bedeutung Belorußlands in der sowjetischen Volkswirtschaft hervor. Es läßt sich vermuten, daß Minsk zu einem Zentrum spezieller und hochtechnisierter Industrien mit militärischer Bedeutung ausgebaut wird. In diesem Zusammenhang gewinnt auch die bereits gemachte Feststellung, daß man in Belorußland auf Disziplin und strenge Strafpraxis erklärtermaßen großen Wert legt, einen besonderen Beigeschmack.«[437]

Dazu paßt eine andere Erkenntnis:

»Zusammen mit anderen Äußerungen Aksjonows und ähnlichen Worten Petrows und Masurows kann man dies dahingehend deuten, daß die Polizeikontrolle - sowohl die offene wie die verdeckte - in Belorußland außerordentlich scharf gehandhabt wird. Übrigens war Belorußland die einzige Unionsrepublik, die sowohl ihren Innenminister als auch ihren Chef des Staatssicherheitsdienstes als Delegierte zum XXII. Parteikongreß entsandte, während Georgien, Kasachstan, Usbekistan, Baschkirien, die Tataren-ASSR, die Ukraine und die RSFSR nur Vertreter entweder der einen oder der anderen Behörde, die übrigen Republiken überhaupt keinen Vertreter dieser Ressorts entsandten.«[438]

Zum Schluß noch zwei Zitate aus diesem Aufsatz, die mir hochinteressant erscheinen:

»Zu ihnen gehörten 41 vollberechtige Delegierte und zwölf mit nur beratender Stimme. Einige Einzelhinweise mögen angebracht sein, da eine Gesamtanalyse aus Mangel an näheren Angaben nicht ergiebig ist. Dreizehn von ihnen wurden als ›Militärpersonen‹ (wojennoslushaschtschije) geführt. Von Interesse für die politische Soziologie des Sowjetkommunismus ist die Tatsache, daß fast genau die Hälfte dieser politisch einflußlosen Delegierten Frauen sind, während es unter den politisch wichtigen Delegierten nur eine einzige Frau gibt.«[439]

»Betrachtet man die Laufbahnen der führenden Männer in der Zentrale der KPB (Kommunistische Partei Belorusslands d. V.), so tritt die bemerkenswerte Tatsache hervor, daß es hier in der Zeit nach Stalins Tod keinen scharfen Bruch in der Personalpolitik und den Ernennungen gegeben hat. Vielmehr scheint seit den ersten Nachkriegsjahren ein stetiger personeller Aufbau rund um den Kern der Partisanen und der Komsomol- und Parteifunktionäre der Kriegszeit stattgefunden zu haben. «[440]

Im Zusammenhang mit diesen Texten ergeben sich zahllose Fragen. So weit wirtschaftliche Belange betroffen sind, werden sie später gestellt. Im einzelnen: Wieso hat Weißrußland ein solches Gewicht innerhalb der KPdSU? Was ist an diesem Land Besonderes? Wirkt es nicht sehr farblos? Wieso wurde die Parteitagsdelegation so gewählt, daß sowohl der Innenminister als auch der Chef des Staatssicherheitsdienstes als Parteidelegierte entsandt wurden? Welche Bedeutung haben diese undefinierten »Militärpersonen« innerhalb von Weißrußland, daß sie in solch großer Zahl vertreten sind? Welche Tätigkeit üben sie aus? Wieso kann sie sowohl von Frauen und Männern offenbar gleichermaßen ausgeübt werden? Wieso gibt es sie nicht bei den anderen Unionsrepubliken? Hängt die Sonderstellung Weißrußlands mit dieser Tätigkeit zusammen? Ungewöhnlich ist auch die kontinuierliche Personalpolitik. Die Männer der Zentrale der KPB kommen alle aus der Partisanenbewegung!

Notiz: Wenn man annähme, daß es sich bei den Militärpersonen um Lagerpersonal handelt, dann wäre die Aufteilung in Männer und Frauen plausibel.

2. Neue Ortschaften

In diesem Zusammenhang sei an die sonderbare Zunahme der Bevölkerungsdichte von Weißrußland erinnert, auf die zu Anfang der Arbeit verwiesen wurde, eine Zunahme, die durch die offiziellen Ergebnisse der Volkszählungen nicht verständlich ist. Diese Beobachtung wird durch eine weitere Tatsache gestützt. Generell sei daran erinnert, daß Weißrußland eine starke Bevölkerungsabnahme zwischen 1939 und 1959 zu verzeichnen hatte. Dabei gibt es die Besonderheit der doppelten Zahlen für 1939, die schon auffällig genug ist. Im einzelnen:

1939 (1. Angabe):

10.500 Millionen

1939 (2. Angabe):

8.910 Millionen

1959:

8.055 Millionen

Bei einer derartigen massiven Bevölkerungsabnahme mutet die folgende Angabe aus einem sowjetischen Lehrbuch für die 8. Klasse sehr sonderbar an:

»Für Belorußland wie auch für die Ukraine bestand nach dem Kriege die Hauptaufgabe im Wiederaufbau der zerstörten Elektrizitätswerke, Fabriken, Betriebe und Ortschaften. Neben dem Wiederaufbau geht jedoch auch der Neuaufbau voran. Tausende von Ortschaften und Dörfern sind neu erstanden.«[441]

Wieso entstanden Tausende von Ortschaften und Dörfern neu? Bei dieser Bevölkerungsabnahme? Man erinnere sich an die Ausführungen im vorigen Kapitel, wo es geheißen hatte:

»Im Kriege spielen natürlich auch andere Dinge eine Rolle. So wird auch erst nach dem Kriege die notwendige Flurbereinigung, die Auflockerung der übervölkerten Dörfer durch Schaffung neuer Siedlungen usw. erfolgen können.«

Beide Systeme, das nationalsozialistische und das kommunistische, hielten die Schaffung neuer Ortschaften für nötig! Sonderbar! Dabei hat es gravierende Zunahmen der Stadtbevölkerung gegeben, was die Angelegenheit noch unverständlicher macht:

Stadt

1941[442]

1959[443]

1970[444]

Minsk

239.000

509.000

916.000

Gomel

166.000

272.000

 

Witebsk

167.400

148.000

213.000

Mogilew

99.400

121.000

202.000

Bobrnisk

84.100

97.000

138.000

Brest

73 .000

122.000

 

Baranowitschi

26.000

102.000

 

Orscha

31.300

64.000

101.000

Diese Entwicklung belegt eine kontinuierliche Zunahme der Bevölkerung in den Städten.

3. Die wirtschaftliche Entwicklung seit 1941

Detaillierte Angaben über die Industrie der Sowjetunion sind naturgemäß sehr schwer zu erhalten. Eine Aufstellung über die Jahre 1929/30 vermittelt aber ein ungefähres Bild über die Struktur der Industrie Weißrußlands vor dem Zweiten Weltkrieg:

Bruttoproduktion gemäß Voranschlag für das Jahr 1929/30[445]

Industrie

In 1.000 Rubeln in Preisen des Jahres 1926/27

Gegenstände der Produktion

Rechnungseinheiten

Zahl

Bau

3.392,4

Ziegel

1.000 Stück

57.500

       

682

       

2.816

Glas

9.944,2

Fensterglas

Tonnen

5.600

   

Lampenglas

Tonnen

4.565

   

Flaschen

Tonnen

4.831

Metall

25.847,9

Häckselmaschinen

Stück

1.560

   

Dreschmaschinen

Stück

14.875

   

Drehbänke

Stück

400

   

Gravierapparate

Stück

200

   

Steinzerkleinerungsmaschinen

Stück

425

   

Wagen

Stück

23.430

   

Nägel

Tonnen

7.010

   

Brillen, gewöhnliche

Dutzend

736.000

   

Brillen, optische

Dutzend

324.000

Textil

22.659,0

Baumwollstoff

1l000 m

7.650

   

Stoffe

1.000 m

141

   

Damenstrümpfe

Dutzend

683.000

   

Kinderstrümpfe

Dutzend

143.000

   

Herrenstrümpfe

Dutzend

230.000

Leder

37.591,7

Große Häute

Stück

304.495

   

Kleine Häute

Stück

1.225.000

   

Schuhe, Stiefel

Paar

2.367.040

Chemie

4.109,9

Chemische Kreide

Tonnen

4.160

   

Farben

Tonnen

800

   

Kämme

100 Stück

3.624

   

Knöpfe

1.000 Stück

37.082

Lebens-
und
Genuß-
mittel

22.239,7

Hefe

Tonnen

5.500

 

Konfekt

Tonnen

2.960

 

Pflanzenfett

Tonnen

5.171

 

Bauerntabak

Tonnen

2.800

Holz

66.508,6

Sägeware

cbm

730.231

   

Fourniere

cbm

129.343

   

Streichhölzer

Kisten

2.450.305

Papier

33.008,0

Papier

Tonnen

43.140

   

Karton

Tonnen

5.775

   

Tapeten

1.000 Stück

10.900

Vor dem Zweiten Weltkrieg besaß Weißrußland also nur sehr wenig Industrie; moderne Industriezweige fehlten völlig. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Weißrußland stark industrialisiert. Zitate:

»In der Volkswirtschaft Belorußlands wurden von 1946 bis 1950 mehr staatliche Mittel investiert als in allen Fünfjahrplänen der Vorkriegszeit zusammen «[446]

»Hunderte neuer Betriebe wurden errichtet, neue Industriezweige entstanden. Die Bruttoindustrieproduktion war 1968 81 mal höher als 1913. Besonders rasch entwickelten sich der Kraftwagen-, Traktoren- und Maschinenbau, die metallverarbeitende und chemische Industrie.«[447]

Die tiefgreifendste Veränderung erlebte der Maschinenbau:

»Ernste Probleme der Verbesserung der Spezialisierung, der Verteilung und der Weiterentwicklung hat der Maschinenbau zu lösen, der führende Wirtschaftszweig der Belorussischen SSR. Innerhalb von 20 Jahren, von 1941 bis 1961, gingen sehr wesentliche Veränderungen in seiner Struktur und seiner Spezialisierung vor sich. Neue Zweige entstanden: der Automobil- und Traktorenbau, die Produktion von Brücken, Kränen, Werkzeugmaschinen und Taktstraßen, Motorrädern, Maisvollerntemaschinen, Hydromeliorations- und Straßenbaumaschinen, Pumpen für den Bergbau und die chemische Industrie, Kugellagern, elektrischen Meßgeräten, Rundfunkgeräten, Fernsehempfängern, Uhren usw. Die Produktion des Maschinenbaus vergrößerte sich in diesen Jahren fast um das Zwanzigfache.«[448]

Wodurch wurde diese ungewöhnliche Entwicklung möglich?

»Voraussetzungen der Entwicklung einer derartigen Wirtschaftsstruktur der Belorussischen SSR sind die natürlichen Bedingungen, die die Entwicklung der Landwirtschaft begünstigen, das Vorhandensein von Rohstoffen für die Produktion von Mineraldünger, das Vorhandensein einer großen Zahl von Arbeitskräften und qualifizierten Kadern, die günstige geographische Lage zu den industriell entwickelten Großrayons des europäischen Teils der UdSSR und zu den sozialistischen Ländern Europas.«[449]

Bedeutsam erscheint mir vor allem der Hinweis auf die große Zahl der »qualifizierten Kader«. Waren diese vor 1945 nicht da? Die große Zahl der Arbeitskräfte wird an anderer Stelle nochmals erwähnt:

»Da die Mehrzahl der wichtigsten Industriezweige der Republik auf zugeführte Rohstoffe orientiert ist, die örtlichen Arbeitskräfteressourcen aber durchaus bedeutend sind, ist es vorteilhaft, solche Produktionsarten zu entwickeln, die einen großen Arbeitsaufwand und eine geringere Rohstoffmenge erfordern.«[450]

Der Schwerpunkt der Produktion liegt im Ostteil von Weißrußland.

Deshalb gibt es das Problem »der Umsiedlung in andere Rayons des Landes, vor allem in die östlichen, wo der Arbeitskräftemangel sich besonders bemerkbar macht.«[451]

Der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung scheint im Ostteil, dem ehemals militärverwalteten Teil, von Weißrußland zu liegen:

»Die wichtigsten Zentren des Maschinenbaus und der Metallverarbeitung (nach dem Produktionswert) sind Minsk, Gomel, Witebsk, Mogiljow, Orscha, Bobruisk und Borissow.«[452]

Daraus ergeben sich viele Fragen. Beispiele:

Warum begann die industrielle Entwicklung von Weißrußland 1941?

Warum wurde gleich im ersten Fünfjahresplan nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem forcierten Aufbau der Industrie begonnen?

Woher kommen die qualifizierten Kader, mit denen man eine moderne Maschinenbau-Industrie aufbauen kann?

4. Das Polizeiwesen

Bei der in der Sowjetunion üblichen Geheimhaltung ist kaum mit nennenswerten Informationen über das Polizeiwesen von Weißrußland zu rechnen. In einem der vorigen Abschnitte wurden einige wenige Informationen mitgeteilt. So die Tatsache, daß am XXII. Parteitag sowohl der Innenminister als auch der Chef des Staatssicherheitsdienstes als Delegierte teilnahmen, offenbar eine ungewöhnliche Tatsache. Außerdem wurde erwähnt, daß die Polizeikontrollen in Weißrußland sehr scharf gehandhabt werden. 1984 und 1985 erschienen zwei sehr ungewöhnliche Veröffentlichungen im Westen, die sich mit dem Polizeiwesen von Belorußland beschäftigen und interessante Einblicke ermöglichen. Der Erste Sekretär des Gebiets-Parteikomitees von Brest, Sokolow, veröffentlichte einen Aufsatz[453] über schädliche Einflüsse aus dem Ausland. Darin wird von der besonderen Lage der »Grenzfestung Brest« gesprochen. Als Gründe für die Bezeichnung »Grenzfestung Brest« werden angeführt:

»Viele Einwohner von Brest sind durch verwandtschaftliche Bande mit den Bürgern der Volksrepublik Polen verbunden. Man sollte auch nicht unberücksichtigt lassen, daß ein bedeutender Teil der Bewohner des Gebiets die Möglichkeit hat, die Sendung des polnischen Fernsehens zu sehen. Vor der Verhängung des Kriegsrechts in diesem Land wurden gelegentlich Sendungen antikommunistischer Ausrichtung ausgestrahlt. Sie lähmten den Willen der Polen im Kampf um die Ideale der Arbeiterklasse und gaben keine klassengemäße Beurteilung bezüglich der Tätigkeit der rechten Führer des Gewerkschaftbundes ›Solidarität‹ und ihrer Berater von KOS-KOR. Nicht selten wurden historische Tatsachen verzerrt, und man ließ sich unfreundliche Angriffe gegen unser Land zuschulden kommen.«[454]

Da seit der Verhängung des Kriegsrechtes schon einige Jahre vergangen sind, verwundert der Bezug. Unsinnig erscheinen auch die Maßnahmen, die getroffen wurden:

»Das Arsenal der Vorsorgemaßnahmen zur Verhinderung von Rechtsbrüchen ist im Gebiet erheblich erweitert worden. Die Bewegung von Kollektiven und Ortschaften zur Erlangung der Bezeichnung ›beispielhaft‹ breitet sich aus. Es sind Stützpunkte für die Rechtsordnung und Räte zur Vorbeugung gegen Rechtsbrüche eingerichtet worden. Über 65.000 Personen beteiligen sich an der Arbeit der Hilfspolizei.«[455]

Ungewöhnlich ist ein weiterer Abschnitt:

»Die Kommandeure und Politfunktionäre der Sicherungseinheiten lehren die Bewohner am Ort, böswillige feindliche Absichten zu erkennen, und sie helfen ihnen, die Eigenschaften zu entwickeln, die erforderlich sind, um Gesetzesübertreter zu verhaften.«[456]

Was sind das für Probleme, um die es hier geht? Was hat das polnische Fernsehen vor der Verhängung des Kriegsrechtes gesendet? Wieso wirkt das Jahre später noch so nach, daß derartige ungewöhnliche Maßnahmen getroffen werden? Welche Funktion haben diese Hilfspolizisten, und was sind das für Gesetzesübertreter, die in diesem Zusammenhang den Ordnungskräften zu schaffen machen?

Notiz: Wenn man annähme, es handele sich bei den antikommunistischen Sendungen um Meldungen über Auschwitz, und den Bewohnern Weißrußlands wäre zu Ohren gekommen, daß man die verschleppten Juden für tot hält, wäre es dann nicht denkbar, daß diese totgesagten Menschen eine Verbindung mit dem Westen auch über Polen suchten? Ein Jahr später erschien ein Interview zum selben Thema. Der Innenminister der Belorussischen SSR W. Piskarjow berichtete über praktische Maßnahmen, die seit 1983 im Bereich seines Ministeriums ergriffen wurden:[457]

»Uns helfen heute mehr als 500.000 Hilfspolizisten [druzinniki], und die Mehrzahl ist bereit, sich mutig einem Verbrecher in den Weg zu stellen, wie zum Beispiel der Obermeister des Belorussischen Autowerks, S. Serkazkij, der posthum mit einem Orden ausgezeichnet wurde. Als sein Tod von der Hand eines Verbrechers bekannt wurde, wuchsen die Reihen der Hilfspolizisten um mehrere tausend Mann an. Überhaupt muß ich sagen, daß unser Zusammenhalt mit den Arbeitskollektiven, den Parteiorganisationen und mit der Öffentlichkeit sich in letzter Zeit gefestigt hat. Die Aufrechterhaltung der Ordnung ist zum allgemeinen Anliegen geworden.«[458]

Ein weiteres Zitat:

»[Frage:] Viktor Aleksejewitsch, Sie sagten, in letzter Zeit seien zu Ihnen Tausende neuer Mitarbeiter gekommen. Unter ihnen sind doch aber viele... Laien. Gegen einen Verbrecher, und um so mehr gegen einen bewaffneten Verbrecher, muß aber ein kluger, starker Berufspolizist antreten.

[Antwort:] Sie sagten ›Laien‹. Ich würde sagen: bis zu einer gewissen Zeit. Wir bilden diese Leute aus! Seien Sie unbesorgt: Nichtausgebildete Leute setzen wir nicht ein.«[459]

Die Verbrechen, die Piskarjow aufzählt und um deretwillen er diesen gigantischen Polizeiapperat braucht, muten kindisch an:

Wozu bedarf es da der 500.000 Hilfspolizisten? Wieso gibt es in Weißrußland bewaffnete Verbrecher in offenbar großer Zahl? Sind das nicht Ausnahmen? Oder verbirgt sich etwas ganz anderes dahinter?

Man beachte: Weißrußland hatte 1970 9 Millionen Einwohner. Zur Illustration eine kleine Rechnung: 500.000 Hilfspolizisten auf 9 Millionen Einwohner, bedeutet, daß auf 18 Einwohner ein Hilfspolizist kommt, Kinder, Frauen und Alte mitgerechnet. Nimmt man an, daß ein solcher Hilfspolizist, wie oben beschrieben, über eine gute körperliche Leistungsfähigkeit verfügen muß, so kommen sicher nur Männer in einem bestimmten Alter, nehmen wir an, zwischen 20 und 40 Jahren in Frage. Damit dürfte es aber unter 9 Millionen Einwohnern etwa 1,5 Millionen potentielle Anwärter geben. Jeder Dritte wird somit als Hilfspolizist eingesetzt. Wahrlich ein grotesker Zustand. Bei 500.000 Hilfspolisten bedarf es außerdem zusätzlich eines umfangreichen adäquaten Polizeiapparates mit vielen Berufspolizisten! Weißrußland bietet somit das Musterbeispiel eines Polizeistaates. Und alles wegen dieser doch zumeist läppischen Verbrechen?

5. Marjina Gorka (Marina Gorka)

Die detaillierten Ausführungen zu Weißrußland haben im 2. Kapitel mit dem Ort Marjina Gorka begonnen, sie sollen auch mit diesem Ort enden. Greift der Leser, um sich über Marjina Gorka zu informieren, zu einer ziemlich neuen Veröffentlichung aus der Sowjetunion über Weißrußland[464], so kann er unter dem Stichwort: Marina Gorka[465] u. a. folgendes lesen:

»Marina Gorka, Stadt,..., Bahnstation Puchawitschi. Gegründet im 16. Jahrhundert unter der Familie Radsiwil. 1876 ist eine Schule gegründet worden (die seit 1921 technische Schule ist). 1897 - 2.000 Einwohner. Seit 1924 Zentrum des Bezirks Puchawizk. Seit 27.9.1938 Ort mit 6.500 Einwohnern.«[466]

Auf einer in dem Nachschlagewerk enthaltenen Karte[467], die das Gebiet von Weißrußland aus der Zeit 1772-1775 zeigt, findet sich auch der Ort Marina Gorka verzeichnet! War also die Heereskarte von 1943, auf die Bezug genommen wurde, falsch, unvollständig? Nein! Es soll dargelegt werden, daß hier von sowjetischer Seite bewußt eine Verschleierung mit Hilfe eines Kniffs vorgenommen wurde.

Eine Untersuchung ergibt, daß es früher eine Bahnstation Marina Gorka und einen Ort Puchowitschi gab. Zur Zeit der deutschen Besetzung wurde die Bahnstation zu einem größeren Ort neben Puchowitschi ausgebaut. Von sowjetischer Seite erhielt jetzt, es deutet zumindest alles darauf hin, die Bahnstation den Namen Puchowitschi. Puchowitschi und Marina Gorka wurden zu einem Ort mit dem Namen Marina Gorka zusammengefaßt.

Auf einer Karte[468] von Minsk und Umgebung aus dem Jahre 1896 findet sich zwar der Ort Puchowitschi, aber kein Marina Gorka. Den Namen habe ich erstmals in Ritters geographisch-statistischen Lexikon[469] von 1906 unter Marinagorka und dem knappen Hinweis: Ort in Russl., Gouv. Minsk. P. EdL. Libau-Rommy aufgefunden. Dem Bearbeiter lagen offenbar nur wenige Informationen vor, denn die Bahnlinie Libau-Romy ist über 1.000 km lang. Substantielle Informationen sind auf einer Karte[470] aus dem Ersten Weltkrieg verzeichnet. Da sind die Bahnstation Marina Gorka und der ca. sieben Kilometer entfernte Ort Puchowiczi aufgeführt. 1926 fand in der Sowjetunion die erste Volkszählung statt. In der Auflistung der größeren Orte[471] aus dem Bezirk Minsk, in der Orte mit 594 Einwohnern verzeichnet sind, findet sich zwar Puchowitschi mit 2.161 Einwohnern, aber kein Marina Gorka, das doch zu diesem Zeitpunkt angeblich schon über eine technische Schule verfügte.

Mir liegt noch eine Aufstellung des Generalstabs des Heeres[472] von 1941 vor. Da wird Marjina-Gorka aufgeführt mit dem Hinweis: siehe Puchowitschi.[473] Unter diesem Stichwort findet sich: »Puchowitschi (Marjina-Gorka)«[474] und der Vermerk: »Puchowitschi liegt 7-8 km von der Bahnstation entfernt«. In einem Strukturbericht über das Ostland[475] von 1942 werden alle Orte mit mehr als 2.000 Einwohner aufgezählt. Dabei stützen sich die Verfasser auf polnische und sowjetische Angaben aus den Jahren 1926, 1931 und 1933. Puchowitschi wird genannt, Marina Gorka fehlt. In der vorn aufgeführten deutschen Heereskarte ist auf dem Nachtrag II. 1943[476] klar und deutlich Puchowitschi zu sehen, Marjina Gorka erscheint erst auf dem Nachtrag VIII. 1943[477] eindeutig abgegrenzt von Puchowitschi als eigenständiger und offenbar größerer Ort als Puchowitschi! Marjina Gorka muß für die deutsche Heeresleitung eine besondere Bedeutung gewonnen haben, denn in einem Bericht[478] über den Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte aus dem Jahre 1944, der 1955 veröffentlicht wurde, findet sich auf der Karte, die einige wenige Orte enthält, Marjina Gorka, und das ohne jeden ersichtlichen Zusammenhang mit der militärischen Lage. Soweit die mir bekannten Fakten. Die eingangs zitierten Angaben in der Enzyklopädie weisen schwerwiegende Widersprüche zu den historischen Unterlagen auf:

Danach hatte Marina Gorka schon im Jahre 1897 2.000 Einwohner, die bis 1938 auf 6.500 angewachsen sind, der Ort besitzt noch regionale Bedeutung, er ist das Zentrum des Bezirks Puchawizk und hat eine technische Schule. Nur unerklärlich ist, warum dieser bedeutende Ort nicht auf diversen Karten aus der Zeit vor 1942 verzeichnet ist, wohl aber der unbedeutendere Nachbarort Puchowitschi; ebenso unerklärlich: Marina Gorka wird bei der Volkszählung von 1926 nicht erwähnt, wohl aber Puchowitschi. Für eine gezielte Verschleierung durch die Sowjets spricht die Benennung der Bahnstation Puchawitschi (Puchowitschi). Der Ort gleichen Namens liegt aber 7-8 km von der Bahnstation entfernt, während Marina Gorka direkt an der Bahnlinie verzeichnet ist.

E. Ein Gedicht

Der russisch-jüdische Dichter Alexander Galitsch hat Solomon Michoels das folgende Gedicht gewidmet:

»Nach Rußland haben die Juden einen deutschsprachigen Dialekt [das Jiddische] aus dem Land ihrer Vertreibung mitgebracht, danach sind sie zum Russischen übergegangen, und dennoch sind sie Juden geblieben und allen Ungemachs ihres Stammes teilhaftig geworden. Man hat sie in Gasöfen verbrannt und als Mordärzte denunziert. Ihrer harren auch jetzt noch die Baracken in irgendeinem unendlich weitentfernten Sumpfgebiet, wohin sie nur dank einem unwahrscheinlichen Zufall bisher nicht geraten sind. Noch ist es zu früh, diese Baracken aufzugeben. Wohl sind sie angefault, doch kann man sie mit eigenen arbeitsamen Händen wieder instandsetzen.«[480]

Solomon Michoels ist der Mann, den Stalin 1948 ermorden ließ, da er offenbar der Führer der in der Sowjetunion lebenden Juden war!


Anmerkungen zu: Fakten II

  1. Hardmann/Wippermann, 24 Zeugen. Dokumente des Terrors. Sacharow-Hearing Kopenhagen. Würzburg o.J., S. 162.
  2. ebda, S. 162f.
  3. Martin Gilbert, Endlösung. Die Vertreibung und Vernichtung der Juden. Ein Atlas. Reinbek bei Hamburg 1982, S. 217. Im weiteren als Gilbert, Atlas zitiert.
  4. Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947. Bd. XXXIX, 008-USSR, S. 241.
  5. ebda, S. 242.
  6. ebda, S. 241.
  7. ebda, S. 242.
  8. ebda, S.251.
  9. Jochen von Lang, Das Eichmann-Protokoll. Tonbandaufzeichnungen der israelischen Verhöre. Berlin 1982, S. 273.
  10. Hardmann/Wippermann..., aaO., S. 163.
  11. Saul Friedländer, Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten. Gütersloh 1968, S. 7.
  12. ebda, S. 8f.
  13. Rudolf Höß, Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen. Herausgegeben von Martin Broszat. München 1978, S. 7 f.
  14. ebda, S. 9.
  15. ebda, S. 11.
  16. Arno Schulz, Berlin im Würgegriff. Berlin-Grunewald 1953. S. 489.
  17. ebda, S. 491.
  18. Goebbels Tagebücher. Aus den Jahren 1942-43 mit anderen Dokumenten. Hrsg. von Louis P. Lochner. Zürich 1948, S. 7.
  19. ebda.
  20. ebda, S. 87f, insbesondere Fußnote auf S. 88
  21. Karl Ploetz, Hauptdaten der Weltgeschichte. 27. Aufl., Bielefeld 1951. S. 235.
  22. Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Handbuch. Hrsg. N. Steinberger und H. Göschel. Düsseldorf 1971, S. 694.
  23. Ronald Hingley, Die russische Geheimpolizei 1565-1970. Bayreuth 1972, S. 280f.
  24. Leon Poliakov, Josef Wulf, Das Dritte Reich und die Juden. Dokumente und Aufsätze. Berlin-Grunewald 1955, S. 416. Im weiteren als Poliakov/Wulf, Juden zitiert.
  25. »Wallenberg lebt unter anderen Namen«, in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. Januar 1987, S. 3.
  26. Polinkov/Wulf, Juden, aaO., S. 419.
  27. »Wallenberg lebt«, aaO. 284
  28. »Sie haben im Osten zuviel gesehen«, in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1. Juli 1985.
  29. Michael Heller, Alexander Nekrich, Geschichte der Sowjetunion, Bd. 2 1940-1980. Königstein im Taunus 1982, S. 187.
  30. ebda.
  31. Ronald Hingley, aaO., S. 294.
  32. »Aerzte, Juden, Intellektuelle und Spione«, in Osteuropa 1953, S.102.
  33. Michael Heller, aaO, S. 187.
  34. ebda.
  35. Ronald Hingley, aaO., S. 294.
  36. Hardmann/Wippmann, aaO., S. 162.
  37. Meyers Neues Lexikon. Leipzig 1962. Bd. 4, S. 459.
  38. Vgl. »Aerzte, Juden«, aaO., S. 102.
  39. Vgl. Notiz in Osteuropa 1952, S. 119f.
  40. Kurt W. Böhme, Die deutschen Kriegsgefangenen in sowjetischer Hand. München 1966, S. 319.
  41. L. Lesny, »Der Slánský-Prozess«, in Osteuropa 1953, S. 11.
  42. ebda, S. 1.
  43. ebda, S. 3.
  44. ebda, S. 4.
  45. ebda, S. 5.
  46. ebda.
  47. ebda, S. 9.
  48. Jens Hacker, Der Ostblock. Entstehung, Entwicklung und Struktur 1939-1980. Baden-Baden 1983, S. 420f.
  49. Francois Fejtö, Die Geschichte der Volksdemokratien Bd. I. Die Ära Stalin 1945-1953. Graz-Köln-Wien 1972, S. 298.
  50. Zbigniew K. Brzezinski, Der Sowjetblock. Einheit und Konflikt. Köln-Berlin 1962. S. 190.
  51. »Ärzte, Juden.«, aaO., S. 101, und Michael Heller, aaO., S. 188.
  52. »Ärzte, Juden«, aaO., S. 102.
  53. Michael Heller, aaO., S. 188.
  54. ebda, S. 188f.
  55. ebda, S. 191.
  56. Felix Philipp Ingold, Assimilation oder Rückverbindung? Jüdisches Selbstverständnis in der UdSSR, in Osteuropa, 1975, S. 857.
  57. ebda.
  58. ebda, S. 859.
  59. ebda, S. 857.
  60. ebda, S. 858.
  61. Rolf W. Schloss, Laß mein Volk ziehen. Die russischen Juden zwischen Sowjetstern und Davidstern. Eine Dokumentation. München 1971, S. 16.
  62. ebda, S. 17.
  63. ebda, S. 18f.
  64. ebda, S. 19.
  65. ebda.
  66. Felix Philipp Ingold, aaO., S. 18.
  67. Hardmann/Wippermann, aaO., S. 166.
  68. »Ärzte, Juden«, aaO., S. 106.
  69. Rolf W. Scholz, aaO., S. 185.
  70. John Barron, KGB. Arbeit und Organisation des sowjetischen Geheimdienstes in Ost und West. Bern und München 1974, S. 113.
  71. ebda, nach S. 97.
  72. ebda, S. 115.
  73. Hardmann/Wippermann, aaO., S. 167 und S. 163.
  74. Felix Philipp Ingold, aaO., S. 863.
  75. Jochen von Lang..., aaO., S. 273.
  76. Rolf W. Schloss, aaO., S. 25.
  77. ebda, S. 28.
  78. ebda, S. 28f.
  79. ebda, S. 33.
  80. ebda. 337
  81. ebda, S. 33f.
  82. ebda, S. 39.
  83. ebda, S. 40f.
  84. ebda, S. 29.
  85. ebda, S. 32.
  86. Galina V. Selegen, »Einige weitere Ergebnisse der sowjetischen Volkszählung von 1959«, in Osteuropa 1960, S. 488.
  87. Die Union..., aaO., S. 39.
  88. Osteuropa-Handbuch. Sowjetunion. Das Wirtschaftssystem. Herausgegeben von Werner Markert. Köln-Graz 1965, S. 117.
  89. Roy Medwedjew, Sowjetbürger in Opposition. Plädoyer für eine sozialistische Demokratie. Hamburg-Düsseldorf 1973, S. 211.
  90. »Agrarproduktion und Neulanderträge der UdSSR in Zahlen«, in Osteuropa 1960, S. 417. Dort werden noch weitere Verfälschungen gebracht.
  91. Hermann Schubnell, »Bevölkerungsprobleme in der Sowjetunion«, in Osteuropa 1957, S. 156.
  92. Grosse Sowjet-Enzyklopädie. Reihe Länder der Erde Bd.18 Belorussische SSR. Berlin 1955, S. 28.
  93. Die Union..., aaO., S. 691.
  94. Eugen von Engelhardt, Weißruthenien. Volk und Land. Berlin 1943, S. 277.
  95. Die Union. .., aaO., S. 690.
  96. Eugen von Engelhardt, aaO., S. 235
  97. ebda, S. 236 und S. 279.
  98. Grosse Sowjet-Enzyklopädie..., aaO., S. 28.
  99. Die Union. . ., aaO., S. 691.
  100. Hermann Schubnell, aaO., S. 157.
  101. Laszlo Revesz, Volk aus 100 Nationalitäten. Die sowjetische Minderheitenfrage. Bern 1979, S. 209.
  102. Laszlo Reversz, aaO., S. 209.
  103. Hermann Schubnell, aaO., S. 157.
  104. Galina V. Selengen, »Die Bevölkerung der UdSSR nach den letzten Zählungsergebnissen«, in Osteuropa 1959, S. 715
  105. ebda, S. 716.
  106. Galina V. Selegen, aaO., S. 488.
  107. Georges Wellers, »Die Zahl der Opfer der ›Endlösung‹ und der Koherr-Bericht«, in Aus Politik und Zeitgeschichte, B30/78 vom 29. Juli 1978, S.30. Dabei ist Wellers offenbar ein Mißgeschick passiert, er spricht von den baltischen Staaten, zählt aber statt Estland das Memelgebiet auf. Dies wurde hier modifiziert.
  108. Eigentlich wäre der Teilbereich Bialystok, der 1945 wieder zu Polen kam, abzurechnen. Da es sich hier aber letztlich nur um Überschlagsrechnungen handelt, sei auf eine Korrektur verzichtet.
  109. ebda. Die Rechenverfahren von Wellers sind anfechtbar, da der Fehler aber relativ klein ist und hier nur Überschlagsrechnungen angestellt werden, wird das Verfahren benutzt.
  110. ebda, S. 31ff. Wellers setzt pro Jahr einen Zuwachs von einem Prozent voraus und läßt für seine Berechnungen die Kriegsjahre 1942-1945 weg.
  111. Die Sowjetunion Zahlen - Fakten - Daten. Herausgegeben von Borys Lewytzkyj. München-New York-London-Paris 1979, S. 51.
  112. Dieter Jahn, »Nationalitäten und Nationalitätenpolitik im Spiegel sowjetischer Volkszählungen«, in Osteuropa 1970, S. 314.
  113. Frank Golczewski, »Die jüdische autonome Provinz in Sowjet-Fernost«, in Osteuropa 1972, S. 204f.
  114. Rolf W. Schloss, aaO., S. 14.
  115. Hardmann/Wippermann, aaO., S. 167.
  116. Rolf W. Schloss, aaO., S. 45.
  117. ebda, S. 29.
  118. Dieter Jahn, aaO., S. 325.
  119. Georges Wellers, aaO., S. 27.
  120. Die Union der..., aaO.
  121. ebda, S. 738.
  122. ebda, S. 736.
  123. ebda, S. 746.
  124. ebda, S. 742.
  125. ebda, S. 771.
  126. ebda, S. 755.
  127. ebda, S. 821
  128. ebda, S. 820.
  129. ebda, S. 694.
  130. ebda, S. 690.
  131. Valdis Redelis. Partisanenkrieg. Heidelberg 1958, S. 41.
  132. ebda, S. 47.
  133. ebda, S. 68.
  134. ebda, Karte 2.
  135. In den Wäldern Belorußlands. Erinnerungen sowjetischer Partisanen und deutscher Antifaschisten. Verantwortlich für die deutsche Ausgabe: Heinz Kühnrich, Karlheinz Pech(Leiter), Dora Schaul. Berlin-Ost 1976, S. 7f.
  136. Kurt W. Böhme, aaO., S. 156.
  137. ebda.
  138. ebda, S. 319.
  139. ebda, S. 320ff.
  140. ebda, S. 319.
  141. Gilbert, Atlas, aaO., S. 78.
  142. Kurt W. Böhme, aaO., S. 138.
  143. ebda, S. 149 und Graphik 11.
  144. ebda, S. 133.
  145. ebda, S. 155.
  146. »Immer noch 400.000 Deutsche in der Sowjetunion vermißt«, in Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9. September 1988.
  147. Josef Martin Bauer, So weit die Füße tragen. Stuttgart o.J., S. 13.
  148. Hardmann/Wippermann, aaO., S. 26.
  149. »Der neue Paß des Sowjetbürgers«, in Osteuropa-Archiv 1977.
  150. ebda, S. A250ff.
  151. ebda, S. A260f.
  152. ebda, S. 255f.
  153. Zdenek Hunacek, »Inlandspässe für Kolchosmitglieder? Ja, aber ›dialektisch‹«, in Osteuropa 1978, S. 250.
  154. ebda, S. 251.
  155. Osteuropa 1952, S. 119f.
  156. Verzeichnis der Städte und Gebiete der UdSSR, die für Ausländer gesperrt sind, S. 6. Das Verzeichnis habe ich vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland in Bonn erhalten.
  157. Werner Leitmüller, »Tourismus und Auslandsreisen im Sowjetleben«, in Osteuropa 1964, S. 81.
  158. ebda, S. 84.
  159. ebda, S. 85f.
  160. ebda, S. 82.
  161. Der große Polyglott. Moskau, Leningrad mit Kiew, Odessa und den Badeorten am Schwarzen Meer. München o.J., S. 16.
  162. ebda.
  163. Grieben Reisefahrer Bd. 296, UdSSR-Reisen. München o. J., S. 83.
  164. Der große Polyglott, aaO., S.22.
  165. Wilfried Nagel, Mit dem Auto nach Moskau. Eine Testfahrt auf der Olympiaroute. Gerlingen 1979, S. 61.
  166. ebda, S. 21.
  167. ebda, S. 35 f.
  168. ebda, S. 37.
  169. John Baron, aaO., S. 109f.
  170. ebda, S.111.
  171. Paul Hollander, »Grenzen - ein integraler Teil des Sowjetsystems«, in Osteuropa 1969, S. 741.
  172. ebda, S. 742.
  173. ebda, S. 743.
  174. ebda, S. 744.
  175. ebda.
  176. ebda, S. 745.
  177. ebda, S. 743.
  178. Robert M. Slusser, »Die Sonderstellung Belorusslands«, in Osteuropa 1964, S. 852.
  179. ebda.
  180. ebda, S. 859.
  181. ebda, S. 863.
  182. ebda, S. 857.
  183. ebda, S. 859.
  184. ebda, S. 854.
  185. N.N. Baranski, Die ökonomische Geographie der UdSSR. Berlin-Ost 1954, S. 324.
  186. Der Reichsminister für die besetzten Ostgebiete Hauptabteilung I, Raumplanung: Der Generalbezirk Weißruthenien. Entwurf. Abgeschlossen am 20. Dezember 1941, S. 9ff.
  187. Die UdSSR. Enzyklopädie der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken. Hrsg. W. Fickenscher unter Mitwirkung von H. Becker, R. Rompe, W. Steinitz, A. M: Uhlmann. Leipzig 1959, S. 850.
  188. Die Union der..., aaO., S. 691.
  189. Eugen von Engelhardt, aaO., S.320. Die Tabelle wurde aus drucktechnischen Gründen formal modifiziert.
  190. N. N. Baranski, aaO., S. 324.
  191. Die Union der..., aaO., S. 694.
  192. Sowjetunion. Regionale ökonomische Geographie. Hrsg. V. V. Poksisevskij, S. 164.
  193. ebda, S. 162.
  194. ebda, S. 163f.
  195. ebda, S. 163.
  196. Die UdSSR, aaO., S. 851.
  197. Karin Schmid, »Brest - ›Bastion‹ im Kampf gegen ›Schädliche Einflüsse‹ aus dem Ausland«, in Osteuropa-Archiv 1958, S. A363ff.
  198. ebda, S. A366.
  199. ebda, S. A368.
  200. ebda, S. A365.
  201. »Bessere Fachkräfte und mehr Verantwortung«, in Osteuropa-Archiv 1985, S. A669ff.
  202. ebda, S. A472.
  203. ebda.
  204. ebda, S. A470.
  205. ebda, S. A471.
  206. ebda, S. A472.
  207. ebda.
  208. Beloruskaya SSR. Karotkaya entsyklopedyya. Tom 1. Minsk 1978.
  209. Die verschiedenen Schreibweisen von Marjina Gorka entstehen durch die unterschiedlichen Transkriptionen
  210. Beloruskaya SSR..., aaO., S. 392
  211. ebda, Karte vor S. 169.
  212. Entsiklopedicheskiy Clovar. Bd. XIX. St. Petersburg 1896, nach S. 388.
  213. Ritters geographisch-statistisches Lexikon. Leipzig 1906, 9. Auflage, 2. Band, S. 184.
  214. Karte West- und Innerrussland. Große Ausgabe. Entworfen und gezeichnet von G. Freytag. VI. Auflage bearbeitet von Dr. K. Peucher.
  215. Vsesoyusnaya perepis naselenija 1926. Band X, S. 214.
  216. Militärgeographische Angaben über das europäische Rußland. Weißrußland. Textheft. Hrsg. vom Generalstab des Heeres, Abteilung für Kriegskarten und Vermessungswesen (VI. Mil. Geo.). Berlin 1941.
  217. ebda, S. 139.
  218. ebda, S. 148.
  219. Reichskommissar für das Ostland. Abteilung II, Raum Strukturbericht über das Ostland. Teil 1 o. J. (1942), S. 154.
  220. Deutsche Heereskarte 1:300 000 Sonderausgabe 1942, überarbeitet II. 1943, Zusammendruck Wilna-Dawidgrodek T55/U53, herausgegeben vom OKH/Gen. St. d. H.
  221. Deutsche Heereskarte 1:300000, Nachtrag VIII. 1943. Blatt Minsk U54, herausgegeben vom OKH/Gen. St. d. H.
  222. Hermann Gackenholz, »Zum Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944«, in Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 3. Jg. 1955, S. 325.
  223. Felix Philipp Ingold, aaO., S. 866. Die Schreibweise von Michoels ist nicht immer einheitlich.
  224. ebda.

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