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10. Dr. Konrad Adenauer (1876 -1967) und das Jahr

1952.

Dr. Konrad Adenauer

"Schauen Sie mal da drüben, Mister Schulz! Das Gesicht kommt mir so bekannt vor, aber ich kann es nicht unterbringen. Kennen Sie diesen hageren, alten Herrn?"

"Aber, aber, Herr Hearst, Sie müssen als Zeitungsmann doch den Doktor Adenauer kennen! Er war der erste Bundeskanzler der BRD, der Bundesrepublik Deutschland. Er hatte doch einen Beinamen, der Ihrem Land schmeichelte oder es kompromittierte, je nach Belieben? Fällt es Ihnen wieder ein?"

"Ich weiß, ich weiß. Aber den Beinamen haben wir ihm nicht gegeben, sondern das war ein Landsmann von Ihnen: 'Kanzler der Alliierten'. Wollen wir ihn ansprechen?"

"Lassen Sie mich mal machen!"


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"Grüß Gott, Herr Doktor Adenauer! Sie werden mich bestimmt nicht kennen. Mein Name ist Otto Schulz. Meine Heimatstadt ist Königsberg in Ostpreußen. Und dies hier ist Mister Hearst, der Zeitungskönig aus den USA. Dürfen wir Sie zu einem Gespräch verführen?"

"Jrüß Jott, meine Herren! Wenn Se nichts andres vorhaben; ich hab Zeit. Wat wollen Se denn wissen?"

"Sie werden sich an das Jahr 1952 erinnern können, nicht wahr? Damals hat Ihnen Stalin ein Angebot gemacht. Er stellte Ihnen die deutsche Einheit in Aussicht, wenn Deutschland neutral bleibt. Warum sind Sie darauf nicht eingegangen?"

"Ach wissen Se, dat war jar nich so einfach, wie Se denken. Wir hatten uns schon so schön mit dem Westen jeeinicht. Und jetzt kam der Stalin mit seinem Vorschlach von der deutschen Einheit und seiner Neutralität, und wir konnten nich übersehen, wat hinter seiner Absicht verborjen war."

"Sie wissen ja, Doktor Adenauer, daß hier keinem Menschen die Wahl bleibt, als die Wahrheit zu sagen. Ich bitte Sie deshalb, auch nicht an der Wahrheit vorbeizureden, denn als Advokat sind Sie ja solche Wege zu gehen gewöhnt. Haben Sie nicht immer ein ungutes Verhältnis zu dem Teil Deutschlands gehabt, der ostwärts der Elbe liegt?"

"Na, da bleibt mir wirklich keine Wahl. Sie haben recht, junger Mann. Preußen mochte ich nich. Und die Hauptstadt Berlin hielt ich für den Sitz des Teufels. Sehen Se, da war mir schon lieber, wir blieben bei dem kleinen Deutschland, in dem der größte Bevölkerungsteil den wahren Glauben hat und wir außerdem uns den Franzosen anschließen konnten, zum Karolingeschen Reich."

"Hat Ihnen der Begriff Vaterland nichts bedeutet, der das ganze Deutsche Reich umfaßt?"


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"Hören Se mit dem 'Deutschen Reich' auf! Dat erinnert mich zu sehr an den Bismarck. Wat hätten wir denn jehabt, wenn der janze Osten wieder zu Deutschland kommen sollte, wie das der Stalin vorjeschlagen hatte? Die janzen Protestanten hätten uns alles verdorben. Jetzt haben die Polen den jrößten Teil von Preußen bekommen, und die werden schon dafür sorjen, dat wir uns allen Ärjer ersparen. Dat heißt, se haben uns ja noch jenug andre übrijjelassen. Aber ich bin mir sicher, dat schafft de Kohl schon, die so richtig an de Nasenring zu führen, so daß se jar nich merken, wo se landen werden. Jedenfalls, ist dat verteufelte Preußen kaputt. Dat ist de Hauptsache!"

"Haben Sie denn den Vorschlag Stalins gar nicht weiter in Betracht gezogen? Das Papier einfach dem deutschen Volk unterschlagen? Denn es wurde ja kaum darüber gesprochen oder geschrieben!"

"Sehen se, junger Mann, nach dem Jrundjesetz bestimmt der Bundeskanzler die Politik. Und ich war ja nun der Bundeskanzler. Wat sollen wir da in der Öffentlichkeit über solche Sachen reden?"

"Ich dachte, daß bei schwerwiegenden Entscheidungen das deutsche Volk ins Bild gesetzt werden müßte und gegebenenfalls auch darüber zu befinden habe. Das verstehe ich unter Demokratie."

"Dat mit der Demokratie verstehen se nich, junger Mann. Wissen Se, wo es in der Welt überhaupt eine Demkratie jibt? Nirjends! Se reden alle von Demokratie. Je mehr se davon reden, desto weniger steckt dahinter. Und wenn se dann noch de Presse un dat Fernsehen hinter sich haben, dann können se de schönste Parteiendiktatur betreiben. De Hauptsach is, dat Volk jlaubt an Demokratie! Sehen se, junger Mann, ich bin auch noch im alten Trott befangen und red vom Volk. Dat is doch alles Kappes! Sehen Se, in de christliche Reljon ises doch völlig wurscht, wer dazu


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jehört, dat braucht jar kein einheitliches Volk zu sein, dat jenügt, wenn dat Menschen sind un wenn se noch so verschieden sind. Deshalb sprechen meine Nachfoljer auch nich mehr vorn 'Volk' sondern von der Jesellschaft. De Papst ist unsere jroße Führer un dat jenüjt uns. Mit de Preußen brauchen wir uns nich mehr rumzuärjern, un dat jenüjt uns auch."

"Herr Adenauer, viele Deutsche werden bis heute nicht wissen, wie Ihre Verbundenheit zum deutschen Volk ausgesehen hat. Was können Sie dazu sagen?"

"Ach, lassen Se mich man mit der sogenannten Verbundenheit zum deutschen Volk in Ruh! Wissen Se, junger Mann, ich bin in Köln zu Hause jewesen. Dat hat mir jelangt. Warum soll ich mich da mit Sorjen für eine Jemeinschaft abquälen, für die ich nichts empfinde?"

"Nun hat die CDU doch über viele Jahre mit großen Plakaten dafür geworben, daß sie niemals die deutsche Dreiteilung hinnehmen werde. Danach hat sie sich selbst und das deutsche Volk verraten und Pommern, Schlesien und Ostpreußen den Polen und den Tschechen das Sudetenland geschenkt. Hat man denn gar keine Verantwortung gegenüber dem deutschen Volk?"

"Ich habe Ihnen schon jesajt, junger Mann, wat jeht uns dat deutsche Volk an. Die Polen werden schon dafür sorjen, dat de Rest von dem deutschen Volk dort urchristlich wird. Un dann wird es auch mal zu einer Vereinigung aller Christen kommen."

Hearst: "Mister Adenauer, ich als Ausländer darf mir noch eine Frage erlauben. Sie haben im Jahre 1953 erklärt, durch den Krieg seien 170.000 Juden gestorben. Stimmt das?"

"Wenn ich dat jesajt hab, dann wird dat auch so sein. Schließlich muß ich mich doch auf meine Beamten verlassen."


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Hearst: "Das ist schon richtig. Nur würde man Sie heute dafür bestrafen, weil die Zahl von 6 Millionen offenbar ist. Was sagen Sie dazu?"

"Dazu saj ich janichts. Dat müssen doch die Jerichte feststellen, wat de Wahrheit is!"

Hearst: "Noch nie hatten wir ein so deutliches Gespräch mit einem ehemaligen verantwortlichen Politiker geführt. Es wird uns in reger Erinnerung bleiben, Herr Adenauer!"

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