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11. Luxemburg, Rosa (1870 -1919), - rot bis knallrot.

Rosa Luxemburg

"Sie starren mich so an! Kennen wir uns?"

"Verzeihung, ich wollte Sie nicht anstarren. Ich suche nur jemand und bin mir nicht sicher, ob ich mein Ziel erreicht habe."

"Vielleicht sagen Sie mir, wen Sie suchen, und wir kommen der Sache schon näher."

"Ich wollte eigentlich zu Rosa Luxemburg. Aber da habe ich wohl Pech gehabt, denn diese Dame stelle ich mir sehr viel größer vor."

"Das werden wir gleich sehen, wer Pech gehabt hat. Ich bin Rosa Luxemburg. Was wünschen Sie von mir, und wer sind Sie?"

"Das ist ja direkt ein Glückstag für mich! Genau Sie, gnädige Frau, suche ich seit Stunden. Niemand konnte mir sagen, wo ich Sie finden kann. Dabei hatte ich gedacht, Sie seien bekannt, wie


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der berühmte 'bunte Hund'. Ja, warum ich Sie suche? Ich wollte lediglich ein Gespräch mit Ihnen führen. Vorausgesetzt, Sie haben Zeit und spielen mit. Mein Name ist Henry Ford aus den USA. Das hier ist mein Freund Otto Schulz aus Deutschland."

"Da bin ich aber neugierig, worüber Sie mit mir sprechen wollen. Sind es persönliche Fragen oder politische? Aber die 'gnädige Frau' lassen Sie lieber weg. Oder kennen Sie meine diesbezügliche Einstellung nicht?"

"Vielen Dank! - Ich habe einige Biographien über Sie gelesen. Manches widerspricht sich, anderes ist unbegreiflich, und viel scheint einfach gefärbt zu sein, je nach Beliebtheitsgrad. Stimmt es, daß Ihr Geburtsdatum nicht genau feststeht?"

"Ich kenne einige Biographien über mich. Und daß Sie mich für größer gehalten haben, haben Sie wohl ebenfalls daraus, Sie Schlaumeier. Aber nun zu meiner Geburt. Der Ort steht fest. Es ist die polnische Stadt Zamost in Galizien, nicht weit von Lublin. Sie wissen über die Teilungen Polens? Einmal gehörte Zamost zu Österreich, später zu Rußland. Zum Tag meiner Geburt kann ich nur sagen, daß ich persönlich für den 5. März 1870 bin. Unterlagen gibt es keine darüber. Zur Schule gegangen bin ich in Warschau."

"Können Sie uns noch etwas zu Ihrer Familie sagen?"

"Die Arbeit der Biographen ist miserabel. Da wird geschrieben, wir seien fünf Geschwister gewesen. Aber auf meinen Bruder muß man sich wohl mehr verlassen können, denn er hat meiner Freundin Luise Kautsky von sieben Brüdern erzählt."

"Können Sie uns etwas mehr über Ihre Eltern sagen?"

"Die Menschen können es doch nicht lassen: Sie wollen also von mir hören, daß wir waschechte Juden waren, nicht wahr? Bitte, hier haben Sie meine Bestätigung!"

"Sie sollen eine sehr begabte Frau sein. Was hat Sie bewogen, sich so früh auf die sozialistische Seite zu schlagen?"


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"Ich habe im russischen Polen viel soziales Elend gesehen und auch, wie die Russen mit manchen Polen und ihren eigenen, einfachen Soldaten umgegangen sind. Das hat bei mir das Mitgefühl geweckt. Ich mußte gegen all dies revoltieren. Dort, im russischen Polen sah ich für mich weniger Möglichkeiten, aktiv zu werden. Mein Ziel war Deutschland. Aber wie sollte ich nach Deutschland gelangen? Für eine polnische Jüdin war dies unmöglich. 1889 floh ich unentdeckt über die deutsch-polnische Grenze und gelangte weiter in die Schweiz. 1897 habe ich promoviert als Dr. juris, im übrigen mit cum laude, worauf ich noch heute stolz bin.

Mein Ziel war immer noch Berlin. Um es zu erreichen, habe ich in der Schweiz einen Preußen geheiratet, Gustav Lübeck. Dann siedelte ich, ohne Mann, nach Berlin über und begann meine Arbeit als Redakteurin in verschiedenen sozialdemokratischen Zeitungen."

"Sie sollen so manchen Ärger mit Ihren Genossen gehabt haben. Lag das an Ihnen?"

"Wie man's nimmt. Mir waren viele Genossen zu zahm. Sie hatten keinen richtigen Schwung. Ich gehörte zu den Radikalen. Auch fand ich, daß sie geistig nicht beweglich genug waren. Daß ich dann kein Blatt vor den Mund nahm, wurde mir oft angekreidet."

"Sie landeten mehrmals wegen Ihrer politischen Äußerungen im Gefängnis. Waren das schlimme Zeiten für Sie? Ich habe da einen herzzerreißenden Text gelesen: 'Das Herz krampft sich einem zusammen, wird man Zeuge ihrer (Rosa Luxemburgs) gelegentlichen Schwächezustände.' War es so?"

"Wenn ich daran denke, was es auf der Erde an Scheußlichkeiten gibt, dann waren meine Gefängnisaufenthalte die reinsten Erholungskuren. Die Methoden der GPU, oder die über vierzigjährige Einzelhaft von dem Deutschen Hess in Spandau, übertreffen alle meine Erfahrungen auf diesem Gebiet."


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"Frau Luxemburg, Sie sollen darüber nachgedacht haben, ob Sie Christin werden können. Haben Sie sich damals innerlich entschieden?"

"Als junger Mensch denkt man über alles mögliche nach. Das Christentum wurde davon nicht ausgeschlossen. Aber diese Gedanken fanden keinen Platz mehr, als ich mich ganz und gar dem Sozialismus verschrieben hatte."

"Wie war das mit Ihrer Ehe? Blieb sie bestehen?"

"Sie wurde 1903 geschieden. Es war ja sowieso nur eine Scheinehe."

"Ist es wahr, daß Sie in Berlin beim sozialdemokratischen 'Vorwärts' Redakteurin waren?"

"Ja, ich war aber auch für andere Zeitungen tätig."

"Welche Position in der SPD hat Ihnen am meisten zugesagt?"

"Als Dozentin an der Parteischule. Zuerst war ich gar nicht für diese Idee zu begeistern. Später war ich restlos davon überzeugt, daß wir nur auf diesem Wege eine Elite für die SPD heranziehen können."

"In Ihrer Nähe und in Führungspositionen der SPD fallen mir viele Namen auf, die auf jüdische Träger schließen lassen. War es so, und wie kam es zu dieser Ansammlung von Juden?"

"Das haben Sie richtig erkannt. Vielleicht hat es daran gelegen, daß diese Juden ebensolche Erfahrungen gemacht haben wie ich, also Zeugen von Unterdrückung waren. Andererseits haben wir eine besondere Neigung, uns rhetorisch geschickt auszudrücken. Irgendwer hat mir einmal geschrieben, ich würde die Art eines talmudischen Advokaten haben. Ich glaube schon, daß daran etwas Wahres ist. Außenstehende können dies vielleicht noch besser beurteilen."

"Diese Häufigkeit von führenden Juden hat es später auch in der Sowjetunion gegeben, während der Prozentsatz der handwerklich


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Tätigen sehr gering blieb. Liegt es an der besonderen Neigung der Juden zu bestimmten Aufgaben?"

"Irgendwo muß die Ursache zu finden sein. Ich habe mich nicht weiter damit beschäftigt. Schließlich müssen gewisse wichtige Aufgaben erledigt werden, und jeder strebt nach der, die ihm am besten zusagt. Nun ja, da haben eben unsere Leute eine, wie soll ich sagen?, Marktlücke entdeckt. Will man uns das übelnehmen?"

"Ein Biograph ist empört darüber, daß Sie in den Wirren im Januar 1919, als der Spartakusbund die Macht in Deutschland übernehmen wollte, ermordet wurden und ein Angeklagter nur eine Gefängnisstrafe bekam. Dagegen wurde der zweifache Polizistenmörder Mielke in der DDR sogar Minister. Und der Mörder Stauffenberg, der durch sein Attentat mehrere Menschen ermordete, wird in der BRD bis heute hochgeehrt. Was sagen Sie zu diesen unterschiedlichen Beurteilungen von Morden?"

"Mord bleibt für mich Mord! Egal, wer diese Tat begeht und gegen wen sie gerichtet wird. Solange hierbei Unterschiede gemacht werden, wird die Menschheit nicht zur Ruhe kommen. Es wird immer nur die derzeitige Macht herrschen, ohne Rücksicht auf Gerechtigkeit."

"Während des Ersten Weltkrieges standen Sie laufend mit der Regierung auf Kriegsfuß. Es entstanden der 'Spartakusbund', die USPD und schließlich die KPD. Sie wurden nach Ihrer Ermordung zu einem Mythos der KPD und der Sowjets. Sind Sie mit dem, was Sie in Ihrem Leben erreicht haben, zufrieden?"

"Alles braucht seine Zeit. Man kann als einzelner Mensch die Welt nicht auf den Kopf stellen. Es wird immer nur Stückwerk sein, was man leistet. So gesehen, kann ich zufrieden sein. Ich habe viel dazu beigetragen, was geschehen ist. Aber ich hatte keine Möglichkeit mehr, die Dinge zu lenken. Vielleicht hätte ich es auch gar nicht besser machen können. Heute allerdings bin ich zu der Erkenntnis


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gekommen, daß wir uns wohl alle bei unseren theoretischen Planspielen restlos vergaloppiert haben. Zuviel Theorie kann auch Schaden anrichten. Die Welt hat es an den Beispielen UdSSR und DDR erlebt. Aber dieser Mißerfolg kann uns doch nicht nur die eine Möglichkeit offenlassen, den Weg des Kapitalismus zu gehen. Jetzt frage ich Sie: Was kann man tun?"

"Was halten Sie denn davon, wenn wir einen dritten Weg gehen? Wäre es nicht richtig, den Leuten das Handwerk zu legen, die das Geld als Machtmittel benutzen, um alles, aber auch rücksichtslos alles zu erreichen?"

"Und was schlagen Sie vor?"

"Die Währungsgrundlage jeden Volkes sollte die Arbeitskraft sein. Dann liegt es doch in der Hand jeden Volkes, das aus seinem Leben zu machen, was es sich selber verdient, wenn es fleißig ist!"

"Ja, aber wo bleibt dann die internationale Solidarität? Für die habe ich mich ein Lebenlang eingesetzt!"

"Ob eine vernünftige Idee wohl allein daran scheitern kann, wenn man sich nicht darauf beschränkt, sie in Etappen, also auf nationaler Ebene, durchzuführen versucht?"

"Vielleicht. Aber werden die internationalen Geldsäcke einen solchen Versuch überhaupt zulassen? Da habe ich meine Zweifel."

"Da bin ich absolut Ihrer Ansicht. Wollen wir also weiterhin beobachten, was sich die Erdenbürger so einfallen lassen. Es hat mich sehr gefreut, eine so nette Plauderstunde mit Ihnen verbracht zu haben. Vielen Dank!"

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