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9. Papst Innozenz VIII. (1432 -1492), der Hexenjäger.

"Es fällt mir schwer, die richtige Anrede zu finden. Früher sagte man zu Ihnen 'Heiliger Vater', aber wie halten Sie es jetzt für richtig?"

"Sagen Sie bloß nicht 'Heiliger Vater' zu mir, die Opfer würden mich steinigen, wenn sie die Steine fänden! Mein bürgerlicher Name ist Giovanni Battista Cibo, Cibo ist mein Familienname. Sie können das Monsignore, Mister oder Herr weglassen. Ich wünsche diese schlichte Form, um meine Reue und Demut zu bekunden. Wenn Sie so wollen, gehe ich bezüglich meiner Schuld in Sack und Asche."

"Mister Cibo, meine beiden Freunde hatte ich Ihnen bereits vorgestellt. Ich bin Henry Ford; man nannte mich 'der Automobilkönig'. Wenn wir Sie heute aufsuchen, so werden Sie den besonderen Anlaß vielleicht vermuten?"


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"Ja, ich kann es mir denken. Sie meinen die Bulle, die ich bald, nachdem ich den Stuhl Petri einnahm, am 5. Dezember 1484 erließ, nicht wahr? Ich darf noch hinzufügen: Niemand weiß, ob Petrus je, auch nur symbolisch, auf diesem Stuhl gesessen hat. Es war nur ein Trick, sich als Bischof von Rom einen Vorteil gegenüber allen anderen Bischöfen zu sichern. Der Schachzug gelang, und nun sind alle früher gleichberechtigten Bischöfe Rom unterstellt."

"Bitte, nennen Sie uns den wesentlichen Teil dieser Urkunde und kommentieren Sie!"

"Vorweg möchte ich sagen, daß bereits lange, lange Zeit vor meinem Amtsantritt in christlichen Kreisen die Ansicht vertreten wurde, daß der Teufel seine Macht auf verschiedene Menschen in der Art ausüben könne, daß er sie zu Hexen macht. Wobei die Bereitschaft dazu natürlich von den Menschen selbst eine Rolle spielte. Deshalb wurden schon vor meiner Zeit Menschen zu Hexen erklärt und entsprechend behandelt.

Heute weiß ich, daß der Glaube an Amulette und ähnliche Dinge ein purer Aberglaube war. Und wenn wir alles, was sich im Rahmen des Christentums abspielt, genau betrachten, so hat sich daran überhaupt nichts geändert. Ob es nun das Kreuzschlagen ist, oder das Anrufen der sogenannten 'Heiligen', oder das Anbeten einer hölzernen Figur und vielerlei mehr. Dieser Aberglaube hat sich ja bis heute gehalten. Sogar in den bayerischen Schulen will man das Kruzifix behalten, weil man ihm wohl Wunderkraft zumißt. Jedenfalls waren wir damals von der Existenz des Teufels und der Hexen so sehr überzeugt, daß ich mich für berufen hielt, mich dieses Problems anzunehmen. Deshalb erließ ich, unter Mitwirkung meiner Ratgeber, diese Bulle. Im Volksmund hat man sie die 'Hexenbulle' genannt:

'Es ist Uns in jüngster Zeit zu Ohren gekommen und hat Uns viel Kummer bereitet, daß viele Menschen des einen oder anderen


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Geschlechts sich mit teuflischen Inkubi (Dämonen) und Succubi (Beischläfern) versündigt und, von der Verzauberung entkräftet, Verbrechen und sträfliche Taten begangen haben. Sie haben die Babies vieler Frauen, die Föten von Tieren, die Früchte der Erde, die Trauben im Weinberg, die Obsthaine, die Weideländer und Männer und Frauen und Stuten zugrunde gehen, ersticken und sterben lassen. Sie haben den Männern, den Frauen, den Stuten, den Schafen und anderen Tieren Ungerechtigkeit angetan und sie mit schrecklichen inneren und äußeren Schmerzen gequält.'"

"Ich möchte Sie hier unterbrechen, Signor Cibo. Was hat Sie dazu bewogen, sich in der Praxis dieser Bulle besonders gegen die Frauen einzusetzen, denn sie waren doch in der Hauptsache die Angeklagten und Leidtragenden? Haben Sie jemals engeren Kontakt zu Frauen gehabt? "

"Es ist mir sehr peinlich, diese Frage zu beantworten: Ich hatte eine Geliebte. -"

"Sie machen eine lange Pause, Signor Cibo. Wollen Sie uns eine weitere Erklärung dazu geben? "

"Ich muß es wohl: Aus dieser Verbindung sind zwei Kinder hervorgegangen. Meinen Sohn habe ich mit Magdalena de Medici verheiratet und meine Tochter mit dem päpstlichen Schatzmeister."

"Waren eine Art Reuegefühle bestimmend, so daß Sie die Frauen haßten?"

"Vielleicht, ich weiß es auch nicht. Ich glaubte, für meine Sünden büßen zu müssen, und ich glaubte an die Macht der Dämonen, Teufel und Hexen."

"Drückten Sie vielleicht noch andere 'Sünden'?"

"Ja, ich wollte mein irdisches Leben verlängern, und zwar mit Hilfe einer Bluttransfusion. Dies war nur mit dem Blut anderer Menschen möglich. Es mußten dafür drei Knaben ihr Leben lassen. Ich kann es heute nicht begreifen, wie ich dies habe zulassen


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können. Sie sehen, wie schwach ein Mensch sein kann, wenn es um seinen Vorteil geht."

"Signor Cibo, Sie haben das Schreckliche in sehr schöne Worte gekleidet. Wie sahen nun die Auswirkungen Ihrer Bulle aus? "

"Ich sagte schon, Hexenglaube und Teufelskult waren während des ganzen christlichen Zeitalters lebendig. Insbesondere hielten wir die Frauen für anfällig. Es wurde das Ketzerwesen erforscht und zwangsläufig die Inquisition, das Ketzergericht, eingeführt. Wir haben die Ketzer und Hexen vor Gericht gestellt und sie abgeurteilt. Meistens wurde bei erwiesener Schuld die Todesstrafe verhängt. Diese wurde am häufigsten durch Verbrennen vollzogen, aber auch durch Erhängen und andere Tötungsarten."

"Haben die Gerichte all das nach eigenem Gutdünken unternommen?"

"Das war vor meiner Zeit so üblich. Nach Erlaß der Bulle wurden Richtlinien herausgegeben, wie das Verhör zu führen sei, welche Maßnahmen zur Erforschung der Schuld zu treffen waren, und alsdann wurden Kriterien für das Maß des Urteils festgelegt. Ich hatte besondere Unterstützung durch die beiden Theologie-Gelehrten Jakob Sprenger und Heinrich Institoris, die den 'Hexenhammer1 verfaßten, nach dem die Inquisitionsgerichte ihre Arbeit aufzunehmen und durchzuführen hatten."

"Es gibt Aufzeichnungen darüber, daß Frauen auch dann gefoltert worden sind, wenn sie den Gerichtsherren nicht zuwillen waren. Kennen Sie solche Fälle?"

"Leider ist das vorgekommen. Es waren keine Einzelfälle. Sie sehen, wie schwach die Menschen sein können, wenn sie ... "

"Signor Cibo, Sie sagten es schon. Wie sahen denn die Methoden aus, um an die 'Wahrheit im christlichen Sinne' heranzukommen?"

"Es gab verschiedene Stadien des Verhörs. Wenn sich die verdächtige Person sofort bereiterklärte, die ihr zugesprochene


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Schuld auf sich zu nehmen, kam es nicht zu einem verschärften Verhör. Sie wurde dann verurteilt, und das Urteil wurde vollstreckt. Gestand sie aber nicht, so wurden verschiedene Mittel angewandt, um sie zur Aussage der Wahrheit zu zwingen."

"Sie sprechen von 'Wahrheit'. Sind Sie denn immer noch davon überzeugt, daß die Verdächtigten es tatsächlich mit dem Teufel getrieben hätten und Hexen waren?"

"Nein, nein, das hat natürlich alles nichts mit der Wahrheit zu tun! Es ist ein schlimmer Aberglaube, daß es den Teufel gibt und die Menschen sich mit Hilfe des Teufels zu Hexen verwandeln können."

"Aber die katholische Kirche hat heute noch sogenannte Teufelsaustreiber. Was sagen Sie dazu?"

"Es ist mir unverständlich, daß viele Menschen heute noch diesem schrecklichen Aberglauben anhängen. Es ist besonders schlimm, wenn es Kirchenmänner gibt, die so etwas in der Praxis ausüben. "Wie war das mit den Verhören? Was machte man mit den Leuten?"

"Wenn das Gericht mit der Aussage nicht zufrieden war, wurden die Angeklagten gefoltert. Man tauchte zum Beispiel den Kopf ins Wasser bis die Luft knapp wurde. Das geschah mehrmals. Oder es wurden Späne unter die Fingernägel getrieben. Dann gab es die Daumenschrauben. Es konnte auch der ganze Mensch unter Wasser getaucht werden, mehrmals, bis er reden wollte. Mit glühenden Zangen wurden Aussagen erpreßt. Oder der Delinquent kam auf die Streckbank."

"Haben Sie eine Ahnung, wie viele Menschen man solchen Torturen unterworfen hat und wieviel hingerichtet wurden?"

"Genaue Gesamtzahlen habe ich nicht. Die Zählungen erfolgten in den einzelnen Regionen. Man sprach von neun Millionen, aber ich


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nehme an, daß diese Zahl zu hoch ist. Alles in allem dürften es jedoch einige Millionen gewesen sein."

"Wie wurden die Todesurteile vollstreckt?"

"Die häufigste Art war die der Verbrennung bei lebendigem Leib. Manchmal wurden die Delinquenten auch vorher getötet, erwürgt oder ertränkt, auch mit dem Schwert enthauptet, auch gevierteilt."

"Erlauben Sie, Herr Ford, daß ich eine Frage stelle?"

"Bitte, Mister Schulz!"

"Herr Cibo, ich verstehe gar nicht, wie Sie als gebildeter Mann sich darauf einlassen konnten und es sogar befürworteten, wenn Geständnisse durch die Foltern erzwungen wurden? Jeder Mensch, der schon einmal Schmerzen erlebt hat, weiß doch, daß, wenn sie mutwillig angewandt werden, jeder Gefolterte alles gesteht, was man von ihm verlangt. Wie konnten Sie erwarten, dadurch zur Wahrheit zu gelangen?"

"Wenn ich vorhin richtig gehört habe, kommen Sie, Herr Schulz, aus Deutschland. Um so weniger begreife ich Ihre Frage. Sie erleben doch heute noch in Ihrem Vaterland, daß die sogenannte 'Wahrheit' entweder durch die Folter oder durch Bestechung erreicht wird. Sie haben doch hier Gelegenheit, die Leute, die man in Nürnberg oder sonstwo gefoltert hat, zu befragen. Und was die Bestechung betrifft, so wissen wir schließlich alle, daß bei Ihnen einfach per Gesetz bestimmt werden kann, was 'Wahrheit' ist. Und wer da nicht mitmacht, kommt ins Gefängnis oder wird wirtschaftlich ruiniert. Und diejenigen, die diese Gesetze machen, sitzen in gewisser Weise im selben Boot, denn sie verlieren ihre Privilegien, wenn sie nicht das tun, was man von ihnen verlangt. Ihr ganzes Volk steht doch unter Kuratel!" Henry Ford: "Wo Innozenz VIII. recht hat, Mister Schulz, da hat

er recht! Man lernt doch nie aus. Haben Sie Dank, Mister Cibo!"

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