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12. Dr. Martin Luther (1483 - 1546).

Dr. Martin Luther

Otto Schulz: "Doktor Luther, wer brachte Sie auf den Gedanken, als Mönch ins Kloster zu gehen? "

"Nachdem ich mühelos meine Examina in der Lateinschule in Eisenach absolviert hatte, bestand mein Vater darauf, daß ich in Erfurt Jura studieren sollte. Er hatte es durch viele Entbehrungen und großen Fleiß zum Stadtrat in der kleinen Stadt Mansfeld gebracht. Und er meinte, es könnte für ihn von Vorteil sein, einen Anwalt in der Familie zu haben.

So studierte ich mit großer Freude in Erfurt und bestand als zweitbester Absolvent 1505 das Magisterexamen. Dieses Ereignis wurde in meinem Elternhaus in Mansfeld gebührend gefeiert. Vater, Mutter und meine sechs Geschwister waren sehr stolz auf mich.


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Nach den kurzen Ferien machte ich mich zu Fuß auf den Rückweg nach Erfurt. Es war ein besonders schwül-heißer Juni-Tag. Plötzlich braute sich ein schweres Gewitter zusammen. Ich ging einen Feldweg und war schutzlos dem Unwetter ausgeliefert. Mich überfiel Todesangst, und trotz der Hitze fing ich an zu frieren. Da schoß ein Blitz direkt auf mich zu, und mit ohrenbetäubendem Krach und großer Gewalt wurde ich zu Boden geschleudert. In meiner grenzenlosen Furcht schrie ich auf: 'Hilf mir, heilige Anna! Ich will Mönch werden!' Und Anna, die Patronin der Bergleute, half mir. Durch diesen Hilfeschrei, dachte ich, hatte ich mein Leben gerettet. Aber ich hatte auch gleichzeitig ein Gelübde abgelegt, das ich als rechtlich denkender Mensch halten mußte. An dieser Absicht habe ich nie Zweifel aufkommen lassen. So wurde ich Mönch bei den Augustinern, einem Bettelorden. Mein Vater grollte mir mit wütendem Zorn über Jahre hinaus. Das ist die ganze Geschichte." Otto Schulz: "Hat Ihnen das Klosterleben gefallen?"

"Es war ein hartes Leben. Die Räume waren eng und nicht heizbar. Ich habe alles geduldig ertragen und mich so sehr dem Theologiestudium hingegeben, daß mir zum Grübeln kaum Zeit blieb. Schon in meiner Studentenzeit in Erfurt wurde mein Talent zum Reden entdeckt. Hier, im Kloster, erging es mir ebenso. Deshalb hat man mich nach ein paar Jahren nach Wittenberg geschickt, wo eine Universität gegründet wurde. Ich war als Professor tätig und habe nebenbei in der Kirche gepredigt. Der Kurfürst Friedrich war ein wirtschaftlich denkender Mann. Er hatte die Lehrtätigkeit dem Orden übertragen, so daß er jeder Bezahlung aus dem Wege ging." Otto Schulz: "Wann kamen Ihnen die ersten Zweifel, ob die Kirche das, was sie tat, auch in Ihrem persönlichen Sinn richtig war?"


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"Die Fürsten brauchten immer Geld, weil sie über ihre Verhältnisse lebten. Kurfürst Friedrich kam auf die Idee, ob er das Geschäft mit dem Ablaß, für Geld die Sünden loszuwerden, nicht auch für sich ausnutzen könnte. Er begann Reliquien zu sammeln. Wer sie berührte, dem würden über einen gewissen Zeitraum die Sünden erlassen. Das Berühren allerdings mußte bezahlt werden. Und da die Menschen gewöhnt waren, an alles mögliche zu glauben, glaubten sie auch dies und zahlten." Otto Schulz: "Glaubten Sie ebenfalls daran?"

"Zuerst tat ich es. Sie dürfen nicht vergessen, daß alle Menschen in diesem absoluten Glauben erzogen worden waren. Nach und nach wurde ich selbstkritisch und entdeckte, daß diese widerliche Hascherei nach Freikauf von Sündenstrafen erstunken und erlogen war.

Noch ein Wort zu den 'heiligen' Überbleibseln: Vielleicht hätte ich weiterhin daran geglaubt, wenn mir nicht aufgefallen wäre, daß es so viele Reliquien gar nicht geben konnte. Da gab es Stoffreste der Windeln Jesu, eine Menge Dornen aus seiner Krone, Strohhalme aus der Krippe in Bethlehem, getrocknete Milch aus den Brüsten der Jungfrau Maria, eine große Anzahl von Knochen derjenigen Kinder, die Herodes hatte ermorden lassen und vieles andere. Und außerdem wußte ich auch, daß es an anderen Orten diese Dinge ebenfalls gab. Da konnte also etwas nicht stimmen. Das waren die ersten meiner Zweifel; denn es geschah ja im Namen der Romkirche, die sich vom Kurfürsten die Genehmigung seiner Reliquienschau bezahlen ließ."

Otto Schulz: "Welche Entdeckungen machten Sie außerdem?"

"In Rom herrschte permanenter Geldmangel. Dort hatte man folgende Theorie entwickelt: Jesus war für die Erbsünde Adams und Evas am Kreuz gestorben. Damit wäre aber deren Schuld überbezahlt worden. Die Kirche wollte hier zu einer Regelung


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kommen, um die Menschen an den Verdiensten des Gottessohnes, eben durch seinen Tod, teilnehmen zu lassen. Auch sie sollten von ihren persönlichen Sünden erlöst werden, wenn sie durch Spenden dieses Recht erkauften. So begann der Ablaßhandel ins Uferlose sich auszudehnen, denn überall traten Zwischenhändler auf, die sich daran beteiligen ließen. Und die Menschen fielen darauf herein. Sie bezahlten und rechneten sich aus, wieviel Jahre sie dem Fegefeuer entrinnen könnten, wenn sie der Zahlungsaufforderung nachkamen. Das ging mir bald gegen den Strich." Otto Schulz: "Wie lange hat es gedauert, bis Sie dagegen auftraten?"

"Ich wurde von meinem Augustinerorden bestimmt, einen geistlichen Herrn nach Rom zu begleiten. In meiner tiefen Gläubigkeit war ich sogar an der Nordseite des Lateranpalastes die achtundzwanzig heiligen Stufen hinaufgerutscht und habe jede einzeln geküßt in dem Glauben, damit meine Seele aus dem Fegefeuer erlöst zu haben.

Aber bald sah ich in Rom, welch schwunghafter Handel mit geistigen Ämtern betrieben wurde. Bestechung kirchlicher Dienststellen, Vetternwirtschaft, Klüngel um Pfarrämter, Abteien, Bistümer und sogar mit dem päpstlichen Thron waren an der Tagesordnung. Die Päpste versorgten ihre zahlreichen Kinder mit höchsten Ämtern. Alles versank in undurchdringlicher Korruption. Dort habe ich gesehen, daß alles noch viel ärger war als in Deutschland. In Rom stellte ich fest, daß die ganze Heiligtuerei erstunken und erlogen war. Ich war erschüttert, mit welcher Offenheit in kirchlichen Bereichen die Laster blühten. Und ich war angewidert von der wieseligen Geschäftigkeit der römischen Priester, die so rips raps die Messe lesen konnten, als trieben sie ein Gaukelspiel. Geld spielte die erste Rolle. Die christliche Lehre war Nebensache. Das ganze religiöse Getue war ein geschäftlicher


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Jahrmarkt mit Hurerei und anderen irdischen Auswüchsen. Ich machte mir Gedanken, was dagegen zu tun sei." Otto Schulz: "Wann wurden Sie zuerst aktiv?"

"Als ich wieder in Wittenberg war, habe ich in fünfundneunzig Thesen zusammengefaßt, was man gegen dieses saumäßige Geschäft mit dem Verkauf von Ablässen unternehmen kann. Und daß dieser ganze Schwindel nicht mit der Bibel zu vereinbaren ist, hatten auch andere erkannt. Es war damals üblich, seine Meinung, in allen möglichen Bereichen, auf einem Blatt Papier an der Kirchentür zu befestigen. Das tat ich am 31. Oktober 1517." Otto Schulz: "Und das war der Beginn Ihrer Revolution, nicht wahr?"

"Damit Sie mich nicht mißverstehen: Ich hatte nie vor, eine 'Revolution' im modernen Sinn zu verursachen! Ich hatte lediglich vor, eine Reform ganz bestimmter Ansichten und Gewohnheiten innerhalb der Kirche anzuregen, weil ich mich sicher fühlte, daß dieses von vielen Menschen, die sich noch ein bißchen klares Denken bewahrt hatten, ebenso gesehen wurde. Allerdings berührten meine Predigten auch die soziale Notlage der deutschen Menschen. Aber ich hatte nicht die Absicht, hier den Anstoß zu einer Revolte zu geben."

Otto Schulz: "Sie standen besonders mit dem Ablaßverkäufer Tetzel auf Kriegsfuß. Wissen Sie, daß er ein gesuchter Gauner war?"

"Ja, das war mir bekannt. Er trieb alles auf die Spitze. Er verkaufte sogar für solche Taten einen Ablaß, die erst in der Zukunft begangen werden sollten. Das hat einmal dazu geführt, daß er nach einer seiner einträglichen Ablaßfahrten ausgeraubt wurde. Der Räuber hat ihm dann seinen Ablaßschein vorgezeigt, den er kurz vorher von Tetzel erhalten hatte. Da hat also ein Betrüger den


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anderen reingelegt. Aber als Tetzel auf den Tod lag, habe ich ihm schriftlich Beistand geleistet."

Otto Schulz: "Weil Sie dem Vatikan und allen anderen Verdienern am Geschäft ins Handwerk pfuschten, schlug Ihre Aktion riesige Wellen. Hatten Sie damit gerechnet?"

"Nein, diesen Erfolg hatte ich nicht erwartet. Ich habe dann an verschiedene weltliche und kirchliche Würdenträger meine Schriften geschickt. Ich wurde daraufhin nach Augsburg bestellt, um dort mit einem Abgesandten des Vatikans zu sprechen. Aber man wollte kein Gespräch, sondern lediglich einen Widerruf. Es blieb alles ohne Ergebnis. Die Resonanz in der Welt war allerdings sensationell. Meine Schriften gingen überall hin, und es sprachen nicht nur Fachleute darüber, sondern auch das gemeine Volk. Der ganze Wirbel wurde besonders dadurch angeheizt, weil in den katholischen Ländern die Inquisition ihr Unwesen trieb. Die Dominikaner waren vom Papst als Ketzermeister bestellt, die Scheiterhaufen brannten, und viele einfache Menschen folterte man zu Tode. Es gärte überall. Mich hatte man ganz offiziell in Rom der Ketzerei angeklagt. Meines Lebens war ich nicht mehr sicher. Man wollte mich entfuhren und auch ermorden lassen. Aber es hatten sich tapfere Männer gefunden, die mir Leibwachen stellten, so daß keiner dieser Pläne durchgeführt werden konnte." Otto Schulz: "Vielleicht können wir alles etwas abkürzen? Wie war Ihr Auftreten in Worms?"

"Unter großen Sicherheitsvorkehrungen mußte ich auf Befehl des jungen Kaisers Karl V. nach Worms reisen. Dort stand ich allein vor einer riesigen Versammlung und dem Kaiser und den kirchlichen Würdenträgern. Ich wurde lediglich gefragt, ob diese Schriften, sie lagen ausgebreitet da, von mir wären. Und ob ich widerrufen würde. Meine Antwort mußte dem Kaiser gedolmetscht werden, da er kein Deutsch verstand. Die Schriften habe ich als die


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meinen anerkannt, aber zum Inhalt hatte ich mir Bedenkzeit erbeten, um in einer sorgfältigen, genauen und wohlgesetzten Rede zu formulieren, was ich Kaiser, Papst und dem Reich zu sagen hatte. Sie wurde mir bis auf den nächsten Tag gewährt. Ich habe dann erklärt, daß seine Heiligkeit, der Papst, die Schrift, also Gottes Wort, mißbraucht! Ich leugnete, daß er über der Schrift stehe. Denn meine Gegenargumente konnte ich durch die Heilige Schrift belegen. Auf einen solchen Disput wollte sich aber niemand einlassen. Sie wußten, daß sie den kürzeren ziehen würden. Mir war zu Ohren gekommen, daß der Papst zehntausend Dukaten als Preis ausgesetzt hatte, wenn man mich um die Ecke bringen würde. In Worms kam nichts bei der ganzen Sache heraus. Ich mußte um mein Leben furchten, aber ich hatte Helfer. Am 3. Januar 1521 tat mich Leo X. in den Bann. Der Kaiser hatte auch durchblicken lassen, daß es besser gewesen wäre, wenn man mich ermordet hätte. Auf dem Rückweg von Worms wurde ich von Freunden abgefangen und in die Wartburg gebracht, wo ich als Junker Jörg untertauchen konnte. Zu meinen Freunden gehörten Ulrich von Hütten, Franz von Sikingen, Albrecht Dürer und viele andere. Auch der Bundschuh trat für mich ein; aber diese Leute wollten eine soziale Revolution, für die ich mich nicht berufen fühlte. Andere Freunde schössen über das Ziel hinaus, sie wollten Klöster anstecken und alles vernichten. Das mußte ich ablehnen." Otto Schulz: "Doktor Luther, Sie haben eine Revolution in der christlichen Religion bewirkt. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?"

"Revolution ist ein großes Wort. Ich wollte nicht das verändern, was zum Kern des katholischen Glaubens gehört, sondern Auswüchse, die durch die päpstliche Gewalt- und Vorteilsherrschaft überall das Volk in die Knie zwang.


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Im übrigen ist es doch so, daß man vieles, oder ich möchte sagen, wohl alles anders sieht, wenn man es nach einem großen zeitlichen Abstand betrachtet. So gesehen kann ich sagen, daß es gut ist, wenn man im irdischen Leben in die Hände spuckt und überhaupt etwas tut, als wenn man nur die Hände in den Schoß legt und den lieben Gott einen guten Mann sein läßt. Man muß einfach tun, wozu es einen drängt. Das gehört zum Leben eines Menschen, der instinktiv seine Aufgabe als Individuum ausführt. Ob man später, nach hunderten von Jahren, mit dem Erreichten zufrieden ist, sollte uns heute nicht kritisch oder gar zerknirscht bewegen. Damals war es eben das Menschenmögliche. Damit wollen wir es bewenden lassen."

Otto Schulz: "Aber Sie haben Ihren kritischen Sinn inzwischen nicht verloren, Doktor. Sie nehmen Anteil am weiteren Geschehen auf Erden. Wie sehen Sie heute Ihre damaligen Ansichten und Ihr Wirken?"

"Dazu gäbe es viel zu sagen." Otto Schulz: "Bitte, sagen Sie es!"

"Damals lebte ich im Bannkreis meiner römisch-katholischen Erziehung. Die Religion war durch autoritäre Macht zur selbstverständlichen Grundlage meines ganzen Lebens geworden. Ich war damit restlos ausgefüllt. Alles drehte sich um diesen Glauben. Allerdings spürte ich noch eine andere Bindung: die zu meinem deutschen Volk. Da das Latein die Sprache und die Schrift der Gebildeten und des Klerus war, wollte ich etwas für mein Volk tun. Ich nahm mir vor, begünstigt durch mein Untertauchen auf der Wartburg, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen. Das hielt ich für meine Lebensaufgabe.

Wahrscheinlich hat mir diese Riesenarbeit, denn ich mußte mich nicht allein mit Latein, sondern auch mit dem griechischen und hebräischen Text herumschlagen, um mir von möglichen Kritikern


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keine Leichtfertigkeit nachsagen zu lassen, meinen Sinn für Kritik getrübt. Ich war einfach nicht fähig, darüber nachzudenken, ob die Grundlage eines 'Wort Gottes' überhaupt vorhanden war. Die Glaubenslehre stand für mich so felsenfest, daß jeder andere mögliche Gedanke ausgeschaltet wurde. Nur so kann ich mir die Lage von damals erklären.

Im übrigen können Sie solche Auswirkungen einer strengen Erziehung auch heute noch auf der Erde beobachten. Wer an Scheuklappen von Kindheit an gewöhnt ist, kann kaum einen Blick über den Tellerrand hinaus werfen."

Otto Schulz: "Wie sehen Sie heute die Grundlagen des christlichen Glaubens, Doktor?"

"Nüchterner und eben ohne Scheuklappen. 'Gott' ist heute für mich ein imaginärer Begriff. Es gab auf der Erde nicht nur das Land, in dem Mose lebte. Aber dort ist das sogenannte 'Wort Gottes' entstanden. Beileibe nicht durch Inspiration oder etwa durch Verehrung 'Gottes', sondern einzig und allein, um das politisch zu führende Volk an der Kandare zu halten, es Mose gefügig zu machen.

Wir sind auf noch etwas hereingefallen, und ich habe es viel zu spät entdeckt: Die damals aus Zweckmäßigkeit angewandte Herausstellung eines Volkes vor allen anderen, haben wir selber in blindem Eifer gefördert. Die Folgen bekommen die Menschen bis in die heutige Zeit zu spüren. Ursprung ist ein primitiver Stammesglaube, raffiniert ausgeschlachtet zum Vorteil dieses einen kleinen Stammes. Und mit der Behauptung, von 'Gott' auserwählt worden zu sein, macht man sich alle anderen Völker Untertan. Das ist ein großes Unrecht. Und ist es nicht eine Anmaßung, einen 'Gott' in seine Pflicht zu nehmen, wie es in der Bibel, besonders im Alten Testament, über den ganzen Text hinweg geschieht?


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Es gibt nun einmal Dinge, für die unser menschlicher Verstand wie ein Ochse vor einem Scheunentor steht. Lassen wir dies Unerklärbare so wie es ist. Wir sollten uns nicht anmaßen das zu tun, was uns die Juden vorgemacht haben: Den unbekannten 'Gott' in feste Formen zu zwingen! Ich glaube, wenn die Menschen auf der Erde das tun, was ihnen von Natur aus eingegeben ist, nämlich genügsam zu leben, die Natur zu schützen und sie nicht auszubeuten, dann wäre das wert, ein solches Leben mit 'Religion', mit 'Rückversicherung', zu bezeichnen.

Zu diesem wichtigsten Punkt steht die Bibel in krassestem Gegensatz zu den Naturgesetzen. Wie kann ein 'Gott' den von ihm geschaffenen Menschen empfehlen, seine Schöpfung, Tiere und Pflanzen, wieder zu vernichten. Das ist der Beweis für menschlichen Wahnsinn und Unverantwortlichkeit! Dort, in der Bibel, kann man nämlich lesen, daß der Mensch, also die Juden, sich die Erde Untertan machen soll. Damit wird die Selbstüberschätzung des Menschen auf die Spitze getrieben. Was dabei zu befürchten ist, mahnen bereits einige Menschen an, die noch auf der Erde leben."

Otto Schulz: "Sie haben in Ihren Schriften viel über die Juden geschimpft. Würden Sie es heute auch noch tun?"

"Ich möchte Ihre Frage mit einer Gegenfrage beantworten: Haben sich die Juden geändert? Kehren sie nicht immer wieder heraus, das auserwählte Volk zu sein? Sollte sich diese Einstellung geändert haben, so nehme ich reumütig alles zurück, was ich an beleidigenden Worten gesagt habe. Im übrigen habe ich diese Möglichkeit schon zu meinen Lebzeiten geäußert." Otto Schulz: "Auf der Wartburg befindet sich in Ihrem damaligen Zimmer ein großer Fleck an der Wand. Man erzählt, Sie hätten mit Ihrem Tintenfaß nach dem Teufel geworfen. Stimmt dies?"


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"Man hat auch erzählt, ich wäre ermordet worden. Und es war nur ein Gerücht. Wer mich gekannt hat, der weiß, daß ich auch schon mal aus der Haut fahren konnte. Da habe ich eben mal das Tintenfaß genommen und es gegen die Wand geknallt. Danach ging es mir wieder besser. Wohlmeinende Leute haben daraus das Märchen mit dem Teufel gemacht, weil sie mir Wutausbrüche nicht zutrauten."

Otto Schulz: "In Hamburg gibt es eine Bischöfin, Maria Jespen, die anregt, alle Stellen im Text der Bibel zu streichen, in denen die Juden in keinem günstigen Licht stehen. Was sagen Sie dazu?"

"Keine schlechte Idee! Sie müßte zwangsläufig die ganze Bibel auf den Abfallhaufen werfen. Vielleicht ist dies ihr erster Schritt, sich auf die Pflichten der Menschen zu besinnen, alles zu tun, um die Geschenke der Natur zu bewahren."

"Doktor Luther, diese Überraschungen hatten wir wirklich nicht erwartet. Wir hoffen, bald noch mehr von Ihnen zu hören!

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