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13. Esther (ca. 450 v.d.Z.), Königin von Persien, und das

Purimfest.

Esther

Henry Ford: "Königin Esther, Sie haben laut Bibel in der Babylonischen Gefangenschaft eine unwahrscheinliche Karriere gemacht. War für Sie diese Zeit schrecklich oder schön?"

"Was soll ich darauf antworten? Das ist doch eine ganz dumme Frage."

Ford: "Dann erzählen Sie uns bitte, wie sich alles entwickelt hat."

"Ich wurde in der Gefangenschaft geboren. Meine Eltern starben früh, und ich kam als Kind zu meinem Onkel Mardochai. Ich habe bei ihm weder Not noch sonst etwas Schlimmes erlebt. Er hat sich sehr um mein Wohl bemüht."


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Ford: "Wie war es möglich, daß Sie als jüdisches Mädchen die Frau des persischen Königs werden konnten?"

"Mein Onkel Mardochai empfand eine große Wut auf die Perser. Er hat mir immer wieder eingetrichtert, daß wir Juden uns an den Persern rächen müßten. Er steigerte sich dabei in die unmöglichsten Vorstellungen. Am liebsten hätte er selbst die Herrschaft über die Perser übernommen. Aber ich hielt dies natürlich für ein Hirngespinste"

Ford: "Hatte Ihr Onkel denn einen Grund, die Perser so zu hassen? Wurde er vielleicht zur Zwangsarbeit befohlen?"

"Keineswegs! Von Zwangsarbeit habe ich nie etwas gehört. Meinem Onkel ging es eigentlich sehr gut. Er hatte immerhin eine Stellung am königlichen Hof in Susa. Und trotzdem hat er ständig auf mich eingeredet, die Rache an den Persern nicht aus den Augen zu verlieren."

Ford: "Wie war denn Ihre persönliche Einstellung zu den Persern?"

"Ich empfand keinen Unterschied zwischen uns Juden und den Persern. Wir wollten zwar für uns bleiben und lebten auch nicht mit den Einheimischen zusammen, aber sonst habe ich mich mit den Leuten gut vertragen."

Ford: "Hatten Sie denn gar keinen Kontakt zur persischen Bevölkerung? "

"Doch, ganz zufällig traf ich einen der zehn Söhne von Haman, der bei Hofe der höchste Würdenträger und ein enger Vertrauter des Königs war. Mit Arisai, das war der achte Sohn Hamans, habe ich mich sehr gut verstanden. Wir waren in einander verliebt. Er wollte uns Juden helfen, falls wir Hilfe brauchen sollten. Aber uns ging es ja gut. Wir brauchten also keine Hilfe. Arisai und ich hatten sogar davon gesprochen, vielleicht fürs Leben beisammen zu bleiben. Aber als mein Onkel davon erfuhr, gab es einen Heidenkrach."


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Ford: "Wie kam denn Ihr Onkel auf Ihr Verhältnis zu Arisai?"

"Es war die Königin Vasthi vom König verstoßen worden. Der König suchte nun eine neue Frau, die er zur Königin machen wollte. Aus ganz Persien und allen anderen Ländern sollten sich die schönsten Jungfrauen in Susa als Kandidatinnen im Palast melden, um dort ein Jahr lang geprüft zu werden, ob sie wert seien, dem König vorgestellt zu werden. Und da kam mein Onkel auf die eigentlich verrückte Idee, mich als Königin-Aspirantin anzumelden. Da habe ich ihm gestanden, daß ich keine Jungfrau mehr bin und der König dies sicher merken würde. Mein Onkel brauste zwar heftig auf, aber seinen Plan ließ er nicht fallen. Eine Hebamme mußte mir die Kniffe beibringen, die notwendig sind, um einen Ehemann hinters Licht zu führen. Ich wurde also im Palast angemeldet und auch aufgenommen. Mein Onkel hatte nämlich den Hüter des Frauenhauses, Hathachi, in einer Sache fest im Griff, so daß der alles tun mußte, um nichts auffliegen zu lassen." Ford: "War denn Ihr Name nicht bekannt?"

"Ach ja, da hatte mein Onkel schon vorgesorgt. Ich hatte ursprünglich den jüdischen Namen Hadassa. Als ich ins Schloß kam, hieß ich von nun an Esther. Es hat dann ein Jahr gedauert, bis ich vor den König treten konnte. In der Zeit habe ich soviel gelernt, daß es mir nicht schwerfiel, diese Hürde zu nehmen. Ich wurde Königin, und ich war sogar glücklich, und der König liebte mich abgöttisch.

Aber mein Onkel hatte nur das eine große Ziel im Auge: Ich mußte darauf bedacht sein, eine Gelegenheit zu finden, den Persern zu schaden, möglichst so, daß es ein großer Schlag wird." Ford: "Wie haben Sie diese Möglichkeit dann gefunden?"

"Mein Onkel war der Ideengeber, und ich hatte mich ganz seinen Vorstellungen anzupassen. Mit seinen Freunden, ebenfalls Juden, war er immer auf der Suche nach günstigen Möglichkeiten. Er fand


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sie dann, als Haman dem König vorschlug, die Juden in ihre Heimat zurückzuschicken. Falls sie aber bleiben wollten, sollten sie sich nicht weiterhin abkapseln, sondern mit den Persern vermischen. Und diese Vermischung wollten mein Onkel und seihe Freunde um jeden Preis verhindern. Auch ich war von diesen Grundgedanken überzeugt."

Ford: "Ich darf Sie unterbrechen: Was Ihr Onkel und seine Freunde betrieben, muß man doch mit Rassismus bezeichnen, nicht wahr?"

"Ja, natürlich, wir bestreiten das ja auch gar nicht. Aber das spielte eigentlich keine Rolle. Mein Onkel sah eine willkommene Gelegenheit, den Aufruf des Fürsten Haman inhaltlich so zu verfälschen, daß man ihm daraus einen Strick drehen konnte. Es war dies das sogenannte 'Susa-Protokoll'. Darin wurde Haman beschuldigt, die Juden 'vernichten' zu wollen. Und da ich dem König bereits gestanden hatte, eine geborene Jüdin zu sein, sollte angeblich auch ich, jetzt seine geliebte Königin, umgebracht werden. Das war dem König zuviel." Ford: "Waren Sie über die Lage immer unterrichtet?"

"Ja, mein Onkel war täglich auf Schleichwegen zu mir gekommen und gab mir ständig Anweisungen, wie ich mich zu verhalten und was ich zu tun hatte.

Mein Onkel hatte vorher schon auf geschickte Weise dafür gesorgt, sich beim König einen Namen zu machen. Er hatte zwei persische Soldaten beschuldigt, den König ermorden zu wollen. Dieses vorgetäuschte Attentat kostete den Soldaten das Leben und schenkte meinem Onkel das uneingeschränkte Vertrauen des Königs.

Danach wurde mir aufgetragen, ein Fest zu veranstalten und den Fürsten Haman dazu einzuladen. Bei dieser Gelegenheit sollte ich vortäuschen, daß Haman mir ans Leben wollte. Das tat ich. Der


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König war so entsetzt, daß er mir jeden Wunsch erfüllen wollte. Mein Onkel sah alles voraus und hatte mich beschworen, ich solle Hamans Leben fordern. Auch das tat ich. Haman wurde noch am selben Abend im Garten des Königs aufgehängt. Auf Onkel Mardochais Wunsch sollte ich vom König auch ein Gesetz fordern, das meinem Onkel die Möglichkeit bot, selber Gesetze zu erlassen. Alles erfüllte mir der König. Durch dieses neue Gesetz wurde meinem Onkel die Möglichkeit geboten, eine über das ganze Land ausgeklügelte Mordaktion zu organisieren, bei der diejenigen Perser umgebracht werden sollten, die ihm als zu treue Untertanen des Königs erschienen. Der König ließ alles geschehen. Er hatte sich nicht mehr unter Kontrolle; vielleicht durch zu viel Alkoholgenuß. Das Volk spürte immer mehr die Macht der Juden und hatte Angst vor ihnen, so daß viele Perser Juden werden wollten und es auch wurden. Alle Leute hatten Angst vor uns. Dies machte sich mein Onkel zu Nutzen und sorgte dafür, daß sogar viele Perser sich daran beteiligten, ihre eingenen Landsleute zu ermorden." Ford: "Wieviel Perser wurden denn ermordet?"

"In drei Tagen wurden über 75 800 Menschen umgebracht. Mein Onkel war so glücklich darüber, daß er zum Gedenken an dieses freudige Ereignis das Purimfest für alle Zeiten bestimmt hat." Ford: "Was wurde eigentlich aus Ihrem Freund Arisai?"

"Den und seine neun Brüder habe ich vor dem Palast und vor den Augen des Königs ebenfalls aufhängen lassen." Ford: "Waren Sie denn zu einer solchen Gefühlskälte fähig?"

"Was heißt Gefühlskälte? Ich war im Laufe der Zeit so sehr unter den Einfluß der Gefühle meines Onkels und seiner Freunde geraten, daß ich gar nichts mehr für andere Menschen empfand.


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Einzig und allein mein jüdisches Volk spielte in meinem Herzen

eine Rolle."

Ford: "Haben Sie denn ein Herz?"

" ......."

***


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